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Nr. <2| Zweites Blatt
Männer und Programme.
I Von unserem E. ^.-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten?
London, Mai 1929.
Auch in England wird den Parteien ihr Pro- )nmm in wesentlichen Teilen von den Verhältnissen iilfgezwungen, obwohl hier die Unabhängigkeit von .iDangsläufigen Nachkriegserscheinungen bereits nieder beträchtlich größer ist, als das in den ton- 1-.entölen Staaten mit den viel größeren direkten mcgsauswirkungcn und den ungleich geringeren »tfaltungsmöglichkeiteu der Fall fein kann. Daraus •r lart sich, daß die Parteiprogramme sich alle um )ci gleichen Zentralpunkt gruppieren: die Be- c i t i g u n g der Arbeitslosigkeit. Die cnjerDotiocn als herrschende Partei hätten viel 'er ein anderes Lockmittel ausgesucht, denn für ic ist die Arbeitslosigkeit wahltechnisch nicht zu ver. »arten. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sie •itr der ganzen Linie in die Defensive gedrängt sind, lö -der den liberalen Flugschriften — die man sich pctcr in Deutschland etwas genauer ansehen sollte, rn namentlich die beiden Schriften „Wir können he Arbeitslosigkeit überwinden" und „Lloyd Ge- irfle kann es vollbringen" sind in Inhalt und Fas» unfl Meisterwerke und ein Beweis dafür, mit welch ilisgezeichneter Wirkung trotz sehr bescheidener An- ve ndung parteidemagogischer Mittel eine Sache ver- freien werden kann — noch der arbeiterparteilichen Ausbeutung der nackten Zahlen haben die Konser- rntioen irgend etwas Gleichwertiges entgegenzu- .'Nen. Die Konservativen werden in erster Linie an !cr Arbeitslosigkeit scheitern, die Arbeiterpartei '.'raussichtlich in gleichem Verhältnis gewinnen, während die Liberalen ein gut Teil der möglichen gewinne gerade auf diesem Gebiete nur ihrer eige- ,n Geschicklichkeit zuschreiben dürfen. Neben dieser dies beherrschenden Frage spielen alle anderen Par- sifunftc eine geringere Rolle, um so mehr, als sie iir«kt oder indirekt zu einem erheblichen Teil mit icr Arbeitslosigkeit verknüpft sind.
Die Konservativen haben erst in diesen 2(i«cn mit der für die Wirksamkeit unerläßlichen Einfachheit und Kürze ihr Programm dargelegt. :d)t Hauptstück ist der Ausbau desbritischen L c l t r e i ch e s und auf diesem Wege nicht nur Verminderung der Arbeitslosigkeit — durch Abänderung britischer Arbeiter —, sondern allgemeine Riixberung der britischen Wirtschaft. Hier wird der eLanke, der für die künftige Entwicklung der Welt- jolitif so bedeutsam ist, klar herausgearbeitet: erst tes britische Weltreich, dann die Welt im allge- netiten. An sich könnte das selbstverständlich er- Ijeincn, aber bei näherem Zusehen ergibt sich, daß ic Konservativen mit diesem Wort ihre politische glaubenslehre niedergelegt haben. Sie wollen die wirtschaftliche, politische und handelstechnische, Zu- »timennrbeit mit der übrigen Welt, aber der Aus- oit des Weltreichs erscheint ihnen weit wichtiger. Üiesc Einstellung bestimmt das Tempo der konser- ratioen Politik in allen weltwirtschaftlichen und welt- Kliüschen Fragen, und aus ihr ergibt sich folgend); P eine zweite wichtige Erscheinung: die Konser- tetioen werden in dem als von überragender Be-
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Oper und Zeitströmung
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der „Ca- sich hier Problem
Von Pietro Mascagni.
Der berühmte Komponist valleria Rusticana“ äußert
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cutung erkannten Ausbau des Weltreichs olle ihnen .■eignet erscheinenden Mittel anwenden in Form 13 innerstaatlichen Handelsausgleichs durck) gegen- ctige Darzugsbehandlung und durch Aufrichtung rb Verstärkung der Schutzmauern aller Teile des !c »reiches gegenüber der übrigen Welt. In Süd- Jrcia hoben wir erst türxlid) ein eindrucksvolles Bei- fie=( dieser Grundeinstellung zu verzeichnen gehabt. Pis fid) diese Politik auswirken wird, ist schwer zu :gcn. Es ist nicht ohne weiteres anzunehmen, daß iu einer Drosselung der Absatzmöglichkeiten der itrigen Welt führt, da jede innere Stärkung der tngelnen Glieder des Weltreichs zu einem erheb- dien Teil auch der nichtbritisd;en Welt wieder zu- pta kommen würde. Anders liegen die Dinge in vnplanb selbst, wo die Verstärkung der Schutzzölle pniiittelbare und schwerwiegende Rückwirkungen
5>ic Oper hat ausgespielt, meinen viele Leute: Itoc brauchen eine Musikform, die sich den ver- iwdrrten Lebensbedingungen anpaht und die wach- sseibe Bedeutung der Technik, moderne Ideen, Mankenrichtungen und Wünsche zum Ausdruck Btiitgt. Einige Komponisten glauben all das so- Iflir in Opernform bringen zu können.
Das Wesen der Oper ist jedoch höherer Art. Neinals hat sich dramatische Opernkunst so weit ntni-ebrigt — und sie wird sich auch nicht so weit «bicdrigen —. an die Instinkte und Triebe der
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der Oper in unserer Gegenwart.
(3m Lause meines Lebens habe ich cs auf vier- | opern gebracht. Die vierzehnte wird aber dalhrscheinlich die letzte sein, da ich jedenfalls rreäufig das Komponieren aufgesteckt habe. Nicht, lag mir die musikalischen Einfalle fehlten — ich tecnag nur keinen rechten Grund für die Fo-rt- fitjmng meiner Tätigkeit zu erblicken. Don meinen icenzehn Arbeiten hat nur eine, „Cavalleria Rusti- an a“ Wcltruhm erlangt. Die anderen kennt das ju-blifum kaum dem Damen nach, obwohl nach „einem Geschmack einige von ihnen mindestens imfo gut sind, wie „Cavalleria Rusticana“.
Sic Welt scheint sich geändert zu haben, und dc Menschen mit ihr. Die furchtbaren Katastro- Iben des Weltkriegs lenkten die öffentliche Aus. leaksamkeit in andere Dichtungen. Die Oper fcckf)toinbet mit der älteren Generation, die nw Zeit liebt nur leichte Musik.
Sic ziemlich allgemeine Interesselosigkeit an Oit er Opernmusik hat ihren guten Grund. Die Lo-cr bietet ernste Freuden, Freuden des Her- ®n s, und heutzutage verbirgt man sein Herz mb vermeidet ängstlich jede Möglichkeit, an das ^0 chandensein Bieter kleinen menschlichen Schwäche einnert zu werden. Man sucht den Dervenkitzel uib nicht den Kunstgenuh. Man stürzt sich in l|Oe, maßlose Vergnügungen und Sensationen, du Nerven und Arbeitskraft zerstören. „Dach uns dr Sintflut!“ ist der allgemeine Wahlspruch: als 0' selbst der Weltuntergang die wahnsinnige 9iet nach billigen Genüssen und allen denkbaren Regungen rechtfertigen könnte! Auch die Musik 'is ton der allgemeinen Sensationslust angesteckt: |b ist deshalb mechanisch-verstandesmäßig ge- ■.tioeben und nicht mehr intuitiv-gefühlsmäßig, :hnm kann sie auch nicht zu Herzen gehen.
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
auch für die deutsche Ausfuhrindustrie haben müßte. Der Ausbau des inneren Transportwesens, Eisen- bahnen wie Straßennetz, Rationalisierung des Kohlenbergbaues, Ausbau des Gesundheitswesens durch Beseitigung des Wohnungselends, Verstärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes und Ausbau der Penfions- und Altersversicherung sind weitere wesentliche innerpolitische Programmpunkte. Sie allein aber werden die Wahlen entscheiden, und die außenpolitische Defensivstellung werden die Konservativen mit geringen Verlusten halten können, nadjbem sie in der Flottenabrüstungsfrage und durch die letzte Entwicklung der Pariser Reparationsoerhandlungen so willkommene Unterstützung erhalten haben. Nur die Lölkerbundspolitik wird sie wahrscheinlich einige Stimmen kosten, nachdem Lord Cecil, der als langjähriger englischer Hauptdelegierter mit Autorität sprechen und sich gegenseitig auch auf eine über jeden Zweifel erhabene konservative Einstellung berufen kann, öffentlich feststellte, daß er allen wahren Freunden der Völkerbundsidee nicht empfehlen könne, konservativ zu wählen.
Das liberale Wahlprogramm hat nickst nur durch die Arbeitslosenfrage enge Berührungspunkte mit dem konservativen, sondern es ist, was man im einzelnen immer dagegen sagen mag, in dem entscheidenden grundsätzlichen Punkt identisch: die Liberalen sind auch unter Lloyd George unbedingt antisozialistisch und nach der Austragung dieses Wahlkampfes wird diese Tatsache wahrscheinlich auch wieder stärker in den Vordergrund treten. Die wahltaktische Ausbeutung der Arbeitslosigkeit ge- schicht, wie schon betont, auf liberaler Seite mit solcher Ueberlegenheit, daß auch die konservativen Minister in ihren Gegenschriften nichts auszurichten vermögen. Auf diesem Gebiete ist der Kampf für die Konservativen verloren, aber — eine Ironie dieses Wahlkampfes — für die Liberalen nicht gewonnen. Sie kämpfen, und die 2lrbeiterpar- t e i wird ernten. Die Festigung und Stärkung des britischen Weltreichs ist auch das Ziel der Liberalen, aber in ihren Wegen unterscheiden sie sich grundsätzlich von den Konservativen. Sie sind die traditionellen Vorkämpfer des Freihandels und glauben, daß gerade heute zu Beginn des weltwirtschaftlichen Wiederaufbaues nur Freihandel zu jenem Stand allgemeiner Weltwohlfahrt führen kann, der für alle Teile der Welt unerläßlich ist. Sie weisen im einzelnen nach, daß die konservative Behauptung unrichtig ist, wonach alle geschützten britischen Industriezweige prosperieren, während wichtige ungeschützte Teile (Eisen und Stahl, Baumwolle) darniederliegen. Sie glauben aber vor allem, daß die Llufrecksterhaltung des Grundsatzes des Freihandels sck)on deshalb unerläßlich ist, weil nur im scharfen internationalen Wettbewerb — der ja auf vielen Gebieten bereits zu einer weitgehenden Zusammenarbeit geführt hat und weiterhin führen muß — jene Modernisierung und Auffrischung wichtiger britischer Industriezweige erwartet werden kann, ohne die alle Unterstützungen etwa für den Kohlenbergbau Palliativmittel bleiben müssen. Aenderun- gen der Steuerpolitik sind andere zugkräftige Propagandamittel. Hier werden außenpolitische Fragen berührt, da diese Steuererleichterungen in erster Linie durch Einschränkung aller unproduktiven Ausgaben, Verminderung der Rüstungen auf Grund internationaler Abkommen und daneben durch zweckmäßigere Neuverteilung erreicht werden sollen. Auf rein außenpolitischem Gebiet wäre gegen das liberale Programm nicht viel einzuwenden: es tritt für tatkräftige Förderung und Stützung des Völkerbundes ein, allgemeine Abrüstung, Unterzeichnung der Schiedsgerichtsklausel des Hagger Gerichtshofs, Ratifikation des Washingtoner Arbeitszestadkornrnens u.a.m. So sehr alle diese Ziele an sich zu begrüßen sind, so wenig wird man vom deutschen Standpunkt aus übersehen können, daß Lloyd George Englands Vertreter auf der unseligen Friedenskonferenz war, daß die mit überzeugenden Worten vertretene Forderung der Rheinlandräumung nur innerpolitische Taktik ist, und daß die liberalen Taten vor, während und nach
Masse zu appellieren oder den Wünschen des Publikums nach grotesker Verzerrung entgegenzukommen. Im Gegenteil, die Oper wendet sich gn das Tiefste und Beste der menschlichen Seite. Glück, Trauer, Leidenschaft, Liebe sollen ihren Widerhall im Menschenherzen finden, hier entfaltet sie die Blüte ihrer Kunst, die nie und nimmer von Gehirnprodukten wie Iazz und Gassenhauer erreicht werden kann.
Soll die Oper Gelegenheit haben, ihre eigentliche Bestimmung zu erfüllen, so müßte heute auch für sie ..Deklame“ gemacht werden. Lind wenn man auch die jetzt beliebte marktschreierische Anpreisung grundsätzlich ablehnt, so wäre viel- leicht doch ab und zu ein geschickter Hinweis auf Otzernaufführungen angebracht. Sicher muß die Oper hier mit ganz anderen Mitteln arbeiten als Iazz und Revue. Es gibt heute nicht mehr die kunstbegeisterte Lugend, die auf die leiseste Anregung schwungvoll zeichnet, und keine Direktoren. die freudig und erfolgreich Oper und gute Musik in der ganzen Welt verbreiten und fördern: sie sind alt geworden oder gestorben. Ihre Dachfolger haben keinen Sinn für wahre Musik: es sind Geschäftsleute, deren einziges Ziel es ist, so schnell wie möglich ein Vermögen zir machen. Von diesem Standpunkt aus mag freilich Iazz- und Schlagermusik als Massenware einbringender erscheinen.
Trotz alledem wird es sich vielleicht doch bald zeigen, daß die Oper sich noch nicht so überlebt hat, wie manche glauben. Selten in der Geschichte finden wir so viele Musikliebhaber unter den Staatslenkern wie heute. Als glänzendes Beispiel kann Benito Mussolini dienen, der Oper und Musik sehr liebt und jede Gelegenheit benutzt, um durch Wort und Tat wahre Musikkunst zu fördern. Mussolini, auf dessen Freundschaft ich stolz bin, spielt selbst Violine, aber nur für sich allein: so ost ich ihn auch gebeten habe, nie konnte ich ihn dazu bewegen, mich einmal seinem Spiel zuhören zu lassen. Er weicht meiner Bitte stets mit freundlichem Lächeln aus. „Aber was für eine Idee!“, meint er dann, „nein, ich spiele selbst Freunden nichts vor.“
Unter den französischen Staatsmännern haben wir einen Musikfreund in Edouard H e r r i 0 t. Dor einigen Monaten erst unternahm Herriot eine Reise nach Berlin und Wien zu dem einzigen Zweck, Material für sein Buch über Beethoven zu sammeln. Er versäumt keine Gelegenheit, einer guten Opernaufführung beizuwohnen, und hat mich oft gebeten, ein italienisches Gast- spielensemble zur Inszenierung einiger Opern nach Frankreich zu Bringen.
dem Kriege in einem schmerzlichen Kontrast zu ihren gutklingenden theoretischen Forderungen standen.
Die Arbeiterpartei hat den ungleich leichtesten Stand. Sie weist darauf hin, daß die Arbeitslosigkeit um 100 000 Personen höher ist, als nach dem Abgang der ersten arbeiterparteilichen Regierung. Sie greift mit stärkerer Wirksamkeit als die Liberalen die konservative Innen- und Außenpolitik nahezu auf der ganzen Linie an. Die Notlage im Kohlenbergbau, Nichtratifizierung des Acht- stundenabkommens, Steuererleichterungen für die Industriegruppen, die es nach ihrer Ansicht am wenigen verdienen, sind neben der Arbeitslosigkeit die wichtigsten Punkte. Außenpolitisch fordert die Partei als einzige stärkste 2lktivität im Interesse des internationalen Ausgleichs, der Abrüstung, wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Beseitigung aller Gefahrenherde, namentlich in (Europa. Alles in allem ein Programm, das sich sehen lassen kann, aber den bewußt im Hintergrund gehaltenen Nachteil besitzt, daß es in der Praxis in der Durchführung sozialistischer Lieblingsideen ausmünden müßte. Vorläufig ist die Frontstellung bewußt etwa die, daß die Arbeiterpartei als „Partei des Fortschritts" gegen die Konservativen als „Partei des Rückstands" kämpft.
Neben diesen drei Parteien spielen die kleinen Gruppen überhaupt feine ins Gewicht fallende Rolle. Die Arbeiterpartei ist ja, entgegen manchen Voraussagen, geschlossen in diesen Kampf gegangen, und ihr unabhängiger Flügel hat sich damit abge» funden, in einer Reihe von Bezirken Kandidaten nach ihrem Geschmack zu erhalten. Das gleiche gilt von den Liberalen, die Lloyd George folgen, weil sie Parteidisziplin genug besitzen. Die K 0 mmu - n i ft c n haben 30 Kandidaten aufgestellt, gegen 50, die ursprünglich geplant waren, und sie haben alle Aussicht, in allen Fällen durchzufallen. Welch ein Unsinn, angesichts der 5000 eingeschriebenen Mitglieder der Partei und einer Gesamtbewegung, die nicht einmal die Hoffnung hat, sich durchzusetzen, von einer kommunistischen Gefahr in England zu sprechen! Selbst in der Arbeiterpartei heben sich die radikaleren Elemente nur deshalb stärker ab, west das Gros der Partei sich langsam, aber sicher verbürgerlicht. So geht die Entwicklung, nicht umgekehrt.
Die engen Berührungspunkte der verschiedenen Parteiprogramme werden verwischt durch die Personen, die sie vortragen. Wenn Baldwin, Lloyd George und Macdonald vor einer Wahlversammlung etwa das gleiche sagen würden, so wäre die Aufnahme doch eine ganz verschiedene. Der hinter dem Programm stehende Mann zählt in England eben immer noch sehr stark mit. Dem personellen Nachwuchs der einzelnen Parteien wird deshalb überall besondere Sorgfalt gewidmet. Keine Partei wird auf längere Sicht durch Programme gewinnen oder sich halten können, sondern die Männer sind es, die vorläufig noch die Schicksale Englands bestimmen. Baldwin, Lloyd George und Macdonald, alle drei sind in ihrer Art zweifellos starke Persönlichkeiten, die auf allerdings ganz verschiedenen Gebieten besondere Qualitäten besitzen. Daher die dem ausländischen Beobachter immer wieder auffallende Erscheinung: jede Partei hat im Grunde zwei Programme: das eine wird von beit Parteihauptquar- tieren ausgearbeitet, das andere durch den Parteiführer selbst verkörpert. Die Wirksamkeit des ersten ist ohne die Ergänzung durch das zweite fast undenkbar.
Koloniaisiaai Norwegen.
In den letzten Iahren versucht Dorwegen sich die Stützpunkte seines ausgedehnten Walfischsanges in den Polargebieten politisch anzugliedern. Da es sich um fast ganz unbewohnte, von keinem Staate beanspruchte Inseln handelt, geht diese Machterweiterung Dorwegens ohne Schwierigkeiten vor sich. Das bedeutendste norwegische Debenland bildet die Inselgruppe Spitzbergen im Nördlichen Eismeer, deren
Kürzlich folgte ich nun der Einladung eines Pariser Impresarios, der mich jahrelang gedrängt hatte und von dem mir alle Freunde nur Gutes erzählten. Als ich mir in Paris den Schaden besah, fand ich heraus, daß der arme Kerl keine Ahnung hatte, was eine Operntournee eigentlich bedeutete! Natürlich ist man kein Impresario, man mag noch so gute Absichten haben, wenn man nicht weiß, wie eine Oper technisch aufzuziehen ist, und wenn man seinen Dirigenten, wie cs mir in Paris geschah, in ein Singspieltheater fuhrt, dessen Chor drei Tage vor der Premiere noch gar nicht weih, was er fingen soll! Da der Chor am Morgen in einer Kirche fang und nachmittags wieder irgendwoanders hinging, blieben täglich nur zwei Stunden zum Proben übrig. Wer könnte unter solchen Bedingungen eine mustergültige Leistung auf die Deine stellen?
Im übrigen scheint es mir heute überhaupt zwecklos, nach so hohen Zielen zu streben, denn nur die wenigsten haben wirtliche Freude an einer abgerundeten Aufführung. Hm das Haus mit aufrichtig interessierten Zuschauern zu füllen, mußte ich sie schon alle mit Freikarten beschenken. Ein Geschäftchen liehe sich höchstens dann machen, wenn ich ankünden liehe, dah Pietro Mascagni persönlich mit jedem, der sich meldet, in der Pause fünf Runden boxt.
Ich bin kein Feind des Sports und halte ihn im Gegenteil für außerordentlich nützlich zur Dolkserziehung. aber ich fasse ihn als Körperkultur auf und lehne jede nervenkitzelnde Zurschaustellung der Muskelkraft ab.
Automobile, Flugzeuge. Rekorde, technische Fortschritte und neue Maschinen inspirieren mich nicht. Eine einzige Erfindung der neuzeitigen Technik erfreut mich: das Radio. Der Rundfunk ermöglicht es Armen und Reichen, Musik zu hören. Auch wenn man kein Geld für ein Billett aufbringt, kann man heute durch den Rundfunk Konzert- und Opernmusik genießen und damit an den höchsten Kulturgütern der Menschheit teilhaben.
Die Iazzmusik, die ja leider ebenfalls in die Funkprogramme eingedrungen ist, tötet das letzte Fünkchen Liebe für wahre Musik bei den Zuhörern, das vielleicht noch in ihnen glühte. Cs kann sein, dah der Iazz Sieger bleibt und dah die Oper tatsächlich ausstirbt — aber ich hoffe auf die gesunde Konstitution des menschlichen Geschmacks. Iedenfalls habe ich meine Feder nieöergelcgt und werde, bevor ich meine fünfzehnte Oper schreibe, eine Taube aussenden, um zu erforschen, ob sich die Sintflut verlaufen hat:
Montag, 21. Mai 1929
reiche Kohlenselder seit einigen Iahren abgebaut werden, wodurch auch die Ansiedlung der etwa 1500 Einwohner bedingt ist. Spitzbergen und die in der Nähe sich befindliche Bären- und Hoffnungsinfel wurden 1920 von Nor-
.norr- nungs-J.
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NORWEGEN. L ~~ Norwegen und ■■ seine Kolonien
wegen annektiert und 1925 offiziell in Besitz genommen. November 1928 wurde die D 0 uvet - i n s e l als Stützpunkt der norwegischen Wal- sischfischerei in den Südpolarge wässern als zu Norwegen gehörig erklärt. Die letzte Besitzergreifung Norwegens bezieht sich auf die Insel Ian Mayen im nördlichen Teil des Atlantischen Ozeans. Die Insel, wo Norwegen seit 1921 eine meteorologische Station unterhält, wurde am 8. Mai 1929 dem norwegischen Staat einverleibt. Der gesamte Kolonialbesitz Norwegens umfaßt gegenwärtig 64 000 Quadratkilometer mit 1500 Einwohnern.
Genossenfchafisiagung in Biedenkopf.
Der Verband der Hessischen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften hielt den diesjährigen Derbandstag am Freitag und Samstag in Biedenkopf ab. Weit über 100 Vertreter von den 21 Genossenschaften des Verbandes waren erschienen. Zugleich war es der Dolksbank Biedenkopf vergönnt, mit der Tagung des Verbandes die Feier ihres 65jährigen Bestehens zu verbinden.
Die Tagung am Freitag, die sich bis in die späten Nachmittagsstunden ausdehnte, nahm den Bericht des Verbandsrevisors über die vorgenommenen Revisionen entgegen und erledigte weitere interne Angelegenheiten. Die Wahl des Stellvertreters des Verbandsdirektors fiel, nach dem Vorschlag der Verbandsleitung, auf Rechtsanwalt und Notar Stahl (Bad-Nauheim), den Syndikus der Industrie- und Handelskammer Friedberg. Am Abend folgten die Gäste einer Einladung der Iubiläumsbank in den Saalbau Zühl zu einer durch Musik- und Gesangsvorträge verschönten Feier, die allen Teilnehmern Bei geselligem Gedankenaustausch freundliche Stunden der Erholung Bot.
Oie Haupiverhandlung
sand am Samstag statt. Von oberhessischen Kreditgenossenschaften bemerkten wir Vertreter der Verbände von Alsfeld. Bad-Nauheim. Büdingen. Butzbach, Friedberg. Gießen (Handels- und Gewerbebank), Grünberg und Lauterbach. Dach Erledigung der üblichen Formalitäten und der De- grühung der Ehrengäste sowie nach einer Ehrung hervorragender, im Iahre 1928 verstorbener Gr
ünd ich werde warten, bis der Friedensbote mit dem Olivenzweig zurückkehrt.
Vor -em Haus.
Von Dorothea Hofer-Oernt-urg.
Brigitte langmeilt sich. Jetzt hat sie schon lange dagesessen, hat die Zeitung in der Hand gehalten und jedes Bild genau und deutlich besehen. Sie hat es nicht aus den Augen gelassen und doch ist nicht das geringste geschehen. So ist z. B. die schöne Dame, die da mit einem Fuß auf dem Trittbrett des Autos steht, sich umschaut und sie anlächelt, in der ganzen Zeit nicht eingestiegen. Das ist doch sonderbar — wie? Wann wird sie es denn endlich tun?
Brigitte kann und mag es nicht abwarten. Sie geht ein Weilchen vor bas Haus und schaut.
Dort braucht sie nicht lange zu warten, daß etwas geschieht. Die meisten Dinge bewegen sich und kommen weiter.
Brigitte steht und guckt. Der alte Großvater von nebenan fährt schon wieder mit einem ganz neuen Enkelkind im Korbwagen die Straße auf und ab. Er hat die Pfeife im Mund und ist so zufrieden in seiner gelben Jacke hinter dem weißen Bart und den weißen Augenbrauen.
Auf einmal kommt Fredi daher. Fredi, der immer so ein bißchen fahl und vertrocknet aussieht, wie ein kleiner Kuchen, den man zu lange ausbe- chahrt hat. Brigitte sieht ihn an und findet ihn auf irgendeine Weise neu und auffallend. Er guckt so aufmerksam und so angestrengt — zugleich so stolz, ganz unten in dem Straßengraben. — Richtig! Er ist ja nicht allein.
„Fredi is init’n kleines Seilchen an’n kleines Hündchen angebunden", registriert Brigitte bei sich ihre Beobachtung.
Das kleine Hündchen schnüffelt mit naßkalter Nase an Brigittes Beinen, macht einen Sprung nach rückwärts und wandert weiter. Es ist weiß, braun und schwarz, mit langen Ohren, von denen es eines kokett umgeklappt trägt. Es ist ganz und gar aus Resten zusammengesetzt. Aus dem Ausver- kauf für kleine Hunde stammt cs. Es wackelt hierhin und dorthin und sieht im Gegensatz zu Fredi äußerst unbekümmert aus. Fredi hält sich angestrengt daran fest. Stolz gehen sie vorbei. Er ist wirklich mit'n kleines Seilchen an’n kleines Hündchen angebunden.
Um diese merkwürdige Tatsache irgend jemand Vertrauenswürdigem mitzuteilen, spaziert Brigitte zurück ins Haus.


