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Nr. 98 vierter Blatt

Samstag, 27. April 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nachdruck verboten.

14 Fortsetzung.

Die Bebauung der Schwarzlach.

Am nächsten Dienstagnachmittag wird der Stadtrat zu einer öffentlichen Sitzung zusammen­treten, auf deren Tagesordnung u. a. auch eine Verwaltungsvorlage über die Errichtung städtischer Wohnungsbauten in der Schwarzlach steht. Mit dieser Vorlage, die mit der Durchführung des Wohnungsbaupro­gramms für 1929 zusammenhängt, hat es eine eigene Bewandtnis. Die Stadtverordneten- (jetzt Stadtrat-) Versammlung vom 22. März d. 3. hatte bekanntlich die Vorschläge der Stadtver­waltung zum Wohnungsbauprogramm einhellig genehmigt und damit auch den Absichten der Verwaltung auf Bebauung der Schwarzlach zu­gestimmt. Diese Absichten gehen nicht nur da­hin, in jenem Bezirk 60 Kleinwohnungen zu schaffen, sondern sie wollen auch von vornherein durch die Art der Baublockbestimmung eine grob zügige Baulandaufschliebung in der Schwarzlach und nach dem Rodberg zu in die Wege leiten. Bei dieser Einstellung, der auch wir zustimmten, konnte sich die Stadtverwal­tung aus die Wünsche einer Versammlung von Rord-Ost-Bewohnern vom 18. Oktober v. 3. be- rusen, in der nachdrücklich die endliche großzügige Baulandausschliehung im Rordostviertel, insbe­sondere auch in der Schwarzlach und am Rod­berg gefordert worden war. Die Verwaltung wurde mit ihrem Plane aber nicht nur den Wün­schen des Rordostens gerecht, sondern sie entsprach damit auch einem Gebot der Gerechtigkeit, auf die das Rordostviertel nach der jahrelangen be­sonderen Berücksichtigung aller anderen Stadt­teile gegen die wir keine Einwendungen er­heben wollen Anrecht hatte. Den gleichen Weg wie die Verwaltung gingen die Stadtrats­mitglieder manche wohl in Erinnerung an die Zusagen in jener Rordost-Versammlung, als sie den Plänen des Bauprogramms für 1929 zu­stimmten. Dann aber kamen einige Sitzungen des städtischen Bauausschusses, aus dessen Verhand­lungen allerlei Interessantes bekanntgcworden ist. Hier machten sich plötzlich andere Meinungen gegenüber der Baulandaufschliebung in der Schwarzlach geltend und führten schliehlich zu einem Mehrheitsbeschluß, der dahin ging, die ur­sprünglichen Pläne der Stadtbauverwaltung zu verwerfen, dafür vorerst nur die freien Bauplätze zwischen der Ederstrabe, dem Asterweg und der Schottstrabe zu bebauen, aber von einer Verlängerung des Asterwegs in Richtung Rod­berg -- die den Anfang der Baulandaufschliebung bedeuten würde bis auf weiteres abzusehen. Die Stadtverwaltung erklärte sich mit der -Um­biegung ihres Projektes nicht einverstanden, Wohl weil sie sich nicht mit Unrecht sagte, dah auf diese Weise die heutige Peripherie der Stadt in diesem Viertel einen gewissen Abschluß er­fahren würde und damit die Baulandaufschliebung in jenem Gelände auf mindestens einige Jahre wieder gute Wege haben werde. Da sich die bei­den Ansichten Bauausschußmehrheit einerseits, Stadtverwaltung andererseits unverändert ent­schieden gegenüberstanden, wurde die Angelegen­heit von der Stadtverwaltung auf die Tages­ordnung der kommenden Stadtratssitzung ge­nommen. um die Entscheidung des Plenums ein» zuholen.

Diese Wendung der Dinge, durch die auch eine Verzögerung bei der Inangriffnahme des Woh­nungsbauprogramms eingetreten ist, bedauern wir. Ricmand wird bestreiten können, daß der nordöstliche Stadtteil schon seit einer ganzen Reihe von 3ahren gegenüber anderen Stadt­teilen zu kurz gekommen ist, und daß daher die Forderungen jenes Viertels auf endliche gleich-

Vornan einer Nacht

Don paul Rosenhayn.

Das ist fabelhaft", sagte Doktor 3ulsrud mit einem anerkennenden Blick auf den Schläfer dort drüben. x ,

3m übrigen schläft er nicht, er tut nur so.

"Ist so etwas möglich? 3ch sehe einen alten, häßlichen Mann in tiefem Schlaf und Sie, der Rechtsanwalt Aage Lund, der scharfsinnigste Denker von Dänemark, erklären mir: der Mann ist gar nicht alt. ebensowenig ist er häßlich und ebensowenig schläft er. Zu welchem Zweck ge­schähe das alles?"

Aage Lund dämpfte seine Stimme zu einem Flüstern.Ich will 3hnen sagen, wie dieser Mann heißt. Es ist der Staatsrat Ole Krenh.

Der Staatsrat..., der berühmte Staatsrat Kr'entz? Der heute abend das große Fest gibt?"

Auch dieses Fest, aus dem tout Copenhague heute tanzt, ist nur eine seiner ich finde, weiß Gott den Ausdruck nicht sagen wir einmal: eine 'seiner Inszenierungen. Wissen Sie, was eine Drehbühne ist?"

"Mch? wahr: während das Licht der Schein­werfer auf den sichtbaren Teil dieser Drehbühne fällt, während olles auf dies kleine Segment starrt, aus dem sich eine interessante Komödie ab­spielt - während dieser selben Zeit ist.der Re qisseur damit beschäftigt, auf dem r"ckwartigen Teil dieser Drehbühne, den der Zuschauer nicht sieht etwas ganz Besonderes aufzubauen Em solcher Regisseur ist der Staatsrat Kreny. Er ist, wenn ich so sagen darf, der Erfinder der politi­schen Drehbühne." _ ~

Das ist recht interessant", sagte Doktor Auls - rud.Aber was hat der Fall der Marfa Er- molieff mit Politik zu tun?"

Aage Lund warf einen schrägen Q^id auf den jungen Kollegen, den dieser zu seinem Gluck nicht bemerlte.Daß dieser Krenh," sagte er leise. ..plötzlich hier auftaucht, beunruhigt mich, vie werden sehen, die Sache nimmt eine Wendung zum Bösen. Wo Krenh ist. gibt es eine Ueber- raschung. Rein: eine Ueberrumpelung. -tas m auch nicht das richtige Wort. Wo ^.ren$ £int* tritt, wird aus einem Sonnentag neblige Däm­merung." , , _

Er sieht, weiß Gott, nicht danach aus.

*Das eben ist seine Stärke. Er kennt feine Eitel­keit Ich habe nie einen Menschen gesehen, der persönlich von einer solchen Bescheidenheit wäre wie Krenh. Er weiß genau, daß Eitelkeit Schwäche ist. Er hat keine Schwächen. Er hat eme schöne Frau. Sie glaubt, dah er sie liebt, m

mäßige Berücksichtigung bei der Schaffung von neuen Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Bele­bung berechtigt sind. Bei dem jetzigen Plane der Stadtverwaltung handelt es sich ja nicht nur darum, auch im Rordostviertel Wohnungen zu bauen, die man dort natürlich begrüßt, son­dern es ist das muß man sich immer wieder vor Augen halten über das heutige Woh­nungsbauvorhaben hinaus die 3ngangsehung einer großzügigen Baulandaufschließung beab­sichtigt, wozu die Verlängerung des Asterwegs in die sog. Schwarzlach hinein den ersten Ab­schnitt bildet, dem Dann im Laufe der nächsten 3ohre weitere folgen müssen. Dadurch wird dem Rordosten die berechtigte Forderung durch die Stadtgesamtheit zuteil, die bisher mit glei­chem Recht auch anderen Stadtteilen gewährt wurde. Es wird dort für zahlreiche Familien neue Wohngelegenheit geschaffen, den Geschäften und Gewerbebetrieben des Rordostens werden dadurch neue Absatzgebiete und gesteigerte Cinnahmemöglichkeiten erschlossen, auf die sie lange genug warten mußten, und da­durch wird die wirtschaftliche Auftriebs­kraft geschaffen, die man im Stadtteil Rord- oft bisher so schmerzlich vermißt hat. Reben diesen Gründen spricht aber noch ein anderer sehr wesentlicher Gesichtspunkt für die Verwirk­lichung des Verwaltungsprojekts auf Erschlie­ßung der Schwarzlach. Der weilaiis größte Teil dieses Baugeländes gehört nämlich der Stadt. Hierdurch wird es einerseits möglich fein, die Wohnungen billiger zu erstellen als dort, wo man Bauland in Anspruch nehmen muß, bei dem sich gewisse spekulative 3nteressen besonders be­merkbar machen, zum andern wird es durch die Heranziehung dieses städtischen Baugeländebesihes zur Bebauung möglich werden, die dort im Grund und Boden investierten Kapitalien zu einem großen Teile durch Abgabe von Gelände an Dau- lustige zu mobilisieren und die freigewordenen Gelder dann wieder an anderen Stellen unserer Kommunalwirischaft produktiv einzusehen. Hier­durch könnten neue Kreditaufnahmen der Stadt unnötig werden, ein Gesichtspunkt, der gerade jetzt angesichts der durch die Diskonterhöhung gekennzeichneten weiteren Verschärfung der Geld­markt- und Wirtschaftslage von besonderer Wich­tigkeit ist.

Wie man sieht, sprechen also nicht nur Erwä­gungen der ausgleichenden Gerechtigkeit, sondern auch Gründe von sehr starker finanzwirtschaft­licher Art für die Durchführung des Schwarzlach­projektes der Stadtbauverwaltung. Man darf sich dabei auch nicht etwa durch die Tatsache beirren lassen, daß erst noch einige Straßen­ausbauten notwendig sind, um die Dauland- erschlietzung in größerem Maße durchzuführen. Derartige Strahenausbauten sind in anderen Stadtvierteln zu Zeiten einer städtischen Finanz­lage, die damals auch nicht gerade rosig war, ebenfalls durchgeführt worden, und man hat recht daran getan, wegen solcher Teilaufgaben nicht die Projekte selbst fallen zu lassen. Was aber damals für die anderen Stadtteile recht und billig und vertretbar war, wird man heute dem Schwarzlachprojekt fraglos auch zugestehen müssen, zumal hierbei, wenn wir recht unter­richtet sind, die Verrechnung der Straßenbau- kosten zu Lasten früherer Rechnungsjahre gehen soll, also aus bereits bewilligten Krediten gedeckt und eine Reubelastung der Steuerzahler nicht zur Folge haben wird. Angesichts aller dieser Umstände darf wohl der Erwartung Ausdruck gegeben werden, daß die Stadtratsverfammlung am kommenden Dienstag sich für die Vorlage der Stadtverwaltung aussprechen und damit dem Rordostviertel den schon längst fälligen wirt­schaftlichen Auftrieb geben wird.

Wahrheit ist sie ihm völlig gleichgültig. Er hat eine herrliche Villa, er sammelt die seltensten Antiquitäten: alles dient lediglich dazu, die Auf- mertfamfeit von seinem eigentlichen Metier ab- zulenten."

Aber welches ist denn nun eigentlich sein Metier?"

Sein Metier... sein Metier ..." Aage Lund kam nicht dazu, den Sah zu vollenden: denn in diesem Augenblick ging laut und schrill das Klingelzeichen durch den Korridor, das den Wiederbeginn der Schwurgerichtssitzung an» kündigte.

Mord oder Selbstmord?

Die Gerichtsdiener hatten den großen Saal während der Pause gelüftet. Run lag kühl und frisch die herbe Rachtluft über dem dunklen Raum. Die Dinge hatten ihre quälende Rervosi- tät verloren: jetzt aber lag es wie kalte Feind­seligkeit in der Luft. Das Richterkollegium, neu gestärkt, erfrischt, von neuem bereit, zu hören und zu richten, die Gesichter ein wenig bleicher als sonst, erschien wie ein erbarmungsloses Tribunal die Erfrischung schien nur den Zweck gehabt zu haben, die Urteilsschärfe neu zu festigen. -Alles war robuster geworden in dieser Viertel­stunde. Undifferenzierter.

Auch der Zuhörerraum hatte sich von neuem gefüllt. Kopf an Kopf drängte sich nun in dem engen Rechteck. Man sah neue Gesichter: vom Sechstagerennen waren Besucher herübergekom­men, im Frack, im Decolletee: manche, die den ersten Teil der Sitzung fiebernd verfolgt hatten, fehlten.

In der vordersten Reihe saß eine junge Dame, deren Gesicht unverkennbare Ähnlichkeit mit der Angeklagten hatte: rechts und links von ihr zwei Herren, mit denen sie sich flüsternd unter­hielt. ___ .

Stille entstand plötzlich: die kleine Tur tn der getäfelten Wand ging auf, Marfa Ermolieff wurde hereinaeführt. Die 3ustizsoldaten geleiteten sie an ihre Bank: während sie sich niedersehte, schweiften ihre Augen über den Zuhörerraum: sie lächelte verwirrt der jungen Dame dort drü­ben zu.

Der Vorsitzende, der unruhiger aus vorhin zu sein schien, nahm das Wort.

Der Gerichtshof hat beschlossen, den Prozeß Ermolieff auf alle Fälle in dieser Rächt zu Ende zu führen. 3ch behalte mir vor. die Sitzung er­forderlichenfalls wiederum zu unterbrechen: das Urteil dürtte in den frühen Morgenstunden zu erwarten fein."

Der Protokollführer schlug das Aktenstück auf und nahm ein Telegramm heraus, das er dem Präsidenten reichte.

Eine Wendung," sagte dieser,eine vermutlich sehr wichtige Wendung hat sich ergeben, die ich

Oer Bezirksverein Nordost an den Stadtrat.

Der Vorstand des Bezirksvereins R o r d o st hat sich mit folgendem Schreiben an die Mitglieder der Stadtratsversamm­lung und an die Stadtverwaltung ge­wandt:

Mit Genugtuung hat der Dezirksverein Rord- ost aus den Verhandlungen des Stadtrates über das Dauprogramm 1929 in der vorigen Sitzung entnommen, daß nach den Vorschlägen der Stadt­verwaltung eine großzügige- Bebauung der Schwarzlach mit dem Ziele einer durch­greifenden Geländeaufschliehung in diesem Sommer in Gang gebracht werden soll. Weiterhin hat der Vorstand unseres Vereins mit Freude vermerkt, daß diese Vorschläge des städtischen Bauprogramms die einhellige Zu­stimmung der Stadtratsversammlung gefunden haben.

Mit um so größerem Befremden hat nun der Vorstand des Rordost-Vereins in den letzten Tagen erfahren, daß von einigen Mitgliedern des Stadtrates im Dauausschuh ein Beschluß

herbeigeführt wurde, demzufolge bad Bau­projekt der Stadtverwaltung hin­sichtlich der Tendenz der Geländeausschließung eine grundlegende Aenderung erfahren soll. Wir möchten nicht verfehlen, heute schon den entschiedensten Einspruch des Rordost- DiertelS gegen diesen Dauausschußbeschluh. der eine erneute starke Zurücksetzung des RordostenS gegenüber allen anderen Stadt­teilen in sich schließt, hiermit zu erheben.

Rachdem in der Rordost-Versammlung im Eafä Leib vom 18. Oktober 1928 seitens der Herren Vertreter der Stadtverwaltung und seitens der anwesenden Herren Stadtverordneten demRord- ost-Viertel ausdrücklich volle Unter- stühung bei der Durchsetzung seiner berech­tigten Forderungen auf Aufschließung von Bauland fest zugesagt worden ist, geben wir uni der bestimmten Erwartung hin, daß diese Zusagen jetzt eingelöst werden und das Bauprojekt der Stadtverwaltung in un­veränderter Weise, wie bereits genehmigt, zur Durchführung kommt.

Der Vorstand des Rordost-Vereins.

Wirtschaft.

Oer Stand der deutschen Handelspolitik

Der einschneidende Wandel, der sich durch die Zer­schlagung alter und die Schaffung neuer Staaten, die Abtennung von Gebietsteilen und die Umgestal­tung des Staats- und Wirtschaftssystems einzelner Mächte im und seit dem Kriege vollzogen hat, ist fast in noch höherem Maße auf wirtschaftlichem, als auf politischem Gebiete wirksam geworden. Es galt deshalb in den abgelaufenen Jahren, also be­sonders seit dem 10. Januar 1925, an dem Deutsch­land nach dem Versailler Diktat die Möglichkeit zum Abschluß von Meistbegünstigungsverträgen, zu einer souveränen Handelspolitik überhaupt zurück- erhielt, ein ganz neues handelspolitisches Vertragsnetz aufzubauen. Dabei sind beson­ders im abgelaufencn Jahre namhafte Fortschritte gemacht worden, so daß man heute die Welt mit einigen Ausnahmen und mit vielen Unzulänglich­keiten als wieder in einigermaßen geordneten han­delspolitischen Beziehungen zu Deutschland ansehen kann.

Diese Beziehungen gliedern sich in vier Gruppen: Staaten, in denen Handelsverträge mit Meistbegün­stigung und Vertragstarif, d. h. Bindung der we­sentlichen Zollpositionen gegenüber Deutschland be­stehen. Zweitens Staaten, in denen Handelsver­träge oder Handelsabkommen mit Meistbegünsti­gung, aber ohne Vertragstarife errichtet sind. Drit­tens Staaten, in denen deutsche Güter die Meist­begünstigung zwar praktisch genießen, aber Ver­träge darüber nicht bestehen. Und endlich viertens solche Länder, wo die deutschen Waren mangels irgendwelcher Abmachungen die Höchstzölle zahlen, d. h. den Sätzen des sogenannten Generaltarifs un­terworfen sind. In die erste Gruppe gehören fast alle für uns wichtigen Mächte mit Ausnahme der Vereinigten Staaten von Amerika, England und seiner Dominien und Kolonien, der Niederümde und Dänemark. Es ist also die weitestgehende Form der handelspolitischen Verständigung erzielt mit: Belgien, Finnland, Frankreich, Grieckxenland, Ita­lien, Jugoslawien, Luxemburg, Oesterreich, Schwe­den, Schweiz, Spanien und der Türkei. Der Zahl nach ist die zweite Kategorie, also die Meistbegün­stigungsverträge ohne Tarifbindungen, aber die umfangreichste. Hierhin gehören u.a. die Verträge mit Argentinien (seit 1857 bestehend!), Chile (seit 1862), den meisten süd- und mittelamerikanischen

dem Gericht anzuzeigen habe. Don Bord des DampfersEva Sullivan" ist ein Radiogramm eingelaufen. 3ch will es 3hnen im Originaltext vorlesen."

Er breitete das Blatt vor sich auf der grünen Tischfläche aus; wieder legte sich Totenstille über den Saal.

Radiogramm Dampfer Eva SuUivan eintreffe heute nacht um in der fache marfa ermolieff die letzten zufammenhänge aufzullaren sofort nach landung des dampfers komme ich zum gericht bruno riebinger

Raunen ging durch den Saal: der Vorsitzende blickte nachdenllich auf die Botschaft: mit der ihm eigentümlichen harten und kurzen Handbewegung strich er sich den weißen Spihbart.

Bruno Riedinger", wiederholte er nachdenk­lichBruno Riedinger: unter diesem Rainen hat sich der Ermordete ins Fremdenbuch einge­tragen. Das Gericht hat Grund, anzunehmen, daß Bruno Riedinger nicht fein richtiger Rame ist. obwohl feine Wäsche mit den Initialen B. R. gezeichnet ist. Aber: Bruno Riedinger ist auch der Rame, unter dem ein anderer am Vor­mittag des Mordtages Kopenhagen im Flugzeug verlassen hat. 3cncr Mann, von dem uns der Hoteldirektor erzählt hat. er habe seltsame Augen gehabt. Wenn nicht alles täuscht, dürfte uns von feiten dieses Herrn Riedinger eine ilcbcrrafd>ung werden."

Er sah hinüber zu der Angeklagten und er sah, dah sie das Gesicht dem Zuhörerraum zu- gewandt hatte. Mit dem Instintt des Krimrna- liften folgte er ihrem Blick. Dort drüben saß eine junge Dame. die. wie er mit Erstaunen konstatierte, der Angeklagten ausgesprochen ähn­lich sah. Die Blicke der beiden Frauen hatten sich ineinander versenkt: der Herr, der zur Rech­ten jener Frau faß, zog eben die llijr unö flüsterte der Dame eine Bemerkung zu: fie blickte verwirrt auf, angezogen von den Augen des Vorsitzenden: zugleich erwachte auch Marfa Er­molieff aus ihrer Versunkenheit.

Der Vorsitzende mochte fühlen, daß hier dunkle und seltsame Beziehungen lagen: er lieh feine hellen Augen mit einem fchnellen forschenden Blick über Den Saal gleiten.

Plötzlich fiel ihm ein bekanntes Gesicht auf.

Dort drüben, neben dem Polizeipräsidenten, sah der Staatsrat Krenh.

Wir kommen jetzt zur Ausrollung der Mordtat selbst. 3ch habe den ganzen Fall natürlich in meinen Akten. Aber im 3ntcresse der Herren Geschworenen würde ich die Angelegenheit lieber aus der lebendigen Darstellung des Herrn Poli­zeipräfekten hören: wir gewinnen auf diese Weise nicht nur von der Sache selbst, die ja einiger­maßen feststeht, sondern auch, wenn ich so sagen

Staaten, China, Dänemark, Großbritannien, Ja­pan, den baltischen Randstaaten, Mexiko, Den Nie­derlanden, Norwegen, Portugal, Der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Ungarn und den Vereinigten Staaten von Amerika, ferner verschiedenen briti­schen Mandatsgebieten und Dominien. Ohne Han­delsvertrag genießen deutsche Waren die Meist­begünstigung u.a. in Aegypten, Brasilien, Britisch- Jndien, dem irischen Freistaat und Rumänien. Dem Generaltarif aber sind sie nur in drei Zollgebieten unterworfen: in Australien, Canada und Polen, und zwar einschließlich Danzigs, das mit Polen in einem gemeinschaftlichen Zollgebiet verbunden ist.

Natürlich sind diese Verträge und Abkommen, auch soweit sie in die gleiche Kategorie gehören, untereinander nicht gleichartig und in ihrer Wirk­samkeit je nach der Zollpolitik des betreffenden Landes günstiger, oder ungünstiger für uns. Außer- dem find mehrere der neueren Verträge, so z. B. der am 1. September 1928 mit der stidafrikanijchen Union abgeschlossene Meistbegünstigungs-, Handels­und Schiffahrtsvertrag noch nicht ratifiziert, dieser insbesondere noch stark umkämpst. Gleiches gilt von dem Vertrage mit Litauen, abgeschlossen am 30. Ok­tober 1928.

Wochenbericht

vom Frankfurter Effektenmarkt.

Der am Freitag vergangener Woche als sicher erscheinende Abbruch der Reparations­verhandlungen in Paris traf die Börse gänzlich unerwartet. Wie schon im Bericht der Vor­woche erwähnt, hatte ein allgemeiner Optimismus Platz gegriffen, der die Kvlisse verschiedentlich zu neuen Engagements veranlaßt hatte. Als dann die unerwartete Nachricht eintraf, schritt die Spekula­tion zu Realisationen, die Baissiers benutzten die allgemeine Verwirrung zu Leerverkäufen, und auch außenstehende Kreise kamen schließlich mit Abgaben an den Markt. Da anderseits naturgemäß kaum Aufnahmelust bestand, traten für die führenden Werte, vor allem für Elektrizitätsaktien, Montan­papiere, Kaliwerte, Banken und J.-G.-Farben, Kursrückgänge von 10 bis 20 v. H. ein. Die Be­fürchtungen, daß die durch diese starken Kursverluste verringerte Effektendeckung am herannahenden Ultimo weitere Verkäufe verursachen werde, rief neue Abgaben hervor. Vor allem jedoch verwies

darf, von den Imponderabilien einen zusammen­hängenderen Eindruck. Herr Präfekt würden Sie die Freundlichkeit haben, uns darüber Vor­trag zu halten."

Sophus Andersen erhob sich und trat mit einer kurzen Verbeugung an die Schranke.

Am 8. September ist der Mord geschehen."

Rechtsanwalt Julsrud erhob sich.

Herr Präfekt. Sie sprechen crpodiktisch von einem Mord. Wäre es nicht möglich, daß ein Selbstmord vorläge?"

Rein, Herr Verteidiger. Der Befund läßt zweifellos auf Mord schließen."

Aage Lund assistierte seinem Kollegen:

Was hallen Sie für die zweifellosen Merk­male des Mordes? Worin unterscheiden sie sich nach Ihrer Meinung von den Kennzeichen des Selbstmordes?"

Run" der Polizeipräfekt zuckte die Achseln das Fehlen einer Waffe läßt zum Beispiel einen Selbstmord als ausgeschlossen erscheinen."

Ich danke", sagte Doktor IulSrud.

Das Fehlen einer Waffe", wiederholte Aage Lund sinnend.Hat man nicht von Fällen gehört, Herr Präfekt, in denen die Waffe gefehlt hat und in denen gleichwohl Selbstmord vorlag?"

Ich wüßte keinen solchen Fall."

Dann Darf ich Ihnen ein wenig zu Hilfe kommen. Ich kann Ihnen Fälle berichten, in denen ein Selbstmörder Ursache hatte, einen Mord vorzutäuschen. Zum Beispiel: Versiche­rungsbetrug. Zum Beispiel: Rache eines Ver­schmähten sei es an der Geliebten sei es an Dem glücklicheren Rebenbuhler. Man kennt sein ausbalancierte Vorrichtungen. Die Waffe im Augenblick Der Tat verschwinden machen. Wäre es nicht denkbar, daß eine solche Vorrich­tung hier im Spiel wäre?"

Ich wollte fast," sagte der Präfekt leise,ich könnte diese Frage mit Ja beantworten. Selbst wenn ich eine solche vortäuschende Absicht unter­stellen würde, so sprächen doch immerhin wei­tere Momente für Mord. Vor allem: die An­wesenheit einer zweiten Person. Rämlich der Angeklagten."

.....in Deren Gegenwart sich immerhin Herr RieDinger nennen wir ihn vorläufig so erschossen haben könnte."

Welchen GrunD sollte in diesem Falle Fräu­lein Ermolieff haben, ihre Aussage über den Fall zu verweigern?"

Welchen Grund . . . welchen Grund ... der Grund, den sie hat und den sie verschweigt, kann ebenso gut zu ihren Gunsten wie zu ihren Un­gunsten . .

Darf ich bitten, Herr Präfekt", unterbrach der Vorsitzende Die Debatte.

(Fortsetzung folgt.)