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Nr. 98 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Samstag, 27. April (929

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Frühling am Rhein.

Von Helene Schede.

In all den lieben Heftern am Fuß der Sieben (berge tauten die Glocken den Frühling ein. Im Glanz der Sonne, im Spiel der frei gewor­denen Wellen versinkt das Bild des langen, grimmigen Winters. 2luch das drohende Ge­spenst der Heberschwemmung ist vorübergezogen. Ruhig und leidenschaftslos hat der Rhein in den ihm vorgeschriebenen Dahnen feine Schollen und Eisinseln zrun fernen Meer getragen. Huf­atmend öffnet sich die Erde den warmen Strah­len der Lenzsonne. Die Menschen taten das ihre, um aus Zimmern und Betten die letzten Spuren des Frostes hrrauszuklopfen. Schadhafte Decken, Dächer, Rohre wurden ausgebessert, ver­witterte Mauern aufgefrischt, verblichenes Fach­werk, Türen- und Fensterstöcke mit leuchtend frischer Farbe überzogen. Run stehen die Häuser, Hotels und Pensionen im Sonntagsstaat mit hellen Gardinen itnb blanken Fensteraugen zum Empfang der Gäste bereit. Hier hißt der Früh­ling immer ein paar Wochen früher als ander­wärts feine himmelblauen Fahnen. 3n der Eifel unb im Westerwald halt der Winter mit rauhen Winden und eisigen Rächten noch lang das Keimen und Sprießen zurück, und so drängt sich die sonnenhungrige Menschheit in dem kleinen Paradies zwischen Godesberg und Honnef zusammen. Ein unendlicher Zauber umweht dieses Land, das die Rheinländer mit Stolz ihrRizza" nennen. Im kleinsten Raum ist alles vereint, was das Auge beseligen und das Herz erfreuen kann, und was sich sonst nur bruchstückweise als Teil einer Landschaft genießen läßt. In bewegtem, heiterem Spiel windet sich der Strom zwischen den grünenden Ufern. Aus blütenbesprenkelten Matten und knospenden Gärten tauchen liebliche Ortschaften aus. Alte Mauern, neugierig gereckte Türme, freundliche Fachwerkhäuser grüßen den Beschauer. Enge Gassen laufen eilfertig die Kreuz und die Quer, hinunter zum plaudernden Fluß, hinauf zu den Bergen, hinein in die Seligkeit stiller Waldgründe und scheu erwachender Täler. AuS sorgsam beschnittenem Rasen flammen die Krokusse. Aurikeln und Primeln blühen. Die Bäume und Sträucher tragen dicke goldne Knöpfe, und während die Magnolien noch in geschlossenen Kelchen das Geheimnis des Lebens bewahren, bedecken die Kletterrosen altes, graues Mauer­werk mit duftig grünen Schleiern. Wie ent­zückend sind alle diese Ortschaften, die ihre Tore weit den im Alltag erschlafften Städtern offnen: Godesberg, Königswinter, Honnef, die Insel G r a f e n w e r t h. die wie ein Mär­chenbild über öen Wassern schwebt - man weiß nicht, wer die Schönste im Lande ist. Wer aber öen Menschenstrom, das glatte Parkett, die Jazz­musik, die auf die Fremden zugeschnittenen Hotels flieht, sucht das Dörfchen Rhöndorf auf. das sich gar selig zwischen Berg und Fluß gebettet hot. Witten auf der Landstraße, ohne Rücksicht auf die Verkehrsbedürsnisse einer atemlos voran- hastenden Zeit, steht eine alte Wallfahrtskapelle. Ihr gegenüber ein trauliches Gasthaus mit dunk­lem Gebälk, [leinen, freundlich blinzelnden Fen­stern. schmalen, steilen Treppen und niederen

Stuben. Der Ort hat nichts von seinem Reiz und seiner Ursprünglichkeit eingebüßt. Die Jugend tanzt wie ehedem denMöhnewibbel" und ^Reichsverweser", und am 1. Mai werden noch immer nach alter Sitte die Mägdelein um bares Geld versteigert, wobei die Maid, die den ^höch­sten Preis" erzielt, zur Maikönigin erkoren wird.

Ueber dem Rhein erheben sich als Taschen­ausgabe eines Gebirges die Sieben Berge mit sanften Kämmen, steilen Gipfeln, abstürzen- den Schroffen, Hellen Buchenhängen und zer­fetzten Burgen. Obwohl die Berge nur drei- bis vierhundert Meter hoch sind, hat man überall, auf dem Oelberg. der Löwenburg, dem Petersberg, das Gefühl des Obenseins, der Gipfelfreiheit. Ungehindert schweift der Blick zu den Rachbarbergen, über vorgelagerte Kuppen,

Da liegt, von der Höhe der Adalbert-Stifter-Warte aus gesehen, Karlsbad im ersten Frühlingssonnen- fchein. lief unten die schmale Tepl, munter dahin- platschernd es mühten eigentlich Forellen in ihr au fischen sein. Die aber werden wohl durch die stark alkalischen Sprudelabwässcr verscheucht, wagen sich daher kaum in die Mauern der alten deutschen Stadt, der die Tsched>en bisher immer noch nicht ihr Gepräge aufdrücken konnten. Bon unten her­auf schallt gleichmäßiges Klopfen und Hämmern, wie wenn viele fleißige Hände am Werke wären, den Berg abzutragen. So böse meinen sie es aber nicht, vielmehr sind alle ehrlich bemüht, das schöne Bad in ein neues Gewand zu stecken. Und das ist besonders interessant, weil es ein unbekanntes Bild ist: der Reisende kennt die Kurorte der großen Welt nur von ihrer besten Seite aus. Hier aber wird jetzt dem Beschauer das andere Gesicht des Bade­ortes vermittelt, die Stadt der vielen Sprudel und Quellen macht sich bereit, ihre Gäste zu empfangen.

Erster Gang durch die schmalen Straßen und die steilen Gassen Karlsbads: da ist Haus beinahe an Haus gereiht, von denen ein jedes ein Gerüst trägt. Maler und Anstreicher bemühen sich um die Wette, mit ihren Künsten den Fronten ein neues Gesicht zu geben; Wind und Wetter haben ihr zerstörendes Werk getan und viele Furchen und Risse hinein­gegraben. Das dauert nur ganz kurze Zeit, da wer­den die Leitern schon wieder entfernt, und die neue Pracht der Fassade bietet sich den Blicken der Bor- übergehenden. In den Läden sind Handwerker eifrig dabei, herauszureißen und einzubauen, Pfei­ler zu entfernen und neue Träger einzuzieben, Schaufenster einzusetzen und mit bunter Farbe dem Ganzen einen netten Anstrich zu geben. Das alles darf nur kurze Zeit dauern. Denn schon werden dik fleißigen Hände an anderen Stellen verlangt. Auf den breiten Serpentinenwegen, die durch die hoch­gelegene Stadt führen, sieht der vorzeitige Kurgast Reihen von Lastwagen, die mit Baumaterialien be- i laden, irgendeinem der zahlreichen Neubauten zu-

fulitfcnartig sich vorschiebendes, im sanften Rhyth­mus auf- und abschwingendes Land hinab zum blauen, gleißenden Strom. Einer der beliebtesten AuSflugspunkte ist der Drachenfelsen mit seiner sagenumwobenen Ruine und seiner weit über dem Wasser hinausragenden Terrasse. Die Menschen sitzen im Freien, unter knospenden Bäumen, im warmen Glanz der Sonne, und vertilgen Berge von Kuchen und köstlicher Schlag­sahne. In den Gläsern leuchtet das alte®ra- chenblut". Der ,Sänger vom Rhein" im breit­randigen Hut. mit wehendem Schlips, schlägt die Laute an und singt von Liebe und Wein, von Glück und Leid, vom Rhein und immer wieder vom Rhein. Wer dächte noch an den langen, schweren Winter, an Krankheit md Kohlen- mangel? Frühling ist's!

streben. Was hier alles einzuhölen ist! Bis in die längsten Tage hinein hat der Winter mit Schnee, Eis und Kälte gewütet, so daß es fast unmöglich schien dort, wo man im Herbst mit lleberzeugung und Hoffnung den Grundstein gelegt hatte, jetzt noch die vielen Pläne zu Ende zu führen. Auf den Bau­stellen tobt nun ein Heer von Handwerkern durch­einander, um in angespanntester Tätigkeit das Werk doch noch rechtzeitig zu vollenden.

Unberührt von all dem Hasten und Treiben der Vorbereitung zum Empfang der Gaste sind allein die Sprudel und Quellen der Stadt. Schon längst sind sie sauber abgefangen und in steinerne Leitun­gen eingefaßt, um pflichtgetreu Tag um Tag das gewohnte Maß der heilkräftigen Wasser aus den Tiefen der Erde an das Licht^zu befördern. Und heute wie morgen stehen junge Mädchen bereit, dein Kranken den Becher mit dem vorgeschriebenen Quell* wasser zu füllen. Morgens freilich frieren sie, oder stehen sie dick eingepackt und sehen wahrhaftig nicht so aus, wie man sich Brunnenfeen gemeinhin vor- zustellen pflegt. Wenn aber die Sonne im Laufe des Tages fleißig ihr Werk getan hat, die Temperatur im Tal der Tepl steigt, und alle, Einwohner und Kurgäste, freundlichere Gesichter annehmen, dann find auch die kleinen Mädchen am Sprudel zugäng­licher; der blaue Schimmer des Frostes ist von ihren Lippen genommen und flink und behend wird jeder hingereichte Becher gefüllt.

Denn das ist das Beschwerliche der großen Bäder­stadt: Die Morgenluft ist recht rauh, weist noch Frosttemperaturen aus und macht den Gang zum Brunnen zu einer ungemütlichen Sache. Hat der Kurgast aber die schwere Pflicht des Vormittags durch Einnehmen eines ober mehrerer Gläser Brun­nens erfüllt, dann winkt ihm schöne Belohnung zu­nächst einmal in dem Frühstück, das die Karlsbader Gastwirte nun einmal in vollendeter Weise Herrich­ten können, zum andern durch den Spaziergang in die nähere ober weitere Umgebung der Quellen* stabt.

Draußen vor der Stadt, im Garten des Post- Hofes, wo schon die Konzerte des Symphonie- Qrchesters begonnen haben, von deren Mitgliedern die Karlsbader behaupten, es seien die besten Mu* fiter des Landes, sammelt sich der größere Teil der Kurgäste, um klassische Musik zusammen mit gutem Karlsbader Kaffee und duftigem böhmischen Weiß­gebäck zu verdauen. Viele sind cs zwar noch nicht, die Jahreszeit ist wohl doch noch ein wenig zu rauh, aber mancher Kranke darf ja nicht zögern und nimmt daher die Witterung des Aprils entschlossen mit in den Kauf. Was so an Gästen bis jetzt ein* getroffen ist, stammt aus allen Ländern der Welt, selbst Eroten sind vertreten. Und das dollarschwere Amerika" natürlich, das mit Dienerschaft und Ge­folge angekommen ist und diese nun ihrer Lange­weile überläßt. Sehr vermißt werden die Russen, die nach der Meinung der Karlsbader Einwohner, die cs ja schließlich wißen müßen, vor dem Kriege die besten Gäste abgegeben haben, jetzt aber ihre Grenzen nicht mehr überschreiten dürsen. Die Reichs- deutschen werden gefühlsmäßig herzlich willkommen geheißen, denn Karlsbad ist eine deutsche Stadt ge­blieben, obwohl die tschechoslowakische Regierung in Prag nichts unversucht gelassen hat, um ihren Einfluß auf die widerspenstige Bevölkerung aus­zuüben. Genutzt haben die Manöver nichts, nur Anlaß zum öadjen haben sie gegeben.

Mag an Besuchern kommen, was will; jetzt wer­den die ersten Frühlingstage kräftig ausgenutzt, um der Stadt das somn,erliche Festgewand anzulegen. Durch das ständige Steigen der Besucherzahl in den letzten Jahren hat die Kurverwaltung Mut zu gro­ßen Dingen gehabt, die jetzt rasch zu Ende geführt werden. Auf daß schon in den nächsten Wochen der Werberuf in alle Welt gehen kann: Karlsbad ist gerüstet, das Spiel kann beginnen!

Wanderfahrten.

Erdhaufen heminerich Rodenhaufen Frankenbach Bieber.

Wir fahren über Rieder-Walgern nach dem im oberen Salzbödetal schön gelegenen Erdhausen, durch­schreiten das Dorf und folgen schwarzen Strichen, die uns alsbald in den Wald führen. Am Waldrand prächtiger Rückblick auf Erdhausen, Gladenbach, den Rimberg und die Silberne. Wir gehen am Fuße der Koppe entlang und treffen nach kurzer Zeit blaue Punkte, die uns in mäßiger Steigung auf den 476 m hohen Heminerich bringen. Die Aussicht von oben ist allerdings beschränkt, doch bietet der Blick auf Duns- berg, Hohensolms und die Westerwälder Berac Ersatz für den gehabten Aufstieg. Zum Abstieg wählen wir jetzt rote Striche und fomr. en wieder auf unsere zu erst begangene schwarze Strichmarkierung, auf der wir nach dem am Fuße des Berges gelegenen Roden­hausen gelangen. Das Zeichen geht dann über Wiesen und auf aufwärts durch den Wald nach der Land­straße, auf der wir nunmehr weiterschreiten. Wir kommen an einer mächtigen Eiche, der sogenannten Zigeunereiche, sowie an der anmutig am Waldrand gelegenen Wirtschaft Eiserne Hand vorüber, wo mir das Zeichen verlassen, und genießen hübsche Aus­blicke, namentlich auf Hohensolms und später in die Marburger Gegend. Nachdem wir Frankenbach durch­wandert haben, erreichen wir beim Jsselicheid den

Das Spiel kann beginnen.

Borsaison in Karlsbad

Von Ernst Wesner.

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