Nr. 49 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 27. Abruar 1929
Aus der Wett des Films.
Der Klangfilm im Anmarsch.
Don Karl Ammon.
Nachdruck verboten.
QHif dem Klangjilm wollte es bisher in Deutschland nicht recht vorwärts gehen, trotzdem gerade bei uns frühzeitig ganz bedeutende Leistungen auf diesem Gebiete zu verzeichnen waren: man braucht nur an den Triergonfilm. den Film der Drei, nämlich der drei Erfinder Vogt, M also l l e und Engi zu erinnern, der schon außer- ordentlich vollkommen war. Teilweise aber war cs für die Weiterentwickelung hinderlich, datz die Tonfilmva^entc in verschiedenen Händen waren. Um diesem Uebclftanbe aözuhel'en, haben sich vor kurzem die 2lllgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, Siemens und Halske und die Polyphonwerke zu einer Klangsilm G. m. b. H. zusammen- geschlossen, die über Patente der verschiedensten Art auf dem fraglichen Gebiete verfügt und auch in der Lage ist, selbst die größten Lieferungen in den Werkstätten, über die sie verfügt, in kürzester Zeit auszuführen.
Die Gesellschaft ist erst verhältnismäßig spät an die Oeffentlichkeit getreten, da sie die Grundlagen für die Herstellung von Klangfilmen erst in ihren Forschungsstättcn entwickeln wollte. Dos ist nun geschehen, und die Gesellschaft hat bereits mehrere tausend Apparate zur Vorführung von Klangfilmcn in Arbeit, so daß man ihre Erzeugnisse voraussichtlich schon in kurzer Zeit in allen bedeutenden Städten Deutschlands sehen und hören wird.
Hm die Vollkommenheit ihrer Erzeugnisse zu zeigen, hat die Gesellschaft einem Kreis von Gästen mehrere Klangfilme vorgeführt, und zwar solche nach 'beiden in Betracht kommenden Verfahren. Man kann nämlich einem Film den Ton dadurch zuordnen, daß man gleichzeitig mit ihm eine Sprechmaschine laufen läßt, wobei man nur dafür sorgen muh, daß der Film und die Sprechmaschine »synchron", das heißt so laufen, daß Bild und Ton genau zusammen passen: das ist nicht so ganz einfach, und es ist früher bei ähnlichen Vorführungen oft vorgekommen, daß der Gleichlauf nicht stimmte, so daß z. D. ein Schuß knallte, ehe der Schütze angelegt oder nachdem er schon wieder abgeseht hatte: das wirkt dann natürlich sehr lächerlich. Man hat deshalb vielfach auch einen anderen Weg eingcschlagen, nämlich den, die in Lichtschwankungen umgewandelten Töne gleich mit auf das Filmband aufzunehmen und sie dann nach Umwandlung der Helligkcits- schwankungen oder der Breite dieser Lichtschrift in elektrische Schwingungen einem Lautsprecher zuzuführen. Dabei ist natürlich der Gleichlauf vollkommen gesichert.
Was bei der Vorführung gezeigt wurde, war im Gleichlauf durchaus vollkommen. Man konnte deutlich erkennen, wie das gesprochene oder gesungene Wort der Mundbewegung des Sprechenden genau entsprach, und wie die Handbewegungen des Klavierspielers die Töne hervorlockten. Besonders interessant war auch ein Ausschnitt aus dem Film „König der Könige", bei dem geradezu fabelhafte Tonwirkungen erzielt wurden, so z. D. beim Einschlagen der über die Leine» wand fahrenden Blitze. Hübsch war auch ein Trickfilm „Kater Murr auf Fischfang" mit Klangbegleitung, die dem Film zeitlich genau angepaßt war. Zum Schluß wurde der Einzug der Amerikaslieger Köhl, Hünefeld und Fihmaurice in Veu- hork gezeigt, bei dem man deutlich sah, daß die amerikanischen Soldaten im Gegensatz zu den deutschen immer mit dem rechten Fuß im Takt der Musik marschieren und bei dem namentlich das Anschwellen des Volksjubels beim Hcran- nahen der Flieger in seiner Vaturtreue geradezu erstaunlich war.
Beim Klavier schien mir die Wiedergabe des Tones noch etwas — aber nur sehr wenig — unter denselben Schwierigkeiten zu leiden, die wir ja alle von der Vundfunkwiedergabe her kennen, dagegen klang das Tyiophon vollkommen tri k ich- keitsgetreu und war vom unmittelbaren Anhören
Oie Film schlacht von Waterloo
Unblutiger Kampf bei Schleißheim. Feldmarschall Blücher im Auto.
Don Werner Friedmann.
Zwei riesige Heere sind aufgestellt bei Schleißheim, längs des Würmkanals. Kanonen donnern, Raketen schwirren, Pfiffe ertönen, Soldaten stürmen mit aufgepflanzten Bajonetten, Verwundete wälzen sich, werden fortgetragen. Unter einer höckriqen Ulme ist der „Feldberrnhügel". Generäle mit Dreimastern, roten Uniformen, Ehrenzeichen. Aber — das ist das Merkwürdige — diese Schlacht leiten nicht die Generale, sie stehen ganz untätig da, geben keine Befehle, werden selbst geleitet. Ein einziger Mann ist Oberkommandierender beider Armeen, führt freund und Feind. Er steht, mit grünem Knickerbocker-Anzug bekleidet, auf einem Podium, schreit, pfeift, gestikuliert in dieses Chaos hinein. Und ein Stab Zivilisten nimmt feine Anweisungen auf, gibt sie weiter mit Megaphonen. „Anmarsch, schneller! Mehr Kampfbegeisterung, meine Herren! Zum Teufel, falsche Richtung!" Ein greller Pfiff- , Lu rück, noch einmal!" Und die Schotten in ihren Röckchen, mit blaugefrorenen Knien, retirieren gehorsam. Ringsherum stehen Apparate, werden unermüdlich gekurbelt. Die Preußen rücken an, vereinigen sich mit den Engländern — Regisseur Karl Grüne eröffnet die Schlacht für den neuen Emelkafilm „W a t e r I 0 0".
Ein General in historischer Uniform rast mit seinem Auto heran. Man erkennt ihn deutlich — Blücher ist es. Freilich, ein wenig merkwürdig ist der Blücher — am Steuer eines Rennwagens. Die struppige, weiße Perücke, der charakteristische Bart, das Draufgängergesicht, die forsch aufgesetzte Mütze — alles paßt gut zusammen. 9m Bannkreis der Kamera vertauscht er das Auto mit einem feurigen Schimmel. Sprengt auf das Schlachtfeld. ^Großaufnahme, Herr Gebühr!" Wirklich — Otto Gebühr. Erst in nächster Nähe erkennt man unter dieser ausgezeichneten Maske den berühmten .Sriderieus Rex". Das scharfgeschnittene Gesicht, die blitzblauen Augen. Von der Gegenseite galoppiert der große Verbündete zür Begrüßung heran. Wellington. Die bekannte Begrüßungsszene. Der Regisseur macht es vor, der Knickerbockermann um«
von Tylophonmusik kaum zu unterscheiden. Man möchte fast sagen, die Tonwiedergabe übertrifft bereits die Wiedergabe der Bilder, bei der eben doch noch manche Schwierigkeiten zu überwinden sind, insofern z. D., als wir natürlich die Bilder gern in natürltchen Farben sähen, sowie hinsichtlich ihrer räumlichen Liefe, die ja den Filmbildern — wenigstens bei feststehendem Aufnahmegerät — noch vollkommen fehlt. Beides wird ja aber auch noch kommen. Für den Ton hat man natürlich auch noch einige Wünsche: so stört es mich, datz bei der Wiedergabe eines großen Orchesters oder eines Chors der Ton zu sehr von einem Punkt ausgeht, vielleicht nur deshalb, weil ich mehr mit den Ohren des Technikers höre: aber das sind Kleinigkeiten, die später ohne Zweifel überwunden werden, denn die Wege dazu liegen auf der Hand. Diese kri
tischen Bemerkungen sollen aber nur einen Ausblick in die Zukunft geben und keinesfalls das herabsetzen, was wir hier gesehen und namentlich gehört haben, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß die Vorführungen der Klang ilmgcsellschaft einen ganz ungeheueren Schritt vorwärts bedeuten und manches Bedenken, das auch ich gegen den Klangfilm bisher hatte, zu verstreuen geeignet sind. Insbesondere wird der Klangfilm gerade für die kleineren Lichtspielhäuser, die sich bisher oft mit ci 1 m schlechten Klavierspieler begnügen mußten, ton außerordentlicher Bedeutung werden: denn sie können künftig ihren Besuchern neben sprechenden Filmen auch eine Musik zur Untermalung stummer Filme bieten, die an Vollkommenheit und Schönheit kaum noch etwas zu wünschen übrig läßt.
Eine Stunde auf dem Mond.
Großfilmregie in Neubabelsberg.
Von Erich Effler.
Berlin, Ende Februar.
Da erzählen uns nun die Gelehrten in dickleibigen Büchern von jenem unwirtlichen Nachbarplaneten, auf dem man sich keinesfalls als Bewohner der lieben, guten Erde aufhalten könnte, weil man bei einer als geglückt vorausgesetzten Landung den Mond nur als lebendes Stückchen Gefrierfleisch betreten würde.
Nun hatte ich mich allerdings durch Spaziergänge in Berlins Umgebung bei 20 und mehr Grad unter Null in den ersten Tagen des Februar hinreichend trainiert — und vielleicht deshalb konnte ich feststellen, daß alles nur halb so schlimm war — Sie lachen? — Nein, tatsächlich, neulich war ich eine ganze Stunde oder gar etwas länger auf dem Mond. 9n z Stunden ist er von Berlin aus bequem zu erreichen. — Doch sachte, ich will nicht uorgreifen.
©teilen fie sich einmal so ein ganz großes, nur aus den Grundmauern und dein Dach bestehendes vierstöckiges Mietshaus, eine sog. Mietskaserne vor, in der vierzig bis fünfzig Familien ihr sprichwörtlich gewordenes drei- bis vierzimme- riges trautes Heim haben — denken Sie sich an der einen Seitenwand in halber Höhe ein paar Türen, zu denen schmale Treppen hinaufführen — und in der Höhe der Bodenräume geheimnisvolle Valken- konstruktionen und Laufstege, unter denen drei- und viereckige Glasfenstxr aufgehängt find' dann haben Sie ungefähr den ersten Eindruck, den man gewinnt, wenn man die große Aufnahmehalle der Ufa in Neubabelsberg an einem Tage betritt, an dem gerade die letzten Kulissen für irgendein Filmge- fqjehen hinausgetragen wurden.
Als ich vor ein paar Tagen in diesem bunten Zauberreich des Filmgottes Jupiter war, sah es allerdings anders — bunter, malerischer, imposanter — aus. Fritz Lang und Thea v. Harbou hatten uns zu einem Ausflug in die Mondlandschaft eingeladen. Hier, in Neubabelsbergs Filmateliers, liegt unser Mond!
Ich muß sagen, als ich die bereits fix und fertig dastehende Landschaft in ihrer imponierenden Größe sah, war ich einen Augenblick überrascht. Dann umfing mich erneut der anheimelnde Zauber des Ortes, der nur wenigen Fiimfreunden auszukosten vergönnt ist. Wieviel Mühe mußte es die Architekten gekostet haben, wieviel Arbeiterschweiß mußte geflossen sein, ehe diese gewaltige Mond-Dekoration stand und den Intentionen der Thea von Harbou wie des Regisseurs Lang — die beide peinlich genaue Schwerarbeiter sind — entsprach! Rings um den gewaltigen Bau erheben sich phantastische Mondgebirge, zackig und zerklüftet wie die Dolomiten. Hier und da haben sich gewaltige Krater gebildet, und Schnee und Eis auf den Gebirgszügen erinnern wenig angenehm an die Temperatur, die wir auch draußen auf der Erdenwelt, mitten in den
Straßen Berlins, von den Thermometern vor zwei Stunden abgelesen hatten. Hinter den Bergen flimmerten Hunderte von Sternen ...
Don irgendwoher gedämpfter Kommandoruf durch das vertraute Megaphon. In die „Glas- fünfter" an der Decke kommt Leben, zischend glühen sie auf, entpuppen sich als ungezählte große und kleine Scheinwerfer, die nicht nur gleißendes Licht, sondern auch angenehm empfundene Wärme spenden. Eine gewaltige Schneemasse füllt den Riesenraum aus, versetzt uns — die wir von schmalem Gange aus über festgefügte Sperrholzverkleidung hinweg blicken — in die ewigen Schneehöhen der Alpen. — „Was Sie da sehen, ist Schneeimitation — ist Ostseesand, von dem wir für die Ausnahmen etwa 300 Waggons für schweres Geld an» fahren ließen!" erklärte unser Führer.
In der Mitte des im Scheinwerferlicht sehr naturgetreu wirkenden „Schnecfeldes" steht ein geheimnisvoller, zwölf Meter hoher Rundbau mit einem erleuchteten Fenster und einer schmalen Tür, zu der eine kleine eiserne Treppe führt. Wie ein Wolkenkratzer aus einem Hottentottenkraal sieht er aus. — „Aber ein," lacht Willy Fritsch, der sich eben zu uns gestellt hat, „das ist doch das Raketen-Raum- schiff, mit dem wir auf dem Mond gelandet sind! Sehen Sie, wir haben doch die Idee eines alten Professors verwirklicht, haben uns von der Erdatmosphäre gelöst und sind auf einer sich zweifellos auch materiell rentierenden Mondexpedition! Wenn nur nicht dieser ekelhafte Vertreter einer mächtigen Kapitalgruppe mitgekommen wäre, der dauernd Streit anfängt — hören Sie selbst!"
Und wir sehen und hören! Da steht plötzlich vor dem Raumschiff ein Mann in Knickerbockers, mit Seil, Feldflasche und kompletter Hochtouristenausrüstung, und vor ihm, mit offener Hemdbrust, in höchster Erregung, ein zweiter, der wild gestikulierend auf ihn einredet. Als alles nichts hilft und der andere nur impertinent feixt, fliegen Schimpfmorte durch den Raum, die zweifellos einem Speziallexikon entnommen find. Dann greift der Erzürnte — wir alle haben mitllerweile in ihm Gustav von Wangen heim erkannt und „das Ekel" als Fritz Rafp identifiziert! — zu feinem Svaten, um erneut an die Arbeit zu gehen, nicht ohne zuvor jedoch all feine Verachtung vor Rafp in weitem Bogen — ausgespien zu haben. Doch dieser ausgemachte Filmhalunke schlägt ihn dafür hinterrücks mit einem Stein zu Boden und fesselt ihn mit seinem Seil die Hände aus dem Rücken.
Ein kurzes Signal, die Lampen erlöschen, ein Monokel blitzt aus dem Halbdunkel: es gehört zu Fritz Lang, dem Schöpfer der „Nibelungen", der „Metropolis"-Stadt und der „Spione". Neben ihm sitzt seine unermüdliche Mitarbeiterin und Gattin, Thea von Harbou, das dicke Regiebuch in der Hand. Die Szene wird kritisiert. Wangenheim " "Minamnigwmmr.j i-i-ji-uj-nraw!«u»1 tu
soll „anders stürzen", Rasp Aenderungen an sei ncr Ueberfallmcthode vornehmen. Ruhig und sachlich wird alles besprochen, kein lautes Wort, kein nervöses Anordnen — wie s onst so ost in den Ateliers — ist zu hören. Während sich Wangenheim von dem feinen Seesand säubert, der Gesicht, Hände und stleiber bedeckt, kommen Atelierarbeiter mit Eimern und streuen mit Zeitlupengeschwindigkeit neuen „Schnee", um die jungfräuliche Reinheit wiederherzustellen. Dann wird die kurze Szene, die von drei Operateuren aufgenommen wird und die später im Lichtspielhaus vielleicht für den Bruchteil einer Minute ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, drei-, fünf-, achtmal wiederholt, ehe sie zu aller Zufriedenheit ausfällt. — So entsteht lang fam, in aufreibender Arbeit ungezählter Kräfte, die nach durchdachtem Plan wie das Räderwerk einer Maschine ineinandergreifen, Szene für Szene für den neuen Fritz-Lang-Film der Ufa „F rau i m M 0 n b", dem ein Manuskript Thea von Harbous zugrunde liegt.
In anderen, kleineren Ateliers entstehen inzwischen die Modelle, nach denen sowohl die Dekorationen wie das gewaltige, 42 Meter lange Raum- sch ff gebaut werden. Es wird in seiner ganzen Größe, mit dem auf Grund fachwissenschaftlicher Beratungen kompliziert und raffiniert eingebauten Raketensystem nur für eine einzige Szene Verwendung finden, weil es in dieser Szene zerstört wird. — Wer einen Blick in diese Stätte rastloser Präzisionsarbeit getan hat, wer gesehen hat, mit welcher Liebe zum Werk auch der geringste Atelierarbeiter bei der Sache ist, der wird mit Bewunderung erfüllt. Und staunen muß man, mit welchem Inter esse sich die Filmleute mit dem auch wissenschaftlich originellen Gedanken des Films, mit der heute noch utopischen Idee eines Durchbrechens der Erdatmosphäre, beschäftigt haben. Ob der Regisseur Fellner, ob die hübsche, blonde Gerda Maurus (die eine Hauptrolle spielt), ob Fritsch ober Vertreter ber Presseabteilung: sie alle scheinen bie gesamte biesbezügliche Weltliteratur studiert zu haben: sie erklären sofort nach den ersten fünf Be- grüßungsworten bas Funktionieren ihres Raketenflugzeuges, ben Ausstoßmechanismus für bie verbrauchten Raketen; sie wissen belehrend zu deuten, warum dies so und jenes anders sein muß, sie zeigen wie ein Raumschiff sachgemäß auf dem Mond zu landen hat und erläutern, weshalb alle Darsteller dicke Bleiplatten unter ben Füßen tragen müssen. Man braucht gar nicht erst Herrn Professor O b e r t h , ben Sachverständigen für alle astronomischen Berechnungen und Mondforschungen, zu bemühen.
Mit (eifern Bedauern kehrt man von diesem „Mondausflug" in die nüchterne Wirklichkeit, in das Getriebe der verschneiten Großstadt, zurück.
Oer grausame Kasten.
Don Zenny Zugo.
Ter kleine schwarze Zauberhaften, den wir Film- Kamera nennen, ist ein grausames Ding. Man ist versucht zu glauben, daß er seine Schrullen und Geheimnisse hat, in die man erst nach langer harter Arbeit eindringen kann. Er vermittelt Uns die wunderbarsten Illusionen, weckt in uns Träume und geheime Sehnsüchte. Trotzdem ist die Kamera eine Maschine, ein Apparat, eine mechanische Angeleaenheit. Sie ist ein strenger Richter und beurteilt den Menschen, der vor ihr steht, nach ehernen unerbittlichen Gesehen. And allzu oft verurteilt sie ihn.
Wehe dir. 0 Held, und dreimal wehe dir, 0 Diva, wenn du die Nacht vor der Aufnahme durchgebummelt hast. Wie ein allwissender und strafender Gott durchschaut der Zauberkastcn deine Laster und kerbt die Spuren deiner Leichtsinnigkeit in den Zelluloidftreifen. Bist du nicht wohl ausgeruht, fehlt dir die Schwunglralt der Gelenke, die Beherrschung b:r Mimik: die Kamera, das empfindlichste Wesen der Welt, sviezelt dir ein schlappes, müdes Gesicht. Wenig hilft da die Kunst der Schminke, und mag auch die Musik
armt ben historischen General. Unb während ber Hilfsregisseur zu Pferb mit donnernder Stimme die Truppen sammelt, die friedlich, Zigaretten rauchend, im Grase liegen, kreist oben ein Verkehrsflugzeug über diesem Schauplatz aus dem Jahr 1815. Wieder sind bie Kurbelkästen in Tätigkeit, von allen Seiten wird die Szene gedreht. „Nicht lachen! ... Wollen Sie die Brille runtertun da vorne!
Mehr Tempo!" Und mitten in die schönste Schlachtenszene rennen ein paar tollgewordene Kühe, die nur mit Mühe und aufgepflanzten Bajonetten auf ihre Weibe zurückgetrieben werben können.
Pause, Umbau, Vorbereitungen für bie nächste Aufnahme. Feldmarschall Blücher verschnauft. Ich überfalle ihn: „Spielen Sie diese Rolle gerne, Herr Gebühr?"
Er lacht unter ber Schminke. „Sehr gerne. Jetzt komme ich endlich einmal los vom Fridericus. Das Publikum glaubt schon, ich kann gar nichts anders spielen. Nun kann ich zeigen, daß ich mich auch einer anderen historischen Rolle anpassen werde. Der Blücher ist nicht so leicht. Man muß das Dominierende, das Charakteristische finden. Und jede Geste, jede Mimik soll ber Figur treu bleiben. Es gilt eine Probe vor vielen Gesichtskennern zu bestehen. Ich habe die geschichtliche Gestalt studiert, das ifte©runbbebingung. Der Historiker Treitschke war mein Leitstern. Ader noch viel schwieriger war es, die Maske zu treffen. Auf jedem Bild ist Blücher anders bargestellt. Ich habe mir sozusagen einen „Extraktblücher" gebildet, indem ich alle zeitgenössischen Darstellungen übereinander kopieren ließ. Nach dem endgültigen Bild habe ich meine Maske zusammengestellt." Wieder schrilles Pfeifen. Marschall Vorwärts besteigt sein Pferd. „In München bin ich sehr gerne, es ist die gemütlichste Stadt, die ich mir denken kann."
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Humberstone Wright spielt den Lord Wellington. Ein englischer Schauspieler, ber das erstemal in Deutschland ift Ein prachtvoller Kopf — diesem Wellington muh man glauben. Er kann noch kein Wort deutsch, drückt seine Freude aus, in München spielen zu dürfen, ist entzückt über bie nette Aufnahme, die er überall, bet Kollegen und Publikum, findet. Unb bann ist ein Liebling ber weiblichen Kinobesucher da: Oskar Marion. Er spielt den Blücherschen Adjutanten Reuttlingen, ist eben ein» gesprungen für den verstorbenen Dene Morel,
dem diese Rolle zugesagt war. Ein paar Worte vom Regisseur. „Das Wetter, wenn nur das Wetter nicht wäre! Heute früh Nebel, man weiß nicht, was zu tun ist! Plötzlich klärt es auf. Fünfhundert Statisten sollen in kürzester Zeit zusammengetrommelt werden. Keine Kleinigkeit, aber es hat geklappt." Ehemalige aktive Offiziere, denen man dm Soldaten noch ansieht, Korpsstudenten, Kaufleute, Kellner, Arbeiter, abgebaute Beamte — jeder Beruf ist vertreten. Zehn Mark pro Aufnahmetag, ein unverhoffter Verdienst, wenn man auch frieren unb endlos warten muß und nicht gerade sanft behandelt wird. Friedlich stehen Franzosen, Engländer unb Preußen vor der dampfenden Wurstküche, bis bie Schlacht von neuem beginnt ...
Jilmbörse in Hollywood.
Wenn man einmal an unseren Filmbörsen erlebt hat, wie sich die Statisten um die Hilfsregisseure drängen, um ein noch so kleines Engagement zu erhallen, wie groß Die Zahl der QDb* gewiesenen und wie verzweifelt ihre Gesichter sind, bann denkt man Wohl: das muß im gepriesenen Filmparadies Hollywood ganz anders fein. Aber auch dort herrscht das gleiche äleberangebot, die gleiche Vot, b.e gleiche Verzweiflung. Wie dir Mücke zum Licht, so fliegen die Menschen nach dem trügerischen Schimmer des Films und wollen dort Duhms und Reichtum erlangen: aber Llnzäh- lige verbrennen sich nur die Flügel und stürzen in den Abgrund. Der Leiter des Stellenvermitt- lungs-Dureaus in Hollywood, Colonel O. C. W y- m a n, hat sich in einem amerikanischen Filmblatt über die Organisation dieser einzigen Filmbörse der amerikanischen Filmindurie und über seine Erfahrungen ausgesprochen. „Bevor wir dieses Bureau gründeten", sagt er, „gab es mindest ms 30 000 Personen in Los Angeles und Hollywood, die sich um Stellen beim Film bemühten, weil sie irgend wann einmal bei einer Ausnahme mit- gewirrt hallen. Zunächst muhten wir die Anfänger und Anfängerinnen und die, die die Fllm- arbeit nur so nebenbei betrieben, aus den Liftm entfernen. Aber auch nach dtesem Deinigungs- prozeß ist die Zahl der Stellungsuchenden noch 12 000. während wir täglich durchschnittlich nur für 710 Arbeit verschaffen können. Wir haben im 2ahre 1926 256 259 Stellungen für den Film
vermittelt. Manche von diesen dauerten einig: Tage, andere auch einige Wochen. Aber was ist diese große Ziffer gegen das Tiebermaß von Angeboien? Wie können 700 Stellen täglich auf 12 000 Menschen verteilt werden? Die 11 000 Eingetragenen, die keine Arbeit hatten, habm sich jämmerlich durchschlagen müssen, und viele von ihnen, die beim Kino Glanz und Glück finden wollten, haben gehungert und sind zu Grunde gegangen. Die größte Zahl, nämlich 6000 der Stellungsuchenden, sind Frauen, 5000 Männer und 1000 Kinder. Aber wenn wir nicht alle, die sich nicht eignen, rücksichtslos zurückweisen würden, dann tonnten wir unsere Listen um ein Vielfaches vergrößern. Obwohl mehr Frauen als Männer Arbeit begehren, werden doch bedeutend mehr Männer verlangt, im letztm Jahr gingen 68 Prozent der Stellen an Manner. 28 Prozent an Frauen und 4 Prozent ar. Kinder.
Das Bureau wird von den großen Filmfabriken unterhalten, die nur von hier ihre Statisten nehmen. Das DurchschnittLgehalt. das 1926 bezahlt wurde, belief sich auf 8.5 Dollar täglich und schwankte zwischen 3 und 15 Dollar. Eine Statistin, die 5 Dollar pro Tag bekommt, kann sich aber viel besser stehen, als eine, die 15 Dollar erhält. Denn diese höher bezahlte Schauspielerin bringt noch eine kostbare Vobe mit, während die andere in einfacher Stratzenkleidung erscheint. Schönheit gilt an der Filmbörse von Hollywood wenig. „Wir haben schöne und reizende Frauen in äleberzahl," sagte Wyman. „Wir werden überlaufen von Mädchen, die in einer Schönheitskonkurrenz zur „Königin" gekrönt wurden. Diese Krönungen sind meist ein großes Unglück für die, der der erste Preis zufällt. Sie g aubt sich nun zum Filmstar berufen, erwartet, von uns mit offenen Armen ausgenommen zu werden und ist grimmig enttäuscht, wenn wir sie zurückweisen. Vach Hause will sie meistens nicht mehr, weil sie sich schämt, und so ist nur noch dte Frage, wie lange das Geld reicht und wann sie dem Eiend anheimfällt. Dabei lehnen wir durchaus nicht etwa alle ab, trotz der Tieberzahl der Eingetragenen. Was wir brauchen, hat nichis mit Schönheit zu tun: wir brauchen Frauen mit Persöniichkeii, mit Eigenart, mit künstlerischem Temperament. Aber deren kommen wenige, sehr wenige."


