Ausgabe 
26.4.1929
 
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Nr. 97 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Zreitag, 26. April 1929

Turnen, Sport und Spiel.

Stadthandballmannschafi Gießen

Das Stadtamt für Leibesübungen der Stadt Wetzlar hat an die Stadtverwaltung Die­tzen das Ersuchen gestellt, einen Städte- spieltag DietzenWetzlar zu veranstal­ten. 3m Rahmen dieses Tages soll auch ein Handballspiel der Städtemannschaften Dietzen und Wetzlar stattfinden. Um eine Stadthand­ballmannschaft, wie sie in Wetzlar schon längere Zeit besteht, auch hier ins Leben zu rufen, fand am Mittwoch eine Sitzung der Spiel- ausschutzvertreter der handballspielenden Vereine D.f. V Spielv. 1903, Mtv. und Tv. 1846 statt. Einmütig beschloß man, eine Stadt- m a n n s ch a s t aufzustellen, die erstmalig am 5. Mai in Wetzlar spielen soll. Olm morgigen Samstag findet auf dem Waldsportplah des V.f.B. ein Auswahlspiel statt, um die besten Spieler festzustcllen. Es wäre nun zu wünschen, datz die Stadtverwaltung Dietzen, der Stadtverwaltung Wetzlar folgend, dem Bestreben der Vereine, eine Stadtmannschaft ins Leben zu rufen, in geeigneter Weise Unterstützung zuteil werden lätzt.

Handball der Sp.-Dg. 1900.

ö. 2lm kommenden Sonntag sind 19008 Hand­baller vor eine entschieden leichtere Aufgabe ge­stellt als am vergangenen Sonntag. Die Ak­tiven cs wird eine kombinierte Mannschaft fahren sind zum Propagandaspiel nach Weil­burg eingeladen. Der dortige Futzballverein spielt zwar noch nicht sehr lange Handball, aber da die Mannschaft sich ausschließlich aus talen­tierten Leichtathleten zusammenseht, wird sie einen nicht zu unterschätzenden Gegner abgeben.

Die e r st e Jugend hat die zweite Garnitur der Iugcndhandballer des V. f. L. W e h l a r hier zum Gegner. Man kann den Giehenern einen sicheren, wenn auch knappen Sieg zutrauen.

Die zweite Jugend empfängt die erste 3ugendmannschaft des Wetzlarer Sport­vereins. Letztere ist eine etwas unberechenbare Mannschaft, und man kann daher kaum eine Vor­aussage treffen. Ein knapper Spielausgang ist auch hier nicht unwahrscheinlich.

Handball Tv. 1899 Großen-Buseck.

Zum erstenmal in diesem Jahre tritt der Turn­verein mit drei Mannschaften auf den Plan.

Die Erste hat den Frankfurter Gaumeister zu Gast, Hier dürfen die Busecker sich nicht auf ein Zahlenexperiment einlassen, denn beide Mannschaften schlugen den Offenbacher Gaumeistcr mit gleicher Tordifferenz. Die sich daraus ergebende rechnerische Gleichwertigkeit existiert in Wirklichkeit nicht, der Hessenmeister muh aber den Vorteil des eigenen' Platzes ausnutzen und versuchen, dem Spiel einen möglichst knappen Ausgang zu geben.

Die Zweite hat die gleiche des Mtv. Gießen zu Gast. Wenn die Gäste auch geübter sind, so werden sie doch nur mit Anstrengung gewinnen können.

Die Schüler-Mannschaft fährt nach Wetzlar- Niedergirmes. Die Busecker Jüngsten haben einige hoffnungsvolle Kräfte, die das Spiel zu ihren Gun­sten entscheiden sollten.

Handballabteilung des Turnvereins Großen-Linden.

Kommenden Sonntag stehen sich in Großen-Linden die Jugendmannschaften des Mtv. Gießen und des Tv Großen-Lindei. gegenüber. Den Mtvlern gelang es bei den Pflichtspielcn 1928/29, ohne daß sie eine

Niederlage einzustecken brauchten, in der Jugendklasse den ersten Platz zu belegen. Großen-Linden wird sich große Mühe geben müssen, wenn es ehrenvoll be­stehen will.

polizei-Sporiverein Buhbach

1. Komp. 15. Zns.-Regt. 4:5.

Am Dienstag standen sich in Butzbach zum ersten Male die beiden Mannschaften in stärkster Aufstel­lung gegenüber. Der Schiedsrichter verstand es aus­gezeichnet, das Spiel unparteiisch zu leiten. Spiel­verlauf: Flottes Anspiel, nach zehn Minuten 2:0 für die Militärmannschaft. Kurz vor Halbzeit gleicht die Polizeimannschaft aus. Ein 13-Meter wird von Butzbach nicht geschossen. Halbzeit 2:2. Die Soldaten haben mehr vom Spiel. Kurz nach Halbzeit 4:2 für 1. Kompagnie. 15 Minuten vor Schluß Ausgleich durch zwei wundervolle Tore des Halblinken der Polizei. Ein flotter Kampf um die Entscheidung be­ginnt. Beide Mannschaften geben alles aus sich her­aus. Fünf Minuten vor Schluß gelingt es den Sol­daten durch einen scharfen Schuß des Linksaußen, als Sieger aus dem harten Kampf hervorzugehen.

V. f. B.

Für kommenden Sonntag hat der Spielaus­schuhGermania" Fulda als Gegner der Liga zu einem Gesellschaftsspiel nach hier ver­pflichtet. Die Gäste gehören der 2. Dezirksliga- klasse an und zählen schon seit Jahren zu den besten Mannschaften ihres Kreises. Zur Zeit stehen sie unter der sportlichen Leitung des frü­heren Trainers derBorussia", Turnaucr, der der zumeist aus jungen Kräften zusammen­gestellten Elf eine gute Zukunft voraussagt. V. f. B. wird infolge dienstlicher Verhinderung der Spieler Böttiger und Henrichs mit Ersatz antreten müssen, sollte aber trotzdem in der Lage sein, dem Gegner eine mindestens gleichwertige Partie zu liefern. Voraussetzung für ein günsti­ges Abschneiden ist, daß die Ersatzleute sich gut einfügen und die Mannschaft den nötigen Kampfeseifer aufbringt.

Die Dritte hat im fälligen Rückspiel die Erste Hermannsteins auf eigenem Platz zum Gegner. Das Vorspiel konnte V. f. B. nur knapp mit 3:2 gewinnen. Die Gäste werden diesmal eine höhere Riederlage einstecken müssen.

Ligareserve und A. - H. - M a n n s ch a f t sind spielfrei. Von der letzteren ist noch nach­zuberichten, daß sie am vergangenen Sonntag gegen die Erste von Steinberg nach großenteils überlegen durchgeführtem Spiel ein ehrenvolles 1:1 erzielte. Anzuerkennen ist der Eifer der sportfreudigen Alten Herren, die sich in Ermange­lung von gleichen Gegnern aktive Mannschaften verpflichten.

Die erste Jugend steht in Verhandlung mit dem Fuhballsportverein Frankfurt, um mit dem Besuch des Stadions anläßlich des Fußball­großkampfes der uruguayischen Mannschaft gegen F.Sp.D. ein Spiel mit der la Jugend des ge­nannten Vereins zu verbinden. Man darf auf das Abschneiden der V.f.B.er gespannt sein.

Die zweite Jugend trägt auf eigenem Platz gegen die Erste von Rieder-Weisel ein fälliges Pflichtspiel aus. Rach ihrer Rieder­lage am vergangenen Sonntag sollte sie alles daransehen, die Scharte wieder auszuwehen.

Sie dritte Jugend hat ebenfalls auf eige­nem Platz Steinbachs erste Jugend in einem Gesellschaftsspiel zum Gegner. Sie wird Mühe haben, gegen hie körperlich stärkeren Gäste aufzu­kommen.

Die erste Schülerelf fährt nach Wetzlar und ist dort Pflichtspielgeaner der gleichen des Sportvereins. Man darf ihr einen knappen Sieg Voraussagen.

Spielvereinigung 1900 Gießen.

ö. Von der ersten Elf sind am kommenden Sonn­tag mehrere Spieler verhindert, deshalb hat man die Elf spielfrei gelassen.

Die zweite Mannschaft hat auf eigenem Platze die zweite Elf Lauterbachs als Gegner, die in ihrer Spielgruppe hinter der Reserve Bo- russias (Fulda) rangiert. Ihre vorzügliche Spiel­starke ließ die Gäste außergewöhnlich gute Resul­tate erzielen. Da sich auch die Elf des Gastgebers zur Zeit in guter Form befindet, ist der Ausgang des Spiels nicht vorauszusagen.

1900s dritte Mannschaft fährt zur Aus­tragung eines Freundschaftsspieles nach Weil- bürg, dessen erste Els den Gegner abgibt.

Die erste Jugend trägt ihr letztes Pflicht- spiel in Nieder-Girmes aus. .

Die dritte Jugend spielt ein Gesellsck-aftsspiel gegen Lichs erste Jugend. Das Spiel findet in ^Die^erfte Schülerelf spielt im Pslichtspiel gegen Großen-Buseck auf hiesigem Platz.

Die zweite Schüler Mannschaft fahrt mit nach Nieder-Girmes, um gegen die dor­tigen Schüler zu spielen.

Fußball Heuchelheim - Oaubriugeu.

Rach zweimaliger Verlegung findet am nächsten Sonntag das letzte Verbandsspiel der diesjährigen

Saison des Sportvereins Heuchelheim gegen F. C. Saubringen in Daubringen statt. Rach* dem Lollar vorigen Sonntag in Laubach verloren hat, ist Heuchelheim Meister der ^-Klasse ge­worden, selbst wenn es das letzte Spiel verlieren sollte.

Fußballklub 1926 Großen-Buseck.

Mit Rücksicht auf das große Handballspiel der Handballabteilung des Turnvereins 1899 in Gro- ßcn-Buseck gegen Ofsenbach-Bürgel hat der F. E. 1926 Großen-Buseck von einer Sp.elaustragung in Großen-Buseck abgesehen. Dagegen wird die zweite Mannschaft einer Einladung nach Rieder- Ohmen folgen, um dort gegen die spielstarke gleiche Elf zu kämpfen. Unter Berücksichtigung der in letzter Zeit gezeigten Leistungen dürfte ein guter Ausgang für Großen-Buseck zu er­warten sein.

Sportverein 1928 Garbenteich.

Die erste Mannschaft des Sportvereins 1928 Garbenteich empfängt am kommenden Sonn­tag die gleiche des Fußballklubs Queckborn. In der Stürmerreihe der Gastgeber hat man eine Umstellung vorgenommcn. von der man sich wesentlich größere Durchschlagskraft verspricht. Garbcnteich wird diesmal alle Kräfte in An­spruch nehmen müssen, um gegen die flinken Gäste ehrenvoll zu bestehen.

Vorher treffen sich die Iugendmannschaslen beider Vereine. Hier wird man den Einheimischen, die in der letzten Zeit annehmbare Resultate er- zielten, mehr Siegcsaussichten zusprechen können.

Wmier-GerÄetveüumen in der D. T.

2. Bezirk im Turngau Hessen.

-o- Unter der Leitung des ersten Bezirksturn- wartes Paul Schüler, Wetzlar, und des zweiten Dezirksturnwartes Karl Reuter, Tv 1846 Gießen, kam das Winter-Geräte- toetturnen des 2. Bezirks (Gießen-We^ lar=Orünbcrg) im Surngau Hessen, dem auch Gauoberturnwart Wilhelm Will, Gießen, beiwohnte, am Sonntag zu Heuchelheim bei Gießen zur Durchführung. Heber die Hälfte der Turnvereine des Bezirks war vertreten, so daß in 12 Riegen sich 158 Bewerber den Kampf­richtern stellten. Aus dem Verhältnis der Sieger zu den Teilnehmerzahlen läßt sich erkennen, daß es dpn Dereinsturnwarten gelungen ist, einen beachtenswerten Rachwuchs im Geräteturnen her- anzubilden, obwohl gerade diese Art der Leibes- Übungen gegenüber der Leichtathletik und dem Spiel zur Zeit etwas in den Hintergrund zu geraten droht. Im Hinblick auf diese Verlagerung des Zeitinteresses gegenüber den verschiedenen Betriebsformen der Leibesübungen führte der Bezirksvertreter, Hniversitätsbureaudirektor W. Erle, Gießen, in seiner Ansprache wertvolle Gedanken für die in der Deutschen Turnerschaft überlieferte Pflege des Geräteturnens aus, das bei dem langen, mühevollen Weg zur Höhe des Erfolges hohe Anforderungen an die Selbst­erziehung des Tümers auslöse. Der erste Be- zirksturnwart dankte dem gastlichen Bruder- vercin Heuchelheim für die gute Vorbereitung der Veranstaltung und nahm unter Anerkennung für die pünktliche und sorgfältige Arbeit des Be­wertungsausschusses am Rachmittag die Sieger- Verkündigung vor. Ein Schauturnen auf der

Bühne in Abwechslung mit den flotten Weisen einer Hauskapelle hielt die große Zahl der Gäste noch einige Stunden in der geräumigen Turn­halle beisammen, wobei die geübteren Turner des Bezirks unter Leitung deö ersten Bezirksturn- wartes eine Reihe gut durchgebildeter Kürübun­gen zeigten und der Oberturnwart des Tv. 1843 Gießen, Karl Erb, in Verbindung mit dem Schülerturnwart Edmund Schubert vom Tv. Wetzlar ein Delehrungsturnen für den Tum- betrieb in Schülerriegen mustergültig zur anschau­lichen Durchführung brachten.

Rachstehend geben wir einen Auszug aus der Siegerliste:

Turner (Reunkampf: je zwei Pflichtübungen am Barren und Pferd, eine am Reck, dazu an jedem Gerät eine Kürübung, sowie eine Pflicht- freiübung: Mindestleistung 120 Punkte, Höchst­leistung 180 Punkte.) 28 Teilnehmer, 24 Sieger: 1. Sieg Artur Kreiling, Mtv. Gießen, 165 P.: 2. Heinrich Schaaf, Tv. Treis a. d. Lda., 160 P.; 3. Karl Leinweber und Heinrich Hettche, Tv. Treis a. d. Lda., 158 P.: 4. Karl Schick, Tv. 1846 Gießen, 155 P.; 5. Alois Burkart, Tv. 1846 Gießen, Heinz Meyer, Mw. Gießen, und Richard Frank, Tv. Grünberg, 152 P.; 6. Heinrich Aenoth, Tv. 1846 Gießen, 151 P.: 7. Albert Leun, Tv. Großen-Linden, 150 P.: 9. August Schott, .Tv. 1846 Gießen, 143 P.: 10. Karl Schlicht, Tv. Wchlar-Riedergirmes, 140 P.; 13. Willi Birk, Tv. Wetzlar-Riedergirmes, 133 P.; 14. Heinrich Zammert, Mtv. Gießen, 132 P.; 15. Willi Ufer, Tv. 1846 Gießen, 131 P.; 16. Friedrich Wende- roth, Tv. 1846 Gießen, 130 P.: 17. Otto Rinn und Wilhelm Rinn, Tv. Heuchelheim, 128 P.; 18. Wil­helm Röhrsheim, Tv. Krofdorf, 123 P..

Nachdruck verboten

13 Fortsetzung.

Roman einer Nacht

Don Paul Rosenhayn.

Schon erschien Marcelle, die Hausherrin, den berühmten Gast zu empfangen; nun öffneten fich Die Türen. Spontanes Händeklatschen begrüßte die Sängerin. Sie trat lächelnd, mit ber Unbe­fangenheit der Amerikanerin, in den Kreis der Bewunderer. Musik setzte ein: die amerikanische Rationalhymne.

Wieder öffnete sich die Tür; ein Herr im Frack, ben Danebrog-Orden, entgegen den Gepflogen­heiten dieses Hauses, aus der Brust, erschien, gleichfalls mit einem Händeklatschen begrüßt: der Direktor der Königs. Oper. Die Sängerin, tue das Dänische nicht genügend beherrschen mochte, wandte sich lachend, wie hilfesuchend, zu ihm hemm; er -küßte ihre Hand; dann deutete er mit einer Geste an, daß er zu reden Wunsche. Marcelle erschien, ihm vertraulich zuwinkend; er begrüßte sie mit einer tiefen Verbeugung.

Schwurgericht.

Miß Eva Sullivan ist zu gerührt, um Ihnen für den liebenswürdigen Empfang so danken zu können, wie fie möchte", sagte er, sich an die Anwesenden wendend.Außerdem _ spracht fie, offen gestanden, nicht genügend Dänisch Miß Sullivan sagt mir, daß dies die schönste Stunde ihres Lebens sei: der große Erfolg ihresside- lio" - und nun als Gast, ich wage nicyt zu sagen als Mittelpunkt, der erlesenen Gasteschar dieses herrlichen Hauses. Und noch ein anderes kommt hinzu - Sie alle wissen, woran ich denke: Oie Reuyork Skandinavien-Linie hat den entzücken­den Gedanken gehabt, ihren jüngsten und schön­sten Dampfer nach unferm lieben Gast zu be­nennen. DieEva Sullivan", das neueste und schönste Schiff der amerikanischen Handelsflotte, hat ihre Prüsungssahrt über den Atlantischen Ozean mit Ehren bestanden. In dieser Rächt iwch wird dieEva Sullivan" in den Hafen von Ko­penhagen einlaufen, ein stolzes und schönes Schiff, in dieser Rächt noch reichen sich zwei 9r°uc Rationen, zwei Erdteile, brüderlich die Haniw- Das Lächeln einer schönen Frau hat dieses Wun­der vollbracht; die Stimme einer jungen, begria- beten Künstlerin hat über alle Stürme, über Tod und Gefahren hinweg, das Lied der völkerver­bindenden Freundschaft verkündet: Reuyork denkt an Kopenhagen in dieser feierlichen Stunde unsere Gedanken aber sind wiederum bei oen Brüdern jenseits des Meeres. Im gleichen Rhyth­mus schlagen unsere Herzen, und in ehrfürchtiger und zärtlicher Bewunderung blicken wir auf die schöne Schutzpatronin dieses Werks; sie selbst ist

erschienen, uns mit frohem Glauben an die Zu­kunft zu erfüllen. Daß das unter so verheihungs- vollen Auspizien Erstandene öer_ Anfang einer neuen glücklicheren Zeit sein möge, in diesem Wunsche, bitte ich, mit mir Ihre Stimme zu ver­einen. In freundlichem Doppelsinn lautet mein Glückwunsch: Eva Sullivan sie lebe!"

Wieder setzte Musik ein: die dänische Rational­hymne. Die Hochs brausten durch den Saal.

Während alles sich um die Sängerin scharte, sie mit Zumsen, Händedrücken, Komplimenten über­schüttete, ging Marcelle ungesehen, unbeachtet durch die Reihen der Erregten. Sie suchte So- koloff. Er war nicht im Saal, soviel war sicher. Wo konnte er sein? Hatte er in einer jener un­faßbaren Ahnungen die Gefahr gespürt, die in der Luft lag? Sie kannte ihn: sie wußte aus Erfahrung, daß er für derlei Dinge ein fast über­sinnliches Empsinden hatte. Sie ging an der Bar vorüber; niemand nahm von ihr Rotiz; selbst der Mixer war in den Kreis der Gäste getreten; niemand schien seine Dienste zu beanspruchen.

Wo war Fedor Sokoloff?

Cs galt, ihn zu warnen, falls er noch nicht ge­warnt war. In ihrer Hand hielt sie immer noch das zerknitterte Bild, eine gefährliche und unbe­greifliche Drohung. Das Stimmengewirr im Saal schwoll zum Brausen an; eben tanzte der amerikanische Gesandte mit Eva Sullivan an ihr vorüber.

Fedor Sokoloff war nicht im Saal.

Aber auch Linda Andersen war nicht zu sehen. . .

Marcelle öffnete die Glastür zum Wintergar­ten; sie blickte nach rechts und links. Der Raum war leer; sie ging hinter den Rhododendren herum, über den Grottenweg bis zur Ausgangs- tür.

Fedor Sokoloff war nicht da.

Sie ging hastig den Weg zurück, durch ein Stückchmi des Saales; dort führte die Treppe zum Musikzimmer empor.

Der Flügel stand geöffnet, der Raum war leer; Peter, der Diener, schichtete die Roten zu­sammen.

Als ob sie etwas suche, ging sie langsam an ihm vorüber, durch die Seitentür zur Bibliothek.

Der alte Literaturprofessor Sylvander saß wie immer über ein armdickes Buch gebeugt; er blickte flüchtig auf; dann las er unbeirrt weiter.

Wo war Sokoloff? Wo war Linda Andersen?

Während Marcelle hinübersah, schräg durch den Saal, wußte sie plötzlich: er ist im Tür­kischen Zimmer.

Jemand flüsterte ihren Ramen.

Sie sah sich betroffen um; ein paar Herren und Damen gingen vorüber, flüchtige Bekannte; sie schienen Marcelle nicht bemerkt zu haben.

Wer hatte ihren Ramen gerufen?

Immer noch stand sie unschlüssig, verwirrt und beklommen; dann ging fie zum Türkischen Zim­mer.

Als sie vor der kleinen, dunkelbraunen Tür stand, begriff sie plötzlich, datz sich in diesem Augenblick ein Schicksal erfüllte. Datz in die­ser einen kleinen, winzigen Bewegung dem Herunterdrücken des Griffs, dem Eintreten in einen kleinen, fremdartig ausgestatteten Raum, in dem es wahrscheinlich nach Zigaretten duftete daß in diesem belanglosen Tun das Ja oder Rein verborgen war, an das sich der Weg nach rechts oder der Weg nach links knüpfen würde.

Dennoch blieb ihr keine Wahl; sie fühlte deut­lich, wie gleichgültig die Entschlüsse der Menschen waren, mit welcher Unerbittlichkeit das fertige Schicksal hinter den Dingen wartete. Sie begriff, daß den Menschen nur eine kleine, lächerliche, eigene Tat übrig blieb: eine Tür aufzumachen.

Sie trat ein.

Dort drüben sah Fedor Sokoloff mit Linda Andersen. Sie hielten sich umschlungen; so leiden­schaftlich war ihre Umarmung, daß sie das Eintreten Marcelles nicht hörten. Einen Moment lang stand Marcelle Krentz regungslos, un­schlüssig, ob sie auf Sokoloff zugehen, ihm viel­leicht ins Gesicht schlagen sollte. Dann, mit einem gefährlichen Lächeln in ihrem bleichgewordenen Gesicht, sah sie auf das Bild, auf das kleine, zerknitterte, verhängnisvolle Bild in ihrer Linken, das spöttisch im Licht der roten Ampel blinkte. Sie fuhr glättend mit der Hand über die haar­dünne Zellulose, die ihr plötzlich wie eine wert­volle und tödliche Waffe dünkte; sie knipste die Handtasche auf und legte das Bild behutsam zwischen zwei Visitenkarten.

Dann öffnete sie die Tür und drückte sie ge­räuschlos wieder ins Schloß.

Heber dem Korridor des Schwurgerichts lag schwer und süßlich die verbrauchte Lust. Das Licht, fahl, von einem gelblichen Grau, schim­merte auf unruhigen und betroffenen Gesichtern; es war, als ob in diesen Räumen jeder Blick, jeder Schritt, jedes hastige Wort einem scheuen und beklemmenden Lauschen Ausdruck verlieh.

In der kleinen Ausbuchtung des Korridors standen die beiden Verteidiger Marfa Ermolieffs: Doktor Julsrud, der Jüngere und Aage Lund der berühmte Aage Lund, dem man nachsagte, daß unter seinen Händen aius Schwarz Weiß werde, wie unter den geschickten Fingern eines Prestidigitateurs.

Doktor Julsrud redete unausgesetzt auf den berühmten Kollegen ein; aber Aage Lund stand, den Kopf zur Seite gewandt, ohne eine Antwort zu geben, und man wußte nicht recht, ob er den Vorschlägen, den Zweifeln und den Hoffnungen des Kollegen ein williges Ohr lieh oder ob er vielleicht gar nicht zuhörte.

Zum mindesten," sagte Doktor Julsrud,scheint mir das eine festzustehen: wenn nichts dazwischen­kommt, erzielen wir einen Freispruch aus Mangel an Beweisen.

Aage Lund ganz Kopenhagen nannte seinen Vornamen mit, wenn es von ihm sprach nickte zerstreut.Wenn nichts dazwischen kommt... murmelte er.

Hnd ich meine, es sollte unsere Ausgabe, eine Aufgabe, die nicht schwer zu erfüllen ist, sein, Herr Kollege, dafür zu sorgen, daß in der Tat nichts dazwischen kommt. Der Vorsitzende ist der Angeklagten nicht ungünstig gesinnt."

Hm", machte Aage Lund.

Der Staatsanwalt ist gefähr.ichcr, aber wenn das alles ist, was an Material zusammengctragen wurde, so ist die Geschichte so rätselhaft, daß nicht das Gericht die geeignete Instanz ist, son­dern eher ein psychiatrischer Kongreß."

Ein psychiatrischer Kongreß ..." wiederholte Aage Lund.

Sagen Sie einmal" Doktor Julsrud wandte sich nervös herum,es ift zwar sehr höflich von Ihnen, daß Sie immer meine letzten Worte wiederholen; aber ich kann das nicht eigentlich als ein Zeichen von hoher Aufmertsamkeit auf­fassen."

Ich bin ganz Ohr."

Lieber Kollege ich weiß aus Erfahrung, daß Sie meinen Gedankengängen immer um einen Point voraus sind. Manchmal auch um zwei Points. Was geht Ihnen augenblicklich im Kopf herum?"

Ich bin wirklich ganz Ohr."

Zum mindesten aber sind Sie nicht ganz Auge", beharrte Doktor Julsrud.Sie blicken nämlich unausgesetzt nach der andern Seite. Ich glaubte zuerst, irgendwo sähe eine schöne Frau. Aber ich sehe nur einen häßlichen, alten Mann. Außerdem schläft er. Finden Sie das so inter­essant?"

Rechtsanwalt Aage Lund wendete sich lächelnd dem Kollegen zu.kennen Sie diesen häßlichen alten Mann?"

Rein."

Betrachten Sie ihn einmal genauer.

Er wird weder jünger noch schöner werden, wenn ich ihn betrachte. Sonderlich interessiert scheint er auch nicht zu sein; denn sonst würde er nicht schlafen."

Hm. Der Mann, den Sie dort drüben sehen, ist, das muh ich Ihnen zunächst sagen, weder alt noch häßlich. Er tut nur so."

Kann man, wenn man jung und hübsch ist, sich so stellen, als wäre man alt und häßlich?"

Aage Lund zuckte die Achseln.Sie nicht, Herr Kollege. Ich auch nicht, offen gestanden. Er kann es."

(Fortsetzung folgt)