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Nr. 22 Zweites Blatt
Samstag, 2b. januar 1929
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Ober Hessen-
England wird Festland!
Sine Eisenbahn 40 Dieter unter dem Meer. - Oer Kanaltunnel zwischen England und Frankreich. - Günstige technische Vorbedingungen. - Oas Verteidigungsproblem.
Leidenschaftlich befürwortet und hefig bekämpft wurde daS Projekt, das in absehbarer Zeit ver- wirk.icht werden soll: der Dau eines Tunnels zwischen England und Frank- reich. 3n wenigen Wochen wird sich das englische Parlament mit diesem Plan befassen, und -,s ist anzunehmen, daß sich im Ober- und im LlnterhauS Wehrheilen für den Dau finden werden. Eifrig arbeitet das „Kotnilee für den Kanal- tunnel", daS im englischen Parlament schon Probeabstimmungen vorgenommen hat. Frankreich hat seine grundsätzliche Einwilligung vor längerer Zeit erteilt und so w.rd nun ein Plan verwirklicht werden, den große Politiker bereits vor einem Jahrhundert aus führen wollten. Da das Bauschema festgelegt und die Finanzierungstrage gelöst sein soll, könnte der Dau sehr bald in Angriff genommen werden.
Obwohl man 30 003 Arbeiter anstellen will, ■um die Dollendung des Tunnels zu beschleunigen, Wird es viereinhalb Jahre dauern, bis -er Dau vollendet ist. Auf 600 bis 700 Millionen Mark werden die Kosten des Daues veranschlagt: aber man weih ja aus Erfahrung, daß bei so großzügigen Unternehmungen der Voran schlag stelS überschritten wird. Schon im Jahre 1934 wird vielleicht bei Dover, an der Stelle, wo letzt der Shakespearefelsen in die Se-? hmaus- ragt, ein riesiger moderner Dahnhof stehen. Aufzüge und Rolltreppen werden die Reitenden zu den unterirdischen Bahnsteigen befördern, aus denen die elektrischen D-Züge em- lausen sollen, mit denen man in verhältn.smähig kurzer Zeit in luxuriös ausgestatteten Schnellzugswagen nach Frankreich fahren können wird, ohne sich in die Gefahr zu begeben, bei noch so groben Stürmen seekrank zu werden. Zwischen Doulogne und Calais, in der Rähe des Städtchens St. Raphael. wird der Kanal auf der französischen Seite enden: dort befindet sich ein Stollen, der in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gebohrt wurde. Schon da- mols wollte man einen Derbindungstunnel bauen und ha:te darum einen Dersuchsschacht angelegt: auch aus der englischen Seite hatte man in der Nähe des Shakeipearese lens entsprechende Bohrungen vorgenommen. Die Arbeit, die damals gelastet wurde, ist nicht vergeblich gewejen. denn die Schächte, die zu jener Zeit angelegt worden sind, sollen nun die Ausgangspunkte für die neuen Arbeiten bilden. Der Tunnel wird etwa 40 englische Meilen lang sein, und der größte Teil dieser Strecke soll 40 Meter unter dem Kanalbett liegen.
Seit einem Jahrhundert haben sich die Ingenieure Frankreichs und Englands immer wieder bemüht, neue stelS verbesserte Pläne für den Dau deS Kanaltunnels zu entwerfen. Die Fachleute waren sich von vornherein darüber einig, bah dieses Projekt nicht auf unüberwindliche technische Schwierigkeiten stoben würde. Der Kreideboden des Aermelkanals bietet den groben Bohrmaschinen nur verhältnismäßig geringen Widerstand: auberdem haben die bisher ange- fte.lten Tiefbohrungen ergeben, dab sich d e graue Kreide chicht durch die der Tunnel führen soll, in etwa 60 Muer S.ärke zusammenhängend, ohne Falten oder Brüche von der französischen bis zur eng ischen Küste erstreckt. Das Ausbrechen des Tunnels wird also unter den denkbar günstig ten Bedingungen erfolgen und keine allzu groben Kosten verursachen.
Eine große Schwierigkeit muh jedoch bei per An age des neueii Derbindungsweges berücksichtigt und überwunden werden: die grobe Furcht der Engländer, durch den Bau des Tunnels mit dem Fest and untrennbar verbunden zu werden und damit aus ihrer „splendid Isolation“
zu tre.en. Der Bauplan sieht deshalb besondere Einrichtungen vor, d.e es ermöglichen werden, den Tunnel in wenigen Augenblicken unter Wasser zu sehen oder mit Giftgasen zu füllen, wenn eine Sperrung des Verbindungsweges notwendig sein sollte. Sollte also eines Tages ein Krieg zwischen Eng.and und Frankreich ausbrechen, so kann sich England in wenigen Stunden gegen eine feindliche Invasion schützen und wieder zur Insel werden. Diese Borsichts- mabregeln haben wohl viel dazu beigetragen, das Wibtrauen vie.ec englischer Politiker gegen die unterirdische Derbindung mit dem Festland zu zerstören.
Bor einigep Jahren schien die Verwirklichung des Bauprojektes noch in weiter Ferne zu liegen. Damals dachte man daran, nicht nur einen, sondern sogar vier Tunnel zu bauen, deren jeder eine Länge von 35 Kilometer Haven sollte. Ein Tunnel sollte ausschlieblich dem Auto- mobilverkehr dienen, denn man wollte es den Londoner Geschäftsleuten ermöglichen, d i e Beile nach Paris und zurück an einem Tag zu erledigen Aun wird man zwar vorläufig noch nicht mit dem Automobil auf dem Meeresboden dahinrasen können, aber die eiligen Reisenden werden dennoch viel Zeit ersparen, da die elektrischen Fernzüge den Weg von der französischen zur englischen Küste in 40 Minuten zurücklegen sollen. 30 000 Reisende und 30 000 Tonnen Güter hofft man an einem Tag durch den Tunnel zu befördern. Ein riesiges Kraft- werk, das in der Rahe der unterirdischen Verbindung liegen wird, soll den Strom für die elektrischen Vollbahnen liefern. Allerdings bildet gerade die Anlage dieses Kraftwerks einen Streitpunkt, England wünscht nämlich, dah das Werk auf britischem Boden errichtet wer- den soll, damit die er gl scle R egierung im K i gr- fall den Verkehr beherrsche, und Frankreich hat natürlich das entgegengesetzte Interesse.
Schwieriger als die Lösung der technischen Probleme ist die Beschallung des notwendigen sehr beträchtlichen Kapitals. Muß doch eine Summe von ungefähr 700 Millionen Mark in ein Unternehmen gesteckt werden, von dem man nicht weih, ob es imstande sein wird, das investierte Kapital zu verzinsen. Die Geldgeber werden eine jährliche Verzinsung von mindestens 6 Prozent beanspruchen, denn unter diesem Zinsfuß ist heute wohl in der ganzen Welt kein langfristig angelegtes Kapital aufzutreiben. 4 2 Millionen Mark müßten also jährlich her- ausgewirtfchaftet werden, um nur den Zinsendienst zu decken und in dieser Summe ist also noch nicht der Betrag für die Amortisation der Anlage enthalten. Wird der Kanaltunnel oder die Gesellschaft, die ihn verwaltet, so große Ueberschüsse erzielen? Eine Berechnung der Rentabilität läßt sich bei solchen Projekten nur schwer anfteUen. sie ist eher zu schätzen. Richtige Beroch- nungen sind so selten, daß man noch heute in Fachkreisen davon spricht, wie der Verkehrs- iechniker der Deutschen Dank, Regierungsrat Ä e m m a n n , vor der Erbauung der Berliner Hoch- und Untergrundbahn einen Voranschlag des voraussichtlichen Verkehrs aus den einzelnen Linien ausstellte, die sich später mit der tatsäch- lichen Verkehrsziffer fast genau gebedt hat.
Im Gegensatz zu dem gut durchgearbeitelen neuen Projekt stehen die phantastischen Pläne, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts für die Untertunnelung des Aermellanals entworfen wurden. So schlug der französische Ingenieur Mathieu dem Damaligen Konsul Bonaparte ein merkwürdiges Projekt vor, das selbst- verständlich nicht ausgeführt wurde. Er wollte den Tunnel von Calais zunächst nur bis zur
Mitte des Kanals führen und auf der Sandbank von Darnes, deren Kuppe noch 15 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, eine Art Station anlegen. Die Spitze der Sandbank wollte er so weit erhöhen, daß sie übet das Meer hinausragte, und auf der Kuppe sollte eine Lüftungsanlage für den Tunnel geschaffen werden. Da die Sandbank ziemlich ausgedehnt ist. trug sich der phantastische Ingenieur sogar mit dem Gedanken, mitten im Kanal eine S.adt mit einem Rettungshasen für gefährdete Schiffe an- zulegen. Rapolcon war zunächst von diesem kühnen Plan begeistert, verfolgte ihn aber nicht weiter, als er die Undurchsuhrbarkeit des Projektes schlleßlich einsah.
Im Jahre 1875 ging man endlich daran, den Tunnelbau in Angriff zu nehmen, damals wurden auf beiden Seiten des Kanals acht Jahre lang Stollen gebohrt, die jetzt wieder benutzt werden sollen. Das englische Oberhaus veranlaßte aber später die Einstellung der
Arbeiten. Erst während des Krieges, im Jahre 1916, tauchte der Plan eines Verbindungstunnels wieder auf, als die deutschen U-Boote den Seeverkehr zwischen England und Frankreich stark behinderten. Seit dem Jahre 1919 hat es nun nicht an neuen Versuchen gefehlt, die Unter» tunnelung des Aermellanals durchzufetzen. Al« Lloyd George im Rovember 1919 in dieser Sache interpelliert wurde, verschanzte er sich hinter die Admiralität und das Kriegsministerium, von deren Einwilligung er seine Zustimmung abhängig machte. Roch im Jahre 1924 hat der ..Rationale Verteidigungsrat" Einspruch g.gen die unterirdische Verbindung mit Frankreich erhoben,^ so daß die Errichtung des Tunnels für lange Zeit vereitelt schien. Run endlich ist es dem „Komitee für den Kanaltunnel" gelungen, die Widerstände zu beseitigen, die sich seit über hundert Jahren der Ausführung des großzügigen Projekts entgegengestellt haben. K. R. Grawitz.
Der Balkan im Streit der Mächte.
Neue serbische Quellen zur Vorgeschichte des Weltkriegs. - Oie Annexionskrisis von 1908. — Rußland, die Entente uns das Südslawentum.
Don Or. Gustav Roloff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.
An dieser Stelle ist schon wiederholt auf die Wichtigkeit der Balkankrisen für die Vorgeschichte des Weltkrieges hingewi sen worden. Man kann geradezu die orientalischen Vorgang: als einen Gradmesser für die Störte des Fri densge^ankens in Europa bezeichnen: die auf den Umsturz t>:r Machtverhältnisse am Balkan, ja zum Teil in Europa gerichtete Politik der Dalka.lltaaten tritt immer h.rvor, wenn sie an der Einmütig!llt der Großmächte Zweifel hegen, und Erfolg erlangt sie, wenn sie von einer od r mehreren Großmächten unterstützt wird. So ist jede Ber icheruna unserer Kenntnis über die Balkanpolit-ill auch der kleinen Länder, von großem W.rt für die Erkenntnis der Politik der europäischen Großmächte, wir müssen es daher mit Freude begrüßen. daß wir jetzt über die Politik Serbiens. also des Staa:es, der den unmittelbaren Anstoß zur Kalastro he gegeben Hal. durch ein2 große Aktenveröfsentlichung reich s authentisches Material erhalten. Sie rührt allerdings nicht h-r von der Belgrader Re zierung — di se hat guten Grund, ihre Dorkriegspolüik nach Möglichkeit zu verschleiern — sondern von ein m serbischen Diplomaten. der mit ihr zerfallen ist, von Dr. M. Boghitschewitsch. vor dem Kriege Gesandt r in Berlin, nachher durch mehrere Arbeiten über den Kriegsursprunf bekannt geworden. Der bisher erschienene erste Band der auf drei Dände berechneten Publikation (Berlin. Drück.nverlag) bringt nicht weniger als 417 Aktenstüde, von denen nur wenige bereits bekannt waren. Es sind im wesentlichen Korrespondenzen der serbischen Regierung unt) der Gesandtschaften im Auslande I von 1908 bis 1913. also aus der Zeit, in der sich die Entente und die Mittelmächte immer schärfer gegcnübertrelen. Dis letzten Vorgänge, die zum Kriege geführt haben, die s -rbische revolutionäre Propaganda in ten süd l wischenProrin e i Oester- reich-Ungarns und die Ermordung Franz Ferdinands. werden im ersten Bande noch nicht behandelt, seinen Hauptinhalt bilden die Annexion Bosniens durch Oesterreich und der Krieg von 1912. aber was wir darüber erfahren, ist geeignet, große Spannung auf die folgenden Bände h rvor- zurusen. Aus serbischen Qael.en wird hi -r aufs neue die Anschauung bestätigt, daß Angriffsund Croberungsaussichten allein auf feiten der Entente vorhanden waren und daß nur dort systematische Vorbereitungen zu einem großen europäischen Kriege getroffen worden sind.
Bekanntlich setzt mit dem Abschluß der englisch- russischen Entente im Jahre 1907 ein: runie stärkere Bewegung in der Balkanpolitik ein, und ihr erstes Ergebnis war die Annexion von Bosni m
und der Herzegowina durch Oesterrnch-Ungarn, das diese Länder seit dem B.rliner Kongreß (1878) verwaltet hatte. Oesterr.ichs Entschluß ging hervor aus der Absicht, sich den Besitz dieser Länder, die es mit großen Opfern d.r europäischen Kultur zugeführt hatte, dauernd zu sichern, es bedeutete keine materielle, sondern nur eine formelle Aend rung des Rechtszustandes. Keine Macht hatte erwart.t, daß Oesterreich jemals diese Provinzen auf geb en werde. Ja, der russische Minister des Auswärtigen, Iswolski, war sogar der Meinung, wie wir jetzt aus seinen vertraulichen Aeuß rangen erfahren, daß Oesterreich durch diesen Schritt s ine Machtstellung schwache, weil es zugleich mit ber Annexion das Recht, den Sandschak zu beseh n. aufgab, also nicht mehr in der Laze war. einer V r- einigung zwischen Serien und Monten gro unmittelbare Hi.'.dernisse ;u b r iten. Trotzdem erhob Rußland scharfen Widersprach ge;en den oft r- reichischen Schritt, weil seine Ansicht, b i dieser Gelegenheit das Durchfahr srecht durch di: Dardanellen zu erlangen, nicht in Erfüllung geganj.n war. und Serbien schloß sich ihm an. wen es — ohne jede Spur formellen oder moralischen Rechts — längst sein Auge auf die beid.n Provinzen geworfen hatte und in der Annexion eine Erschwerung seiner Wünsche erblickte. Beide mußten schließlich das österreichische Vorg.hen anerkennen, weil Rußland, wie damals schon bekannt wurde und jetzt aus zahlreichen intimen Aktenstücken bestätigt wird, sich zum Kriege infolge der japanischen Riederlage und der Revolution noch nicht gerüstet fühlte, aber beide waren entschlossen, sich dabei nicht zu beruhigen, sondern nach völliger Wiederherstellung der russischen Armee eine gewaltsame Losreißung der beiden Provinzen, ja eine Zertrümmerung der Donaumonarchie zu erstreben. Iswolski verhieß der serbischen Regierung für später Abrechnung mit Oesterreich, und der Zar selbst sagte, Rußland und Serbien müßten sich für den Zusammenstoß zwischen Slawentum und Germanentum vordere iten. Richt anders dachten die Führer der öffentlichen Meinung. Beginnt jetzt k Lien Krieg, sagten der Dumayräsident und Gutschkow, der Führer der Oklobristen. dem serbisch m Gesandten, verschweigt eure Absichten und b reitet euch vor, es werden die Tage eurer Freuden kommen (Herbst 1908).
Um den Krieg gegen Oest erreich desto sicherer führen zu können, schien der russischen Regierung ein Bund aller Dalianstaaten, vor allem zwischen Serbien und Bulgarien, unerläßlich zu sein. Bisher hatten sich die Rach^arn durch Rivalität oft
Schulergasie Tlr. 8.
Von Otto Zoff.
Ich war für ein paar Tage nach Wien gekommen. ich schlenderte mit einen alten Freunde über den Graben und übet den Stephansplatz, fo um s-ccch; Uhr abends, wenn das gelbe Licht der Straßenlaternen fid) mit dem Revel des späten Tages zu e.uer phantastischen Atmosphäre ohnegleichen zusammenfinitet. Wir erzählten, wir jammerten, wir lachten — das Gespräch ging hin und wider.
,Siehst du," sagte ich unter anderem, „man kann kein Gedicht machen, wenn vor den Fenstern ein Autv das andere jagt. Man kann nicht menschliche Schicksale empsinden, wenn es dem Telephon erlaubt ist. uns alle fünf Minuten aufzuschrecken. Tn wirst einwenden, daß ich ja außerhalb von Berlin wohne, im Grünewald schon. Was nützt das aaer? Zweimal am Tag saust das Flugzeug über meine Stille hinweg. Gewiß, zuweilen glückt es mir. Konzentration zu linden. Durch Stunden ist nichts zu vernehmen, fein Atemzug, eine heilige Stille überall — da fällt mir plotz ich ein, daß u.izätz.ige Radwwege durch die Luft meines Zimmers luhren. daß man sich üoer meinen Kovf hinweg verständigt, unterhält, begrüßt und belügt — und dann -
Mein Freund fragt sehr lellnah.nsooll „ilnb?^
.Laß ich gegen diese Störungen nicht mehr aufkomme! Daß mir nichts mehr einfällt, und daß ich erledigt bin!“
Während dieses Gesprächs sind toir übet den Stephansplatz gekommen, um den feierlichen und so schweigsamen Dom herum, wir sind in die schmale Schulergalse eingebogen, wo in alten, biedermeierlichen oder noch bejahrteren Häusern daS Annoncengewerve oon heute, Schaufenster an Schaufenster, seinen Sitz aufgeschlagen hat. Mein Freund hall vor einem dieser allen Gebäude seinen Schritt an, er blickt die Fassade hinauf, er bemerkt: .Was für eine baufällige Angelegenheit!"
3a. Das ist eS. Ein erstaunlich hohes Wohnhaus. schmal, sehr schmal, es sieht ein wenig engbrüstig aus. es gleicht einem alten Mann, der vornübergebeugt dastehl und den Husten erwartet. Das erste Stockwerk hat man mit einer neuen, grellen, gelben Farbe angestrichen. die übrigen vier Etagen sehen grau und verdrießlich drein. 3m letzten aber gibt es zwei winzi >e Mansarden- fenfter, die sich behaglicher gebärden: um sie
herum ist grünes Laub gepflanzt. Vielleicht sieht man von dort oben sogar den Himmel Hier unten sicht man ihn nicht. Hier unten ist das Haus viel zu beengt, als daß es wagen könnte, auswärts zu schielen. Wie vieles drängt sich da zusammen! Da gibt es einen Wcinschante „Schusters Weinstube". Ein 3nferatenbureau — und jetzt, da mich mein Freund um die Ecke der Straße führt, ein paar Schritte bloß, zur Hinterfront, auch noch ein Stellenvermittlungsbureau, eine Kohtenh.'.ndlung, ein Geschäft für Berufskleidung und zu guterletzt eine (Sceqierei.
.Ferner." so setzte ich mittlerweile meinen Monolog fort, „ruiniert es mir tätlich die schönste Dormittagsarbeit, wenn um zwölf Uhr da drüben in Lichterfelde die Fabrik pfellt
„Das muß grauenvoll sein." sagt mein Freund. nQ[5er würde es dich nicht interessieren, wie e:n so alles Haus im Inneren aus ächt?"
Er Hal immer solche Interessen! 3ch beichte ihm soeben, daß icy ruiniert bin. und er stud.ert scheußliche Häuser! Steilen Eie sich einen Licychos vor. der etwa drei Meter breit und vielleicht vier Meter lang ist. der aus der Höhe von fünf S.ockwerken. durch e n gclbes. nie ger.in gte Glas- fenfter einen öd/eui oon d.leuujtung erfährt — das ist das Innere! Es vrennt zwar in dieser unbehaglichen Dunkelheit am Fuße der Treppe eine große Petroleumlampe, aber ich wette, daß sie die Dunkelheit noch dunkler macht. Sagen wir cs also unumwunden: dieser Lichthof ist ein Schacht, und um diesen Schacht führt die Treppe nach oben, und von ihr aus führen die Tüven in die einzelnen Wohnungen. Wer nach Hause kommt oder von au Hause fortgehl, muß an den Türen seiner Rachbarn, er muß an ihren Kuch.m- fenftern vorbei. Wer aber zu Hause kitzl. hört während des ganzen Tages, von sechs Uhr in der Frühe an ois Mitternacht, den Tritt all der dreißig Parteien, das Stolpern und Schlürfen all der hundert Menschen, auswärts abwärts, er hört ihre ilnterfjallung in den Vorzimmern und Küchen, ihren Aoschied und ihren Willkomm, et hört das Klirren aller Teller, aller Kaste- ro(len. aller Löffel. Gabeln und Messer' ES tratscht, dröhnt, klirrt, plärrt, poltert zwitschert (acht, schneuzt, hustet, schimpft, riecht und stinkt in einem einzigen, unausgesetzten unvergeßlich höllischen Tohuwabohu dahin.
Wie entsetzlich 1" rufe ich endlich aus. „unD wer leben Menschen! And daß hier Menschen gelebt haben seit mehr als hundert Fahren! Rein, das ist nicht zu fassen 1"
„3a.“ fügt mein Freund hinzu, während fein Blick in aller Seelenruhe in die Höhe hinauf- gleitet. „Und wenn man bedenkt, daß in diesem Hause ein Herr Mozart eine Oper komponiert hat. die „Figaros Hochzell" heißt .l"
Disder mal Jedermann.
Von Hans Jtiebau.
Federmann ist irgendwo eüigelaöen. Rach dem Essen verkündet die Haassrau: „H rc Hirsch final jetzt. 3m Walde, wo die Rachtigallen schlagen l"
„Gott sei Dank." sagt Febermann, „ich dachte schon, er wollte hier singen."
Hnb der Gastgeber fragt: .Was sagen Sie zu dem alten Sherry?"
„Was soll ich dazu lagen?“ zuckt Federmann bie Achsel, „der Herr ist mir noch gar nicht vor- gestellt worden."
„Komisch,“ schüttelt Federmann den Kops, „daß beim Zwiebelschneiden stets die Augen tränen!"
„Das läßt sich leicht vermeiden." sagt Mücke, .wenn man sie unter Was,er schneidet."
„Ja aver." sagt Federmann, „wer kann denn solange den Atem anhalten?"
Zedermann hat gut gegessen ilnb gut getrunken. A s Hvi-niebel ihn nach Hause bringt und schon saft am Ziel ist, fragt er: „Welche Rümmer hat eigentlich dein Haus?"
„Dumme Frage" >agt Jedermann, „steht doch an der Haustür."
Jedermann ist in Zahlungsfchwterigkerten. Der Schneider mahnt. Der Weinhändler mahnt.
„Wenn jemand mir so kommt," ärgert sich Zederma.in, „bekommt er überhaupt kein Geld.'
„Unb wenn et nicht mahnt?" fragt Mücke.
„Dann," sagt Jedermann, „dann warte ich, bis er mahnt."
Mucke ist in Berlin gewesen.
..Auch im Theater?" fragt Jedermann.
„3awohl." lagt Mücke, „Emilia Galotti wurde gegeben."
„Rch du lieber Gott." schüttelt Federmann den Kops, „das haben sie ja hier schon vor drei Wochen gegeben.“
Man spricht über die Wellra'.iin°Rakete. „Wir stehen,“ lagt jemand, „auf unseren Füßen nur info.ge dec Schwerkrast. Würde das Gesetz der Schwerkra't aufgehoben, flögen wir alle hinaus in den Weltraum."
„ilnö wie." fragt Jedermann, „und wie war es, bevor dies Gesetz erlas'en wurde?"
Jedermann trifft den jungen 3ülich.
„Ra." fragt er. „was machen 3hre Brüder?“
„3ch habe nur einen Bruder," sagt der junge Jülich, „und dem geht es gut.“
„Sie haben nur einen Bruder?"
„Jawohl" nickt Jülich.
„Dann." lagt Federmann, „dany hat mich Ihre Schwester be.ogen. Sie hat mir ausdrücklich erklärt. daß ihre beiden Brüder sich nicht vertragen könnten.“
Gießener Stadttheaier.
In der ersten Wiederholung von Q e f f i n g 8 „R a t h a n" nach dem Wü.lner-Gastspiel hatte Cdelbert ©ar ei i die Titelrolle übernommen: an sich leine dankbare Ausgabe, im Schatten eines berühmten Gastes in zweiter Besetzung zu spielen. Er scheint uns auch weder seiner Fachbestimmung noch seinem ganzen schauspielerischen Temperament nach sonderlich für die Aufgabe geeignet: ihm ist der Rcllhan zu einfach, zu geradlinig und ausgeglichen: er nimmt ihn vom Charakterfach her. kompliziert ihn und bleibt an der äußeren Theatralik der Figur haften, die überdies für unser Empfinden zu sehr betont wurde.
Ein Gewinn dieses zweiten Abends war die Rechn der Trude Heß: sie warf ihr volles Gefühl in das scheue und schwache Wädchengeschöps, über das nach dem Willen ihres Schöpfers so wunderliche Schicksale hereinbrechen. Man hat den Eindruck, daß die Schauspielerin sich mit ganzem Gemüt in ihre Gestalt hineinschmiegt und sie bis zuletzt phantafiemäßig belebt und nicht mehr hergibt.
Uebrigens war die Wiederholung als Ganzes und im Ensemble unruhiger und unfreier a!8 die elfte Aufführung: in manchen Szenen aiub textlich der Rachhilfe recht bedürftig. Dr. Th.


