Ausgabe 
24.9.1929
 
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Nr. 224 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberhesfen)

Dienstag, 24. September 1929

Das Deutschtum in Rumänien, insbesondere in der Bukowina. Ein Beitrag zum europäischen Minderheitenproblem.

Von Or. Fr. König.

ne).

Die politische Plattform im Kampf um die Dolksrechte sind für die Minderheiten Rumä­niens, vor allem für die Deutschen, die Karls» b u r g e r Beschlüsse vom Dezember 1918 sowie die eigenen Anschluherklärungen. Sn Karlsburg forderten die Rumänen Siebenbürgens zum An­schluß an Rumänien auf und versprachen dabei feierlich, für die Freiheit der volkstümlichen Ent­wicklung der andern einzutreten. Sie verkün­deten:®ic volle nationale Freiheit für alle mitbewohnenden Völker. Jedes Volt soll den Hn* terricht, die Verwaltung und die Rechtspflege in seiner eigenen Sprache durch Individuen aus seiner eigenen Mitte haben, und jedes Volk soll das Recht der Vertretung in den gesetz­gebenden Körperschaften und in der Regierung im Verhältnis der Zahl der zu ihm gehörigen Individuen haben." Sie verkündeten zugleich die Gleichberechtigung und volle autonome konfessio­nelle Freiheit für alle Konfessionen im Staate". König Ferdinand bestätigte am 27. Dezember 1918 diese Beschlüsse; daraufhin entschied sich die große Volksversammlung der Sachsen zu Mediasch am 8. Januar 1919 für den Anschluß an Rumänien. Unter Berufung auf die Karlsburger Beschlüsse ward hier gefordert, daß es dem sächsischen Volk niemals unmöglich gemacht werde, sich als eine ihres Volkes bewußte nationale und politische Einheit in aller Zukunft zu behaupten und zu entwickeln"; zugleich verlangte sie,daß die Rechte, die ihm gebühren, auch den übrigen Deutschen zuerkannt werden und daß die völ­kische Zusammengehörigkeit aller Deutschen im neuen Staat anerkannt werde". Aehnliche Be­schlüsse faßten die Bukowiner, die Bessarabischen, die Banater Deutschen. Am 9. Dezember 1919 unterschrieb Rumänien den von den Großmächten auferlegten Mindcrheitenschuhvertrag; am 6. Sept, waren in Temesburg Vertreter aller deutschen Siedlungsgebiete zusammengetreten und hatten unter Führung von R. D r a n d s ch ihr Pro­gramm zum 1. großrumänischen Parlament ent­worfen, das am 6. Rovember 1919 in Schäßburg in das sächsische Volksprogramm hineingearbeitet wurde. Entsprechend handelten die anderen Ge­biete. So war der Verband der Deutschen in Grohrumänien entstanden. Wurden die Verspre­chungen gehalten, so hätte Großrumänien zu einem Rationalitätenstaate freier Völker werden können. Die liberale Oligarchie des Altreichs, die das Heft in die Hand bekam, hat es anders ge­wollt. Sie hat, befangen in den Vorstellungen französischen Staatsdenkens, es 10 Jahre lang versucht, den grohrumänischen Staat durch Zen­tralisierung und durch Assimilierung der Minder­heiten zu einem geschlossenen rumänischen Ra- tionalßaat zu machen, obwohl von 17,4 Mill.

* Vgl. Artikel in Nr. 222 vom 21. September 1929.

Einwohnern rund 6,5 Mill, keine Rumänen sind. Davon wurden auch die Deutschen schwer be­troffen. Im Derfassungsarundgeseh geschah der Minderheiten keine Erwähnung, so daß der Ver­waltung Tür und Tor zur gewaltsamen Romani- sierung geöffnet wurde, die Agrarreform griff durch die Enteignung an die Wurzel des Lebens der Minderheiten, das Derwaltungsgeseh gab die Selbstverwaltung in den Minderheitsgebieten den Rumänen in die Hand; sie romanisierte die staatlichen Schulen und suchte den Abbau der kirchlichen zu erzwingen; sie versagte den nicht staatlichen Schulen die Staatszuschüsse und das Oeffentlichkeitsrecht, sie verhinderte die Ausbil­dung von Minderheitslehrern und suchte durch ihr Däkkalaureatsgesetz die Minderheiten des Intelligenznachwuchses zu berauben.

Run aber haben Anfang Rovember letzten Jahres die Rationalzaranisten unter ihrem Führer M a n i u das Heft in die Hand bekom­men. Es ist die Partei der Siebenbürger Ru­mänen, die einst in Karlsburg sich zur Wah­rung der Dolksrechte der Minderheiten ver­pflichtet haben. Unter R. Drandschs Führung verbündeten sich die Deutschen mit den Ratio­nalzaranisten. Mit 328 Abgeordneten ist die Partei zur Alleinherrschaft im Parlament ge­langt.Don diesem Parlament erwarten die völkischen Minderheiten Rumäniens die Schaf­fung einer gesetzlichen Ordnung ihrer Lebensver­hältnisse im Sinne der Karlsburger Beschlüsse." Im Sommer 1928 waren sie drauf und dran, den Weg der Beschwerde nach Genf zu be­schreiten. Sie haben im Vertrauen auf die neuen Männer davon Abstand genommen.

Bisher ist die Regierung Manius aber in der Minderheitenfrage nicht zum Handeln gekom­men. So sehr man ihr zugute halten muh, daß sie zunächst eine gewaltige Aufräumungsarbeit zu verrichten hatte, die Minderheiten sind infolge ihres Zauderns, vor allem in den Dingen der Schule, sehr skeptisch geworden. Sie stehen vor der Frage, ob sie auch den Rationalzaranisten ihr Vertrauen werden entziehen müssen und erneut in die Opposition gegen den Staat ab­gedrängt werden. Immerhin ist noch nicht alle Hoffnung verloren. Allerneuesten Rachrichten nach scheint die Regierung nun endlich entschlossen zu sein, ein Minderheitengeseh auszuarbeiten und zur Debatte zu stellen. Cs soll dem Parlament in der nächsten Tagung vorgelegt werden. Wie Cuvantul" (Bukarest- berichtet, wird die Re­gierung den Entwurf nur nach vorheriger Füh­lungnahme mit den Führern der Minderheiten der Oeffentlichkeit übergeben; es soll außerdem die Schaffung eines Minderheitenfekretariats in Aus­sicht stehen, daß sich mit den Schul- und Kirchen­fragen der Minderheiten befassen soll.

Rumänien steht so in der Frage der Minder­heiten am Scheidewege. Gelingt es ihm, sie

Dämonen der Zeit.

iRomcm von Arthur Brausewetter.

(Schluß.)

Cowie sich Sturm und Regen am Rachmittag ein wenig gelegt hatten, gab Herr Feuchtwanger Befehl zuni Anspannen und führte den neuen Gutsverwalter in einer mehrere Stunden in Anspruch nehmenden Rundfahrt durch. die weit ausgedehnte Wirtschaft. Und Klaus erkannte, wieviel zäher Arbeit und Energie es sowohl in der Hof- wie in der Außenwirtschaft bedürfen würde, um dies durch eine Reihe von Jahren unverantwortlich vernachlässigte Gut zu der ihm gebührenden Höhe und Kultur zu führen.

Aber je schwerer die Aufgabe erschien, um so mehr reizte sie ihn. mit um so froherem Mute empfand or, daß ihm hier das Feld gewiesen, auf dem er seine Kräfte, die so lange brach ge­legen, mit frischer, freier Lust tummeln konnte.

Wochen, Monate waren dahingegangen.

Hatte Klaus Körber in unausgesetzter Tätigkeit ihren schnellen Wechsel kaum empfunden, so sah er mit um so größerer Freude ihre Früchte.

Das ihm überantwortete Gut war unter seinen rastlos schassenden Händen sichtbar emporgeblüht. Eine mustergültige Ordnung war auf dem bisher verwahrlosten Hofe, die schlechtgenährten und lässig bespannten Ackerpferde zeigten ein ganz anderes Gesicht, draußen standen die sorgsam bestellten Felder und Aecker in verheißungsvollem Wachstum.

Ein nie gekanntes Gefühl stillen Glücks und innerer Befriedigung durchzog seine Seele, wenn er sich sagen durfte, daß dies alles im buchstäb­lichen Sinne seiner Hände Werk war.

Denn wenn er auch einen jungen tüchtigen In­spektor zur Seite hatte, so hatte er sich nie ge­scheut, geradeso wie damals bei Willibald von Oerhen, in notwendigen Fällen selber Hand anzu­legen. x

Don draußen drangen böte und beunruhi­gende Rachrichten in die Abgeschiedenheit seines mit jedem Tage gleichen ländlichen Lebens. Immer schwerer seufzte der Westen unter dem Joche rücksichtsloser Feinde, und im Osten, ja auch in seinem geliebten Danzig, machte sich fremder Einfluß bedrohlich geltend.

Dann wurde wohl der Geist des alten Obersten wach, und das Soldatenblut regte sich in ihm, lockte von Haus und Hof in weite Femen.

Aber er kämpfte in heißer, den ganzen Körper in Anspruch nehmender Arbeit den Zorn und die dumpfen Sehnsüchte nieder.

So kam Pfingsten heran. Mit einem flotten Ein­spänner fuhr er durch die in vollem Pfingst- schmuck blühende Ratur. Gerade als er in die lange, zum Bahnhof führende Straße einbog, bemerkte er einen alten Herrn, der im Schweiße seines Antlitzes einen schweren Koffer trug, und dessen altmodischer schwarzer ileberrocf in der warmen Frühlingsluft fast komisch wirkte.

Gleich auf den ersten Blick kam er ihm so selt­sam bekannt vor -- richtig, es war der Pastor aus Altfelde. Lotte Bernhards Vater!

Er sprang vom Wagen, begrüßte den alten Herrn, nahm ihm den Koffer ab und lud ihn ein, die noch ziemlich beträchtliche Strecke mit ihm zu fahren.

Sie haben mir wieder einmal einen guten Dienst erwiesen," sagte dieser, indem er es sich nach der ausgestandenen Strapaze auf dem be­quemen Sitze wohsein lieh,ich hatte hier eine wichtige Angelegenheit wegen meiner Altfelder Schule zu ordnen, meine Frau hatte mir einen ganzen Haufen von Besorgungen für die Wirt­schaft und das Fest aufgetragen, da war es für mich keine Kleinigkeit, den schweren Koffer zu schleppen. Auch zu meiner Tochter sind Sie immer so freundlich in Berlin gewesen und haben dem armen Mädchen den manchmal wohl ein wenig bitteren Aufenthalt dort möglichst er­leichtert."

Schweigend sah Klaus neben dem Alten. Diese unvermutete Begegnung hatte allerlei in ihm wachgerufen. Hatte er ein schlechtes Gewissen ge­gen seine Berliner Kameradin?

Er hatte gleich nach seiner Ankunft in Derg- rode an sie geschrieben, sich nach ihrem Befinden erkundigt, ihr einige Male Postpakete mit Le­bensmitteln geschickt.

Rach Altfelde aber war er noch nie gefahren, obwohl er sie nach dem Semesterschluh dort ver­muten muhte.

Weshalb nicht?

Rur mit halbem Ohre folgte er der unermüdlich sprudelnden Beredtsamkeit des Alten ...

Hatte er nach seiner Tochter gefragt?

Ja ... die Lotte ... so ... Sie wissen noch gar nicht?" hörte er ihn mit einem Male neben sich.Sie war bei den Osterferien bei uns zu Hause. Wir futterten sie ordentlich heraus ... jeden Tag zwei Liter Milch. 11 nb Eier, so viel sie nur essen konnte ... meine gute Frau versteht sich auf so etwas. Es war aber auch notwendig, ilebcranftrcngung der Rerven, meinte der Arzt."

Sie erholte sich sehr schnell. Als sie aber nach Berlin zurückkehrte, war es bald das alte Lied. Sie bekam einen Rückfall und wir muhten sie wieder nach Altfelde nehmen. An Examen fein Gedanke ... Jetzt aber ist sie, Gott fei Lob und Dank, wohl und frisch, hat volle und gebräunte Wangen und die alten lustigen Augen. Den gan­zen Tag arbeitet sie im Garten ... ja, das Land macht alles gut Sie werden Sie gar nicht wieder erkennen, toenn Sie uns einmal die Freude Ihres Besuches machen wollen ... aber wahr ­haftig, das ist schon mein Zug! Leben Sie wohl und haben Sie herzlichen Dank! Und nicht wahr, der Lotte kann ich einen Gruß bestellen?"

Als der alte Herr ihn verlassen hatte, kam das Gefühl einer bis dahin nicht gekannten Ver­einsamung über Klaus. Er hatte in der ganzen Umgebung keinen Menschen, mit dem er sich nach aller Arbeit einmal aussprechen, der ihm etwas hätte sein können. Wohl war die alte Kardinal in jeder Weise um sein leibliches Wohl und seine gute Pflege bedacht. Aber wenn er vom Felde heimkehrte, so lag sie bereits im Bett, und da er nicht so früh zur Ruhe zu gehen vermochte, waren die Abende lang und lastend.

Er dachte daran, feinen Freund Oertzen, mit dem er in regem brieflichen Verkehr geblieben I war, zu besuchen. Aber die Reise in den Danziger

einigermaßen zu befriedigen, so ist ein bedeut­samer Schritt zur Konsolidierung des Staates getan. Das Beispiel Rumäniens würde darüber hinaus von großer Bedeutung für die Gestal­tung der Dinge in ganz Ostmitteleuropa werden können; es bedeutete die Loslösung von dem mechanistischen Staatsgedanken des Westens und den üebergang zum organischen. Wir wollen im Interesse unserer deutschen Volksgenossen, im Interesse auch eines guten Verhältnisses des deutschen zum rumänischen Volke hoffen, daß der Ausgleich gelingt.

In der Bukowina harrt augenblicklich noch eine andere wichtige Frage der Erledigung. Das neue Konkordat mit Rom ist kürzlich in Kraft ge­treten. Es hat die von Oesterreich übernommene Zugehörigkeit des Landes zur nunmehr polni­schen Diözese Lemberg beseitigt und es dem römisch-katholischen Bischof der Moldau in Jassy unterstellt. Trotzdem von den rund 97 000 Katho­liken der Bukowina die Deutschen 1925 rund 58 000, die Polen nur rund 29 000 betrugen, trotzdem von den 31 katholischen Pfarren 12 rein deutsch, 3 überwiegend deutsch und nur 8 kleinere überwiegend polnisch, 4 zu gleichen Teilen deutsch und polnisch sind (4 sind rein magyarisch), war die Pflege der katholischen Religion bisher ganz vom polnisch-nationalen Standpunkt geleitet, mußten doch die Bukowiner Theologen im Lemberger polnischen Priester­seminar studieren. Run haben die katholischen Polen der Bukowina die Errichtung eines rö­mischkatholischen Bistums in Czernowitz mit einem Bischof polnischer Rationalität gefordert. Dies hat unter den Deutschen der Bukowina ge­waltige Erregung hervorgerufen. In großen Ver­sammlungen verlangen sie, daß die Rationalität der Mehrheit der Katholiken ausschlaggebend set und fordern daher für die Bukowina einen deutschen Bischof oder Generalvikar. Der Katholische deutsche Volksbund hat die Beschwer­den der Katholiken dem Bischof von Jassy über­reicht und ihmdie eindringliche Ditte' aus­gesprochen, den deutschen Katholikendie bisher leider vermißte Gerechtigkeit" widerfahren zu lassen. Eie verlangen nicht nur den deutschen Bischof oder Generakvikar, sie verlangen gute deutsche Priester für die deutschen oder über­wiegend deutschen Pfarreien, ev.durch Be­rufung aus dem Ausland"; sie verlangen für die Theologiestudierenden die Möglichkeit,ihre theologischen Studien am deutschen P riest ersemi- nar in Temesvar zu betreiben, sie verlangen den Ausbau des katholisch-deutschen Knabenkon­vikts in Radautz zu einem kleinen Seminar für den deutschen Priesternachwuchs; sie verlangen die Errichtung deutscher Pfarrschulen,zumindest in den größeren katholisch-deutschen Pfarrorten", in welchen unsere Kinder religiös und völkisch herangebildet werden". Der deutsche Dolksrat hat die Erklärung abgegeben, daß er die Forde­rungen des katholischen Volksbundesvollinhalt­lich unterstütze und alles tun werde, um die An­griffe von polnischer Seite gegen das Recht der Bukowiner deutschen Katholiken abzuwehren". Ein Memorandum dieses Inhalts wurde an die päpstliche Runtiatur in Bukarest und direkt an den päpstlichen Stuhl nach Rom geschickt.

Freistaat war für die kurze Zeit, die er hätte pfem können, zu weit und mit zu großen Paß- schwierigkeiten verbunden.

Eine, das sagte er sich in feinen einsamen Stunden so manches Mal, gab es Wohl, die hier mit ihm auf dem mühevoll erkämpften Grund stehen, die ihm arbeiten und das Leben tragen helfen könnte.

Ein Gedanke keimte in ihm auf, ein Entschluß reifte ... langsam und allmählich. Er kämpfte mit ihm, verwarf ihn ... er kehrte wieder und ließ ihn nicht mehr.

Bis feine Stunde gekommen war und er alle Widerstände und Bedenken, die man ihm ent­gegensetzte, über den Haufen warf.

Es war ein lichtheller Iunitag vollen Blühens und Duftens. Wie ein aus bläulichem Silber zart gewobener Schleier flimmte die Sonne über die Felder und Wiesen. Alles war Werden und Kraft.

Rach etwas schwieriger Fahrt, zuletzt mit einer endlos schleichenden Kleinbahn, war Klaus am Ziele angelangt. Durch die Unendlichkeit des wogenden Getreides, dessen Halme zu beiden Seiten des Fußsteiges mattgrün und ährenschwer unter dem seidenen Frühsommerhimmel standen, schritt er auf den Kirchturm zu, den er, oben ein wenig abgedacht, stolz und truhig vor sich aus der fruchtduftenden Erde ragen sah.

Run befand er sich dem Pfarrhaus gegenüber, das, von einem Wall, rauschender Bäume um­geben, in weltvergessener Ruhe friedlich dalag.

Durch eine kleine Pforte begab er sich in den ©arten, der sich hinter dem Hause, von einer undurchdringlich dichten Fliederhecke liebevoll um» schmiegt, im bunten Schmuck der verschiedenen Blumen» und Gemüsebeete breitete.

Zwischen den Büschen winkte ein helles Kleid und alles war, wie er es sich in seinen Ge­danken die ganze Fahrt und Wanderung vor- gestellt hatte.

Rur eine leichte Blutwelle stieg in Lottes Antlitz, als er plötzlich vor ihr stand und ihr die Hand entgegenstreckte. Ihre feingebaute Ge­stalt erschien ihm hier mitten unter den Bäumen und Blüten des Gartens schlanker und größer, als er sie bisher gesehen hatte.

Ich wußte, daß Sie kommen würden," sagte sie, ohne ein besonderes Erstaunen zu zeigen.

Sie haben es gewußt?" fragte er, von der rührenden Schlichtheit in ihren Worten ergriffen.

2a ... die ganze Zeit hindurch, als ich krank lag. Und dann, als ich genesen war ... jeden Tag habe ich hier gestanden und die Straße hin­unter geschaut und immer aufs neue zu mir ge­sagt: Jetzt wird er kommen.

Und als ich nicht kam?"

Wußte ich, daß Sie eines Tages doch kommen würden.

Er geriet in einige Verlegenheit, sagte etwas von vieler Arbeit, von der völligen Reuordnung, die er in Dergrode hätte vornehmen müssen, von Besuchen, oie ihn in Anspruch genommen hätten, da sah er ihr Auge, das ihn eben noch so nachdenklich angeblickt, mit einem lufti­gen Blinzeln auf sich gerichtet.

So bodenständig sind Sie geworden? Und wollen sich gar nicht mehr verändern?"

So steht denn das Deutschtum Großrumäniens, auch das der Bukowina, in einem schweren Kampf. Es wird ihn gewinnen, wenn es sich oon Grund aus in der gesamtdeutschen Volksgesinnung zu erhalten versteht, die über alle Schranken von Konfession, Partei und Stand hinweg im Volkstum das gemeinsame große Gut verehrt, das die Grund­lage des geistig-seelischen Lebens ist. Die Bukowina war da recht schwer dran, da sie in den Partei- und Weltanschauungskämpfen des alten Oesterreichs mitten drin stand. Liberale und christlich-soziale Deutsche standen sich einst auch hier feindlich gegen­über, auch hier halle man keinen Sinn für wahre Volkstumsarbeit, auch hier orientierte man sich mehr an der sog.Bildung" wie am schlichten deutschen Menschen des Dorfs, auch hier kannte man keine rechte Methode für die Erweckung der Jugend zum volkhaften Leben. All dies ist nunmehr im Wandel begriffen: Unter dem Druck der Not suchen die deutschen Menschen nach neuen Formen volklichen Gemeinschaftslebens und schaffen sich auf dem Wege volklicher Selbsthilfe die Organe, durch die sie sich in Einheit, im Bewußtsein der Verbundenheit im Volkstum eine Stellung zwischen den anderen Völ­kern und im Staate erringen können.

In diesen Sommerferien haben vom Landes­verband Hessen des V. D. A. Herr Dr. Diemer (Darmstadt) und der Verfasser dieses Aufsatzes sowie eine V. D. A-Iugendgruppe von 24 Jun­gens aus Mainz unter Führung von Herrn Flessa die Bukowina aufgesucht. Wir find dort mit einer österreichischen Spielschar und mit der Bukowiner Jugend zusammengetroffen; wir ha­ben ernste Zwiesprache mit den Führern der deutschen Volksgruppe, mit Bürgern in den Städten und Bauern in den Dörfern halten können. Wir haben die Ueberzeugung gewon­nen, daß der Landesverband Hessen-Darmstadt des V. D. A. in dem schönen Lande ein Be­treuungsgebiet besitzt, dem es die Hände zu reichen lohnt. Der Dienst am Volk, der dort geleistet wird, wird sowohl dem deutschen Ge­samtvolk wie dem rumänischen Staate zum Segen gereichen können.

Bad-Nauheimer Tagungen.

Der medizinische Fortbildungslehrgang.

Dad-Rauheim, 21. Sept. Der 6. Fort­bild u n g s l e h r g a n g für Aerz te, über dessen Eröffnung schon berichtet wurde, bot in seinem weiteren Verlauf weitere bedeutsame Referate zu dem GesamtthemaPathologie und Therapie der Zirkulations- st ö r u n g e n". Es sprachen noch: Prof. Peter- s e n, Würzburg, überDau und Mechanik der peripheren Kreislauforgane"; Prof. Eppinger, Freiburg, überZur Pathologie und Therapie der Kreislaufinsufsiziens; Prof. Fränkel, Heidelberg, überDas Bett als Therapeutikum"; Dr. En th oven, Amsterdam, überFunktions­prüfung" ; Prof. Frey, Stuttgart, überDie Behandlung der Endocarditis; Prof. Herx- Heimer, Wiesbaden, überBluthochdruck und pathologische Anatomie; Prof. Lefchke, Berlin, überLues des Herzens und der Gefäße"; Pros. Goodall, London, überDas Mhocard; Prof. R a u t m a n n, Braunschweig, überDie Wirkung

Er verstand ihre Anspielung, ging auf ihren Scherz aber nicht ein.

Rein," erwiderte er ganz ernsthaft,ich bin nicht mehr veränderungsbedürfllg. Ich habe das Leben kennengelernt, bin, teils von der Rotwendigkeit, teils von einem in mir woh­nenden Geist getrieben, von Station zu Station gepilgert, immer neuen Ufern entgegen

Und jetzt?" fragte sie langsam, als er inne­hielt.

Jetzt, glaube ich, find meine Wanderjahre zu Ende."

Und der alte Trieb ist nie mehr erwacht?"

Vielleicht doch einmal," erwiderte er nach einer Weile.Als ich von ber Rot unseres Landes im Westen wie im Osten hörte. Aber ich sagte mir, daß die Zeit, das Schwert zu neh­men, noch nicht gekommen ist ... und nahm statt dessen den Spaten. Und wenn ich meinen Spaten so in den Boden stoße ich weiß nicht, ob Sie das verstehen

Ich verstehe Sie sehr gut. Sprechen Sie nur weiter!"

Dann ist mir zumute, wollte ich sagen, als baut ich nicht nur an meinem Land, sondern an dem großen deutschen Land, das dem alten Obersten das Herz brach, und das auch ich mit meiner ganzen Seele liebe. Sehen Sie, das ist die Er­kenntnis, die meine Wanderjahre mich gelehrt, in der ich nach allem Umherirren zur Ruhe und zur Kraft gelangt bin. Darum habe ich meine Arbeit liebgewvnnen, so hart und eintönig sie mich auch manchmal anmutet.

Es war still um sie. Rur in der Rotbuche zwitscherte ein Vogel, und von den hohen Ias- minbüschen wehte ein heißer Duft zu ihnen hinüber.

Schließlich mußte Wohl alles so kommen wie es gekommen ist, nahm er das Gespräch wieder auf, das eine ganze Zeit geruht hatte, ... auch zwischen uns. Vielleicht mußten wir uns erst einmal trennen, um uns zu finden, mußten uns beide prüfen, besonders ich mich... Aber ich glaube, jetzt auch hierin zu einer Klarheit gelangt zu sein. And sehen Sie, das ist de« Grund, weshalb ich heute hierhergekommen bin: Sie zu fragen, ob Sie mir bauen helfen wollen?"

Einen Augenblick stand sie ihm gegenüber, be­wegungslos ... wie abwefend.

Dann aber schlang sie ihre Arme um seinen Hals, und all die lange zurückgedämpfte Glut, die tiefe, brennende Liebe, mit der sie ihn ge­liebt hatte von der ersten Stunde an, da er da­mals im Berliner Hotel ihr und ihres Vaters Helfer geworden, und die sie mit aller Tapferkeit bekämpft hatte, kam in der leidenschaftlichen Hingebung zum Ausdruck, mit der sie sich seinen Küssen überließ und sie erwiderte.

Eine ganze Weile blieben sie allein, sprachen oder schwiegen, wie ihnen zumute war. Und ihre Worte wie ihr Schweigen waren von einem großen, starken Glücksgefühl durchströmt.

Dann schritten sie Hand in Hand wie zwei gute Kameraden dem Pfarrhause entgegen, über dem der kantig truhige Turm, vom rosigen Licht der sinkenden Sonne wie Warte und Ver­heißung eines neu aufsteigenden Lebens in den ernsten Abendhimmel ragte.