Ausgabe 
24.8.1929
 
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Nr. (98 viertes Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Samstag, 24. August (929

Die VorbemAng des WMriegs aus dem Man.

Von Or. Gustav Wolost, 0. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.

Dor einigen Monaten (Ar. 22, hotte ich auf Grund einer Veröffentlichung von serbischen un­bekannten Alten gefchildert, wie sich seit dem Jahre 1908 auf der Balkanhalbinsel eine neue Gruppierung vorbereitete, die im März 1912 zu einem Bündnis zwischen Serbien und Bulgarien mit einem offensiven Zweck gegen die Pforte und Oesterreich-Hngam, führte. Aus den Be­richten der serbischen Gesandten an ihr Mi­nisterium ging hervor, das; sämtliche Entente- ftaaten und Italien die Entstehung des Bünd­nisses begünstigt und feine offensiven Absich­ten geschürt hatten, ohne damit einen sofortigen Krieg Hervorrufen zu wollen. Rußland insbeson­dere wünschte noch einige Zähre Frieden, um seine Rüstungen vollenden und den längst ge­planten Krieg gegen die Mittelmächte und die Pforte zugleich in voller Stärke aufnehmen zu können. Es ergab sich so ein natürlicher Inter­essengegensatz zwischen Rußland und den Balkan­staaten, die nach Abschluß des Bundes den Kampf gegen die Pforte beschleunigen wollten, und, wie bekannt, trug es die Rücksichtslosigkeit der Bulgaren und Serben davon: trotz aller Ab­mahnungen Rußlands schritten sie im Jahre 1912 zur Eroberung Mazedoniens.

Jetzt erfahren wir nun aus der Fortsetzung dieser Publilation (Boghitschewitsch, Diploma- tische Geheimakten aus russischen, montenegrini­schen und sonstigen Archiven) noch manche Einzel­heiten über diese Verhältnisse. Sie bringt vor allem zahlreiche Berichte des russischen Gesandten Hartwig in Belgrad an Sas 0 n 0 ff, den russischen Minister des Auswärtigen, seit dem Jahre 1910 und vertieft damit unsere Kenntnis über die Entstehung und Bedeutung des Balkan­bundes. Hartwig war einer der führenden pan­slawistischen Agitatoren in der russischen öffent­lichen Meinung er wolle durch seinen natio­nalen Radikalismus seine deutsche Abkunft in Vergessenheit bringen, hat einmal Sasonoff von ihm gesagt und stand in den engsten Be­ziehungen zur serbischen Regierung, die ihn bei jeder wichtigen Entscheidung zu Rate zog. Selbst eine Ministerkrisis, in der Positsch vor einer militärischen Opposition das Feld räumen wollte, wurde einmal Anfang 1914 auf fein Verlangen vermieden. Hartwigs Ziel war, wie er in vielen Berichten ausspricht, die Verwirklichung der jahrhundertealten russischen historischen Aufgabe: festen Fuß zu fassen an den Ufern des Bosporus, dem Eingangstor des russischen Sees" und Ver­teilung des übrigen türkischen Besitzes auf der Balkanhalbinsel unter die slawischen Balkan­völker. um sie dauernd an'Rußland zu fesseln und so eine unwiderstehliche slawische Macht zu grün­den. Da auch der Zar seit 1909 in intimen Aussprachen den Kampf des Slawentums gegen das Germanentum als die Aufgabe der Zukunft bezeichnete, stimmte er also mit den maßgeben­den Petersburger Stellen durchaus zusammen. Eine ähnliche Rolle wie Hartwig in Belgrad suchte der Gesandte R e k l j u d 0 w in Sofia zu spielen, nur war die bulgarische Regierung weit selbständiger als die serbische und räumte ihm niemals einen so weitgehenden Einfluß ein.

Es war. wie angedeutet, eine recht kompli­zierte Politik, die Sasonoff und Rikolaus ll. er­griffen hatten: einmal Anstachelung der bul­garischen und serbischen Begehrlichkeit nach dem Besitz türkischen und österreichisch-ungarischen Ge­bietes. andererseits Zügelung dieser Eroberungs­lust. bis sie das Signal zum Kampfe geben konnten. Es ist nun von Interesse, zu sehen, wie die russische Regierung diele doppelseitige

Politik verfolgte, und wie sie daran geschei­tert ist.

Zunächst tritt ein Mangel an innerer Heber» einftimmung zwischen den verschiedenen russi­schen Diplomaten und an straffer Oberleitung durch das Ministerium des Auswärtigen zutage. Einig waren allerdings alle in dem Endziel der Eroberung Konstantinopels und der Vor­herrschaft auf dem Balkan, aber über die Wege dorthin gingen die Meinungen auseinander. So vertrat z. B. der Botschafter Tscharykow in Konstantinopel 1910 und 1911 die Anschauung, daß Rußland, da es augenblicklich den großen Weltkampf noch nicht führen könne, einstweilen einen allgemeinen Balkanbund unter Einschluß der Türkei zustande bringen müsse, um auf diese Weise den Frieden und den bestehenden Zu­stand auf der Balkanhalbinsel am sichersten so lange zu erhalten, als die russische Politik für gut halte. Hartwig war außer sich über diese Idee. Eine solche Föderation, schrieb er, werde nur zur Stärkung der Türei beitragen und folg­lich den russischen Interessen schaden, außerdem werde der Versuch, einen solchen Bund zu stif­ten. die Balkanslawen mißtrauisch gegen die russische Regierung machen und sofort wieder das alte Mißtrauen zwischen Serben und Bul­garen erwecken. Die Aussicht, gemeinsam tür­kisches Gebiet erobern zu können, habe die bei­den rivalisierenden Rachbarn angenähert: ein solcher Bund, der doch den Türken auf lange hinaus ihren Länderbestand garantieren müsse, werde sie wieder auseinanderbringen. Die Peters­burger Regierung war nicht imstande, sogleich die Tätigkeit ihrer Diplomaten in Einklang zu bringen, Tscharykow hat daher versucht, seine Idee durchzusetzen, und wie Hartwig richtig ge­sehen hatte, dem serbisch-bulgarischen Bündnis manche Hindernisse bereitet. Schließlich erwies sich der allgemeine Balkanbund als unmöglich, und Hartwigs Politik des serbisch-bulgarischen Bündnisses trug den Sieg davon.

Ein anderer Mangel der russischen Politik war die falsche Einschätzung der Stimmung unter den Balkanvölkern. Hartwig wie Rekljudow waren überzeugt, es werde gelingen, die Balkanstaaten zur friedlichen Politik gegen die Pforte zu be­stimmen. Weder Serbien noch Bulgarien, schrieb Hartwig während der Vorbereitung des Bünd­nisses (Rov. 1911) beabsichtigtendas Bündnis zu speziell aggressiven Zwecken zu verwenden" und nach Abschluß der Allianz wiederholte er die Versicherung: Serbien werde gegen den Willen Rußlands nie etwas Kriegerisches unternehmen, solange der Friede am Balkan nicht von anderer Seite, d. h. von Oesterreich oder von der Türkei, gestört werde. Dasselbe behauptete Rekljudow von Bulgarien, und als sich nach einiger Zeit Griechenland dem serbisch-bulgarischen Bündnis anschloß, meinte er, jetzt werde die alte Eifersucht zwischen Griechenland und Bulgarien jede et­waige Absicht einer gemeinsamen Aktion ver­eiteln (Juni 1912). Ein Vierteljahr darauf brachen die Bundesgenossen den Krieg gegen die Pforte vom Zaun, und Rußland blieb nichts anderes übrig, als ihr Vorgehen zu dulden und sich mit der veränderten politischen Lage abzusinden: die panslawistische Strömung, die die öfsentliche Mei­nung beherrschte, war begeistert durch die Er­hebung der Stammesgenossen am Balkan und hätte nie geduldet, daß die Regierung einen ernst­lichen Versuch machte, die ungehorsamen Balkan­vasallen zur Ruhe zu zwingen.

Heber die Stellung der übrigen großen Mächte zu dem Balkanbunde und den Dalkanwirren der

Dämonen der Zeit.

ZRomcin von Arthur Brausewetter.

12. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Klaus bemerkte es nicht. Ein Wohlbehagen erfüllte ihn, wie er es lange nicht gekannt hatte. Hier in dieser Gesellschaft harmlos froher Men­schen begannen alle Sorgen und Widerwärtig­keiten, die ihn in der letzten Zeit oft genug ge­drückt hatten, zu weichen. Die Welt lag wieder in rosigem Lichte vor ihm. Ein neuer Mut erfüllte ihn, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen und seinen Mann in ihm zu stellen.

Inzwischen war es Zeit geworden, in das Licht- fpiel zu gehen. Rach der Vorstellung besuchte man das Cafö des Deutschen Hauses, saß mit einer Tasse Schokolade an einem der kleinen, auf die Straße gestellten Tische und vergnügte sich an den Vorübergehenden.

Da Fräulein Heimßen und Herr Pintscher in dem neuen Stadtteile zu Hause waren, trennte man sich, und Klaus und die kleine Fink gingen allein ihren Wohnungen zu.

Sie waren in die Jopengasse eingebogen. Dlant und klar stand der Mond am dunkelblauen Him­mel und umschmiegte den Koloß von St. Marien, zu dessen Füßen die kleinen Häuser in dunkel verschwommenen Linien wie Kinderspielwerk sich kuschelten.

Eine kurze Weile gingen sie noch vor. ihrem Hause auf und nieder, denn die Rächt war zu schön, um sich leichten Herzens von ihr zu trennen. Mit einem kurzen Händedruck trennten sie sich endlich.

Ra, nun wird's Wohl bald genug sein dieser Herz und Hirn einrostenden Federklauberei", sagte eines Rachmittags der Oberst, als er eben in das Kontor gekommen und an Klaus Körbers Pult getreten war.Ein richtiger Holz- Kaufmann lebt schließlich nicht von englischen Korrespondenzen allein, er muß auch für das Praktische einen Blick haben. Ich glaube wahr­haftig, Sie sind noch mit keinem Schritt in unseren Sägewerken, geschweige denn auf unseren Holzfeldern gewesen. Legen Sie Ihre Schreibe­reien beiseite und fahren Sie mit mir hinaus: ich habe draußen zu tun.

-Herr Faßbender wollte diese Briefe noch bis zum Abend vorgelegt haben."

Hoch wölbten sich die buschigen Brauen. Ein Blitz schoß unter ihnen hervor, zuckte über die ausgebreiteten Papiere.

Zum Teufel auch! Wenn ich Sie auffordere, werde ich wohl auch die Verantwortung tragen. Packen Sie Ihren Kram zusammen! Das Auto steht vor der Tür und lärm nicht warten."

Tas war der alte Herrscherton wieder, wie er ihn früher so oft vernommen, der alte Regiments­kommandeur war es, der befahl und für den es einen Widerspruch nicht gab Klaus wußte es und wagte ihn nicht länger.

In gemäßigter Fahrt bewegte sich das Auto über die beiden Brücken zum ßanggartertor. Als es aber dies hinter sich hatte, verstärkte es seine Geschwindigkeit und flog durch den weit und fruchtbar sich öffnenden Werder.

Von der hochgelegenen Chausee sah man über die rauschende Hnendlichkeit der Felder, auf denen die grüngrauen Aehren wie Lanzen stan­den, hier und da schon den gelblichen -Unterton der Reife zeigend. Auf fetten Triften weidete das Vieh, und von den Koppeln drang das Helle Wiehern der Pferde, die in ausgelassenen Sprün­gen hin und her tollten, als freuten sie sich ihrer Freiheit und des lachenden Junitages. Hnd über alledem gleißte in der stolzen Ruhe ihrer Schönheit und Kraft die langsam zum Westen sich neigende Sonne und breitete segnend die Hände über diese Welt des Wachsens -und Gedeihens.

Schweigend hatten die beiden Männer eine ganze Weile nebeneinander gesessen. Je weiter sie jedoch in die Frische und Freiheit der Statur hineinfuhren, um so mehr war Klaus zumute, als taute sein Rachbar von der Starre auf, die ihn solange gefangen gehalten, : als breitete sich die mächtig gewölbte Brust und wichen die Schatten von den früher so klaren, jetzt meist so trübe verschleierten Augen.

Das ist das einzige, was uns geblieben," sagte er, auf das blühende Bild unter ihm wei­send,aber auch,das Beste. Alle Weisheit des Lebens und seine ganze Philosophie liegt schließ­lich in der Statur. Sie ist ganz konservativ und stets im Werden, ist immer alt und neu zugleich, deshalb ist f ie das einzige, was Trost und Kraft verleiht ... mir wenigstens."

Sie waren bei den Sägewerken angelangt, die, nicht unweit vomSiegeskranze", zwischen der Straße und dem Wasser errichtet waren und mit ihrem ohrenbetäubenden Kreischen, Aech° zen und Bohren schrille Mißtöne in die Stille des feiernden Sommernachmittags zu bringen schienen.

Aber auch das ist mir liebe Musik," meinte der Oberst, indem er mit Klaus die rohgezimmer­ten Räume durchschritt,denn es singt das hohe Lied der Arbeit, nicht der Federfuchserei und Geldklauberei, die mir beide zuwider sind. Son­dern der krafterfüllten Arbeit der Maschinen und Menschenhände."

Jetzt wanderten sie durch Juc unmittelbar sich anschließenden, weit sich hindehnenden Holzfelder und Schnittholzlager und begaben sich von dort auf die endlose Weite sich verlierender Flöße, die. in rötlich-braunem Kupferglanze sich son­nend, auf der Weichsel schwammen.

Jahre 1912 und 1913 erfahren wir aus den Akten dieses Bandes wenig Reues von Bedeutung, nur über die französische Politik sind einige Rotizen von besonderem Werte. Rach dem Weltkrieg hat bekanntlich P 0 i n c a r e in mehreren Reden und in seinen Denkwürdigkeiten mit Entrüstung bestritten, daß die französische Regierung irgend­eine Kenntnis von den Machenschaften am Bal­kan gehabt habe: sie sei vielmehr durch den Slb- schluß des den Frieden gefährdenden Bundes sehr unliebsam überrascht worden. Demgegenüber hatte der erste Band schon gelehrt, daß die ser­bische Regierung die französische von ihrer STb- sicht, mit Bulgarien ein Bündnis für alle mög­lichen Eventualitäten zu schließen, unterrichtet hat, und jetzt erfahren wir gar aus einem Berichte Hartwigs, daß der Serbenkönig bei einem Besuche in Paris im Rovember 1911 mit den maßgeben­den Ministern ein Gespräch über den kommenden serbisch-bulgarischen Bund gehabt und dabei die lebhaftesten Sympathien gesunden hat:Frank­

reich," heißt es u. a.,ist in völliger Hebereinstim­mung mit Rußland bereit, in jeder Beziehung zwecks Realisierung der nationalen Aufgaben Serbiens mitzuwirken". Daß diese nationalen Auf­gaben Serbiens sich nicht allein gegen die Pforte, sondern auch gegen Oesterreich richteten, war in Paris nicht unbekannt: seit Jahren war ja davon die Rede, und um dieselbe Zeit schrieb der fron» zösische Geschäftsträger in Wien seiner Regierung ganz unbefangen von den Jntriguen des russi­schen Gesandten in Belgrad, die die serbischen Hnteitancn des Kaisers Franz Josef zur Re­bellion zu treiben geeignet seien. Man wußte also in Paris damals wie 1914 genau, d. Oesterreich- ilngarn sich in Rotwehr gegen Serbien und Rußland befand: für die Beurteilung der Wahr­heitsliebe des modernen französischen Rational­helden wie zur gerechten Verteilung der Schuld und Hnschuld an den Ereignissen, die zum Welt­kriege geführt haben, find also auch diese Zeu-i- nisse von grundlegendem Wert.

Wirischast.

Vom deutschen Außenhandel.

Der Einfuhrüberschuß beträgt im Mo­nat Juli 130 Mill. Mk., nachdem im Vormonat sich Ein- und Ausfuhr das Gleichgewicht gehal­ten hatten und sogar noch ein kleiner Ausfuhr­überschuß von 2 Mill. Mk. sich ergab. Rechner man die Reparationssachlieserungen, für die bekanntlich ein Gegenwert nach Deutsch­land nicht hereinkommt, nicht zu den übrigen Ausfuhrziffern hinzu, so erhöht sich der Einfuhr­überschuß sogar auf 200 Mill. Mk. Diese Ver­schlechterung in den Ziffern des Außen­handels könnte zunächst auch eine verschlechterte Beurteilung der Außenhandelsentwicklung berech­tigt erscheinen lassen. Aber das ist nicht der Fall. Die Verschlechterung der Ziffern beruht auf einer Steigerung der Cinsuhrziffern* die im wesentlichen zolltechnisch bedingt ist durch die üblichen scmester» bzw. quartalsmäßig erfol­genden Zollabrechnungen im Riederlageverkehr. Hauptsächlich werden von diesen Zollabrechnun- gen Kaffee, Tee, Kakao und Mineral- o l e betroffen, Waren, deren Cinfuhrerhöhung im Juli allein, einen Betrag von rund 71 Mill. Mark ausmacht. Außerdem unterliegen auch Rohstoffe der späteren Zollabrechnung, auf sie entfällt ein Betrag von 28 Mill. Mk. im Juli. Wenn man also diese beiden Summen abseht, so ergibt sich eine Verminderung des Ein­fuhrüberschusses auf 30 Mill. Mk. Bei dieser Summe ist noch zu berücksichtigen, daß sich bis zum Inkrafttreten der neuen Getreide- zölle die Getreideimvorte gehäuft haben, so daß also alles in allem genommen sich, wenn man die genannten Beträge abzieht, ein Aus­gleich zwischen Ein- und Slussuhr ergeben würde. Daß sich die Entwicklung des Stuften- Handels nicht ungünstiger gestaltet hat, geht vor allem aus der nicht unbeträchtlichen Steige­rung der Fertigwarenausfuhr hervor, an der die wichtigsten Cxvortindustrien beteiligt sind. Für die ersten sieben Monate des laufenden Jahres ergibt sich eine Passivität des deutschen Außenhandels von über 400 Milt. Ml., was gegenüber zur gleichen Zeit des Vorjahres (1,5 Milliarden Mk. Passivität) eine erhebliche Bes­serung bedeutet, um so mehr, als sie auf die Steigerung der Ausfuhr, insbesondere der Fertig­warenausfuhr. zurückzuführen ist. Die Entwick­lung des deutschen Auftenhandels ist überhaupt seit Beginn des Jahres recht gleichmäßig gewesen, und man kann wohl annehmen, daß sie es bleiben wird, abgesehen von den saison-

Hnd nun war der Alte ganz in seinem Ele­mente. Wie ein Feldherr, mit aufrecht erho­benem Haupte und einem das Rahe wie das Ferne mit gleicher Sicherheit umfassenden Blicke, schritt er durch sein Gebiet. Alles, was er an­faßte oder anordnete, zeigte sein praktisches Geschick und seine organisatorische Fähigkeit. Hnd Klaus ertappte sich darauf, daß er wieder mit Leib und Seele im Banne dieses Mannes war, wie in früheren, schöneren Jahren.

Heute hat er seinen Regimentsabend," sagte am nächsten Morgen die kleine Fink zu ihm, als er ihr von seiner Fahrt mit dem Oberst in die Sägewerke und Holzfelder erzählte,dann kommt er den nächsten Tag überhaupt nicht ins Kontor, nicht einmal am Rachmittag."

Zu Mittag hatte Klaus eine Einladung von Frau Reichenbach erhalten. Diesmal erschien der Hausherr ganz pünktlich zur festgesetzten Stunde an der Tafel.

Aber er saß übernächtig und wortkarg, oft ein Gähnen unterdrückend, auf seinem Stuhle und überließ seinen Damen die Hnterhaltung mit dem Gaste.

Doch bevor er sich zur gewohnten Rachmittags­ruhe auf sein Zimmer begab, trat er an Klaus Heran, nahm ihn in einen Winkel des Eßsaales und sagte schnell und leise, als wollte er nicht, daß die anderen es hörten:Heute abend um acht Hhr treffe ich mich mit einigen Regiments­kameraden im Ratskeller. Wenn Sie nichts Besse­res vorhaben, dann kommen Sie doch auf eine Stunde heran. Sie werden alte Bekannte wie­derfinden."

Sie werden mitgehen?" fragte Edith, nach­dem der Vater das Zimmer verlassen und die Mutter sich ihren Hausgeschäften gewidmet hatte.

Sie hörten, daß er mich einlud?"

Ich hörte es nicht, aber als er heute wider seine Gewohnheit bei Tische erschien und Sie dann beiseite nahm, wußte ich. um was es sich handelte. Er muß Ihrer Liebe sehr sicher sein, dach er sie auf solche Probe stellt."

Auf solche Probe?"

Eine innere Bewegung arbeitete in ihr, ließ sie nicht gleich die Antwort finden.

Run ja," sagte sie schließlich,daß ... Sie ihn in einem Zustande sehen werden, in dem ich ihn niemals sehen könnte .... das weiß er doch ganz genau."

Vielleicht wirkt meine Gegenwart auf ihn. Es wäre ihm früher unmöglich gewesen, sich vor mir eine Blöße zu geben."

Ein verlorenes Lächeln flatterte um ihre reifen Lippen.

Er gibt sich auch keine Blöße."

Eine Pause trat in ihrem Gespräch ein, lastete schwer und drückend auf ihnen beiden.

mäßigen Einflüssen, die sich in jedem Jahre ein­zustellen pflegen. So erfreulich an sich eine solche Entwicklung ist, so sind wir doch weit entfernt davon, einen so großen Ausfuhrüberschuß zu erzielen, daß aus seinen Einnahmen die R e * parationsverpslichtungen gedeckt wer­den können. Rur durch eine Steigerung der Aus­fuhr werden Devisen verdient und geschaffen, es genügt also nicht eine Verminderung her (Sin- suhr, die nur Devisen erspart, aber nicht schafft.

Wochenbericht

vom Frankfurter Effektenmarkt.

In der letzten Woche zeichnete sich die Börse! durch eine immer mehr um sich greifende Hn - s i ch e r h e i t aus. Dies wurde vor allem durch die katastrophalen Vorgänge bei der Frank­furter Allgemeine nDersicherungs- A. - G. hervorgerufen. Der Zusammenbruch die­ses Hnternehmens, der durch Geschäfte von saft zweifelhafter Art hervorgerufen wurde, löste in gewissem Sinne eine Panik aus, die immer mehr um sich griff, als die Tragweite der Ver­luste bekannt wurde. Vielfach werden aus dieser Situation bedenkliche Rachwirlungen auf die ge­samte deutsche Wirtschaftslage erwartet, da doch der Zusammenbruch eines solchen Hnternehmens, dem in jeder Beziehung das größte Vertrauen entgegengebracht wurde, erschreckend wirken muß, und einen ungünstigen Einfluß auf das Ausland ausüben wird. Die Börse wurde in der ganzen Woche hindurch fast nur von diesem Faktor be­stimmt und beeinflußt. Die übrigen Momente traten ganz in den Hintergrund, sogar die sonst mit Eifer verfolgten Verhandlungen der Haa­ger Konferenz wurden kaum mit einem Worte gestreift. Selbstverständlich blieb die ernste Situation im Haag doch nicht ganz ohne Ein­fluß, vielmehr verschlechterte sich die Stimmung auch schon aus diesem Grunde. Die Verluste hätten aber niemals diesen Umfang annehmen: können, wenn die Vorfälle bei der Frankfurter Allgemeinen der Börse erspart geblieben wären. Zu Anfang der Woche sank dieses Papier von etwa 900 RM. auf 840 RM., doch beruhigten sich die interessierten Kreise bald wieder, da die Verwaltung einBeschwichtigungs-Kommu­nique" herausgab. Man tonnte sich aber nicht er­klären, daß durch die Slufgabc eines Versiche­rungszweiges (Automobilverjicherung) ein sol­cher Verlust entstehen könnte. Man traute dem Frieden nicht mehr, sondern z:igte sich sehr mißtrauisch, und bald kam der wahre Grund zutage, der schon in der Presse ausführlich

Ich habe gestern mit Ihrem Herrn Vater eine Fahrt in die Sägewerke und Holzfelder ge­macht," sagte er dann, ,,ich habe ihn dort wirken und anordnen gesehen, als wäre er von seiner ersten Jugend an in dieser Arbeit groß geworden und mit ihren kleinsten Obliegenheiten vertraut ... ich habe mit ihm Gespräche geführt wie in alter Zeit und aufs neue einen Einblick in sein Inneres getan. Hnd wieder habe ich mir ge­sagt, wie früher so manchesmal: Welch ein gan­zer, welch ein prachtvoller Mann!"

3f)r Auge blickte zu ihm auf, leuchtete ihm warm und dankbar entgegen.

Sehen Sie... das sage ich mir auch."

Hnö wenn ich Ihren Vater auch heute sehen sollte, wie Sie meinen, ihn niemals sehen zu können... die alte Liebe würde es nie ertöten. Die ist zu tief gewurzelt. Ich würde mir sagen: es liegt in der Zeit, dieser von Tollheiten und Gärungen überladenen Zeit, die auch in den bis dahin normalen Raturen irgendetwas Abnormes ausbrütet. Hnö insbesondere in solchen, die unter ihr leiden, sie nicht zu ertragen vermögen und nun nach einer Art von Betäubung suchen, um nicht an ihr zugrunde zu gehen... der eine auf diese, der andere auf jene Weise."

Es ist sehr freundlich und nachsichtig von Ihnen, eine solche Rechtfertigung zu finden."

Weder freundlich noch nachsichtig. Ich habe vielleicht ein wenig auch für mich selber ge­sprochen."

Für Sie selber?" fragte sie voller Erstaunen.

.Ja, für mich selber. Weiß ich denn, was diese Zeit aus mir machen wird, welche Wege sie mich einmal führen wird? Oder meinen Sie etwa, daß ich mich auf geordneter Bahn befinde? Da wären Sie in einem großen Irrtum."

Sie haben sich aus Verhältnissen, die über Ihnen zusammenbrachen, tapfer herausgearbeitet haben mit Selbstverleugnung und Selbstüber­windung einen bescheidenen und gegen Ihre frühere Stellung untergeordneten Posten ange­nommen, nur, um im Kampf mit dem Leben nickst zu unterliegen ja, glauben Sie, ich fühlte das alles mchst sehr gut und hätte Sie nicht manches Mal bewundert?"

Zur Bewunderung war wohl wenig Grund. Mir Blieb nichts anderes übrig, und ich muß Ihrem Vater dankbar sein, daß er mir diesen Hnterschlupf bot. Hnd doch fühle ich im 3nner- ften. aber nein... das kann ich Ihnen nicht sagen.

tuii Sie es! Ich habe Ihnen vom ersten Augenblicke an mein Vertrauen geschenkt und Tinge mit Ihnen besprochen, die ich allen an­deren auf das Aengstlichste verberge. So geben Sie mir auch das Ihre!"

(Fortsetzung folgt.)