Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Das Land ohne Lärm.
EindrückevoneilterFerienreisenachOa'nemark
Von Anna Valeton.
Es ist immer ein bißchen mißlich, von fremden Ländern zu erzählen und keine Bilder dazu zeigen zu können. Gewiß, man könnte etwa berichten: Dänemark hat märchenhaft schöne Meeresküsten, herrliche Wälder, liebliche, saubere Städtchen und Dörfer, unzählige Seen, von Wald umsäumt und von lustigen weißen Segeln belebt. Aber damit ist nichts besonders Charakteristisches gesagt. Viel leichter ist es, zu erzählen, was man in fremden Ländern Besonderes und Auffallendes zu hören bekommt. IInb für Dänemark ist es besonders charakteristisch, was man nicht zu hören bekommt.
Kopenhagen ist eine recht große Stadt; ich glaube, es hat sechs- bis siebenhunderttausend Einwohner. Und dazu ein bißchen mehr Autos und Autobusse, und sehr viel mehr Fahrräder, als unsere deutschen Großstädte. Und höchstens drei Verkehrsschuhleute in der ganzen Stadt. Das verspricht schon einen ganz gehörigen Lärm, nicht wahr? Und auch allerhand Zwischenfälle. Aber der Lärm ist nicht da, und die Zwischenfälle auch nicht. Autos hupen fast gar nicht, auch im dichtesten Verkehr nicht. Rämlich niemals, solange sie geradeaus fahren. Man sieht sie ja, was brauchen sie da Lärm zu machen? Rur wenn man um eine Ecke fahren will, hupt man einmal. Aber wirklich nur einmal. Und die Radfahrer machen es ebenso mit dem Klingeln. Die Leute wissen das und passen schon auf. Man kann sich nur schwer vorstellen, was für eine erstaunliche Stille dadurch in den Straßen herrscht. Es gibt auch keine Unglücksfälle. Zuerst ist es ein bißchen schwer, so ohne Derkehrsschutzmann über die Straßen zu kommen, und mehr als einmal steht man plötzlich erschrocken zwischen einem Auto und zwei Rädern und erwartet eine Katastrophe, oder doch wenigstens eine Schimpfkanonade. Aber siehe da, die Radler springen ab, das Auto hält und der Chauffeur winkt freundlich, daß man Vorbeigehen soll. An Ecken, wo sechs bis sieben Straßen aneinanderstoßen, erlebt man es duhendmal, daß auf einmal sieben Autos mit den Schnauzen aneinanderstoßen und nicht weiter können. Gespannt wartet man auf Wutausbrüche und Flüche. Richts dergleichen geschieht! Alle sieben Chauffeure grinsen freundlich, die Autos rutschen ein bißchen zurück, und in drei Sekunden ist der Knäuel aufgerollt und der Verkehr flitzt weiter. „Ach, man würde sich ja so lächerlich machen, wenn man da schimpfen wollte," sagen die Dänen.
Wenn man von Kopenhagen spricht, so ist meist das erste, was den Menschen dazu elnfällt: „T i v o l i“. Tivoli ist ein riesiger ständiger Vergnügungspark in Kopenhagen mit Karussells und Rutschbahnen und allem, was dazu gehört. Manchmal sind fünfundzwanzigtausend Menschen an einem Tage dort. 51 nb man hört sie kaum! Tivoli ist so still, daß mitten drin eine große offene Konzerthaile stehen kann, in der Hunderte von andächtigen Menschen einer ausgezeichneten Kapelle zuhören, die Beethoven und Mozart spielt. Dicht daneben sind Tanzdielen und Würfelbuden, und ein Pantomimentheater im Freien, das man durch riesige sonderbare Teriskope begucken kann, ein bunt beleuchteler See mit Gondeln, moderne Lilörstuben, chinesische Tempel- chen, und allerhand Restaurants, in denen man leckeres Smörebröt zu essen bekommt, alles überstrahlt von Tausenden und aber Tausenden von Lichtern. Lauter vergnügte Gesichter sieht man, alles kommt dort zusammen: große Damen, kleine Mädchen, Offiziere und Soldaten, Gelehrte, Arbeiter, Dienstmädchen und Kaufleute, und manchmal auch der König.
Wer seine Rerven erholen muß, kann es in Dänemark vielleicht besser als in manchem Sanatorium. denn das Land ist ja nicht nur äußerlich „ohne Lärm". Die Menschen sind auch innerlich sanft und ohne Lärm. Sanft wie die Ratur, in der sie leben, die nirgends besonders groß
artig ist, aber überall lieblich und erquickend. Auf Spaziergängen legt man nicht allzu lang Beschlag auf eine besonders schöne Dank, „andere wollen auch einmal sitzen", beim Deerenpflücken im Walde nimmt man nicht alle mit, „andere wollen auch noch etwas finben", unb wenn man Lust zum Rauchen bekommt unb seine Zigaretten vergessen hat, läßt man sich vom ersten besten Bauernburschen unterwegs eine schenken, unb ber findet bas ganz natürlich.
Harmonisch unb frieblich leben, ist etwas, worauf man großen Wert legt in Dänemark, und vielleicht ist das dort leichter zu verwirklichen, als anderswo, weil dort die sozialen Gegensätze nicht so scharf sind, wie anderswo. Dänemark hat ja nur eine einzige Großstadt, Kopenhagen, und nur ganz wenig Industrie. Natürlich gibts Fabriken. Dänemark ist ja ein moderner Staat, aber im wesentlichen ist es doch ein Bauernland. Das würde noch nicht genügen zum Ausgleich der sozialen Gegensätze. Bauern können arge Streit- hämmel fein. Es kommt dazu, daß der Stand der Volksbildung in Dänemark ein sehr hoher ist. Ein sehr hoher und ein sehr eigenartiger, denn er beruht ganz unb gar auf ber Volkshochschule. Der Dolkshochschulgedanke stammt ja aus Dänemark und ist dort seit fast hundert Iahren schon verwirklicht. Augenblicklich hat Dänemark, das kleine Land, bereits fünfzig Volkshochschulen. Sie liegen fast alle auf dem Lande und sind ausschließlich Anstalten, in denen die Schüler meist ein halbes Jahr vollständig wohnen, essen und schlafen unb das ganze Leben gemeinsam
führen. Die meisten sind Schulen für junge Bauern, aber sonst ganz verschieden. Es gibt christliche und weltliche, nationale unb internationale Volkshochschulen in Dänemark. Der Staat unterstützt sie alle, mischt sich aber in Verwaltung und Unterricht in keiner Weise ein. Also auch hier geht alles „ohne Lärm". Man bekommt einen Begriff von dem Geist dieser Schulen, wenn man liest, was ihr Begründer R. F. S. Grundtvig darüber sagt: „Die Jugend, die in jedem Stand und in jeder Stellung die Lebenskraft eines Volkes ausdrückt, die durch viele Geschlechter hin verkrüppeln kann oder gedeihen — diese Iugend ist es, die wir packen müssen, nicht für uns selber, oder für bestimmte Ansichten, nicht für irgendwelche geschlossene Dinge oder Gedanken, sondern für das Leben, das edle, wirksame Menschenleben, gleich edel in jeder äußeren Stellung, wenn es sich nach dem Geiste bildet, ber frei über uns allen schwebt — bereit machen müssen wir die Iugend für ein solches Leben, sie dahin bringen, daß sie Lust bekommt, das Leben aufgeklärt zu sehen, die wunderbaren Gesetze zu verstehen, die das Leben, so regellos fein Verhalten auch scheint, doch unabweichlich befolgt."
„Tak for sidst,“ sagt man in Dänemark zu Menschen, bei denen man gestern ober vor drei Wochen oder vor zwei Jahren zu Gast gewesen ist, wenn man sie zum erstenmal danach wieder- sieht. „Dank fürs letztemal." Und „Tak for sidst“ wird jeder von ganzem Herzen sagen, der je einmal in Sänemarf gewesen ist.
Donaufahri.
Von Or. Wodaege, Gießen.
Auf den uralten Wanderstraßen des Wassers zieht der moderne Kajakfahrer dahin, mit Faltboot und Zelt. 3n den ewigen Kreislauf des Wassers, wandernd vom Berg zum Meer, fügt er sich ein, auf kurze Zeit nur, aber um so inniger vereint mit Strom unb Welle.
Donau, du alte Wanderstraße Europas! Du weißt zu künden von der Ribelungen Fahrt, von Kelten, Römern, Hunnen und Türken. Darius, Alexander, Trajan, Attila, Karl der Große haben bereits deine Fluten geschaut. Was Wunber, wenn deine Ufer erzählen vom Klirren _ der Waffen und dem friedlichen Verkehr ber Völker aller Zeiten.
Der D-Zug führt uns durchs bayrische Land nach Regensburg. Hier spüret wir gleich den Odem einer wechselreichen stolzen Geschichte. Castra regina der Römer, Herzogsburg der baju- varischen Herzöge der Agilolfinger, Pfalz Karls des Großen. Von der alten steinernen Brücke, einem Weltwunder des Mittelalters, blicken wir hinab in den st rubelnden Strom.
Bald wenden wir uns ganz realen Dingen zu. Einen Zentner Wandergepäck unb außerdem noch das verpackte Faltboot lassen wir uns durch einen Dienstmann zum Donauufer karren. Das Gepäck ist ber Feind des Faltbootfahrers, aber nur so lange, als er sich noch nicht seinem Element anvertraut hat. Alsdann trägt es das treue Boot, und die Last gibt ihm eine besonders ruhige Fahrt. Zelt. Schlafsäcke unb Proviant unb was sonst noch alles bazu gehört, lassen dann jeden Abend ein Heim entstehen, in dem es an nichts fehlt.
Die Donau kennt sie seit längeren Jahren gut, die Zeltlager an ihren Ufern unb auf ihren Inseln. Wenn die Sonne im Westen sinkt und die Wasser im Abendrot schimmern, so daß der Kajakfahrer glaubt in purpurnem Element dahinzugleiten, dann späht er nach einem Lagerplatz aus. Oft finden sich • mehrere Zelte zusammen, besonders an bekannten Zeltlagerplähen wie etwa dem „Regensburger Hausen", einer langgestreckten Insel drüben im Oesterreichischen, wo die steilen Donauberge dem Mond erst spät gestatten, sich in den Fluten zu spiegeln, dort wo das alte Raubrittemest Haichenbach nach zwei Seiten
hin 8um Strom hinabschaut, der sich in einer Schleife um den Berg schlingt. Wie wenn es in der Ratur der Sache läge, türmen die Kajakfahrer, die diese Rächt auf der einfamen Änsel zusammengeführt hat, dort vorne auf der vorgelagerten Sandbank einen Holzstoß auf, aus Aesten und Planken, die beim letzten Hochwasser an Bäumen und Gestrüpp der Insel hängen geblieben sind. Bald lodert ein mächtiges Feuer hoch auf, spiegelt sich weithin donauabwärts in den Fluten unb leuchtet hinauf zu den steilen Uferhängenr
Heiße Wandertage sind uns beschieden. Ein Sonntag führt uns durch die „Kornkammer Bayerns" gen Straubing, das wir auf endlosen Flußwindungen erreichen, nachdem seine Türme uns schon Stunden zuvor gegrüßt haben. Flach sind die Ufer. Zur Linken wird ein weites Panorama von den Höhen des bayrischen Waldes begrenzt, die bis zu 1200 Meter ansteigen. Dörfer, Städtchen, Klöster unb Burgen ruhen im Tal und auf Höhen unter ber Glut der Sonntagssonne. Allenthalben steigen neue Kirchtürme auf, schlanke und massige, mit spitzen, breiten unb Zwiebel-Dächern, bald allein, bald zu zweien die Wacht am Kirchenbau haltend. Die meist etwas eintönigen Glocken schallen am Morgen übers Land. Kahnfähren tragen sonntäglich gekleidete Bauern unb Bäuerinnen unb junges Volk zum Kirchgang aufs anbere Ufer. Am Rachmittag klingt das dumpfe Rollen der Kegelkugeln aus den Schankstätten zu uns herüber unb laute bajuvarische Lebensfreude.
Die Strömung ist nicht immer gleich. Vor Passau fahren wir infolge der Kachletschleuse- schließlich nur noch im Stau. Aber bisweilen packt die Flut kräftig das Doot. Die Isar, die unterhalb des zwischen Höhen im Grünen eingebetteten Deggendorfs mündet, bringt nur vorübergehend eine etwas schärfere Gangart. Anders ist es mit dem Inn, dem kräftigen Sohn der Berge. Bei Passau wirft er sich in die Donau und Farbe und Tempo des Stroms wechseln sofort. Dann ist noch das Kachlet unterhalb des österreichischen Aschachs zu nennen. Eine lange Bojenreihe zur Linken warnt uns, in das Felsgemenge einzudringen, gegen bas die Flut dort tosend anprallt. Aber auch den Damm zur Rech
ten müssen wir meiden, unb zwischen beiden jagen wir in flottem Paddelschlag mit den Fluten dahin.
Tor Passau ruht ein mächtiges Elektrizitätswerk mitten im Fluß, dessen Lauf durch Werk und Schleuse gesperrt wird. Dem Kajakfahrer, der sich diesem Hindernis bei Rächt nähert, wirb es zum besonderen Erlebnis. Feenhaft schimmert das leuchtende Werk im Fluh. Richt einen Zweck- und Industriebau, sondern ein Märchenschloß glaubt man vor sich zu haben. Das Spiegelbild im Wasser erscheint nicht minder wirklich als der Bau darüber. Ein doppelter Lichterglanz. Alle leuchtenden Konturen des Werks ergänzen sich strahlend in Spiegelbild und Wirklichkeit. Richt ganz cinfadTTft'ä für den fremden Kajakfahrer, zur Rachtzeit den Weg fürs Doot zu finden. Zur Rechten stürzt. sich der Strom im Kraftwerk plötzlich in die Tiefe. Wir hüten uns, dem Sog zu nahe zu kommen. Zur Linken verschließt die große Schleuse den Weg, die sich sür kleine Boote, zumal zur Rachtzeit, nicht öffnet. Aber der deutsche Kanuverbanb (DKV.) hat für die Seinen gesorgt. Ein Rollwagen auf Feldbahnschienen steht auf der rechten Schleusenseite bereit. Auf ihn lagen wir das Boot und schieben es auf den Schienen bis unterhalb des Kraftwerks, wo wir es in den hochgehenden Wellen des aus dem Werk abströmenden Wassers wieder einsehen.
vorsichtig fahren wir in dem unbekannten dunkeln Gewässer weiter. Bald glättet sich die Flut. Zur Rechten und Linken schimmern die Lichter Passaus. Wie zu unserem Empfang wiegen sich die Klänge einer österreichischen Kapelle über den Wassern. Ein Passauer Kajakfahrer, den wir antreffen, weist uns den Weg hart um die Ecke der alten Wasserburg, des „Rieöer- hauses" herum durch Felsen hindurch in den Ilzfluh, an dessen Ufer das Paddlerheim des DKV. liegt, das bald Mann unb Boot gastlich aufnimmt.
Der nächste Tag gilt Passau. Diel zu wenig sinb die Schönheiten bieses „bayrischen Venedig" bekannt. Donau, Ilz unb Inn bereinigen sich dort, unb bis zu den Mündungen vorgeschoben liegt die Stadt. Wir schlendern durch die alten Straßen unb durch kühle, geheimnisvolle Gewölbegänge. Der Dom nimmt uns in seine gewaltigen Hallen auf, unb uro die Mittagszeit hören wir dort ein Orgelkonzert auf der größten Kirchenorgel der Welt mit ihren siebzehnausend Pfeifen. Als ob es in seinen Grundfesten erbebe, so gewaltig dröhnen die Klänge durchs Gotteshaus. Zuvor waren wir noch hinaufgestiegen zum „Oberhaus", dem früheren fürst bischöflichen Sitz. Unvergeßlich ist der Dlick von dort oben hinab auf die Stadt, die Flüsse und das weite Panorama der Landschaft.
Am Spätnachmittag trägt uns die Donau nach Oesterreich hinein. Zwischen. Passau unb Linz bietet sie sich dem Fluhwanderer in ihrer einsamsten Schönheit. Wie wenn die Zeit stehengeblieben wäre, so - unberührt steigen die bewaldeten Steilufer bis zum Fluß hinab mit ihren Felsen und Schlössern. Eine Donauschleife folgt ber anderen, bis sich von Schloß Reuhaus ab *ber Strom 7 Kilometer lang schnurgerade dahinzieht. In jenen Windungen bei Strudeln und Widerwellen hatten wir die Paddel fest in der Hand. Ieht ruhen sie auf kurze Zeit und wir überlassen es der Laune des Flusses, ob unser Dlick zurückgeht zum stolzragenden Schloß, zu den steilen Uferhängen ober stromabwärts nach Aschach zu, -wo die Berge plötzlich zurücktreten. Vor Ottendbeim mit feinem alten Schloß der Walliser lassen wir unser Boot seitwärts gleiten in die Idylle des „Gstocket". Es sind dies seichte Seitenarme der Donau, die durch Wälder unb Buschwerk führen. Eine Art Walbspaziergang 1m Kajak ist es, den wir da unternehmen, gemächlich und ohne Strömung.
Dann folgt noch eine Rächt vor Linz im Zelt. In aller Frühe schlagen wir in Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs, unser Doot wieder ab unb winken noch den anderen Kajakfahrern zu, denen es vergönnt ist, ihre Fahrt fortzusetzen bis hinunter zur großen Donaustadt, bis Wien.
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