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Rr. 70 viertes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)5amstag, 25. Mär; (929

Das Gießener Wohnungsbauprogramm 1929 genehmigt.

Lleber eine Million Mark bereitgestellt. - Vor allem Kleinwohnungen. - Die Stadt baut wieder selbst.

) @ i c 6 e n, 22. März 1929.

Das Stadtparlament hatte heute einen großen Tag. Der beherrschende Punkt der ganzen öffent­lichen Sitzung war das Wohnungsbaupro­gramm für 1 9 29. Und das besondere Ereignis bildete die Tatsache, daß die Stadt in diesem Jahre wieder selb st den Kleinwoh- nungsbau übernimmt. Daß hierzu drin­gende Veranlassung gegeben ist, kann nicht bezwei­felt werden. Von sämtlichen Fraktionen wurde die Notwendigkeit dieses städtischen Eingreifens in die Wohnung^produktion anerkannt, wenn man auch einigemal und mit Recht den grundsätzlichen Stand­punkt betonte, daß der Wohnungsbau eigentlich keine Aufgabe der Stadtverwaltung ist. Dieser Mei­nung stimmen wir durchaus zu, aber auch wir sind brr Ansicht, daß unter den gegenwärtig obwaltenden Umständen von diesem Rcgelzustande abgewichen werden muß. In erfreulicher Einmütigkeit wurde die Vorlage der Stadtverwaltung verabschiedet, nach dem vorher einige sozialdemokratische Anträge, die über die Vorschläge der Verwaltung hinaus- ginaen, keine Annahme gefunden hatten. Dabei fand auch ein sozialdemokratischer Antrag auf Anfor­derung und Kontrolle von Mietver­trägen über Wohnungen aus verbilligtem Bau­geld ein Begräbnis erster Klasse, denn es ist wohl kaum anzunehmen, daß diese Anregung ohne die sozialdemokratische Fraktion wieder an ba4 Licht der Öffentlichkeit gelangt. Wir halten jedenfalls eine solche Maßnahme, die eine neue starke Zwangsjacke für den Hausbesitz und eine Beschränkung der Frei­heit bedeuten wurde, für unannehmbar, und dar­über hinaus wäre sie nach unserer Ansicht wirt­schaftlich ein absolutes Minus. Sehr erfreulich ist dagegen, daß mit diesem Wohnungsbauprogramm endlich dem Rordo st viertel die schon längst fällige umfangreiche Berücksichtigung zuteil werden soll. Es ist in der Tat erforderlich, daß _ wie der volksparteiliche Fraktiosvorsitzende mit Recht betonte der nordöstliche Stadtteil nicht mehr länger kommunalwirtschaftlich im Dunkeln steht. Wir begrüßen den einstimmigen Beschluß des Stadtparloments und hoffen, daß nun möglichst bald mit der Verwirklichung des Bauprogramms begonnen wird.

Vor der Beratung dieser Vorlage erledigte man eine ziemlich ansehnliche Tagesordnung, wobei es mehrfach zu längeren Debatten kam. lieber diesen Teil der Verhandlungen werden wir noch berichten.

Sitzungsbericht.

Anwesend Oberbürgermeister Dr. Keller, die Beigeordneten Dr. Hamm, Justizrat Dr. Rosen­berg, Kommerzienrat K l i n g s p o r und 35 Stadtverordnete. Der Zuhörerraum ist schwach be­setzt.

Das Wohnungsbauprogramm 1929

Die Stadtverwaltung legt folgenden Antrag zur Beschlußfassung vor:

den für den Wohnungsbau im Jahre 1929 verfügbaren Mitteln in höhe von 1 022 951 Mark werden unter den in der Begründung näher aus- gkführten Bedingungen verwendet für:

1. Rund 60 Wohnungen L 2 bis 3 Zimmer der Stadt

2. Wohnungsbaugenossenschaft: a) händelstraße 3 Wohnungen ä drei

Zimmer

b) Brethovenstraße 12 Wohnungen a drei Zimmer

3. Lifenbahnerheimstältenver- ei n: 10 Wohnungen a 4 Zimmer

4.Siedlungsgesellfchaft für Verkehrsperfonal: 12 wohnun- gen i 3 Zimmer

5. Baugenoffenfchafl 1 894: 24

Wohnungen ä 3 Zimmer

tz. für private: 12 Wohnungen zusammen 133 Wohnungen.

Die Verteilung der Mittel für die privaten er­folgt nach Anhörung des Bauausfchusses durch den Finanzausschuß. ,

Gemäß Stadtverordneten-Beschluß vom 29. Juni 1928 muh die Erhöhung des vauprogramms der hegemag und der kriegersiedlung um 27 Woh­nungen aus dem Bauprogramm 1929 bestritten werden. Ls handelt sich hierbei um 180 000 Mark, welche die Stadt nicht bar aufzubringen Hal, son­dern die in der Form eines Zinszuschusses im Wohnungskonto unter Angabe B. Betriebskonto 6 enthalten ist.

Oie Begründung.

Beigeordneter Dr. Hamm

qibt zu der Vorlage eine längere Begründung, aus der folgendes zu entnehmen ist: Die Dau - darlehen sollen, wie bisher, mit 3 Prozent verzinst und mit 1 Prozent getilgt werden. Vach einigen Jahren soll geprüft werden, ob Liese Sätze beibehalten werden können. Der Unterschied zwischen den Zinssätzen, die die Stadt zu zahlen hat, und der hier vorgeschlagenen Zinshöhe soll zu Lasten des Wohnungskontos gehen. DieBeleihungsgrenz e soll 75 Pro- zent der gesamten Baukosten, einschl. Grund» erwerbskosten, Straßenkostenbcitragen usw. be­tragen. Oluf besonderen Antrag von gemein­nützigen Baugenossenschaften. Kriegsbeschädigten usw. will die Stadtverwaltung beim Finanz­ausschuß die Ermächtigung einholen, für diese Bauinteressenten die Beleihungsgrenze auf 90 Prozent zu erweitern. Die Berechnungs­form für Baudarlehen soll wie 1928 nach der Wohnfläche gestaffelt werden, und zwar für die ersten 50 Quadratmeter je 100 Mk., für die zweiten 50 Quadratmeter je 75 Mk., für die dritten 50 Quadratmeter je 40 Mk., insgesamt höchstens 150 Quadratmeter zu 10 750 Mk. Die Straßenkostenbeiträge sollen mit 1 Pro­zent über Reichsbankdiskont verzinst werden.

3m Gegensatz zu den letzten Jahren wolle, wie Beigeordneter Dr. Hamm weiter ausführt, die Stadt jetzt wieder selbst bauen, und zwar wolle sie in diesem Jahre, wie die Vorlage zeige. 60 Wohnungen schaffen.

Diese 60 Wohnungen seien die erste Bäte von den neuerdings als notwendig ermittelten 240 Wohnungen, die für völlig baufällige oder drin­gend ersahbedürstige Wohnungen geschaffen wer­den müßten. Um diese dringende Notwendigkeit den Stadtverordneten vor Augen zu sühren, habe vor einigen Tagen eine Besichtigung der unhaltbaren Wohnungen durch Vertreter der Fraktionen stattgefunden: nur die Wirtschaftliche Vereinigung sei bei dieser Besichtigung nicht an­wesend gewesen. Alle Herren seien dabei derart erschüttert worden, daß sie erklärten, sie seien zwar auf manches gefaßt gewesen, aber die jetzt gesehenen Tatsachen hätten ihre Be­fürchtungen übertroffen.

In einer an die Besichtigung anschließenden Besprechung sei Einmütigkeit darüber erzielt worden, daß der Bau der erforderlichen 240 Wohnungen von der Stadtverwaltung zu unter­stützen sei.

Das Wohnungsbauprogramm habe den ausge­sprochenen Zweck, das Wohnungselend zu beseitigen. Von allen Mitgliedern des Hau­ses werde dieses Wohnungselend_ als vorhanden angesehen. Für diese in baufälligen und scheußlichen Löchern gequälten Menschen müsse die Stadt einspringen. Er bitte daher namens der Stadtverwaltung, den Dau der hier vorgeschlagenen 60 Wohnungen durch die Stadt zu genehmigen.

Mit Baudarlehen würden hauptsächlich die Baugenossenschaften für den Bau von kleinen Wohnungen bedacht werden. Die Daugenossenschaft 189 4 wolle in der Liebigstraße auf dem von der Firma Hey- ligenstaedt erworbenen Gelände bauen: sie sei bereit, im Jahre 1929 ihr gesarntesDauprogramm durchzuführen und dann im Jahre 1930 auf den Wohnungsbau zu verzichten, wenn ihr die vom vorigen Jahre noch verfügbaren städtischen Woh­nungsbaumittel in Höhe von 60 000 Mk. neben den in der Vorlage enthaltenen 160 000 Mk. noch mit gewährt würden.

Der Redner verliest zum Schluß seiner Begrün­dung eine ganze Reihe von Anträgen der Deut­schen Volkspartei, der Wirtschaftlichen Vereini­gung und der Sozialdemokraten. Die Anträge liegen der Presse nicht vor, weshalb sie hier nicht mitgeteilt werden können.

Oie Aussprache.

Oberbürgermeister Dr. Keller empfiehlt die Annahme des Dauprogramms nach den Vorschlägen der Stadtver­waltung. darüber hinausgehende Anträge mit äußerster Vorsicht anzusehen und dabei auch an den kommenden Haushaltsvoranschlag zu denken, der ohnehin schon erhebliche Anstrengungen not­wendig machen werde.

Stadtv. Mann (Soz.)

betont, in unserer Stadt seien 587 Familien ohne eigenen Haushalt in fremden Haushaltungen untergebracht. Er beanstandet, daß bisher auch wirtschaftlich bessergestellten Leuten verbilligte Baudarlehen gewährt worden seien und fordert, daß dies künftig nicht mehr geschehe. Sodann empfiehlt er, um noch mehr als die vorgeschla­genen 60 städtischen Klein-Wohnungen bauen zu können, neben den jetzt vorgesehenen 500 000 Mk. noch einen Realkredit von 200 000 Mk. aufzu­nehmen. Man könne dann noch 24 Wohnungen mehr bauen. Weiter ist er dafür, die vom vori­gen Jahre noch verfügbaren 60 000 Mk. dec Bau­genossenschaft 1894 mit zur Verfügung zu stellen, ebenso empfiehlt er, ans den für das Jahr 1930 zu erwartenden Wohnungsbaumitteln jetzt schon 60 000 Mk. mit in Betracht zu ziehen und eine dementsprechende Vorbelastung des Haushalts für 1930 vorzunehmen. Er erklärt weiter, aus den früher gewährten verbilligten Baudarlehen hätten manche Leute ein Geschäft gemacht dadurch, daß sie aus den mit diesen Darlehen geschaffenen Wohnungen einen übermäßigen Gewinn gezogen hätten. Das dürfe nicht zugelassen werden. Er beantragt daher, von allen mit verbilligtem Bau­darlehen begünstigten Bauherren die Mietver- träge für die nach der Inflation erstellten Woh­nungen anzufordern, diese Vertrage nachzuprü­fen und in allen Fällen, in denen aus den ver­billigten Wohnungen ein übermäßiger Gewinn gemacht worden fei, die ermäßigten Baudarlehen zum nächstmöglichen Termin zurückzufordern.

Sladlo. Professor Dr. Krausmüller (D. vp.) bedauert zunächst, daß der Gesamtbetrag der Wohnungsbaumittel bei der Vielheit von Bau- genossenschasten in so viele Teile gehe. Es wäre besser, wenn wir nur eine oder zwei Baugenos­senschaften hätten. Auf die einzelne Genossen­schaft kommen zu wenig. Er beanstande, daß hier für Private so wenig zum Bauen gegeben werden solle, und er beantrage, die für die Sied- lungSgesellschaft für Verkehrsperfonal (wobei nur Postbeamte in Betracht kämen, da die Reichs­bahnangestellten ihre Baugenossenschaft hätten) vorgesehenen 66 000 Mk. mit an Private zu geben. Er sei der Ansicht, daß man auch Private bauen lassen sollte, denn diese brächten aus eigenen Mitteln mehr Kapital zum Dau mit (bei der 75prozentigen Deleihungsgrenze für Private also 25 Prozent Cigenkapital, gegenüber der 90prozen- tigen Beleihungsgrenze bei Baugenossenschaften mit nur 10 Prozent Eigenkapital). Man solle die 66 000 Mark für die vorerwähnte Siedlungs­gesellschaft wenigstens bis 1. Juni den Privaten mit Vorbehalten, werde bis dahin von privaten Bauherren kein Anspruch darauf erhoben, so könne diese Summe wieder der Siedlunasgesell- schaft zur Verfügung gestellt werden. 3m all­gemeinen stehe er auf dem Standpunkt, daß die Stadt selbst nicht bauen solle, weil die Kosten zu hoch würden. Die Stadt solle es den Genossen- schäften überlassen, die bisher in anerkennenswer­ter Weise gebaut hätten. 3m jetzigen Falle müsse aber von diesem Standpunkt abgewichen werden, denn nach den Mitteilungen des Wohlfahrtsam­tes seien diese Kleinwohnungen dringend notwen­dig. Für einen Antrag, der über die Vorschläge der Verwaltung hinausgehe und den noch nicht bekannten neuen Haushaltsvoranschlag auf der Belastungsseite weiter erschwere, könne seine

500 000

28 000

88 000

88 000

66 000

160 000

92 951

Fraktion nicht eintreten. Er möchte den Bau­genossenschaften die Hauptaufgabe des Woh­nungsbaues überlassen, denn die Genossenschaften arbeiteten gut. Man solle die Wohnungen an ausgebauten Straßen errichten und dabei beson­ders auch an bai Rordostviertel denken. Der nordöstliche Stadtteil beklage sich mit Recht dar­über, daß dort bisher so wenig getan und nicht schon genügend Bauland aufgeschlossen sei. Das Rordostviertel müsse sehen, daß es nicht dauernd im Schatten stehe. Er empsehle die Anlegung einer Straße von der Marburger Straße nach dem Eisenbahnviadukt an der Ederstraße zu. Die Stadt solle auch nicht von sich aus bauen, wenn dadurch eine Vermehrung des Personals des Dauamtes eintrete: seine Fraktion sei entschieden gegen eine Vermehrung des Bauamtspersonals. Dem sog. Antrag auf Mietenkontrolle stimmt der Redner nicht zu.

Stabto. B i c o I a u 5 (wirtsch. vg.) fordert, das Bauen nicht auf einen kurzen Ab­schnitt des Jahres zu beschränken, sondern die Bauarbeiten auf das ganze Jahr zu verteilen, damit ständig Beschäftigungsmöglichkeit vorhan­den sei. Eine finanzielle Ausdehnung dieses Dau- Programms auf 1930 lehne feine Fraktion ab. Die in dem Verwaltungsantrag vorgesehenen Mittel für Private feien zu gering, er stimme dem Antrag der Volkspartei auf ^Übertragung der 66 000 Mark für die Siedlungsgefellschaft an Private zu. Der Wohnungsbau müsse allmählich wieder in Privathand kommen. Ebensowenig ge­falle ihm das städtische Bauen. Wenn seine Fraktion trotzdem dem jetzigen Anträge der Ver­waltung auf Errichtung von 60 Wohnungen durch die Stadt zustimme, so geschehe eS, weil die Rotwendigkeit anerkannt werde, daß für eine ganze Anzahl Mieter dringend eine Aenderung Der Wohnungsverhältnisse geschossen werden müsse. Die von der sozialdemokratischen Fraktion beantragte Anforderung und Kontrolle der Miet­verträge lehne seine Partei ab, weil bei einem solchen Vorgehen eine so ungeheure Arbeitsfülle herauskomme, daß nur ein neues Amt sie be­wältigen könne, im übrigen aber der Erfolg in keinem Verhältnis zu dem Arbeitsaufwand stehen werde: seine Partei lehne diesen Antrag aber auch ab, weil er nur eine neue Bevor­mundung bedeute, und man doch endlich einmal aus den Fesseln herauskommen wolle zur Frei­heit. Er fordere weiter, daß bei der Herstellung von Bauten mit städtischen Mitteln die Arbeiten in erster Linie dem heimischen Handwerk über­tragen und nicht immer und immer wieder nicht- ortsansässige Leute teilweise mit den (Bauarbeiten betraut würden. Die gleiche Forderung müsse auch geltend gemacht werden gegenüber den sog. Generalunternehmern, die die Fertigstellung eines ganzen Gebäudekomplexes übernehmen. Für die Zukunft müsse dafür gesorgt werden, daß das Dauprogramm spätestens schon im Januar vor­gelegt und verabschiedet werde, damit dieBau* Vorbereitung noch in die Winterwochen falle und bei Beginn des Frühjahrs sofort mit den Bauten begonnen werden könne.

Stadtv. höhn (Dem.) stimmt im großen und ganzen den Ausführungen des Stadtv. Mann zu. Kegen die Beschaffung der 60 Wohnungen durch die Stadt sei nichts ein- zuwenden. Er sei für die im Verwattungsantrag unter Ziffer 1 bis 3 und 5 gemachten Vorschläge, hinsichtlich der Ziffer 4 und 6 schließe er sich dem Anträge der Volkspartei an. Der Errichtung der 60 Wohnungen nur in der Schwarzlach könne er nicht beipslichten, er schlage vor, zunächst die Ederstraße, die Steinstraße usw. auszubauen und die durch Erdanfuhren zum großen Teile bereits geschaffene Straße von der Marburger Straße nach der Eder­straße zu bebauen. Auf diese Weise vermeide man eine neue Belastung durch Straßenneubauten.

Stadtv. Launspach (wirtsch. Dg.) polemisiert zunächst gegen eine Aeußerung, die der Stadtv. Mann in seiner Rede mit eindeutig per­sönlicher Färbung gegen ihn vorgebracht hat, und betont dann ratter, die von ihm in der jüngsten Hausbesitzer-Versammlung vorgetragene Statistik über die Gießener Wohnungsmarktlage habe sich als richtig erwiesen, denn die von ihm festgestell­ten Zahlen hätten in der Sitzung vom Montag nicht widerlegt werden können. Seine Fraktion stimme nur zu für Wohnungsbauten von zwei Zimmern und Wohnküche in einfacher Weise.

Stabto. (Boer) (Jr. Vg.) erklärt, seine Fraktion stimme im allgemeinen der Vorlage zu. Er begrüßt es, daß die Stadt wieder Kleinwohnungen bauen wolle. Für die angeforöerten 500 000 Mk. werde seine Fraktion stimmen, dagegen werde sie die von der Sozial­demokratie beantragte Kapitalaufnahme von 200 000 Mk. ablehnen, weil sie vorerst eine weitere Belastung nicht gutheißen könne. Es sei auch gut- zuheißen, daß nun in der Schwarzlach gebaut werden solle und dadurch das jetzige unschöne Bild in dieser Gegend verschwinde. Zu wünschen wäre aber, daß dort ein größerer Kinderspiel­platz für Spielnachmittage der benachbarten Schu­len geschaffen werde, damit diese Kinder nicht immer den weiten Weg zum Trieb machen müß­ten. Seine Fraktion werde für den Antrag Krausmüller auf ilebertragung der Summe unter Ziffer 4 auf Ziffer 6 des Derwaltungs- antrages eintreten, denn bei der Siedlungsgesell­schaft für Verkehrspersonal handle es sich um Wohnungen, die nur für Reichsbeamte vorhanden seien und die beim Freiwerden auch stets wieder für Reichsbeamte in Anspruch genommen würden. Mit der ilebertoeifung der vorjährigen restlichen 60 000 Mk. an die Baugenossenschaft 1894 fei er einverstanden. Auch feine Ansicht fei, daß bei den Bauten in erster Linie das einheimische Hand­werk berücksichtigt werden müsse. Er bitte, das Bauprogramm möglichst rasch durchzuführen.

Stabto. Kirchner (D. vp.)

gibt der Ansicht Ausdruck, daß bei manchen Bau­genossenschaften nicht immer der richtige Grad von Gemeinnützigkeit sestzustellen sei. Eine An­zahl Handwerker seien nur deshalb Mitglieder der Baugenossenschaften, weil von diesen die Mit­gliedschaft zur Voraussetzung der Arbeitsausträge 1 gemacht werde. ES sei notwendig, darauf hinzu­

wirken, daß bei Vergebungen von Arbeiten durch die Baugenossenschaften freier Wettbewerb herrsche und dabei auch der Handwerker außer­halb der Baugenossenschaft Arbeit bekomme.

Stabto. TB i n n (D. Up.)

tritt dafür ein, den Bebauungsplan erst noch einmal im Bauausschuß durchzuberaten. Er empfiehlt, unter den. jetzigen Verhältnissen an ausgebauten Straßen zu bauen, damit neue Auf­wendungen für Straßenherrichtungen vermieden werden. Weiter rät er, nicht nur in der Schwarz­lach, sondern in verschiedenen Stadtteilen die neuen städtischen Wohnungen zu errichten.

Stabto. Mann (So;.)

empsiehlk, den Betrag für die Siedlungsgesell- schast für Verkehrsperfonal (Ziffer 4 des Der- waltungsantrags) bestehen zu lassen: weiter tritt er nochmals ein für die Aufnahme eines Kapitals von 200 000 Mk. als Zusatz zu den jetzt vorge­sehenen 500 000 Mk., und schließlich wünscht er erneut eine Erhöhung der Zahl der zu bauenden Wohnungen.

Stabto. Horn (D. vp.)

spricht sich gegen die Ausnahme weiterer An­leihemittel aus und bezeichnet es als nicht an­gängig, die Zinsen für eine solche weitere Last auf einen späteren Voranschlag zu schreiben. Man bedauere in der volksparteilichen Fraktion auch, daß jetzt nicht mehr bewilligt werden könne.

Bclgcorbneter Dr. Hamm

erklärt, daß die Bebauung im Rordostviertel mit diesem Programm stärker in Gang kommen solle. Die Verwaltung sei bei ihren Vorschlägen von tragbaren Mieten ausgegangen. Aus finanziellen Gründen könne die Stadt es sich nicht mehr leisten, große Strahenzüge auszubauen, die bann bei den hohen Zinssätzen jahrelang ungenutzt liegen blieben. Eine Ausfüllung von Baulücken in verschiedenen Stadtteilen durch dieses Bau- Programm bedeute eine Mehrbelastung und Ver­zögerung, das Ziel werde dadurch nur später erreicht, und deshalb sei dieser Weg nicht emp­fehlenswert. Bei einer vorläufiacn Ilebertra­gung des Betrages von Ziffer 4 auf Ziffer 6 emp­fehle er, die Frist kürzer zu bestimmen, vielleicht bis 15. Mai. Die Frage der Anforderung und Kontrolle der früheren Mietverträge müsse doch erst einmal auch unter juristischen Gesichtspunkten geprüft werden, ehe man entscheiden könne. Das einheimische Handwerk sei bisher schon immer bei Arbeitsvergebungen in erster Linie berück­sichtigt worden, man habe da schon ganz nach den heutigen Wünschen gehandelt. Er sei dafür, daß sofort mit dem Bauprogramm begonnen werde.

Oie Abstimmung.

Nach über zweistündiger Beratung der Vorlage kommt das Haus erst nach 8.30 Uhr abends zur A b st i m m u n g.

Der sozialdemokratische Antrag, einen Kredit von 200 000 Mark für weitere Wohnungs bauten aufzunehmen, wird auf Vorschlag des Ober- bürgermeifters Dr. Keller dem Finanzaus­schuß überwiesen.

Der sozialdemokratische Antrag auf Anforde­rung und Kontrolle der früheren Mietverträge wird, nachdem Oberbürger­meister Dr. Keller erklärt hat, daß die Verwal­tung die Rechtslage prüfen werde, von den An­tragstellern zurückgezogen.

Der sozialdemokratische Antrag, unter Vorbe­lastung des Haushalts für 1930 noch weitere 6 0 000 Mark im Jahre 1929 für Wohnungs bauten verfügbar zu machen, wird dem Finanz­ausschuß zugeleitet.

Der Antrag der Deutschen Volkspartei, die 66 000 Mark für bic Siedlungsges ell- schäft für Verkehrsperfonal vorläufig auf Private zu übertragen und diese bis zum 15. Mai bereitzuhalten, später aber bei Nichtinan­spruchnahme dem jetzt vorgesehenen Zweck wieder zuzuleiten, wird mit 18 gegen 17 Stim­men abgelehnt und demzufolge die im Der raaltungsantrag vorgeschlagene Regelung gutgeheißen. Mit der Linken und einem De­mokraten stimmen die Mitglieder der Stadtoerwal- tung gegen den volksparteilichen Antrag und damit für ihren eigenen Antrag.

Im übrigen wird die Vorlage in allen Teilen c i n ft i m m i g angenommen.

Die Vorlage bildet den letzten Punkt der Tages­ordnung der öffentlichen Sitzung: vorausgeht eine ganze Reihe weiterer Vorlagen, über deren Erle­digung wir am Montag berichten werden. Um 8.45 Uhr wird die öffentliche Sitzung geschloffen. Es schließt sich noch eine nichtöffentliche Beratung an.

14 Wasen eines Giiierzvges entgleist.

WSN. Kassel, 22. März, freute nachmittag gegen 2 Uhr entgleisten in dem non Bebra nach Göttingen fahrenden Güterzug 5860 kurz vor dem Bahnhof Eichenberg vierzchnWagen. Die mit Düngemitteln beladenen Wagen wurden von dem übrigen Zugteil bis zur Einfahrt- weiche des Bahnhofes mitgezogen und stürzten hier um. Der Materialschaden ist erheblich. Personen kamen nicht zu Schaden. Die beiden Hauptgleise der Strecke BebraGöttin­gen bleiben voraussichtlich vier Stunden gesperrt. Der Personenverkehr wird durch Umsteigen auf­rechterhalten. Die Ursache der Entgleisung konnte, noch nicht feftgefteUt werden.

Sprechstunden der Redaktion

11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen.

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