Nr. 144 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 22. Juni 1929
machen, und es ist direkt schädlich, die verschiedenen Fragen durcheinander zu behandeln. Im ganzen aber fragt man sich erneut, was dieser Sommerausslug nach Madrid auch für den Döl- kerbund für einen Sinn und Wert hatte, außer der hübschen Reise, die seine Delegierten und Beamten zu den spanischen Ausstellungen machen konnten?
Bevor nun über die großen — die englischamerikanische Berhandlung und die politische Konferenz der Regierungen im Derfolg des Boung-Planes — näher gesprochen werden kann, richtet sich die Umschau auf zwei Borgänge außerhalb dieses Kreises. Rußland und China sind seit fast einem Monat in einer steigenden Spannung, in der sogar schon von Kriegsmöglichkeiten die Rede ist. Die chinesische, d. h. die Rankingregierung, hat das russische Generalkonsulat in Charbin durchsuchen lassen und behauptet, dort belastende Schriftstücke über die Beziehungen zwischen Sowjetrußland und dem verräterischen General Feng gefunden zu haben. Die Erregung auf russischer Seite ist nicht gering, Man spricht sogar von Möglichkeiten eines russischen Einmarsches in die Mongolei. Dann würde dieser Konflikt in die ruhende, aber niemals ausgetragene Auseinandersetzung auch um die Mandschurei und die ostchinesische Bahn, die noch heute in Rußlands Hand ist, einmünden. Wir glauben nicht an eine Kriegsgefahr. Weder China noch namentlich Rußland sind in der Lage, dort einen großen Krieg zu führen: vor allem dos letztere nicht, weil ja seine inneren Spannungen mit der Ernährungskrise und dem Kampf der Richtungen in der kommunistischen Partei unausgesetzt zunehmen. Aber diese russischchinesische Auseinandersetzung wird ein Grund dafür sein, daß Hoover und Macdonald, wenn sie einander wirklich sprechen, auch das russische Problem berühren werden. Rußland hat allen Anlaß, interessiert auf diese großen Gespräche zu blicken, und daneben hat auch Deutschland allen Anlaß dazu!
Ein Programmpunkt der neuen englischen Außenpolitik ist die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu S o w j c t r u ß l a n d. In Rordamerika wird zumindest die Frage der politischen Anerkennung diskutiert. Was für uns noch wichtiger ift: die wirtschaftliche, finanzielle und technische Arbeit der Amerikaner an Rußland nimmt sehr
zu, und Rußland greift natürlich mit beiden Händen danach. Im Augenblick herrscht in Sowjetrußland geradezu eine Amerikapsychose. Bedarf es noch eines Wortes, um darauf hinzuweisen, daß Deutschland über dem (Foungplan und dem Kampf um ihn, über den politischen Folgerungen daraus und im Kampf um sie, nicht den Blick nach dem Osten vergessen darf? Daß es seine Beziehungen zu Rußland erst recht in diesem weiteren Rahmen sehen muß, die politischen sowohl wie die wirtschaftlichen?! Wir überschätzen etwaige Gefahren für uns auf diesem Gebiete nicht. Roch weniger ist die fortwährende Angst der Sowjetregierung ernst zu nehmen, daß ein großer Bund gegen Rußland im Entstehen sei und daß Deutschland in diesen hereingezogen werden solle. Kein Zweifel aber ifi, daß die Auflockerung des Geländes in der Außenpolitik auch hier nötig ist und daß Deutschland sich anspannen und seine Position in Rußland wahrnehmen muß!
Schließlich, die Llnterzeichnung des Konkordats zwischen Preußen und dem Vatikan am 14. Juni ist zunächst eine Frage der preußischen und der deutschen Innenpolitik. Davon ist hier nicht zu sprechen. Immerhin meinen wir, daß man die Frage nicht so ohne weiteres abtun konnte, ob Preußen überhaupt im Hinblick auf die inzwischen durch die Lateranverträge geschaffene Souveränität des Papstes z u ft ä n - d i g war, das Konkordat abzufchließen. Die Formel, die gegeben wurde, daß Preußen ja keinen Vertrag mit einem Souverän geschlossen habe, sondern mit der Kirche, ist keine Begründung, Denn die katholische Kirche ist überhaupt kein Faktor, mit dem ein Vertrag geschlossen werden kann. Dieser „feierliche Staatsvertrag" ist ja auch von Preußen mit der „römischen Kurie" geschlossen. Diese aber, oder der Vatikan oder das Papsttum, oder wie man es nennen will, i st im strengen völkerrechtlichen Sinne nun souverän geworden durch die Aussöhnung mit dem italienischen Staat und die Folgerungen daraus. Das sind keine Fragen der ganz großen Politik, aber immerhin soll man sich auch über derlei Dinge klar sein, wenn solche Abschlüsse getätigt werden. Das preußische Konkordat ist ein Erfolg der römischen Kurie und ihres ausgezeichneten Vertreters in Berlin. Gin Ereignis von greifbarer und starker Wirkung in der großen Politik ist es ohne Zweifel nicht!«
MrtschafisenLlastung und KapLtalbüdung im Zeichen des Mung-Plans.
Von Or. ing. e. h. Ernsi v. Borsig, Geh. Kommerzienrat, Berlin-Tegel.
Der Optimismus, mit dem die Zahlen und Bedingungen des Boung-Planes, der jetzt in Paris von den Sachverständigen angenommen wurde, vielfach in der deutschen Oesfent- liebfeit aufgenommen werden, ist unberechtigt. Die deutsche Wirtschaft jedenfalls sieht dem Funktionieren des (Ioung - Plans voller Sorge entgegen. Wenn er auch gegenüber dem Dawes-Plan einige Erleichterungen bringt, so dürfen doch die Schattenseiten der Reuregelung nicht tzbersehen werden. Sie liegen vor allem darin, daß die Durchführung des Sachverständigenvorschlags für Deutschland eine vermehrte Aufbringung von Devisen erfordert und der private Entschuldungsdienst der Wirtschaft, der jährlich rund 1,5 Milliarde in Devisen für die Verzinsung und Tilgung der auf genommenen Auslandanleihe aufbringen muß, nicht mehr wie unter dem Dawesplan der ilebertragung unserer politischen Schuld an das Ausland vorangeht. Der Kern der Schwierigkeiten und Sorge liegt aber darin, daß die Summen, die Deutschland in Zukunft, auch in den nächsten Jahren, zu zahlen hat, noch immer unerhört hoch find und in keinem Verhältnis zur deutschen Leistungsfähigkeit stehen. Im Gegensatz zum Sinn der Konferenz, die von wirtschafilichen Sachverständigen beschickt war, ist in Paris eine politische und willkürliche Regelung getroffen worden, hingegen keine wirtschaftliche Lösung,
die auf ausreichender Würdigung ökonomischer Tatsachen beruht. Der deutschen Wirtschaft steht bei der Durchführung des (Joung-Plans ein ständiger und starker Aderlaß an Kapital bevor, von dem man nicht weiß, ob er ertragen werden kann, vor allem bei einer Weiterführung der heutigen amtlichen Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Obwohl Kriegsverlust, Kapitalschwund der Inflation und die Tributbelastung der deutschen Wirtschaft das Gebot auferlegen, besonders schnell neues Kapital zu bilden und alle produktiven Kräfte der Ration zu entwickeln, gebärdet sich unsere amtliche Wirtschaftspolitik, vor allem die Finanz- und Steuerpolitik in hohem Grade k a - pitalfeindlich. Die deutsche Wirtschaft trägt eine z u hohe Steuerlast, eine Tatsache, die feit einiger Zeit auch von sehr kritischen Rationalökonomen zugegeben und angegriffen wird. Unfer Steuersystem unterbindet die Kapitalbildung anstatt sie zu fördern und aus ihrer Zunahme Ruhen zu ziehen: gerade die für die Kapitalbildung wichtige Gruppe der Einkommen-, Kapital- und Gewerbesteuer ist ungesund überspannt. Unsere Sozialpolitik, deren Rotwendigkeit im Kern nicht bestritten wird, ist zu oft von der Vorstellung beherrscht, die Bewegungsfreiheit einjuengen, die der Unternehmer zur Erfüllung feiner Aufgabe braucht, Produktion und Absatz zu entwickeln und
die Arbeitsgelegenheit zu mehren und zu sichern. Es wirkt ohne Zweifel paradox, daß in einer Wirtschaft, die schwere Lasten abtragen, und in einem Volke, das politische Freiheit durch Arbeit erringen muß, freiwillige ileberarbeit bestraft wird. Die schädlichen Folgen unserer bisherigen amtlichen Finanz- und Sozialpolitik, die zu stark von dem Willen zu kalter Sozialisierung, von der Mißachtung des notwendigen Erwerbsstrebens beherrscht ist, zeigen sich bereits an vielen Stellen. Die Kapitalabwanderung in Rachbarstaaten, die eine umsichtige, auf Produktionsförderung und Kapitalpflege abgestellte Wirtschaftspolitik treiben, nimmt bedenklich zu. während unsere Wirtschaftspolitik nicht die Konsequenzen aus der Tatsache zieht, daß wir in und von einem Wirtschaftssystem leben, dessen Motor der Erwerbstrieb und dessen Ge» sundheitsmaßstab die Rentabilität ist. Der Fehlschlag der Kassenanleihe, die trotz lockender Bedingungen nicht durchschlug, beweist wiederum, wie angespannt unsere Kapitaldecke ist. Er beweist aber auch, daß die wesentlichste Voraussetzung zum Erfolg einer Staatsanleihe zur Zeit erschüttert ist, nämlich das Vertraueun in unsere Finanzpolitik. An ihr wie auf gewissen Gebieten der Sozialpolitik wird am klarsten der falsche Kurs deutlich, den wir in den letzten Jahren gesteuert haben. Anhäufung überflüssiger öffentlicher M i 11 el durch eine rigorose Steuerpolitik, als Folge davon Wettbewerb von Bureaukratie undParlament im Suchenneuer Aufgaben und Ausgaben, um jene Mittel unterzubringen, ungeheures Anschwellcn des Haushalts in wenigen Jahren und jetzt als Folge der ungesunden Ausgabenwirtschast eine scharfe Finanzkrise — das sind die Etappen dieses falschen Weges.
Wir müssen ihn verlassen und umkehren. Cs ist ein bedenklicher Irrtum, anzunehmen, daß mit der Annahme des (Houngplans alles gut sei und die Finanzkrise ohne Reformtaten beschworen wäre. Die angespannte Kassenlage besteht weiter: der ordentliche Etat ist unsicher balanciert, noch immer droht das große Loch der Arbeitslosenversicherung, durch das ständig Reichsmittel abfließen, im außerordentlichen Haushalt ist noch ein Defizit von 600 Millionen, viele Schätzungen von Steuereingängen sind zu hoch angeseht. Der Betrag von 558 Millionen, der durch die Annahme des Poungplans für das Haushaltsjahr 1928/29 frei wird, muß also zur Sanierung des Etats und darüber hinaus zur Entlastung der Wirtschaft verwandt werden. Es kann bereits jetzt nicht scharf und warnend genug Front gemacht werden gegen die vielen Interessenten und Kostgänger, die bereitstehen, um die Verminderung der diesjährigen Reparationszahlung für ihre Sonderwünsche und neue Staatsaufgaben zu beschlagnahmen. Aber selbst eine Reuordnung unserer Finanzwirtschaft bei strengster Ablehnung aller neuen Ausgaben und Positionen macht notwendige Reformen, die schon feit langem von allen Einsichtigen gefordert werden, nicht überflüssig. Eine der dringlichsten ist die Reform der Arbeitslosenversicherung, um diese Institution ohne Erhöhung der Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf eigene Füße zu stellen un!d die hohen Zuschüsse des Reichs entbehrlich zu machen. Was dann not tut, ist ein klares Aufbringungsprogramm der Reparationslast, das alle Kreise zu dieser Last und dem Bewußtsein, sie zu tragen, heranzieht und nicht allein die Wirtschaft belastet, die im Gegenteil für die nächste Zeit dringend eine Herabsetzung derjenigen Steuern braucht, welche die Kapitalbildung heute so stark drosseln. Die besondere Jndustriebelastung wird fallen müssen, um fo mehr, als sich diese spezialisierte Aufbringung der Reparationslast nationalpolitisch nicht bewährt hat, da sie das allgemeine Gefühl für die Existenz und die Folgen einer solchen Last ungesund schwächt.
Mit einem solchen Programm muß eine Revision unserer amtlichen Wirtschaftspolitik verbunden fein, die von dem Willen getragen ist, die produktiven Kräfte zu fördern und die Wirt- schaftsinitiative in Deutschland anzuregen, aber nicht, sie über Gebühr einzuengen und außer Landes zu scheuchen. Hierher gehört auch der Verzicht auf eine amtliche Lohnpolitik, die von
Außenpolitische Umschau.
Don Or. Otto Hoehsch, o. Pros, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. ZK.
Durch zwei, wie man in der Diplomatensprache sagt, „Cntrevuen" von je zwei Staatsmännern in den letzten Tagen ist symbolisch bezeichnet, daß ein Einschnitt in den Staatenbeziehungen jetzt vorliegt, daß die bisherige Stagnation, die über der Europapolitik, über der Weltpolitik gelagert hat, weichen soll. Am 16. Juni trafen sich Macdonald und der neuernannte amerikanische Botschafter für London, Dawes, an einem kleinen Ort in Schottland: beide ließen dann am 18. bedeutsame Kundgebungen für die neuen Seeabrüstungs- verhandlungen zwischen England und Amerika folgen. Am 19. trafen sich Poincare und Stresemann in Paris, mit Beteiligung Briands, um die politischen Folgerungen aus dem Llbschluß der Pariser Konferenz vorzubereiten. Der Amerikaner und der Engländer sind sich der geschichtlichen Bedeutung des Augenblicks durchaus bewußt. Der Deutsche muß es ganz selbstverständlich fein. Wird es der Franzose sein. Das ist die Frage, die über der ganzen großen, verwickelten und heute noch nicht zu besprechenden Arbeit der Außenpolitik der nächsten Monate steht.
In Madrid jedenfalls, beim Völkerbund s- rat, ist dafür nichts geschehen. Dort hat Driand, abhängig von seiner inneren Politik und der ganzen auch nicht einfachen Lage in Frankreich, nichts sagen können. Die Besprechungen zwischen Stresemann und Driand dort können kaum irgendeinen Ertrag gehabt haben. Um so unerfreulicher ist es, daß die Tagung selbst mit einer glatten Riederlage Deutschlands ausging. Denn die wenigen Verbesserungen im Verfahren bei Minderseitsbeschwerden vor dem Völkerbund, die der schließlich auch mit Deutschlands Stimme angenommene Beschluß zugab, fallen ja nicht ins Gewicht gegenüber der Tatsache, daß der Vorstoß Deutschlands vom Dezember gescheitert ist. So faßt man z. B. im Lager der kleinen Entente und ihrer Anhänger die Situation durchaus so auf, daß keine Aende- rung des gegenwärtigen Regimes in Minderheiten möglich und daß Stresemanns These glatt abgelehnt worden sei: er habe weder die von Deutschland beantragte ständige Minderheitenkommission noch die Vertagung auf den September, noch die Hebcrtocifung an den Haager Gerichtshof erreichen können. Der Feldzug auf Revision, der in Lugano eröffnet worden sei, habe also mit einem Mißerfolge geendet.
Daran ist der Lage nach nicht zu zweifeln, und es ist doch zu fragen, ob die deutsche Dölker- bundspolitik den Vorstoß im Dezember genügend vorbereitet hatte. Weiter muß die Frage erhoben werden, ob diese deutsche Völkerbundspolitik bei allem Eifer und aller Sorgfalt im einzelnen, strategisch wie taktisch vollständig auf der Höhe ist, ob sie nicht allzusehr in der Fülle der kleineren Aufgaben untergeht und sich zu stark von der bekannten allgemeinen Atmosphäre von Genf bestimmen läßt. Diese ileber- Icgungen gehören auch in den Kreis der Erwägungen über neue Methoden und Anlagen der weiteren Politik, die jetzt von Deutschland angestellt werden müssen.
Aber der Jubel auf der anderen Seite geht nun auch zu weit. Wenn auch die formelle Vertagung auf den September nicht erreicht wurde, so ist Deutschland gar nicht gehindert, auf der Versammlung im September die Frage erneut aufzurollen. Was es jetzt angenommen hat, sind Aeußerlichkeiten, die seine weitere Politik hierin durchaus nicht präjudizieren. Auf den ersten Hieb fällt kein Baum! Das soll fein Trost sein für den zweifellosen Mißerfolg der deutschen Minderheitenpolitik jetzt in Madrid, sondern es muß ein Ansporn fein, die Weiterführung dieser brennend wichtigen Angelegenheit besser und umfassender vorzubereiten. Cs gibt auch hier Bundesgenossen, die mithelfen: man muß das alles nur von langer Hand vorbereiten und untermauern. Allerdings: es ist auch nicht möglich, in der heutigen Fülle von neuen Aufgaben alles mit einem Male zu
Gießener Konzeriverein.
Bolkskonzcrt.
Die diesjährige Konzertsaison fand ihren Ausklang mit einem Volkskonzert des Collegium musicum. Entsprechend der klanglichen Zusammensetzung dieses Instrumentalkörpers waren die Streichorchesterwerke der Barockzeit am gegebensten: zum andern vermochte diese Programmauswahl auch am besten der beabsichtigten Tendenz der Veranstaltung als Volkskonzert zu entsprechen. 2IUen diesen Werken ist eine durchsichtige Struktur und ein gemessener Aufbau eigen- die Unterschiedlichkeit der Jnstrumentalfarbe, die leicht durch ihre Plötzlichkeit imstande wäre, die aktive Mithörerschaft von dem inneren organischen Aufbau in seiner Folgerichtigkeit abzulenken, ist hier auf ein Mindestmaß beschränkt: um so mehr wird das rein Geistige des Werkes als allein wirkender Faktor in den Gesichtskreis des. Hörers geruckt. Daß aber ein solcher, nach unseren heutigen Gegriffen, etwas einseitiger Streichkörper in feiner Entfaltung sich voll und wuchtig auszuwirken vermag, das bestätigte die Aufführung.
Händels Concerto gross o F = 2 u r bewies auch gestern wieder feine zwingende Macht, die Hörer sogleich in den Bann zu ziehen. Es wohnt diesem Werke eine eigentümliche kraftvolle Frische inne, die in der klanglichen Urwüchsigkeit doch einen wesentlich anderen Charakter zeigt als die Corelll- schen Vorbilder. Händel vermag, die Tonmassen in ihrer linearen Verknüpfung mit elementarer Steigerungskraft zu machtvollen Höhepunkten zu erheben. Concertino und Grosso stehen sich bei ihm als zwei einander korrespondierende Kraftquellen gegenüber, die sich einander im Akzent verstärken, sich gegenseitig bestätigen, ergänzen und stützen. Das Ineinan- dergreifen von Concertino und Grosso wurde durch die führende Hand von Herrn Unioersitätsmusik- direktor Dr. Temesvary zu einer organischen Einheit: er ließ das Konzert mit der bei ihm gewohnten großzügigen Art erwachsen. Mit festgefügter Architektur führte er das Andante larghetto ein, ließ die Filigranarbeit der thematischen Verwebung zwischen Solisten und Grosso überaus klar erwachsen, und vermochte zu großen gewaltigen Steigerungen wie am Schluß des Allegro’ zu führen. Das Largo holte er mit seinem Dualismus der fernen kontrastreich heraus und ließ das Werk in
i
dem gewuchtigen fugierten Allegro ma non troppo gipfeln.
Den konzertanen Zug des dargebotenen Zeit» abschnittes trug Elisabeth Dies fenb ach mit der Durchführung ihrer Solls Rechnung. Die Geigerin verfügt über einen großen, tragenden Ton, der in seiner klanglichen Plastik zum berufenen Vertreter der barocken Linie wird. Offensichtlich entsprach es einer gewissen Absicht der Solistin, eine möglichst geschlossene plastische Linie bei Bach zu entfalten; vielleicht hätte man sich aber auch den ersten Sah der Bach-Sonate mit etwas mehr klanglicher Differenzierung denlen können. Sie wurde dem wieder auf gefundenen Werke eine erfolgreiche Künderin. Die Tartini- Variationen gelangen ihr da, wo es auf großen breiten Ton ankam, überaus wirkungsvoU. Ihre Stakkatotechnik trat hier wie auch im folgenden Solo von Pugnani nicht immer mit klanglicher Plastik heraus. In dem Präludium von Pugnani bewies sie sich als Beherrscherin des dramatischen, großen Tones, gefüllt mit voller Temperamentshingabe.
Am stärksten erschien sie in der Durchführung des Soloparts des Dachschen Konzerts für Violine und Orchester in D-Moll, jenem Werk, das uns als Klavierkonzert überkommen ist. Der Violinvirtuose Prof. Robert Reih, Weimar, hat mit sachkundiger Hand und violinistischem Stilempfinden das Werk in seiner ursprünglichen Fassung wieder hergestellt, indem er die Solopartie der Cembalostimmen wieder mit einigen kleinen Ausgleichungen in ihre violinistischen Rechte einlehte. Ob es sich überhaupt um ein originelles Werk Bachs handelt, wird zur Zeit noch in Zweifel gestellt. Sicherlich steht Dachs Eigenschaft als (Bearbeiter unbedingt fest, und die Gründlichkeit der Dachschen Dearbeitung ist derart stark gewesen, daß selbst bei der Annahme einer fremden Autorschaft das Werk zu einem Künder Dachschen Geistes und Dachscher Auffassung geworden ist. Lind das bestätigte auch in der Ausführung durch das Collegium musicum das Allegro mit seinem dahinstürmenden Hauptthema, das Adagio mit seinem schwer lastenden unisono Eingang, über dem dann die Solostimme erblühte, und das Finale mit feiner großaufgebauten Cadenz in überzeugender Weise. Elisabeth Dieffenbach ging mit
feinem Empfinden und technischer Sauberkeit auf die stilistischen Vielfältigkeiten des Werkes ein, und so wurde dieses Konzert in der rekonstruierten Form dank der Solistin ünd dank der geistigen Leitung des begleitenden Orchesters durch Dr. Temesvary ein wohlverdienter Erfolg, der auch von allen Seiten die vollste Anerkennung fand. Das Collegium musicum bewies sich als ein wohlgefügter Jnstrumentalkörper. der in allen seinen Gliedern, im Concertino und im Grosso, trefflich beseht ist und in dem geistige Hingabe und technisches Können sich zu vollem Gelingen die Hand reichen. Dr. H.
Hochschulnachnchten.
Zum ordentlichen Professor für allgemeine Chemie (anorganische und organische Chemie) an der Technischen Hochschule in Zürich ist der o. Professor Dr.-Ing. Leopold Ruzicka von der LIniversität LI t r e ch t berufen worden. — Der durch das Qlbleben des Geheimen Rots E. Sehling an der LIniversität Erlangen erledigte Lehrstuhl für Kirchenrecht ist dem Privatdozenten Dr. jur. Hans Gier mann in Freiburg i. B. übertragen worden. — Professor Dr. Edmund Mezger in Marburg hat einen Ruf auf den Lehrstuhl des Strafrechtes an der ilni- oerfität Kiel als Rachfolger von Prof. E. Schmidt erhalten. Mezger widmete sich dem Studium der Rechtswissenschaften in Tübingen, (Berlin und Leipzig, besonders unter Frank, Deling, v.Liszt und Wach, promovierte 1908 in Tübingen, wurde 1910 Rechtsanwalt in Stuttgart, später Referent im Württemb. Justizministerium, 1917 Staatsanwalt in Tübingen und 1920 Landrichter ebenda. Inzwischen erwirkte er feine Zulassung als Privatdozent in Tübingen. Seit 1925 wirkt Mezger als Ordinarius in Marburg. — In Dad Wil- bungen verschied am 18. d. M. der bekannte langjährige Vertreter der Erdkunde an der Göttinger LIniversität Geh. Regierungsrat Prof. Dr. phil. Hermann Wagner im 89. Lebensjahre. 1840 zu Erlangen geboren, studierte Hermann Wagner in Erlangen und Göttingen Mathematik, Physik und Anthropologie. Von 1864 bis 1876 am Gymnasium Ernestinum zu Gotha tätig, beteiligte er sich lebhaft an den Arbeiten der be
kannten geographischen Anstalt von Justus Perthes, an dessen Spitze damals August Petermann stand. 1876 übernahm Wagner das neugegründete Ordinariat für Geographie in Königsberg, welchen Lehrstuhl er 1880 mit dem in Göttingen vertauschte. In seinen Hauptwerken, dem Lehrbuch der Geographie, dem Methodischen Schulatlas und dem Geographischen Jahrbuch hat der Gelehrte unübertroffene Leistungen vollbracht, deren jede in ihrer Art den Erdball umspannt. — An der Universität Würzburg ist das durch den Weggang Professor Arthur Franz erledigte Ordinariat der romanischen Philologie dem Privatdozenten Dr. Adalbert H ä m e l angeboten worden. Prof. Hämel trat 1911 in den höheren Schuldienst, wurde 1919 Lektor für spanische Sprache in Würzburg und habilitierte sich zwei Jahre später ebenda für das Fach der romanischen Philologie. Der Gelehrte ist Mitglied der Kgl. Akademie der Geschichte in Madrid und der Hispanic Society of America.
Der o. Prof, der Pädagogik an der LIniversität Köln, Dr. Wilhelm Kahl, ist von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden. Kahl bestand in Straßburg das Staats- und Oberlehrerexamen und war seit 1887 im höheren Schuldienst in Metz, Diedenhofen, Colmar, Zabem und Pfalzburg (Lothringen) tätig. 1903 wurde Kahl Stadtschulrat in Köln, später Provinzialschulrat in Koblenz, später 'Beigeordneter der Stadt Köln und Dezernent der Volksschulen, der mittleren und höheren Schulen. 1922 erhielt Kahl die Ernennung zum ordentlichen Professor an der LIniversität Köln. — Das durch das Ableben des Geheimen Regierungsrates Erich Decher an der LIniversität München erledigte Ordinariat der Philosophie ist dem ordentlichen Professor Dr. med. et phil. Richard Hönigswald in Dres- I a u angeboten worden. Hönigswald studierte zunächst Medizin und später Philosophie, promovierte 1902 zum Dr. med. und zwei Jahre später in Halle zum Dr. phil. und habilitierte sich im Herbst 1906 in Dreslau für das Fach der Philosophie. Hönigswald erhielt 1916 die Ernennung zum a. o. Professor der Philosophie in Dreslau als Rachfolger von W. Stern. 1919 erfolgte seine Ernennung zum Ordinarius.


