Einzelbild herunterladen

Nr. 93 Zweites Blatt________________Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 22. April 1929

Neue Elfaßpoliiik.

Von unserem-Korrcspondcnten.

Straßburg, April 1929.

Die autonomistische Hydra, von der die elsahische Chauvinistcnprcsse manchmal mit allen Reichen des Abscheus spricht, scheint wirklich ein fürchterliches Tier zu sein. Run hat sie sogar ein leibhaftiges Mitglied des Kabinetts Poin- cai6, den Unterstaatssekretär Francois Poncet, außerdem einen französischen Politiker vom Range des früheren Führers der französischen Dölker- bundsdelegotion. Henri de Jouvenel, und schließlich sogar einen wahrhaftigen Marschall von Frankreich dazu verführt, Gedanken zu entwickeln, die mit denen der Autonomisten des Elsaß weitgehend ü b e r e i n st i m m e n und von denen Poincaräs sich desto weiter entfernen. Und im Anschluß daran ist die grundsätzliche Auto­nomiedebatte just in dem Augenblick, wo wegen der allgemeinen Erneuerungswahlen für die Gemeinderäte am 5. Mai die Regierung darauf am allerwenigsten gefaßt war, in alter Frische wieder aufgelebt.

Francois Poncet hat die Regierung dieser Tage vertreten bei der Weihe des Denkmals des großen südsranzösischcn Dichters Mistral, und natürlich nicht umhin gekonnt, auch des Sprach­schöpfers Mistral zu gedenken, der die vom Rord- französischen verdrängte Langue d'Oc, die Eigen- spräche des Südens, wieder zur Literatursprache erhob, indem er sie zum köstlichen Gefäß seiner Dichtung machte. Er muhte auch des politischen Erneuerers Mistral gedenken, der durch Beto­nung des Heimatlichen der Volkstumskräste und Ueberlieferungen weit in die Politik hinein wirkte. Aber der Minister des Kabinetts Poin- cartz hat das in so entschieden regio- nalistischen Gedankengängen getan, daß der großeTemps" gar nicht wagte, seinen Lesern in aller Welt diese für ein Mitglied des Kabinetts Poincare doppelt schweren Ketzereien der Rachwelt zu unterbreiten.

Man hatte sich vom Staunen hierüber noch nicht recht erholt, da kam schon eine andere Stimme, Henri de Jouvenek in der von ihm herausgegebenenRevue des Bivants". Diese groß angelegte Zeitschrift hat im vorigen Herbst eine Untersuchung der elsaß-lothringischen Frage begonnen und seither in einer großen Zahl von Aufsätzen durchgcführt. Run schreibt Jouvenel das Schlußwort und in dem Schlußwort das Programm einer neuen Clsaßpolitik zum Ersah der Diktaturpolitik, mit der Poincarß Schiff­bruch erlitten hat. Amnestie für die Verurteilten von Colmar. Preisgabe des Gesetzentwurfs gegen die autonomistifchen Umtriebe, Bekämpfung des Autonomismusdurch Propaganda des gesunden Menschenverstandes und des französischen Edel­muts", gerechte Verwaltung in der Sprache, die das Volk versteht, Staatsreform aus der Grund­lage des wirtfchaftlichen Regionalismus: Das sind für Jouvenel Forderungen, die noch der Verwirklichung harren, und die er verwirklichen möchte.

Gleichzeitig druckt er eine Rede ab, die Mar- fchall Lyauteh, der Organisator des französi­schen Marokko einmal über die elsässische Frage gehalten Hot. Dieser erprobte Verwalter freut sich geradezu, daß Elsah-Lothringen an seinen regionalen und korporativen Einrichtungen f e st - hält, und sieht in Elsah-Lothringen solide Stützpunkte dafür, dah aus dem Frankreich von heute ein Frankreich werde, das sich freier, leichter und unabhängiger entwickelt und sich immer mehr vom Formalismus und der Ob­struktion der Verwaltung freimacht.

Das klingt nun allerdings ggnz, ganz anders als Poincares lange Anklagerede in bet großen Kammerdebatte über das Elsaß. Auf die grohen Unterschiede zwischen den verschiedenen Auffas­sungen, die der Zufall zusammengetragen hat, kommt es dabei weniger an als auf den Gegen- s a h, in dem sie alle übereinftimmen, den Gegen­

den gefunden Menschenverstand, sondern auf die die Kniee zwingen kann, ist feit einem Zähre Spiheleien der Polizei stützt. Dieser Gegensatz ist schon klar. Diese neuen Stimmen zeigen, daß

neben ihm besseres Verständnis der Lage auf­

keimt.

natürlich

von

Es lebt sich übrigens sehr

Turnen, Sport und Spiel.

behaglich mit höfliches Bolk

den und

sah zur senilen, unfruchtbaren Diktaturpolitik Poincar6s, die sich nicht wie Jouvenel auf

der Bühne Bestimmte. Daß er die elsässische Heimatbewegung mit seinen Methoden nicht auf

Warschau ist man sich längst große Dinge Opfer heischen Anderen.

vollständig und nicht zu überbrücken. And Poin» care ist der ältere, der zuerst zum Abgang von

Waldlaufmeisierschast der deutschen Turner.

Am gestrigen Sonntag brachte die Deutsche Turnerschaft ihre diesjährigen Waldlaufmeister­schaften in Wittenberg zum Austrag. Das schlechte Wetter hatte nur 2000 Zuschauer an- gelockt, denen aber interessanter Sport geboten wurde.

Die Meisterschaft der Einzelläufer endete mit einer gewaltigen Ucbcrrafcßung. Syring (Wittenberg) setzte sich sofort nach dem Start­schuß an die Spitze und hatte beim zweiten Kilo­meter einen Vorsprung von etwa 60 Metern vor dem übrigen Felde. Hinter ihm lagen Krake (Apolda), Wichmann und Winkler (Karls- Horst). Syring kam zugute, baß er das Gelände genau kannte und sich so sein Rennen einteilen konnte. Er vergrößerte seinen Vorsprung all­mählich auf 120 Meter und betrat lebhaft be­jubelt als erster den Platz, um nach einem fabel­haften Endspurt als neuer Meister das Zielband zu zerreißen.

Den Mannschaftslauf gewann die Turn- gemeinde Wittenberg vor dem Turn- und Sportverein Friesen-Berlin.

Die Ergebnisse:

Waldlaufmeisterschaft der Deut­schen Turnerschaft 7,5 km: 1. Syring

liegen dann ist auch die Verständigung nicht mehr fern. Cs geht um Großes, es geht um dieStabilisierung des Friedens im Osten". In ...... darüber klar, baß

Polen. Sie sind ein überaus , , , wenn man auf Grund eines leidigen Mißver­ständnisses an Leib und Leben geschädigt wird, so geschieht das unter Beobachtung gefälligster For­men.Ich bitte den Herrn", sagte der Pole,der Herr ist ein gemeiner Hund". Sogar wenn er dich totschlägt (manchmal kann er das nicht vermeiden).

(Wittenberg) 24:59,4; 2. Krake (Apolda) 25:15;

3. Wichmann (Karlshorster Tv.) 25:29; 4. Pro- vatke (Frankfurt) 25:33,6. Mannschafts­lauf: 1. Turngemeinbe Wittenberg 20 Punkte;

2. Tum- unb Sportverein Friesen-Berlin 22 P.;

3. Karlshorster Turnverein 22 P.; 4. Turn- und Sportverein 1860 Frankfurt a. M. 27 P.; 5. Turnverein 1817 Mainz. Kreis mann- schaftslaufen: 1. Kreis Brandenburg 13 Punkte; 2. Kreis Rheinland 22 P.; 3. Kreis Thüringen 33 P.; 4. Kreis Sachsen und Anhalt 34 P.; 5. Freistaat Sachsen 37 Punkte.

Handball der Turner.

Endspiel um die Kreis Meisterschaft der Damen: Tv. Mainz T. u. F. El. Frankfurt 31.

Aufstiegsspiele zur Kreissonder­klasse: Tv. Riederrad - Tv. Hüttengesäß 12:1; Tv. Großen-Buseck Tg. Offenbach-Bürgel 3:1.

Aufstiegsspiele der /X- Klasse: Po- lizei-Spv. Frankfurt II Tv. Vorwärts II 8:3.

Iug end Meisterschaftsspiel: Tv. Sach­senhausen Tg. Sachsenhausen 2:5.

Sportfreunde Siegen westdeutscher Handbattmeister.

In Hagen wurde am Sonntag das Endspiel um die westdeutsche Handballmeisterschaft zwischen Sport' freunde Siegen und Iura Barmen ausgetragen. Sportfreunde Siegen sicherten sich den verdienten

Kleine polnische Volkskunde.

Von Wanzen, Stempelmarken und anderen Charakteristika

Bon unserem s.-Becichterstatter.

bisher verwehrt hat, der Segnungen polnischer Herrschaft teilhaftig zu werden. Unter diesen Um­ständen ist es ein kleiner Trost, daß man hier ein mitleidiges Auge auf Ostpreußen, Litauen, die Ukraine und andere hilfsbedürftigeRuhgebiete" geworfen hat.

Die Kongressowka reizt wirklich zur Auswan­derung und man soll dem Uebel nicht widerstehen. Widerstand ist oft in peinlicher Weise mit Mühe verknüpft und man hat von Oberfchlefien her die Erfahrung, daß fremde Arbeit nicht schändet. Wenn der eigensinnige Deutsche erst begreifen lernt, baß Vaterlandsliebe und Dolksgesühl Ci- f;enschaftcn find, die der Herrgott für die ritter- ichen Polen reserviert hat und wenn er schließlich noch einsieht, daß die Rechte immer auf Polin- scher und die Pflichten immer auf seiner Seite

heißt es noch:Prosze pana ..." Ist das nicht herzgewinnend? Natürlich mußt du mit ihm pol­nisch reden sonst stehe ich für nichts ein. Sehr angenehm ist schließlich der Gedanke, daß man sich stets unter Obhut einer väterlichen Obrigkeit be­findet. Sie leitet und lenkt dich auf Schritt und Tritt-und hört sogar nicht selten zu, wenn du tele­phonierst. Mehr noch: sie beschlagnahmt dich bei den leisesten Anzeichen einer ungehörigen Gesin­nung. Bor allem aber liebt sie dasPapier" und dieStempelmarke". Ohne Stempelmarken und viele beschriebene Bogen bist du erledigt, nackt, un- wert zu atmen. Beschoss' sie dir und wenn es Wochen dauert und wenn du drei Paar Stiesel ruinierst. Der Beamte hat es nicht eilig, denn e r ist der ruhende Pol und du den Erscheinungen Flucht. Wenn eine polizeiliche Genehmigung, ein stempel oder eine Unterschrift nötig ist: wappne dich mit slawischer Geduld, denn der Beamteer­ledigt" dich nicht, wann du willst, sondern wann e r will.

Ich wollte einmal die Fernsprechleitung nach Berlin benutzen; der Hauswirt, dem bas Telephon gehörte, war jedoch kürzlich gestorben unb hatte es llnbegreiflichcrwcise verabsäumt, ben Anschluß testamentarisch auf seine Erben zu übertragen. Der Apparat war ba, bic Rechnung war bezahlt, aber der Eigentümer fehlte, um mir bas ge­bührenpflichtige Ferngespräch zu gestatten. Da bin ich denn mehrere Tage lang mit ben Hinter­bliebenen (unb einem Posten Stempelmarken) aufs Amt gegangen. Söhne unb Töchter halfen nichts - es mußte die Witwe persönlich sein unb bann zeigte es sich, baß ihr Paß abgelaufen war. Kurzum, ich hätte in ber Zeit zu Fuß nach Berlin unb zurückwandem können...

Warum die Polen uns Deutsche nicht lieben? Run, erstens natürlich, weil wir noch immer ba sinb (unglaublich taktlosl) unb zweitens, weil wir immer so täppisch die Wahrheit sprechen, nicht intrigieren, nicht konspirieren unb überhaupt gar kein richtiges Geheimnis aus uns machen. Das ist doch persibe, ba steckt doch etwas ganz abge­feimt Tückisches bahinter, bas glaubt doch fein vernünftiger Pole! Die Polen suchen bei uns bas, was sie selber an unserer Stelle tun würben. Unb können es nicht finden... Das vergeben sie uns nie!

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Warschau, April 1929.

Es gibt vielerlei natürliche Grenzen auf dieser Welt: geographische, ethnographische, strategische usw. von den ausgesprochenunnatürlichen", nachversaillischen ganz zu schweigen. Die aller­unzweifelhaft-natürlichste Scheide zwischen West unb Ost, die unbestreitbare, gottgewollte Grenz­marke aber ist b i e Wanze. Wo die Wanze zum Haustier, zur conditio sine qua non wird ba beginnt Eurasien, da ist (in unserem Falle) Polen. Alle anderen Grenzen bleiben Zeitwerk, veränderlich, anfechtbar, nur die Wanze hat Ewigkeitswert, ist sozusagen dokumentär. Das große Wappentier des slawischen Ostens, mit der Umschrift:Du sollst dem Uebel nicht wider­stehen!" Wo ihre Herrschaft beginnt, da bricht sich die Woge bet mitteleuropäischen Kultur.

Erklügelte Theorie? Rein kribbelnbes, prickelndes Leben! Man braucht nicht mehr als eine Rächt in Warschau zuzubringen unb hat die ergiebigste Probe aufs Exempel: erst riecht es nur (von vergangenen Schlachten zeugend) nach Petroleum. Der unerfahrene, unter der Glühbirne geborene Mensch wundert sich ... doch hätte er den Instinkt des reißende Tiere witternden Pferdes, er würde mit bebenden Flanken entweichen. So gegen Mitternacht be­ginnt die Vorpostenfühlung, um zwei Uhr die offene Bataille. Die Wanze greift, ihrer er­drückenden Uebermacht gewiß, gemächlich an nach dem Dampfwalzenprinzip, ohne jede Ueber- eilung. In geschlossenen Reihen unb mit vor­bildlich funktionierendem Rachschub. Der aktive Militarismus liegt hier bekanntlich in der Luft und ich möchte sogar behaupten, daß die polni­schen Wanzen ausgesprocheneDeutschenfresser" sind. Ohne jeden Verständigungswillen doch das liegt abermals in der Luft. Spätestens um vier Uhr hüllt man sich in die weiße Fahne seines Bettuches, stellt alle Gegenwehr ein und ist pflaumenreif zur Erfüllungspolitik. Doch um mich nicht ber Uebertreibung schuldig zu machen: es gibt in Warschau zwei Hotels, wo angeblich keine Wanzen sein sollen. (Ob sie sich zum Pazifismus bekehrt haben ober ausgewandert sind, konnte ich nicht feststellen.) Es ist hier viel von Minderheiten die Rede. Mit Recht, denn die wahre erdrückende Mehrheit besitzen nur die Ureinwohner Kongreßpolens die Wcurzcn.

Apropos Kongreßpolen, kurzwegKon- gressowka" genannt: ein ödes, trauriges, mageres Land! Eine flache Weite, die einen auf den ersten Blick zur beschleunigten Aus- unb Ab­wanderung reizt. Welcher Reizung Die Polen denn auch, von altersher unb bis in bie neueste Zeit, nach allen Richtungen hin gefolgt sind. Rach Galizien unb Oberschlesien, nach Posen unb Pommerellen, nach Wilna und Danzig. Wenn größere landschaftliche Schönheit noch dazu mit reicher Fruchtbarkeit. Kohle, Petroleum, Eisen­hütten unb Schisfahrt solibe unterbaut ist, bann nimmt man gewiß gern dreiunbvierzig Prozent völkischer Minderheiten mit in ben Kauf und polemisiert sie im Schweiße seines Angesichtes. Es gibt ja immer noch so viele Gegenden in West, Rord unb Ost, benen ein trauriges Schicksal es

Gießener Stadttheater.

Mirnennachtspuk:Hallo Theater!"

Der Zweck war gut, bie Vorbereitung war gut, das Programm war gut. Das einzige, was man an biesem Wohltätigkeitsfest auszusehen hatte, war ber ungenügende Besuch. Wenn bei der Veranstaltung jemand versagt hat, so war es ein Teil des Gießener Publikums^ man hätte doch gerade au einem solchen Tage ober in einer solchen Rächt ein ausverkauftes Haus erwarten Dürfen als ein sichtbares unb greifbares Zeichen ber Dankbarkeit unb der Anerkennung für bie harte, hingebungsvolle unb künstlerisch wertvolle Arbeit, bie unser Theater unter neuer Führung im letzten Spieljahr geleistet hat.

Unb wenn der materielle Erfolg ber Veran­staltung. was man wohl heute noch nicht über­sehen kann, ausblerben oder ein billig zu er­wartendes Maß, wie in früheren Jahren, nicht erreichen sollte, bann ist die Teilnahmlosigkeit eines großen Teils ber Besucherschaft baran schuld, welche bie wahrhaftig seltene Gelegenheit verpaßte, seinen Dank für die theatralische Lei­stung des ganzen Jahres einmal nicht nur durch Händeklatschen unb Blumensträuße abzustatten.

Die Theaterleitung unb bas Ensemble hatten jedenfalls getan, was sie konnten. Cs war für Stimmung im Hause gesorgt, es wurde was ge­boten, es war ein sehr hübsches, vielseitiges unb abwechslungsreiches Programm mit Lust unb Liebe, mit Witz und Laune aufgezogen worben.

Im Mittelpunkt ber Wohltätigkeitsveranstal­tung stand die Aufführung von vier klei­nen heiteren Einaktern, worunter wiederum ber SketschBobby", amerikanischer Rhythmus von Dr. Karl Ritter, dem Dramaturgen des Hau­ses, mit Musik von Ludwig Dreysus, der hier seine Uraufführung erlebte, an erster Stelle genannt werden muß. Der Autor, mit Reminis­zenzen aus demProzeß Mary Dugan bewaff­net und mit einem leibhaftigen Affen am Halsler- band, hatte fein Stück mit Schmiß und groteskem Tempo inszeniert, die musikalische Leitung hatte taktsicher der Komponist. Der parodistifch-wltzige Sketsch, von scharfen Jazzrhythmen skandiert, mit moderner afroamerikanischer Lyrik als ernsthafter Stimmungsmalerei in wirkungsvollem Gegensatz gemischt, rollte schlagkräftig ab und erzielte einen lauten Erfolg. Unter den Mitwirkenden zeich­neten sich Jahn. Wesencr, de Castro, Arzdorf und Fuhrmann besonders aus.

Die lustigen Tanzeinlagen wurden von D ä u 1 k e und Partnerin brillant herausgebracht.

(Die meisten merkten erst hinterher, daß ber Text oft reichlich afrikanisch klang unb stellen­weise nur als starker Tabak zu bezeichnen war.)

Vorher gab es Curt Goetzens lächerliche Rachtbeleuchtung. eine theatralische Spätabend- unterhaltung mit Geistererscheinung im Treppen­flur, woran sich unter Dolcks Regie Tan­ne r t. Volck. Gareis, Linkmann unb V r a ck zumErgoehen" aller Leute beteiligten.

Rach der Pause lagen Maria Koch und E b e r t - G r a s s o w auf ber Bühne - in ihren Betten, um Presbers drolligen Chedialog Die Mücke" mit allerlei heiteren Pointen dem animierten Parkett zu verzapfen. Regie: Baste; Beifall: Windstärke neun.

Zuletzt:Ein trautes Heim". Burleske von C o u r t e l i n e , ein Chaplin-Ulk von gro­tesker Ausgelassenheit und handgreiflicher Dra- stik. Baste. Knur. Fuhrmann, Sche­rer attackierten unter Tannerts Kommando bie unterschiedlichen Zwerchfelle.

Dies waren gewissermaßen die dramatischen Strebepfeiler in ber vielfach geglichenen Fassade des Riesenweltstadtprogramms. Die übrigen Hummern rankten sich anmutig in buntem Wech­selspiel drumherum.

Arzdorf, erster Stehgeiger unb Dirigent der Hauskapelle, musizierte virtuos unb mit verblüf­fender Vielseitigkeit.Kalis von Bagdad",Wol­galieb",Michigansee", Kindermelodien, Jazz­rhythmen. Begleitung. Unterhaltung unb zwi- schendurch Tanzmusik im Foyer: eine tüchtige Leistung, bie verbienten Beifall fanb.

Auch Baste war äußerst umsichtig tätig; nicht nur baß er mitspielte unb Regie führte unb bienfteifrig am Sektausschank stanb: er war ber Ansager, ber bas Programm eröffnete unb mit allerlei muntern Reben begleitete.

Es würbe getanzt; Jngeborg Scherer allein: Polonaiie von Chopin; am Flügel: Elfriede Fischer. Scherer unb Linkmann zu zweit, blau unb gelb tariert: Huppelpuppel von Hinde­mith; am Flügel: Elfriede Fischer. Link- mann allein: russischer Tanz; Balalaika: Verem Reapolita. _ .

Es wurde gelungen: die Arie ausoamjon unb Dalila", mit guter stimme und sympathi­schem Ausdruck, von Gretel Woelke.

Es wurde gesungen und getanzt: em Schtuh- couplet im Revuestil, frei nachChcirleys Tante .

Cs wurde geklatscht: nicht bloß vom Publikum, sondern auch sogar auf offener Bühne über allerlei Stabttheater-Jntimitäten in trauter Zwie­sprache zwischen Trude Heß und Alix Kräh- m e r.

Inmitten des Programms: große Gefellschafts- paufe im Foyer. Tanzkapelle Arzd o r f. Afrika­nische Cautenlicbcr, von Ilse Jahn gefangen. Tombola. Sekt. Butterbrot. Mordsbetrieb, der sich nach Schluß des Programms und Räumung ber Tombola wegen ber Polizeistunde bald ver­krümelte.

Für bie künstlerische Oberleitung zeichnete T a n- nert verantwortlich; ihm hat man die sorgfältige Vorbereitung unb ben stimmungsvollen Ablauf Des Mimennachtspuks zu verbanken. Bühnen­bilder: Löffler; Rachtbeleuchtung: Keim; Inspektion: de Castro; im Souffleurkasten: Paula, stets bewährt unb selten gewürdigt.

Es klappte alles, und es stand jeder nach besten Kräften an seinem Platz. Wir hoffen sehr, in dieser Besprechung niemanden vergessen zu haben und bitten um Entschuldigung, wenn es aus Versehen doch geschehen fein sollte.

So war der Mimennachtspuk, bunter Festabend zugunsten der Wohlfahrtskasse der Mitglieder des Stadttheaters. Wir wünschen von Herzen, daß bie Veranstalter auf ihre Kosten gekommen sind, unb baß sich bas Gießener Publikum im nächsten Jahre ein wenig mehr auf seine mora­lischen Pflichten gegen unser Theater besinnen werde. Dr. Th.

Was die Einstellung vermag.

Daß bicliebe Einbildung" uns so mancherlei Dinge vorgaukelt, bic in Wirklichkeit nicht vor­handen sind, ist eine alte Tatsache. Aber wieweit eine bestimmteseelische Einstellung" unsere Sinneswahmehmungen beeinflussen kann, bas hat erst bie moderne Psychologie durch genaue Unter­suchungen gezeigt. Dr. Walter E h r e n st e i n , ber in ber Frankfurter WochenschriftDie Um­schau" dieses Problem behandelt, führt dafür er­staunliche Beispiele an. So hat ber Würzburger Psychologe Prof. Marbe als Gerichtssachverstän­diger folgenden Fall zu beurteilen gehabt:Ein Jäger war beauftragt worden, abends an einem Acker auf Wildschweine zu warten, bie aus einem benachbarten Wald auftreten würben. Bald hörte er Geräusche wie von laufendem Schwarzwild und erkannte an der Stelle, die ihm vorher beson­

ders bezeichnet worden war, die erwarteten Wild­schweine. Als diese nicht näher kamen, schoß er auf sie, unb es stellte sich heraus, baß bie ver­meintlichen Wildschweine ährenlesende Mädchen waren, von denen er eins erschoß unb das andere verletzte. Diese Sinnestäuschung war nur durch die besondere Einstellung hervorgerufen. ... Der große Psychologe Mach berichtet in seinerAna­lyse ber Empfindungen" das folgende Erlebnis: Einen Wasserstrahl, dessen Hervortreten aus einem Kautschukschlauch ich erwartete, glaubte ich im halbdunklen Raum wiederholt deutlich zu sehen unb erkannte ben Irrtum erst burch Tasten mit dem Finger. Das Tollste auf bem Gebiet solcher Täuschungen dürste bieEntdeckung" sein, bie ber französische Physiker CBlonblot 1903 macht«. Unter bem Cinbruck der Entbeckung ber Röntgenstrahlen glaubte er eine ähnliche Art von Strahlen gefunben zu haben, bic dadurch sichtbar gemacht wurden, baß man geringe Men­gen Schwefelkalzinm auf einen Schirm auftrug. Er erhielt für biefe Entdeckung, die verschiedene andere Physiker bestätigten, einen Preis von 50 000 Frank. Charpentier stellte sogar fest, baß bic neuen Strahlen auch als Emanation bes Gehirns auftreten. Aber spätere Rachvrüfungen ergaben eintoanbfrei, baß biete Strahlen über­haupt nicht vorhanden waren. Den klassischen Versuch für biefe Wirkung ber Einstellung haben bie Psychologen Müller unb Schumann ge­liefert; sie ließen mit bem rechten Arm ein Ge­wicht von 3000 Gramm 50mal heben unb bann nach einiger Zeit ein anberes Gewicht, von bem bic Versuchspersonen wußten, baß es nur fünfzig Gramm wog. Obwohl also bic größere Leichtig­keit bes zweiten Gewichtes genau bekannt war, flog bas Gewicht beim Heben mit ber Hanb jäh­lings in bic Höhe, denn gewisse bei bem Heben beteiligte motorische Rerven hatten burch bic vorausgegangenen 50 Hebungen eines schwereren Gewichtes bie Einstellung erhalten, auf alle sie treffenben Impulse mit Anwendung einer größe­ren Kraft zu reagieren. Diese Macht der Einstel­lung hak einen ungeheuren Einfluß auf alle Fragen des Geschmacks, ja selbst auf bic reli­giösen Vorstellungen. Daher kommt es, baß bas eine Volk das über alles lÄibt, was das andere verabscheut.Von Wasser unb Milch angefan­gen." schreibt Darüber Pros. Henning,bis zum Wein unb vom Brot bis zu ben Fäkalien gibt es keinen als Getränk, Speise,.Schönheitsmittel oder Gebrauchsgegenstand dienenden Stoff. Der dem einen Volk nicht ebenso ekelhaft ist. wie er vom andern geschäht wirb. Cs gibt schlechterdings nichts auf dieser Erde, was ein Volk nicht ebenso verabscheut, wie ein anderes liebt."