Wandern und Reifen • Bäder und Sommerfrischen.
Kopenhagen.
Don Johannes Schlaf.
Don Schweden, TOcrfmfl aus, mit dem Dampfer über den öeresund für ein paar Tag» ein Abstecher nach Kopenhagen. Der Sund blitzt In der Sonne. Unter blauem f)hnme( und weihen Wolken. Eine fische ßrtii w^ht. An der Kimm« hingestreckt, überragt von den Strichen feiner Türme, im sonnigen Dufchauch der Fern« Kopenhagen. Eine angenehme Fayrl von 1- Stunden. Zwischen dem oorgelager- ten Gürtel der kleinen grünen Forts läuft der Dampfer in den Hafen ein. Man passiert die Zollkontrolle, zeigt leinen Paß, taucht tn das Verkehrs« gewimmel der Straßen. Das ein außerordentlich lebhaftes (Kopenhagen ist ein« Stadt von 700 000 Einwohnern), aber nicht unangenehmes ist. Es ist 27 Jahre her, daß ich auf einer Fahrt nach Norwegen hier zweimal kurz verweilte. Damals war Kopenhagen fast noch idyllisch, bot jenen Eindruck, wie er einem aus Jens Peter Jacobsens „Niels Lyhna' vertraut ist; inzwischen hat sich, auch abgesehen von dem unabreißlichen Autoverkehr, die Stadt ungeheuer entwickelt.
Bald ist man auf dem Kongens Nytorv. Er ist ein« sehr angenehme Synthese von modern großzügiger Monumentalität und seiner früheren, unverlorenen Gemütlichkeit. Unwillkürlich fühlt man sich gut gestimmt, hai's einem Kopenhagen mit ihm angetan, fühlt man sich geneigt zu vermeßen. Kopenhagen ist ein klein Paris, aber mit dem sympathischen Vorteil, daß es ein nordisches ist.
Durch Amagertory mit seinen vielen, glänzenden, farbenbunten Kaufläden weiter. Dann in die breite, asphaltierte, von Sonne und frischer Seeluft erfüllte Desterbrogade hinein, über den imposanten Rachausplatz, am „Tivoli" und am Bahnhof vorbei zum Ende der Straße hin, wo mir in einem Hotel Wohnung nehmen, uns erfrischen, etwas ausruhen, um dann (es ist nach 2 Uhr), wieder In die Stadt einzutauchen.
Man steigt in ein Boot, zu einer Fahrt durch den Hafen. Drüben, überm Wasser Christiansborg Slot mit bem Reichstag, das Thorwaldsen Museum dahinter. Dort die lange, ihr Alter verratende niedrige Backsteinfront der B ö r s e mit ihren vielen Giebeln, überragt von der schlanken Turmspitze, die originell genug, bizarr, aus bem ineinandergewunbenen Schwänzen von vier Drachen besteht. An ber Vie^ahl großer unb kleiner Dampfer, von Seglern, Käynen, bunten Booten, Häuserreihen, Docks, Kranen, Maschinen, Schuppen, Werkstätten vorbei. Auch die beiden alten Kriegsschiffe von 1864 liegen noch da, die ich schon vor 27 Jahren hier sah. Ein moderner dänischer Kreuzer. Dann an der „Langen Lini e", Nordeuropas schönster Strandpromenade, mit ihren herrlichen Anlagen und vielen Denkmälern und Statuen hin. Auch an drei englischen Kriegsschiffen mußte man vorbei (unter ihnen das Vizeadmiral- schiff „Dindictive"), und sogar an einem kleinen französischen Kriegsschiff. Am äußersten Ende der „Langen Linie" verläßt man das Boot, um den stundenlangen Weg ber Prornenabe mit ihrem prächtigen Blick auf ben Hafen zur Stabt zurück- zuschlenbern, non immer neuen, heiteren, bezau- vernben Einbrücken überrascht unb gefesselt. Den Abend verbringt man bann, sei's and) nur mal ber Wissenschaft wegen, im „T i v o l i", bas eine der schönsten, großartigsten, vielseitigsten Vergnügungsstätten Europas ist.
Am nächsten Tag aber steigt man (vormittags 10 Uhr), am Rathausplatz zu einer bis 6 Uhr abends bauernden Rundfahrt durch Nordseeland in das Tourenauto. Durch die Stadt gehts, immer den Strand (die „dänische Riviera") entlang, über Hellerug, Charlottenlund, Klampenborg, Taar- bank, Skodsborg, Humlebank nach H e l s i n g ö r. Hier besichtigt man bas zitabellenähnliche Kron- borg (gerade geht ein großes von Oslo her Kopenhagen zustrebendes Verkehrsflugzeug darüber weg), auf dessen Hof eine Reihe großer Geschütze steht. Dann hält man Mittagsrast. Und dann geht die Fahrt von der See ab, zurück durch die idyllisch anmutige, frische grüne Landschaft, wie man sie
wieder aus Jacobsens Romanen kennt, und meist durch Buchenwald, es gibt auf ber Welt keinen herrlicheren als den dänischen. Am Gurresel vorbei bis zum lieblichen großen Esrumsee, wo das Schloß Fredensborg liegt, zu dessen Besichtigung man verweilt, um sich wieder in dem Banne einer reichen, farbigen alten Kultur und ihrer hier aufgehäuften herrlichen Kunstschähe zu fühlen. Dann weiter nach Hille rod und zum Schlosse Frederiksborg, einem ber schönsten Schlösser Europas. Die Pracht ber Schloßkirche unb bes gewaltigen „Rittersaales" ist überwältigend in ihrem großen Prunk. Dann weiter über Birken rod unb Holte am Fure- unb Farumsee, am Sommer« schloß des Königs „Sorgenfri" vorbei, durch Lyngby zur Stadt zurück.
Meine vielleicht schönste Kopenhagener Stunde verbrachte ich bann aoer am Abenb in bem Garten ber Glyptothek. Man sitzt zwischen ben wunberbar gepflegten Anlagen, üppig blühenden Fliederbüschen, Blumen, einem gegenüber die sauberen Rasenflächen mit ihren Statuen, den Meisterwerken von Meunier, Rodin, ein paar Dänen, einigen elegant anmutenben Franzosen (Jouffry, Jdrac, Delablanche). Am Sommerhimmel die Si- chel des zunehmenden Mondes. Und in die Stille hinein ab unb zu bie Silberklänge des Glockenspieles ber Rathausuhr. Oben, auf bem Dach, auf ihrer Stufenpyramide, sehr eindrucksvoll, die große Bronzestatue der Palles Athene.
Am nächsten Vormittag ein Blick auf bie unerschöpflichen, mit sehr ansprechender Ueberfichtlichkeit geordneten Kunstschätze der Glyptothek. Unten die Skulptursäle und -gänge. Sehr viel Franzosen. Meunier wieder und Rodin, Delablanche und viele andere. Viel Dänisches, Sinding usw. In den oberen
Räumen bie Gemälde, Graphiken, Münzen, Plaketten, geschnittenen Steine.
Danach die Frauenkirche, um 1200 erbaut, im Laufe der Jahrhunderte immer wieder, im Krieg, bei großen Feuersbrünsten, abgebrannt unb neu auf- gebaut, zuletzt 1806 dem Bombardement der Engländer zum Opfer gefallen, dann erst 1829 bie neue Kirche, in ihrer jetzigen, im griechischen Renaissance- stil ausgeführten, Gestalt eingeweiht. Reine Linien, klar schmucklose Empireschlichcheit; aber in ihren Nischen die marmornen Riesengestalten der von Thorwaldsen geschaffenen Apostel und außerordentlich eindrucksvoll, hinter dem Altar, die berühmte, große Christusgestall.
Schließlich das Thorwaldsen-Museum hinter Christiansborg. Und in den sehr geschmackvoll eingerichteten, bei Besuch elektrisch erhellten Keller- räumen alles Bildhauerwerk des Meisters und viele Antike. In den oberen Räumen Gemälde, meist aus der Periode der Romantik. Viele Andenken an Thor- waldsen. Ein Stil, der uns Modernen entglitten ist. Doch wirkt auf mich für mein Teil alle kleinere Plastik Thorwaldsens, bie durchgängig mit Ruhe eine sehr reizvolle Bewegung vereinigt, sehr lebenbig.
Will man sich nach diesen Stunftgängen erquicken, so ist der Besuch des berühmten hundertjährigen, aber äußerst geschmackvoll unb reizend modernisierten, am Slmagertor gelegenen Fruchtkellers zu empfehlen. Umhaucht von den lieblichsten Fruchtdüften sitzt man in diesen gemütlich angenehmen Räumen unb genießt etwa einen Teller Erdbeeren (Dänemark ist das Land der Erdbeerzucht) in „Floede" (Sahne).
Nachmittags bann wieder zum Dampfer und über ben ©unb nach Malmö zurück. Reich gesättigt von heiteren, angenehmsten, zugleich doch großen Eindrücken.
Gpalaimer Bilderbogen.
Don Alfred Richard Meyer.
Spalato, im Sommer 1929.
Heber dieses eine Wunder kommt man hiev nie hinweg, daß in den ehemaligen Kaiser- Palast des Diokletian hier eine ganze Stadt von 265 Häusern eingebaut ist, in denen über dreitausend Menschen leben, ihren Handel treiben, ihre Kirchen, den Marktplatz und all das andere haben, das nun einmal Wohnlichkeit und Gemütlichkeit einer Stadt ausmacht. Das andere Wunder bleibt das: so oft man wieder nach hier kommt, der architektonischen Lleberraschungen sind immer wieder andere; so viele der herrlichsten Ornamente aus der Römerzeit sind so versteckt angebracht, daß, man immer wieder neue und schönere und geheimnisvollere entdeckt. (Das nahe Salona mit seinen Ausgrabungen bietet weit weniger des Reuen und wirklich Sehenswerten, weil manches, das schon vor fünf Jahren ausgegraben war, und das ich damals bewundern konnte, so verschiedene herrliche Mosaikbildwerke, inzwischen wieder zugeschüttet ward, da der Privatbesitzer dieses Stücks Gelände vom Staat einen solch übertriebenen Ankaufspreis forderte, daß jener dankend ablehnen mußte.)
Aber — wer sieht hier all diese beredten Spuren machtvoller Vergangenheit? Der weiß und rot geschminkte Clown gewiß nicht, der da in der glühenden Sonnenhitze den Hafenkai am Kaiserpalast entlang schleicht, neben einem zierlichen Ponny, einen alten, weit gebeutelten roten Regenschirm hinter sich herschleifend — eine recht zweifelhafte Propaganda für eine abendliche Zirkusvorstellung... Abends — sitzt man auf der Piazza. Roch nicht einmal die Kinder beachten der Clown, den die Hitze und das Bewußtsein niederdrückt, daß man sich hier, selbst in diesem grellen Aufzug, noch nicht einmal den Fluch blöder Lächerlichkeit ausladen kann. Das bedrückt doppelt in dieser Stadt in Illyrien, in die Shakespeare seinen Mummenschanz mit einem Herzog Orsino, mit der schönen Gräfin Olivia,
mit Junker Tobias, mit dem skurrilen Malvoglio, mit Sebastian verlegt, jenen also sprechen lassend:
„Sehn wir die Altertümer dieser Stadt! Laßt uns unsere Augen weiden
Mit den Denkmälern unb berühmten Dingen.
So diese Stadt besitzt."
Welch heiterer Aufforderung wir auch heute noch allzu gern nachkommen wollen und nachkommen. ..
Rach diesem Zwischenspiel: nach einem Gewitter regnet es in Spalato? Mitten in die entzückte Erkenntnis herein, die mir bislang von allen schönen Frauen aller Völker bestätigt wurde: daß es hier die schönsten und geradest gewachsenen Männer der Welt gibt! Mit diesem Zwischenspiel: daß all diese schönen Männer be- regenschirmt sind — was so gar nicht zu ihnen paßt, was sie plötzlich unsagbar komisch erscheinen läßt. In allen anderen Ländern haben sich mehr und mehr die Männer vom Regenschirm emanzipiert, ihn als unmännliche Klamotte erkannt — sehr zum Verdruß der Regenschirmindustrie, während diejenige des Trenchcoats und der durchsichtigen Schlangenhäute, die nie etwas mit einer Schlange zu tun hatten, triumphiert. Ganz unorganisch erwächst den Spalatinern, wenn auch nur Regen eben ein ganz klein bißchen droht, ein Regenschirm aus der Rechten. Dabei bleibt es nicht. Eine ganze Metamorphose geht im selben Augenblick mit all diesen schönen Männern vor sich. Ihre ganze Haltung, ihre Kleidung, ihr Gang — eben noch mustergültig aufrecht und liebenswürdig korrekt, bekommt etwas — etwas, wie sage ich es nur! — Gebeuteltes — wie es vorhin nur der melancholische Clown am Hafenkai hatte, Chaplin geistert hier auf. Der Regenschirm paßt eben nicht in dieses enge Gewirre von Gassen und Gäßchen und Plätzchen in einem römischen Kaiserpalast! Shakespeare ist um einen grotesken Genuß herumgekommen, da er dieses nicht sah, leider nicht sehen konnte. Wenn es in Spalato regnet, wird aujch das gebeutelt: das
bröckelnde Gemäuer aller Hauser, die Menschen dazwischen unb auch das Gehirn des Betrachters, der all das um sich als Mummenschanz nimmt unb herüber vergißt, baß er selbst auch nur ein Teil des Mummenschanzes ist — ein vom Regen Gebeutelter.
O weh — bie schönen Bügelfalten! *
Rach einer halben Stunbe ist das ganze Zwi- schenspiel vergessen. Alles Wasser, das vom Himmel in Strömen herabplätscherte, ist auf dem sonnenheißen Gestein schon wieder verdampft. Vor dem Central-Hotel dehnt sich das Caf6 über die schmale Piazza, hier Rarodni trh genannt, fast bis zur gotisch venitianischen Loggia des Gemeindehauses. Immer mehr Tischreihen mit Gestühl müssen in der Breite angebaut werden. Der Platz stöhnt vor Enge, hier, wo einmal der Gesellschaftssaal des Kaisers war. älnd es muh doch noch genügend Raum gelassen werden für all die dicht geballten Piazza-Schreiter, die hier das karge, langgestreckte Geviert ihres! abendlichen Bummels haben, die sehen wollen, die gesehen werden möchten. Das bißchen Musik vom Central.Hotel —
„Wenn die Musik der Liebe Rahrung ist.
Spielt weiter!, gebt mir volles Maß I", ergeht hier Shakespeares musische Aufforderung an uns.
Aber — wenn der Fremdenverkehr hier in Dalmatien weiter so wächst, fürchte ich: muh diese Piazza eines Abends platzen! Unb das wäre sehr schade...
Billige, bunte, handgewirkte, wollene Teppiche gibt's hier — schon von fünfzehn Mark an. Aber der Zoll soll ziemlich hoch sein. Und so etwas als Reisedecke maskieren zu wollen, trage ich denn doch nicht. Ausgezeichnet organisiert ist die Kunstgewerbeschule von Spalato. Da kann man seine Helle Freude haben: an Teppichen, Tischtüchern, Polstern, Taschen, Schachteln, Vasen, Schnitzereien, Spitzen. Vorbildlich wird hier die Wiederaufnahme alter Volkskunst und! vor allem der alten Ornamente gelehrt. Unb noch etwas gibt es jetzt hier: Da Zara, die frühere Hauptstadt Dalmatiens, unbegreiflicherweise Italien zugesprvchen wurde, ist heute Spalato daS aromatische Zentrum des weltberühmten LikörS Maraskino geworden; und auch der gehaltvolle, wie Oel schimmernde Dessertwein aus getrockneten dalmatinischen Trauben, der Prosek wird hier ausgeschänkt unb gehanbelt, desgleichen das alkoholfreie, bei der Hitze sehr erfrischenbe Getränk aus Weichselkirschensaft: Marena. Wo's doch so heiß ist, muh man doch auch vom Trink- lichen reden.
Reisewinke.
Tobel.
Das Auto, das die Schönheiten der Welt entdeckt, hat auch den Dobel aufgeschlossen. Ja so, man muß wohl erst erklären, was damit gemeint ist. Denn Dobel ist für die weitaus größere Mehrzahl der Zeitgenossen wohl ein leerer Begriff. Und Sie suchen die Erklärung eher über den Grenzen als im Schwarzwald, nut zwei, drei Autostunden von Karlsruhe und Stuttgart entfernt. In einigen Jahren wird hier oben ein Kurort erstehen, ber mit den schönsten im Schwarzwald es aufnimmt. Schon heute zieht das in einer Höhe von siebenhundert Metern gelegene Hochplateau diejenigen, die einmal hier gewesen, immer wieder an, den dünnen, frischen Waldeshauch ber dunklen Schwarzwaldtannen einzuatmen und die Lungen sich daran gesund zu pumpen.
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