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Nr. s68 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Samstag, 20. Juli 1929

Frankreich und der Rhein.

Briands Paneuropa.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. b. 3t

Der französische Kriegsminister P a i n l e v 6 , bekcmntlich ein Mann, der Frieden und Berftändi- gtmg, ähnlich wie ^erriet, immer im Munde führt, hat kürzlich ein Interview über eine etwaige Räumung des Rheinlandes gegeben. Er sagte, man betrachte in Frankreich die Be­satzung nicht als militärische Garantie für dte Sicherheit Frankreichs, sondern als Garantie der Sicherheit für die deutschen Zahlungen. Der Gang sei: Ratifikation des Schuldenabkommens mit Amerika, dann mit England, dann Ratifikation des Äoungplans, undschließlich wird die Räumung des Rheinlandes, die unmittelbar der Erfüllung der deutschen Verpflichtungen folgen wird, immer noch einige Monate brauchen, bis sie durchgeführt wird".

Wie soll das deutsche Volk einem Verständi - gungswillen glauben, der so doppeldeu­tig, besser gesagt, so mit Vorbehalt und im Hinterhalt ausgedrückt wird? Was istErfül­lung (exticution) der deutschen Verpflichtungen? Dem Buchstaben des Plans nach soll das wohl hei­ßen: bis alles nach dem Plan bezahlt ist? Also würde es z w e i Menschenalter dauern, bis der letzte Soldat Frankreichs den Boden verließe? In man­chen Teilen der Pariser Presse versteht man dar­unter: nicht nur, bis der Poungplan ratifiziert und in Kraft gesetzt sei, sondern erst wenn Frankreich über den zu mobilisierenden Teil der deut­schen Zahlungen wirklich verfügen könne. Das wäre auch ein Termin, der ganz unabsehbar wäre. Und dann kommt noch dieDurchführung" der Räu­mung, also die militärische Sabotage, die wieder Monate und Monate die Erledigung hinauszöge!

Mit solchen Programmen geben die französischen Minister denn Painlevä spricht aus, was Poin- carö denkt! auf die politische Konferenz! Dabei hat der Kriegsminister noch nicht einmal angedeutet, daß in diesem Programm auch noch die K o n t r o l l> diskussion im Anschluß an den bekannten Satz der Genfer Entschließung steht.

Alles das sind keine Neuigkeiten für uns. Durch viele Erfahrungen weiß das deutsche Volk, daß das die Methode der französischen Politik für eine ebenso bekannte Tendenz von ihr ist. Wir unterstreichen eine solche charakteristische Ausführung auch nur, damit man danach beurteile, wie die Aussichten dieser Konferenz im August für uns sind.

An sich ist ja die Sache so klar wie möglich. In der ganzen langen Schuldendebatte der Pariser Kammer war das Wesentlichste Poinearäs Satz, daß sich Deutschland dann (wenn nämlich die Kammer die Ratifikation der Schuldenabkommen oblehne), Frankreich gegenüber nicht auf zwei- und sechzig Jahre verpflichten würde:denn seine Zahlungen wurden nur mit Rücksicht auf unsere Verpflichtungen auf eine s o lange Zeitspanne ausgedehnt." Diese Aeuße- rung, getan von ihm in der Sitzung vom 11. Juli, rief nach den Berichtengroße Bewegung" hervor. Das sollte sie auch in Deutschland tun! Denn damit Hat Poincars, in der Bedrängnis feines Schulden- fampfes, das gewaltige Zugeständnis klar- gelegt, das Deutschland macht, wenn es den Houngplan annimmt. Jmplicite hat PoincarL, der Sachverwalter des Versailler Vertrages, damit bestätigt, daß der Versailler Vertrag Deutschland nur eine Verpflichtung auf 30 Jahre auferlegt. Dementsprechend waren ja auch im Dawesplan die Laufzeiten der deutschen Bahn- und Industrie- Schuldverschreibungen auf ungefähr den gleichen Zeitraum angesetzt. Auf zwei Menschen- alter also wurden Deutschlands Zahlungennur mit Rücksicht auf unsere Verpflichtungen ausgedehnt!"

Oer englische Sonntag.

Don Liesbet Dill.

Er ist unerträglich langweilig? Man kann nichts anfangen, in kein Theater gehen, alles ist geschlossen, Museen und Kinos sindshut? Was tun am Sonntag in England? Was hat man schon alles über diesen englischen Sonntag gehört, und in Wirklichkeit: wie spielt er sich ab und wie unterscheidet er sich vom deutschen Sonn­lag? Der Engländer beginnt sein Weekend schon Samstags mittags. Dann schließen die meisten Geschäfte. Wer ein Weekendhäuschen an der Themse oder auf dem Lande hat, fährt schon Freitags abends heraus. Der andere bleibt zu Hause...

Der Wochentag beginnt auf der 3nfel schon eine Stunde später als in anderen Ländern. Dor halb neun bekommt man an Wochentagen in Häusern, Pensionen, Boardinghouses und den meisten Hotels kein Frühstück, aber am Sonntag das steht schon auf Zetteln an der Tür gibt es erst um neun ilfjr FrühstüH . . Man schläft si/ch dann aus. Auch das Hauspersonal kommt später herunter und vor dem Breakfast gibt es höchstens eine Kanne heißes Wasser oder tin Dad.. Das Sonntagsfrühstück ist feierlicher und ausgedehnter als das unsrige. Während wir :s bei Kaffee und Butterbroten verbringen, läßt der Engländer seine vier warmen Gänge des Sonntags erst recht nicht aus: Porridge, gebacke­ner Fisch, Ham and eggs und Tee mit Toast... Die Speisekarte der großen Hotels für das erste Frühstück gleicht in ihrer Reichhaltigkeit unserer Mittag- oder Abendkarte.

Man steht Sonntags nicht bei Tagesgrauen auf und eilt zur nächsten Haltestelle, umnoch mit- aufommen, zu dem schon besetzten Zug von Aus­züglern, man macht keineSonntagsausflüge", noch geht die ganze Familie schon morgens in den Wald. Sonntagssvaziergänge werden eigent­lich von keinem Menschen gern gemacht, außer von dem Familienoberhaupt, das die ganze Woche im Staub seines Geschäfts oder Dureau- zimmers verbracht hat und nun auch einmal ein begreiflicher Wunscheinen grünen Baum lchen möchte". Der englische Familienvater sieht genug grüne Bäume, schon die Fahrt von seinem Häuschen in der Vorstadt bringt ihn durch Wie­lenland, am Wald vorbei und durch grüne An­lagen, selbst in der Stadt findet er breite Squares mit Anlagen bepflanzt, reichlicher als in anderen Ländern, wo sich die Mietskasernen straßenweise drängen, ohne daß sich eine grüne Lunge" dazwischenschiebt...

Es hat seine Gründe. Diesegrünen Lungen" flnJ> sehr teuer und wir sind mcht so reich wie das alte England mit seinen Kolonien. Die Ge-

Damit hat Frankreich erreicht, was es so lange an- gestrebt hat: die innere Verbindung der deutschen Tribute und seiner amerikanischen Schulden. Und Poincars weiß, daß jede denkbare Sicherheit, die Garantie, von der Painlcvä spricht, gegeben ist.

Es überrascht uns nicht, aber es ist gut, vor Be­ginn der Konferenzverhandlungen nochmals so er­innert zu werden, daß Frankreich trotzdem nicht daran denkt, das Rheinland zu räumen aus­drücklich sieht der Versailler Vertrag eine frühere Räumung als möglich vor, sondern es zunächst alsP f a n d" für alle möglichen anderen Pläne festhalten will.

Einen Vorwand, einen Vorbehalt erwähnten wir vorhin nicht, weil wir nicht glauben können, daß man in Paris ernsthaft daran denken kann. Steht für uns schon die Idee, die Räumung mit der Mobilisierung unserer Zahlungen zu verbinden, außerhalb jeder Diskussion, so erst recht das Gerede, daß als Garantie der deutschen Zah­lungen für Frankreich auch nötig sei die Reform der deutschen Finanzen. Die hallen wir gewiß auch für dringend nötig! Aber das ist un­tere Sache! Ein solcher Versuch, über die Tribut­zahlungen sich in innerdeutsche Angelegen­heiten einzumischen, auf einem Umweg hintenher­um doch wieder die Souveränität Deutschlands ein­zuschränken, wäre so naiv und so dreist und für uns so absolut unmöglich, daß wir, wie gesagt, nicht glauben wollen, man denke in Paris ernsthaft an dergleichen.

Sowohl der Briefwechsel zwischen den Herren K a a s und Wirth, wie die neue Aeuherung des Reichsauhenministers lehnen erneut jede ständige Kontrolle, jede Sonderkon- t r o l l i d e e (neben den Kontrollrechten des Völ­kerbundes) auf das schärfste ab. Wir begrüßen das natürlich sehr: endlich einmal sind Regie­rung, Reichstag und Volk in einer Frage voll­kommen einig. Aber hätte man nicht im Sep­tember in Genf in der deutschen Vertretung, die der Reichskanzler führte, sich das nicht auch schon sagen können? Damals hat sich Deutschland zu einerDiskussion" des Gedankens einer solchen Kommission für Feststellung und Versöh­nung" bereit erklärt und das in der Entschließung vom 16. September festgelegt. Hat damals nie­mand daran gedacht, daß man recht gefährlich den kleinen Finger hinreichte, an dem Frankreich mit allen Mitteln die ganze Hand zu nehmen suchen würde? So hat sich die deutsche Regie­rung ihre Arbeit jetzt, auf der Konferenz da­mals schon erschwert. Run wird sie doppelt fest bleiben müssen! Wir halten sie an dem Wort Dr. Stresemanns im Reichstag fest (24. 3uni), daß die Regierung entschlossen sei, an dieser Frage die ganzen Verhandlungen scheitern zu lassen, wenn man versucht, noch ein­mal eine ständige Kommission im Rheinland einzusehen."

Während Deutschland handelte, indem es die Verhandlungen mit Belgien Über die be­kannte Markfrage zum Abschluß brachte, und eine weitere, zum Voungplan zusätzliche Last auf sich nehmen will (Belgien will dafür auf wei­tere Liquidation verzichten und das deutsche Vermögen in Belgien freigeben), kommt man aus Frankreich mit einer 3dee, einem Projekt. Bei der Dölkerbundsversammlung soll der Plan derVereinigten Staaten von Eu­ro p a" von Briand in strahlendem Transparent vorgeführt werden! Der Gedanke ist nicht neu; Briand macht sich damit die Paneuropa-3deolo- gie des Grafen Coubenhove zu eigen. Er ist ja auch Mitglied dieser Liga und er soll diese seine Lieblingsidee, mit der er sein Lebenswerk krönen und abschließen möchte, schon ausländischen Staatsmännern, darunter Dr. Stresemann neulich in Madrid, mitgeteilt haben. Näheres, wie Briand sich den Plan denkt, ist noch nicht be­kannt.

schäfte wickeln sich drüben anscheinend leichter ab, eben dieses Fundaments wegen, das vorhanden ist, und eine Stadt braucht nicht jeden freien Sied zum Bauen von fünfstöckigen Mietskaser­nen und Geschäftshäusern auszunutzen oder als Bauplatz zu verwerten, sondern bepflanzt ihn mit Anlagen... Das ist schön und hygienisch, es ist nur teuer. Da die englischen Beamten und auch fast alle Arbeiter sehr weit vor der Stadt ihr Häuschen haben und ein Gärtchen, so brauchen sie am Sonntag nicht Ausflüge zu machen, um frische Luft zu schöpfen. Die haben sie ja vor der Tür. WaS sollen sie in der Stadt, wo alle Gäben, Kinos und Vergnügungen, ja selbst in vielen Städten Cafäs unb Restaurants geschlossen finb? Sie bleiben daheim, sehen sich mit der Zeitung oder einem Buch in ihren Gar­ten, lesen und ruhen sich eben wirklich aus.

Die 3ugenb fährt Rad, Motor oder Boot auf die Sportplätze, spielt Hockey, Tennis, rudert bewegt sich draußen. Diese Sportplätze liegen meist nahe an der Wohnung, denn wo dort eine Straße, ein Viertel entsteht, wächst auch gleich der Sportplatz, die grüne Wiese mit. Unb durch das feuchte, milde Klima sind diese Wiesen eben so grün, man braucht sie nicht zu besprengen. Die einförmigen Häuserreihen der Vorstadt- straßen, die langweilig und etwas nüchtern wir­ken, haben das für sich, daß sie eben in so großer Zahl vorhanden sind. Sie sind für unsere Be­griffe klein, eine Zweifensterfront, unten zwei, höchstens drei Räume, oben Schlaf- und Bade­zimmer, ohne letzteres wird kein HauS gebaut. Aber man hat seinHome, seine Behaglichkeit zu Hause, man wohnt nichtein" bei fremden Wirten, braucht sich nicht in einem Zimmer her­umzudrücken, zubehelfen",Küchenbenuhung" bei fremden Leuten, ober daß man sein Badezim­mer mit anderen Mitbewohnern teilt, gibt es dort nicht.

Sonntags herausfahren, sich irgendwo lagern, das Essen mitschleppen? Daran fände die eng­lische Hausfrau keinen Geschmack. Es sei denn, daß man mit dem Auto von der Haustür abfährt in den Wald, alles mitnimmt zum Picknick im Freien. Dieses ist dort sehr beliebt. DasPick­nick" kommt ja aus England. Aber mit Anstren­gungen darf es nicht verknüpft sein... Der Sonntag ist ein Feiertag. Da gehen die Dienstboten aus, da steht einmal das Rad der Arbeit still.... DaS Vergnügen ist für den Wochentag da. Man lädt höchstens ein paar Freunde ein, denn am Sonntag kann man doch nichts anderes anfangen. Man hört keine Musik, keinen Stirm. Es ist kein Gedränge auf den Bahn­steigen, fein Stehen in überfüllten Zügen, alles wickelt sich auch am Sonntag ruhig und unge­stört ab... Die feierliche Stille ist allein schon eine Wohltat.

Der Gedanke, die europäischen Staaten möch­ten sich zusammenschliehen, um Europa wieder sein Eigengewicht zu geben, liegt seit dem Kriegs­ende, mit dem sich Europa selbst zum Bettler­kontinent gemacht hat, sehr nahe. Viele emp­finden ihn als eine Selbstverständlichkeit:Eu­ropa hat nur noch zwischen der Knechtschaft und der Föderation zu wählen", sagt Her- r i o t, und ähnliches deutete auch ©trete* m a nn in der letzten Reichstagsrede an. Man­ches darin ist durchführbar, das Meiste und Entscheidende aber ist und bleibt höchst proble­matisch. Es heißt, Briand schließe England ein, Sowjetruhland aber aus. Wie stellt man sich dieVereinigten Staaten von Europa" vor, ohne daß Rußland an- und eingegliedert werde? Soll sich Deutschland, um in einer solchen euro­päischen Vereinigung Frankreichs Hegemonie zu sichern denn darauf läuft es hinaus in einen ®egenfa& zu Rußland bringen lassen? Wofür? Wozu? Wie stellt man sichVereinigte Staaten von Europa" vor, mit England, als Weltreich mit Kanada, Südafrika usw.? Oder bloß mit dem europäischen Teil? Wird sich Eng­land so in einen Gegensatz zu den Ver­einigten Staaten von Amerika denn daraus läuft die Sache weiterhin hinaus trei­ben lassen?

Für Briand ist klar, daß die Konstruktion der Vereinigten Staaten sich an dieArchitektur" des Genfer Völkerbundes anlehnen würde. Das ist für uns schon keine Empfehlung. Wie soll dann, was zwingend logisch sich schon aus der 3bee ergibt, das militärische ilebergetoidjt der Sieger über die Besiegten des Weltkrieges, be­seitigt werden? Wer das A derVereinigten Staaten von Europa" sagt, muh das B der Ab­rüstung, der Rüstungsgleichheit ihrer einzelnen Glieder durchsetzen. Will das Briand und kann er das, wenn er es wollen sollte?

Die 3dee mag großartig und plausibel sein; wir wollen sie gar nicht an sich in Grund und Boden diskutieren. Aber sie trat doch und tritt

hier erst recht von Anfang an verfälscht hervor. Vielleicht nicht nach dem Willen des Urhebers, aber sicher nach der Wirkung und dev Lage, wie sie ist. Denn sie ist darauf abgestellt, den jetzigen Status in Europa, den Status 6er Pariser Verträge, d. h. die Hegemonie Frankreichs noch einmal festzulegen und zu sichern, ilnb damit zieht sie Deutschland, es umklammernd, in ein Staatensystem hinein gegen Mächte, mit denen Deutschlands 3nter* essen heute und weiterhin parallel laufen. Das sind Rußland und Amerika. Man mag den Wert der deutschen Beziehungen zu beiden Staa­ten hoch oder gering einschätzen, das hat doch zweifellos für uns keinen Sinn, daß sich Deutsch­land, ausgerechnet Deutschland, durch eine solche 3dee und Konstruktion in einen Gegensatz zu Amerika und Rußland bringen ober sich nur der Freiheit seiner Beziehungen zu beiden berauben ließe, ilnb vhne Deutschland» finbVereinigte Staaten von Europa" ja unmöglich!

Cs ist wohl kaum nötig, vor ben Gefahren eines solchen Sirenengesanges zu warnen. Denn zunächst einmal gilt doch, baß "mit Drianbs An­regung ein zweiter Schritt vor be nt ersten getan werben soll. Daher ist unser Mih^ trauen gegen biese Anregung gcrabc jetzt befqn* eers groß! Soll das ein Versuch sein, im öeß* tember über große nächste Fragen, bis bann vielleicht noch nicht gelöst finb, Hinwegzureben? Erst müßen doch die Reste aus dem Krieg befeitigt werden, ehe man an solche Erörterungen über Vereinigte Staaten von Europa überhaupt gehen könnte.

Wer Paneuropa proklamiert und zugleich mit Rheinlandräumung zögert und von Rheinland- kontrolle redet, der muß sich gefallen lafTtn, daß wir ihn entweder nicht ernst nehmen, ober mit Mißtrauen betrachten, weil bann hinter einer solchen Proklamation anbered stecken kann oder soll, als sie nach außen, an bie gläubige ober nicht informierte Welt, besagt!

politische Träumereien am Veldessee.

Zn der Sommerresidenz des König-Diktators. Dolksstimmung und Diktatur. Der Status quo bleibt aufrecht!

Von unserem Dr. S-r.-Sonberberichtersiatter.

Nachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Bled am Delbessee, Anfang Juli.

Es gibt kaum ein Stückchen Erde von so traum­verlorener Schönheit wie dieses Sieb am Veldes- see. Dor dem Kriege eine kleine, etwas primitive Sommerfrische Oesterreichs, damals noch Veldes genannt, kam es nach dem Umsturz wie das übrige Trainer Land an den neugegründeten SHS.- Staat und entwickelte sich, seit König Alexander im Schloß Windischgrätz seine Sommerresidenz aufgeschlagen hat, zu einem fashionablen Kurort von politischer Bedeutung.

Denn wo der König weilt, noch dazu ein König mit absoluter Gewalt, da dürfen die Herren von der Regierung nicht fehlen. Und natürlich auch nicht die ausländischen Diplomaten, die sonst als stille oder tätige Beobachter in Belgrad zu sitzen pfle­gen und denen dieser wahrhaft idyllische Flecken -Gelegenheit bietet, das Nützliche mit dem Angeneh­men zu verbinden.

So versammelt sieb während der heißen Monate in Sieb alles, was dem jugoflavischen Throne und der ausübenden Gewalt nahesteht, treibt Sport, habet, amüsiert sich und befaßt sich nicht immer nur nebenbei auch mit der hohen Politik.

Augenblicklich herrscht hier Feststimmung. Die Hotels und die Prioatoillen rings um den Der-

3edes Land hat seine Sitten, seine Gewohn­heiten, seinen Geschmack. Der Sinn des Sonntags ist in England der Feiertag, ein völliges Aus­ruhen von werktäglichen Geschäften... denn da­zu hat der liebe Gott ihn ja bei der Schöpfung eingesetzt... 3ch habe weder an dem englischen, noch an dem noch strengeren schottischen Sonn­tag etwas Langweiliges ober Unangenehmes gefunden, im Gegenteil, hat es mir einen sehr angenehmen Eindruck gemacht, baß man sich wirklich einmal ausruhte, statt Vergnügungen nachjagen, die in Wirklichkeit nur Unbequemlich­keiten mit sich bringen.

Federmami in derSommersrische

Von Hans JRiebau.

Birkenheide war ein Idyll. Birkenheide war ein Paradies. Keine Autostraßen gab es da, keinen Staub, keinen Lärm und nicht einmal elektrisches Licht.

Also fuhr Jedermann nach Birkenheide.Vier Wochen , sagte er zu der Wirtin vom Goldenen Schwan,vier Wochen werde ich mich hier er­holen."

Und Federmann erholte sich. Am ersten Abend ging er um 12 Uhr zu Bett.Man muß sich lang­sam gewöhnen", saate er.Ruhelos im Bett zu liegen, hat keinen Zweck, und morgens kann ich ja so lange schlafen wie ich will."

Aber am nächsten Morgen konnte Federmann nicht so lange schlafen, wie er wollte. Denn um 4.15 Uhr drang durch das offene Fenster ein selt­sames, halb schnurrendes, halb keifendes Geräusch. Das Geräusch schwoll zum Wiehern an, ließ nach, wurde 3um Krächzen, überschlug sich und ging von neuem in ein schnurrendes Keifen über.

Federmann sprang aus dem Bett, stürzte ans Fenster. Da stand im Garten des Nachbarhauses ein Huhn mit einem roten Sack am Hals und stieß markerschütternde Schreie aus.Aha", dachte Fe­dermann, und legte sich wieder ins Bett,ein Truthahn, ein Puter. Man muß sich an solche Ge­räusche gewöhnen. Sie stärken die Nerven und sind einmal etwas anderes als das ewige Auto­gehupe."

Und Jedermann schloß die Augen, begann tief und langsam zu atmen, und beschloß, bas nerven­stärkende Geräusch in vollen Zügen zu genießen. Aber während der Puter schrie und (luderte, wurde Jedermanns Atem weniger tief und weniger lang­sam.So geht es nicht", dachte er und fühlte, wie ihm irgend etwas den Rücken herabrieselte. Er stand auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Das schien beruhigend auf den Truthahn zu wirken, das Kluckern nahm ab, es würbe ruhig.

Na also", dachte Jedermann, legte sich ins Bett und machte die 2tugen zw Da fing der Puter wie-

träumten Veldessee, in dem sich der Renommier­berg der Julischen Alpen, der alte Triglav, kokett widerspiegelt, haben alle verfügbaren Fahnen auf­gesteckt. In den Straßen zeigt sich auffallend viel Militär, der Verkehrsschutzmann trägt. eine funkel­nagelneue, blitzende, mit schönen Schnüren ver­zierte Uniform und trotz der mörderischen Hitze tadellose, weiße Handschuhe, die Autos häufen sich, und wenn man sich unter den fröhlich promenie­renden Badegästen umsieht, kann man aus der Menge die zahlreichen Agenten und D e t e f tioe herausspüren, die aufzupassen haben, daß alles friedlich und ruhig verläuft.

Denn oben im Schloß hat die Königin Ma­ria einem dritten Sohn das Leben geschenkt, ge­stern kam der König, um ihn, die Gattin und auch bie Schwiegermutter, bie Königin-Witwe Maria von Rumänien zu begrüßen, die bereits seit eini­gen Wochen hier weilt.

Alles, was Rang und Namen trägt, fährt fort, um feine Glückwünsche anzubringen, fast patriar« chalisch mutet das Treiben an, ein Schimmer von Glück liegt auf allen Gesichtern, gar erst, wenn der kleine Kronprinz Peter, begleitet von seiner königlichen Großmama, eine Spazierfahrt unter­nimmt und immer wieder winken muß, wenn irgend­ein hoher Diplomat ihm zulächelt oder die hohen

der an zu schreien. Jedermann blieb mit geschlos­senen Augen liegen. Wieder fühlte er etwas den Rücken herabrieseln, die Schläfen begannen zu pochen.

Unmöglich", sagte er und sprang aus dem Bett. Im selben Augenblick hörte der Puter auf zu schreien. Jedermann ging zu Bett. Der Truthahn schrie. Jedermann stand auf. Der Truthahn schwieg.

Nachdem Jedermann vierzehnmal aufgestanden und vierzehnmal zu Bett gegangen war, fing sein Gesicht an, einen starren Zug zu bekommen. Mit unheimlicher Ruhe öffnete er seinen Koffer, nahm das Rasiermesser heraus, ging die Treppe hinun­ter, durch die Haustür, stieg über den Zaun.

Als Jedermann zurückkam, ging er endgültig zu Bett. Das war um 5.30 Uhr. Kein Truthahn störte ihn mehr.

Um 12 Uhr wachte er auf. Um 1 Uhr gab er der Wirtin einen Hundertmarkschein.Bringen Sie ihn dem Nachbarn", sagte er,für den Truthahn."

Um 4 Uhr nachmittags ließ sich der Nachbar bei Jedermann melden.Wie soll ich Ihnen danken!" sagte er.Sie haben mir einen großen Dienst er­wiesen!"

Großen Dienst?" fragte Jedermann,wieso?"

Mit den hundert Mark", sagte der Nachbar, habe ich ein gutes Geschäft gemacht; ich habe sechs neue Truthähne dafür gekauft."

Hochschulnachrichten.

Dipl.-Jng. Dr. phil. Conway Freiherr v. dürfe« roalb in Frankfurt a. M. ist zum Honorar­professor in der Naturwissenschaftlichen Fakultät der dortigen Universität ernannt worden. Dem Privatdozenten an der Universität Münster Dr. Georg Stefansky ist ein Lehrauftrag zur Ver­tretung der neueren deutschen Literaturgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Geistesgeschichte er­teilt worden. Dr. Stesansky, geborener Prager, ist Mitherausgeber und Schriftleiter der Zeitschrift für LiteraturgeschichteEuphorion". Er war Schüler von August Sauer in Prag und gehörte bisher dem Lehrkörper der Prager deutschen Universität als Privatdozent für deutsche Literatur und Sprache an.

3n der medizinischen Fakultät der Universität Marburg ist als Privatdvzent für Chirurgie Dr. med. Hans Bveminghaus zum nicht­beamteten auhervrbentlichen Professor ernannt worben. Dr. Boeminghaus, der eine Assistenten- stelle an bet Marburger Chirurgischen Klinik bei Prof. R. Klapp belleibet, gehörte von 1924 bis 1928 bem Lehrkörper ber Halleschen Mebi- zinischen Fakultät als Privatbozent an. Prof. Dr. Hans Teschem acher in Königsberg hat ben Ruf auf bas Orbinariat ber Volkswirt­schaftslehre unb FinanHwissenschast in ber Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät dev Universität Tübingen angenommen.