ihren Höhepunkt. Wit dem Ende der Fastnachts- fleit war auch wieder eine größere Belastung Les Arbeitsmarktes im Gast- und Schankwirt- schaftsgewerbe zu verzeichnen. Die Beschästt- gungd'age im Verkehrsgewer be war auch weiterhin durch den Frost beeinflußt. Die Reichsbahn zeigte sich teilweise a ufnahmefähig für Hilfskräfte zu Aufräumungsarbeiten und zur Befreiung der Dahnschienen von Schneemassen. Die Arbeitslosigkeit der Lohnarbeiter wechselnder Art nahm weiter zu. Rur kurzfristige Einstellungen zur Schneebeseit gung wurden in geringem Umfange vorgenommen.
Sn obenstehendem Ähaubild setzen wir die Arbeitslosigkeit in einigen Berufen in Beziehung zur Gesamtzahl der Derufsangchörigen in unserem Bezirk. Die Gesamtzahl der erwerbstätigen Personen der Largestellten Berufsgruvpen wurde auf Grund der Berufs- und Betriebszählung vom 16. Sunt 1925 festgestellt. Auch bei dieser Gegenüberstellung wird die steigende Tendenz der Ar- beitslosigkett — hauptsächlich aber der Saison- arbeitslosigkeit — gut veranschaulicht.
Die Gesamtausgaben des Arbeitsamtes Gießen beliefen sich
im Monat Sanuar 1929 auf 665 064,69 Mark „ „ Februar „ 848 040,09
Die Ausgaben im Monat Februar übersteigen diejenigen des Monats Sanuar um 182 975,40 Mark. Diese Mehrausgabe ist durch das weitere Anwachsen der Unterstützungsempfänger bedingt.
Der Arbeitsnachweis des Arbeitsamtsbezirks Gießen erfreut sich eines immer größeren Zuspruches. Sm Manat Februar wurden trotz der schlechten Arbeitsmarktlage 275 männliche und 207 weibliche, insgesamt 482 Personen, vermittelt.
Oie Abteilung Berufsberatung
wurde im Monat Februar gegenüber dem Vormonat in weit größerem Maße in Anspruch genommen; die Anzahl der Beratungen stieg von 117 auf 309. Außerdem liefen aus allen Kreisen der Provinz Oberhessen viele Anfragen ein, teil Lehrstellengesuche, teils Beratungen betref- fettd, die schriftlich beantwortet werden mußten. — ihn entfernter wohnenden Rat suchenden alt» zuweite Wege zu ersparen, wurde in Friedberg ein Sprechstunden-Rachmittag wöchentlich eingerichtet. Es ist auch geplant, zunächst noch in Lauterbach Sprech stuiäen abzuhalten. — Aus den bis jetzt vorliegenden Schüler-Personalbogen geht hervor, daß noch sehr viele zur Schulentlassung kommende Knaben und auch Mädchen keine Lehrstelle haben. Ein nicht unbeträchtlicher Teil Lehrstellensucher dürfte sich für die sog. „Modeberufe" haben vormerken lassen und wartet ab in der Hoffnung, doch noch in den gewünschten, aber längst überfüllten Berufen unterzukommen. Besonders die Elektroinstallations- und Friseurgeschäfte klagen sehr, von den Eltern der Schulabgänger recht überlaufen zu werden.
136 männliche Ratsuchende, von denen 38 in Gießen wohnen, nahmen im Monat Februar die Berufsberatung 197mal in Anspruch. Diese 136 halten 33 verschiedene Berufswunsche. Wiederum war der Kaufmannsberuf der begehrteste. Die nächst größte Anzahl Ratsuchender hatten überhaupt keinen bestimmten Berufswunsch. Sn nachstehender Reihenfolge wurden noch folgende Berufe am meisten gewünscht: Elektriker, Friseur, Buchdrucker und Schriftsetzer, Metzger, Schlosser. 122 Ratsuchende kamen aus Volks-, 14 aus höheren Schulen. 10 Schüler waren Krieger-, 5 Halb- und 2 Vollwaisen. Bei acht 'Berufsuchern muhte ärztliches Gutachten eingefordert werden. — Reue offene Lehrstellen wurden 81 für 22 verschiedene Berufe angemeldet, davon von 44 Arbeitgebern in Gießen. 3m laufenden Monat konnten 29 offene Lehrstellen endgültig besetzt werden.
Sm gleichen Monat haben auch 59 Mädchen, von denen 28 in Gießen wohnen, die Berufsberatung in Anspruch genommen und wurden 112mol beraten. Diese 59 Schülerinnen hatten 11 verschiedene DerufSwünsche. Die meisten wollten Verkäuferin werden oder in einem Bureau unterkommen. Alsdann war der Schneiderinnenberuf der begehrteste. 55 ratsuchende Mädchen kamen aus Volks-, 4 aus höheren Schulen. 14 Schülerinnen waren Krieger-, 4 Halbwaisen. Aerztliches Gutachten mußte in drei Fällen eingefordert werden. — Reue offene Lehrstellen wurden 21 für 8 verschiedene Berufe angemeldet, davon 10 von Arbeitgebern in Gießen. Fünf Mädchen konnten in Lehrstellen vermittelt werden.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 20. März 1929.
<§r ist da!
Die Wärme bat den Panzer des Eises gebrochen. Unaufhörlich rinnen die Bächlein von den Abhängen. Auch durch unfern ©arftn kommt das Tauwasser geflossen. Wein kleiner Sunge leitet es geschickt durch eine abwärts führende Furche, und wo das Wasser etwas abstür^t, bringt er eine kleine Wassermühle an. Etn Rachbarsbub hat ihm gezeigt, wie man ein solches Ding verfertigt. Die Mühle ist sein Stolz, und an den schönen Rachmittagen verbringt er seine Zeit am kleinen Bächlein. Aber das Wasser läßt nach, bald hört es ganz auf zu fließen. Da nimmt er seine Mühle und marschiert zum „richtigen" Dach, der da unten durch die Wiesen rauscht. Da setzt er seine Wühle ein. Sch gehe mit und schaue zu. Sein Eifer rührt mich. Kaum aber ist die Mühle in Bewegung, da läßt er sie im S.ich, lauft weiter und ruft mir zu: „Vater, guck mal, eine Bachstelze!" Richtig! Da sitzt der kleine Frühlingsbote und wippt mit dem Schwanz. Lange hält er es nicht aus auf seinem Stein, schon ist er weitergehüpft, in ewiger Unruhe tackt das Schwänzlein. „Sunge,“ sage ich, „jetzt ist aber der Frühling da. Dor acht Tagen kamen die S t a r e. Siehst du, da oben in den Pappeln sitzen noch viele. linb vorgestern hörten wir die erste Lerche. 3hr Lied klang noch dünn, aber bald wird sie laut und fröhlich trillern!" —
Zwar liegt an der Rvrdseite noch viel Schnee, das Land ist gefroren, die Rächte sind noch kalt, aber unaufhaltsam dringt die Frühlingssonne in alle Poren. Die Menschen erwachen und schauen verwundert mit blinzenden Augen in den Sonnenschein. Die Fenster öffnen sich. Drüben im Haus Horen wir ein Grammophon spielen, schon zum dritten Male: „Sch habe den Früh« ling gesehen!"
lind am Sonntag ziehen sie hinaus, alt und jung. Meder hallen von den Bergern Die Burschen gehen wieder ohne Hut. Die Kinder holen die ersten Kätzchen vom alten Weidenbaum. Ein einsamer gelber Zitronenfalter, der an der Südseite eines Baumes geschlafen hatte, ist zu neuem Leben erwacht, wohl etwas zu früh; er wird erfrieren in der kalten Rächt, lins aber ist er neixfn den summenden Mücken, die im Sonnenschein tanzeit, als Frühlingsverkünder ein lieber Freund.
Am warmen Abhang des Berges liegt der [leine Friedhof. Hier hat die Sonne die ersten Schneeglöckchen hervorgelockt, noch blühen sie nicht, aber schon dringt hier und da chr weißes Köpfchen durch. Frichlingsboien überall.
Gerade die Schneeglöckchen auf dem Friedhof sind es, die uns in ihrer weißen Unschuld zu- rufen: „Run, armes Herz, sei nicht bang!"
Gar viele, viele haben im letzten Winter auf dem Gottesacker gestanden, in harter Kälte. Sie haben einem lieben Menschen das letzte Geleite
Die Liebe derBngitta Hollermann
Dtoman von Elisabeth Aey.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).
1L Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„So schlimm wird Schwester Christiane doch nicht sein. Wenn sie nur ein ganz klein wenig ihrem Bruder ähnlich ist, so will ich mich schon jetzt freuen, zu ihr zu kommen."
„Kindchen, Kindchen, so hat c8 Shnen also auch bei mir gefallen?"
„Gefallen, Onkel Lührmann, das ist wohl zu wenig gesagt. Sch war hier sehr glücklich, nach all dem Schrecklichen." ,
Der alte Arzt wischte verstohlen über ferne Augen und trat schnell zum Fenster.
Plötzlich wandte er sich wieder Brigitta zu, und sagte:
„3m übrigen vergaß ich ganz, daß mir gestern abend der Rotar Blumert mttteilto, daß Shre Frau Mutter die Shnen zugefallenen zehntausend Mark zurückwies. Sie batten doch großmütig darauf verzichtet."
„Sch mag das Geld nicht, ich brauche es nicht," entgegnete Brigitta hastig.
„Kind, aus Shnen spricht der Trotz. Wer weiß, ob Sie das Geld nicht doch einmal sehr gut gebrauchen konnten."
„Wofür, lieber Onkel? 3ch werde verdienen, was ich zum Leben benötige."
„Hm, schon recht, Brigitta. Aber wie, wenn Sie einmal heiraten wollen und eine Aussteuer brauchen?"
Brigitta war erbleicht, und hob unwillkürlich die Hände wie zur Abwehr.
„Sch werde nie, niemals heiraten," sagte sie dabei leise.
„Alle Wunden vernarben einmal, liebes Kind, so auch die Shre. Hans-3örg Eggenbrecht ist tot. Sie sind zu jung, um auf ewig um ihn zu trauern.“
„Sie vergessen, daß ich an seinem Tod die Schuld trage. Er starb mit dem Zweifel an mir im Herzen, ja, vielleicht war ich der Anlaß zu seinem Tod."
„Rein, Brigitta, damit dürfen Sie sich nicht auch noch quälen. Sch habe Eggcnbrecht auch sehr gut gekannt. Er war nicht der Mann, der sich das Leben nahm, in freut er dabei viele andere Menschenleben gefährdete. Ein solcher Mensch, wie er, geht still beiseite. Die Explosion war ein unglücklicher Zufall, weiter nichts."
Brigitta antwortete nicht, und glitt jetzt laut- los aus dem Zimmer.
„Armes Ding!" murmelte der Sanitätsrat hinter ihr drein.
Eine Stunde später wanderte Brigitta Holler- mann durch die beschneiten Gräberreihen des Friedhofs, auf dem man ihre zwei liebsten Menschen zur letzten Ruhe bestattet hatte.
Lange stand sie an der alten Familiengruft, der Ruhestätte ihres Vaters, und starrte mit tränenlosen Augen darauf nieder. Dann ging sie langsam, schweren Schrittes, weiter zu einem einsamen, verschneiten Hügel, und legte eine einzige Rose darauf nieder.
„Hans-Sörg, lieber Hans-Sorg," flüsterte sie dabei leise. „Vergib mir, ich bin ja nicht schuld. Rie, niemals werde ich dir die Treue brechen. Schlafe ruhig, du lieber, lieber Mann.“
Still wandte sie sich dann um, und verlieh den Friedhof.
*
„Geben Sie wohl, Brigitta, und Gott mit Shnen. Grüßen Sie mir meine alte Christiane, und geben Sie chr diesen Brief von mir," sagte Sanitätsrat Lührmann, als et am anderen Morgen seinem Schützling noch einmal zum Abschied fest die Hand drückte.
Brigitta Hollermann vermochte nicht zu antworten, und Tränen trübten ihren Blick, als sie sich jetzt hastig über die Hand des alten Herrn bückte, um einen letzten Dankeskuh darauf zu drücken.
Bleich ftanb sie bann an der Reling des Deinen Küstendampfers, und sah dem SanitätSrat nach, der noch einmal, zurückwinkend, schnell über die Landungsbrücke schritt und im Menschengewühl verschwand.
Brigitta kam sich plötzlich unendlich verlassen vor, und eS war ihr, als mühte sie ihm nacheilen. Da aber ertönte das Wfahrtsignal.
Zu spät; sie mußte mutig fein. Das Schiff trug sie ja nun einem neuen, selbstgewählten Leben entgegen.
Riemand empfing Brigitta Hollermann bei der Ankunft auf Sylt.
Kalt fuhr ihr der Seewind durch den dicken Mantel, als sie einsam den Landungssteg hinab- schritt.
Man wieL ihr auf ihr Befragen freundlich den Weg.
Als sie sich gerade anschickte, ihren Koffer aufzunehmen, um mutigen Herzens ihrem Ziel zuzustreben. tauchte plötzlich ein alter, in dicken Pelz gehüllter Wann vor ihr auf: verlegen an seiner Pelzmütze rückend, fragte er:
„Entschuldigen Sie schon, Fräulein, sind Sie die neue Schwester für unser Kinderheim? Dann soll ich Sie nämlich mit dem Wagen abholen. 3d) bin Steffen Andresen, der Hausmann und Kutscher."
Erfreut blickte Brigitta in deS Alten treu- herzig-verlegeiws Gfrefabt. und antwortete:
„Sie haben sich nicht geirrt, ich bin die neue Seester, und freue mich, daß ich ab geholt werde."
gegeben. Setzt trösten uns von da die ersten Schneeglöckchen: Run muh sich alles, alles wenden!
lind wie lange schon haben unsere Kinder gelungen: „Lieber Frühling, komm doch wieder, schöner Frühling, fonun doch bald!“
Run ist er da! Es ist uns, wie wenn nach banger, schwerer Rächt endlich der junge Tag inS Zimmer tritt und wir befreit auf atmen.
Wir grüßen den Frühling. Z.
Saoptversammluog des Aertehrsverelns.
Der Derkehrsverein Gießen hielt gestern abend im Saale des Hotel Schütz seine gut besuchte Sahresversammlung ab. Rach kurzer Begrüßung der Erschienenen, insbesondere auch des anwesenden Ehrenvorsitzenden Stadtv. W i n n und des Vertreters der Stadtverwaltung Beigeordneten Dr. Hamm, durch den Vorsitzenden Stadtv. Schwieder, erstattete der Schriftführer. Derwaltungs - Sekretär Waus, den Sahresbericht. Rach diesem hat der Verein auch im abgelaufenen Vereinsjahr eine außerordentlich rege Tätigkeit entfaltet Das Bureau des Vereins am Settersweg wurde nicht nur durch die ankommenden Fremden, sondern auch durch die hiesige Einwohnerschaft in steigendem Waste in Anspruch genommen. Auch sonst hat der Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs durch Veranstaltungen verschiedener Art, Herausgabe eines Stadtplans, großzügige Werbung in auswärtigen Zeitungen und Zeitschriften, sowie zahlreiche Eingaben eine rege Tätigkeit entfaltet. Die Witgliederzahl betrug am Schluß des Der- einsjahres 388. Rach dem vom Vereinsrechner Kaufmann S. Loeb erstatteten Kassenbericht betrugen die Einnahmen im abgelaufenen Sahre 5451,45 Wk., die Ausgaben 4755,24 Wk. Das Vermögen des Vereins betrug am 1. Sanuar 1929 1938,66 Wk. Die Abrechnung über die Lichtwoche ist noch nicht abgeschlossen, sie wird bestimmt keinen Fehlbetrag, sondern einen Ueberschuh ergeben. Bei den Wahlen zum Ausschuß wurden an Stelle der zurück- getretenen Herren Schwab, Hölters und Will neugewählt die Herren Klemmrath, Schwarz und D e n d e, die übrigen Ausschust- mitg’ieber wurden wiedergewähtt. Anschließend an die geschäftlichen Verhandlungen hielt Redakteur B 1 u m s ch e i n einen Vortrag über „Z e i t- fragen der Gießener Derkehrsforde- rung“, der Anlaß zu einer eingehenden Aussprache gab. Heber dieses Referat, sowie über die Besprechung zahlreicher kommunaler Verkehrsfragen werden wir morgen berichten.
Saniiäiskolonne vom Roten Kreuz.
Am Samstag hielt die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz in Gießen im Kolonnendepot ihre Sahres- Hauptversammlung ab. Als Vertreter der Stadt Gießen wohnte Stadtv. Höhn der Versammlung bei. Kolonnenführer Kratz erstattete den Sahresbericht und sprach dabei allen, die durch Mitarbeit und Unterstützung das Werk der Kolonne auch im abgelaufenen Sahre förderten, herzlichen Dank aus. Der dringend benötigte zweite Krankenkraftwagen sei im Laufe des Sahres .angeschafft worden und habe schon sehr gute Dienste geleistet, insbesondere bei eiligen und bei Ferntransporten. Der Bestand an Geräten und Ausrüstungen für die erste Hilfeleistung wurde erweitert. Zahlreiche Uebun- gen wurden abgehalten, um die Mitglieder in guter Bereitschaft zu hatten für eventuelle größere Unglücksfälle. Sm Berichtsjahre wurde die Kolonne zu 2583 Hilfeleistungen herangezogen, darunter zu 1510 Kranken- uno Derletztentrans- porten. Don den Transporten waren in der Stadt Gießen 741, Provinz Oberhessen außer Stadt Gie
ßen 588 (davon 383 im Kreis Gießen), außerhalb der Prov. Oberhessen 181. Die Hilfsfresinsettoren führten in 42 Fällen Desinfekttonen aus. Beim Umbetten, Baden und bei Rachtwachen für Schwerkranke wurde in 36 Fällen die Hllfe der Kolonne in Anspruch genommen. Krankenpflegegerät wurde 242mal ausgeliehen und damit manchem Kranken in dringender Rot geholfen. Von besonderer Bedeutung für die Allgemeinheit und die Arbeiterschaft in gewerblichen Betrieben war die Abhaltung eines Ausbildungskursus für Betriebsnothelfer in erster Hilfeleistung bei Unfällen. An dem Kursus, der unter der Leitung des Kolonnenarztes ftattfanfr, nahmen 80 Personen teil. Santtätswachen hat die Kolonne, außer den Sonntagswachen im Depot, bei sonstigen Veranstaltungen 32mal gestellt und dabei in 67 Fällen erste Hllfe geleistet. Die Kolonnenmitglieder, Zugführer Otto H a r i g und Gruppenführer Kaspar -Becker, die aus Gesundheitsrücksichten in die Reihe der inaktiven Mitglieder übertraten, wurden in Anbetracht ihrer großen Verdienste um die Kolonne zu Ehrenmitgliedern ernannt.
Kreiöfeuerwehriag in Gießen.
Der Verband der Freiwilligen Feuerwehren des Kreises Gießen hielt am Sonntag im Restaurant „Zum Schip* kapaß" in Gießen seinen Frühjahrsverba n ds t a g ab, an dem 33 Vertreter von 17 Freiwilligen Feuerwehren teilnagmen. Der Vorsitzende, Drandinspektor F. Wenzel, Gießen, begrüßte zunächst den Vertreter des Kreisamts, Regierungsrat Dr. Braun, Gießen, und die Vertreter der Wehren, worauf Regierungsrat Dr. Braun mit Dankesworten erwiderte und zugleich den Dezernenten für das Feuerlöschwesen im Kreise Gießen, Oberregierungsrat Dr. Heß. wegen anderweitiger Snanspruchnahme entschuldigte. Drandinspektor Wenzel erstattete den Sahresbericht. anschließend verlas der Schriftführer D r e i t h e r die Sitzungsberichte deS verflossenen Sahres. Der Rechner Heinrich. Lollar. gab sodann den Kassenbericht bekannt. Sämtliche Berichte wurden ohne Aussprache genehmigt; auf Antrag des Rechnungsprüfers Schmidt, Lang-GönS, wurde dem Rechner einstimmig Entlastung erteilt Stadtbranddirektvr Braubach, Gießen, sprach dem Vorstand Dank aus für die ausgezeichnete Arbeit im Sntereffe des Verbandes. Hierauf wurde die Freiwillige Feuerwehr Saubringen, die zur Zeit 70 Mitglieder zählt, einstimmig in den Kreisverband aufgenommen. Auf Antrag der Freiwllligen Feuerwehr Birklar, vertreten durch Kam. Wolf, wurde beschlossen, den Herbst- verbandstag in Birklar abzuhalten, um durch diese Veranstaltung werbend für die Feuer - Wehrsache in der dortigen Gegend zu wirken: der Herbstverbandstag soll am 4. August stattfinden. Die Herbstverbandstage für 1930 und 1931 sind für Großen-Buseck bzw. Lang-Göns vorgesehen, da die dortigen Feuerwehren dann auf ihr 50- jähriges Bestehen zurückbllcken können. Anschließend berichtete Kreisseuerwebrinspektor D i ck o r e, Gießen, über die Tagung der Hessischen Kreisfeuerwehrinspektoren in Frankfurt a. M.. Stadt- branddirektor Braubach. Gießen, und der Vorsitzende, Drandinspektor F. Wenzel, Gießen, empfahlen für die nächsten Wintermonate die Veranstaltung von Vorträgen über die Feuerwehrsache. Sn längerer Aussprache beschäftigte man sich sodann noch mit der Frage der Anforderung der Kreismotorsprihe bei Dränden und mit den Kostenbeihilfen der Hessischen Drand- versicherungskarnmer. Tie früher schon oft besprochene Frage des Kommandos auf der Brandstelle wurde ebenfalls wieder eingehend erörtert und dabei wertvolle Anregungen gegeben. Hierauf konnte der Vorsitzende die Tagung in den frühen Abendstunden schließen.
„Schwester Christiane läßt sich entschuldigen," entgegnete der Alte, „doch bei uns sind ja alle krank, sie kann nicht eine Minute abkommen. Aber —"
Der Kutscher stockte und griff hastig nach Brigittas Koffer.
„Sa, was haben Sie denn, Herr Andresen?" fragte Brigitta, da ihr sein staunend-zweifelnder Blick nicht entgangen war.
„Hm, nichts für ungut, Fräuleinchen,“ antwortete der Mann verlegen, „aber Schwester Christiane hat Sie mir so ganz anders geschildert."
„Ra, wie denn, lieber Andresen?“
„Sie sagte mir. daß Sie groß und stark wären, und nun sind Sie so fein und zart. Herrgott, tote sollen Sie nur all die Arbeit fertigbringen?“
„Deshalb machen Sie sich nur keine Sorge, Herr Andresen, ich kann schaffen für drei, und nun kommen Sie aber schnell, damit Schwester Christiane nicht so lange warten muß.“
Holpernd und schüttelnd rollte der Keine, einfache Wagen vor ein vollständig verschnelleS Gittertor.
„Hier müssen Sie aussteigen. Fräulein,“ bedeutete ihr der Alte. „3ch fahre hinten herum, den Koffer bringe ich dann auf 3hr Zimmer. Klingeln Sie nur, meine Frau wird Sie hereinlassen."
Damit fuhr er davon.
Brigitta klingelte vergeblich: es kam niemand, um ihr zu offnen.
Endlich drückte sie auf die Klinke deS ToreS, und nun merkte sie erst, daß es gar nicht verschlossen war.
Sie trat ein und durchschritt schnell den breiten Vorgarten.
Auch die Haustür des wuchtigen, zweistöckigen, villenartigen Gebäudes war unverschlossen.
Sogernb trat sie ein.
Sie stand in einer Art Vestibül.
Eine große Lampe, die von der Decke herabhing. spendete mattes Licht, und zeigte freundliche, weihlackierte Bänke und Tische mit bunten Decken und Kissen.
Eine gemütliche Wärme durchströmte daS Haus.
2aute8 Kinderweinen erscholl von oben herab, dazwischen mischte sich eine tiefe, wohttönende Frauenstimme.
„Schwester Christiane." dachte Brigitta unwillkürlich. Ganz so hatte sie sich die Schwester des allen Sanitätsrats vorgestellt. Und plötzlich erschien vor ihr auf dem oberen Treppenabsatz eine hohe, stattliche Fra"engestatt. Sie trug ein hochgeschlossenes. dunkclb aues Wolllleid. 3hr weiße- Haar lag schlicht um den schmalen Kopf, und auS dem unendlich einnehmenden, keinesfalls unschönen Gesicht sahen zwei große, gütige Augen fragend zu ihr hin.
.Schwester Christiane?" stammelte da« junge Mädchen, ganz fasziniert von der fcltfamen, Hohen Erscheinung.
„Mein Gott, Kind, sind Sie etwa Brigttta Hollermann?" Dang es erstaunt-fragend zurück
„Die bin ich, Schwester Christiane. Vielleicht haben Sie sich mich etwas anders vvrgestellt; aber ich kann arbeiten, und komme mit freudlg- helfendem Herzen.“
„Kind, Kind," sagte die Frau, langsam die Treppe herabkommend. „Was hat mein Bruder da angestellt? Sie sehen ja "us, als ob Sie eine Erholung viel nötiger als die Arbeit hätten."
„Sch war sehr krank und bm nur noch ein wenig blaß, aber wieder kräftig genug, tüchtig zuzugreifen," antwortete Brigitta.
Setzt stand Schwester Christiane vor ihr und sah ihr einen Moment fest in die Obigen.
„Wäre ich nicht in einer so verzweifelten Lage, so würde ich Sie ohne welleres zurückschicken," sagte sie dann kopfschüttelnd, „so aber muh ich eS wohl oder übel mit Shnen versuchen. Richt böse fein, Kindchen, aber Sie sehen wirklich zum Erbarmen elend aus. Sch verstehe meinen allen Bruder nicht mehr."
„Hier ist ein Brief, Schwester Christiane; vielleicht enthält er eine Erklärung," entgegnete Dri- gitta unsicher.
Die alle Dame nahm ihn in Empfang und ritz ihn auf.
Es dauerte sehr lange, biS sie wieder aufsah.
Sn ihren Augen stand jetzt ein seltsam mit- leidiger Ausdruck, und plötzlich streckte sie die Hände aus und zog Brigttta fest an sich.
„RochmalS willkommen, liebe Brigitta." sagte sie gänzlich verändert. „So wollen wir es zusammen versuchen, den guten, mutigen Willen lese ich ja aus ihren Augen. Kommen Sie, ich führe Sie schnell nach Sb rem Zimmer. Ruhen Sie ein Stündchen und kleiden Sie sich um. Zum Abendessen treffen wir uns dann hier unten Im Speisesaal, wo ich Die den anderen Schwestern vorstellen werde, und morgen früh beginnt dann 3hr ®iei st!"
Wit dankerfülltem Herzen sah Brigttta Hollermann in die warm-blickenden Augen Schwester Christianes, und ein Gefühl der Geborgenheit überkam sie, so daß sie plötzlich, einem inneren SmpulS folgend, sich rasch niederbeugte, und die schönen alten Hände in heißem Dankgefühl küßte. —
Das Zttrnner. in daS sie Schwester Christiane führte, war einfach, aber freundlich und sauber, und führte nach einem großen, verschneiten Park hinaus.
Roch einmal nickte ihr die alte Dame zu und verlleh dann schnell das Zimmer.
Brigitta Hollermann war allein.
Sie war zum Fenster getreten und starrte hinaus.
Langsam löste sich eine Träne aus ihren Augen.
„Herr Gott, hlls mir, gib mir Kraft, daß ich in dieser neuen Heimat Wurzel schlage,“ murmelte sie leise.
(Fortsetzung folgt)


