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Nr. 45 Drittes Blatt
Das kluge Mnd.
Don Ludwig Tlagy.
Ich pflege ,icht zu lügen, dies einemal jedoch konnte ich nityt uachin. es zu tun. Wir haben nämlich ein kleines zweijähriges Kind. daS heißt, ich und meine Frau, und bad Kind ist sehr klug, wirtlich sehr klug. Nun ist aber jedes Kind klug, zumindest wird eS von den Eltern dafür gehalten. — und hier beginnt die Komplikation. Denn wie soll ich überzeugend erzählen können, wie klug eigentlich unser Kind ist? Was immer auch ich von ihm berichte, meine Bekannten haben oll dies bereits von Kindern anderer gehört. Die Dache verhält sich also so. daß unser Kind sehr lluz. aussallend klug, viel klüger als tausend andere Kinder ist. — und daß ich infolge der Märchen, der phantastischen Uebertreibungen drr anderen nicht imstande bin, dies meinen Mitmenschen mitzuteilen.
3m allgemeinen verhält eS sich mit der Klugheit der Kinder folgendermaßen: die Mutter itzt Trauben, daS Kind sieht dies und lallt ,t—au, i—au" was bedeuten soll: .ich auch, ich auch!" Die Mutter ist glücklich, gibt dem Kinde Trauben. waS an und für sich noch kein Hnglüd wäre, doch ist sie überzeugt, dah das Kind unwahrscheinlich klug, viel klüger ist, alS Immanuel Kant in seinen besten Jahren war. denn eS hat .t—au, i—au" gesagt. daS heißt: .ich auch!"
Da sieht man die große Klugheit! SS ist wirk- Nch fein Kunststück, von jemandem Trauben zu verlangen. daS bringt sogar ein Erwachsener Eig. DieS fühlt auch die Mutier, doch muh mit dem Kinde prahlen und erzählt deshalb kleinen Fall folgendermaßen: .Ich atz Trauben und gab ihm absichtlich nichts, denn ich war neugierig, was eS machen würde. Das Kleine macht grotze Augen, beginnt dann zu sprechm und sagt Wort für Wort: .Ich finde es wirklich höchst merkwürdig, daß eine Mütter das Herz hat. vor ihrem eigenen einjährigen Kinde Trauben zu essen und ihm keine anzubieten."
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ES lätzt sich nicht leugnen, dah daS einjährige Kind über eine etwas frühentwickelte Rednergabe verfügen würde, wenn es dies gesagt hätte. Aber was kann man dagegen tun, wenn die Mutter, vor Glück überschäumend, den Fall berat! berichtet? Dieser Fall und hunderttausend ähnliche Fälle dienen mir als Entschuldigung, Denn ich ebenfalls log.
Die Geschichte trui sich in Wahrheit so zu, datz ich an einem Wintertag mit dem Kinde in unserem ©arten spazieren ging. Als ich am Brunnen vorbeiging, glitt ich auf dem Eis auS, fiel hin und ritz das Kind mit. ES begann zu weinen, denn es hatte sich gefloßen, ich stöhnte, denn ich hatte mit beinahe den Arm gebrochen. DaS Kind weinte, weinte, heulte, heulte, ich hielt mir den Arm und stöhnte. Als eS begriff. Daß auch mit ein Unheil zu gestoßen war. hörte eS plötzlich zu weinen auf. Es betrachtete mich prüfend. Hnb als es mein schmerzverzerrtes Gesicht sah. — es mochte kein fer;t schöner Anblick fein! — runzelte cs die Stirn und fragte mich, über den eigenen Schmerz völlig getröstet:
.Tut eS weh?"
Run. das gefiel mir sehr. Wohl könnte ich in der Eile nicht erklären, weshalb, doch gefiel es mir ungewöhnlich, ich wat entzückt und hatte das Gefühl, unser Heiner Sprößlinz sei unendlich klug, ein richtiger Weiser. Worin d'.e Klugheit besteht... Run ... nun ... gerade das ist es ja. waS schwer zu erklären ist. Ich mutz schon um Entschuldigung bitten, aber es verrät ja doch eine große Intelligenz, wenn ein kleines
Oer auslanddeutsche Student an deutschen Hochschulen.
Don Dr. Carl Müller.
Wem das deutsche Dlldungsideal ein erstrebenswertes Ziel und deutsche Kulturgüter wert- voller sind als Errungenschaften anderer Rationen. der mutz sich mit ganzer Seele bemühen, den 35 Millionen Leatschstammigen außerhalb bet Reichsgrenzen den leb endigen Anschluß an die deutsche Kulturgemeinschaft zu sichern. Als besonders geeigneter Weg hierfür hat sich in Deutsch-Oesterreich und in Danzig auch nach der Trennung vom Reiche die gleichmäßige Ausgestaltung der Hochschulverfassung mit den reichs- deutschen Hochschulen erwiesen. In den Dielen Ländern mit deutschen Minderheiten kann die deutsche Kulturgemeinschaft vor allem dadurch gepflegt werden, datz die Intelligenz aus diesen Siedlungen die deutsche Hochschulen besucht.
Erfreulicherweise hat diese Einächt im letzten Jahrzehnt zugenommen, so daß in den letzten Semestern auslanddeutsche Studenten in steigen- der Zahl an deutschen Hochschulen studieren. Eine einwandfreie genaue Statistik über ihre Anzahl während der einzelnen Semester kennen wir allerdings nicht, weil viele Hochschulen darüber überhaupt keine Zählung veranstaltet haben oder feine Trennung zwischen Auslanddeutjchen und Ausländern in ihrer Statistik durchführt und veröffentlicht haben. So sind wir nur auf gewisse Schätzungen angewiesen. Anhaltspunkte bieten die Veröffentlichungen der preußischen Hochschulen sowie die Mitgliederverzeichnisse des Zentral- Verbandes auslanddeutscher Studierender an reichsdeutschen und österreichischen Hochschulen und an der Technischen Hochschule in Danzig. Hieraus ergibt sich, baß die Zahl bet ftubizren- den Ausländer gesunken, dagegen die Zahl bet Auslanddeutschen bedeutend gestiegen ist. Wenn man berücksichtigt, datz sich Im Winter 1927 beim Zentralverband 1323 und Sommer 1928 1535 auslanddeutsche Studenten meldeten, daß aber ungefähr jeder vierte auslanddeutsche Student die Anmeldung unterließ, so kann man die Gesamtzahl bet Auslanddeutschen an reichsdeutschen, österreichischen und Danziger Hochschulen für die letzten Semester mit 2jOO angeben.
AuS welchen Ländern kommen nun die meisten auslanddeutfchen Studenten und welche besonderen Schwierigkeiten haben sie bei ihrem Studium an deutschen Hochschulen zu überwinden? Ungefähr ein Drittel aller Studenten sind rumänische Staatsbürger: denn sogar die Statistik des Zentralverbandes zählt für den Winter 1927
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Jugend und Hochschule.
Kind sich selbst ganz vergißt und sich voll Teil- nahme mir zuwendet. Oder vielleicht nicht?
Kutz, dieser kleine Fall gefiel mir seht und ich wollte ihn um jeden Preis erzählen. In dem Ton: fo klug ist unser Kind, so selten klug. eS gibt aus der ganzen Well kein zweite- ähnlich kluges Kind.
Bei meiner Frau hatte ich selbstverständlich leichte- Spiel, sie honorierte sofort meine Er- zählung, nahm daS Kind in die Atme und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Arn Abend desselben Tages waren wir jedoch bei WilkeS geladen, eine größere Gesellschaft, bei der auch verschiedene Väter und Mütter anwesend waren. Ich konnte eS kaum erwarten, mit meiner Kindergeschichte herauSzurücken. Alnö bei der ersten Gelegenheit fing ich mit großer Selbstsicherheit an. Ich erzählte, erzählte, daß wir im Garten spazieren gingen, das Kind neben mir trippelte und daß wir auSglitten, auSglitten, ja... das Kind begann zu weinen. Ich begann zu stöhnen, als es aber bemerkte, daß auch ich mich gefloßen hatte...
Oh weh! Jetzt sitze ich in der Patsche! Wie soll ich die Erzählung beenden? Die Leute sehen mich mit offenem Munde an. und da soll ich einfach sagen, das Kind habe mich gefragt, ob eS schmerze? Sie würden sich enttäuscht abwenden und einander spöttisch anlächeln. 3a, das ist der Fluch der vielen Uebertreibungen und ileber- schwänglichleiten. zu denen sich gewissenlose Eltern bei der Prahlerei mit ihren Kindern hmreißen lassen. Aber ich lasse mich nicht unlerfriegen. Ich werde mich nicht wegen der gewissenlosen Lügen der anderen mit meinem Kinde blamieren. Rein! Lieber fuhr ich kühn fort:
.... es blickte mich an, hörte plötzlich zu weinen auf und sprach mit ernstem Gesicht: „Solamen miseris socios habuisse maloruml", zu Deutsch: .ES ist ein Trost für die vom Unglück betroffenen, Im Unglück Gefährten zu haben."
So ein kluge- Kind! Ein wahres Wunder!
Einzig berechtigte Hebertragung auS dem Ungarischen von Stefan I. Klein.
Universität und Leben
Don Professor Dr. 71. v. Bubnoff, Heidelberg.
flußreichsten geistigen Machtfaktoren des gegenwärtigen sozialen Lebens, der Presse, in engsten Kontakt zu bringen. (Begründung von Instituten für Zectungswesen. wissenschaftliche Korrespondenzen.) Durch Vermittlung der Presse soll die Wissenschaft neue, befruchtende Anregungen direkt aus dem Leben erhalten und auf demselben Wege soll sie auch umgekehrt ihren Einfluß auf das Leben ausüben.
Ohne Zweifel hat die Tendenz zu einer gegenseitigen Durchdringung von Wissenschaft und Leben auf dem Boden der Universität ihre Berechtigung. Aber diese im Geiste der Zeit liegende Tendenz birgt auch Gefahren in sich, die man nicht unterschätzen darf — Gefahren für daS Kulturgut der Wissenschaft. In der Menschheitsentwicklung gab es einen Zeitpunkt, in dem sich der Erkenntnisdrang von Rühllchkeitsgesichts- punk.en für das praktische Leben in weitgehendem Maße loslöste und sich vorwiegend auf bas Ziel ber Ergründung der Wahrheit richtete. Das war die Gcburtsstunde deS theoretischen Men- chen, ber die Wissenschaft als ein System be» jrünDetcr Erkenntnisse hervorbrachte. Wohl ist ie eine Schöpfung des lebendigen Menschen, aber eben doch nur im Sinne einer Erfassung und Aneignung z.i.los geltender Wahrheiten durch ihn. Die Wissenschast wird im Leben verwirklicht. aber nicht von ihm erzeugt. Dieses Tha- rakters der Wissenschaft sollte man sich stets bewußt fein, wenn man die Frage beantworten will, inwieweit ber modernen Forderung, von der hier die Rede ist, Rechnung getragen werden bars.
Die Universität ist die wichtigste Pslegestätte ber Wissenschaft. Sie umfaßt ber Idee nach die Totalität des Wis ens (Universitas). Sie hat eine dopvelte Funktion: Förderung und Ausbau ber Wissenschaften durch selbständige Forschung: Vermittlung von Wissensstoff, wissenschaftlicher Erkenntnis und wissenschaftlichen Arbeitsmethoden. Sie bilden die Studierenden für jene Lebensberufe aus, welche nur au* Grund wissenschaftlicher Vorbildung und Sch lang auSacübt werden können: für die Berufe des Arztes, des Juristen, des Lehrers, des Pfarrers, des Chemikers usw. Insofern hat also stets eine Verbindung mit dem
Immer lauter und eindringlicher wird heutzu- | tage die Forderung erhoben, daß die Universität engere Fühlung nehme mit dem Leben und diese Forderung setzt sich in zunehmendem Maße durch. Die Tendenz, die Verbindung zwischen Universität und Geben inniger zu gestalten, als es früher der Fall war, kommt in doppelter Richtung zum Ausdruck, einerseits in dem Bestreben, das Geben mit dem Geiste der Wissenschaft vermöge ihrer Popularisierung za durch ringen. In dieser Richtung sollten die Vo'.kshochschulkurse wirken, die unmittelbar nach dem Weltkriege aufkamen und dazu bestimmt waren, den Bildungshunger weiter Do.kslrcise zu stillen. Demselben Zwecke dienen die Vorlesungen für das Gefamtpublikum an den Universitäten aus verschiedenen Wissensgebieten, die sich in der Regel eines guten Besuches erfreuen; ferner die Vortragsreisen der Universitätsdozenten, welche in verschiedenen deutschen Städten über Fragen aus ihrem Forschungsgebiete sprechen, die für die Allgemeinheit von besonderem Interesse sind; endlich Rundsunkvor- träge populärwissenschaftlichen Inhaltes.
Andererseits kommt die Tendenz, die wir im Auge haben, in dem Bestreben zum Ausdruck, die Wissenschaft zu verlebendigen, sie mit Gegenwartsinteressen zu erfüllen und alles, was aktuelle Bedeutung hat, In den Bereich wissenschaftlicher Forschung ciuzubeziehen. Symptomatisch ist in dieser Hinsicht daS wachsende Interesse für die Soziologie — eine Wissenschaft, die sich zur Zeit in einem Werdezustand befindet, keine scharf umriffenen Grenzen hat und in ihren Arbeitsmethoden viel! ach noch tastend verfährt, aber gerade Darum die denkbar größte Spannweite besitzt, um alle Lebens- und Kulturinhalte zum Gegenstand ihrer Untersuchung zu machen. Die soziologische Forschung erstreckt sich z. D. auch auf die Gebiete der Religion und der Wissenschaft. Man redet neuerdings von einer Soziologie des Wissens. Die Beliebtheit deren sich die Soziologie erfreut, hat sicherlich einen Hauptgrund darin, daß sie ihrem Charakter nach in besonders naher Beziehung zum Leben stehen, irgendwie unmittelbar aus dem Leben hervor« zugchen scheint. Richt weniger symptomatisch ist der Versuch, die Wissenschaft mit einem der ein-
456 und für den Sommer 1928 492 Studenten aus Rumänien. Wenn man bedenkt, daß im Jahre 1918 große de ätsche S.edlungen in Siebenbürgen, Im Banat, in der Bukowina, bei Sath- mar und in Bessarabien zu Großrumän'en kamen, wird man diese hohe Zahl verständlich finden. 2luch die starken deutschen Minderheiten in der Tschechoslowakei, in Polen und in Südslawien senden jährlich mehrere Hundert Studenten zu den deutschen Hochschulen. Erst dann folgen Lettland. Estland, Italien, Ungarn. Rußland und Dänemark. Selten ist Der Besuch deutscher Hochschulen von den deutschen Siedlern aus Amerika und Asien. Sicherlich würden aber viel mehr deutschstämmige Studenten, namentlich aus den Staaten in Ost- und Südosteuropa an deutschen Hochschulen ihre wissenschaftlichen Studien betreiben. wenn ihnen nicht manche Heimatbehörde durch schikanöse Paßvorschriften, oft durch Richt- anrechnung einzelner Studiensemester, durch plötzliche Einberufung zum Militärdienst vor dem Abschluß des Studiums oder durch die Forderung einer Wieferhrlungkp ü ung in Der fremden Landessprache den Aufenthalt an deutschen Hochschulen zu verleiden trachteten.
Hierzu treten noch mancherlei bureaukratische. sprachliche und wirtschaftliche Schwierigkeiten beim Beginn und im Verlauf des Studiums. Zwar haben die Unterrichtsminister aller deutschen Länder angeordnet, daß auslanddeutsche Studenten an deutschen Hochschulen die gleichen Rechte und Vergünstigungen erhalten sollen wie die einheimischen. Manck^ Hochchulbehörde laßt es jedoch an Entgegenkommen fehlen. Zweifellos entsprechen die wissenschaftlichen Entlassungsprüfungen ausländischer Gymnasien und anderer höherer Lehranstalten nicht immer Den deutschen Ansprüchen. Wenn aber etwa ein deutscher Student aus Mexiko, der an Der deutschen Oberrealschule seine Reifeprüfung bestanden hat, zum Medizin- studium an einer deutschen Universität zugelaisen worden ist, so sollte man ihm nicht nachträglich die Ablegung staatlicher Prüfungen verwehren, weil sich später herausstellt. daß in Deutschland größere Kenntnisse In der lateinischen Sprache von Medizinstudenten verlangt werden. Solche Bestimmungen vertreiben die auslanddeutschen Studenten von den deutschen Hochschulen, während Frankreich, England und die Vereinigten Staaten von Rovdamerika sich bemühen, dem ausländischen Studenten das Studium zu erleichtern.
Viele auslanddeutsche Studenten halten sich in den ersten Semestern sehr zurück, in der Befürchtung, Anstoß zu erregen, weil sie mit den Hochschulverhältnissen nicht vertraut sind und manchmal das Hochdeutsche nicht vollkommen be
herrschen oder es mit einem fremdländischen Akzent sprechen. Wie sollte sich auch ein junger Mann in der hochdeutschen Sprache ausdrücken können, wenn er vielleicht in feiner Heimat nur den überlieferten deutschen Dialekt gesprochen und seinen höheren Unterricht in der ungarischen, rumänischen oder serbischen Svrache erhalten hat! Weil Der auslanddeutsche Student jedoch die wenigen Jahre seines Studiums an deutschen Hochschulen benutzen will, um sich auch in Der hochdeutschen Schriftsprache auSzubilden, sollten ihm Dozenten und Kommilitonen beim Studium und bei der persönlichen Durchformung zur eigenen Wesensart behilflich sein.
Besonders drückend ist oft die wirtschaftliche Rotlage unter Den auslanddeutschen Studenten. Wohl Der größere Teil stammt aus wirtschaftlich minderbemittelten Kreisen. Mancher ist durch eine harte Lebensschule gegangen, hat sich In Der Heimat Das Reisegeld für Die Fahri zur deutschen Hochschule und für Die ersten Monate DeS StuDiums als Werkstudent verdient und ist auch weiterhin gezwungen, in Den Ferien durch Unterrichtserteilung, Mitarbeiten an Zeitungen oder durch Arbeit in Der Industrie, an einer Bank oder in der Landwirtschaft einen Teil der Studienkosten zu verdienen. Wenn ihm nicht durch Gebührenerlaß oder Stipendien des Vereins für das Deutschtum im Ausland und ähnlicher Vereine geholfen würde, konnte er in vielen Fällen sein Studium an Den deutschen Hochschulen nicht vollenden. Ucberaus schmerzlich muß es Dann für manchen auslanddeutschen Studenten fein, wenn er bei feiner Arbeit und in seiner Hilflosigkeit und Unerfahrenheit mit Den anders gearteten wirtschaftlichen Verhältnissen sich übervorteilt fühlt. Gerade wenn er mit freudiger Erwartung des Reuen im deutschen Kulturleben zur deutschen Hochschule geeilt ist, wird er besonders empfindlich für Diese Schwierigkeiten, vor allem aber gegen jede Form Der Ausbeutung fein.
So ist eS wohl begreifltd), Daß auslanddeutsche Studenten sich häufig zurückgesetzt und vereinsamt fühlen. Müssen sie doch fast alle Darüber Klage führen, daß vielfach ihr Verhältnis zu Den Einwohnern Der H och sch ul st äd le ganz unpersönlich getoorDen ist, und Daß sie nur selten Eingang bei den bürgerlichen Familien finden. Gewiß hat Der gebildete Deutsche Mittelstand, dessen wohlgepflegte Kultur Dem auslanddeutschen Studenten in jeder Beziehung sympathisch war. teilweise durch Den Krieg und Die Inslation Die ruhige Lebensgestaltung verloren. Desto dankbarer wird eS der auslanddeutsche Student begrüßen, wenn ihm in Den wenigen und Doch so enlscheidungsschweren Studienjahren in deutschen
Mittwoch, 20. Zebruar 1929
Leben bestanden. Die Forderung, die sich neuer- dingS immer mehr geltend macht, geht nun aber offenbar auf etwa» ganz anderes aus: auf eine engere Verbindung der wissenschaftlichen Forschung mit Dem Leben. Wenn infolge davon gewisse Qcbendgcbicte, Denen zur Zeit ein besonderes Interesse entgegengebracht wird (Politik!), in den Bereich w'ssenscha t.icher Forschung einbezogen werden, so bedeutet das eine Bereicherung der Wissenschaft und kann nur begrüßt werden. In der Hauptsache handelt es sich aber eben Doch bei Der in Frage stehenDen Forderung um Popularisierung der Wissenschaft. Run ist es natürlich sehr ersreulich, wenn in weiteren Kreisen des gebildeten Publikums durch berufene Vertreter der verschiedenen Wissen.zweige Verständnis geweckt wird für die wissenschaftliche Arbeit, ihre Wege, Ziele und Ergebnisse. 3m Grunde genommen Hot sogar jeder Vollsangehörige ein Anrecht daraus, wenigstens im allgemeinen, nach Maßgabe seines Fassungsvermögens zu erfahren, was an Forschungsarbeit an den Universitäten, die durch staatliche, also nationale Mittel erhalten werden, geleistet wird. Aber eben hier droht der Wissenschast eine Gefahr. Inwieweit eine Wis en- schast Der Popularisierung fähig ist und in welcher Weise sie zu erfolgen hat, darüber kann nur der gelehrte Fachmann entscheiden. Seinem Geschick und Takt muß es überlassen bleiben, dabei so zu verfahren, daß der Wahrheitsgehalt der Wissen- schast keinen Abbruch erleide. Eine weitgehende Popularisierung bringt aber die Gefahr mit sich, daß Unberufene, die sich oberflächliche Kenntnisse auf einem bestimmten Wissensgebiet ungeeignet hoben, sich bemüßigt fühlen, mitzu- reden und Versuche zu machen. Die wissenschaftliche Forschung in Dohnen zu lenken, die ihnen nützlich und ersprießlich scheinen. Es besteht außerdem bet der Richtung des modernen ..Zeitgeistes", der die Wissenschaft dem Geben möglichst naße» bringen will, für den Forscher die Gefahr, datz er Im Streben nach , Aktualität" sich von den internen Aufgaben Der Forschung mehr oder weniger abdrängen läßt. Freilich bedrohen diese Gefahren die verschiedenen Wissensgebicte in sehr ungleichem Grade. 3n den exakten Wissenschaften sind sie naturgemäß am geringsten, am größten wohl in der Philosophie. Denn in Weltanschou» ungsfragen und Wertproblemen, mit Denen sich Die Philosophie befaßt, halten sich Die meisten Menschen für berechtigt, ihre maßgeblichen und unmaßgeblichen Ansichten in Die Wagschale zu werfen. Dem modernen Drang noch Verlebendigung der Wissenschaft gegenüber muß stetZ Darauf hingewiesen werden. Daß Die Wissenschast Den Lärm des Alltags scheut. Wie auf Dem Gebiete Der Kunst, so kann auch auf Dem Der Wissenschaft Die schöpferische Tätigkeit nur in Der Stille, in einer gewisfen Abgeschiedenheit vom Leben vor sich gehen. Die Losung: Wissenschast nur um ihrer selbst willen, wäre freilich geradeso verkehrt wie doS analoge Schlagwort: Part pour Pari. Die Wissenschaft hat ihre bestimmte Stelle Im umfassenden Kulturzusammenhang und steht wie jedes Teilgebiet der Kultur letzten GndeS im Dienste des gesamten Kulturlebens. Aber gerade wenn sie ihre spezifische Funktion ausüben soll, muß sie ihre Unabhängigkeit vom Leben und seinen zufälligen, in stetem Wandel begriffenen Interes en, Bedür'niflen und Stimmungen wahren. Die Universitäten haben durch tßre forschenden und lehrenden Kräfte darüber zu wachen, daß Die berechtigte Forderung nach einer engeren Fühlungnahme mit Dem Leben nicht zum Schaden Der Wissenschaft überspannt werde, Daß namentlich das Streben nach ihrer Popularisierung nicht zur Verflachung führe.
Stadien durch persönliches Untertauchen in guter deutscher Familienkultur ein unvergeßlicher Einblick in die deutsche Eigenart geboten würde. Auch viele Korporationen würden sich ein hervorragendes Verdienst erwerben, wenn sie bei Der Anmeldung eines auslanddeutschen Studenten zur Korporation nicht in erster Linie auf die Höhe des Monatswechsels achten, sondern wenn sie vielleicht auch unter persönlichen Opfern ihm die Teilnahme an Den Korporalionsveranstal> tungen ermöglichen wollten.
Was Der auslanddeutsche Student von deutschen Behörden und Kommilitonen erwarten Darf, ist vor allem gefellschastliche und wifsenschastliche Hilfe. Die Gleichgültigkeit gegenüber ausland- deutscher Rot unD Das unpersönliche Verhältnis besonders in Der Großstadt könnten überwunden werden, wenn Behörden und Kommilitonen DeS Deutschen Gastlandes in Verbindung treten würden mit Den fast an allen Deutschen Hochschulen bestehenden Vereinen auslanDdeut- scher Studierender. Diese wollen Dem jungen Studenten Die Einführung in Das Hoch sch ulleben erleichtern, ihm Hilfe bei der Wohnungssuche, bei Der Regelung Der Gebührenzahlung und beim Studium gewähren und ihm auch Durch gesellschaftliche Veranstaltungen Erholung und Freudo bringen. Wer sich Daran erinnert, Daß fast allo Kulturländer, namentlich Frankreich und England, Durch prächtig eingerichtete Institute sich bemühen, den auslanddeutschen Studenten an ihre nationalen Hochschulen zu ziehen, der muß es bedauern, Daß viele deutsche Hochschulen bei Dem Mangel an solchen Instituten Die rechte Fühlung mit Dem stammesverwanDten ausland- deutschen Studenten nicht immer gefunden haben.
Für Das AuslandDeutschtum sind Heimat und deutsche Kultur noch keine Museumsbegriffe. Jetzt hängt viel Davon ab, ob feine späteren Führer freudige und Dankbare Erinnerungen an ihre StuDienzeit in deutschen Hochschulstädten bewahren und Dann bestrebt fein werden, sich wärmer für ihre gastliche Urheimat einzusetzen, oder ob sie durch Gleichgültigkeit und Zurücksetzung verbittert in ihre Helmat zu fremden Rationen zurückkehren. Da Die auslanddeutschen Studenten nicht nur die berufensten Vermittler Deut» schen Wissens und deutscher Kulturgüter, sondern in gleichem Maße auch Die stärksten Brückenpfeiler des Wirtschaftslebens sind, so wäre es auch zu begrüßen, wenn deutsche Hochschulhehör- den und Führer Der Wirtschaft zusammenarbeiten und das Ziel über das Opfer letzen wollten, um die junge ausländische Intelligenz durch wissenschaftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Hilfe zum Studium an Deutscher; Hochschulen anzuregen.


