Ventimiglia nach Frankreich gefahren ist, und er sagt sich, entweder wird diese Frau verhallet und erschossen, oder sie kommt zurück und hat Nachrichten, die von außerordentlicher Wichtigkeit sind. Ihre Rückkehr und ihre Nachrichten erwartet er mit um so größerer Llnruhe, als seine Verbindungen mit Paris und Brüssel abgerissen sind, der drohende Krieg verhindert die Möglich'eit, Agentenmcldungen über d:n Draht zu erhalten.
3n der Nacht vom 3. zum 4. August stellt ein Posten der deutschen Grenzschuhtruppen an der Grenze zwischen Belgien und Deutschland auf der Chaussee von Nasproue und Eupen eine Frau. Sie trägt den Rock einer Bäuerin, ein Kopftuch, derbe Strümpfe, aber dem Soldaten fällt auf, daß sie dazu sehr gut gearbeitete zierliche Schuhe trägt. Die Frau, die auf unbekannte Weise über die Grenze gelangt ist, verlangt, sofort zu dem kommandierenden Ofsi'ier gebracht zu werden. Es ist mitten in der Nacht. Man weckt den Leutnant dcs Vorpostenzuges, dem diese Person außerordentlich verdächtig vorkommt. Eine Hebamme wird geholt, niemand hört auf die wütenden Proteste der Frau, die sofort einen Generalstabsofiizier sprechen will. Die Durchsuchung durch die Hebamme fördert zahllo'e eng- beschriebene Blätter und einen belgischen Paß zutage. „Sie Dumm opf," schreit die Frau den Leutnant an, „wenn Sie es nun schon wissen, natürlich bin ich eine Spionin, ober eine deutscheI Wenn Sie mich nicht sofort zu einem General- stabsofsi icr bringen können, dann telegraphieren Sie wenigstens nach Berlin an den Großen Generalstab, daß die Agentin 1 und 4, G und W von Ihnen hier soeben verhaftet worden ist."
Man läßt die Frau in Bewachung der Hebamme und zweier Posten. Der Leutnant weckt seinen Hauptmann, ein dringendes Diensttelegramm geht nach Berlin, und nach einer Stunde erscheint ein Kraftwagen mit einen Generalstabs- Hauptmann in dem Heinen Dorf. Noch nie wurde der ßeutnant so angebrüllt, und bald gehen von Eupen aus telephonisch Wort für Wort diese unerhört wichtigen Nachrichten der Mademoiselle doctcur an 3. Matthesius -nach Berlin, der sie aufzeichnet, verarbeitet, und nach einigen Stunden lau en diese Mel ungen in F.rm von Benachrichtigungen und Te ehlen wiener bei der Truppe ein, und am Nachmittag dieses Tages, am Nachmittag des 4. August, erhält der General von Emmich mit seinen Truppen die Erlaubnis, belgisches Gebiet zu betreten und den Befehl, einen Handstreich auf Lüttich zu versuchen, der .Agentenmeldungen zufolge" aussichtsreich sei.
Der Kern der Festung Lüttich fällt am 6. August in deutsche Hand.
(Fortsetzung folgt.)
Lius der provmzialhauptstavt.
Gießen, den 19. Dezember 1929.
Oie Gesundheitsfürsorge in den hessischen Schulen.
WSN- Der hessische Minister für Kultus und Bildungswesen bestimmt soeben in einem Runderlaß an die Schulleitungen und Schulämter Richtlinien, wie die Gesundheitsfürsorge in den Volks- und höheren Schulen Hessens zu handhaben ist. Es wird angeordnet, daß jeder Schulanfänger möglichst vor Schulantritt, sonst innerhalb der ersten Wochen nach diesem, auf seine Schulfähigkeit untersucht werden soll. Geistig und körperlich zurückgebliebene Kinder sind auf Antrag des zuständigen Schulrats auf die Dauer eines 3ahres vom Schulbesuch zu befreien. Hat der zurückgestellte Schüler das schulpflichtige Alter erreicht, also vor dem 1. Mai des betreffenden 3ahres das 6. Lebensjahr zurückgelegt, dann zählt das 3ahr, in dem das Kind die Schule nicht zu besuchen braucht, als Schuljahr; das Kind hat die Schule dann nur sieben Jahre zu besuchen. Erreicht das zurückgestellte Kind das 6. Lebensjahr zwischen 1. Mai und 30. September, dann zählt das 3ahr für den achtjährigen Schulbesuch nicht. Aerztliche Durchmusterungen der Schüler sind in allen Klaffen jährlich mindestens einmal vorzunehmen. Der Schulrat ist verpflichtet, in seinem Bezirk mindestens eine öffentliche Sprechstunde für die Eltern der Schüler einzurichtcn. Der Schulrat hat den Erziehungsberechtigten die Behandlung eines Kindes durch einen Arzt zu empfehlen, wenn die Notwendigkeit durch den Schularzt festgestellt wird. Für die schulärztlichen Untersuchungen und Sprechstunden ist die Mitwirkung einer Schulschwester oder Kreisfürsorgerin sicherzustellen. Bei sämtlichen Schü- lern und Schülerinnen sind alljährlich im 3uli Messungen und Wagungen durchzuführen. Die Zahlen sind für jeden Schüler in einem ärztlichen äleberwachungsbogen einzutragen. Die Lehrer werden angewiesen, die Schüler gelegentlich des naturwissenschaftlichen Unterrichts und bei sonstigen geeigneten Anlässen über die Bedeutung, die Verhütung und Bekämpfung der übertragbaren Krankheiten aufzuklären. 3n den Richtlinien sind dann noch Bestimmungen enthalten zur Verhinderung der Ausbreitung übertragbarer _ Krankheiten durch die Schule, Vorschriften über die Reinhaltung der Schulsäle, die Beschaffung von Waschgelegenheit für die Kinder, ein Verbot des Reinigens der Schulräume durch Schüler, Verbot des Betretens der Schulraume durch Kinder, Lehrer. Schüler. Hilfspersonal usw., wenn sie an ansteckenden Krank- peilen leiden, oder wenn sie aus Behausungen kommen, in denen ansteckende Krankheiten herrsch, len oder noch bestehen. Auf die Zusammenarbeit mit den Eltern und Erziehungsberechtigten wird erhebliches Gewicht gelegt.
Kanarienzucht-
und Vogelschuhverein Gießen.
Auf der am letzten Sonntag veranstalteten Verbands, und Jubiläums-Ausstellung des Kanartenzucht - und Vogelschuyver- eins Gießen wurde die Prämiierung durch die Preisrichter Fr. H e l b i n g, Frankfurt a. M und 3ean Kaiser, Offenback durchgeführt. Das Pramiierungsergebnis war folgendes-
A. Selbstzuchtklasse: 1. Georg Krug, Lindenstruth. 318 Punkte, D rbandsmcist r'chaft, Verbandffwandcr reis, Veröandsplik t'.e, Statt- ehrenpreis und Dereinswanderprcis. 2. Heinrich Schmidt. Gießen, Swphanstr. 27. 315 Punkte, 1. Ehrenpreis. Damenehrenpreis, große goldene Medaille und Ehrenpreis für bestes Hohl. 3. Rich. Frenzel fen., Gießen, 309 Punkte. 2. Ehrenpreis, große goldene Medaille, Ehrenpreis für beste Knorre. 4. Kaspar Schmitt, Marburg. 306 Punkte. 3. Ehrenpreis, kleine gold.
Medaille. 5. Ludwig Naumann, W hrShausen, 303 Punkte, 4. Ehrenpreis, kleine gold. Medaille. 6. Heinrich Becker. Gießen, 297 Punkte, 5. Ehrenpreis, große silb. Med. 7. Karl Heimes, Gießen, 238 Punkte. 6. Ehrenpreis, große selb. Med. 8. Oskar Müller, Wetzlar, 285 Punkte, 7. Ehrenpreis, kleine silb. Medaille. 9. Heinrich Ruppel, Ll' t r Widdersheim, 232 Punkte, 8. Ehrenpreis, kl. silb. Med. 10. Karl Hünermund. Gießen. 276 Punkte, 9. Ehrenpreis. kleine silb. Medaille. 11. Rich. Frenzel, Gießen, 279 Punkte, große silb. Med. 12. Karl Becker, Gießen, 270 Punkte, kleine silb. Med. 13. Heinrich Momberger, Gießen, 237 Punkte, kleine silb. Med. 14. Karl 3unge l,Wetzlar, 264 Punkte, kleine silb. Med.
B. Allgemeine Klasse: 1. Karl Hünermund, Gießen, 306 Punkte, 1. Ehrenpreis, große gold. Medaille. 2. Wilhelm Hachenburger, Beienheim, 302 Punkte, 2. Ehrenpreis, große gold. Med. 3. 3oh. Gerlach, Silberg, 300 Punkte, 3. Ehrenpreis, kleine gold. Med. 4. Rich. Frenzel, Gießen, 297 Punite, 4. Ehrenpreis, große silb. Med. 5. Kasp. Schmitt, Marburg, 294 Punkte, 5. Ehrenpreis, kleine silb. Med. 6. Georg Krug, Lindenstruth, 291 Punkte, 6. Ehrenpreis, kleine silb. Med. 7. Heinrich ©immer, Gießen, 285 Punkte, 7. Ehrenpreis, kl. silb. Med. 8. Peter Müller, Limburg, 285 Punkte, 8. Ehrenpreis, kl. silb. Med. 9. Heinrich Ruppel, ülntcr-WidderLhcim, 285 Punkte, 9. Ehrenpreis,, kl. silb. Med. 10. Karl Decker, Gießen, 279 Punkte, 10. Ehrenpreis, kl. silb. Med. 11. Heinrich Befort, Wetzlar, 279 Punkte, 11. Ehrenpreis, kl. silb. Med. 12. P. Kluge. Bad-Nauheim, 279 Punkte, 12. Ehrenpreis, kl. silb. Med. 13. Heinrich Schneider, Steinbach, 276 Punkte, 13. Ehrenpreis, kl. silb. Med.
C. Für ausgestellte Futtermittel, Käfige und Artikel zur Vogelzucht und -pflege: 1. Heinrich Hahn, Gießen, Diplom zur goldenen Medaille. 2. Karl Hünermun d, silberne Mcdail.'e.
Taten für Freitag, 20. Dezember.
Sonnenaufgang 8.02 Uhr. Sonnenuntergang 15.53 Uhr. — Mondaufgang 20.52 Uhr, Monduntergang 11.33 Uhr.
1795: der Geschichtsforscher Leopold v. Ranke in Wiebe geboren igcstorben 1886); — 1856: der Schriftsteller Ferdinand Aoenarius in Berlin geboren (gestorben 1923).
Gictzencr Wochcnmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 210 bis 220, Matte 30 bis 35. Käse (10 Stück- 60 bis 140, Wirsing 15 bis 20,
Weißkraut 10 bis 15, Rotkraut 15 bis 20,
gelbe Rüben 12 bis 15, rote Rüben 12 bis 15,
Spinat 25 bis 35, Llnter-Kohlrabi 8 bis 10,
Grünkohl 20 bis 25, Rosenkohl 40 bis 45, Feldsalat 100 bis 120, Tomaten 50 bis 80, Zwiebeln 10 bis 15, Meerrettich 50 bis 80, Schwarzwurzeln 40 bis 60, Kartoffeln 4l/a bis 5, Aepfel 10 bis 15, Dirnen 10 bis 15, Dörrobst 30 bis 35, Honig 40 bis 50, junge Hähne 120 bis ICO, Suppenhühner 100 bis 120, Gänse 100 bis 130, Nüsse 50 bis 80 Pf. das Pfund; Tauben das Stück 70 bis 90, Kisteneier 17 bis 18, frische Landeier 19 bis 20, Blumenkohl 50 bis ICO, Endivien 10 bis 40. Ober-Koh'rabi 10 bis 15, Lauch 5 bis 15, Rettich 10 bis 20, Sellerie 10 bis 40 Pf. das Stück; Kartoffeln der Zentner 3,80 bis 4 Mk., Wirfing 10 bis 12, Weißkraut 5 bis 6, Rotkraut 10 bis 12, Aepfel 10 bis 12, Dirnen 8 bis 10 Mk. der Zentner.
Bornotizen.
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Ein besonderes Weihnachtsgeschenk ist für die Gießener die Erstaufführung des neuen Werkes „Tobias Wunderlich" von Heinz Ort. ner, dem jungen oberösterreichischen Dichter. — Am Freitag. 20. Dezember, ist die letzte Aufführung von „Die Troerinnen" (Regie Dr. Prasch).
*
** Sitzung des Provinzialausschus- s e s. Am nächsten Samstag, 21. Dezember, vormittags 8.30 älhr beginnend, findet im Sitzungssaal des Regieruugsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusfes der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Wilhelm Günther in Friedberg gegen den Bescheid des Kreisamts Friedberg vom 10. Oktober 1929 wegen Versagung einer Legitimationskarte für das Kalenderjahr 1929. 2. Gesuch des Otto Dietz in Bad-Nauheim um Verlängerung der Wirtschaftskonzession. 3. Klage des Bezirksfürforgeverbandes des Dillkreises, vertreten durch den Kreisausschuß des Dillkreises in Dillenburg, gegen den Bezirks- fürsorgeverband der Stadt Gießen auf Ersah von Fürsorgeleistungen für den Schausteller Ludwig Haubeil aus Gießen.
Schulpersonalie. 3n den Ruhestand verseht wurde der Oberreallehrer an der 06er» realsd ule Gießen Heinrich Z i e p r e ch t aus sein Nachsuchen vom 1. Januar 1930 ab.
•’ Aus dem Gießener Standesamts- r e g i st e r. Es verstarben in Gießen in der Zeit vom 1. bis 15. Dezember: 2. Alwin August Loose, Installateur, 24 Jahre, Krofdorfer Straße 26; 4. Ludw. Feidel, Reuter, 83 Jahre, Sonnenstr. 3; 5. Mathilde Emmelius, Rentnerin, 71 Jahre, Ostanlage 21; 6. Marie Mühlbach, geb. Lahr, Witwe, 71 Jahre, Kaiserallee 9; 7. Margarete Volz, Manglerin, 30 Jahre, Frankfurter Str. 127; Johannes Erdmann, Lehrer i. R., 70 Jahre, Lindenplatz 1; Fritz Hübner, Kaufmann, 33 Jahre, Crednerstrahe 1; 8. Babette Stephan, geb. Fried- rich. Witwe, 68 Jahre, Eichweg 7; 9. Heinrich Emst Herpel, Fleischergefelle, 21 Jahre, Rod- Heimer Straße 45; Eise Lukas, Buchhalterin, 29 Jahre, Hillebrandstraße 6; 10. Luise Rein- schmidt, berufslos, 59 Jahre, Klinikstraße 22; 11. Georg Heinrich Johannes Louis Karl Wittich, Lokomotivführer, 56 Jahre, Ebelstraße 39; 12. Heinrich Friedrich Geisel, Händler, 70 Jahre, Neustadt 59; Otto Lenz, Studienrat, 42 Jahre Großer Stcinweg 13; Anna Emilie Marie Groß, Laborantin, 34 Jahre, Klinikstraße 32; 14. Philipp Döcher, Fuhrmann, 72 Jahre, Krofdorfer Str. 44; 15. Nikolaus Kraus, berufslos, 60 Jahre, Stephanstraße 49, Louis Rühl, Postassistent, 63 Jahre, Krofdorfer Straße 32.
** Keine Sonntagskarten f ü r Schnellzüge im Weihnachtsreisevcr» kehr. Wegen dcs starken F.r.iverkehrs an den Weihnachti tagen können die Schnellzüge für die Zeit vom 23. bis 27. Dezember mit So ^agsrück- sahrkarten nicht benutzt werden. Wer sstne Weih- nachtsre se m't ein r Sonntagsrückfahrkarte ou> führen will, die bekanntlich vom 23. Dez. 12 plhr mittags bis zum 27. Dezember 9 Uhr vormittags (als Frist für den Antritt der Rückr ise) gilt, muß zur Fahrt die planmäßigen Eil» oder Personenzüge benutzen
** Der Zigarettenschwtndler fest- genommen. In Herborn wurde am Dienstag der Reisende Wilhelm Läufer aus Altenkirchen festgenommen, der vor einigen Tagen in Gießen, Schotten und Friedberg Zigaretten erschwindelt hatte. Wie inzwischen in Erfahrung gebracht wurde, hat er diese Betrügereien auch in Limburg, Wetzlar und Köln begangen.
*• Zigaretten gestohlen. Der Polizeibericht meldet: Aus dem Verkaufsraum auf dem hiesigen Diehmarktplah wurden in der Nacht zum Dienstag mittels Einbruchs etwa 800 Zigaretten in Packungen zu 10 und 25 Stück entwendet. Es handelt sich um folgende Marken: Kurmark, Ova, Setti, Salem Ausl.ese, Makedon. Finas, Mercedes und Setti Privat.
** Konzert in der Nervenklinik. Den Patienten der Nervenklinik wurde durch das Erscheinen des Gesangvereins „Einheit" aus Allendorf a. d. L. eine große Freude bereitet. In einer Fülle von schönen volkstümlichen Liedern konnte der Gesangverein seine gut durch» gebildeten gesanglichen Fähigkeiten voll entfalten und fand für seine Leistungen bei den Zuhörern lebhafte Anerkennung. Dem Gesangverein wurde am Schluß der Darbietungen von selten der Direktion besondere Anerkennung ausge- spro^-en.
** Der Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche über See hatte am Montag seine Mitgliederrer'ammlung. Frau Provinzialdireitor Graes eröffnete nach Begrüßung der Gäste die Sitzung mit eine n Bericht über die Arbeit des vergangenen Jahres. Nach Erledigung der internen Vereinsangel^genhci en sprach Frau v. Oidtmann aus Darmstadt in fesselnder Weise von der Gründung des Vereins, seiner Tätigkeit und seinen Zielen und bewies die unbedingte Notwendigkeit engster Fühlung mit den Deutschen in unseren früheren Kolonien. Seit dem Raube durch die fremden Mächte sind dort draußen die -sanitären Zustände größtenteils unmöglich geworden, ohne Hilfe vom Reich gehen viele wertvolle Menschen zugrunde. Besonders Frauen und Kiniec leiden schwer: deutsche Schwestern sind draußen ein unendlicher Segen, doch müs'en sie meist unter unglaubiich priwiti en Berfäl nissen und schwersten körperlichen Anstrengungen arbeiten. Die Rednerin berichtete von der jüngsten deutschen Ansiedelung in Paraguay, Jndependencia. Dort ist die Not riesengroß. Obgleich etwa 10 000 Deutsche in Paraguay leben, halei sie keinen deutschen Arzt, keinen deutschen Pfarrer und nur eine einzige deutsche Schwester, die der Verein hinübersandte. Die Berichte von dort greifen ans Her--, größere E:istenzschwi?rigkeiten sind kaum denkbar. Die Arbeit der Schwester ist überwältigend; sie bedarf dringeidst der Un- terstüh ung. Die Eck Wester in Jndependen ia steht speziell unter hessischer Fürsorge. Daneben bedeuten die Zustände in Afrika einen Lichtblick. Das tadellos hygienische Wöchnerinnenhcim in Windhuk legt Zeugnis ab von deutscher Kultur und Tüchtig cih In Svcuopmund sind des Wöch- neriimenfeim, das Kinderheim, das ErholungZ- heim und der von Hessen gegründete Kindergarten überfüllt. Das deutsche Kindermaterial ist ein wertvolles, der alljährliche Aufenthalt im Erholungsheim für die inländischen Farmer ist unerläßlich als körperliche und seelische Auffrischung. Einem Appell an die Mithilfe aller zur Erleichterung des schweren ße5en3 der Deutschen über See. der Aufforderung zur Werbearbeit aller Stände und Konfessionen schloß sich eine Dlumenverlosung an, d.e den interessanten Nachmittag beendete.
** »Hess. Bauern an der Wolga und der Bolschewismus." Heber diese3 Thema sprach auf Einladung der theologischen Fachschaft am Dienstag Pfarrer Wagner, Bensheim. Er füjrte, wie man uns berichtet, etwa folgendes aus: Wir Hessen sind besonders eng verbunden mit jenen Wolga-Bauern. Hat doch ein großer Teil hier in Hessen seine eigentliche Heimat. Infolge der großen Not, die nach dem Siebenjährigen Kriege herrsch’e, infolge der hohen Steuern, der MünzVerschlechterung usw. folgten viele der Werbetrommel Ka harinas II.. die ihnen in Rußland 13) Morgen Land (soviel besaß damals kein Dauer), vollkommene Religionsfreiheit, die man damals in Deutschland auch nicht hatte, ewige Befreiung von Zivilund Militärdienst, 30 Jahre Befreiung von allen Steuerlasten, Dar ehen usw. zu.ich-erte. Trotz der Warnungen der Behörden und des Der- botcs folgte man diesem Ru e. Büdingen und Worms wurden für lange Zeit Zentralen der Auswanderung. Schätzungsweise sind aus dem jetzigen Hessen 5000 Personen damals ausgewandert. Die Auswanderer waren großenteils Schiffbrüchige. Nach schwerer Not und Entbehrung während des Marsches gelangten sie endlich nach Petersburg. Hier wählte sich Katharina die Tüchtigsten aus, die hier angesiedelt wurden. Die anderen wurden nach der Wolga gebracht. Dort sollten sie die Kaiserin schützen gegen tic unruhigen Bewohner, ferner Manufakturen anlegen. Im Kampfe mit den Bewohnern, in ungewohntem Klima ufw. mutzten sie sich emporarbeiten. Biele gingen unter. Doch es gelang. Die Leute setzten sich durch und brachten es za Wohlstand. Der russische Minister Orloff sch.e es durch, daß sie Pfarrer bekamen, die eine große Bedeutung für diese Tauern haben, z. B. Ternbonner und Katanev. Ferner bekamen sie Kirchengebäude und Schulen. Letztere waren allerdings schlecht. Schiech e Bezahlung der Lehrer. Nur im Winter war Schule. Große Kirchlichkeit herrschte unter den Kolonisten, die sich auch im Kampfe bewährte. 1861 wurde die Versprechung der Militärfreiheit aufgehoben, auch für die Mennoniten. Damals wanderten viele von diesen nach Kanada aus, die heute ihre Trüber und Schwestern auf,ordern, ebenfalls nach Kanada zr lomnen. Schon bereitete man das 150jährige Jubiläum der Einwanderung vor, als 1914 der große Krieg ausbrach, der Teginn der großen Leidenszeit für diese Dauern. Obwohl sie auf russischer Seite schweren Herzens gegen Deutschland kämpften, wurden sie als Deutsche verfolgt, val. daS Agrargesetz von 1915/17. Die Wolgadeutschen standen vor der Enteignung. Da brachen die Revolutionen aus, durch die sie zanächst vor dieser Maßnahme geschützt wurden. Doch bald gingen die Verfolgungen neu los. Und als sie sich einer anti- bolschewistischen Revolution anschlossen, wurden sie nach an'änglichem Siege geschlagen. Furchtbare Rache war chr Los. Sie bekamen ihxe Vorräte genommen. Frühjahr 1921 ein Aufstand. 3m Mai eine große Hitze. Alles verdorrt. Mißernte. Hunger! 750 000 Tauern waren es vor dem Kriege, jetzt 400 000. Heute findet eine systematische Vernichtung der deutshen „Großbauern" statt. Statt des Wohlstandes herrschen
Elend und Noß Tr-Parten In einem Ag-arlande! ©ine große Hungersnot steht bevor, wvtzl g-uuee als die von 1921. Ein großer Teil der Dauern sucht vor dem Tode sich za retten durch Auswanderung. Ob cs ihnen gelingt? Einige Bilder verdeutschten die Gegeno und Zustande deS Wolgagebietes. Reicher Teifall dankte dem Redner für seine feinen Schilderungen.
* Vorträge über Friedrich Rittel- meyer. Man berichtet uns: Im zweiten Vortrag zur Frage: „Was hat Friedrich Rittel- meyer unserer Zeit zu sagen?" sprach Lic. Robert Goebel zum Thema: „Meditation und Selbsterziehung". Rittetmeyer kann aus einer großen Erfahrung auf diesem Gebiet und aus einer langjährigen Arbeit an sich selbst heraus der Gegenwart Entscheidendes vermitteln. Gegenüber den Forderungen des allgemeinen Lebens und insbesondere des Berufslebens, deren Erfüllung weithin so stark von einem geistigen''Menschentum hinwegführen, ergibt sich die Notwendigkeit, ein inneres Gegengewicht zu schaffen. Diele Methoden bieten sich heute, vom Westen und Osten her kommend, an, die aber erst daraufhin geprüft werden müssen, ob sie den Dedürsnisfen deS mitteleuropäischen, christlich-religiös suchenden Menschen eine wirkliche Hilfe bieten können. Nur das kann bestehen, was dazu verhilft, in dazu ausersehenen Zeiten des Tageslaufes und in der dabei vollzogenen inneren Beschäftigung, Belebung und Pflege bestimmter geistiger Inhalte die drei Stufen zu ersteigen: innere Sammlung, innere Andacht, innere ©rtraftung. Geschieht dieser Verkehr mit geistigen Inhalten in Regelmäßigkeit (es geschieht auch in der Pflege des erneuerten kultischen Lebens), so wird der Liebende mit der Zeit eine Wirkung verspüren, durch die er nicht dem Leben etwa entfremdet, sondern für das Leben in indirekter Weise tüchtiger gemacht wird. Der Redner besprach dann einzelne Inhalte im Anschluß an das Johannes- Evangelium, die als Beispiele gemeint waren und sich zur Verwendung im meditativen Leben eignen. Rittelmeyer weist darauf hin, wie im Johannes- Evangelium ein Gesamtorganismus von Worten und Begebenheiten sich findet, der dazu berufen ist, von Menschen aufgenommen zu werden und einer großzügigen christlichen Erziehung von Denken, Fühlen und Wollen des Menschen zu dienen.
dezirkssarkaffe Mlhil-enstist, Satzbach.
* Butzbach. 18. Dez. Dieser Tage fand im »Hessischen Hof'^ die diesjährige M i t g l i e d e r- versammlung des Mathilden st i f t ä Butzbach, Dezirkssparkasse, statt, zu der der Vertreter der Aufsichtsbehörde, Kreisdirektor R e ch t h i e n, außerdem der Vorsitzende des Hessischen Sparkassen- und Giroverbandes, Justizrat: Dr. Reh (Darmstadt), Direktor Seipp von der Hessischen Girozentrale, Darmstadt, sowie neben! den Mitgliedern des Vorstandes und des Auf- sichtSrates sämtliche Gemeindevertreter erschienen waren.
Der Vorsitzende, Direktor Rühl, erstattete zunächst eingehenden Bericht über den Geschäftsverlauf 1 92 8 und die derzeitige wirtschaftliche Lage. Sämtliche Punkte der Tagesordnung wurden einstimmig genehmigt. Die drei ausscheidenden Herren des Aufsichtsrates — Kaufmann Karl Gerhardt, Fabrikant I. Rumpf und Bürgermeister Dock — wurden wiedergewählt.
Die Zunahme des Einlagebestandes mit 1 432040 Mk. wurde freudig begrüßt. Die Gesamteinlagen betrugen Ende 1928 4 418 820 Mark und heute bereits über 8 000 000 Mk., die sich auf 6320 Sparbücher verteilen. Der Durch- schnittsbetrag eines Sparbuches betrug Ende 1928 807 Mk. Aus den Kopf der Bevölkerung entfalten Ende 1928 234 Mk. Sparguthaben, heute auf jeden dritten Einwohner des Bezirkes ein Sparbuch des Mathildcnstifts. Die Giroeinlagen betragen 548 323 Mk. Die Debitoren im Kontokorrentgeschäft beziffern sich auf 1 560 938 Mark. Im Jahre 1928 wurden an Darlehen neu ausgeliehen: auf Hypotheken 1 132 773 Mk., auf Kaufgelder 564 001 Mk., an Gemeinden, Kirchen usw. 853 728 Mt., auf Privatschuldscheine mit Bürgschaft 270 481 Mk. Insgesamt waren ausgeliehen: auf Hypotheken 1 695 462 Mk.. auf Kaufgelder 448 823 Mk., an Gemcindedarlehen 1 009 533 Mk., an Schuldfchcindarlehen mit Bürgschaft 664677 Mk. Der Gesamtumsatz betrug 1913 4 224 909 Wk., in 1928 59 847 977 Mk., mithin eine Steigerung von 1417 v. H. Die Betriebsrücklage beträgt 143 118 Wk.,nach Zuschreibung des Reingewinnes von 25 939 Mark. Mobilien und Immobilien stehen hierbei nur mit 1 Mk. zu Buch.
Kreisdirektor R e ch t h i e n und der Vorsitzende des Hessischen Sparkassen» und Giroverbandes äußerten sich in anerkennenden Worten über die erfreuliche Zunahme, die die Sparkasse in allen Geschäftszweigen zu verzeichnen habe, und sprachen ihren Dank dem Vorstand, dem Aufsichtsrot und der Beamtenschaft für die erfolgreiche Arbeit aus. Dem Vorstand wurde einstimmig Entlastung erteilt.
Direktor Seipp hielt dann einen eingehenden Vortrag über die öffentlichen Bausparkassen füc Hessen.
In der Sitzung des Aufsichtsrates touröen wieder für gemeinnützige und mildtätige Zwecke 5000 Mk. bewilligt, darunter 600 Mk. für die Landwirtschaftliche Schule in Butzbach, 400 Mk. für die Obstbauschule Friedberg, 1500 Mk. für die Krankenschwestern im Sparkassenbezirk zur Verwendung im Interesse armer Kranker, je nach Seelenzahl oder nach den örtlichen Verhältnissen, 500 Mk. für Oberrealschule Butzbach als Beihilfe für Freistellen.
Aus dem Amtsverkündigungsblatt.
• Das Amtsverkündigungsblatt Nr. 92 vorn 17. Dezember enthält: Falsche Reichsbanknoten. — Straßensperre. — Turbinenan age der Gemeinde Hungen. — Buchmachergehilfe Sally Loeb, Gießen. — Dienstnachrichten.
Kirchliche Nachrichten.
Israelitische Gemeinden.
Israelitische Religionsgemeinde. Gottesdienst in der Synagoge (Südanlage). Samstag, 21. Dezember. Vorabend 4.30 Uhr; morgens 9; abends 4L5 und 5.15 Uhr.
Israelitische Religionsgesellschasl. Sabbatfeier den 21. Dezember. Freitag abend 4 Uhr; Samstag vormittag 8.30 Uhr, nachmittags 3.30; Sabbatausgang 5.15. — Wochengotlesdienst: morgens 7.10; abends


