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Nr. 246 Drittes Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Zamrtag, sy. Oktober (929
Verstärkte Sicherung der Gießener Wasserversorgung.
Bau eines weiteren Hochbehälters. - Erschließung eines neuen Bauviertels. - Vorgehen des Gtadtrates zum Schu tze der durch Lastautoverkehr gefährdeten Häuser und Anlagen.
Gießen, 18. Oktober.
Der Stadtrat hatte heute eine Tagesordnung zu erledigen, die mehrere bedeutsame Punkte für die Entwicklung unseres Gemeinwesens enthielt. Vor allem ist dabei hinzuweisen auf den Beschluß, die Sicherung unserer Wasserversorgung durch den B a u eines weiteren Hochbehälters noch zu verstärken. Die Erfahrungen des vergangenen heißen Sommers gaben zu dieser Vorlage Anlaß. Da die Finanzierung dieses Baues aus leicht gangbarem Wege möglich ist, stimmte der Stadtrat der Vorlage glatt zu. Von Wichtigkeit ist weiter der Beschluß, ein neues Bauoiertel am Schiffenberger Weg zu erschließen, wodurch die Bautätigkeit im südlichen Stadtteil eine weitere erfreuliche Anregung erfährt. Zu begrüßen ist weiterhin, daß der Stadtrat im Interesse der Erhaltung und der Sicherung der Häuser und der städtischen Rohren- und Kanalanlagen beschlossen hat, für Lastautos mit Vollgummireifen die Höchstgeschwindigkeit in der Stadt auf 15 Kilometer zu beschränken. Die zahlreichen Hauseigentümer, deren Häuser durch die Erschütterungen, die von diesen Gefährten ausgingen, empfindlich gelitten haben, werden diese Entscheidung des Stadtrates zweifellos mit Genugtuung aufnehmen. Eine längere Aussprache entwickelte sich über die Frage des Neuanstriches des Realgymnasiums. Mit Recht wurden die Bedenken des Vertreters der Wirtschaftlichen Vereinigung als sehr gewichtig anerkannt, und dementsprechend kundgetan, daß die Arbeit nur dann vorgenommen werden soll, wenn sie in ihrem Erfolg unbedingt sichergestellt ist.
Sitzungsbericht.
Anwesend: Oberbürgermeister Dr. Keller, Bürgermeister Dr. Seid, Beig. Dr. Hamm und 34 Stadtratsmitglieder.
Weiterer Zuschuß an den Alice-Schuloerein.
Zur Deckung des Defizits des Alice-Schuloereins im Rechnungsjahre 1928 wird außer den etatsmäßig bereitgestellten Mitteln dem Verein noch ein weiterer Zuschuß von 1956,64 Mark bewilligt.
Es wird dabei von dem Berichterstatter betont, der Finanzausschuß habe den Standpunkt eingenommen, daß der Alice-Schulverein künftig mit den vorgesehenen Beträgen auskommen und Kreditüberschreitungen vermeiden solle. Stadtratsmitglied Nicolaus (Wirtsch. Dgg.) erklärt, im Hinblick auf diese Stellungnahme des Finanzausschusses und in Anbetracht der entsprechenden Verfügung des Oberbürgermeisters werde seine Fraktion der heutigen Anforderung noch zustimmen, für die Folgezeit werde sie aber keine Kreditüberschreitung des Vereins mehr bewilligen.
Schankkonzessionsgesuche.
Die Schankkonzessionsgesuche von Hch. Grünewald, Dammstraße 39, Philipp Hahn, Grünberger Straße 1, Adam H o h m e i e r, Neuenweg 36 und des Vereins Chattenhaus, Licher Straße 49 werden befürwortet.
Daugefuche.
lieber die Baugesuche von Friedrich A b e r = mann, zur Errichtung c.nes Einfamilienhauses am Heegstrauchsweg, M. Rosenthal zum Einbau eines Kamins Liebigstraße 13, des Metzger-
Liebe in Ketten.
Roman von Hans Mitteweider.
Copyright by Martin F uchtwanger, Halle (Saale). 16 Fortsetzung Nachdruck verboten
Sogleich hob er die Hand, und rief:
„Ich schwöre dir bei al em, was Menschen und mir heilig ist, daß ich nie und nimmer von dir lassen, daß ich dich lieben werde bis zu meinem letzten Atemzug!"
„Unb mir in allem vertrauen, Felix?"
Wieder war er verwundert: doch er sprach: „Unb dir in allem vertrauen, Käthe!" Da schlang 'sie beide Arme um seinen Nacken und küßte ihn herzlich.
„So will ich die Deine sein, Felix, und mit dir vor den Altar treten, wenn du es verlangst!" rief sie dann. „Gott im Himmel sieht in mein Herz und weiß, daß nichts darin ist als die heiligste, reinste Liebe zu dir, Felix. Dir will ich gehören, dir allein!"
Da jubelte er auf und zog sie stürmisch an sich.
Roch in der gleichen Stunde wurde der Tag der Hochzeit festgesetzt und Tante Adelheids die wieder nach Ronnenwerth zurückgekehrt war, telephonisch herbeigerufen, die auch sofort herbeieilte.
Sie war außer sich vor Freude: denn diese beiden jungen Menschenkinder, die sich nun doch noch gefunden hatten, waren das Liebste, das sie auf der Welt besaß.
Sie umarmte Käthe innig und küßte sie und fragte:
„Run fürchtest du dich nicht mehr vor dem Heiraten, Kind?"
Doch Käthe antwortete nicht: sie zuckte zusammen und barg ihr Gesicht an der Drust der Tante.
Eine Stimme in ihr mahnte sie:
„Sage ihr jetzt alles! Vertraue ihr dein Geheimnis an! Jetzt ist der richtige Augenblick! Jetzt kannst du djch noch vor schwerer Sünde bewahren, und sie wird sicher, garrz sicher einen Rat wissen. Rede, red«-!"
Aber so oft Käthe den Mund öffnen wollte, war ihr, als lege sich eine unsichtbare Faust um ihre Kehle, so daß sie kein Wort hervorbringen konnte.
Aker als Tante Adelheid ihr sagte, daß sie nun schnell nach Berlin fahren mühten, um die Ausstattung zu beschaffen, erschrak Käthe. Sie fürchtete sich vor Menschen, und sie nahm sich vor, Felix zu bitten, mit ihr auf dem Lande zu bleiben. Er sollte nur ihr leben: sie wollte ihn so glücklich machen, daß ihn nichts mehr von ihr trennen konnte.
Sie sah jedoch ein, daß sie die Tante begleiten mußte, und als ihr Verlobter davon hörte, er»
meisters Gustav Stephan zur Vergrößerung der Wurstküche Steinstraße 76, Peter A n n a s zu einem Hausbau am Wartweg, W. M o s e r für das Grundstück Wiesecker Weg 10, Errichtung eines Transformatorengebäudes in der Nähe des Wartwegs durch das Elektrizitätswerk, Bruno Fuchs zur Errichtung eines Wohnhauses am Heegftrauchsweg wird antragsgemäß entschieden.
Erschließung des Gebiets zwischen Schiffenberger Weg und heegftrauchsweg.
Der Bebauungsplan, foroie die Ortsbausatzung für das Gebiet zwischen Schiffenberger Weg und Heegftrauchsweg werden genehmigt.
Wie Bcig. Dr. Ham m mitteilt, handelt es sich dabei um das Gebiet zwischen dem Klingelbach und dem Schiffenberger Weg. Für den Heegftrauchsweg fei villenartige Bebauung vorgesehen.
Benennung von Straßen.
Auf Antrag des Bauausschusses wird beschlossen, die neu au erbauenden Straßen in dem Gebiet zwischen Marburger Straße und Wiesecker Weg nach folgenden berühmten Malern zu benennen: 1. Dürer, 2. Holbein, 3. Cranach, 4. Böcklin, 5. Menzel, 6. Spitzweg, 7. Thoma, 8. Feuerbach.
Neue Gebührenordnung für israelitische Grabstätten.
Die folgende Abänderung der Gebührenordnung zur Friedhofs-, Begräbnis- und Feuerbestattungsordnung wird einstimmig gutgeheißen. Es kosten künftig: Gräber der Israelitischen Religionsge
meinde (Schonfrist 90 Jahre):
1. Einfassungsgrab mit Einfassung für einen Erwachsenen 300 Mk.
2. Einfassungsgrab ohne Einfassung für einen Erwachsenen 275 „
3. Reihengrab für einen Erwachsenen 75 „
4. Reihengrab für Kinder von 3 bis
10 Jahren 60 „
5. Reihengrab für Kinder unter drei Jahren 50 „
6. Erbbegräbnisse werden zu unter Ord.-Nr. 2 aufgeführten Gebühren abgegeben.
Gräber der Israelitischen Religionsgesellschaft (Erwerb eines Grabes geschieht auf Friedhofsdauer):
1. Reihengrab für einen Erwachsenen 190 Mk.
2. Reihengrab für Kinder von 3 bis
10 Jahren 125 „
3. Reihengrab für Kinder unter drei
Jahren 60 „
Neue verkehrsordnung
für Lastkraftwagen mit Bollgummibereifung.
Folgender Antrag des Bauausschuffes wird einstimmig angenommen: Dem vorliegenden Entwurf einer Polizeiverordnung über die Verkehrsregelung in der Stadt Gießen wird zugestimmt.
Nach den Erklärungen des Beig. Dr. Hamm handelt es sich dabei um die Festsetzung einer Höchstgeschwindigkeit von 15 Kilometer für Lastkraftwagen, die mit nicht luftgefüllten Reifen versehen sind, beim Verkehr in der Stadt Gießen. Durch diese Beschränkung der Höchstgeschwindigkeit solcher Lastkraftwagen soll erreicht werden, daß die starken Erschütterungen und Beschädigungen der Häuser, der Straßen und der Rohr- und Kanalanlagen endlich aufhören. Welche Schäden durch das schnelle Fahren der Lastautos mit Vollgummibereifung in der Stadt entstehen, ersieht man an
klärte er sofort, baß auch er in ber Hauptstabt zu tun habe.
„Das werben herrliche Tage werben, Käthe!" sagte er voller Freude. „Ich werbe bir alle Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen: wir werden die Theater und die Konzerte besuchen. Du kennst ja noch so wenig."
Da schmiegte sie sich an ihn und schaute zu ihm auf.
„Liebster," sagte sie, „ich frage nicht viel nach solchen Dingen, wenn ich nur dich habe: und wenn wir vereinigt sind, bann gehen wir auf eins deiner Güter und leben ganz für uns, nicht wahr? Ich kann mir nichts Herrlicheres benken, als allein' zu sein mit bir. Wir beide wollen nur uns leben und unserem Glück, Felix!"
Da küßte er sie innig. Er ahnte nicht, daß heimliche Furcht in ihr war, doch noch dem Manne zu begegnen, dem sie von Rechts wegen gehörte.
„Vor allem werden wir eine weite Hochzeitsreise machen. Liebste! Wir werden bleiben, wo es schön ist."
Da lächelte sie froh, und nach herzlichem Abschied von Felix reiste Käthe mit ihrer Tante ab.
Run erst erfuhr sie, daß Frau Adelheid auch in Berlin ein Heim besaß. Aber sie hatte gar keine Zeit, sich darüber zu wundern: denn sie waren fast den ganzen Tag unterwegs. Aus einem Geschäft ging es ins andere, und wenn der Abend kam, bann war sie oft sehr, sehr müde: aber sie freute sich belfert, denn bann schlief sie ein, sobald sie sich niedergelegt hatte. Lind am Morgen gab es wieder so viel zu tun, daß ihr keine Zeit blieb, zu grübeln.
Dann traf Felix ein, und nun begann eine herrliche Zeit. Käthe sah zum zweiten Male in ihrem Leben ein Theater und die ersten Künstler und Künstlerinnen. Sie hörte Musik, sie sah die Schätze, die in den Sammlungen vereint waren, und immer war Felix bei ihr und umgab sie mit seiner zärtlichen Liebe.
Co verging die Zeit im Fluge. Immer näher rückte ber Hochzeitstag, immer näher die Entscheidung, und nun hatte Käthe doch oft wieder Stunden, wo sie sich todunglücklich fühlte, wo sie nahe daran war, fortzulaufen und irgendwohin zu flüchten, wo niemand sie finden würde.
Wenn Klausen doch noch lebte? Wenn er ihr eines Tages begegnete und seine Rechte auf sie geltend machte?
„Ich muß es Felix sagen!" dachte sie, unb nahm sich immer wieder vor, es zu tun; aber nie fand sie den Mut dazu. Sie wollte ihn nicht erschrecken.
So kam der Hochzeitstag heran. Käthe stand in Brautkleid unb Schleier ba. Tante Abelheid prüfte noch einmal alles unb küßte sie.
„Gott segne bich, Kinb!" sagte sie, Tränen in den Augen. „Wie würde dein Vater sich freuen, könnte er dich so sehen!"
folgendem Beispiel: Infolge Rohrerschütte- rungen durch solche Lastkraftwagen hatte das Gaswerk einen Gasverlust von 6,7 v. H. im Jahre 1910, dagegen 10 v. H. im Jahre 1928 (in Geld ausgedrückt im Jahre 1928 den Betrag von 25000 Mark), das Wasserwerk einen Wasser- v e r l u st von 14,6 o. H. im Jahre 1910, dagegen 29 v. H. im Jahre 1928 (in Geld ausgedrückt im Jahre 1928 rund 19 000 Mark). Die Geschwindigkeitsbeschränkung auf 15 Kilometer gilt nur für die mit nicht luftgefüllten Reifen versehenen Lastautos, für alle übrigen Autos und für die mit Ballonreifen ausgestatteten Lastkraftwagen gilt die Neuregelung nicht.
Neufeslsehung
des Dasserpreises für Großverbraucher.
Auf Antrag des Betriebs-Ausschusses wird beschlossen: Von dem Grundwasserpreis von 25 Rps. pro cbm werden für Großverbraucher folgende Ermäßigungen für ein cbm mit Wirkung vom 1. Oktober 1929 ab gewährt: bei einem monatlichen Verbrauch von
350— 750 cbm 1 Rpf.
751—1000 „ 2 „
1001—1250 „ 3 „
1251—1500 „ 4 „
1501—1750 „ 5 „
1751—2000 „ 6 „
2001—2250 „ 7 „
2251—3000 „ 8 „
3001—5000 „ 9 „
5001 u. mehr „ 10 „
Rechnungsabschlüße.
Die Rechnung des städtischen Gaswerks für das Rechnungsjahr 1927 schließt in Einnahme mit 1213 430 Mk., in Ausgabe mit 1206 978,51 Mk. ab. Dem Erneuerungsstock sind 92 736,59 Mk. überwiesen worden.
Die Rechnung des städtischen Wasserwerks -für das Rechnungsjahr 1927 schließt mit 656 085,69 Mk. in Einnahme und 655 480,14 Mk. in Ausgabe ab. Die Ueberweisung an den Erneuerungsstock belief sich auf 114 456,20 Mark.
Die Rechnung des Wohlfahrtsamtes für das Rechnungsjahr 1927 weist in Einnahme 1 419 832,14 Mk., in Ausgabe 1417 612,14 Mk. auf.
Alle drei Rechnungen werden debattelos einstimmig genehmigt.
Vergebung von Arbeiten und Lieferungen.
Die Lieferung einer Fuhrwerkswaage mit 20 000 Kilogramm Wiegefähigkeit wird der Maschinenfabrik Schenck in Darmstadt zum Preise von 4420 Mk. übertragen.
Die Erb- unb Maurerarbeiten für bie Errichtung eines Transformatovenhauses im Wartweg erhält zum Angebotspreis von 3832,35 Mark die Firma Dirkenstock & Schneider in Gießen unb für ein Transformatorenhaus für bas Gebiet zwischen Marburger Straße unb Wiesecker Weg zum Angebotspreis von 4168,42 Mk. bie Firma Pfaff & Co. in Gießen.
Die Kanalisations- unb Jnstallationsarbeiten für bie W o hnung sba u ten in ber Schwarzlach werden je zur Hälfte an die Freie Vereinigung der Spengler- unb Jnstalla- teurmeifter unb bie Firma Georg Appel in Gießen zu bem Angebotspreis von je 14 580,71 Mark vergeben.
Dann geleitete sie bie Braut nach dem Salon, in bem bie Baronin mit ihrem Sohne wartete.
Wortlos schauten bie beiden einander in die Augen, aus denen all das hohe Glück leuchtete, das sie empfanden. Er bot ihr den Arm unb geleitete sie hinaus.
Das Gotteshaus war gefüllt von einer erlesenen Gesellschaft. Der greife Hofprediger hielt bie Traurede. Ernst unb einbringlich waren seine Worte: aber sie atmeten große Herzensgüte, unb bis ins Innerste erschauemb, lauschte Käthe: aber auch erbebenb, selbst in diesem feierlichen Augenblick, vor heimlicher Furcht, bie sie nicht bannen konnte.
Wie würde Gott den Frevel rächen, den sie jetzt beging, wenn Dembt Klausen nach lebte?
Sie erschrak bei biefem Gedanken, unb als sie bie Hand vorstreckte, baß ber Ring an ihren Finger geschobe i würde, ba zitterte sie. Der Geistliche mußte sie mit beiden Händen erfassen, und um sie zu beruhigen, schaute er sie dabei so gütig an, baß Käthe sofort alle Furcht schwinden fühlte unb sich vornahm, zu diesem Manne zu flüchten, wenn — wenn doch einst das Furchtbare geschah. Bei ihm würde sie Verständnis und Vergebung finden: davon war sie in dieser Minute überzeugt.
Alles andere war ihr wie ein Traum. Sie empfing den Kuß ihres Gatten: sie wurde von seiner Mutter umarmt und von Tante Adelheid, sie hörte die unzähligen Glückwünsche: sie spürte Händedrücke: sie sah hundert fremde Gesichter.
Sie schrak erst auf, als eine Stimme an ihr Ohr klang, die sie haßte.
Vor ihr stand Isolde von Kletten und lächelte süß und sprach:
„Auch ich wünsche Ihnen von Herren Glück und — daß es von Dauer sein möge!"
Dabei blitzte es in ihren Augen auf. Sie verbeugte sich und trat zurück: aber Ke the war es, als sei auf einmal alle Fr.ude von ihr gewichen, unb sie atmete auf, als sie wieder im Auto saß.
„In einer Stunde hole ich dich, Liebste!" raunte Felix ihr zu, unb als sie in ihr Zimmer kam, warteten schon bie Mäbchen auf sie unb lofk.i ihr Schleier und Kranz aus bem Haar, streiften ihr bas kostbare Gewanb ab unb halfen ihr beim ilmlleibcn.
„ Fort, weit fort!“ hämmerten bie Pulse in Käthe. „Allein mit ihm sein! Keinen anberen Menschen mehr sehen!"
Lind als Felix kam, ba flog sie ihm mit einem jubelnden Schrei entgegen, schmiegte sich an ihn und ließ sich gern, ach, so gern aus bem Hause führen.
Sie hatten sich vorgenommen, eine Rundreise nach den Gütern der Turnaas zu machen, unb diese Fahrt war herrlich: denn sie führte durch bie schönsten Gegenden des Landes. Lind überall, wo das junge Paar erschien, wurde es festlich empfangen. Käthe staunte stets von neuem, wie
Die Arbeiten für den Reuanstrich deS Realgymnasiums werden ber mindestfordernde ir Finna Bauhütte Gießen zum Angebotspreis von 4808,50 Mk. übertragen. — Bei dieser Vorlage kommt es zu einer längeren Aussprache durch einen Antrag der Fraktion ber Wirtschaftlichen Vereinigung. Rach diesem Antrag soll die Ausführung des Reuanftrichs wegen der vorgefchrittenen ungünstigen Jahreszeit und wegen der Störung des Schulbetriebes bis zu den nächstjährigen großen Schulferien zurückgestellt werden. Stadtratsmital. L a u n f p a ch (Wirtsch. Vgg.) betont bei der Begründung des Antrages, daß diese Arbeit mindestens 20 Tage dauern werde unb bei anhaltendem Regenwetter, mit bem man in ber jetzigen Jahreszeit rechnen muffe, bas Holz der Fensterrahmen nicht genügend trocknen könne, um eine feste Bindung ber Anstrichfarbe zu ermöglichen, unb baß beim Streichen der Fenster diese zum Trocknen mindestens zwei Tage osfenstehen müßten, wodurch aber der Schulbetrieb stark gestört werde. Wenn die Arbeit unter den jetzt zu erwartenden Witterungs- Verhältnissen nicht ordentlich ausgeführt werde, fei in kurzer Zeit mit dem Abblättern des Anstrichs zu rechnen, und bann fei bie Ausgabe umsonst gewesen. In ber Aussprache, an ber sich Beigeordneter Dr. Hamm als Vertreter ber Verwaltung unb zahlreiche Stabtratsmitglieber beteiligen, wirb die Berechtigung der vorgebrachten Bedenken anerkannt, von dem Beigeordneten Dr.Hamm wird aber auch hervor- gehvben, daß ihm auf Anfrage von dem Jn- nungsobermeister erklärt worden fei, man könne diesen Reuanstrich jetzt immer noch vornehmen. Da natürlich niemand für eine günstige Wetterlage garantieren kann, wird schließlich nach langer Erörterung unb nach Zurückziehung des Antrages der Wirtsch. Vgg. beschlossen, die Vorlage als Drbeitsvergebung heute zu genehmigen unb für bie Ausführung ber Arbeit bie Entscheibung über ben Zeitpunkt dem Dauamt zu überlassen, bas bamit auch die alleinige Verantwortung zu übernehmen hat. Die Fraktion ber Wirtsch. Vgg. stimmt biefer Regelung zu, läßt aber durch ihren Vorsitzenden, Stadtratsmitgl. R i c o l a u s, erklären, daß sie jebe Verantwortung für bie Folgen ablehne, falls biefe Arbeit jetzt unb in ben nächsten Wochen noch ausgeführt werbe.
Die Vergebung ber Glaserarbeiten für ben Reubau ber P estalozzischule an eine Reihe hiesiger Firmen zu deren Angebotspreisen wird genehmigt. Auf eine Anfrage des Stadtratsmitgl. Loeb er (Dt. Dp.), warum bie Steine für blesen Dau von auswärts unb nicht von einer hiesigen Firma bezogen worden seien, antwortet Beigeordneter Dr. Hamm, das Angebot der Firma Gail habe im Preis erheblich über dem auswärtigen gelegen. Der Firma Gail sei jedoch eine Teillieferung von Bausteinen zu diesem Dau übertragen worden.
Der Kredit zur Defestigung des Flutgra- b end in der Gemarkung Queckbom im Grundstück des Wasserwerks wird von 4000 auf 5400 Mark erhöht, bie Erb- unb Maurerarbeiten erhält ber minbeftforbernbe Tauunternehmer Jäger (Queckbom) zum Angebotspreis von 3236 Mark, die Zementrohrlieferung wirb ber Firma Sack & Jughardt zu Gießen übertragen.
viele Menschen in ben Diensten ihres Gatten stauben, wie große Sttecken Laubes er besah.
Dann ging es über Tirol nach bem Süden weiter, nach Oberitalien, nach ber Riviera, unb Käthes Glück kannte keine Grenzen. Sie wähnte sich im Himmel, und Felix staunte immer wieder über fie; denn nie hatte er sie so froh unb so heiter gesehen wie in diesen Tagen, nie hatte er sie so klingeub lachen hören.
„Wenn es dir recht ist, Liebste, besuchen wir auch einmal das Kasino. Ich bin ja sicher, daß wir beide verlieren werden: aber bas bars ja auch nicht anders sein. Du weißt: Glück in ber Liebe, Pech im Spiel!"
Käthe freute sich auf biefe Fahrt, unb obwohl sie längst an Luxus aller Art gewöhnt war, staunte sie doch über das, was sie in biefen berühmten und berüchtigten Spielsälen sah: aber ihr graute auch fast vor den Gesichtem ber Menschen an den verschiebenen Tischen, unb fie war nah: daran, Felix zu bitten, sie wieder hinauszuführen.
Sie bezwang sich jedoch, unb als er ihr flüchttg die Regeln der Roulette erklärte unb ihr einen Platz am Tisch freimachte, ba setzte fie ein Hundertfrankstück auf ein Feld unb freute sich kindlich, als ber Croupier bie Kugel schwirren ließ unb ihr mit ber Harke eine ganze Menge Goldstücke zaschob. Sie ließ alles stehen, unb es ging ihr wie beinahe allen Anfängern, sie gewann und gewann, bis Felix sie ermahnte, das Geld an sich zu nehmen.
Sie brachte es kaum in bem Hanbtäschchen unter. Er mußte es ihr tragen, so schwer war es, und sie strahlte, als könnte dieses Gelb sie vor dem Verderben retten.
Wo sie unterwegs einem 'Bettler begegneten, einem armen Kinde, da verschenkte fie es mit vollen Händen.
Roch mehrmals besuchten sie bie Spielsäle, und immer gewann Käthe, wenn auch nicht ununterbrochen. Sie fanb Gefallen an ber Erregung, unb Felix ließ sie gewähren.
Wieder waren sie eines Abends stundenlang in dem Roulettesaal gewesen, als Felix plötzlich stutzte und ausrief:
„Entschuldige mich einen Augenblick, bitte, Käthe! Ich glaube, ich habe eben einen alten Freund gesehen, ben ich gern einmal toieber sprechen möchte. Wenn ich mich nicht getäuscht habe, werde ich ihn bir bringen. Ich bin sicher, er wird bir gefallen."
Arglos nickte sie, und Felix eilte fort Sie schlenderte zu einer Rische, wo unter Palmen eine Dank fast ganz verborgen stand. 3m letzten Augenblick gewahrte sie jedoch, daß schon eine Dame darauf Platz genommen hatte: sie wollte umkehren, ba fielen ihre Dlicke auf baS Haar ber anberen.
(Fortsetzung folgt.)


