Einzelbild herunterladen

Nr. 220 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 19. September 1929

Wie das Kabinett Grey England in den Weltkrieg führte.

Eine Denkschrift Gir Eyre Erowes macht Stimmung gegen Deutschland.

Verhängnisvolle Traditionen im Zoreign office.

Von Dr. Gustav Noloff, o. ö. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.

Jede neue englische Aktenveröffentlichung ist ein Schlag gegen die Politik des Ka­binetts Grey. Die im Jahre 1927 zuerst herausgegebenen Akten über den Juli 1914 be­stätigten die schon aus deutschen und russischen Dokumenten gewonnene Ansicht, daß die englische Regierung in der großen Krisis nicht an Frieden und Vermittlung, sondern an Unterstützung der russischen und französischen O f f e n s i v p o li t i k ge­dacht und so wesentlich dazu beigetragen hat, den Bruch unvermeidlich zu machen. Als trei­bendes Motiv der englischen Politik ließ sich aus denselben Quellen die Abneigung gegen Deutsch­land und der Wunsch, ihm mit Hilfe der Entente einen schweren Schlag zu versetzen, erkennen. Jetzt, nach weiterem Fortschreiten des englischen Werkes, können wir sogar feststellen, wann und wie diese Auffassung im englischen Ministerium des Auswärtigen herrschend geworden ist.

Der Grundsatz, daß Deutschland der vor allem zu bekämpfende Feind sei, tritt zum ersten Male als politisches Glaubensbekennt­nis auf, nachdem Sir Edward Grey im Jahre 1905 das Ministerium des Auswärtigen über­nommen hatte. Sir Ehre C r o w e, einer seiner einflußreichsten Berater und 1914 sein Unter« staatssekretär, verfaßte eine vom 1. Januar 1907 datierte Denkschrift, die, jetzt in dem kürzlich erschienenen dritten Bande der englischen Akten veröffentlicht, als eine Programmschrift der eng­lischen Außenpolitik anzusehen ist.

DasMemorandum" stellt die kriegerische und seit Jahrhunderten auf Eroberungen ausgehende Gewaltpolitik Preußens und Deutschlands in Gegensatz zur englischen Praxis, die stets Ach­tung vor dem Rechte Anderer und der inter­nationalen Freiheit betätigt habe. Ueber dies historische Zerrbild kann man kurz hinweggehen: eL soll nur die mit der Geschichte wenig ver­trauten Regierungsmitglieder, an die die Denk­schrift gerichtet ist, in eine antideutsche Stim­mung versetzen und empfänglich für die Dar­stellung der jüngsten deutsch-englischen Beziehun­gen machen. Zur Kritik genüge der Hinweis, daß Preußen und England bis zum Jahre 1914 in allen großen Weltfragen seit Ludwig XIV. auf derselben Seite gestanden haben, die Verurteilung also auch die englische Po­litik mittreffen müßte. Mit besonderer Schärfe behandelt Crowe dann die deutsche Kolo­nialpolitik: jeder einzelne Schritt ist eine Feindseligkeit gegen England und eine Rechts­verletzung durch Gewalt oder Betrug. Zum Bei­spiel habe Bismarck, als er die Schuhherrschaft über Südwestafrika aussprach, behauptet, vorher bei England angefragt zu haben, ob es Anspruch auf dieses Gebiet erhebe. Aber eine solche An­frage sei niemals geschehen, und Bismarck habe sogar, um vor der Öffentlichkeit seine Behaup­tung glaublich zu machen, Akten im deutschen Weißbuch gefälscht. Natürlich ist an dieser Er­zählung Erowes kein wahres Wort. Cs ist ur­kundlich erwiesen und mußte Crowe aus dem Archiv seines Ministeriums bekannt fein, daß der deutsche Botschafter in London der englischen Re­gierung eine solche Frage vorgelegt aber lange Zeit keine Antwort erhalten hat. Eine Mah­nung führte dann zur Entschuldigung der eng­lischen Regierung wegen ihrer Unhöflichkeit und zu der Mitteilung, nichts gegen die deutsche Fest­setzung in Südwestafrika einwenden zu wollen. Trotzdem hat aber, wie Friedrich Thimme kürz­

lich (Kriegsschuldsrage", August) nachgewiesen hat, England später versucht, dem deutschen Unternehmen Hindernisse in den Weg zu legen. Wenn in dieser Verwicklung also etwas zu ta­deln ist, so ist es gewiß die englische Politik.

Richt besser begründet sind die Klagen gegen die deutsche Politik auf den Fidschi-Inseln, auf Samoa, in Kamerun und insbesondere in Süd­afrika. Seit Mitte der neunziger Jahre habe Deutschland danach getrachtet,seine Herrschaft über die Duren aufzurichten und einen Land- gürtel von Osten nach Westen quer durch Afrika zu besehen". Es ist schwer anzunehmen, daß der Verfasser diese Beschuldigung im guten Glauben au.sgesprochen hat. Wie hätte Deutschland einen solchen Plan, der nicht nur den Widerstand Eng­lands, sondern auch den Frankreichs gefunden hätte, durchfuhren können? Aber als Crowe seine Worte niederschrieb, mußte ihm aus einem deutschen Weißbuch vom Jahre 1895 und selbst­verständlich auch aus den englischen Archiven bekannt sein, daß die deutsche Regierung in allen Verhandlungen über Südafrika mit Eng­land stets den Wunsch, den bestehenden Zu­stand zu erhalten, vertreten, ja dem britischen Botschafter in Berlin einen Vertrag hier­über angeboten hat. Aber England ging nicht auf die Airregung em: natürlich um sich in seinen eigenen Annexionsbestrebungen nicht stören zu lassen. Solche Ausdehnungsbestrebungen auf Ko­sten der Buren zu verfolgen, war nach Crowe Englands gutes Recht: daß der deutsche Staats­sekretär Marschall auf diese Agitation in Süd­afrika, die sich unter manchen gehässigen An­griffen gegen Deutschland vollzog, warnend hin­wies, gilt ihm schon als Beweis für die deutsche Anmaßung und Offensivabsicht gegen England.

Daß Crowe bei solchen Gesinnungen kein Ver­ständnis für die deutsche Haltung im Durenkriege hat, seht nicht in Erstaunen. Um die deutsche Politik zu diskreditieren ver­schweigt er, daß die deutsche Regierung im Som­mer 1899 den Buren wiederholt dringend einen Ausgleich mit England empfohlen hat, und daß die englische Regierung so überzeugt von der deutschen Loyalität war, daß sie ursprünglich nach Ausbruch des Krieges Deutschland die Ver­tretung der englischen Untertanen in Transvaal andertrauen wollte. Es sei unmöglich gewesen, sagt Crowe im Anschluß an diese Vorgänge, wegen der deutschen Böswilligkeit, befriedi­gende Beziehungen herbeizuführen: der Haupt­vertreter des englischen Imperialismus, Josef Chamberlain, war anderer Meinung, denn er empfahl gerade im Jahre 1899 seinen Lands­leuten einen Bund mit den Vereinigten Staaten und Deutschland. Alles das sind Dinge, die dem Berater Greys bekannt sein mußten.

Vor allem tritt nach Crowe au Beginn des 2 0. Jahrhunderts die Verschiedenheit zwischen der schuldlosen englischen und der diabolischen deut­schen Politik hervor. Das Abkommen über M a rokko zwischen England und Frankreich vom April 1904, das die englisch-französische Entente einleitete, war nach seiner Darstellung durchaus defensiven und friedlichen Geistes und verletzte keine fremden Interessen: Deutschlands Auftreten gegen die Bestimmungen über Marokko war daher un­berechtigt und hatte den Zweck, das englisch-fran­zösische Einvernehmen zu sprengen, weil es seinen Weltherrschaftsplänen entgegenstand. Wiederum steht Erowes Darstellung mit den Tatsachen in grellem Widerspruch. Sollte ihm unbekannt geblieben sein.

Wasserstoff zerlegt!

Ein gewaltiger Erfolg deutscher Wissenschaft. Von Professor Dr. Paul Kirchberger.

Rachdruck verbotenI

Dor einigen Jahren erregten die Versuche des englischen Physikers Artvn das größte Auf­sehen in der wissenschaftlichen Welt. Er zeigte nämlich, daß die Atome zahlreicher Elemente, die man bis dahin für wesensgleich gehalten hatte, wie beispielsweise die Atome von Chlor, Dlei, Quecksilber und den sogenannten Edelgasen, von verschiedener Art seien und sich insbesondere durch chr Gewicht unterschieden. DieElemente" im bisherigen Sinn waren in den meisten Fällen Gemische verschiedener und verschieden schwerer Atome. Arton gab auch Mittel an sie waren elektronnignetischer Art, wie man ein solches Atomgemisch trennen und es so in zwei Gruppen aus gleichartigen Atomen zerlegen kann.

Ein ähnlicher Versuch, der möglicherweise noch bedeutungsvoller und folgenreicher werden wird, ist nun dem deutschen Physiker Bonhoeffcr vom Kaiser-Wilhelm-Jnstitut zu Dahlem ge­lungen. Er hat über seine Arbeiten schon vor einiger Zeit in der Berliner Physykalischen Gesellschaft Mitteilungen gemocht und sie kürz­lich in einem Vortrag vor der amerikanischen Chennschen Gesellschaft zu Mineapolis in Ame­rika noch ergänzt. Bei diesen Versuchen han­delt es sich nicht wie bei Arton um Atome, son­dern um die nächst höheren Gebilde, die Mole­keln. Daß eine Wasserstoffmolekel aus zwei Ato­men besteht, ist eine seit langer Zeit bekannte Tatsache. Aber wie findet diese Vereinigung statt, durch welche Kräfte wird sie bewirkt, und warum halten sich freie Wasserstosfatome in der Ratur nicht? Auf diese Frage wissen wir bis jetzt keine unbedingt sichere und restlos be­friedigende Antwort zu geben, und man kann sagen, daß das für die ganze heutige Atom­theorie maßgebende Bohrsche Atommodell diese Antwort in gewissem Sinn sogar erschwerte. Das Wasserstoffatom nach Dohr, bei dem ein Elek­tron den Atomkern umkreist wie ein Planet die Sonne, war so wunderschön, so in sich vollendet, daß man sich vergeblich fragte, warum sich denn dieses schöne Wasserstoffatom nicht selbst genug sei, warum es sich so begierig mit seinesgleichen zu einer Wasserstoffmolekel vereinige.

Die neuen Donhoefferschen Versuche werfen auf solche Fragen ein ganz neues Licht. Sie zeigen zunächst, daß es zwei Arten von Wasser- stoffmolekeln t/:6t, indem die Wasserstoffatome

auf zwei Arten zu einer Molekel zusammen­treten formen. Beide unterscheiden sich durch die Art, wie sie von Holzkohle aufgesogen werden, und auf diese Art ist auch ihre Trennung gelun­gen. Ob die eine oder die andere Art Wasserstoff­molekel entsteht, hängt vorzugsweise von der Temperatur ab. Äe Art, die bei Zimmertempe­ratur das Uebergewicht hat, wird Orthowasser­stoff, die andere Parawasserstoff genannt. Uebri- gens sind immer beide Arten nebeneinander vorhanden, und ihr Mengenverhältnis stellt sich immer nach einem bestimmten Gleichgewichts­zustand ein; je niedriger die Temperatur, um so mehr verschiebt sich das Gleichgewicht zu­gunsten des Parawasserstoffs. Dieses sogenannte dynamische Gleichgewicht", das eine ständige Umwandlung beider Formen ineinander vor­aussetzt, ist den Physikern und Chemikern von wahllosen anderen Beispielen her wohlvertraut; daß es aber auch zwischen Molekeln desselben Stoffes besteht, dafür sind die Donhoefferschen Untersuchungen der erste Deweis.

Ratürlich entsteht nun die Frage nach dem Grund der Verschiedenheit der beiden Wasserstoff­molekeln. Da das Wasserstoffatom aus einem Atomkern und einem Elektron besteht, muß die Molekel zwei Kirne und zwei Elektronen haben. Die mathematische Theorie hat auch bereits die Wege gezeigt, wie wir uns ihre Vereinigung, die keinesfalls ruhend gedacht werden darf, vor­zustellen haben. Aber es erscheint vorläufig ge­boten, von einer anschaulichen Deutung dieser Theorie abzusehen, zumal es ohnehin fraglich ist, ob die alte einfache Vorstellung des Elek­tronenumlaufs beibehalten werden kann.

Die Dedeutung der Versuche ist vorläufig noch nicht absehbar, ledenfalls aber sehr groß. Auch hierüber noch einige Worte: Die erstaunlichen, fast ans Fabelhafte grenzenden Erfolge der jüng­sten Atomtheorie sind allgemein bekannt. Auch die Chemie hat von ihnen den mannigfachsten Ruhen gehabt, aber nach einer Richtung hin war der Erfolg der Atomtheorie doch nicht so groß, wie man vielleicht hätte erwarten kön­nen. Die wichtigste Frage für den Chemiker ist: Warum vereinigen sich die Atome zu Molekeln; denn diese Vereinigung und ihre Trennung macht die Welt des chemischen Geschehens aus. Verhält­nismäßig leicht kann man s ich diese Vereinigung für den Fall vorstellen, daß es sich um Atome ganz entgegengesetzter Art handelt, wie etwa Sauerstoff und Wasserstoff oder Chlor und Ra- trium, von denen das eine elektrisch nega­tiv, das andere positiv ist. Dabei kann man das chemische Gesetz auf den altbewährten Sah zu­rückführen: Ungleichnamige Pole ziehen sich

daß Deutsckland wie viele andere Staaten roirt- schaftlicye Rechte in Marokko besaß, über die das Abkommen hinwegging, und daß England sich verpflichtet hatte, Frankreich in der Beseitigung die­ser fremden Rechte zu unterstützen? Sollte er nicht gewußt haben, daß, wie die englischen Akten lehren, ceim Beginn der Verhandlungen der französische Botschafter ausdrücklich die Verdrängung Deutsch­lands aus Marokko als unerläßlich bezeichnet hat? Und sollte ihm entgangen sein, daß während der Verhandlungen in Frankreich von offiziösen Fe­dern Propaganda für den Vertrag mit England grade wegen seines Gegensatzes zu Deutschland ge­macht wurde?

Sobald man dies deutsch-feindliche Moment in den französisch-englischen Vertrag einsetzt, erscheint Deutschlands Protest in anderem Lichte, und der weitere Vorwurf, Deutschland habe die Entente sprengen wollen, fällt ebenfalls zu Boden. Denn nie hat die deutsche Regierung einen solchen Versuch gemacht; Crowe versucht auch gar nicht, seine Be­hauptung zu beweisen. Er mußte sogar wissen, daß die Beschuldigung nicht zutraf, denn amtlich und prioatim waren ihm genügend Aufklärungen über die Absichten der deutschen Regierung zugegangen.

Die Folgerung, die Crowe aus diesen und an­deren Anklagen Deutschlands zog, war, daß Deutsch­land nach der Weltherrschaft strebe die Niederlande und das Adriatische Meer nennt er einmal das nächste Ziel der Berliner Eroberungs­politik und kein Mittel scheue, um seinen Zweck zu erreichen. Man dürfe daher, sagt er, ihm keine Zugeständnisse machen, um es nicht stärker werden zu lassen, und man müsse ihm in allen Verhand­lungen mit dem größten Mißtrauen gegenüber« treten. Wäre diese Denkschrift nur eine Prioatarbeit, so brauchte man nicht viel Worte darüber zu ver­lieren. Aber es ist von höchster Wichtigkeit, daß der Minister Grey seinem Gehilfen ohne Rückhalt z u - stimmte. Er übersandte die Denkschrift dem Mi­nisterpräsidenten und einigen anderen Kollegen mit der Bitte, dieshöchst wertvolle" Dokument mit seinenNachrichten und Erwägungen" sorgfältig au studieren; seine Darstellung der Vergangenheit fei eine vortreffliche Hilfe für die künftige Politik. Es nützte nichts, daß ein anderer englischer Diplomat, Sanderson, der Unterstaatssekretär des im Jahre 1905 zurückgetretenen Kabinetts Balfour, dem die Denkschrift mitgeteilt wurde, nachdrücklichen Widerspruch gegen mehrere Beschuldigungen Deutschlands aus der Zeit seiner Amtsführung er­hob: Grey entschied entgegen den auf bester Sach fenntnis beruhenden Vorstellungen Sandersons, daß Erowes Ausführungen zu Recht bestehen sollten. Er betätigte die deutschfeindliche Theorie Crowes auch sogleich durch die Praxis. Obgleich er während der Verhandlungen von Algesiras über Marokko (anfangs 1906) dem deutschen Botschafter wieder­holt versprochen hatte, nach einem befriedigenden Abschluß der Konferenz nach Kräften für die Ent­spannung zwischen Deutschland und England wie zwischen Deutschland und Frankreich wirken zu wollen, hat er nichts in diesem Sinne getan, er ist vielmehr allen späteren Versuchen des Botschaf­ters, ihn beim Wort zu nehmen, beharrlich aus­gewichen.

Somit ist kein Zweifel, daß Grey sich völlig mit den Anschauungen seines Deraters identi­fiziert hat, obgleich er gewußt hat oder bei gutem Willen hätte sehen müssen, wie falsch und schief das Urteil über Deutschland war. Muh man aber in den Gedanken Crowes die Richtlinien der englischen Politik erblicken, so ist es nicht erstaunlich, daß die russisch-englische Verständigung von 1907 sogleich eine Richtung gegen Deutschland einschlug, daß König Eduard, ungehemmt von Grey, Oesterreich und Italien von dem deutschen Bündnis zu lösen suchte, daß alle Versuche, zu einem deutsch-englischen Abkom­men über die Flottenstärke zu gelangen, fruchtlos blieben, und daß Grey endlich sich im Juli 1914 den Russen sogleich zur Verfügung stellte, nachdem er ihre Wsicht erkannt hatte, lieber Krieg gegen die Mittelmächte zu führen, als der

an, wenn auch nicht gerade in dieser einfachen Form. Aber die Vereinigung gleichartiger Atome zu einer Molekel war für die Physiker und die physikalisch denkenden Chemiker von jeher eine harte Ruß! Darüber hat schon der große Berzelius, der Begründer der anorganischen Chemie, vor mehr als hundert Jahren vergeblich nachgedacht. Auch die Bonhoefferschen Versuche werden die Schwierigkeiten nicht gleich restlos überwinden, aber sie geben doch ungemein wich­tige Fingerzeige, zumal sie ja von einer mathe­matischen Theorie unterstützt werden. Es wäre ein gewaltiger Fortschritt, wenndie Theorie der Molekel" bis zu der Stufe der Vollendung gefördert werden könnte, die die Theorie des Atoms schon seit langer Zeit erklommen hat.

Der Ruhen der neuen Forschungen wird auch durchaus nicht nur theoretischer, wissenschaftlicher Art sein. Denn es gibt kaum eine zweite Wissen­schaft, der der Mensch auch für sein tägliches Leben so viel verdankt wie der Chemie. Menn jetzt durch die neuen Forschungen auch auf die Grundkräfte der Chemie, nämlich die Kräfte, die die Atome zu Molekeln binden, ein neues Licht fällt, so läßt sich unschwer ein künftiger ge­waltiger Fortschritt dieser dem Menschen so un- gemein nützlichen Wissenschaft voraussehen.

Mit mit und mit ohne.

Von Hans Eiemsen.

München hat sein Bier, Frankfurt seinen Apfelwein, wo Wein wächst, gibt es eben Wein, an der Wallerkante, wo gewiß kein Wein wächst, hat man sich doch allerlei erfunden, Grog. Eis­brecher. Doornkat, und sogar Sachsen hat we­nigstens seinen Bliernchenkaffee. Aber was hat Berlin? Wie in jeder helleren Stadt gibt's natür­lich in Berlin alles das zu trinken, was es wo­anders zu triicken gibt. Wer eine Berliner Spe­zialität? Ein Lokal-, ein Originalgetränk? Ja. es gibt eins, und es ist durchaus zu Un­recht etwas in Vergessenheit geraten. DieBer­liner Weih e.

Früher sah man in sehr vielen, heute sicht man nur in wenigen kleinen Lokalen ein wirk­lich dursterweckendes Plakat: ein dicker, fröh­licher Bierkutscher mit roten Bäckchen und gut- mütig-martialischem Hängeschnurrbart, hält ein großes, gut ein Liter fassendes, sehr breites, nicht hohes, rundes Glas in der Hand, in der ein sehr hellblondes Bier wahrhaftschäumt". Es geht dem dicken Bierkutscher offensichtlich recht gut, er strahlt Gesundheit und Vergnügen aus und ist schr zufrieden mit seinem Bier. Bier?

Oesterreichisch-ungarischen Monarchie ihr Recht gegen Serbien zuteil werden zu lassen. Die russische Angrissspolitit zielte zwar zunächst auf Oesterreich, darüber hinaus aber auch auf Deutschland: also war ihr die Unterstützung Eng« lands zur Einschränkung des Rivalen sicher. Und endlich erkennt man, wie schwer es bei solchen Traditionen im englischen Auswärtigen Amt ge­wesen sein muß, nach dem Kriege eine objek­tivere Stellung zu Deutschland zu gewinnen. Austen Chamberlain, der Franzosensreund, wird gewiß von den Lehren Crowes nicht unberührt gewesen fein. Hoffen wir, daß es Henderson und Snowden gelingt, sich von diesem Bann ganz frei zu machen und neue Bahnen einzuschlagen.

Aerzte-Kursus in Vad-Nauheim.

2$. Bad-Rauheim, 18. Sept. Der sechste der von der Vereinigung der Bad-Rau­heimer Aerzte veranstalleten Fortbil­dungslehrgänge nahm heute hier seinen Anfang. Tagungsort ist das neue Medizinisch« Institut, das mit seinen vorbildlichen Einrich­tungen die gegebene Stätte für einen Aerzte- kursus ist. Der Besuch des Leh^anges ist außer­gewöhnlich gut. Ueber 200 Mediziner nehmen daran teil, darunter auch 2krzte aus Polen. Ungarn, Holland usw. Auch zur Kur hier wei­lende amerikanische Aerzte haben sich als Gäste eingefunden.

Die Eröffnung des Lehrgangs erfolgte heute morgen im Hörsaal des Medizinischen Instituts durch Sanitätsrat Dr. Hahn, den Vorsitzenden der hiesigen Aerzte-Vereinigung. Sein Gruß galt in erster Linie den Dozenten des Lehrgangs, besonders den ausländischen Referenten, dann aber auch den Vertretern der Behörden und Körperschaften, il a. dem Dekan der Gieße­ner medizinischen Fakultät, Univer- sitätsprofessor Dr. Herzog; Ministerialrat Fresenius von der Gesundheitsabteilung des Hessischen Ministeriums; Obermedizinalrat Dr. Rebel (Friedberg); Dr. Dalguen (Helden­bergen), dem Vorsitzenden des ärztlichen Kreis­vereins Friedberg. Worte des Dankes widmete der Vorsitzende dem Direktor des medizinischen Instituts, Prof. Dr. Weber, und dem Direktor des Quellenforschungsinstituts, Prof. Dr. De de. für die Unterstützung bei der Vorbereitung des Kursus. Der Lehrgang stehe, so führte Dr. Hahn aus, unter einem ganz besonders gün­stigen Stern, falle seine Eröffnung doch zu­sammen mit der für die Entwickelung der medi­zinischen Wissenschaft so bedeutsamen Stif­tung, die eine hochherzige Amerikanerin für die Schaffung eines Instituts zur Erforschung und Bekämpfung der Herzkrankheiten gemacht habe. In gedankentiefen Ausführungen sprach Sanitätsrat Dr. Hahn von der Führermission des Arztes, vor allem auch auf bem Gebiets der Herzkranken-Dekämpfung.

Das Gesamtthema des diesjährigen Lehrgangs behandelt diePathologie und Thera­pie der Zirkulationsstörungen". In etwa 20 Einzelreferaten findet es erschöpfende Darstellung. Heute sprachen: Prof. v. Weiz­säcker (Heidelberg) überFortschritte der Phy­siologie und Pachologie des Herzens". Professor D r u g s ch (Berlin) überDie arzneiliche Be­handlung der chronischen Herzinsuffizienz". Prof. Frank (DreÄau) über das klinische und elektrocardrographische Bild der Coronarartevien- thrombose". Prof. S ch e l l o n g (Kiel) über Die Hypertonie bei Jugendlichen". Prof, von Jaschke (Gießen) überOperative Gynä­kologie unö Herzgefäßapparat. Prof. De de (Dad-Rauheim) über die physikalisch-chemi­schen Grundlagen der Gasbindung in den Kohlen- fäurequellen.

Gesellschaftliche Veranstaltungen der Bad- und Kurverwaltung umrahmen die wissenschaftlichen Darbietungen des mehrtägigen Lehrgangs.

Ich weih nicht, ob das überhaupt Bier ist. Es ist ganz anders als das, was wir sonst Bier nennen, ganz hell, leicht, bünn. Am ehesten hat es noch mit dem Pilsener etwas Ähnlichkeit, aber ohne dellen leichte Bitterkeit. Es ist ein Getränk für den Durst, und es ist wohl fast un­möglich, sich in Weißbier zu betrinken, selbst ein ganzer Liter hat nur wenig Alkohol in ftch. und schon das gewaltige, runde, große, flache Glas, das wie eine Schale aussieht, erweckt die Vorstellung eines kühlen Bades.

Rur eine nicht immer angenehme Eigenschaft hat dieBerliner Weiße", sie wirkt auf die Verdauung ähnlich wie der Frankfurter Apfel­weins Daß sie kein richtiges Bier ist, wird schon daraus klar, daß man gern ein paar Tropfen Himbeersaft hineintut, die in dem weißen, dicken Schaum ein rosa Gesprenkel hinterlassen. Him­beersaft im Bier? Eine grausige Vorstellung! Aber mit betBerliner Weiße" verträgt es sich sehr gut, und immer, wenn maneine Weiße" bestellt, wird man gefragt:Mitmit ober mit ohne"?"Mit mit ist eben mit Himbeersaft» undmit ohne ist ohne.

Berliner Weiße gilt nicht für fein,feine" Lokale sichren sie nicht. Das ist recht dumm, denn sie ist ein angenehmes, leichtes, sehr durststil­lendes und erfrischendes Getränk von feineren Qualitäten, als man sie dem Erfindergeist des sonst ja nicht gerade sehr kultivierten Berliner Gaumens vertrauen möchte.Machen Sie, wie vor einem Laden geschrieben steht,machen Sie einen Versuch! Sie werden des Lobes voll fein!"

Hochschulnachnchien.

Zum Rachfolger von Prof. W. Hävers auf den Lehrstuhl der vergleichenden Sprachwissen­schaft an der Universität Würzburg ist Prof. Dr. Alfons Reh ring von der Universität Breslau in Aussicht genommen. Der bis­herige außerplanmäßige außerordentliche Pro­fessor an der Universität Freiburg i.Br. Dr. Hans Schrepfer ist in der naturwissen­schaftlichen Fakultät der Universität Frank­furt a. M. als Privatdozent für das Fach der Geographie zugelassen worden. Zu ordent­lichen Professoren an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin sind berufen worden: der Stadtgartendirektor Professor Erwin Barth in ©IjatlOttenburg für Gartenkunst und der Generaldirektor Erich Maurer in Ketzin an der Havel für gärtnerischen Pflanzenbau. Professor Maurer ist gleichzeitig die Leitung der Lehr» und Forschungsanstalt für Gartenbau in Berlin-Dahlem übertragen worden.