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Nr. 16 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag, 19. Januar 1929

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Der staatliche Hochbau in Stadt und Kreis Gießen

in den Jahren 19211928.

Während des großen Krieges war, wie so vieles andere, auch die Bautätigkeit des Staates, soweit sie nicht unmittelbar Kriegs­zwecken diente, zum Stillstand gekommen. Es fehlte in der Heimat an Handwerkern, an Dau- stoffen so wurde z. D. die Verwendung von Oelfarbe streng verboten und an dem be­dauerlicherweise Nötigsten dem leidigen Geld. Man muhte sich schließlich auf die allerdring­lichsten Unterhaltungsarbeiten beschränken. Dieser unerfreuliche Zustand dauerte infolge des läh­menden, unerwarteten Ausgangs des Kriegs auch noch einige Zeit nach Kriegsschluh fort. Erst mit dem Jahre 1921 etwa nahm der Staat seine Bautätigkeit wieder einigermaßen auf. Dann ging es aber schnell auf- und vorwärts. Es galt, das Versäumte nachzuholen, und dann hat­ten die durch den Krieg stark veränderten Ver­hältnisse den Staat vor eine Fülle von Aeuauf- gaben gestellt, die unbedingt gelöst werden muß­ten. Die staatlichen Baubehörden erhielten über­all in deutschen Landen reichlich Arbeit!

3m folgenden soll kurz gezeigt werden, welche Bauaufgaben von dem staatlichen Hoch­bauamt Gießen, das die dem Dolksstaat Hessen gehörigen Gebäude in Stadt und Kreis Gießen betreut, zu Ibsen waren.

I.

Es galt zunächst, daS schlimmste liebel unsrer Zeit, die Wohnungsnot, zu bekämpfen. Auch der hessische Staat litt schwer unter diesem Hebel. War es doch kaum möglich, für die Nach­folger von in den Ruhestand getretenen oder verstorbenen Beamten geeignete Wohnungen zu erhalten! Heberall, zum Nachteil des Dienstes, Vertretungen! Oder falls der Nachfolger den Dienst übernahm, so mußte er in den meisten Fällen auf ein Zusammenleben mit seiner Fa­milie verzichten, doppelten Haushalt führen, woraus dann wieder dem Staat hohe Kosten er- wuchst. Man entschloß sich schliehlich zum Bau von Mtetwohnhäusern für Beamte; auch Dien st Wohngebäude Dienstwoh­nungen enthaltend wurden mehrfach errichtet und weitere Beamtenwohnungen bei Erstellung neuer Dienstgebäude, vielfach auch durch geeig­neten Ausbau vorhandener staatlicher Gebäude, gewonnen.

3m Hochbaubezirk Gießen wurden bis­her errichtet:

1. 11 Mietwohnhauser für Beamte, 10 davon in Gießen, eines in Grünberg; sie enthalten insgesamt 51 Drei- bis Fünfzimmerwohnun­gen.

2. 3 Dienstwohngebäude für Beamte, je eines in Gieße», Grohen-Linden und Reiskirchen; sie enthalten zusammen 9 Drei- und Vier­zimmerwohnungen.

3. Ferner wurden 27 Zwei- bis Fünfzimmer­wohnungen in Neubauten von Dienstgebäu­den und durch Ausbau vorhandener Ge­bäude gewonnen, unö zwar: 21 in Dießen, 5 in Grünberg und 1 in Cid).

ES sind das insgesamt 87 Wohnungen sür Beamte. Dem Wohnungselend wurde so wenigstens etwas abgeholfen. 3mmerhin ist noch vieles auf diesem Gebiete zu tun.

Richt unerwähnt soll bleiben, daß auch für Unverheiratete, im Staatsdienst Beschäftigte weitgehend gesorgt wurde; für Aerzte, Schwe­stern, Dienstpersonal wurden zahlreiche Räume in den neuerrichteten 3nstituten und Anstalten vorgesehen oder durch Ausbau in den vorhan- denen Anstalten gewonnen.

H.

Neben der Bekämpfung der Wohnungsnot der Beamten war die zweite Hauptaufgabe: der Ersah abgängig gewordener staat- licher Gebäude, die Erweiterung zu klein gewordener An st alten, der Neu­bau notwendig gewordener 3 nsti - tute und Amtsgebäude. Da man es nicht als angängig erachtete, im Wettkampf der deut­schen Universitäten die Gießener Univer­sität in den Hintergrund treten zu lassen, war die Bautätigkeit auf diesem Gebiet, nament­lich im Bereich der medizinischen Fakultät, eine sehr starke. Nachfolgend seien einige der be- merkenswertcsten Neubauten aufgeführt.

Die Universitätsfrauenklinit wurde durch einen großen Ausbau erweitert; er enthält neben zahlreichen gut ausgestatteten Kranken­räumen vorbildliche Anlagen für Wasser- und Röntgenbehandlung, und einen großen Hörsaal mit den erforderlichen Nebenräumen.

3nfolge der Errichtung des neuen Lehrstuhls für Beterinärhygiene und Tierseuchenkunde wurde auf dem Gelände der alten Deterinärkluriken an der Frankfurter Straße unter Benutzung vor­handener Baulichleiten das Universitäts- Tierseucheninstitut errichtet; in 4 Bauten sind die mit allem Erforderlichen ausgerüsteten Forschungs-, Unterrichts- und Stallräume unter­gebracht. Das Hauptgebäude beherbergt zur Zeit auch noch die staatliche Rotlaufimpfanstalt.

Die Klinik für Haut- und Ge­schlechtskranke wurde durch zwei Anbauten auf das Vierfache ihres früheren Umfangs ge­bracht, 160 Krankenbetten sind jetzt dort auf­gestellt, gegen seither 36. Die Trennung der Patienten nach Geschlechtern ist streng durch- geführt; bemerkenswert sind insbesondere die Räume für Lichtbehandlung.

Das physiologische Universitäts- Institut. dem, in den viel zu engen Räumen der alten Frauenklinik in der Senckenbergstraße zusammengepreht, die Luft zum Atmen fehlte, erhielt einen wohlgeordneten, weiträumigen Neu­bau an der Friedrichstraße, in dem es sich aus­dehnen kann. Der Neubau enthält im Dachstock noch die Universitätsinstitute für Körperkultur und experimentelle Psychologie. Die früheren Räume des phy­siologischen 3nstituts in der Senckenbergstraße erhielt das angrenzende Landwirtschaft­liche 3nstitut, womit auch diesem geholfen war.

Die sechs kleinen Dampfkessel, die die Kliniken mit Wärme und Kraft versorgten, muhten, über­altert und abgängig, beseitigt werden. Ein Doll* ständig neues Kesselhaus erstand, in ihm fanden 2 große Dampfkessel mit 200 bzw.

250 Quadratmeter beheizter Fläche Aufstellung; sie erhalten die Brennstoffe selbsttätig durch elektrisch betriebenen Aufzug über eine hoch­liegende Dunkeranlage zugeführt und sind mit allen zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit erson­nenen Vorrichtungen, wie Wanderrosten, Speise­wasservorwärmern u. dgl. ausgestattet. Der Be­trieb gestaltet sich so, zumal auch der Kamin auf 60 Meter erhöht wurde, tatsächlich überaus wirtschaftlich.

Gleichzeitig mit dieser Bauausführung wurde die Versorgung der Kliniken mit war­mem Wasser zentralisiert, die Zentrale be­findet sich int neuen Kesselhaus. Auch die Zen­trale der neu angelegten selbsttätig arbeitenden Fernsprechanlage der Kllniken wurde hier untergebracht.

Zur Entlastung des überbeanspruchten Vor­lesungsgebäudes in der Ludwigstraße tauschte der Hessische Staat das nicht mehr als Kranken­haus benötigte Garnisonlazarett in der Drau- gasse gegen Gelände von der Stadt Gießen ein. 3n dem Gebäude, das im 3nnern teilweise um­gebaut und durch einen großen FlügeLbau er­weitert wurde, fanden zwei früher im Vorlesungs- gebäude untergebrachte Universitäts.nstitute Auf­nahme, das F o r st i n st i t u t mit seinen sechs Abteilungen und das Geologische 3 nsti - t u t. Ferner wurde hier das Agrikultur­chemisch« 3nstitut seßhaft, es arbeitete vor­her in einem inzwischen an das Tierseuchen­institut über gegangenen Gebäude der alten Okto- rinärkllnik.

Für die Medizinische Universitäts­klinik, bei der der Andrang der Kranken oft derartig groß ist, daß schwer infektiöse Kranke mit andern im gleichen Raum zusammengelegt werden müssen, wird zur Abstellung dieses Miß­standes zur Zeit ein größeres 3 solierge - bäude aufgesührt.

Gleichfalls in Ausführung begriffen ist zur Zeit ein Erweiterungsbau des Pathologi­schen Universitätsinstituts. er enthält in der Hauptsache einen größeren Sektionssaal für Lehr^wecke und neuzeitlich eingerichtete Auf­bewahrungsräume für Leichen.

3n Ausführung ist ferner ein Erweiterungsbau der Zentralküche der Kliniken; er ist durch die Vergrößerung der Delegzisfer der Kli­niken nötig geworden.

Auch ein ausgedehnter Erweiterungsbau für die im Laufe der Jahre zu klein gewordene Kinderklinik steht zur Zeit im Rohbau.

gerner steht im Rohbau auf dem Gelände der Deterinärk.inlken der Neubau einer geburts­hilflichen Veterinärklinik, ein 3nstitut, das bisher von der Veterinärmedizinischen Fa- kultät schmerzlich vermißt wurde; eS ist unentbehr­lich für die Ausbildung der Veterinärmediziner.

Außer für Universitätszwecke mußte auch auf anderen Gebieten der Staatsverwaltung baulich gesorgt werden.

Letzten Endes auch durch die Wohnungsnot veranlaßt, erstand ein Neubau für ein Kreis- gesundheitsamt in Gießen. Er enthält im Erdgeschoß die nötigen Dienst räume und eine kleine Deschließerwohnung, darüber Di-enstwoh- nungen.

Die Neuorganisation des DermessungSwesenS in Hess>n erbrachte dem Baubezirk Gießen zwei Neubauten, je ein Vermessungsamtsge­bäude in Gießen und Grünberg. Sie enthalten im Erdgeschoß die erforderlichen Amtsräume und in den Obergeschossen Dienst- und M.ettvohnungen.

Das zu klein gewordene Dienstgebäude des staatlichen Hochbauamts in Gießen wurde durch Um- und Aufbau wesentlich er­weitert.

Das Dienstgebäude für das Amtsgericht Gießen, das. vor dem Kriege begonnen, im Kriege unfertig liegen geblieben war, wurde fertiggestellt und mit innerer Einrichtung ver­sehen.

Für das Polizeiamt Gießen, das in dem unzweckmäßigen engen Gebäude in der Weidengasse Hausen muhte, wurde durch Umbau der alten Zehntscheuer am Landgras-Philipps- platz ein durchaus gediegenes und dabei schönes Dienstgebäude gewonnen; die baulichen Arbeiten sind beendet. Diese Lösung ergab sich aus zwei Forderungen: 1. Das neue Polizeidienstgebäudr sollte im Stadtinnern, wenn möglich in der Nähe des Kreisamtsgebäudes liegen; 2. der neben dem Kreisamt-gebäude gelegene alte schöne Fachwerk­bau der Zehntscheuer sollte aus geschichtlichen und künstlerischen Gründen in feiner charakteristi­schen Eigenart dem Stadtbild erhalten bleiben.

Für die im Tierseucheninstitut untergebrachte Rotlaufimpfan st alt wird zur Zeit an der Marburger Straße in Gießen ein größeres Dienstgeväude mit ben erforderlichen 2aMora­torien, Herstellungs- und Aufbewahrungsräumen für das Serum und Dienstwohnungen errichtet. Die Serumpferde erhalten einen besonderen Stall­bau.

HL

Die dritte und nicht unwichtigste Aufgabe, die dem staatlichen Hochbauamt Gießen gesteltt war, bestand in der ordnungsgemäßen Unter­haltung dervorhandenen staatlichen baulichen Anlagen; ungezählte im Lauf der schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre eln- gerissene Schäden muhten behoben werden unter Aufwendung von erheblichen Mitteln und erkleck­licher Nervenkraft. Denn diese Arbeiten voll­zogen sich durchweg an im Gebrauch befindlichen Gebäuden, in benutzten Laboratorien, in belegten Kranken räumen.

Daß eine so umfangreiche Bautätigkeit an die Börse des Staates keine geringen Ansprüche stellte, ist einleuchtend. War auch die Zeit schwer, der Hessische Landtag bewilligte doch im Bewußt­sein, daß Stillstand Rückschritt ist, das ihm nachgewiesene Notwendigste an Neubauten, di« Mittel für die erforderliche Unterhaltung des vorhandenen Bestands. Wieviel an staatlichen Geldern in dem betrachteten Zeitraum für die Gebäude des Hochbauamtsbezirks Gießen veraus­gabt wurde, läßt sich durch einfache Addition der Kassenbücher jedoch nicht feststellen; denn in diesen Zeitraum fällt das unsellge Gveignis der 3n- flation. Für eine Zusammenstellung bliebe jedoch der Weg. als Kosten der in den 3nflationsjähren 1921 bis 1923 ausgeführten baulichen Herstellun­

gen die. Beträge anzunehmen, die entstanden wä­ren, wenn jene Herstellungen erst nach Wieder­eintritt geregelter Verhältnisse, etwa im 3ahre 1925, ausgeführt worden wären. Dieser Weg ist im nachfolgenden beschritten worden. Zur weiteren Erläuterung der folgenden Kostenzu­sammenstellung sei gesagt, daß in ihr die Kosten der Bauplätze nicht enthalten sind und daß an Kosten für innere Einrichtungen nur die von der Baubehörde verausgabten Beträge auf­geführt wurden.

Die zur Zeit noch in Ausführung begriffenen baulichen Herstellungen sind mit den im Vor­anschlag errechneten Beträgen eingesetzt.

Es wurden in dem Zeitraum von 1921 bis 1928 im Hochbaubezirk Gehen benötigt:

a) für Neubauten und größere bauliche Neu­herstellungen einschließlich Inneneinrichtung en:

Mk.

1. für die Universität 4 065 000

2. für sonstige staatliche Behörden 2 250 000 b) für Dauunterhaltung und kleinere

bauliche Neuherstellungen:

l.in Universitätsgebäick>en 1 205 000

2. in sonstigen staatlichen Gebäuden 593 000

Zusammen 8 113 000

Oberhessen.

Landkreis Gießen.

CD Klein-Linden, 18. Ian. Aus der jüng­sten Gemeinderatssitzungist als bemerkens­wert u. q. zu berichten: Mit Rücksicht darauf, daß die von der Stadt Gießen geplante Autolinie an das Autooerkehrsnetz und die Elektrische Stra- ßenbahn der Stadt Gießen angeschlossen werden soll, beschließt der Gemeinderat in feiner Mehrheit, die Durchführung der Linie nachKlein- Linden zu erstreben. Die oom Gemeinderat ge­wählte Verkehrskommission soll auf der Grundlage der Rentabilitätsgarantie weitere Verhandlungen mit der Stadt Gießen führen. Wegen Umlegung der Baulinie in der Heg st raße stellt sich der Gemeinderat auf den Standpunkt, die zuletzt festgelegte Baufluchtlinie zu belassen. Das hier an Dem Weg erübrigte Land soll an die Interessenten zum Preise von 3,50 Mark für den Quadratmeter verkauft werden. Die Kosten der Vermessung und Ueberschreibung tragen je zur Hälfte die Gemeinde und die Interessenten. Der Kaufpreis ist an Mar­tini 1929 und 1930 fällig. Der Beitritt «um Kreis- rinderzuchtoerein in Gießen für Simmen­taler Rindvieh wird vorläufig abgelehnt. Um die Verbreiterung der Provinzial ft raßen und die Erweiterung der engen Kurven durch­führen zu können, beschließt der Gemeinderat, das nierzu oenötlgenbe Gelände, das übrigens In der Feldbereinigung bereits zugefchnltten worden ist, der Provinz kostenlos sur Verfügung zu stellen.

gck. Gr en-Buseck. 18. 3an. 3m neuen Dchulhause wurde der erste der von der Volks­hochschule zu Gießen für hier vorgesehenen Vorträge gehalten. An Stelle deS erkrankten Professor Dr. S e s s o u S sprach Dr. Appel, Gießen, überPflanzenkrankheiten und ihre Dv- kämpftmg". Der Redner erntete für seine von reichem Wissen zeugenden Darlegungen, die durch Lichtbilder wirksam unterstützt wurden, reiche An­erkennung. Seitens des Leiters der Veranstal­tung. Bürgermeister Gans, und anderer Teil­nehmer wurde lebhaft bedauert, daß nicht mehr Zuhörer erschienen waren, um durch diese gün­stige Gelegenheit ihr Wissen zu bereichern und praktischen Vorteil daraus zu ziehen. Es muh be­grüßt werden, daß der Vortragende nicht bet rein wissenschaftlichen Ausführungen stehen blieb, sondern auch reichlich prattische Vorschläge zu machen wußte, die von den anwesenden Land­wirten bereitwillig ausgenommen wurden. So wurde z. D. tatkräftige Unterftüßunp durch das Landwirtschaftliche 3nititut bei der tm Frühjahr vorzunehmenden Saatgutbeize zugesagt. Die Aus­sprache, an der sich u. a. Bürgermeister Gans, Rektor 3nderthal, Ehr. Wagner, Lehrer Ortwein, W. Schmidt beteiligten, bewies, daß der Redner es verstanden hatte, das leb­hafte 3nterefse seiner Zuhörer zu wecken. Es ist zu hoffen, daß der nächste Dorttag regeren Be­such auf weist.

Z Winnerod, 18. Ian. Unser Pfarrer Mar- g u t h, der seit elf Jahren die Pfarrstelle Winnerod innehat, ist zum Pfarrer von Södel ernannt wor­den und wird Anfang Februar seine neue Stelle an­treten. Aus Gesundheitsrücksichten suchte Pfarrer Marguth eine Stelle ohne Filial mit mildem Klima, da er sich hier ein Augenleiden zugezogen hatte, wohl infolge der Filialwege und ungeheizten Kirchen. Di Gemeinden unseres Kirchspiels sehen ihren Pfar- rer ungern scheiden und wünschen ihm, daß er in seiner neuen Stelle finde, was -er sucht. Bei dem herrschenden Pfarrermangel ist anzunehmen, daß zu­nächst kein neuer Pfarrer hier aufzieht, und die Stelle von den Nachbarpfarrern mit versehen wird.

$ Göbelnrod, 17. 3an. Dienstag abend fand eine gemeinsame Sitzung des Gemeinde- und Schulvorstandes statt, in der über die Frage des Neubaues einesS ch u lsaa 1 es verhandelt wurde. Bereits Im März vorigen Jahres war der Neubau beschlossen worden unter der Voraussetzung, daß vom Staat eine Beihilfe gewährt werde. 3m Rechnungsjahr 1928 war das unmöglich, deshalb wurde der Plan zunächst zurückgestellt. Da die Gemeinde dringend den Schulsaal benötigt, soll möglichst in diesem 3ahr noch gebaut werden. Der Gemeinde- und Schul­vorstand hat deshalb kürzlich einige Schulsäle, die in der letzten Zeit gebaut worden sind, be­sichtigt. 3n der jetzigen Sitzung sollte nun über die Ausführung des Baues beschlossen werden. Der Vorsitzende des Schulvorstandes, Lehrer Al­le n d ö r f e r , hatte auf einer Schultafel die verschiedenen Projekte im Grundriß ausgezeichnet. Nach ausführlicher Besprechung der Vorzüge und Nachteile der einzelnen Pläne einigte man sich auf einen Plan, der allerdings noch die Zustim­mung des Anliegers finden muß. Mit dem An­lieger wurde anschließend verhandelt, seine Ent­scheidung wird im März erfolgen, und zwar wahrscheinlich zustimmend. 3m Sjintergrunb des geplanten Neubaues steht die Frage eines Bet- f aal baue«, die auch in der Sitzung wieder

eingehend erörtert wurde. Es bestehen die bei­den Möglichkeiten, entweder beide Bauvorhaben gemeinsam zu erledigen, oder aber den Dau des BetsaalcS, der auf den Schulsaal gebaut werden soll, wegen der finanziellen Schwierigkeiten spä­ter zu tätigen. Einig waren sich alle Mitglieder beider Körperschaften darüber, daß ein Betsaal nötig ist und eine Lebensfrage für das religiöse Leben der Gemeinde bedeutet, weil manche Ge­meindeglieder unmöglich die Kirche auf dem Wir- berg besuchen können, lieber die Möglichkeit der Ausführung besteht aber keine ilebereinftimmung. Darüber sollen noch Unterlagen besonders in finanzieller Hinsicht eingeholt werden. Da der Pfarrer als Mitglied des Schulvorstandes an­wesend war, machte er nähere Angaben und Dorschläge über die Möglichkeiten zur Erreichung des Zieles: einen gottesdienstlichen Raum in Göbelnrod. Ein K i r ch b a u v e r e i n ist hiernach nötig und wird eine wertvolle Hilfe bedeuten. Zum Opfer bringen find die Gemeindeglieder be­reit, und ohne das wird es nicht gehen. An­schließend wurde noch die Gemeinderechnung 1927 beraten.

ch Aus der Rabenau, 18.Jan. Wie im ver­gangenen Jahr, so soll auch im kommenden Frühjahr in einzelnen Gemeinden einplanmäßigesUm- pfropfen von Ob ft bäumen oorgenommen werden. Der Landwirtfchcrftskammerausfchuß für dis Provinz Oberheffen hat in den letzten Tagen eine Aufforderung an die Dbftbaumbefiher unseres Be­zirkes ergeben lassen, die zum Umpfropfen geeigneten Bäume anzumelden.

is. Steinbach, 18. Jan. Gestern fand die erste Holzversteigerung im hiesigen Gemeinde­wald statt. Zum Ausgebot kamen größere Mengen Buchenholz; es waren deshalb ausnahmsweise wie­der auswärtige Steigerer zugelassen. Wie fast über­all, so war auch hier eine Preis st eigerung zu bemerken. Buchenscheiterholz kam bis zu 36 Mk., Knüppel 28 Mark, Stockholz bis 20 Mark je zwei Meter. Roch besser bezahlt wurden Buchenastwellen, vo 50 Stück bis zu 20 Mark tarnen. Am gleichen Abend wurde auch eine Güteroer st eigerung abgehalten, bei der ebenfalls flott geboten wurde. Obwohl die Bedingungen (Zahlungstermine und Kosten) den Käufer weit mehr belasten wie früher, wurden vereinzelt Preise geboten, bei denen eine Rentabilität angesichts der heutigen Lage der Land­wirtschaft ausgeschlossen ist.

ds. Langsdorf, 17. 3an. Dienstagabend hielt unser Ortsgeistlicher, Dr. Hey mann, im Saale von Gastwirt Schäfer einen längeren, inter­essanten Dortrag über die Ortsgeschichte von Langsdorf. Als Thema wählte er den Iudenkrawall von 1850. Der Redner besprach die Vorgeschichte, die Epochen, den Ausgang des Kampfes. Es sei darüber kurz berichtet: Langs­dorf, das im Gegensatz zu seinen Nachbarorten schon im Mittelalter durch Freibriefe allerhaird Vorrechte besaß,' hatte durch Buge Politik seines Bürgermeisters mrd des Orts Vorstandes, sowie durch große Opferbereitschaft der Bürger, all­mählich einen erheblichen Wohlstand zu ver­zeichnen, der sich u. a. darin ausdrückte, daß jedem Ortsbürger in Form von Lvsholz ein hoher Nutzen zufloh. Don diesem waren die sieben jüdischen Familien ausgeschlossen, die auch außerhalb der Dors mauern wochren mußten. Da tarnen die Märzgesetz« von 1848, die alle Staats­bürger gleichstellten. Die jüdischen Einwohner forderten barm auch die Eintragung in die Bür­gerliste, die man ihnen verweigerte. Sirnnal, weil der Bürgernutzen nur durch große Opfer der Dorfahren erreicht war, dann, weil das ©in- standsgeld nicht mit dem Ruhen im Einklang stand, ferner, weil man damals die jüdischen Ein­wohner nicht als gleichberechttgt anerkennen wollte. Es kam zum Kampfe zwischen beiden Par­teien Die Gemeindeverwaltung trieb drei Jahre eine Derschleppungspolittk. Mit ihrer Angelegen­heit machte sie der Regierung in Friedberg viel Schererei, auch der Landtag nahm dazu Stellung. Endlich war die Geduld der Regierenden zu Ende. Die Gemeinde verlor, hatte aber erreicht, daß das Einstandsgeld erhöht ward. Rückblickend darf gesagt werden, daß beide Parteien sich tapfer geschlagen haben, siegen mußte eben die, auf bereit Seite das Recht stand. Die Ausführungen des Redners fanden das lebhafteste 3nteresse der Zu­hörer, in deren Namen Bürgermeister Kneipp dem Dortragenden dankte.

# Bellersheim. 15. 3an. Die Verhand­lungen über den Ankauf von Sledlungs- land, über die imGieß. Anz. schon kurz be­richtet wurde, sind zum Abschluß gelangt. 3n den Jahren nach Kriegsschluh wurden, um den da­maligen Landhunger zu befriedigen und gerade die kleinen bäuerlichen Betriebe wirtschaftlicher zu gestalten, 200 Normalmorgen Ackerland vom hiesigen Hofgut abgetrennt und zu Siedlungs- zwecken verteilt. Die Fürsllich Solms-Draunfets- sche Standes Herrschaft hat nun dieses Siedlungsge- lände an die seitherigen Pächter zum Preise von durchschnittlich 900 Mark verkauft. Für diejenigen Landinhaber, die aus wirtschaftlichen oder fami­liären ©rünben den Kauf nicht tätigen konnten, ist die Gemeinde als Käufer eingef prangen und gibt das Land in Pacht weiter. Eine Kommission von Sachverständigen hat eine Punktierung des in verschiedenen Wertklassen gelegenen Geländes vorgenommen, so daß sich der Normalmorgen je nach Lage, Entfernung und Bodenart auf 500 bis 1200 Mark stellt. Die Zahlungsbedingungen sind als günstig zu bezeichnen. Ein Fünftel des Kaufwertes ist am 1. April d. 3. fällig. Der Restbetrag kann in 18 Jahresraten getilgt wer­den, wobei ein Zinssatz von nur 7 Prozent in Anrechnung gebracht wird. Zur Zeit werden noch Verhandlungen über den Ankauf von wei­teren 400 Normalmorgen Pachtland der ehe- maligen Standes Herrschaft geführt. Es handelt sich hier um sog. Streugelände, das seit der Durchführung der Feldbereinigung unter hiesig« Grundbesitzer zu einem mittleren Pachtsatz ver­teilt ist. Da es sich in der Hauptsache um Land, das den niedrigen Erttagsllafsen angehört, han­delt, wttd als Kaufpreis eine viel geringere Summe je Normalmorgen genannt.

s. Utphe, 17. 3an. Das Gräflich Solms- Laubachsche Hofgut Utphe, über dessen Ver­kauf schon kurz imGieß. Anz." berichtet wurde, ist mit Beginn des neuen 3ahres an den neuen Besitzer übergegangen. Mit diesem Geschehnis schwindel der letzte Zusammenhang unseres Ortes mit dem einst regierenden Hause Solms, an welches Utphe, daS vorher Falkensteinlsch war, im 3ahre 1489 durch Teilung fiel. Bekanntlich spielte Utphe in der Grafschaft eine bedeutsame Rolle. Es war ein Amt und Gerichtsort. 3n- folgedessen war hier auch eine Freistatt füti