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Sn dieser Kennzeichnung ist vieles richtig. Don Sturzo merkt nur nicht, daß gerade die Summe der im einzelnen anfechtbaren Eigenschaften das Rätsel des überwältigenden mussolinischen Sieges löst. Der Führer derweißen Internationale" muß ein ungleich besserer Mensch als der Führer der schwarzen Nationale sein, denn er ist trotz eines wunderschönen Parteiprogramms nicht einmal in Italien zu irgendeinem Erfolg gelangt.

Erinnern diese entrüstet hingcworfenen Porträts nicht an das Bild, das Mazzini von Cavour entwarf, der als Staatsmann derart lüge, daß ihm keiner mehr glaube? Cavour, dieser Ueberpatriot, der Nizza und Savoyen an Frankreich auskieferte, der Garibaldi in seiner eigenen Heimat zum Frern- den machte! Wie aber sagt Treitschke?Wir ver­stehen den Zorn über ihn, doch wir vergessen nicht, wie leicht das Urteil, wie schwer die Tat. Nicht mit moralischen GemeinpläNen darf ein politischer Kopf hinweggleiten über den fürchterlichen Streit der Pflichten, der das Gewisten eines Staatengründers erschüttert. Dem Staats« manne ist es nicht wie dem einfachen Bürger ge­stattet, die fleckenlose Reinheit seiner Haltung und seines Rufes als heilig und als das höchste der Güter zu betrachten. Er lebt für die vitalen Inter­essen seines Volkes, er muß die Zeichen der Zeil zu deuten verstehen, er muß den göttlichen Funken im Wirrwarr der Ereignisse aufspüren und ihn unter harten Kämpfen entfachen. Das allein ist politische Ernsthaftigkeit, bas allein politische Tu­gend, die den Frauen und Sentimentalen immer unverständlich bleiben wird. Wenn die Opposition einer trägen Welt nicht anders gebrochen werden kann, dann muß der Staatsmann, um seine Idee zum Siege zu führen, auch zu verwerflichen Mit­teln greifen, wie sie das Individuum zur Errei­chung seiner persönlichen Ziele nicht anwenden dürfte. Angesichts der rauchenden Trümmer des Vaterlandes sich d'e Hände in Unschuld waschen, nur um die bequeme Genugtuung des Selbstlobs zu haben: Ich habe niemals gelogen das ist des Mönches Tugend, nicht des Mannes."

So wird aucb der Duce in die Geschichte über­gehen, mag ihn heute noch der Haß der Parteien und das Unverständnis der Sentimentalen um­schäumen. Denn er hat nie etwas anderes gewollt, seit er den Rubikon überschritt und seine Legionen nach Rom warf, als die Größe des Vaterlands.

Musiolini ist nach feiner Biographin Sarfatti als Mensch bloß ein aristokratischer Plebejer, der ein eisernes Hirn, aber ein Herz hat, das ein wenig seh/süchtig, ein wenig naiv, ein wenig sentimental ist. Wenn er nicht voll Leidenschaft und voll Wider­sprächen wäre, wie könnte er die Kraft haben, sich selber und die Menge zu beherrschen? So fragt mit richtigem Gefühl eine Frau. Wir wissen überdies, daß er seinen Machiavelli zwar nicht auf der Zunge, aber im Kopfe hat. DerPrincipe" des großen Verschwörers und Staatskundigen ist sein Vade- mecum, NietzschesWille zur Macht" fein Brevier. Schaffen! Das ist die große Erlösung aus den Schmerzen und der Trost des Lebens. Tot find alle Götter, jetzt wollen wir, daß der Uebermensch lcbe!"

Aber nicht der Uebermensch im größenwahnsinni­gen Stile D'Annunzios, sondern kn Sinne über- menschlicher Tatkraft zum Wohle des Vaterlands.

Eines an Mussolinis Sendung haben die Sterne, wenn wir von allen astrologischen Spielereien ab­sehen, richtig verkündet. Das erste, was der Knabe staunend am Firmament betrachtete, war die S.trahe nach Rom". So heißt man in der Romagna die Milchstraße. Und Roma war das erste Wort, das er kritzelte. Mutter und Geliebte blieb ihm auch In den dunkelsten Tagen die leuch­tende, die Roma aeterna.

Aufs Kapitol au gelangen, das wußte und fühlte ex, muß man die Gefahr lieb gewinnen, immer gefährlich leben", das Leben dramatisieren. Da gehen nicht viele Freunde mit, da ist viel Einsam­keit um den Wanderer. Der Glaube ans Kapitol hat ihn immer über Wasser gehalten, ob er als Maurer Lesenen um die Fenster schrieb oder als Journalist Schlagerzeilen mauerte, an deren Treff­sicherheit er, wie Bismarck, tagelang arbeiten konnte.

Mag sein, daß seine Bildung mittelmäßig ist, wie Don Sturzo behauptet. Wenn das ein Dor­wurf fein soll, dann befindet sich Musiolini in kei­ner schlechten Gesellschaft wo wäre der hochge­züchtete Dildungstyp, der ein Reich schmieden kann?

Die hervorstechende menschliche Schwäche Musso- Nnis ist sein zügelloser Ehrgeiz, aber die Frage

die Rovelle lesen: sie ist ein schönes und reifes, ein ernsthaftes und menschliches Werk.

Wohl das Beste, was man von der Inszenie­rung des Intendanten Dr. P r a s ch sagen kann, ist dies, daß sie das irgend Mögliche aus dem Stuck hervorholte. (Ganz ,möglich" wird es nie fein.) Sie Aufführung war farbig, lebendig, im guten Sinne stimmungsvoll, sehr gearbeitet im Dialog, und von einem seinen Gefühl für das Atmosphärische der beiden Schauplätze ge­tragen. Sowohl das Lager wie die Miets­kasernenwohnung wirkten ganz echt. Und die großen Szenen der Vorbereitung, der ersten De- gegnung, auch jene ..Hinrichtungsszene" am Schluß tarnen stark und überzeugend heraus.

Nur zwei schwache Punkte gab es: der Heber« fall und die Flucht im ersten Akt gerieten ein wenig theaterhast: das muh schneller, schlagartig und überrumpelnd kommen. Lind dann die Besetzung ter Marie, die auf einen falschen Lon abgestimmt war.

Aus dem Ensemble möchten wir Lieselotte Fuhrmann (Anna) an erster Stelle nennen. Die beste, rundeste, lebendigste Gestalt der Auf­führung. Dies war die Frau, die hier gemeint ist. Wer die Aovelle liest, wird es bestätigen. Man empfindet die Steife und die unbestimmbare Anziehungskraft, die von ihr ausströmt. Man glaubt ihr die Abwehr zuerst, die Verwirrung des Gefühls später, den Zweifel, der in eine große Gewißheit übergeht, die Preisgabe der Vergangenheit und die bedingungslose Hingabe. Alles ausgeze.chnet gespielt. Lind eben doch über­all mehr (ober weniger) als gespielt

Arndorf gibt den Karl. Er geht mit einem mächttgen Elan an.die Aufgabe heran. Lind er erzwingt in einzelnen Szenen eine überzeugende Wirklichleit. Wo er sie nicht erzwang (er hat cs vom Dichter aus am schwersten!), lag das bcs auf eine ins Expressionistische abgkitenbe Geste tm ersten Akt. an seiner Rolle. Er hat eben mehrfach Worte zu sagen, die man ihm (und jedem anderen in dieser Volles von vorn- herein nicht glaubt. Dagegen gelingt ihm das -tnebfjafte. die entwaffnende Sicherheit eines Gefühls, dem er nachläuft mit der unfehlbaren

aufwerfen, ob er ohne diese dämonische Triebkraft die oberste Stufe der Kopitotttreppe erreicht hätte, heißt, sie beantworten. Ein zweiter aufdringlicher Charakterzug liegt in seiner unsagbaren Menschen- Verachtung. Sie wird ihre Gründe haben. Ihren Höhepunkt erreichte sie jedenfalls in den kritischen Tagen des Faszismus, als nach der Erschütterung Italiens durch die Ermordung des Sozialisten­führers Matteotti im Jahre 1924 die Freunde wie Halme um ihn wegsanken, als die Opposition hart­näckig wie Salome feinen Kopf, nichts als feinen Kopf verlangte und, eingeschüchterl durch das Ge­schrei, zahllose Schwarzhemden ihre Abzeichen ab- zerreißen begonnen.

Schwerer als die menschlichen Schwachen wiegen bei einem Duce die staatsmännischen Feh­ler. Einer der schlimmsten: die Behandlung der Südtiroler nach dem Herzen Frankreichs. Hier

aber betreten rotr bereits außenpolitisches Gebiet, auf dem sich Mussolini erst noch zu bewähren haben wird. Es läßt sich nicht leugnen, daß er, wie im Inneren das Selbstvertrauen des Volkes, so im Ausland die Achtung, die Italien entgegengebracht wird, gehoben hat, jedoch b i'e politische Iso- licrung noch nicht zu durchbrechen wußte.

Bei der beliebten Aufstellung historischer Paral­lelen wird die Außenpolitik nur zu gerne vergessen, am häufigsten die Gloriole, die doch nun einmal zum Schlachtenkaiser gehört: der Puloerdamps. Im übrigen mag ihn, wer keinen Anspruch auf Kon- kurrenz erhebt, mit Cäsar ober Rienzi oder Crom­well vergleichen: immer wird, bei gewissen Aehn- lichkeiten, wie sie allen Tatmcnfchen eigen sind, der Duce eine singuläre Erscheinung bleiben.

Keine Schablone, keine Form, nach der man nun andere Führer gießen könnte.

Dir RelKsgmuduszsseier in der LlniverM

Die Wiederkehr des Tages der deutschen Reichsgründung wurde gestern vormtttag durch einen akademischen Festakt in der Reuen Aula würdig begangen. Unter den ge­ladenen Gästen, die sich tm festlich geschmückten Saale eingefunden hatte, bemer:c man zahlreiche Vertreter der Behörden, der Oarnifon und eine Reihe von Persönlichkei en aus der Gießener Dür- gerschaft. D.e stuke ttischcn Korporttio-en mit ihren Fahnen hatten auf der Empore Platz genommen und boten im Verein mit den in der vorderen Saalhälfte sitzenden Chargierten ein malerisches Dild.

Rach einem Orgelvorspiel wurde die Feier durch den Einzug des akademischen Senates er­öffnet Hieraus brachte bet Akademisch? Gesang­verein dasAltniederländische Dankgedet" zum Vortrag. Als die Weise verklungen war. er­hob sich

Se. Magnifizenz der Rektor Prof. Or. Herzog

zu einer Ansprache, in der er il a. folgendes ausführte:

Llnsere Hochschulen haben den Gründungstag des Deutschen Reiches als der so lang ersehnten und so rasch durch Kampf und Sieg errungenen Einigung Deutschlands zu einem stillen Fest der vaterlärtdischen Sammlung gewählt, nachdem ein drittes 0)0Iferringen trotz unerhörten sieghaften Heldentums dieses Reich von feiner Macht herab- gestül^t, verstümmelt und in seinen Grundfesten erschüttert hat Diese Selbstbesinnung tut uns bitter not, wenn wir uns zehn 3afjre nach den ungeheueren Opfern im Vaterland umschauen.

Aus dem verlorenen Krieg strömten die Stu­denten zurück in die Derdenbete Heimat, in das Volk, dessen Geisteszustand sie nicht verstehen konnten, in Armut und Llnsicherheit der Zukunft Aber sie brachten den Geist von 1815 mit. und so haben diese Kriegsstudenten ihre Existenz durch Selbsthilfe wieder aufgebaut, den sozialen Zu­sammenhang mit dem Volk gesucht und gefunden. Doch der neue Aufschwung der akademischen LlniversitaS von Dozenten und Studenten hat nicht überall In Deutschland daS Verständnis ge­funden, daS er braucht, um zur Blüte zu ge­langen. Weil die Hochschulen daS Band der Tradition nicht verschnitten haben, sondern in wissenschaftlicher Objektivität auch den großen Erinnerungen der vergangenen Zeit gerecht wer­den. so wurden sie als Hort der Reaftion uni> Feinde der neuen Ordnung verschrien. So scheinen sich die alten Zeiten nach den Freiheitskriegen zu wiederholen: »Die Einigkeit errette bei Guten selbst Verdacht-. Die allgemeine Deutsche Stu­dentenschaft wurde gerade in ihrem grvßdeutschen Charakter angegriffen, die Selbstverwaltung ihrer Einzelstudentenschaften zum Teil aufgehoben und auch die Selbstverwaltung der Hochschulen in einzelnen Ländern eingeschränkt. Wir aber dürfen unserer hessischen Regierung dankbar fein, daß sie unserer Studentenschaft die Selbstverwaltung ge­lassen urtb auch der Universität ihre alten Rechte nicht geschmälert hat. Das Vertrauen, auf dem dieses Verhältnis zwischen Regierung und Unt- versität beruht, wird Lehrkörper und Studenten­schaft zu erhalten bestrebt fein, durch Pflege des Zusammenhanges mit dem Volk. Politischer Ra­dikalismus und Rückfall in geifttofe Veräußer­lichung, diese beiden Gefahren liegen auch jetzt

schon auf der Lauer, da sie durch 'Bewegungen im Dolksganzen vorbezeichnet sind. Untere Stu­dentenschaft aber soll um der Zukunft des Volkes willen, dessen Salz sie werden Witt, ihre 3beale hochhatten und maßvoll und zäh die grvßdeutsche Studentenschaft wieder aufbauen und auSbauen, in der Einigkett, zu der sie sich aus allen deut­schen Gauen, allen Ständen und Weltanschau­ungen zusammen geschlossen hat.

Rach der Ansprache des Rektors ergriff als nächster Redner

Prof. Or. Borgmann

das Wort zu seiner Festrede, einem Fachvor­trag über das Thema ^W i e Deutschland feinen Wirtschaftswald sich schuf, was er i £ m war In der Zeit der Rot. was er rhm sein soll in künftigen Tage n".

Anknüpsend an die Worte des Rektors gab der Vortragende nach einem historischen Rück­blick ein Bild von dem Aufstieg und der Entwick­lung der jungen deutschen Forstwissenschaft: der straffen Organisation, die ein Jahrhundert lang sich durchgeseht habe, fei es zu danken, daß wir heute einen Wald besitzen, der wohlgeordnet in der Folge feiner Altersklaffen uns für alle Zeiten den Ertrag, den er nach Klima. Lage. Voden uns zu geben vermag, nachhaltig ftcher- stellt. 3n keinem anderen Betriebe besitzen Zeit und Raum ein solches Ausmaß wie in der Forst­wirtschaft. Oede Zersplitterung jedes Waldes In parzelliertem Kleinbesih bedeutet das Ende der Forstwirtschaft. Deshalb begrüßen wir den Großbesitz, in welcher Hand er immer liegt Dem Staate obliegt die Pslickt. nicht nur selbst vorbildlich feine Forsten zu bewirtschaften, son­dern auch seine schützende Hand über jeden Wald in anderem Besitz zu halten. Die jährlichen Ertrage der Forstwirtschaft sind anderer Ratur. als die jährlichen Erträge der Landwirtschaft. Land- und Forstwirtschaft sind bodenwirtschaft­liche Betriebe. Der schwerwiegende Einfluß des Faktors .Zeit" im Betrieb der Forstwirtschaft liegt klar zutage. Erstes Gebot ist daher im forst­lichen Betrieb, mit der Zeit sparsam umzugehen. Der Faktor Zeit wirkt sich betriebswirtschaftlich in der Höhe deS HolzvorratslapitalS des Waldes aus. Don nicht minder großer Bedeutung ist das Matz der Destandsdichte. In der Zurücksührung des HolzvorratLkapitals auf sein günstigstes Maß nach Bestandsdichte und Produktionsdauer liegt das entscheidende Moment der Rentabilität des forstlichen Betriebes. Ein bodenwirtschaftlicher Betrieb kann nachhaltig fein, ohne wirtschaftlich zu sein. Ein bodenwirtschastttcher Betrieb ist aber auch nur bann wirtschaftlich, wenn er zugleich nachhaltig ist Dec Gedanke der Wirtschaftlich- kett durchdringt unser ganzes forstliches Denken und Tun. Als Begründer der forstlichen Statik ist vor allem Hundeshagen zu nennen; ihm folgten in Gießen auf dem gleichen Wege Karl Heyer und Gustav Heyer, die das Werk vollendeten, das man die Gießener Schule nennt Bon Hundeshagen sagt Christoph Wagner in Freiburg: .Es war Hundeshagen, der das Ganze umfaßte, der umverfelle Geist, der über dem Ganzen seines Faches stand P* Auch Pretz­ier vertrat mit aller Schärfe den Gedanken der Wirtschaftlichkeit im forstlichen Betrieb. Mit Sorge fieht aber Wagner in dem tastenden

Witterung eines Tieres. Das Beste gibt er in den umspringenden Szenen des dritten Aktes: hin und her geworden zwischen Zweifel. Erwar­tung und tiefer Bestätigung.

G a r e i s. als Richard, war von kräfttger, derber, gewachsener Männiichleit. 11 nb h:l en und gutmütig, gefährlich und hilflos wie ein Kind: alles zugleich; so ist das We>n dieses Menschen gemischt. Die kleine Schlußszene, wenn er ganz verloren, gebrochen und abgewürgt am Tisch sitzt, toar stark und gut. Dagegen versagte 3nge» borg Scherer in der Charge der Marie; sie sand den Ton nicht, sie wirkte viel zu fein und gepflegt, zu bürgerlich und ganz ftemd in diesem grauen Hoshaufe, wo lauter Proletarier wohnen.

Es war ein großer und verdienter Erfolg. Der Intendant konnte zuletzt den Spielern ben Verfall des Hauses entgegennehmen.

Dr. Th.

Gießener Konzertverem.

VI. Lymphonie-Konzert.

War das erste Symphoniekonzert dem Dreigestirn der Wiener Großmeister gewidmet, jo bot die zweite Orchesteraufführung Werte der nachklassischen Zeit und gab damit mterefiante Einblicke in die Wand- hing der Formen, des Inhaltes und der Tendenz der einzelnen Schöpfungen.

An die Stelle des Ringens im eigenen Innern, also starker innerlich treibender, subjektiver Kräfte, tritt mehr eine Anregung zum Sct-afsen durch 6 m. Wirkungen von außen her. Der absolute musika­lische Gestaltungsprozeß bedarf irgendeines Mit­tels, oft außermusikalischer Art, um sich zu äußern So schreibt M e n d e l s s o h n an Z e l t e r aus Ita- hemIch verdanke dem, was nicht die eigentliche Musik ist: den Ruinen, den Bildern, der Heiterkeit der Natur am meisten Musik." Es ist nicht bloßer Zufall, daß Gold mark fein Stärkstes in der Oper und in der programmatischen Symphonie gab; ja, daß sein Stil im orientalischen Milieu der Königin von Saba" ein wesentlich anderer ist, als Z.B. in der friedlichen Sphäre der Oper ,Heimchen am Herd" (Dickens).

Bei Brahms dagegen ist die schöpferische Kraft tief »tm Innern fundiert. Wenn Natureindrücke auf ihn einwirken, wie z. B. in der V-Dur-Symphonie das Idyll des Wörther Sees, so verliert er sich nicht in irgendwelcher Naturschilderung oder Tonmalerei, sondern der Gesamteindruck feiner Umgebung klingt in seiner eigenen gehobenen Stimmung wieder. Und so trägt die O-Dur-Symphonie ein wesenllich ande­res Gepräge als die erste; nicht als Darstellung ge­wonnener Eindrücke, sondern, daß in diesen beiden Werken zwei grundverschiedene Wesensseiten des Meisters im Musikalischen ihre Kündung erhalten.

Einen besonderen Charakter erhält die Sym­phonie dadurch, daß es Brahms bei diesem Werk auch auf die klangliche Wirkung ankam. Er äußert sich darüber an Joachim:Uebrigens freue ich mich auf den Klang, den ich wohl denke, aber nicht aus dem Orchester herausdirigiere, du aber kommst und tust das ... Gar zu gern hätte ich zugehört, denn ich meine, daß gerade das Stück oder man­ches darin mit Wollust zum guten Klingen gebracht werden kann."

Die Klangwerdung, die der Symphonie in Gie­ßen zutell wurde, war ein Herauswachsen aus dem Anfanasmotiv, mit seinem Einhalten und feiner organischen Gliederung, die zumal den ersten Satz wie aus einem Gusse erscheinen ließ und besonders in den Höhepunkten der Durchführung (Engführun- gen der Posaunen) starke Eindrücke hinterließ. Eine ganz besondere Wirkung erzielte die Coda mit dem Pizzikato der Streicher. Dunkle Glpt durchwärmte das Adagio mit der hehren Eingangskantilens der Celli und seinen kontrastierenden Mittelsätzen, die auch in kontrapunktischer Durchführung besonders klar sich ausbreiteten. Die Uebergänge zur Wieder­kehr des Themas mit ihrem Aufwallen und Sich- Verlieren, traten besonders wirksam hervor. Der starke Eindruck dieses Satzes ließ es wohl verstehen, daß gerade dieses Adagio bei Hans v. Bulow entscheidend wurde für seine Stellungnahme zu Brahms. Die heitere Stimmung der umgebenden Natur spricht sich unmittelbar im Allegretto arazioso aus, das auch in den eingeschalteten Prestoteilen organisch aus dem Grondthema erwächst und wie ein idealer Reigen m t echt Brahmschen Eigentüm­lichketten erscheint. Eine frohe Stimmung beseelte das Finale, das in feinem Eingangsthema einen typischen Wiener Charakter trägt, ja fast an Hoydn erinnern möchte, aber in seiner Fortfüh-

Durcheinander einer neuen Zeit hn Walde Mt Herrsche Schule im Abklingen begriffen. .Doch immer noch leuchtet klar, wenn auch einsam. baS Leitgestirn Hundeshagen, das uns die Richtung weist; möchte sich an ihm ein neues Feuer in unserer Wissenschaft entzünden!" Die Wissen­schaft aber leuchte der Wirtschaft auf ihrem Wege voran, als ihre treue Helferin im Dienst am Voll und Vaterland.

Als der Redner unter lebhaftem Beifall d«k Festvcrfammlung geendet hatte, ergriff

Se. Magnifizenz Prof. Herzog

noch einmal das Wort zu einer kurzen Schluß- ansprache, in der ec der Verbundenheit mit unseren deutschen Brüdern und Schwestern in den Grenz'.an^en beredten Ausdruck gab. Rach dem gemct.ifair.en ©.fange des Deutschlandliedes ließ ein Orgelnachspiel die würdig verlaufene Feier ausklingen.

Reichsgründungskommers der Giudenienschast.

Gestern abend veranstaltete die Gießener Studentenschaft im Saale des Cafe Leib einen Reichsgründungskommers. 3n dem mit Fahnen reich geschmückten Saale ver­sammelten sich die Kommllitonen und eine Anzahl Ehrengäste, darunter Se. Magnifizenz der Rektor Vertreter mehrerer Behörden und eine Anzahl Herren aus der Bürgerschaft, in so großer Zahl, datz der weite Raum des Festlokals vollständig besetzt war.

Bei flotten Marschllängen wurden gegtn 81/2 Llhr unter Vorantritt des Vorstandes der Studentenschaft von den Chargierten die Fahnen der Korporationen in den Saal gebracht und vor der Bühne aufgestellt. Es war ein farben­frohes Bild, das sich nun in Verbindung mit den vielfarbigen Mützen und Kneipjacken der Kommi­litonen dem Auge darbot. Der Vorsitzende der Studentenschaft, stud. med. Henningsen, er­öffnete den Kommersabend nach kurzer Be­grüßung mit einer Ansprache, in der er zum Ausdruck brachte, daß die Feier des Reich^grün- dungstages trotz der schmerzlichen Ereignisse in der neuesten deutschen Geschichte auch heute iwch ihre volle Berechtigung habe. Diese Feier solle ein Bekenntnis fein des Willens zum neugestal- tenden Wiederaufbau unseres Reiches, zur Be­reitung des Weges des Dritten Deutschen Rei­ches und zur Treue zu Volk und Vaterland. Ein Salamander zu Ehren des deutschen Vaterlandes bildete den Austtang der beifällig aufgenomme­nen Ansprache.

Rach einigen flott gesungenen vaterländischen, Liedern sprach der Reichstagsabgeordnete Prof.. Dr. Martin Spahn (Berlin) als Festredner über das ThemaBismarcksche Reichs­verfassung und die gegenwärtigen Reichsverfassungsbestrebungen". Zn etwa dreiviertelstundiger Rede, die von starker Wirkung aus die Zuhörer war, gab der bekannte Historiker einen ileberblid über das große staats­männische Wirken des ersten Kanzlers des Deut­schen Reiches, wobei er vornehmlich der Gestal­tung der Bismarckschen Reichsverfassung die be­sondere Aufmerksamkeit der Zuhörer zulenkte. Der großzügige politische Geist und daS staats- mänmsche Genie des Eisernen Kanzlers wurden in packender Weise den Hörern vor Augen ge­stellt. Dabei wurde mit Deullichkett ersichtlich, daß schon in der Bismarckschen Reichsverfasfung die Tendenz zur Betonung des deutschen Volks­tums zum Durchbruch kam, gleichzeitig aber auch die einzelnen deutschen Volksstämme mit einem starken Bande der Gemeinschaft umschlingend. Als Schlußfolgerung aus dem streng historischen Rückblick auf die Bismarcksche Zeit und Derfas- sungsarbeit betonte der Redner für die Gegen­wart, daß in dem Geiste Bismarcks weiter- und ausgebaut werden müsse an der neuen deutschen Deichsverfassung, die in schwersten Oahren un­seres Volkes dem Deutschen Reiche wieder ein Dach geworden fei, die nun unter dem Gesichts­winkel der imyren Verbundenheit mit der großen deutschen Vergangenheit zur stärkeren Grund­lage des neuen Reiches gestattet werden müsse. Daran mitzuarbeiten sei Aufgabe der deutschen Jugend, ganz besonders aber auch der deutschen Studentenschaft. Die formvollendeten, von h^er geistiger Warte in streng historischer Betrach­tung gehaltenen Darlegungen des Redners ga­

rung mit seinem themat.schen Herauswachsen ganz besonders bezeichnend für Brahms ist. Nach dem zurückhaltendentranquiüo" brach sein Impuls um so stärker durch und endete im festllchen Jubel mit leuchtenden Klängen.

DieHebriden-Ouvertüre" ist der musikalische Wiederschein des Zaubers, den die Romantik der kwrdifchen Natur auf Mendelssohn ausübte. Diese charakteristische Ouvertüre entfaltete alle ihre tonlichen Reize und lyrischen Schönheiten unter der Stabführung von Universttätsmusikdirektor Dr. Ste­fan T e m e s 0 a r y. Sie erstand mit überzeugender Klarheit und lichter Klangl chkeit der Darstellung durch den Dirigenten und seine treuen Helfer im Orchester, besonders der Klarinetten und Streicher. Hier wie in der Brahrnssymphonie fügte sich jeder mit bester Kraft zum Gelingen des Ganzen. Be­sondere Anerkennung wäre den Hörnern zu zollen, die in der Symphome reichlichen Anteil am Thema­tischen trugen. Mit der feinsinnigen, impulsiven Durchführung beider Werke gab Dr Temesvary der Veranstaltung eine besondere Weihe.

Die Solistin, Marta Linz, ist mit allen ihren Vorzügen schon von ihrem früheren Auftreten her genügsam bekannt als eine Geigerin von höchstem technischen Vermögen und ebenbürtigen, starken musikalischen Qualitäten. Nie wird sie sich, wie manche ihrer Kolleginnen, ins Mannhafte verlieren, aber ebenso niemals weiblich.sentimental erscheinen. Öei ihr ist das der Frau ganz besonders eigentüm­liche, warme, fast instinktive Einfühlungsvermögen geadelt mit größtem Können. Das von ihr gewählte Violinkonzert von Karl G 0 l d m a r k fällt zeitlich in die Nähe derKönigin von Saba" Es ist ein Werk mit vornehmer geift ger Haltung, das die klangliche Individualität der Violine sich voll ent­falten läßt. In seinem Ebenmaß der Anlage zeigt es eine feine thematische, fast symphonische Durch­arbeitung, hält sich aber von jeglicher Problematik fern. Es wirkt sich aus durch seine edle kantable Linie und fesselt durch seine ge.streiche Art. Durch Marta L i n z wurde dies Werk zu einem vollen Erfolge und die Künstlerin mußte sich wiederholte Male dem begeisterten Publikum zeigen.

Das Haus war gut besucht; aber die künstlerischen Höhepunkte, die der Konzertoerein den Musikfreun­den Gießens in seinen Orchesterkonzerten bietet, sollten doch allen Veranstaltungen ein ousoerkaufte» Haus sichern. Dr. H.

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