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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. (6 Zweites Blatt
Samstag, 19. Januar 1929
Dor großen Entscheidungen.
Außenpolitische Umschau.
Don Or. OttoHoehsch, o.professor der Geschichte an der Universität Berlin, M. d.
Der Sturz deS Königs Aman Llllah und die Kämpfe in Afghanistan interessieren in Europa so besonders, weil im letzten Jahre der reformfreudige König sich selber in Europa gezeigt hat und hier die Anknüpfungen für seinen entschlossenen Reformwillen suchte. Er hat die Gegnerschaft der orthodoxen Mohamedancr unterschätzt. Die Verhältnisse lagen in Afghanistan auch anders als in der Türkei, wo bisher die Reformbewegung gelungen ist, allerdings nicht viel anders, als in Persien, wo sie glückte.
Diese Dorgänge haben aber noch eine andere Sette. Haben sie sich ganz ohne ‘Beteiligung deS Auslandes abgespielt? Sagen wir offen, daß niemand in Europa darüber etwas wirklich Begründetes sagen kann! Auffällig war, Latz die pessimistischen Rachrichten über Aman Llllahs Kämpfe regelmähig aus englischen Quellen kamen, während die Moskauer Presse ganz ossensichtlich für Aman illlafj Partei nahm. Dazu kommt, daß der Versuch zu so umstürzenden Reformen überall im Orient verbunden ist mit einem sehr starken Unab« bänatgkeitsstreben. einem Streben, das sich peute allenthalben stärker gegen England alS gegen Ruhland richtet. Mehr kann man nicht sagen. Was über allerlei Abenteuer berichtet wird, ist nicht zu kontrollieren. Man kann sich aber schwer vorstellen, dah sich England zu seinen auhenpolitischen Schwierigkeiten Lurch ein Eingreifen in Afghanistan noch neue binzuschaffen wollte. Die beiden hier zunächst unterefflcrten, England und Rußland, brauchen Len Frieden. Wehr alS peripherifchen Charakter trogen daher diese Dorgänge nicht an sich.
DaS ist nun sehr anders mit den beiden großen Entscheidungen, die in Amerika fielen. Am 15. Januar hat der Senat den Kellogg- vakt ratifiziert. Run wird eS aber Zeit, vah auch die deutsche Ratifikation bald erfolgt. Höhnisch hat Litwinow in feiner ersten Rote darauf hingewiesen, dah von den 14 Signatarstaaten des 27. August außer Rußland noch nicht ein einziger den Pakt ratifiziert habe. Run ist trotz aller Schwierigkeiten und trotz der Derbindung mit der Kreuzervorlage, Amerika, das den Pakt angeregt hat, vor- angegangen.
5m Augenblick wichtiger ist die Namhaft- machung der beiden amerikanischen Sachverständigen für die neue Experten-Korn- mission. Die von B o u n g hatte man von vornherein erwartet. Aber eine allgemeine Hebet- rafchung bot die Ernennung des ChesS deS Hau- feS Morgan. Daß er am stärksten an Europa interessiert ist. stimmt. DaS bezieht sich aber auf die andere Seite, auf Amerikas Verbündete im Krieg. Morgan hat in erster Linie ein Interesse Laran, daß Vie endgültige Schuldenregelung zustande tarne. Weiter, we nn ein Mann Vieser Art. wenn daS Grohkapital RordamerikaS mit diesem Mann In die erste Linie der Beratungen tritt, so bedeutet daS, daß er davon überzeugt ist. e» werde unter allen Umständen etwas zustande kommen. DaS ist schon ein Wink und zwar ein ziemlich ernster Wink für unS! Hnb der Bankier, der bei den Anleihen und Vorschüssen für England. Frankreich usw. in Nordamerika wesentlich beteiligt war. hat weit mehr als irgendein anderer amerikanischer Sachverständiger ein Interesse daran, dah der bekannte Lösungsvorschlag. nach Festsetzung der deutschen Gesamtsumme die deutschen Reparationsfonds i m W e g einer Anleihe unterzubringen, verwirklicht werde.
Was über die Unterbringung selbst, die sogenannte „Kommerzialisierung" der deutschen Ver- pslichtungen in den Zeitungen steht, kann man fast alles aus sich beruhen lassen. Darauf 'hat Europa im ganzen gar keinen Einfluß. Darauf nimmt auch die heutige amerikanische Regierung oder Hoover einen direkten Einfluß nicht, weil sie dos gar nicht können. Darüber entscheidet daS Großkapital von Wallstreet nach den geschäftlichen Gesichtspunkten und in ihm eben sehr
Gießener Gtavttheater.
Leonhard Frank: „Karl und Anna".
Leonhard Frank, geboren zu Würzburg. einfachsten Verhältnissen entstammend, kam nach einem bewegten und merkwürdigen Leben spät zur Literatur. Zunächst wurde er bekannt mit einem aufpeitschenden KrieaSbuch „Ser Mensch ist gut“. Mit 30 hat er seinen ersten, sehr guten Roman geschrieben. „Die Räuberbande^: vor kurzem erschien eine Fortsetzung. _DaS Ochsenfurter Männerquartett". Eines der letzten Werke ist die ausgezeichnete Novelle „Karl und Anna". Aus ihr entstand das Stück. (Hnb ein Film.)
Zehn Jahre nach Kriegsende wird der Krieg literarisch, wird das hundert- und tausendfältige Erlebnis in Worte gefaßt; so lange hat die Generation des Krieges gebraucht, bis daS gereift und gewachsen war. Jetzt kommen die Romane, einer nach dem andern, und die Novellen und die Filme und die Dramen. Nach jenem ersten Vorläufer, „Trommeln in der Nacht", kam „Toboggan", darnach „Karl und Anna". „Toboggan" blieb ein unsicherer Eindruck. denn es ging um einen Sonderfall. Dieses Schauspiel hier, von Frank, ist stärker, nimmt mit, zwingt zur Auseinandersetzung — weil seine Zabel einfacher und wirklicher ist. weil Dinge wie in diesen vier Akten damals im Kriege immer wieder „vorgekommen" find.
Es ist ein Heimkehrerdrama wie jene „Trommeln“ von Brecht. Aber es gibt die entgegengesetzte Lösung. Das alte Enoch-Arden-Motiv. Zwei Männer und eine Frau. Bei Brecht damals blieb der erste, der alte, der verschollen gewesene Sieger. Hier behält der zweite, der neue, der jüngere das Feld. „Möglich" ist beides.
So ist die Fabel. Karl und Richard sind kriegsgefangen, feit 14, drei Jahre schon, in einem russischen Lager. Es ist die Hölle. Das .Lagerfieber', die Stacheldrahtkrankheit geht um. Fast hoffnungslos. Nur eine einzige Hoffnung, eine Winzigkeit, an die beide sich klammern, von der beide leben: Anna. Richards Frau Sn „Anna", in diesem einen Namen, ist alle
wesentlich, hier eigentlich in erster Linie, Morgan selbst.
Hm so größer aber wird — darauf achte man bei uns ganz besonders! — der Druck nunmehr sein, daß aus der Konferenz etwas herauskommt. Auch wird ein so beschäftigter Mann wie Morgan zu längeren und gründlichen Beratungen schwerlich seine Zeit hergeben. Im Interesse Deutschlands liegt das nicht, das darauf bestehen muh, feine Leistungsfähigkeit i gründlicher Weise geprüft zu sehen
Was ein Mann wie Morgan von der Konferenz will, ist sehr einfach: Festsetzung der Summe, entweder als Kapitalsumme oder in Jahreszahlungen, aber nun mit einer begrenzten Dauer, die Deutschland zu zahlen hätte. Das ist die erste und die nächste Voraussetzung für die ganze weitere schwierige Berechnung mit Zinssatz. Tilgungsplan. Rediskont für die interalliierten Schulden. Wir glauben uns nicht in der Annahme zu täuschen, dah Mo-gan mit der Absicht in die Konferenz geht, dah dort die Grundlage für eine baldige und endgültige Regelung sowohl der deutschen Reparationssumme wie der interalliierten Schulden gelegt werde. Wir wissen, daß die folgende Formel zugespitzt ist. aber wir riskieren sie doch: die amerikanische Regierung und andere Sachverständige können so scharf uno klar, wie sie bisher das getan haben, deutsche Reparationen und interalliierte Schulden trennen, Morgan kann das nicht und will daS nicht! Daß er Republikaner und TZoung Demokrat ist. ist natürlich ohne Bedeutung. Wesent- sicher aber ist, daß damit nun unter allen Umständen Amerika In dieser Kommission daS Heft in die Hand bekommt, und sehr erwünscht wäre, wenn das auch in der Annahme des Vorsitzes zum Ausdruck käme.
Amtlich hat sich Amerika nach wie vor ganz korrekt und ohne jede Ueberraschung für uns gestellt. Es ist nur ein Zeichen von Nervosität in der Behandlung der Frage bei unS — die man nun ja nicht übermächtig werden lassen soll — wenn das durch verkehrte Pressemeldungen in den letzten Tagen anders aussah. Dah die Regierung der Bereinigten Staaten selber weder in den politischen Angelegenheiten Europas noch in der Finanzfrage etwas zu tun haben will, weih man doch ebensogut wie, dah selbstverständlich die Sachverständigen, die auS Amerika kommen, nur mit Wissen und in ständiger Fühlung mit ihrer Regierung ihre Arbeit leisten werden Desgleichen hat Coolidge nicht Stellung zu der Höhe der deutschen Belastung genommen, sondern nur sest- gestellt, was auch alle wissen: die neue Konferenz hat sich mit der sogenannten Gesamt- oder Endsumme zu beschäftigen, bzw. der Dauer und Höhe der JahreSzahlungen. Ebenso hat er anerkannt. dah die Konferenz ihre Entscheidung unter Berücksichtigung der deutschen Zahlungsfähigkeit zu treffen habe. Der Anteil Amerikas an der Reparationszahlung V2A/i Prozent) soll dabei nicht behandelt werden Darüber will Amerika Wohl ein direktes Abkommen mit Deutschland herbeiführen.
DaS ist alleS klar und dagegen ist nichts einzuwenden. Das Wesentliche für die Arbeit, die nun am 5. Februar beginnen soll, ist. dah Deutschland seine Anstrengungen auf den Punkt konzentriert: keinesfalls eine Festsetzung seiner Verpflichtung nach dem Jahresfah von 2*/3 Milliarden Mark! Wir stellen abermals fest, dah — abgesehen von der Dorbereitungsarbeit die die ernannten deutschen Sachverständigen wohl selbst
verständlich jetzt bereits für sich leisten — von irgendeiner konzentrierten 'Borbereitung Deutschlands auf diesen Kampf nicht die Rede ist. Insofern hat die innenpolitische Anarchie, in der wir leben, auch schwerwiegende außenpolitische Folgen.
Man muh es dafür Frankreich und Poincare lassen, dah sie sich ganz anders darauf vorbereiten Besser gesagt: Po ine ar 6 zwingt Frankreich, fein Parlament, dazu. Er hat am 12. Januar feine Stellung behauptet, noch mit einer recht großen Mehrheit. Aber ihm selbst ist es unangenehm, dah er immer mehr nach rechts geschoben wird, dah ihm die ganze Linke entgegensteht, zu der er sich selbst ja doch rechnet und gehört hat. Aber das überwindet er. Er ist aus seinem Kabinett die radikal-sozialen Minister los, hat die Führung ganz in der Hand und in der Hauptfrage, auf die er alles ab- stellt. kann diese Linksopposition ihm gar keine Gegnerschaft sein. Sie muh einfach feinem Re- parationgpregramm zustimmen. Niemand in dieser Linken, abgesehen vielleicht von den völlig einflußlosen Kommunisten denkt auch daran. daS Werk Poincares in dieser Richtung zum Scheitern zu bringen. So hat er wieder einmal eine Parole der Einigkeit gesunden und läßt diese wirken, nämlich die Außenpolitik, d. h. die Reparationsfrage. Dafür aber kann er jederzeit von einer Kammer die Mehrheit fordern, die ihn stark genug macht, sein Reparationsprogramm, so weit die Innenpolitik in Frage kommt, durchzuhalten. In dieser Beziehung einheitlich und geschlossen geht Frankreich in die Verhandlungen und Kämpfe der zweiten Sachverständigen- Konferenz hinein. Im höchsten Maße nieder- drückend ist es, daß das für Deutschland nicht der Fall ist!
Hoffnung, alle Sehnsucht, alle Zukunft, älleS Glück der Heimkehr beschlossen. Auch für Karl. Er hat sie nie gesehen. Aber er kennt sie, in den drei Jahren hat et sie kennen gelernt, er weiß um jede windige Besonderheit ihres Wesens ‘fo gut wie ihm Ihr Haar, ihre Augen, ihre Hände, wie ihm die Wohnküche der beiden, Tisch, Stuhl und Bett vertraut sind. Richard hat ihm alles erzählt, unzählige Male, immer aufs neue, wovon sollten sie sonst sprechen? Anna! Drei Jahre lang leben sie beide von diesem Namen, von dieser Gestalt. Richard vom festen, körperlichen, gewesenen Besitztum, Karl von dem Bilde, das in dieser langen Zeit so in ihn hineingewachsen ist. als wäre Anna chm längst bekannt, vertraut, nur eben von ihm getrennt.
Karl entflieht, kommt durch bis nach Deutschland, geht zu Anna — gibt sich als Richard aus. Anna, jählings überrumpelt, hält ihn für einen Betrüger, muß es glauben, da Richard von der Militärbehörde schon als gefallen gemeldet worden ist. Sie hält die Postkarte in der Hand, — aber das Wunder geschieht, der lebendige Mensch ist stärker als das armselige Papier und das schwankende, verwirrte Gefühl. Annas Widerstand schmilzt langsam dahin. Sein Wissen von ihr und ihrer kleinen Welt und den un- scheinbaren Diggen um sie herum ist so groß und unheimlich sicher, dah sie fein wird. Karl tritt an Richards Stelle. Unö Anna liebt ihn ... inniger und tiefer, als fie Richard jemals geliebt hat. •
Sie werden ein Kind haben. Sie sind ganz glücklich- Rur in Karl ist noch ein Zweifel geblieben, ob daS nicht alles „nur so eine Untreue von ihr war“. 11 nb er wehrt sich und stemmt sich dagegen, einfad) ein Betrüger zu fein. (Es ist doch über ihn gekommen, erst langsam, dann wie ein Gewitter, unentrinnbar, alles muhte so seinen Lauf nehmen.) Da ist eines Tages der Brief da. der immer drohte: von Richard. Auch er wird heirnkommen. Nun muh es zutage kommen. Aber die beiden. Karl und Anna, sind so zusammengewachsen, daß sie alles gemeinsam auf sich nehmen werden.
Richard kommt heim, voller Glück, voll wilder Erwartung, ahnungslos, furchtbar getäuscht. Unter dem tropfenweise auf ihn niederfallenden Doppel- geständnis. unter der schrecklichen Wahrheit bricht er fast zusammen, rafft sich hoch, will in blinder Wut den Kameraden niederfchlagen, der ihm die Frau nahm — da springt die Frau dem an die Seite, bereit, mit ihm erschlagen zu werden. Jetzt sieht Richard, dah er nichts mehr zu hoffen bat. Und die beiden anderen gehen stumm miteinander hinaus.
Den einsam und ganz gebrochen in der leeren Wohnküche zurückbleibenden Wann wird vielleicht Annas mitleidige Heine Freundin über das Schlimmste hinweg bringen. Wer weih. Er schiebt ihr das winzige Stückchen Schokolade hin. das er seit einem halben Jahr mit sich Ijerumtrug. auf dem Heimweg, armseliges Geschenk für seine Frau. Dann fällt der Vorhang.
Man muß die glänzend gestaltete Novelle kennen. um das Stück richtig beurteilen zu können. Sie ist künstlerisch viel stärker, geschlosiener, überzeugender als das Drama. Aus dem einfachen Grunde, weil diese Fabel viel leichter zu erzählen als auf die Bühne zu stellen ift
Zudem hat sich Frank seine Sache sehr schwer gemacht: die Begebenheiten tragen sich zu unter ganz „einfachen Leuten". Karl und Richard sind Metallarbeiter. Wenn es „Intellektuelle" wären, würde daS Stück viel leichter zu schreiben gewesen fein.
In einer Novelle können die geheimsten, innersten Vorgänge, leiseste seelische Schwingungen fühlbar gemacht werden. Auf der Bühne muh alles gesprochen werden Worte müssen fallen. Immer wieder gesprochene Worte, wo in der Erzählung vielleicht ein Satz genügt. Und man glaubt diese Worte nicht immer, well sie mehr als einmal und oft an entscheidenden Stellen eher auS Franks Munde als aus dem Munde und Herzen seiner ®eftaltcn zu kommen scheinen
•
Man wird die Schwächen des Stückes vielleicht erst beim Vergleich mit b:r Erzäh ung vollkommen erkennen Wenn man sieht, wo die Gestaltungskraft. ja wo überhaupt die innere Möglichkeit aushört, die Dinge aus dem Buch aus di« Bühn«
Von der Straße zur Macht.
IV.
Der Duce.
Bon unserem römischen ^.-Korrespondenten*).
Ms Revolutionär, der im Kriege eine Revolution sah, war Mu s s o l i n i ins Feld gezogen, als Parteimann gedachte er die Umwälzung auszu- nützen. 5m Donner der Geschütze aber kam ihm die Erkenntnis, daß er sich nicht für die rote, sondern für d i e Fahne der Ration schlug, daß die Internationale ein Phantom, die Ration eine historische Realität war. Jeder, der fein Leben verteidigte, verteidigte damit ein Teilchen der nationalen Gesamtheit, nicht einen Paragraphen eines Parteiprogramms. Die Ueberlegung war zwingend und Mussolini nicht Doktrinär genug, der Schluß- folgerung auszuweichen.
Es brauchte nur diesen elementaren Durchbruch einer verschüttet gewesenen Wahrheit, um Mussolini die Augen zu öffnen. Das Granatenfeuer hatte ihm den Star gestochen, setzt sah er klar in die Weite und gewann, die Parteiyaut schrumpfte ab, den Blick des Staatsmannes. Der Soldat benützt die erste Feuerpause, um nach Rom zu schreiben, an die Regierung. „Herr Abgeordneter Orlando, es ist Krieg! Es heißt also siegen um jeden Preis. Es darf fein Mitleid geben für den Soldaten, der vor dem Feinde flieht, es darf ebensowenig Mitleid geben für den, der der bewaffneten Ration den Dolch in den Rucken stoßen möchte!" Aus 42 Wunden blutend — glühend ae- worden, krepiert ihm der eigene Minenwerfer unter der Hand — beschwört er die Regierung, nicht locker zu lasten, zur gleichen Zeit, da im anderen Lager die Regierung von Männern der Schreibstuben zu einer Friedens resolution gezwungen wurde.
Selbst während des Krieges, meint Mussolinis Antipode Rittl, boten die freien Völker (der Entente) einen viel stärkeren Widerstand als die autokratisch regierten (der Mittelmächte). Das ist durchaus richtig, aber warum? Es triumphierten die demokratiscyen Staaten, weil in ihnen während des Krieges sede gegen die Politik der gepanzerten
*) Dckl. Teil I, II und III in den Nummern 289, 295 und 301 vom 8., 15. und 22. Dezember 1928.
Faust verstoßende Bewegung im Keime erstickt, jeder Friedensapostel als Defaitist an die Wand gestellt, die militaristische Einheitsfront von der Preste gehalten wurde. Es unterlagen die monarchischen Staaten, weil in ihnen während des Krieges jedermann die Regierung angreifen, Frieden predigen, die innere Front von einer uneinigen Presse zerrissen werden durfte.
Die Geschichte weiß unter den großen Männern, die Geschichte zu machen verstanden, keinen Parteiheroen zu nennen. Die Partei ist immer, wie schon ihr Name sagt, etwas teilweises, niemals ein ganzes, ein Parteiführer kann nur Armeeführer, kein Feldherr fein, Taktiker, nicht Stratege. Verzicht auf parteiliche Beschränkung war also notwendig, wenn aus dem roten Revolutionär ein nationaler werden sollte, aus dem Condottiere ein Duce.
Für eine solche Voraussetzung genügte freilich der Krieg als solcher nicht. Zu dem Erlebnis der Waffenbrüderschaft mußten die zwei Nachkriegsjahre mit ihrer Verleugnung des Waffenideals und dem Nachweis der Staatsohnmacht kommen, um die staatsmännische Reise zu vollenden, die den späteren Mustolini auszeichnet. Es ist begreiflich, jedoch nicht geschichtlich, wenn fasziftische Eiferer rings um die Wiege des Fafzismus die Legende von dem nationalistischen Duce, der schon in dem sozialistischen Journalisten gesteckt habe, anpflanzen. Mit solchen Schlingpflanzen verdeckt man gerade den Kern seiner staatsmännischen Weisheit: seine Sprunghaftigkeit. Sie überwuchern etwas, was für den einfachen Mann, der auf Charakterstärke hält, eine Blöße bedeutet, für den Staatsmann aber eine Quelle der Kraft. Daß Mussolini die Fähigkeit hat, Im kritischen Augenblick unbe- benfüth von einem Pferd aufs andere zu wechseln, das even macht seine Stärke aus. Er kommt im Zickzack oder auf Umwegen ans Ziel, wo andere, die ihren Ehrgeiz in der Beibehaltung einer geraden Linie suchen, stecken bleiben.
Nitti glaubt den Bauherrn des vierten Italiens mit folgender Kennzeichnung richten zu können: „Im Jahre 1911 bekämpfte er mit antimilitaristischer und revolutionärer Schärfe die Unternehmung In Libyen, 1913 bereitete er revolutionäre Bewegungen vor, 1914 entfesselte er den Aufruhr der sogenannten roten Woche und hetzte die Massen * zum Angriff auf den Kapitalismus. 1914 wider
setzte er sich heftig dem Kriege, 1915 verherrlichte er ihn, 1919 organisierte er den Fafzismus als eine Erhebung gegen Monarchie und Kapitalismus, bann verwandelte er ihn in eine reaktionäre Bewegung. Am Vorabend des Marsches auf Rom im Jahre 1922 erklärte er sich noch als Republikaner, einige Tage später, als er die Regierung an sich gerissen hatte, nannte er diejenigen Verräter, welche einen Teil des faszistischen Programms von 1919 in gemäßigter Form ausriefen. Er ist ein Mann des 14. Jahrhunderts inmitten einer schwankenden und unentschlossenen Menge."
Mit dem letzten Satz entkräftet hier Ritti sein eigenes Urteil. Eben weil die Menge schwankte und unentschlossen war. tat ein Mann not. Um die zerfahrenen Dolkskräste wieder zusammeln, mußte er sie aufgreifen, wo er sie fand, links und rechts. Hätte er von Anfang an ein Programm ausge- rufen und sich darauf festgelegt, so wäre seine Gefolgschaft so Nein geblieben wie diejenige — Nittis. Nitti scheiterte beim ersten 21nlauf. Vielleicht hat er eine moralisch einwandfreie gerade Linie verfolgt.
Don Eturzo verdammt nicht minder scharf: „Mussolini besitzt als ein Mensch mit mittelmäßiger Bildung und mit geringer Vorbereitung auf die Politik die glänzenden Qualitäten des Improvisators. Er hat keineswegs die Bedenken der überzeugten Idealisten, die sich fürchten, ihrem Ideal die Treue zu brechen. Sein vereinfachender Geist ist an keine Formel gebunden. Er kann von einer Theorie zur andern übergehen, von einer "Stellung zur andern, ohne Bedauern und Gewisiensbisfe. Dieses Wechselspiel hat aber den bleibenden Sinn, die phantastischen und sentimentalen Elemente aufzugreifen, die den Erfolg verbürgen. Ein anderer Charakterzug ist die dauernde Geschicklichkeit, den Moment zu erfassen, die Umstände auszunützen, die erfahrensten und schlauesten Gegner hinzuhal- ten, sich mit Leichtigkeit über Hindernisse hinweazu- setzen. Die Tatsache ferner, daß es ihm lange Zeit freiftanb, jede Art von Drohungen und Gewalttätigkeiten unbestraft als Sozialist oder als Faszist auszuüben, führte ihn zu einer gründlichen Verachtung der früheren Politiker, die ihn duldeten und ihm schmeichelten, ob es nun Sozialisten oder Liberale waren. Seine Freunde und Genosten achtet er nur so lange, als sie ihm dienen."
zu übersetzen. Wie wichtige Veränderungen. Wandlungen, innere, unsichtbare und nie sichtbar zu machende Seelenvorgänge in Regieanwrisungen aufgelöst werden und also ungeformt bleiben.
Man spürt auch beim Vergleich erst, wie 'Frank sich bemüht hat, Hilfen zu geben. Ausgleiche zu schaffen, llnzulängliches zu überbrücken. Wie absichtsvoll — im Sinne einer gewissen, aus lieb' chenden Gerechtigkeit — ist z. V. die Wendung eingesührt, daß Richard ei entlich Karl sein Leben zu verdanken hat. Das fehlt in der Erzählung und kann ruhig fehlen. Auch die Gestalt der Freundin toirtt tm Stück viel aufdringlicher und geflissentlicher.
Die Lösung? Gibt es eine? Es gibt viele unö doch keine. Immer wird einmal einer zuviel da fein. Immer wird einmal einer das Leben lassen müssen. Oder ein Stück Herz. Uni) das ist schlimmer. Frank will auch nichts Endgültiges. Er sagt nicht: so und nicht anders! Er sagt: vielleicht so. älnd deutet an, in Nebenfiguren, wie der gleiche, der ähnliche Fall, der sich damals oft genug bot, auch auslaufen form. Nur ein Beispiel.
Und dann wird schließlich die Realität der geteilt ermaßen historisch belegbaren Motive unwesentlich. Immer kommt einer, heim und sieht, dah er verloren hat. woran fein Herz hing. Schicksal, so alt wie die Welt und nie geffift
Uni) wichtiger bleibt dann die Gestaltung (oder Andeutung) eines großen, geheimnisvollen Gefühls. die über alle Wirklichkeit und alles „Dagewesenfein" der Vorgänge sich erhebt. Wie das Aeberirdische ins Alltägliche einbricht. Der magische Gefühlsstrom, der einen Menschen in der endlosen Steppe zwischen Europa und Asien mit einem in Deutschland verbindet, den er nie gesehen hat. Und die schicksalhafte Gemeinsamkeit zweier Menschen, die man nicht damit ab tun kann, dah man sagt, es liege hier einfach ein Betrug und gemeiner Ehebruch vor. Dann wäre das Stück ein platter, sensationell getönter Nachläufer des Naturalismus.
Aber man wird auch über die Unzulänglichkeiten hinweg von denen gesprochen wurde, gespürt haben, dah hier ein Dichter spricht. Wer eS tiefer spüren und dessen sicher sein will, maa


