Nr. 271 Zweites Blatt
Montag, 18. November 1929
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Der neue Gießener Stadirai.
Gießen, 18. OloD. 1929.
Lach einem Wahlkampf von nur einer Woche nahm der gestrige Kommunalwahltag in .mftrct Stadt einen ordnungsmäßigen Verlauf. Äir dieser vorbildlichen Wahrung von Ruhe und ÄMtimg reihte unsere DürgersH.ift den gestri- gelt. Sag in würdiger Weise teuren Vorgängern ?ci anderen «Wahlen an. Ein ehrendes Zeugnis für unser Gemeinwesen, unter dessen Bevölkerung die politischen Gegensätze ja auch nicht ohne eine gewisse Verschärfung an den beiden Flügeln der Wählerfront geblieben sind. Hoffentlich bleibt unserer Stadt diese anerkennenswerte Haltung der Wählerschaft auch in Zukunft erhalten I
Die Ziffer der Stimmberechtigten in Gießen war gestern erheblich größer als bei der vorigen Kommunalwahl^am 15. November 1925; diesmal Hutten 23 479 Mitbürger und Mitbürgerinnen das Stimmrecht, gegen 21 454 am 15. November 1925 und 20 289 am 19. November 1922. Dieser Zuwachs ist natürlich nur zu einem geringen Teile aus Zuzug von auswärts in len letzten Zähren zurückzuführen, ec ist vor allem mit der Wahlrechterwerbung der Heranwachsenden Generation zu erklären. 3m gleichen Verhältnis wie die Steigerung der Wahlberechtigtenziffer ist gestern auch die Zahl der Nbstimmenden an- gewachsen; h ec to:e dort rund 2000 (Dgl. die nachstehende Tabelle). Die Wahlbeteiligung belief sich gestern — nach der vorläufigen amtlichen Feststellung — auf 48,56 v. Sy, gegen 44,7 v. H. bei der Kommunalwahl am 15. November 1925 und 56,5 v. H. bei der gleichen Wahl am 19. November 1922. So erfreulich die Zunahme bei der gestrigen Wahl gegenüber 1925 auch ist. so bedauerlich bleibt trotzdem die Tatsache, daß immer noch rund die Hälfte der Stimmbereeh- tigten auch diesmal wieder sich der Ausübung des höchsten Staatsbürgerrechts enthalten hat. Für diese Mitbürger gilt, was wir am Samstag in unserem Aufruf an die Wählerschaft schrieben: daß sie kein Recht haben, sich in den nächsten vier Zähren zu beklagen, wenn diese oder jene Entscheidung des Stadtrats ihnen nicht paßt. Der Verlauf des Wahlgeschäfts war am Vormittag sehr flau. Zn einigen Abstimmungsbezirken hatten bis zur Mittagsstunde noch nicht hundert Personen gewählt. Das regnerische Wetter am Vormittag mag hierfür wohl eine teilweise Erklärung sein. 3m Laufe des Nachmittags, als auch das Wetter günstiger tour' 'ahm der Marsch nach den Wahllokalen aber üb: all zu, und in den letzten le den Stunden herrs^-.e allenthalben starker Betrieb.
Von 19'/r älhr ab konnten wir fortlaufend Ergebnisse der Gießener Stadtratstoahl durch Aushang an unserem Ee'chästslolal bekanntgeben, nachdem wir an der gleichen Stelle schon von 18Vg ällhr ab Teilresultate der Kreistagstoahl berichten konnten. Eine zahlreiche Menschenmenge harrte trotz des am Abend wieder ein- setzcnden Regens wacker aus, bis wir gegen 22 Uhr das endgültige Stimmenergebnis der Stadtratswahl und etwa eine Stunde später auch die künftige Mandatsvertoilung im Gießener Stadtrat veröffentlichen konnren. Obwohl dann noch eine Anzahl Ergebnisse aus anderen oberhessischen Kreisen in unserem Aushang folgten, flaute das Interesse der Menge schnell ab, und der Wahltag fand damit seinen äußerlichen Abklang.
Der neue Gießener Sfabkaf
hat Verschiebungen innerhalb der Fraktionen erfahren Die Linke hat zwei Mandate gewonnen, und
zwar Sozialdemokraten und Kommunisten je eins. Der Sozialdemokratie hatten wir diesmal von vornherein einen kleinen Gewin zugerechnet, wobei wir namentlich den Zuwachs an Stimmberechtigten aus dem jungen Geschlecht in Rechnung gestellt hatten. Der gleichen Ursache dürfte zu einem Teil wohl auch der Mandatsgewinn der Kommunisten zuzuschreiben sein, wobei aber nicht verkannt werden soll, daß offenbar auch eine Anzahl älterer Wahlberechtigter den Abmarsch nach der äußersten Linken angetreten hat. Auf der äußersten Rechten ist als Neuerscheinung in unserem Stadtparlament ein nationalsozialistisches Mandat aufgetaucht, eine Begebenheit, die uns nicht erstaunen macht. Eine gewisse Ueber- raschung hat der Wahlausfall in der Linie von Lenz bis Fischer gebracht. Wohl diele Bürger werden hier
der Bolksrechtpartei vielfach als zugkräftig bezeichnet wurde und auch die Wahlversammlung dieser beiden Parteien einen bemerkenswerten guten Besuch als Gradmesser abgab. Vermutlich hat diese politische Gruppierung nach links und nach rechts an die Nachbarpartcien Stimmen verloren, denn anders ist wohl bei dem unbezweifelbaren Zuwachs aus der Dolksrcchtpartei das Minus nicht zu erklären. Das Zentrum hat seinen Mandatsbestand erwartungsgemäß gehalten und darüber hinaus noch durch seinen Stimmenzuwachs von 174 Wählern Eindruck erzielt.
Die Arbeit im neuen Stadtrat
dürfte trotz der Verschiebungen im Manöats- besih im wesentlichen auf der bisherigen Grund-
Das ziffernmäßige Ergebnis.
Abstimmungsbezirk
Stimmberechtigte
Abgegebene Stimmen
Ungültige
Stimmen
Gültige
Stimmen
Sozialdem. Partei
Kommun. Partei
Zentrumspartei
Natsoz.
Arb.« Partei
Deutsche Dem.Partei u.BoikSreciilparl.
Deutsche
Volkspattei
Deutschnat. 1
Nalksvattei 1
Mittelstds.- 1
i
Bezirk 1 .......
1279
669
8
661
218
88
22
14
50
59
27
183
„ 2 .......
1256
692
22
670
215
46
28
27
59
125
40
130
„ 3 .......
1307
676
15
661
293
31
28
22
33
74
33
147
„ 4 .......
1319
651
7
644
244
19
21
17
54
73
58
158
5 .......
1331
666
12
299
58
20
16
58
74
38
91
6 .......
1358
5
690
198
67
24
31
93
103
53
121
7 .......
1308
558
8
550
145
21
42
31
42
129
61
79
„ 8 .......
1440
561
9
552
195
11
83
12
39
95
56
61
„ 9 .......
1531
712
7
705
197
10
98
31
90
121
55
103
„ 10 .......
1499
727
10
717
147
14
49
42
83
192
86
104
11 .......
1430
705
12
693
154
9
40
27
84
177
63
139
" 12 .......
1155
524
4
520
100
3
42
21
78
138
63
85
„ 13 .......
1095
586
15
571
123
13
38
23
52
143
67
112
„ 14 .......
1313
689
9
680
403
25
36
22
38
81
30
45
„ 15 .......
1404
676
18
658
167
42
24
38
63
157
63
104
„ 16 .......
1136
538
11
527
186
51
10
18
35
91
28
108
„ 17 .......
1182
684
7
677
235
30
27
26
49
112
42
156
„ 18 .......
1136
589
13
576
147
18
18
17
72
117
62
125
Insgesamt......
23479
11598
192
11406
3666
556
650
435
1072
2061
915
2051
Ergebnis der Wahl
Die VercrleicksrMern:
am 15.11.1925..
|21454 | 9593
| 102 | 9491 | 2864
| 371
476
-
1195
| 3010
1575
mit einer größeren Machtverschiebung zugunsten der
läge fortgeführt werden. Erfreulich ist bei dieser
Mittelstandsoereinigung gerechnet haben, insbcson-
Betrachtung der künftigen Dinge vor allem
die
dere von der Seite
der D
eutschen Volkspartei
)er.
Tatsache, daß
der Wahlkampf innerhalb
der
Daß diese Verschiebung nicht starker geworden ist
als
bürgerlichen Parteien
in vornehmer Sacylichkeit
der Zuwachs eines Mandats, bei
der Mittelstands-
und mit Respckll.rung der Periönlichkert
geführt
fraktion und daß die Deutsche Volkspartei und
Oie
wurde, so daß man sich im Stadthaussaale ohne
Deutschnationalen,
die bei
der vorigen
Stadtrats-
weiteres wieder mit Achtung in die Augen sehen
mahl mit einer gemeinsamen Liste auftraten, dies-
kann. Daß die
Auseinandersetzung
zwischen
der
mal aber selbständig in
den Wahlkampf gingen,
Sozialdemokratie und der Mittelstandssrallion tm
gestern mit einer Wühlerzahl von zusammen 2976
Wahlkampf eine ziemlich erhebliche Schärfe erfuhr,
gegen 3010 im Jahre 1925 absolut
genommen
war bedauerlich. Die Schuldfrage
mag
hier
um
die gleiche Stimmzahl aufbrachten, ist
gewiß
für
der sachlichen
Arbeit in
der Zukunft
willen
viele eine Ueberraschung,
wenn auch in
Ermange-
unerörtert bleiben, wir möchten nur der Hoffnung
lung einer Listenverbindung diesmal 3 Mandate als
Ausdruck geben, daß auch
hier
die
schärfsten
Verlust dieser Parteien gebucht werden muf Dabei
Kanten der Widerstandsflächen bald verschwinden
wollen wir aber keineswegs unterlassen,
den Stirn-
möchten, derrn
beide
Parteien vertreten
Kom-
mengewinn der Mittelstandsvereinigung von
476
ponenten unserer heimi.ch-en Gesamtwirtschaft,
die
Wühlern als ein bemerkenswertes Ereignis hervor»
im Interesse
des Ganzen
gemeinsam
der fach-
zuheben. Neben dem Verlust der
beiden
Rechtspar-
lichen
Förderarbeit
dienstbar gemacht
werden
teicn füllt die starke Einbuße
der Demokraten
müssen.
Der Geist der Volksgemeinschaft möge
besonders auf. Diese Tatsache ist
wohl
als
sich auch hier
trotz
allem,
was vor der
Wahl
weitere Ueberraschung zu betrachten, wenn man
be-
geschehen, durchsetzen!
1 denkt, daß das Zusammengehen der Demokraten mit
Bedeutsam ist aber in diesem Zusammenhang noch
eine andere Frage, nämlich die fraktionspolitische Gruppierung. Zur Bildung einer Stadtratsfrakt.on gehört die Mindestzahl von 5 Stadtratsmitglicdern. Dieses Mindesterfordernis haben die Demokraten mit 4, die Deutschnationalen mit 3, das Zentrum mit 2, die Kommunisten mit 2 und der eine Nationalsozialist nicht erreicht. Sie sind infolgedessen von sich aus nicht in der Lage, den starken Gewinn der gestaltenden Mitarbeit am Brennpunkt der kommunalpolitischen Arbeit, nämlid) in den Kommissionen und Deputationen, für sich verbuchen zu können. Es erhebt sich die Frage, welche Wege diese Parteien einschlagen werden, um sich in Zukunft den Einfluß in den engeren Gremien des Stadtrates zu sichern. Es werden hier zweifellos Anschlußgedanken an die jetzt fraktionsstarken Gruppierungen — auf bürgerlicher Seite die Deutsche Volkspartei und die Mittelstandsvereinigung, auf der linken Seite die Sozialdemokratie — lebendig werden. Wo aber wird der Anschluß dieser kleinen Gruppen erfolgen? Wird es z. B. eine geschlossene Linke Mann« Lepper geben? Und wird sich weiter eine Arbeitsfront oder Arbeitsgemeinschaft auf der andern Seite bilden und wie weit wird diese reichen? Wir möchten heute absichtlich nicht näher auf diese Dinge ein- gehen. Die Bürgerschaft wird mit uns stark interessiert der Entwicklung und Lösung dieser Fragen zuschauen. Möge die Entscheidung Io aussa'len, daß sie zum Nutzen unseres Gemeinwesens gereicht.
Oie Abstimmungsbezirke.
Abstimmungsbezirk 1: Auf der Bach, Burggraben, Hundegasse, Kirchenplatz, Kirchstraße, Lindengasfe, Lindeiplatz, Marktplatz, Marttstraße, Walltorstraße, Wetzsteingasse, Wetzsteinstraße, Zozels-
A b st i m m u n g s b e z i r k 2: Astcrweg, Damm- straße, Ederstraße, Im Gartfeld, Schillerstraße, We- serstcaße.
A b st i m m u n g s b e z i r k 3: An der Hardt, Boot« Hausstraße, Gleiberger Weg, Hinter den Schieß- gärten, Krosdorfer Straße, Nordanlage, Rodheimer Straße, Schlachthofstraße, Schottstraße, Schützenstraße, Zu den Mühlen.
Abstimmungsbezirk 4: Am Rodtberg, Am Wingert, Bückingstraße, Friedhofsallee, Zn der Schwamlach, Marburger Straße, Steinstraße, Wie» feder Weg, Wißmarer Weg.
Abstimmungsbezirk 5: Am Pfarrgarten, Gabelsbergerstraße, Hammstraße, Kornblumengasse, Lahnstraße, In Löbers Hof, Mühlstraße, Kleine Mühlgasse, Neustadt, Sandgasse, Schanzenstrahe, Ticfenw.g.
A b st i m m u n g s b e z i r k 6: An den Bahnhöfen, An der Kläranlage, An der Margarethen- Hütte, Bahnhofstraße, Grabenstraße, Westanlage, Hinter der Wcstanlage.
Abstimmungsbezirk 7: Buddcstraße, Frankfurter Straße, Friedrichstraße, Hollerweg, Rodhohl, am Zollstock.
Abstimmungsbezirk 8: Am Steeg, Am Weiher, Arttdtstraße, Beethovenstraße, Buchnerstraße, Crednerstraße, Fichtestraße, Freiligrathstraße, Gaffkystraße, Glaubrechtstraße, Händelstraße, Haydn- stcaße, Hillebrandstraße, Hochweg, Hofmannstraße, Klinikstraße, Körnerstraße, Mittelweg, Fritz-Reuter- Straße, Schubertstraße, Thaerstraße, Uhlandstraße, Ristard-Wagner-Straße, Wetzlarer Weg.
Abstimmungsbezirk 9: Auf der Weißerde, Aulweg, Ebelstraße, Erdkauterwcg, Jhering- straße, Leihgesterner Weg mit Bergwerk, Liebig- straße, Welckerstraße, Wilsonstraße, Studentensteg, Sandkauterweg.
Das Erbe des Herrn von Anfietien.
Vornan von J. Gchneider-Foerstl.
älrhcber-Rechtsschutz durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Er sah sich um, lief nach den Sträucherii, welche den untersten Teil des Gartens begrenzten und ließ sich dort auf eine Dank fallen. Die weißen Dolden einer Akazie hingen in schweren Trauben über ihm, und der kleine Vogel, der sein Nest in der geschützten Gabel eines Astes versteckt hielt, hörte das lautlos heisere Schluchzen ches Mannes, dessen Seele bis an den Rand mit Schmerz erfüllt war.
„Sahib!" Akab stand vor ihm, ein Glas Wasser in den Händen. „Trink und kühle deine Augen, ehe du zu ihm gehst. Er war schon gezeichnet, als du ihn aus der Heimat herüberbrachtest."
Anstetten hob den Kopf, den er auf die Ballen der Hände gestützt hatte und ließ, die Knie auf* gestemmt, den Rücken zurückfinken. „Weißt du denn nichts, das ihm das Leben verlängert? Um Monate! — Um Wochen! Um Tage nur!
„Um Sage?" Akabs Lippen trugen ein mitleidiges Lächeln, das sofort wieder vom Ernst der Züge auf gelogen wurde. „Du solltest froh fein, wenn es vorüber ist."
Er senkte den Blick vor dem zornigen Ausdruck, der ihm aus Anstettens Augen entgegenschob und wandte sich zum Gehen.
„Akab!"
Dec Hindu verhielt den Schritt und wandte sich dem Fceihecrn wieder zu. „Du läßt dich tauschen, Sahib! Nach außen ist alles Ruhe an ihm, aber könntest du sehen, wie fürchter- lich der Kampf ist, den er im Znnern auszutragen hat — dann würdest du Buddha bestürmen, daß er ihm schon in der nächsten Stunde Erlösung schickt."
Akabs Urteil stimmte mit dem Alsworths überein.
Er mußte sich erst in seinem Zimmer die Augen kühlen, ehe er nach der Veranda hinunterging, wo Stephan den Tisch gedeckt hatte. Er sah den Hindu vor dem Vetter stehen, einen Zweig ifi der Hand, von dem Hans Peter Früchte pflückte.
„Was ist das?" Mit einem Schritt war er ne- ben den beiden. Sein Blick umfaßte den Znder mit einer unausgesprochenen Drohung.
„Es schmeckt vorzüglich." Hans Peter reichte ihm die Beere hinaus und schob sie ihm zwischen die Zähne. „Zch sinke sie sehr erfrischend."
Der Kranke konnte nicht verstehen, was Akab
jetzt mit dem Vetter sprach. Das Zndisch war ihm noch immer nicht geläufig. Er sah nur, wie dieser dem Hindu über den Aermel strich und dessen schlanke Gestalt mit einem Blick des Dankes umfaßte.
Die Mahlzeit verlief ungemein anregend. Haris Peters schwaches Herz konzentrierte noch einmal feine letzten Kräfte. Er fühlte sich frei und leicht, wie seit Wochen nicht mehr. Auch das Reden strengte kaum mehr an. Nur die Augen fieberten und zeitweilig glüfjten die Wangen auf.
Kurz nach neun Uhr begab man sich zur Ruhe. Günthers Schlafzimmer war für Hans Peter in Bereitschaft gesetzt worden. Das Bett stand an das breite Doppelfenster gerückt, daß die silber- üfcerronner.en Berge unwirklich nah ihre Häupter herübecneigten.
Vom Garten heraus schickte eine Plumiera paradiesische Düfte. Die Wedel einer Dattelpalme streiften das Fenster und wiegten sich im schwachen Hauch des Windes, der vom Gebirge kam.
„Hörst du, Haiis Peter?" Unten auf dem Rasen zirpte eine Grille. Unermüdlich! Einschläfernd! Sehnsuchtweckend! Güncher bog sich über das Sims und lauschte, lehnte den Kopf gegen die Scheiben und drückte die Kiefer aufeinander. Ohne nach dem Vetter hinzusehen, fühlte er doch dessen Blick auf sich ruhen.
„Hast du Briefe und Tagebuch herausgesucht, Günther?" Hans Peters Stimme klang so fest, daß den Gefragten tausend Hoffnungen bestürmten.
Er nickte und ging nach dem Nebenraum, der ihm sonst als Ankleidezimmer und jetzt _ als Schlafgemach diente und holte beides herüber.
Der Kranke dankte mit einem Aufatmen. „Wenn du nicht zu müde bist, möchte ich dich bitten, es jetzt zu lesen."
„Jetzt?"
Ein stummes Bejahen. Aber nicht hier Günther. Vielleicht unten auf der Veranda oder im ©arten — wenn es noch hell genug ist."
„Akab kann mir ein Wind licht bringen."
„Za! — Wie lange brauchst du?"
Günther wog das Päckchen in der Hand. Es mochten etwa ein Dutzend Briese fein oder mehr. Das Tagebuch war von einem silbernen Riegel zusammengehalten. Er klappte ihn zurück und staunte. Es war bis zur letzten Seite vollgeschrieben. „Zch denke, daß ich in spätestens einer Stunde fertig bin damit."
Harrs Peter hielt die Augen geschlossen, als er Antwort gab. „Jedenfalls werde ich wach bleiben, bis du zurückkommst."
Günther wehrte. „Ich wecke dich!"
„Kann ich mich darauf verlassen?"
„Wie immer, wenn ich dir etwas so besttmmt verspreche," sagte der Baron, zog die Seidendecke
etwas weiter über die Brust des Liegenden, nac,m Briefe und Buch an sich und verlieh das Zimmer.
Auf der Treppe begegnete er dem Hindu, der Reis in einer Schale und etwas Wasser in einem Tongefäh nach dem Zimmer trug, das er allein bewohnte.
„Warum fastest du?" fragte er und konnte die Bewegung in seiner Stimme nicht verbergen.
Die Ader über den dunklen Augen senkten sich: „Daß du nicht weinen mußt, Sahib, wenn du jetzt liest. — ilnö daß du dem Scheidenden das Wort zu halten vermagst, das du ihm geben wirst."
„Das Wort, das ich ihm geben werde?"
„Ja! —" Akabs Augen brannten in Schmerz. „Es wird dich mit Ketten binden und mit Ruten schlagen. Es wird dir das Herz zerreißen.
„Akab!" Günther von Anstetten wich einen Schritt vor dem Hindu zurück, faßte nach dessen Arm — und griff ins Leere. —
Gegen die Wand taumelnd, fuhr er nach der Stirne, die ganz mit kaltem Schweiß bedeckt stand. Er hörte Würz unten in dec Küche mit dem Paria reden und das leise, bei aller Sorgfalt doch wahrnehmbare Geräusch des Jnein- anderstellens von Geschirr und Glä'em.
Er nahm unsicheren Schrilles Stufe um Stufe und schlich an der offenen Türe des Kochraumes barü'Der, um sein Gesicht zu verbergen, das Gesicht, von dem er wußte, daß es jetzt fahl wie das eines Toten sein mußte.
Auf dem breiten Rasenplatz, welcher dem Bungalow wie ein Teppich vorgelagert war, brannte das Rot der Tnlsamiren. Von den Gais- winden, die sich um die Säulen schlangen, welche die Veranda trugen, ging ein Duft aus, der berauschte.
Eine Flamme züngelte in Blut und Nerven des Mannes, daß sie auf loderten wie ein Dach, das nur auf den Funken gewartet hatte, der ihn zündete und nun in grellem Feuer stand.
Das Tagebuch blätterte auf und entglitt den fahrigen Händen. Ein Photo lag auf den hölzernen Stufen und der Mann, der sich jetzt danach bückte, verspürte, wie seine Finger zitterten, als er es wieder zwischen die Seiten steckte.
Quer über den Rasen nahm Günther von Anstetten den Weg nach dem unteren Teil des Gartens, von wo aus ein kleines Wasser ins Tal sprang. Ein Gecko saß im Kelch einer Orchidee und schrie ihm frech ins Gesicht.
Anstetten schlug mit dem Buch gegen die Blüte welche den Rufer trug. Ein lähmendes Schweigen war die Folge. Nur aus dem Blattwerk eines Pfeifenstrauches klagte ein mutterloser Vogel.
Hinter sich hörte er einen Schritt und dann Stefans tiefes Organ. „Akab hat mit gesagt, Sie brauchen ein Wind licht, Herr Baron." Ec trug eine Papierlaterne in den Händen und
schritt neben dem Gebieter her, bis dieser auf einen weißlackierten Tisch aus Peddigrohr zeigte, neben lern eine schmale Bank zwischen über- hängendes Buschwerk geschoben war. Soll ich dem Herrn Baron etwas zu trinken bringen?"
Ein stummes Ablehnen.
„Zu rauchen?"--
„Habe ich!" Günther legte Briefe und Buch auf den Tisch, nahm, als Stefan noch imner abwartend stehen blieb, fein Zigarettenetui heraus, ließ sich die Papyros in Brand stecken und winkte ihm dann zu gehen.
Er blies in rascher Folge ein paar weiße Ringer in die Lust, die wesenlos zerflossen. Ohne die Zigarette fertig zu rauchen, warf er den Rest in das Wasser, das neben ihm Darübe cgur gelte.
Unschlüssig, was er zuerst lesen sollte, griff er nach den Briefen: Eine ungeübte Kinder- handfchrift! — LiebeSsestammel eines Zwölfjährigen! Herzensergüsse einer Knabenseele, die im Erwachen war.
Dann wurde der Inhalt klarer, gereifter, zwischen den Zeilen eine Bitte! Eine Andeutung! Eine Frage, die Günther von Anstettens Blut zum Wallen brachte: „Warum bieibst du immer noch fort, wo du doch weißt, wie sehr ich mich nach dir sehne, Vater."
Er hielt die Hand gegen die Lippen, damit kein Laut verriet, was er jetzt zu lesen gezwungen war: „Mutter spricht seit Tagen davon, daß es keinen Sinn mehr hat, Anstetten weiter zu bewirtschaften. Großvater war kürzlich hier und sagte das Gleiche. Kannst du das dulden, Vater, daß es zum Letzten kommt und Anstetten versteigert wird! — Versteigert, Vater? Ich lege mich vor das Tor, das zur Auffahrt führt und dann muß jeder über mich hinweggehen, der es erwerben will."
Der Baron biß die Schneidezähne tief in die Lippen.
Der letzte Brief: Keine Bitte! Kein Wort der Sehnsucht mehr, nur noch Resignation eines Fünfzehnjährigen, dec es aufgab, sich gegen das Geschick zu stemmen und jedes Hoffen begraben hat, den Vater, dec sein Kinderflehen unerfüllt ließ, mit Worten der Liebe heimzuziehen.
Baron Günther sah ganz zufammengelrümmt. Er, der unverheiratete Mann, fühlte trotz der Kinderlosigkeit die grenzenlose Rot des Jungen, der da feit Jahren vergeblich nach seinem Erzeuger rief.
Daß Hans Peters Ehe ein großer Irrtum war, wußte er, wußte, daß.er um der Frau willen, die fein Leben zerbrochen hatte, die Heimat mied» Aber daß der Sohn, den er so über alles liebte, nicht stark genug war, ihn mit diesen Driesen zurückzurufen, das hätte er nicht für möglich gehalten.
(Fortsetzung folgt)


