Ausgabe 
18.4.1929
 
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dud> das. Wortu nanneh ni 6 a r" ausgespro­chen wird, so wird anderseits die Bereitwilligkeit der Reparationskonferenz, das deutsche Memo­randum zu erörtern, festgestellt.Echo de Paris" schreibt, französischcrscits hält man die Konferenz für so gut wie beendet. Aber Amerikaner und Engländer wollen noch einen letzten Rettungsversuch machen. Ist das Angebot Dr. Schachts übrigens nicht von der Steigerung der Sachlieferungen und der Beibehaltung der Lransferklau- s e l zum wenigsten für einen Teil der Annuitäten

abhängig gemocht? "Denn die erstere Be­dingung gestellt worden ist, wird sie von der eng­lischen Delegation abgelehnt werden und die zweite steht in Widerspruch zu der Hauptaufgabe der Sachverständigen: Kommerzialisierung der deutschen Schuld.Petit Parisien" bezeichnet das Angebot Dr. Schachts als d e r a r t a u h e r- halb des Bereichs der Möglichkeit liegend, daß man glauben möchte, dre deutsche Delegation wolle die Konferenz bewußt zum Scheitern bringen.

Oie KsrhsrMgm des Dmifchen Industrie- Mh Handelsiages. Wirischafissreiheii und Gemeinschaft der VsrariiWoriung.

Minister GurLLus zur GachVsrftändigemonssrenz.

Die 49. Vollversammlung des Deutschen In­dustrie- und Handelstages, die soeben unter zahl­reicher Beteiligung aller beteiligten Wirtschafts­kreise, der Regierungen, der Behörden und der Parlamente stattgefunden hat, muhte in diesem Jahre im Brennpunkt des öffentlichen Interesses stehen, weil sie in eine Zeit fällt, in der die deutsche Wirtschaft starke innere Schwächen und außenpolitische Schwierigkeiten aufzuwcisen Hut. Deutschland ist wirtschaftlich gesehen an einem Abschnitt angetangt, der zu einer Wende wer­den kann, das Ergebnis der Pariser Reparations­besprechungen, gleichgültig ab es abgelehnt wer­den muß oder angenommen werden kann, wird Deutschland vor neue wirtschaftspolitische Auf­gaben stellen, die wahrscheinlich eine grundlegende Aenderüng der staatlichen und privaten Wirt­schaftsführung zur Folge haben werden. Das alle anderen überschattende Problem der Reparatio­nen fand daher auch eingehende Würdigung auf der Tagung und es ist gerade bezeichnend für die Verantwortung, die die berufenen Führer der Wirtschaft in der Reparationsfrage sehen und fühlen, daß der Reichswirtschaftsminister Dr. C u r t i u s es abgelehnt hat, und zwar mit Rück­sicht auf die Pariser Verhandlungen, und auf die schwierige Lage der deutschen Sachverständigen, irgendwie zur Deparationsfrage als Vertreter des Staates Stellung zu nehmen.

Die großen Programmpunkte des Industrie- und chandelstages gehen in zweierlei Richtung, einmal dex Weg zur W i r t f ch a f t s f r e i l; e i t und zur Wiederherstellung und Bevorzugung des persön­lichen Unternehmertums, andererseits die Gemeinschaft der Verantwortung, die die Wirtschaft mit ihren vielseitigen Zweigen zu tragen Hot. Es gilt die Persönlichkeit des selbständigen Un­ternehmers zu verteidigen gegen den sich in K a r - tellen und Trusten ausdrückenden kollektivisti­schen Zug und gegen den Kommunal, und Staatskapitalismus, der die freie Betäti­gung in der Wirtschaft einschränkt. Die wachsende Erkenntnis von der Verbundenheit des Schick­sals von Kapital und Arbeit als einer na­türlichen Gegebenheit setzt sich allmählich in stär­kerem Maße durch und mit ihr die Anerkennung der besonderen Notwendigkeit, der deutschen Wirt schäft Kapitalkraft zuzrtleiten.

Der Industrie- und Handelstag lehnt den Burcaukratismus und Schematismus als den Feind des Kaufmanns ab und sieht in dem Wett­bewerb und dem Risiko den Freund des Kauf­manns, wie überhaupt die Llntemehrnerpersön- lichkeit die allein belebende Seele auch innerhalb neuer Organisationsformen der Wirtschaft blei­ben wird. Für die Wirtschast selbst besteht die Pflicht, deren Erfüllung zugleich eine Vorarbeit für den Staat bedeutet, innerhalb ihrer gesetz­lichen Berufsvertretung die Interessen abzu­wägen, um sie dann gemeinsam wahrzunehmen. Die Wirtschaft muß sich eben bei dem Druck, der auf allen ihren Teilen liegt, auf die Gesamt­interessen einstellen und die Interessen der ein­zelnen Beruse in diese Gesamtinterelfen einord­nen und sich bewußt sein, daß alle wirtschaftlichen Einzelinteresfen miteinander verbunden sind. Darin liegt der Gemeinschaftsgeöanke der Ver­antwortung, der aus allen Reden auf der Voll­versammlung des Deutschen Industrie- und Han­delstages herausklang.

Berlin, 17. April. (WTB.) Der Deutsche Industrie- und Handelstag hielt unter starker Beteiligung aller Wirtschastskreise seine 49. Voll­versammlung ab. Der Vorsitzende Präsident Franz von Mendelssohn begrüßte die Gäste, die zahlreich erschienen waren, u. a. den Reichswirlschastsminister, den Reichswchrminister, den preußischen Handelsminister, Vertreter des Reichsrates und des Reichswirtschaftsrates, der Reichsministerien und Behörden, der Landesre­gierungen, der Parlamente, der Reichsbank so­wie der Deutschen Reichsbahngesellschast und die Vertreter der Spihenvcrbändc der Wirtschaft. Er hob den Geist der Gemeinschaft hervor, der in Verbandstagungen zum Ausdruck komme und der bei den inneren Schwächen und den außenpolitischen Schwierigkeiten unserer Wirt­schaft ganz besonders walten müsse. Die Grüße und Glückwünsche der Reichsregierung übermit­telte

Reichswirischafismimster Dr. Curiius, der zugleich namens aller Regierungsvertreter einschließlich des preußischen Handelsministers erklärte: Es wird von Ihnen wohl verstanden werden, daß ich in diesem Augenblick nicht in der La g e bin, zu der Reparations­frage, die unser aller Denken beschäftigt, sach­liche Ausführungen zu machen. Ich weiß mich eins mit Ihnen in der Auffassung, daß es sich bei den gegenwärtigen Verhandlungen um die Lösung eines für das deutsche Volk und die deutsche Wirtschaft, darüber hinaus für die euro­päische Wirtschast und den Wirtschoftsfrieden der Welt auf lange Zeit entscheidenden Problems handelt. Alles hängt davon ab. daß die in Paris vereinigten Sachverständigen ihre Aufgabe als eine wirtschaftliche mit unpolitischer Sachlichkeit durchführen. Selbst das, was Deutschland unter eigener Verantwortung in der Grenze seiner Wirt- schastslrast in Zukunft zu zahlen übernimmt, wird letzten Endes unter der Verantwor­tung derer stehen, die heute in Paris über diese Fragen zu Rate sitzen. In Paris darf es nicht darum gehen, nach Art eines Handels­geschäftes über die Höhe von Forderungen und Schulden zu markten, sondern um die ge­meinsame Behebung einer die ganze WeltbedrückendenWirtschaftssorge durch dazu berufene Sachverständige. Ich be­schränke mich auf diese wenigen Worte, verzichte insbesondere auch auf nähere Darlegung des ungeheuren Ernstes der Loge. Ich setze mit der gesamten deutschen Wirtschast in die Sachkunde, Unerschrockenheit und Besonnenheit der Vertre­ter Deutschlands in diesen Sachverständigenaus­schuß das größte Vertrauen und sende in diesem Sinne unseren Sachverständigen einen Gruß hinüber.

Präsident Kranz von Mendelssohn gab dann ein Bild der Lage der deutschen Volks­wirtschaft. Die Kapitalarmut verlangsame die Rationalisierung, beenge die besonders für die Ausfuhr notwendigen Kreditierungsmöglich­keiten und führe zu einer außerordentlichen Zinsenhöhe. In der Kapitalarmut und Zins- überlastung liege mehr oder weniger der

Gießener Gtadttheater.

Hanns Johst:Thomas Paine".

Ein Stück Sturm und Drang im zwanzigsten Jahrhundert. In der Geniezeit würde man dem Autor vielleicht nachgesagt haben, sein Werk seigroß geahndet" gewesen. Man kann das vielleicht auch heute noch zugeben. Aber es ge­nügt nicht ohne weiteres, den guten Willen für die Tat zu nehmen.

Ist cs ein Drama? Kaum. Eine Tragödie? Rein. Ein Theaterstück? Teilweise. Lind zwar im Stil des historisch-biographischen Bilderbo­gens. Andeutend, skizzenhaft, sprunghaft. Das waren andere Stücke auch, sogar vor dem Ex­pressionismus; und nicht die schlechtesten. Was aber hier fehlt, ist die große Linie; ist der dra­matische Kern. Die unausweichliche Rotwendig- keit des inneren Ablaufs, dieses So-- und- nicht- anders, das aus dem echten tragischen Drama niemals wcgzudenken ist. Der Stoff hätte eine ausgezeichnete Rovelle, vielleicht sogar einen brauchbaren Roman ergeben. Aber I o h st zielte auf das wortgeschwellte, pathetische Szenarium mit großem Auftritt und pomphaftem Bild.

Die Fabel ist so dürftig wie die Lieberliefe­rung. Leben und Untergang Thomas Paines, der zu seiner Zeit ein höchst einflußreicher amerika­nischer Publizist war und mit seiner SchriftDer gesunde Menschenverstand" (1776) einen außer­ordentlichen Erfolg hatte.

Die einzelnen Bilder zeigen ihn an den wichtig­sten Stationen seines Wirkens. 2lls Wegbereiter der amerikanischen Llnabhängigkeitsbewegung. Als genialen Adjutanten Washingtons im Felde. Als Llnterhändler gegen England in Philadel­phia und als Schrittmacher Amerikas in Paris, wo die Revolution tobt.

Hier hat er das Pech, als begeisterter Repu­blikaner wegen royalistischer Gesinnung ins Ge­fängnis gesteckt zu werden, weil er sich für Lud­wig XVI. cinseht.

Damit ist man eigentlich schon zu Ende: was nachher kommt, ist- dramatisch gesehen Epi­sode und Bild, Ausschmückung und Stimmungs­malerei; nichts weiter. Paines Kerkerhaft, seine Begnadigung, seine Verschollenheit, seine glanz­lose Heimkehr.

Die historischen Grundlagen sind nicht so wich­tig. Es ist das gute Recht jedes Autors, abzu­weichen, wegzulasscn, zuzufügen und zu stilisie­ren. (Obwohl man öfters den Eindruck hat, Johst habe von der bekannten Lizenz etwas reich­lich Gebrauch gemacht.)

Sehr vieles von dem, was hier gezeigt wird, bleibt nur Episode, nur Bild, nur Schau-Stück, ohne die große, zündende Suggestivkraft, die aus inneren Gesetzen, aus einer zwingenden Rotwen­digkeit entspringt. Entscheidende Ereignisse in diesem Lebenslauf wirken nicht wie vom Schick­sal, sondern wie vom Zufall geboren.

Mußte gerade Paine nach Paris? Mußte er ausgerechnet in die entscheidende Konvents- sihung in den Tuilerien hineinplatzen? War es unabwendbar für diesen Vollblutamerikaner, die Sache Frankreichs zu der seinen zu machen? War es Schicksal oder Verstocktheit, daß er sich ein­mischen muhte in Dinge, die ihn nichts an- gingen? (Zum mindesten solange nicht, als sein eigenes Werk noch kaum vollendet stand, eben aus der Taufe gehoben, aus der Feuer­taufe des Befreiungskrieges.)

Gewiß: es geht hier nicht, wie eingewendet wurde, um die Persönlichkeit, sondern um die Idee. Die tragische Idee: wie der Einzelne, groß, klar, begabt, über alle Mitwelt hinausragend, an seiner Zeit zerbricht und in der dumpfen, unreifen Masse versinkt.

Dann freilich muß gesagt werden, daß diese Idee schon ost früher und besser, was ent­scheidend ist gestaltet wurde. Von Grabbe, urn nur ein Beispiel zu nennen, imHannibal"; und von Johst selber, als er in seinemEin­samen eben diesem Grabbe ein Denkmal setzte.

Eine gewisse derbe Theatralik ist einigen von den neun Bildern im Stück durchaus nicht ab­

Schlüssel zur Erklärung aller -inneren Erschei­nungen der Wirtschaft. Das Bild der Wirt­schaft sei trübe, aber nicht hoffnungs­los. Rach Ausführungen für freie Wirtschaft hob der Redner noch die Rachteile hervor, die die unablässigen Erhöhungen der öffent­lichen Lasten. Kapitalabgaben und Heber« Neuerungen für alle Teile der an der Wirtschaft beteiligten Bevölkerung, insbesondere auch für die Arbeitnehmer bringen.

Zur Finanz- und Steuerpolitik sprach Dr. Grund, Präsident der Industrie- und Han­delskammer Breslau. Dr. August Weber, Mit­glied der Industrie- und Handelskammer zu Berlin, hielt einen Vortrag überPersönliches Unternehmertum, seine Rotwendigkeit und Ver­antwortung für die Volkswirtschaft". Der Vor­sitzende des Vereins Hamburger Exporteure, Ru­dolf H. Petersen, sprach überZiele und Wege der Weltmarkterweiterung". Er ging da­von aus. daß alle Bestrebungen zur Hebung des deutschen Exportes mit einem Abbau der Staatsausgaben und damit der Besei­tigung des Steuerdruckes beginnen müß­ten. Die Wirtschaft müsse an die deutsche- Re­gierung den Appell richten, mit allen Mitteln der Verhandlung die wirtschaftliche Gleichberechtigung Deutschlands in den Kolonialgebieten der europäischen Mächte und der Vereinigten Staaten (Philippinen) zu er­streben.

Oie Verlängerung der Gewerbesteuer in Preußen.

Nichlbesteuerung der freien Berufe.

Berlin, 18. April. (V.D.Z.) Die preußische Regierung hat dem Staatsrat die in Aus­sicht genommene Vorlage über die Verlänge­rung der Gewerbesteuer zugeleitet un­ter Herauslassung der Besteuerung

der freien Berufe. Der Staatsrat hat schlossen, Einspruch gegen dasVerlängerungs? gesetz nicht zu erheben. Damit ist die Mög­lichkeit gegeben, daß der Landtag seine Ab­sicht, das Gesetz am Freitag zur ersten Beratung zu stellen, durchführen kann. Es könnte das al- lerdings daran scheitern, daß eine Fraktions­stärke, nämlich 15 Abgeordnete widerspre- chen und die Beachtung der Bestimmung deo Geschäftsordnung fordern, wonach ein Ge­setzentwurf erst am dritten Tage nach der Verteilung der Vorlage zur Beratung gestellt werden kann, daß also die in der Geschäftsord­nung vorgesehene Möglichkeit einer beschleunig­ten Erledigung durch den erhobenen Widerspruch unmöglich gemacht wird. Finanzminister Dr. Höpkec-Aschoff erklärte u. a.: Die ursprüngliche Vorlage der preußischen Staatsregierung sah die unveränderte Verlängerung der Gewerbe­steuer, und zwar ohne Ausdehnung aus die freien (Behufe, vor. Diese'Ausdehnung ist erst durch einen Antrag aus dev Mitte des Landtages herbeigeführt wor­den. Don einer Riederlage der Regierung kann also nicht die Rede sein. Es bestanden im Land­tage und im Staatsrat lediglich Meinungsver­schiedenheiten darüber, ob die freien Berufe in das Gesetz einbezogen werden sollten. Es kann indessen kein Zweifel bestehen, daß sowohl int Staatsrat wie im Landtage eine Mehrheit füv die Verlängerung der Gewerbesteuer in der ursprünglichen Form der Regie­rungsvorlage vorhanden ist. Die Richt­verlängerung der Gewerbesteuer würde zu einer finanziellen Katastrophe in den Ge­meinden führen und die Gemeinden zwingen, die gesamten Fehlbeträge durch Erhöhung den Werktarife und gewaltige Erhöhung der Ge- meindevermögenssteuerzuschläge zu decken. Kein verantwortungsbewußter Politiker wird die Ver­antwortung für solche Maßnahmen auf sich neh­men wollen.

Me Vchmdwiz der «Uchen BsrMge in ®tnf.

Man wünscht zur Tagesordnung irberzu gehen. - Rußland, die Türkei und Deutschland widersprechen.

Genf, 17. April. (WB.) Der Vorbereitungsaus­schuß für die Abrüstungskonferenz trat in die Be­ratung des Teilabrüstungsprojektes der Sowjetunion ein. Das Mitglied der russischen Delegation, General Langovoi, trat für Vernich­tung der starken und ausgesprochenen Angrisss- roaffen ein. Vor allem soll das rasche Anwachsen der Rüstungen derjenigen Großmächte, verhindert werden, die am meisten den Gedanken^ängen des Militarismus huldigen. Zn erster Linie verlangt die Delegation der Sowjetunion oie vollkammene A b - fchaffung der Tanksund der schweren weittragenden Artillerie, ebenso der Flugzeugmutterschiffe und der großen Linienschiffe. Das sowjetrussische Projekt be­steht auch auf der im Versailler Vertrag Deutsch­land auferlegten Begrenzung der Kreuzer auf lOOOOXonnen. Die U-Boottonnage soll auf 600 Tonnen begrenzt und gleichzeitig die Stärke der gesamten U-Bootwaffe herabgesetzt werden. General Langovoi verlangte ferner den Ver­zicht aller Staaten auf den chemischen und bakteriologischen Krieg, sowie die Zer­störung der militärischen Zwecken dienenden chemi­schen Industrien. Sato (Japan) vertrat gegen­über der russischen These zur Abrüstung den Stand­punkt der individuellen Abrüstung unter Be­rücksichtigung der geographischen, militärischen und wirtschaftlichen sowie der allgemeinen Bedürfnisse jedes einzelnen Landes. Auch der französische Dele­gierte M a s s i g l i sprach sich grundsätzlich gegen die Typisierung de^, Abrüstung und gegen eine mathematische und automatische Rüstungsoerminderung aus, da für jedes einzelne Land die besonderen Bedürfnisse berück­sichtigt werden müßten.

Graf Bernstorff sagte, er betrachte es als einen Vorteil, daß angesichts der geringen Ergebnisse der bisheri­gen Beratungen nunmehr Vorschläge mit bisher unerörterten neuen Gedanken unterbreitet worden seien. Die unerläßlichen Elemente für einen ersten Abrüstungsschritt habe der dentscheReichskanzler vor sechs Monaten

in Genf angegeben, indem er u. a. sagte, dir erste Etappe könne und müsse eine fühlbars Herabsetzung des gegenwärtigen! R ü st u n g s st a n d e s herbeiführen, die sich auf alle Elemente der Rüstungen zu Lande, zur See und in der Luft erstrecken und die Garantie der vollständigsten Oeffentlichkeit aller- ftungskategorien einbcziehen müsse. In der Me­thode, die die russischen Vorschläge angeben, liege wohl ein neuer Gedanke; aber niemand könne bezweifeln, daß in den hierfür ^erforder­lichen Verhandlungen sehr beträchtliche Schwie­rigkeiten entstehen würden. Die Durcharbei­tung werde sich auch daraus zu erstrecken haben, ob das in dein Vorschläge enthaltene, vielleicht etwas zu starre System nicht zu verfeinern und elastischer zu machen wäre, damit ein besse­res Gleichgewicht unter den Rüstungen ermög­licht würde. Der Kommission sei bekannt, daß er. Graf Bernstorff, sich bisher auf den Boden der Arbeitsmethoden der Kommission an den Genfer Beratungen beteiligt habe. Wenn er es trotzdem für richtig halte, für eingehende Prü­fung des russischen Vorschlages eiu- zutreten, so geschehe dies, weil wir alle förder­lichen Gedanken, die sich bieten, aufgreifen soll­ten; es komme nach seiner Ansicht weniger aufs die Methode an als auf das Ziel, nämlich eine fühlbare Herabsetzung der Rüstungen.

Am Nachmittag erwiderte Litwinow auf die Dar­legungen, mit denen der japanische Delegierte die These der individuellen Abrüstung verfochen^ hotte, deren Ausmaß von jedem einzelnenStaat unter Berücksichtigung s e i n e r Sicher­heit und anderer Faktoren abzuschätzen wäre. Er betonte, daß nach russischer Auffassung gerade bei Berücksichtigung der Cicherheitsoerhaltnisse, die im wesentlichen durch die Streitkräfte der Nachbarstaaten bedingt seien, nur eine proportionelle Abrüstung möglich sei und die heutigen Sicherheitsverhältnisse nicht störe. Wenn, der Ausschuß vorwärtskommen wolle, so müsse er über die russischen Grundsätze und Vorschläge eine unzweideutige Antwort geben. Diese

zusprechen. Vielleicht ist es eben die an man­chen Stellen unverkennbare Bühnenwirksamkeit gewesen, die den Intendanten Dr. P r a s ch zur Inszenierung gereizt hat.

Immerhin erschienen gerade die drei ersten, wichtigsten Szenen merkwürdig matt und äußer­lich. Der HöApunkt der Aufführung lag in dem Pariser Revolutionsbilde in den Tuilerien; dies war reglemäßig außerordentlich geschickt gelöst und wirkte in seiner Turbulenz und dem lärmen­den Widerspiel von Rednerstimmen und Pöbel­chor eindringlich und echt. Gut auch die ge­spenstig verwischte erste Kerkerszene.

Die letzten Bilder waren mit richtigem Instinkt stark gekürzt und zusammengerafft; gleichwohl ge­lang es nicht, über die empfindlichen Schwächen, den dramatischen Leerlauf gerade der Schlußbilder hinwegzutäuschen.

Gut war die Bühnenmusik von Eigl, gut auch die einfachen Dekorationen, die Löffler ent­worfen hat. Sehr zu loben der überaus schnelle Llmbau.

*

Tanne rt gab den Paine; stimmlich nicht recht disponiert, aber mit viel Hingabe und der jugendlich-stürmischen Begeisterung, auf die seine Rolle in den ersten, entscheidenden Szenen ge­stimmt ist.

Rach dem Konventsbilde, wo auch er den besten Eindruck hinterlieh, ist die Rolle dramatisch aus­gepumpt. Theatralisch läuft sie weiter, mono­logisch, eintönig versickernd. Tannert fand sich mit Takt und anerkennenswertem Bemühen auch in die wenig dankbare Aufgabe, fast ganz auf sich selber gestellt, das Stück zu Ende zu spielen.

*

Aus dem vielköpfigen, übrigens ausschließlich männlichen Personal schoben sich eine Reihe schär­fer umrissener Gestalten in den Vordergrund der Ereignisse: Ebert-Grassow als der bieder polternde (General Green; Gareis, der geistiger angelegte Washington, nicht immer frei von thea­tralischen Gebärden; in der Konventsszene be­merkenswert der fanatische Jakobiner Ehabot: Knyr; Ludwig Capet, von Arzdorf nobel in eine kurze Szene gestellt; de Caftrd (eng­

lischer General Tornay), H a e s e r (Stone) und Volck (Adams) seien noch genannt.

Im Parkett herrschte viel Llnruhe; doch gab es zuletzt anhaltenden Beifall: Tannert und Dr. P rasch muhten sich mehrfach zeigen. Dr.Th.

Lebende Schachfiguren.

Bei den großen Schachtongressen hat man jetzk wieder das merkwürdige Schauspiel eingeführt, daß menschliche Personen, als Schachfiguren ge­kleidet, die Stelle der Steine einnehmen und auf den Befehl berühmter Spieler die Schritte und" Sprünge der Figuren vollziehen. In England wird letzt bei dem Schachkongreß eine solche lebendige Partie" gespielt, an der sich auch der frühere Weltschachmeister C a p l a n c a beteiligt. Diese Verwendung lebender Schachfiguren ist aber nichts Reues, sondern man greift damit auf Vor­bilder zurück, die bis in die älteste Geschichte des königlichen Spiels" zurückführen. Schon die per­sischen Könige, von denen das Schach seinen Ra- men hat, hatten ihre Höflinge zu Spielfiguren ausgebildet, und in der Renaissancezeit berauschte sich wenigstens die Phantasie an demlebendigen Schach". So beschreibt der französische Dichter Francois Rabelais drei Spiele, die durch Männer und Frauen dargestellt wurden, und das Vorbild dieser Schilderung waren Schach­spiele. die auf diese Weise am französischen Hofe ausgeführt wurden. Ebenso berichtet ein Zeit­genosse von Rabelais, der Italiener Marco Giro- lamo Vida, in feinem lateinischen Gedicht über das Schachspiel von Partien, bet denenmensch­liche Geschwader" auf dem tarierten Feld gegen* einander kämpfen. Sogar die Bühne machte sich diesen Gedanken zunutze, und im Jahre 1610 wurde in Shakespeares Globe-Theater zu London eine KomödieDas Schachspiel" aufge­führt. in der Personen, die als Figuren des Schachs auftraten, in mannigfache Verwicklungen gerieten. Das Stück wurde aber nur neunmal gegeben, denn dann wurde es verboten, well man herausbekommen hatte, daß derbiete Bischof" als eine Verspottung der Kirche und betschwarze Ritter" als eine Satire auf den spanischen Ge­sandten gedacht waren. Der unglückliche Versal'» sev wurde gefangen gesetzt.