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Montag. 18. März (929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Nr. 65 Zweiter Blatt
Großadmiral von Tirpitz.
Zum 80. Geburtstag des Schöpfers der deutschen Kriegsmarine.
Don H. v. Waldeyer«Harh, Kapitän z. See a. O.
2lm 19. März dieses Jahres begeht Tirpitz feinen 80. Geburtstag. Sein Name steht als stärkstes Wahrzeichen in der Geschichte des-zur Gipfelhöhe aufsteigenden und dann jäh abstür- zendcn deutschen Kaiserreichs. Tirpitz war eine Persönlichkeit eigenster Prägung, em Mann von konservativer Gesinnung, aber mit hellstem Blick für die Zukunft begabt; ein Organisa- tot, wenn es erlaubt ist zu sagen, von Gottes Gnaden; ein Führer der seine Gefolgschaft fest in der Hand behielt, und schließlich eine Persönlichkeit, bei der sich das Arbeiten „nur für die Sache" in seltener Reinheit auswirkte.
Als sechzehnjähriger Jüngling war Tirpitz im Frühjahr 1865 in die Marine eingekreten, die damals noch unter der preußischen Flagge fuhr. An Bord der Segelfregatte „Riobe" hat er als Seekadett beim Geschühexerzieren noch mit eigener Faust die Kugeln in die Mündung alter Vorderlader geschoben, er, dessen Lebensarbeit die Bereitstellung jener gewaltigen Großkampf- fchiffe werden sollte, deren technisch.'r Güte nicht zum mindesten der Waffenersolg vom Skagerrak zu verdanken war. Im Krieg^iahr 1870 befand sich Tirpitz als „ilnterlicutenant zur See" auf der Panzersregatte „König Wilhelm", jenem Schiff, das zu den mächtigsten seinerzeit gehörte und erst zwei Jahre vor Krieg, ausbruch auf englischen Werften, ursprünglich für die Türkei be« stimmt, vom Stapel gelaufen war. Das Schiff wies für die damaligen Verhältnisse derart beträchtliche Abmessungen auf, daß es nicht in den Hasen von Wilhelmshaven einlaufen konnte: die Schleusenanlagen genügten nicht. Dabei hatte der „König Wilhelm'^ bei einer Wasserverdrängung von nur 9200 Tonnen eine Länge von 108 und eine Breite von 18 Meter, während unsere letzten Großkampfschifse der „Bayern-Klasse" bei einer Wasserverdrängung von 28 000 Tonnen über eine Länge von 180 und eine Breite von 30 Meter verfügten. Auch aus diesen Zahlen ergibt sich, welche machtvolle Entwicklung die junge deutsche Marine bis zum Weltkriege durchgemacht hatte, und daß ihre Bereitstellung in der Tat das Werk eines genialen Schöpfers war, der mit umfassendem Blick dafür Sorge trug, daß der Schuh nirgends drückte, daß der gewaltige Flottenausbau an allen Ecken und Winkeln, in den Werft- und Dockanlagen, in der Ausbildung, des Personals, in der Dereithaltung von Inventar und Material und in hundert anderen Dingen mehr, selbst strengen Anforderungen entsprach.
Tirpitz hat von jeher danach gestrebt, seine praktischen Kenntnisse als Seeoffizier durch Aneignung von politischem und geschichtlichem Wissen zu vertiefen. Gründlichkeit der Arbeit hat ihn auch hierbei ausgezeichnet: nicht jene Gründlichkeit, die sich im Unwesentlichen verliert, sondern die andere, die das Suchen nach der Erkenntnis höherer Gesichtspunkte anstrebt. Gerade darin zeigt sich der große Mann.
Als Inspekteur der Torpedowaffe hat sich Tirpitz seine Sporen verdient. Er gab den Anstoß zu einer Entwickelung, die die Welt zum ersten Male auf döbtsche Marinefragen aufhorchen machte. Die Torpedowaffe, wie sie bei uns entwickelt wurde, kannte ihresgleichen nicht. Tirpitz hat aus ihr eine Hochseewaffe gemacht, ein vollwertiges Kampfmittel für Tag- und Machtoerwendung. Das Erreichte war derartig mustergültig, daß selbst noch im Jahre 1916 die englische Flotte nach dem Eingeständnis ihres Führers, des Admirals Iellicoe, den Nachtkampf mit uns scheute.
Im Fahre 1893 wurde Tirpitz in das Oberkommando der Marine berufen. Die Entwicklung der gesamten Flottentaktik war hier sein eigenstes Arbeitsgebiet. In zweijähriger, von höci)- fter geistiger Anstrengung befruchteter Tätigkeit hat
Tirpitz diese Aufgabe schlechchin meisterhaft gelöst. Seit jener Zeit war sein Ruf innerhalb der Marine fest gegründet. 1897 trat er sein letztes Frontkom- mando an, es führte ihn als Chef des Streu« zergefchwaders nach Dftafien.
Das deutsche Volk kennt Tirpitz erst seit seiner Ernennung zum Staatssekretär des Reichs- marineamts. Hier entwickelten sich feine reichen Gaben als Parlamentarier, Politiker und Staatsmann zu ungeahnter Kraft. Er war der rechte Mann am rechten Ort Widerstände zerschellten an seinem Geschick, sie zu meistern, und an seiner ehernen Haltung. Alles was er leistete, geschah im Interesse der Front. Er hätte gern noch mehr gegeben als er gab, wenn er nicht von den Fesseln des Etats eingengt gewesen wäre. Ganz bewußt stand Tirpitz auf dem Standpunkt eines Diktators. Es durfte nur einer fein, der das deutsche Flottenschwert schmiedete. Die Entwicklung, wie sie ihm vorschwebte, konnte nur gelingen, wenn bis In die letzte Diensttätigkeit hinein die Einheitlichkeit des Vorgehens gewahrt blieb. Solange das Flottengesetz galt — es wäre im Frieden 1920 abgelaufen, — wollte Tirpitz die Zügel der Marine fest in der Hand behalten. Dann erst sollte jene Trennung zwischen Komandogewalt und Verwaltung eintreten.
die das Heer In schärferem Maße al« die Marine kannte.
Es muß als die große Tragik im Leben und Schaffen des Großadmirals bezeichnet werden, daß es ihm nicht vergönnt war, während des Weltkrieges die oberste Seekriegsleitung zu übernehmen. Er hatte sich von Anbeginn dazu erboten. Der Ausbruch des Krieges hat aber sogar feinen Einfluß vermindert. Beim losen Kriegsetat verlor eine Verwaltungsbehörde wie das Reichsmarineamt an Bedeutung, die rein militärische Stimme siegte. Hinzu kam Deutschlands politische Einstellung, die England In den ersten Kriegsabschnitten bewußt schonte. Wäre Tirpitz' Stimme im Herbst 1914 durchgedrunaen, bann hätte das deutsche Volk erkannt, daß sein gefährlichster Gegner weder an ber West-, noch an berOstfront, sondern an derSee- front ftanb. Heute sind mir um Meilensteine unserer nationalen Entwicklung Aurütfgeroorfen. Die große Prüfung, zu der ein Tirpitz sein Volk er« ziehen wollte, die Prüfung ber Weltreise haben wir nicht bestanden. Tirpitz' Ruhm bleibt deshalb ungeschmälert. Er hat litanenarbeit geleistet und darf sich selbst zum Tröste sagen, daß gegen Kurzsichtigkeit selbst Götter vergebens kämpfen.
Oie flämische Frage.
Don G. Arendonck, Brüssel.
Fall Coucke-GoethalS rüttelte sie auf, bald nach 1870; bas waren zwei Flamen, die auf einen Mordverdacht hin verurteilt und h Inge r i ch t e t wurden, ohne ein Wort von der französischen Gerichtsverhandlung zu v e r st e h e n: mehrere Jahre später bekannte der wirkliche Mörder auf dem Totenbette sein Verbrechen.
Seit einem halben Jahr etwa beginnt die Oeffentlichkeit der flämischen Frage mehr Aufmerksamkeit zu schenken als früher, ilnö wer dem Lauf der Dinge mit einiger Stetigkeit gefolgt ist, der muß zugeben, daß sich hier in der Tat manches in überraschender Weise gewandelt hat. In den ersten Rachkrieasjahren betrachtete die ösfenlliche Meinung diese vormalige Wirkungsstätte von Egmont und Alba, von Rubens und van Eyck mit denselben Augen wie vor dem Kriege. Man sagte: es gäbe keine flämische Bewegung und keinen Anlaß dazu; die Flamen hätten keine Ursache zur Unzufriedenheit. Sie hätten ja die Mehrheit im belgischen Staate, und ihre Sprache sei der französischen vor dem Gesetz gleichgestellt, die Straßenschilder seien zum Beispiel doppelsprachig. Die Flaminganten, die noch mehr wollten, seien Phantasten.
Einer solchen oberflächlichen Auffassung begegnet man hie und da noch heute, auch in einzelnen deutschen Zeitungen. Die Zahl der Flamen beträgt innerhalb des belgischen Staates etwa vier Millionen, in der Tat einige Hunderttausende mehr, als das,' was französisch oder wallonisch spricht. Aber wenn sie demnach ziffernmäßig auch in der Mehrheit sind, so werden sie doch als eine Ration minderen Rech- t e s behandelt, das ist möglich, weil sie zur Zeit der belgischen Staatsgründung ein Volk von geringerer politischer Regsamkeit waren als die Welschen und es heute teilweise iwch sind. Die Urheber der belgischen Revolution, die diesen Staat 1830 ins Leben riefen, wußten, was sie taten, ihr Haupt Rogier, hat es unzweideutig ausgesprochen: Es gilt, die Wallonen und Flamen, zunächst kulturell, und dann politisch, f ü r Frankreich zu annektieren. Und der französische Generalkonsul Crozier in Antwerpen hat es öffentlich gesagt, 1909, welche Annektionen sich Frankreich in Belgien leisten kann.
Die ganze Maschinerie des belgischen Staates ist daher von vornherein auf die Ausschaltung des Flämischen eingestellt. Französisch wurde als Sprache des Gerichtes, des Unterrichtes, der Verwaltung und des Heeres eingesetzt, nicht nur in den wallonischen, sondern auch in den flämischen Landesteilen. Den breiten Massen der Flamen war das niederländische Bewußtsein längst abhanden gekommen. Erst der
Rach diesem Justizmorde hat der belgische Staat die Flamen durch eine Reihe von Gesetzen besänftigt, die ihnen auf dem Papier die Möglichkeit gaben, auf flämisch verwaltet, gerichtet und unterwiesen zu werden. Aber das Französische hat die höhere gesellschaftliche Geltung behalten; es ist die Sprache der feinen Leute, der Vornehmen; das flämische Volk haßt sie und blickt doch zu ihr auf wie zu etwas Höherem; Kommandofprache der Armee ist sie geblieben.
Doch gerade dies hat den Grund zum Wandel gelegt. Während des Krieges bestand das belgische Heer zu 80 Prozent .aus Flamen. Und da hat sich der Fall Coucke-Goethals wiederholt: Die Statistik schweigt davon, wie viele Flamen bestraft wurden, well sie die französischen Anweisungen ihrer Vorgesetzten nicht verstanden. Und in diesem Zustande der Rechtlosigkeit mußten sie hören, wie drüben im besetzten Gebiet die Deutschen die bisher fran ösische Genter Universität in eine niederländische verwandelten und so einen alten flämischen Wunsch erfüllten — denn die flämischen Mundarten gehören der niederländischen Sprache an. Dabei wurden den flämischen Soldaten, damit sie ausharrten, von belgischer Seite erzählt, wie viele Tschechen zur Entente überliefen. War's ein Wunder, daß sich die helleren Köpfe schließlich fragten: sollen wir nicht auch zum Gegner überlaufen, da der belgische Staat unsere Sprache und Eigenart zehnmal so schlecht behandelt wie der österreichische die tschechische? Zu solchen Massenübertritten ist es indessen bei den Flamen nicht gekommen. Innerlich religiös, dabei schwerfällig von Ratur, haben sich die Flamen in der Mehrzahl gescheut, den Fahneneid zu brechen. Daheim angekommen ernteten sie als Frucht ihrer Treue nur ärgere Unterdrückung als zuvor. Die Genter Hochschule wurde wieder verwelscht. Die belgischen Gefängnisse füllten sich mit flämischen Aktivisten. Von einer Amnestie, zu der Belgien durch Waffenstillstand und Friedensvertrag verpflichtet | war, keine Rede!
Aber gerade auS der Erbitterung, die dies zur Folge hatte, gewann die flämische Bewegung neue Kraft. Dazu kam, daß franzöfische Hitzköpfe den belgischen Staat zur Eroberung holländischer Grenzgebiete und in neue Kriege zu bringen suchten. Immer mehr wurde die Erkenntnis, die sich bei den flämischen Soldaten im Kriege gebildet hatte, Allgemeingut des flämischen Volkes: Wir sind Flamen und haben mit den Welschen nichts zu schaffen! Reben den drei alten Parteien des belgischen Parlaments, den Klerikalen, Liberalen, Sozialdemokraten, entstand eine neue, die nur Flamen umfaßte: die Frontpartei. Damit sie ihre flämischen Wähler nicht an diese verlören, sprachen nun auch die flämischen Abgeordneten der alten belgischen Parteien, besonders Kleri-, kale und Sozialdemokraten, im Parlament flämisch, nicht mehr französisch, wie vor dem Kriege. Die flämischen Bauern des ganzen Landes fanden sich in einer neuen Organisation zusammen, dem „D o e r e n b o n d", der heute fast eine halbe Million Mitglieder zählt. Und selbst auf einem so gleichgültigen Gebiete wie dem Touristenwesen sagte man sich von den alten, welsch-belgischen Vereinen los: der flämische Touristenbund umfaßt heute gegen 60 000 Mitglieder.
Anstatt nun die Zeichen der Zeit zu erkennen, blieben die belgischen Verantwortlichen bet ihrem französischen System. Cs ist ihnen der Gedanke unmöglich, daß ein Volk anderer Art sich der französischen Sprache nicht unterordnen will. „P angermanische Propaganda" muß dahinter stecken. Und so finden wir belgische Offiziöse und Offizielle auf der Suche nach Beweisen, daß die flämische Bewegung nur — eine deutsche Mache fei. Man verschafft sich Schriftstücke, die seinerzeit zwischen den deutschen Besatzungsbehörden und den Flamenführern gewechselt wurden, übersetzt sie verkehrt (z.D.: „Deutschtum" mit „Germanisme") und sucht der Weilt weiszumachen, daß alles nur deutsche Bestechung sei. Es ist ihnen schlagend nach- gewiesen, daß sich ihre Behauptungen nur auf Fälschungen und Irrtümern aufbauen. Aber sic wagen nicht, ehrlich zuzugeben: wir haben geirrt und die Flamen durch unseren eigenen, blind- französischen Fanatismus gegen uns aufgebracht.
Da schlägt es am 10. Dezember 1928 wie ein Blitz eln:®bel der Antwerpener Rachwahl erhält D o r m s die meisten Stimmen, Dorms, den die Belgier wegen „Hochverrats" zum Tode verurteilt haben und der schon zehn Jahre im Zuchthaus zu Löwen sitzt, well er mit den Deutschen zusammen gearbeitet hat — im Rahmen der Genfer Konvention. Borms erhielt 83 000 Stimmen, der belgisch-liberale Kandidat nur 44 000 und 58 000 geben weiße Stimmzettel ab. Schleunigst gewährt Belgien als allererster der dazu verpflichteten Staaten eine Amnestie (freilich nur eine halbe; denn es enthält den Amnestierten ihre staatsbürgerlichen Rechte vor). Und Dorms, freigelaffen, hält in Holland eine Rede, in der er .betont, daß im Fall eines Krieges zwischen Belgien und Holland die Flamen nicht gegen ihre holländischen Stammesbrüder kämpfen würden.
Denn so oft man auch noch die Utrechter Veröffentlichungen für gefälscht erklären wird — niemand bezweifelt, daß „etwas daran" sein muh. In Flandern weiß es jeder, der offene Augen hat. Der Ausbau strategisch-wichtiger Bahnen an der flandrischen Küste; die Anlage von Waffenfabriken und Munitionslagern und die Wiederherstellung von dortigen Unterständen, die nicht von den Deutschen angelegt wurde«, sprechen eine gar deutliche Sprache. Angesichts dieser Tatsachen gewinnt die (Srflärung von Dr. August Dorms ihr besonderes Gewicht. Richt zum zweiten Male wollen die Flamen, entgegen ihrer germanischen Art und Sprache, entgegen ihrer Überlieferung, als Kanonenfutter für Frankreich mißbraucht werden. Delgien wird den Krieg an Frankreichs Seite nicht führen können, ohne den Destarid des eigenen Staates aufs Spiel
„Oie Melodie der Wett."
Uraufführung des ersten deutschen Tonfilms
Berlin, Mitte März.
Walter R u 11 m a n n . einer der fortschrittlichsten Pioniere des Fllms, dem wir den berühmten „Derlin"-Film verdanken, der auf der letzten Funkmesse seinen ersten deutschen Tri- Ergon-Film, dem Rundfunk gewidmet, mit so großem Erfolge laufen lieh, ist jetzt t>on der Hamburg-Amerika-Linie durch die Welt geschickt worden, um einen Film zu drehen, der der gemeinsamen friedlichen Arbeit und dem gegenseitigen Verständnis der Völker dienen soll. Er heißt „Die Melodie der Welt" und stellt sich mit Stolz als der erste deutsche „abendfüllende" Tonfilm vor, was sich dann als eine Länge von nicht ganz einer Stunde herausstellt, fo daß dieser junge Tonfilm, der sich so gigantisch fühlt, noch nicht einmal die Länge eines normalen Spielfilms aufweifen kann.
Aber er hätte länger fein können, die Welt dürfte Stoff genug hoben. Oder hat man gefürchtet, ein auf Gefellschaftsdramen gestimmtes Publikum zu ermüden? Das war nicht zu befürchten, denn der Dessergefinnte wird diesen handlungslosen Film als eine Erlösung von dem ewigen Einerlei des normalen Filmdramas empfunden haben. Ruttmann ist durch die Welt gereift und hat Aufnahmen gemacht, nicht eigentlich die „schönen" Bilder hat er gesucht, sondern er hat die Völker bei ihren alltäglichen Beschäftigungen beobachtet. Straßenverkehr in London, in Berlin, in einer indischen Stadt: überall die Autos und Straßenbahnen und die Derkehrs- schuhleute: die Welt ist schon erheblich mecham - siert unt> nivelliert worden. Auch wo das Eigenartige, das Menschliche des Individuums heraus tommt, sind nicht große Unterschiede zu ftn- dem Ueberall finden Ringkämpfe statt, es geht in Amerika auf einem Rummelplatz ebenso zu wie im Berliner Lunapark, und die Architektur der buddhistischen Tempel kann ganz unmerklich in eine gotische Fassade oder in einen japanischen Tempel übergeleitet werden. Alle diese Bilder verschlingen sich meisterhaft ineinander, sie verwischen sich, tauchen von neuem auf, wie immer wiederholte Motive einer großen Komposition, sie ergeben in ihrem schönen und starken Zusammenklang wirklich eine Ahnung von der Melodie der Welt. Der optische und rein filmische Teil dieses Schauspiels, das auch ohne Handlung fesselt und spannt, erweist wieder die große Künstlerschaft des Regisseurs Ruttmann, aus flüchtigen Impressionen ein einheitliches Gemälde zu kom
ponieren und aus einem handlungslosen Stoff drei Akte zu gestalten, sie zu steigern, auszubauen und mit starken Schluhakkorden zu beenden' das ist Architektur, ins Optische übertragen.
Anders steht es mit dem Tonlichen. Man hatte erwartet, in diesem Film etwas von der Sprache der Dinge, von der wirklichen „Melodie der Welt" zu vernehmen, denn wie stark der Tonfilm auf diesem Gebiet der Geräusche sein Fann, ist in jenem Tri-Ergon-Film bereits erwiesen worden. Anstatt aber die Sprache der großen Städte oder die rituellen Gesänge der Völker aufzufangen, hat Wolfgang Zeller eine neutrale Musik dazu gesetzt, die zugleich mit dem Filmstreifen ausgelöst wird und also das Bild wirllich mit einer sehr großen Exaktheit begleitet. Dadurch könnte gezeigt werden, daß ein Orchester einmal entbehrlich werden kann — aber liegt darin die eigentliche Bestimmung des Tonfilms? Gewiß nicht. Schon gar nicht, wenn die Wiedergabe so schnarrt und vibriert wie ein schlechter Lautsprecher. der immer etwas von Konservenmusik in seinem Klange hat. Aber dort, wo wirllich die Maschinen stampfen, die Sirenen heulen, die Ankerketten raffeln, dort wird der Einklang zwischen Bild ynö Ton, da wird die Eharakte- ristik der einzelnen Geräusche wieder ebenso verblüffend offenbart wie bei Ruttmanns Rundfunk- Film. So geschieht es also, daß die Musik, die bisher immer ein unersetzlicher Bestandteil des Films gewesen ist, abgelöst werden kann durch die Sprache der Straßen, die Mundarten fremder Völker, das Zischen einer Kreissäge.
Denn die vielberedete Krise des Fllms ist ja nicht nur wirtschaftlicher Art. Sie kommt auch daher, daß der durchschnittliche Publikumsfilm sein einmal vorhandenes enormes Stoffgebiet mit industrieller Gefräßigkeit verzehrt hat, daß feine Technik einstweilen auf einem Gipfel steht, nicht mehr zu überbieten ist und daß sich jedermann mit leiser Sorge fragt, was jetzt werden soll. Hier scheint nun Ruttmanns Film die Antwort zu geben, und es ist die gleiche, die man schon aus seinen früheren Filmen mitnahm: wie es ihm gelang mit „Berlin", einen spannenden Film von abenbfünenber Länge zu gestalten, den hand- lungslosen Film nämlich, so liegen, die Welt ist unerschöpflich, überall ähnliche Themen wie die „Melodie der Welt" sozusagen auf der Straße. Diese Dinge wirkungsvoll zu untermalen und dadurch rerzvoller zu machen, ist nun der Tonfilm erschienen. Er braucht dem stummen Film fein gefährlicher Rivale zu werden, aber er kann ihn unterstützen und ihm die neuen Möglichkeiten an die Hand geben, nach denen so ver
zweifelt gesucht wird. Wenn sich der Film einmal entschließen könnte, sich von der monotonen und konventionellen Handlung zu befreien, käme er von selbst zu jener „sachlichen Reportage des Lebens", die heute letzter Schrei ist. Der Film dürfte ihr geeignetstes Werkzeug werden. A-
Oer Packwagen und der Esel.
Auf einer kleinen Station mitten in der Eifel steigen die Leute nicht gleich aus, wenn der Zug hält, sondern sie warten ein wenig, weil sich die Dahn nach wenigen Sekunden noch einige Male in Bewegung seht, zuerst zehn Meter zurück, dann acht Meter vor. drei Meter zurück, einen Meter vor. Schließlich ist es so weit, daß man aussteigen kann, ohne befürchten zu müssen, noch auf dem Trittbrett durch einen Ruck in den Sand gestreckt zu werden.
Und daran ist nur der Esel schuld, jener Esel, der seit Jahren den Auftrag hat, die Milch an die Züge zu fahren. Seit Jahren bleibt er yllt feinem Karren stets an derselben Stelle stehen, und dann muß der Lokomotivführer den Zug so lange rangieren, bis der Packwagen neben dem Milchkarren steht. Weder Güte noch Strenge, weder Zucker noch Schläge, nicht mal der Hinweis auf die Dienstvorschrift der Reichsbahn haben den Esel bewegen können, sich nach den Zügen zu richten, und es wird der Dahnverwaltung nichts anderes übrig bleiben, als die ständigen Verspätungen in Kauf zu nehmen, den Fahrplan dementsprechend abzuändem oder endlich daraus zu bringen, daß statt des Esels ein anderes Tier die Milch zum Zuge fährt. Auf den Gedanken scheint in der Eifel noch niemand gekommen zu fein.
Der wenig pfiffige Kunstpfelser.
Als der bekannte englifche Kunstpfeifer Edward Jekylls fein letztes Konzert in Drighton in der Corner-Hall geben wollte, bemerkte er auf der ersten Parkettreihe einen Mann mit einem Ohrseigengesicht, der jedesmal, wenn er ihn ansah, mit den Ohren wackelte und seinen Mund zu einer Fratze verzog. Ratürlich tonnte Jelylls die Lippen nicht spitz hallen, sondern mußte sie zwecks eines Lächelns in die Breite ziehen, was ihm das Pfeifen unmöglich machte. Rachdem er noch einige Male einen Ansatz genommen, aber stets aus dem Konzept gebracht worden war, trat er, ohne einen einzigen Ton herausgebracht zu haben, ab. Eigentlich mühte ein Kunstpfeifer pfiffiger fein. Warum machte er nicht die Augen zu? Muh er denn fehen, was er pfeift?
Frankfurter Schauspielhaus.
Carl ZuckmaherS „Katharina Knie" hat auch in Frankfurt feinen Einzug gehalten. Sie wurde im Schauspielhaus vom Publikum mit Begeisterung und lebhaftem Beifall aufgenommen. Trotzdem muh gesagt werden, was schon die Berliner Kritik hervorhob, nämlich, daß das Selltänzerstück „ÄaÜjarina Knie" nicht an die stärksten, von echter Poesie erfüllten Szenen hn „Schinderhannes" heranreicht. Der Gang der Handlung ist kurz der: die Tochter des alten Seiltänzers Knie, Katharina, liebt einen Dauern. Sie verläßt die Truppe, um bei ihm zu bleiben, und der Vater läßt sie gehen, in der Hoffnung, daß ihr Artistenblut sie bald wieder zur Truppe zurücktreiben wird. Und nach einem Jahr kehrt sie wirllich zurück, aber nur, um sich vom Vater die Erlaubnis zur Heirat mit dem Dauern geben zu lassen. Doch bevor sie ihm ihren Entschluß mitteilen kann, stirbt der alte Knie aus Freude über das Wiedersehen mit feiner Tochter. Katharina kehrt nicht zu dem Dauern zurück, sie bleibt bei der Truppe und wird ihre Führerin. — Das Leben und Treiben bei einem Wanderzirkus und die Wen- tafität der Artisten reizten den Dichter, und er hat die Szenen, die dieses Treiben schildern, echt und lebenswahr gestaltet. Man muß sich aber vor Augen halten, daß hier ein Stoff verarbeitet wurde, der heute kaum noch Aktualität besitzt, wenn auch der Konflikt zwischen Seh- haktigkeit und Wandertrieb, zwischen Liebe und Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Menschengruppe ein altes und ewiges Motiv ist. Richt überzeugen konnte der Dichter mll den beiden letzten Akten des Stückes, und namentlich bei dem Tode des alten Knie rutscht er ins Sentimentale ab.
Die gute Aufführung unter der Regie Richard Weicherts trug zu dem Erfolg des Abends wesentlich bei. Hervortratcn vor allem Constanze M e n z als Katharina und Robert Taube als der alte Knie, wenn diesem auch der hessische Dialekt einige Schwierigkeiten zu bereiten schien. Genannt seien noch Mathilde Einzig — ihre derbe Zirkusmuttev war eine prachtvolle Leistung! — Franz Schneider, Toni Impekoven und Karl Luleh. Die Seiltänzerfamilie Eichler gab dem Abend das Gepräge der Echtheit. Reben den Darstellern wurden Autor und Regisseur vom Publikum vor den Vorhang | gerufen. H. H-r.


