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Montag. 18. März 1929

179. Zahrgang

Hr.65 Erster Blatt

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Here Summe für verschuldete und notleidende landwirtschaftliche Betriebe hergegeben wird. Es handelt sich dabei nicht um eine Auffang-Organi- sation, wie sie von der Preuhenkasse propagiert wird, sondern um den Versuch, auf dem Wege über einen Vesiherhaltungsfonds not­leidenden Betrieben zu helfen. Die sehr um­fassende Hilfsaktion soll noch in der allernächsten Zeit vom Reichskabinett verabschiedet werden.

Oer Achtmillionenetat des Internationalen Arbeitsamts.

England verlangt größere Sparsamkeit.

Genf, 16. März. (WB.) Der Berwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes hat in seiner Schlußsitzung den Haushaltsvoranschlag für 1930 genehmigt, der einen Gesamtaufwand von 8,7 Millionen Goldfranken vorsieht. Buchungsmähig hält er sich damit in den Gren­zen der Ausgaben des laufenden Lahres. Da je- doch die Kosten für die verschiedenen Flüchtlings- Werke nicht mehr vom Arbeitsamt zu tragen sind, verfügt er im neuen Rechnungsjahr über rund 300 000 Goldfranken mehr, aus denen vor allem die laufenden Gehaltserhö­hungen zu bestreiten sind. Der englische Degierungsvertreter, der wieder auf größere Sparpolitik drängt, hat sich erst­mals der Stimme enthalten. Die übrigen Regierungsvertreter und die Arbeitergruppe stimmten für den Budgetvvranschlag, während die ^Internehmergruppe ebenfalls grö­ßere Einsparungen verlangte und, ab­gesehen von dem deutschen Arbeit­gebervertreter, auch dieses Wal sich wie­der der Stimme enthalten hat.

mit der Hergabe von J

dann würden die Kassen ~

sein. Nach der Zusammenstellung vom 1. Juli 1928 hat das Reick Mark an D

burgs. QüÄten - Mo-Halteplatz

Ein diplomatisches Danketi im Vatikan

Rom, 17. März. (WB.) Kardinalstaatssetre- tär Gasparri gab im Vatikan ein Früh­stück zu Ehren der beim Hl. Stuhl beglaubigten diplomatischen Vertreter, die vollzählig erschie­nen waren. Staatssekretär Gasparri führte in einer Ansprache aus. der Papst habe diese Ein­ladung an die diplomatischen Vertreter ergehen lassen, um ihnen für die Ehrerbietung zu danken, die sie ihm am 8. Februar erwiesen hätten. Er begrüßte die Gäste im Ramen des Papstes und gab dem Wunsche Ausdruck, daß die Einigkeit unter den Rationen sich festigen möge. Zum Schluß des Banketts sprach der Doyen, der

Annahme von Anzeigen für die Tagesnnmmer ois zum Nachmittag vorher.

preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20" , mehr

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Oie Finanzwirtschafi -es Reichs.

Ehemals großzügige Kredite aus Steuergeldern, jetzt pump bei Privatbanken.

<2rfch«tnt täglich,außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen

Die Illustrierte dießener Familienblätter Heimat im Blld Die Scholle.

lejugspteis für 2 Wochen: 1 Reichsmark und 15 Ieichspfennig für Träger» llshn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Ternsprechanichlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach- Richtenl Anzeiger Gießen.

Postscheckkonto: giranlfurtcm Main 11686.

wesen entfallen 295 Mill. Mark. Für das besetzte Gebiet sind acht Millionen Garan­tien übernommen worden. Schließlich sind noch 2,1 Mill, für die Deutsche Beamten- genossenschaftsbank übernommen worden. Eine kurzstistige Kreditaufnahme

des Reichs.

150 Millionen für vier Wochen.

Berlin, 18. Marz. (prio.-Iel.) wie die23.3 erfährt, hat das Reid) mit einer Reihe privater Ber­liner Geldgeber in diesen Tagen einen Kredit­vertrag abgeschlossen. Es handelt sich um eine Summe von 1 5 0 Millionen Mark, die dem Reich bis zu vier Wochen zur Verfügung ge­stellt wird. Das Kreditabkommen, das zu Bot- zngszinssähen abgeschlossen worden ist, be­ginnt am 28. Mär; bzw. 1. April zu lausen. Die Rückzahlungsfrist ist auf höchstens vier Wochen fest- gesetzt. Es steht aber dem Reich frei, bereits zu einem früheren Termin mit der Rückzahlung zu beginnen. Dieser Modus ist gewählt worden, da dem Reich bereits ab 10. April als dem Stichtag für die S t e u e r; a h l u n g e n erhebliche Beträge zufließen werden. An dem Reichskredit sind nach unseren In- sormalionen die vier Banken, die Eom- merz- und Privatbank, das Bankhaus Mendelssohn & Co., die Berliner Han­delsgesellschaft sowie die Rei chsked I tge­sell s ch a f t beteiligt.

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Wäre man in der Vergangenheit etwas vorsichtiger Reichsgeldern umgegangen, en des Reiches noch gefüllt

insgesamt 1,1 Milliarden Darlehen verausgabt, die zu einem guten Teil nicht notwe n d i g gewesen wären, hätte man sich bei Zeiten bemüht, eine Poli­tik der Sparsamkeit zu betreiben. Statt dessen wurden an den Steuerzahler unerhörte Ansprüche gestellt, die weite Kreise unseres. Volkes in kata­strophale Situationen brachten, so daß diezuviel abgenommenen Steuerbeträge als Kredite zurückgeführt werden mußten. Durch die Kreditwirtschaft, wie sie heute betrieben wird, sind aber der tollen Sozialierung Tür und Tor geöffnet worden, allerdings nicht ohne Schuld auch der bürgerlichen Parteien, die aus einer ganz falschen Einstellung heraus die verfehlte Steuer- Politik der Linken in der Vergangenheit mitgemacht haben, und infolgedessen an dem auf dem Umwege über die öffentlichen Kredite herbeigefuhrten Her- einsließen staatlicher Gelder in die Privatwirtschaft

Berlin, 17. März. (VDZ.) Mit dem Reichs- Haushaltsplan für 1629 ist dem Reichstage em inanzieller Ueberblid über den Haushalt 1929 zugegangen. Von Interesse sind die bisher nicht bekannten Ausführungen über Kredite und Ga­rantien. Rach einer Zusammenstellung vom 1. Juli 1928 sind dem Reiche insgesamt 1158 Mil­lionen Mark Darlehen gegeben worden. Zur Förderung der Fischerei, zur Milderung der Rotlage der Winzer, zur Hebung der landwirt- chaftlichen Produktion, zur Stabilisierung des Roggenpreises und für Meliorationen sind i n s- gesamt 107 Mill. Kredite gegeben, die bis zum Jahre 1941 zurückgezahlt werden ollen. An einzelne größere I n d u st r i e u n t e r- rehm ungen (Rheinmetall, Röchling, Ober- chlesische Hüttenwerke A.-G.) und zur Wirt» chaftlichen Förderung der östlichen Provinzen Preußens sind 58 Mill. Kredite gegeben worden, deren Zurückzahlung sich zum Teil bis zum Jahre 1958 erstreckt. Zur Förderung der Binnenschiffahrt und zur Linderung der Arbeitslosigkeit auf den Werften sind 49 Millionen Kredite gegeben, die bis 1947 znrück- gezahlt werden sollen. Kredite im Gesamtbetrag von neun Millionen sind zur Förderung der deutschen Luftschiffahrt an verschiedene Flugzeugwerke ufto. gegeben worden. Im Wege der wertschaffenden Arbeit slosen- ü r f o r g e und als Darlehen an die Deutsche Reichsbahn sind insgesamt 330 Millionen Kredite gegeben. Die Rückzahlung erstreckt sich auf einen Zeitraum bis 1973. Die Kredite zur Förderung des Klein Wohnungs­baues, für landwirtschastliche Siedlungen und für sonstige Siedlungszwecke betragen 373 Millionen. Für eine baldige Rückzahlung kommen nur 187 Mill, an die Länder zur Gewährung von als Zwischenkredite gegebene Kleinwvhnungs- baudarlehen in Frage, von denen 120 Mill, be­reits im Haushalt für 1929 erscheinen. Für Bauten und Behebung von Rotständen in den besetzten Gebieten sind 71 Millionen Kredite ge­geben worden, größtenteils Tilgungskredite. Unter den für verschiedene Zwecke gegebenen Krediten im Gesamtbetrag von 151 Millionen befinden sich 147,5 Mill, aus dem Entschädi­gungsfonds gewährte Darlehen, die in der Hauptsache durch Anrechnung auf die nach dem Kriegsschädenschluhgeseh zu zahlenden Summen getilgt werden. .

Außer den Krediten hatte das Reich am 1.Oktober 1928 Garantien im Gesamt­betrag von rund 1189 Millionen über­nommen. Hiervon entfallen auf die Land­wirtschaft 115 Millionen AufHandelund Gewerbe entfallen 700,5 Mill., 68,5 Mill, sind für die Schiffahrt übernommen worden. Auf das Wohnungs- und Siedlungs­

brasilianische Gesandte A z e r e d o den Dank des diplomatischen Korps an Staatssekretär Gasparrr aus und schloß sich seinen Wünschen für die Ern- | tracht unter den Rationen an. Er trank auf Die | Gesundheit des Papstes und wünschte ihm Glück und unvergänglichen Ruhm. Sodann trank er | auf die Gesundheit des Kardinalstaatssekretärs Gasparri. der in einer Erwiderungsansprache sei­nen Dank ausdrückte und seine heften Wünsche für die Wohlfahrt seiner Gäste Und deren Völker aussprach.

Zwei neue Erzbistümer inOeutschland?

Münster, 16. März. (T.N.) DerWest­fälische Merkur", ein Zentrumsblatt, beschäftigt si<ch in seiner Sonntagsausgabe mit der Er­hebung Münsters zum Erzbistum. Rach einem ausführlichen Ueberblid über die Entstehung und die allgemeine Bedeutung der Erzbistümer und Kirchenprovinzen spricht sich dann derWestfälische Merkur" für die Er­richtung eines Erzbistums Münster aus, und zwar zunächst aus tbeal-religiofen Gründen. Man spreche von einer Erzdiözese Pader­born. Wenn Fulda und Limburg mit Paderborn vereinigt werden sollten, würde eine geographisch gut zusammenhängende Kirchenpro­vinz zustandekommen. Wenn auch Münster dieselbe Würde erhielte, seien Osnabrück und Hildesheim die gegebenen Suffragan-Bis- tümer für Münster, die ja seit langem schon ihre Theologen zur Ausbildung an die Mim­st erifche Hochschule schickten und so freundnach­barliche Beziehungen unterhielten. Durch eine Vermehrung der Erzbistümer würde das An­sehen der Kirche in Deutschland über feine Grenzen hinaus verstärkt werden und dadurch zugleich das Ansehen des deutschen Katholizis­mus in aller Welt.

Wahlen in Waldeck.

Arolsen, 17. März. (WB.) Die heutige Wahl zur Zweckverbandsversammlung in Waldeck (der Rachfolgekörperschaft für die Waldecksche Landesvertretung) wies eine schwache Beteiligung auf. Rur etwa 40 Prozent der Wahlberechtigten haben von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Das Gesamtergeb­nis für Waldeck (Kreis der Twiste, Kreis des Eisenbergs und Kreis der Eder) ist folgendes: Landwirtschafts- und Landgemeindeliste 4715 Stimmen, Rationalsozialistische Deutsche Arbeiter­partei 1119 Stimmen, Parteilose '-Dittschaftsliste 1548 Stimmen, Sozialdemokraten 2186 Stimmen und Waldecksche Heimatliste 2348 Stimmen.

verbleibt, die mit Stammes- und staatlicher Eiaenart Zusammenhängen. Eine Reichsreform, die an solchen Erkenntnissen vorübergsht, die am falschen Ende radikalisieren will, baut nicht Ganzes auf, sondern schafft Scherben. Aehnliches gilt auf der Linie der Umwandlung kleinerer Staaten in Reichsländer, obschon das braunschweigische Beispiel, lediglich als Beispiel gesehen, immerhin klarlegt, daß kein Gebot wichtiger ist zur Zeit, als das der Reichsreform.

D'eReichshilfe fürOflpreußeu

Berlin, 18. März. (Priv.-Tel.) Der Ge° sitzentwurf für die schon seit langer Zeit ange- bäte Hilfe des Reiches für Ostpreußen ist im wesentlichen fertiggestellt. Wie wir Horen, ist ^nächst eine direkte N n a nz iell-st euer- Liebe Unterstützung dieses schwer kamp- Lrnden Ostgebietes vorgesehen. Em Teil der Sommunalfteuern soll gesenkt u np er» La H e n werden, wofür dann seinerseits das Aeich eintrüt und den Ausfall der Kommunen deckt. Diese Maßnahme ist notwendig geworden, da die schwere Wirtschaftslage der Land­wirtschaft auch sehr ernste Rückwirkungen auf die Situation, vor allem der gewerbetrei­benden Klein- und Mittelstädte, die com umliegenden Land abhängig sind, gebracht hat. Weiterhin ist eine wesentliche Erleichterung auf dem Gebiet der R e n t e n b a n k - G r u nb- schuld festgelegt. Tlm das Hilfsprogramm für Ostpreußen möglichst umfassend und nicht allzu inseitig zu gestalten, wird das Reichskabinett aber Frachtenerleichterungen im Ber- kchr Ostpreußens mit dem Reich zu beschließen l»iben, wozu noch gewisse Verbesserungen bei der Schiffahrt, in erster Linie auf dem Königsberger Seekanal, kommen. Für die Sen­kung der Zinslasten bei Tl m s ch u l d u n g s- ! redi ten der Landwirtschaft sollen nach den bisherigen Dispositionen 1.5 Millionen vom Reich bereitgeftellt werden, während eine weitere grö-

Braunschweig und die Reichsreform.

Anschluß an Preußen oder Reichsland.

Berlin, 18. Marz. (Priv.-Tel.) Im Freistaate Braunschweig vollziehen sich gegenwärtig sehr merk- würdige politische Entwicklungen. Kürzlich wurde mit­geteilt, daß die deutschnationale braun­schweigische Landtagsfraktion einen Antrag vor­bereitet, demzufolge Braunschweig den Anschluß an Preußen suchen soll. Begründet wurde dieser vom deutschnationalen Standpunkt aus immerhin eigenartige Schritt damit, daß unter der sozialdemo­kratischen Herrschaft der letzten Jahre die finanzielle Lage Braunschweigs sich entschieden verschlechtert und somit ein Weg zur Aufrechterhaltung der Eigenstaat­lichkeit Braunschweigs nicht mehr vorhanden sei. Run hat die Partei der bürgerlichen Mitte, Wirtschaftsverband, Demokraten und Bauernbund zu dieser Frage einen weiteren Antrag eingebracht, demzufolge das braunschweigische Staats- Ministerium ersucht werden soll, mit der Reichsregie­rung und mit der preußischen Staatsregierung Ver­handlungen über die Bildung eines Reichs- landesBraunschweigrnitreichseigner Verwaltung zu führen.

Die Vorgänge in Braunschweig sind ein neues Zeichen dafür, wie dringlich die Frage der Reichsreform ist. Der Plan, die Vereinigung Braunschweigs mit Preußen zu vollziehen, ist I an sich um so weniger Wirklichkeitsproblem, als nach den allseitig anerkannten Richtlinien der Länderkonferenz ohnehin mit einer 11 m g e ft a l - tung Preußens gerechnet werden muß. Ein Reichsland Braunschweig allerdings würde in­nerhalb des komplizierten deutschen Staatsge­webes nur eine neue Komplikation dar­stellen. so daß tatsächliche Hilfe für Braunschweig, wie auch für andere Länder nur durch ein Ein­gehen in das Reichsland Preußen werden kann. Es handelt sich bei den ganzen Reichsreformbe- strebungen immer wieder darum, ein Groh- Preußen zu vermeiden, das uns Süd­deutschland entfremdet, die Gefahr der Mainlinie akut macht und somit der historischen Mission des Bismarckschen Preußens untreu wird. Klam- I mer des ganzen deutschen Reiches zu fein.

Auf der anderen Seite treiben die Verhältnisse mit erschreckender Klarheit zu dem Zwange, den Dualismus zwischen Preußen und dem R e ich lieber heute als morgen zu beseitigen. Ein Dualismus, dem in einem beachtenswerten Auf- satze am Sonntag wiederum der demokratische Reichsjustizminister Koch-Weser energisch zu Leibe rückt. Es ist zu begrüßen, daß nun auch ein­flußreiche Politiker von der Linken auf das dezen trassierte Reich Hinweisen, damit den Ländern vor allem ihre Selbständigkeit auf jenen Gebieten

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&iaai und Kirche in Hessen.

Kirchendebatte im Landtag.

Darmstadt, 15. März. Fortsetzung der Einzel beratung der Etatnachforderung. Zu Kapitel 33 (Polizei und Gendarmerie) und Kapitel 34 (Arbeits­haus Dieburg) wird die Abstimmung zurückgestellt.

Bei Kapitel 38 (Kirchen) begründet Adg. Axt (VRP.) einen Antrag seiner und der oolkspartei- lichen Fraktion, die Beiträge zu den Kir­chen um 50 v. H. zu erhöhen, ohne daß da­durch die Gewährung eines Darlehens von 600 000 Mark zu den bisherigen Bedingungen auch im Jahre 1929 oeeinträchtigt wird. Hessen habe auf diesem Gebiet im Vergleich mit anderen Ländern mit die gering ft en Leistungen aufgebracht. Er hofft, daß die in Aussicht genommene sch edsgerichtliche Rege­lung bald zu einem Ergebnis führen wird.

Abg. Schreiber (Dem.) ist der Auffasiung, daß mit den bisher sehr erheblichen Zuschüssen die rechllichen Verpflichtungen des Staates erfüllt sind. Er bedauert, daß ein demokratischer Antrag auf Zuschüsse an die jüdischen Religionsgemeinschaf­ten im Ausschuß abgelehnt worden sei.

Abg. Frau Heräus (Dn.) hebt besonders die freie L i e b e s t ä t i g k e i t der Kirchen hervor, was dem Staate erhebliche Mittel erspare. Bis das Schiedsverfahren erledigt sei, möge der Landtag der evangelischen Kirche 300 000 Mark mehr zuge­stehen.

Abg. Kaul (Soz.) erklärt, die SozialdemokraUe habe stets für die endgültige Regelung der Be­ziehungen zwischen Staat und Kirchen sich eingesetzt und werde in Konsequenz chrer bisherigen Haltung sich der Stimme enthalten.

Abg. Hein stabt (Zentr.) erflärt: Gegenüber den Beamtengehältern haben die Geistlichen ein ganz minimales Gehalt; die höchste Stufe fei 5400 Mk. Ein Kaplan erhalte noch keine 2500 Mk. Er erwarte, daß die vom Staatspräsidenten in Ausficht gestellte schiedsgerichtliche Regelung bald eintrete.

Staatspräsident Dr. Adelung er­klärt: Das mit den Kirchen vereinbarte Schieds­gericht fei durchaus verfassungsmäßig. Die Frage der Staatszuschüsfe an andere Religions­gemeinschaften sei noch nicht entschieden und ein Verstoß gegen die Parität liege nicht vor. Er bitte um Zustimmung zu dem Vorschlag der Re­gierung, es bei den bisherigen Zuschüssen zu belassen. Unter Ablehnung der Volkspartei-

MetzemrAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrnik und Verlag: vrühl'sche Untverfitätr-Vuch. und Steinöruderei H. Lange in Lietzen. Zchrlstleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.

Das ungesunde Rheinland.

In der französischen Kammer hat es, durch- <i ' mit Recht, wie die Untersuchung ergab, hef- üge Auseinandersetzungen wegen der zahlreichen Todesfälle gegeben, die unter den rhei­nischen Besahungstruppen während der jüngften Kälteperiode sich zugetragen haben. Don 272 dieser Todesfälle wird zugegeben, daß fie_ auf öie Kälte zurückzuführen seien. Aber man möchte cfl im Zeitalter der Humanität und der Hy­giene wirklich kaum für denkbar halten, daß ein Soldatenquartier bei 24 Grad unterRull ungeheizt geblieben ist, weil infolge irgend- n»e lcher bureaukratischer Schwierigkeiten nicht c«chtzeitig für Kohle gesorgt war; oder daß man bei solcher Käl.e ftunöenlang Hebungen im Freien n nstellt, Wachtposten erfrieren läßt und Aehn- licheS mehr

Da nun für b.rartige Sünden einer nachlässigen oBer unvernünftigen Militärverwaltung ein Schuldiger gefunden werden muß, so hat man ihn i t der Oeftalt des rheinischen Kl i - ima s ausfindig gemacht, für das französische pifuiere ja nicht zur Verantwortung gezogen loeroen können. Die von der Kammer zur ilnter- iuchung ins Rheinland entsandten Vertreter haben berichtet, das Klima sei dortüberaus Zeucht, und falt und ganz ungewöhnlich ungesund", es gebe bitt immer epidemische Krankheiten, wie Masern und Ruhr, und die Grippe sei auch unter der Zivilbevölkerung dieses Jahr mit besonders ge» jährlichem Charakter aufgetreten. Wir haben von diesen beklagenswerten Zuständen des rhei­nischen Klimas bisher nichts gewußt. Im Gegen­teil die rheinischen Badeorte, die auch von der französischen Besatzung besondersbevorzugt" Verden, galten bisher stets als besonders klimatisch begünstigt. Lind es hat schließ- tidj wenig mit dem Klima zu tun, wenn man arme Teufel von Soldaten, ungenügend bekleidet, in einem so außerordentlich strengen Winter, wie dem diesjährigen, einfach zu Tode frieren läßt. Aber sei dem wie ihm wolle: wenn man bei den i zuständigen Stellen in Frankreich die äleberzeu- gung hat, daß das rheinische Klima französischen Landeskindern unbekömmlich ist und eine Gefahr für Leib und Leben bildet, so sollte man daraus doch den nächstliegenden logischen Schluß ziehen, I ftc mit jeder tunlichen Beschleunigung aus die- i er gefährlichen Gegend z u entfer­nen. Vielleicht ist dieses Argument, wenn schon die politischen bisher nicht recht verfangen, dazu angetan um die Rheinlandräumung zu befördern. Denn die Eltern französischer Rekruten irgendwo ir der sonnigen Provence oder in der Gascogne Derden wenig Verständnis dafür haben, daß ihre Söhne für dieGloire" Frankreichs in einer .leuchten und kalten Gegend" an Grippe, Lun- g Entzündung und erfrorenen Gliedern zugrunde g-chen müssen, 10 Jahre nach dem Kriege, und o-hne, daß es irgend etwas zu verteidigen gäbe, was derartige Menschenopfer allenfalls als pa- tmotische Rotwendigkcit zu rechtfertigen ver rollte.

Ucbrigens war es von vornherein vernunftwidrig, vlche französischen Truppenteile in Deutschland ii derwintern zu lassen, die in Afrika garnisomert Ij.ütten und natürlich an ein ganz anderes Klima a ewöhnt waren. Sie selbst haben, wie die deutschen Mstellungen ergaben, die Grippeepidemie mit gebracht, die unter der deutschen Bevolke- mng des Rheinlands nach Umfang und 9iatur einen durchaus normalen und nur in einer Mindestzahl o on Fällen gefährlichen Charakter trug. Es ist an iwranfreid), zu entscheiden, ob ein derartig jämmer­licher Tod von Hunderten seiner Landeskinder bmn die genannte Zahl ersaßt bei weitem nicht alle ZäUe, sondern nur die nachweisbar unmittelbar Mn der Kälte verschuldeten Todesfälle! zu den verläßlichen Notwendigkeiten des Dienstes am < 'ßiterlanb gehört. Aber vom höheren menschlichen Standpunkt können auch wir den traurigen Dor- yjngen nicht gleichgültig gegenüberstehen; nicht nur < i*r Schutz der eigenen Bevölkerung gegen die Uebertragung von Epidemien der Besatzungstruppen, Indern auch der Versuch, die Verantwortung aus Deutschland abzuwälzen, gebietet entschiedenen Protest.