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Nr. 218 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Dienstag, 17. September 1929

Zwei Lahre Zollfrie-en?

Der englische Handelsminister Graham ge­hört zwar der Labour-Parth an, ist indessen als Wirtschastspolitiker nichts weniger als Sozia­list oder Internationalist. Wenn er in Genf den Vorschlag macht, einen zweijährigen Z o l l f r i e d e n einzurichten, so klingt das zu­nächst fast paneuropäisch, ist aber in Wirklichkeit nichts anderes als englischer Wirt­schaftsimperialismus reinsten Was­sers. Englands Wirtschaft geht es nicht gut, was nicht nur die hohe Zahl der Arbeitslosen bezeugt, sondern vor allem auch die Lohn­kämpfe in den Schlüsselindustrien, wie im Koh­lenbergbau und in der Textilindustrie. Die La- bour-Aegierung hat den großen Erfolg bei den Maiwahlen in der Hauptsache dadurch erzielt, daß sie dem Workman, d. h. dem Arbeiter, zwar nicht das goldene Zeitalter, wohl aber reget- mäßige Arbeit und regelmäßigen Verdienst ver­sprach.

Die Labour-Regierung versucht, dies Verspre­chen einzulösen, nicht dadurch, daß sie sozialisti­schen Hirngespinsten nachjagt, sondern dadurch, daß sie den wirtschaftlichen und sozialen Tat­sachen Rechnung trägt. Sie hat zugelassen, daß die Löhne in der Textilindustrie abgebaut wur­den, sie hat aber auf der anderen Seite im Haag durchgeseht, daß dem englischen Bergbau auf Kosten des deutschen Bergbaues ein Teil des italienischen Kohlenbedarfes ausgeliefert wurde. Run läßt sich mit diesen Behelfsmitteln die Krise der englischen Wirtschaft noch nicht lösen, denn um anderthalb Millionen Arbeitslose wieder in den Produktionsprozeß einzureihen, sind Maß­nahmen großen Stils erforderlich.

Run hat die Labour-Party dem englischen Workman nicht nur Arbeit versprochen, sie hat auch das Erbe oder den Grundsatz des britischen Fr eihandels übernommen, in der durchaus geschichtlichen Auffassung, daß der glänzende Ausstieg der britischen Wirtschaft im 19. Jahr­hundert iin wesentlichen ein Werk des Frei­handels war. Wir wissen, daß Großbritannien heute kein Freihandelsland mehr im eigent­lichen Sinne ist, sondern schon so viel Zoll­mauern errichtet hat, daß die Verbindung durch einen Generaltarif genügt, um aus dem Frei­handelsland von gestern ein Hochschuhzolland von morgen zu machen. Wenn die Labour-Regie­rung darauf auch verzichtet, so verzichtet sie doch nicht darauf, aus der gegebenen wirtschaft­lichen und handelspolitischen Entwicklung alle Vorteile auf die Seite Englands zu ziehen. S o müssen wir den Vorschlag Grahams in Genf auf­fassen und ausdeuten.

Es ist Herrn Graham sicher ernst mit dem Vorschlag, einen zweijährigen Zollfrieden für Europa einzurichten. Wenn sich noch andere Erdteile anschließen, um so besser. Die Labour- Regierung geht davon aus, daß es möglich sein muh, Englands Anteil am Gesamt- Handel der Erde wieder auf D-or- kriegShöhe, wenn es geht, darüber hinaus zu steigern. Soll es möglich sein, so dürfen sich die Märkte nicht gegenseitig durch Zollmauern abschließen. Vor allem nicht gegenüber England. Leider geht die Rechnung nicht so einfach auf, wie das die Labour-Regierung wünscht. Der Versailler Friede hat nicht nur Sieger und Be­siegte geschaffen, er hat einen der aufnahme­fähigsten Märkte, nämlich den deutschen Markt, in ein A b h ä n g i g k e i t s v e r - hältni 8 gezwungen, das das freie Spiel der Kräfte für die wirtschaftliche Entwicklung ein­fach aufgehoben hat. Wenn Deutschland Jahr für Jahr zwei Milliarden Mark aus dem Ertrag seiner Wirtschaft ohne Gegenleistung an die Sieger abführen soll, so geht das nur, wenn

| die deutsche Wirtschaft über den deutschen Markt sicher und unbedingt verfügen kann. Der Tribut ist ja eine Vorbelastu na der deutschen Wirt­schaft, der sich in höheren Gestehungskosten aus­drücken muß. Es ist nicht wirtschaftliche Eng­herzigkeit, wenn in dieser Zwangslage die deutsche Wirtschaft den Zollschutz nicht preisgeben kann und darf. Deutschland hat erst im Januar 1925 seine handelspolitische Frei- heit zurückgewonnen, ohne aber bisher in der Lage gewesen zu sein, diese Freiheit im Inter­esse seiner Wirtschaft ausnutzen zu können. Es ist für Deutschland schwer, Handels- und Tarif­verträge abzuschließen, hauptsächlich deshalb, weil es gerade mit Rücksicht auf den Tribut nicht die zollpolitischen Zugeständnisse gewähren kann, die sonst das Abc eines Handelsvertrages sind.

Ein Schulbeispiel hierfür bieten zur Zeit die deutsch-schwedischen Vertragsverhandlun­gen, die 1926 sehr wenig glücklich für Deutsch­land verlaufen find. So wenig Deutschland auf einen Markt verzichten kann, so wenig kann und darf es zugeben, daß einzelne Industrie gruppen ohne Zollschutz bleiben. Wie verhängnisvoll der deutsch-schwedische Vertrag für lebenswichtige deutsche Jndustisiegruppen sich ausgewirkt hat, erleben wir ja heute wieder an den begründeten Eingaben und Vorstellungen der deutschen K l e i n e i f e n - Industrie und die Pflaster- st e i n-Industrie. Wenn Deutschland sich auf den englischen Zollfrieden einläßt, dann muß es beispielsweise die deutsche Steinindustrie Preis­geben, das zu einer Zeit, wo der Ausbau der deutschen Verkehrsstratzen infolge der Motori­sierung des Verkehrs einen gewaltigen Bedarf an Wegebaumaterial Hervorrufen muh. Dabei ist das deutsche Material besser als jedes andere Straßenbaumaterial, aber in der Wettbewerbs­fähigkeit dadurch beschränkt, daß es mit höheren Gestehungskosten belastet ist. Im deutsch-schwedi­schen Vertrag ist der unbedingt notwendige Zoll auf die Einfuhr von Pflastersteinen be­seitigt worden, so daß nun auch valutaschwache Länder auf dem Hrntoeg über die Meistbegün­stigung den deutschen Markt beliefern können! Die deutsche Steinindustrie mutz dafür ihre Ar­beiter freisihen und der Erwerbslosenfürsorge überlassen. Aehnlich liegen die Dinge bei der Kleineisenindustrie, die durchweg Qualitätsware liefert, die, weil sie im Schwedenvertrag und damit auch infolge der Meistbegünstigung ge­genüber allen anderen eisenerzeugenden Ländern unzulänglich geschützt ist, zusehen mutz, wie der innerdeutsche Bedarf in wachsendem Matze vom Ausland gedeckt wird. Um aber die eigene Produktion, wie z. B. in Bandeisen abzusehen, mutz die deutsche Kleineisenindustrie diese unter Gestehungspreis, also mit Verlust an das Ausland verkaufen. Zollfrieden ist sehr schön, aber er darf nicht auf Deu tschlands Rücken eingerichtet werden.

Kalenderreform.

Ein amerikanischer Vorschlag.

In den Vereinigten Staaten, wo man noch Zeit und Lust hat, sich mit Dingen zu be­schäftigen, die mehr an der Peripherie des nackten Daseinskampfes liegen, ist eine neue Bewegung zugunsten einer Kalenderresorm entstanden, die vom Völkerbund die Einberufung eines großen Kalenderkongresses verlangt. Sie wartet auch mit bestimmten Plänen auf. Rach ihren Vor­schlägen soll das Jahr in dreizehn Mo­nate von je achtund zwanzig Tagen eingeteilt werden. Stichtag wäre der erste Januar 1 9 3 3, der auf einen Sonntag fällt, so daß nicht nur das Jahr immer mit einem Sonntag begänne, sondern, da dann regelmäßig

jeder Monatstag auf den gleichen Wochentag fällt, auch jeder Monat mit einem Sonntag an­fängt. Zum Ausgleich wäre ein besonderer Reu­jahrstag zwischen den letzten Dezember und dem 1. Januar einzuschieben, der also als Wochentag nicht gezählt wird, während alle vier Jahre ein Schalttag zwischen das Ende des Juni und den Beginn des Juli eingefügt werden soll. Wir hät­ten, falls dieser Plan von der Weltkonferenz angenommen werden sollte, dann auch eine Sche­matisierung des täglichen Lebens, die zweifellos für das Geschäftsleben von Vorteil wäre. Das wollen die Amerikaner nicht zugeben, sie müssen derartigen Projekte stets mit einem moralischen Mäntelchen umgeben und behaupten deshalb, daß durch eine solche Reuordnung des Kalenderwesens dem einzelnen mehr Zeit zur inneren Samm­lung gegeben würde, was natürlich großer Un­fug ist. Es hat auch gar keinen Sinn, an eine so ausgesprochen praktische Angelegenheit mit triefenden Phrasen heranzugehen. Hier entschei­den nüchterne Vorteile und Rachteile. Ausgangs­punkt der Kalenderreform ist ja schon seit vielen Jahren das wandernde Osterfest, das immer nach dem Reumond festgelegt wird. Rach

dem Osterfest wieder bestimmt sich das Schuljahr« das dadurch ganz verschieden lang ist. Für ten Unterricht entstehen daraus schwere Unzuträg­lichkeiten, die von allen Seiten anerkannt wer­den. Bisher ist aber der Versuch einer F e st - legung des Ostertermins an den religiösen Bedenken des Vatikans gescheitert, und es sieht nicht danach aus, als ob diese Widerstände sich besiegen lassen. Eine Schematisierung, wie sie jetzt die Amerikaner Vorschlägen, wird in Eu­ropa vermutlich auf wenig Gegenliebe stoßen. Die Vorteile, die sich für das Geschäftsleben viel­leicht ergeben können, sind so gering, daß sie kaum zu Buch schlagen. Ganz abgesehen davon, daß abergläubischen Raturen ein Jahr mit drei­zehn Monaten sicherlich nicht sympathisch wäre. Als unmittelbare Wirkung ergibt sich indessen eine stärkere Schematisierung des bürgerlichen Lebens, das durch eine solche Gleichmäßigkeit viel von seiner Farbigkeit verlieren würde. Das mag den Amerikanern gleichgültig sein, die unter bewußter Aufopferung alles Geistigen im Ge­schäftlichen ersticken. In Deutschland aber denkt man darüber vorläufig noch anders.

Die Et. Hildegard-Feier in Bingen

degard, die heilige Frau", wobei die Rednerin vor allem die Selbständigkeit den christlichen Persönlichkeit in den Vordergrund stellte. Rach Begrützungsworten des Ministers Kirnberger sprach der Abt von Maria Laach überDie heilige Hildegard im Lichte ihrer geschichtlichen Eigen- a r t. Er würdigte die theologischen und natur­wissenschaftlich-medizinischen Schriften Hilde­gards und feierte Hildegard als die Krönung des deutschen Symbolismus des 12. Jahrhun­derts.

Rachmittags 3 älhr versammelte sich eine zahl­reiche Menschenmenge auf dem Rochusberg zu einer

WSN. Bingen, 15. Sept. Mit dem gestrigen Tage nahmen die Feierlichkeiten zu Ehren des 7 5 0. Todestages der h l. Hildegard, der Ä deutschen Frau, die lange Jahre auf dem sberg bei Bingen segensreich wirkte, an der Stätte ihrer Tätigkeit ihren Anfang. An dem Fest, das sich bis zum kommenden Sonntag, 22. Sep­tember einschließlich, ausdehnt, nehmen alle Be­völkerungskreise der Stadt ohne Rücksicht auf die Konfession regen Anteil. Die Feierlichkeiten wurden am Samstagnachmittag in Bingen eröffnet mit der feierlichen Einholung der Bischofe von Ma inz und Rottenburg. Weiter trafen am Samstag ein der Bischof von Trier, sowie andere hohe kirchliche Würdenträger, Prälaten und Siebte, während am Sonntagvormittag noch der Bischof von Speyer, sowie Prälat D r. Seipel aus Wien eintrafen. An weltlichen Ehren­gästen haben in Bingen Wohnung genommen der Vertreter der hessischen Staatsregierung und Ehren­vorsitzende des Festausschusses, Minister Dr. K i r n- b e r g e r (Darmstadt), der hessische Gesandte Nuß (Berlin), der Oberpräsident der Rheinprovinz, Dr. Fuchs (Koblenz), Landeshauptmann Dr. H o r i o n (Düsseldorf) u. a. Mit dem Einbruch der Dunkelheit nm Samstagabend erklang im ganzen Rheingau und in Mainz feierliches Glockengeläute und dröhn­ten Böllerschüsse. Gleichzeitig erstrahlten die verschie­denen Stätten von Bingen, Rupertsberg und Eibin- gen, an denen die hl. Hildegard wirkte, in elektri­schem Licht. In den Räumen des Deutschen Hauses in Bingen veranstalteten der Katholische Akademiker­oerband, der Katholische Frauenbund und der Hilde- gardisverein gemeinsam einen Begrüßungsabend.

Die Feierlichkeiten des Sonntags wurden um 10.15 älhr vormittags mit einer

akademischen Feier in der Binger Festhalle eingeleitet. Dabei sprach als Vertreterin der katholischen Akademikerin­nen _ Frau Dr. Schlüter-Hermkes- Ber­lin überSi e heilige Hildegard als Meisterin katholischer Geistesar­beit e r". Ihr Vortrag gliederte sich in drei Hauptpunkte, in denen die Rednerin die hl. Hil­degard als Meisterin der katholischen Geistes­arbeiter durch den Realismus, die Objektivität und die Spiritualität ihres Denkens zeigte. Im Anschluß daran sprach Fräulein Dr. K r a b - b e l vom Katholischen Frauenbund über5) i l <

katholischen Kundgebung, bei der der österreichische Bundeskanzler a. D. Prälat Dr. Ignaz Seipel das Wort zu dem ThemaDie hl. Hildegard im Gei- steisleben unserer Zeit" ergriff. Er führte dabei u. a. aus: Richt an Gebäuden, nicht an Mauern und Türmen haftet das Gedächtnis an die vor 750 Jahren gestorbene Frau. Die hl. Hildegard, die als Kind mit dem gefangenen Heinrich IV. unter demselben Dach gelebt hatte, kam mit Päpsten und Kaisern, mit Fürsten und Bischöfen, mit Weisen und Heiligen zusammen, cber sie verdankt nicht einem von diesen das Fortleben in der Geschichte. Es ist sie selbst, die wunderbar^ Frau, und es ist der Umstand, daß wir glauben können, sie sei gerade uns in unseren Tagen wieder wie einst ihren Zeit­genossen gesandt worden, was gestern die Glocken erklingen ließ am Rhein von Mainz bis Koblenz. Frauenarbeit, geistige Frauenarbeit, Eingreifen der Frauen in die Angelegenheiten des öffent­lichen Lebens, das alles hat zu keiner Zeit so viel Bedeutung gehabt, aber auch so viele ernste Fragen aufgeworfen, als in unserer Zeit. Die Aelteren unter uns haben es mit angesehen, wie die Frauen, zuerst einzeln, dann aber in hellen Scharen in die Universitäten einzogen. Die Aus­nützung der ^Imsturzzeit, die dem Weltkrieg folgte, brachte in den besiegten und daher vom älmsturz stärker und plötzlicher erfaßten Staaten früher als in den anderen den Frauen das aktive und passive Wahlrecht, führte sie damit in die Parla­mente und sogar in die Regierungen ein. Es ist dies gewiß eine Teilerscheinung im allge­meinen Siegeszug der Demokratie, wobei der

Dämonen der Zeit.

Vornan von Arthur Brausewetter.

32 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Klaus Körbers Tätigkeit in Dettmillers Wein­stuben war in mancher Beziehung anders ge­regelt als in Eltermanns Hotel.

Wohl faß er auch hier im Geschäftszimmer, durch dessen auf die Diele ausblickendes, mit durchsichtigem Tüll verhangenes kleines Fenster er die eintretenden Gäste einer genauen Prüfung unterziehen konnte. Seine Haupttätigkeit aber bestand in derRepräsentation". Er mußte sich möglichst in den Sälen aufhalten, auf alles Obacht geben, jeden Wunsch von den Augen lesen, jedem Wink unverzüglich Gehör geben.

Wenn er so zwischen den Tischreihen einherging und nichts zu tun hatte, als in noch höherem Matze als in Eltermanns Hotelda zu fein", weil der Oberkellner seine Sache gans allein und mit größter älmsicht machte, dann stellte er seine Beobachtungen an.

Unter den Gästen war das weibliche Element, besonders in reiferen Jahren, stark vertreten. Er hatte von jeher für alte Damen, die nichts anderes fein wollten, als eben alte feine Damen, eine große Vorliebe gehabt. Diese in lebhafte Farben gekleideten, mit kostbaren Spitzen und blitzenden Juwelen behangenen Frauen aber, die mit allen denkbaren Mitteln eine Jugendlichkeit vortäuschen wollten, die ihren mit dem dicksten gJuber und der rosigsten Schminke nicht fortzu- wischenden Runzeln und Falten Hohn sprach, waren ihm etwas schwer Erträgliches, und es bedurfte der ganzen Disziplin und Gewandtheit seines Postens, immer der liebenswürdige, ge­fällige Direktor zu bleiben, wenn sie verstohlen mit ihm äugelten und schöntaten.

Wunderbarerweise äußerte sich der Ober­kellner, mit dem er sich gerne des Abends nach Geschäftsichlutz unterhielt, in ganz ähnlicher Weise zu ihm. Er hatte bald in Erfahrung gebracht, daß auch dieser ein früherer Offizier war, mit dem er ohne irgendwelche Gefahr sich auf kameradschaftlichen Fatz stellen konnte. Ebenso kam er mit dem Portier ausgezeichnet aus, einem schlichten, biederen Mann, der natürlich auch eine offene Hand hatte, aber nur nahm, was ihm an rechtlich verdienten Trinkgeldern zustand. Herr Dettmiller selber war ein in den besten Jahren stehender Lebemann, der über dem Ganzen ichwebte. mit einigen Stammgästen gern ein gutes Glas Bier trank und gelegentlich auch außerhalb seines Hauses sich zu vergnügen wußte.

Eines Rachmittags, als es eben zu dunkeln be­gann unb Klaus die einzige für ihn ruhige

Stunde auf dem Sofa des an das Geschäftszim­mer angrenzenden kleinen Gemachs in aller Be­haglichkeit genießen wollte, erschien der Portier und meldete, daß Herr Doktor Hamann ange- läutct hätte und Herrn Persich, den Oberkellner, zu sprechen wünschte. Der aber wäre im Hause nicht zu finden, und nun wollte der Herr Doktor den Herrn Direktor haben.

Klaus begab sich an den Apparat und Herr Hamann kündete an, daß er heute abend nach dem Theater mit einer Richte, die bei ihm zu Defuch wäre, in die Weinstuben kommen und eine der geschlossenen Rischen im Etzsaal Vor­behalten haben möchte. Man möchte alles hübsch bereiten.

»Sie kennen den Herrn?" fragte Klaus den Oberkellner, der von einer Besorgung zurück- gekehrt war.

Herrn Doktor Hamann? Was werde ich ihn nicht kennen? Er ist einer der ersten Verteidiger Berlins und kommt ab und zu nach dem Theater zu uns."

Run erinnerte sich auch Klaus des Ramens. Er hatte gerade in diesen Tagen die Verteidi­gung in einem großen Prozesse gehabt. Ganz Berlin hatte von ihm gesprochen, und er war gespannt, ihn nun selber kennenzulernen.

Der Besuch am Abend war zahlrei. er als sonst, so daß der Oberkellner Mühe hätte, die bestellten Tische freizuhalten, zumal das Theater, das Herr Hamann mit seiner Richte besuchte, sehr lange spielen mußte, denn die Llhr ging stark auf elf, und noch immer war nichts von ihnen zu sehen.

Endlich erschienen sie. Klaus, der sich für kurze Zeit in sein Geschäftszimmer zurückgezogen hatte, um einige Kassenangelegenheiten zu er­ledigen, sah von seinem Fenster aus einen mit modischer Vornehmheit gekleideten Herrn, der über die besten Jahre bereits hinaus schien, und eine junge Mädchengestalt, der er ritterlich beim Abnehmen der Sachen behilflich war.

Er legte seine Bücher fort und begab sich nach draußen, die Gäste zu begrüßen--da

sah ör in den Händen des Herrn eine mit dunk­lem Pelz verbrämte Winterjacke, hörte er ein helles, melodisches Lachen und blieb wie festgewurzelt stehen. Alles hätte er für möglich gehalten aber daß er sich auch in diesem Mädchen getäuscht hätte, daß diese liebliche Pfarrerstochter vom Lande, für deren Unschuld er die Hand ins Feuer gelegt hätte nun hatte aueß sie ihn erkannt. Eine leichte Röte stieg in ihre Wangen, pflanzte sich bis an die Haar­wurzeln fort, aber ihre Augen grüßten ihn mit dem alten sonnigen Leuchten

Sind Sie jetzt hier ... Herr ... Herr ...? Sehen Sie, ich weiß nicht einmal Ihren Romen," letzte sie in einer -Unbefangenheit hinzu, die Klaus neue Rätsel aufgab.

Körber," ergänzte er.

Welch ein Zufall! Das hätte ich wirklich nicht gedacht, daß ich Sie hier wiederfinden würde, Herr Körber."

Das glaube ich gern.

Er sprach in jener geschäftlichen Höflichkeit, die ihm seine Stellung zur zweiten Ratur ge­macht hatte. Aber ein bitterer Unterton war in seinen Worten.

Sie sah ihn mit leisem Befremden an. Ihre Rügen nahmen die graue Färbung an. Aber sie sagte weiter nichts, sondern folgte mit einem kurzen Gruß ihrem Begleiter, der bereits an der geöffneten Rischentür stand und ihre Unterhal­tung mit einem Angestellten des Hauses, dem er nur einen flüchtigen guten Abend geboten, etwas reichlich lang zu finden schien.

Wohl ein guter Bekannter von Ihnen?" hörte er ihn noch fragen, indem sie eintraten. Ihre Antwort vernahm er nicht mehr.

Es gab für ihn mancherlei zu tun, sowohl im Geschäftszimmer wie auch in den Sälen, zumal Herr Dettmiller seinen Klubabend hatte und nicht im Hause war.

Ab und zu nur merkte er auf, wenn der Kellner durch die geöffnete Tür die Speisen in die Rische trug und den Champagner schenkte. Dann blickte er in das fröhlich strahlende Antlitz eines jungen Mädchens, sah, mit welcher Lust es atz, mit welchem unverhohlenen Vergnügen es den schäu­menden Wein über die roten Lippen gleiten lietz. Unö sein Herz war traurig, und immer aufs neue stand er vor dem Unbegreiflichen. Was geht es dich an? sagte er sich schließlich. Aber die innere Traurigkeit legte sich nur lastender auf ihn, und feine Arbeit ging ihm schwer von den Händen.

Die Zeit schritt vor, die Säle begannen sich zu leeren.

Klaus hatte sich eben von einigen Stamm­gästen verabschiedet. Run gingen auch die letzten, und er wollte in sein Geschäftszimmer zurück­kehren da mit einem Male wurde einer der auf die Diele führenden Rischentüren mit einem heftigen Ruck geöffnet, und kreidebleich, den Aus­druck hilflosen Entsetzens in den ratlos starren­den Augen, stand die Pfarrerstochter vor ihm.

Sie haben mir einmal schon geholfen helfen Sie mir auch heute!"

Es war ein erstickter Schrei, mit dem sie ihm entgegenstürzte, mit unbeschreiblicher Angst seine beiden Hände fassend.

älm Gottes willen ... was ist Ihnen? Was ist geschehen?"

Er hatte ihre Hände mit fünftem Druck aus den feinen gelöst und sie zu einem Stuhl geführt.

..Rein ... ich will nicht sitzen ... ich will fort!"

Sie sprach immer noch schnell und gehetzt, zu­gleich ganz leise und eingeschüchtert, als fürchtete sie, daß sie jemand hätte hören können."

So sagen Sie mir doch, ich bitte Sie ..."

Rein ... jetzt nicht ... ich kann nicht ... Sehen Sie denn nicht, daß ich nicht kann! Ein andermal ... Jetzt aber geben Sie mir meine Sachen ... Gleich, daß ich nach Hause komme ... ohne daß der da es merkt!"

Seien Sie ganz ruhig, Sie stehen unter mei­nem Schuh."

Sie hörte ihn gar nicht, wandte sich von ihm ab und machte, am ganzen Leibe zitternd, einige Schritte vorwärts, dem Ablegeraum entgegen.

Da trat Doktor Hamann aus der Rische.

Was in aller Welt geht denn hier vor?" fragte er, Klaus mit einem halb verlegenen, halb herausfordernden Blicke musternd.Ist der jun­gen Dame schlecht geworden? Haben Sie nicht irgendwelche weibliche Bedienung bei der Hand?"

Ohne ein Wort zu erwidern, winkte Klaus dem Kellner, daß er die Sachen der jungen Dame brächte, und beauftragte den Portier, einen Taxa­meter oder ein Auto zu besorgen. Dann geleitete er sie zu dem Wagen, entlohnte den Führer und gab ihm den entsprechenden Auftrag.

Alles das vollzog sich im Laufe einer Minute. Dann erst kehrte er zu dem Rechtsanwalt zu­rück, der sich in voller Fassung, als ginge ihn die ganze Angelegenheit nichts weiter an, auf seinen Platz zurückbegeben hatte.

Ober, der Herr zahlt!"

Er sagte es ruhig und so leise, daß es keiner des übrigen Personals hören konnte, zugleich aber sehr bestimmt.

Eine helle Röte ftieg in Dr. Hamanns Ant­litz- Ohne sich von seinem Sessel zu erheben, matz er den Direktor mit einem eisigen Blicke.

Wann ich zahle, ist wohl allein meine An­gelegenheit."

Entschuldigen Sie, es ist die meine, wir haben Polizeistunde, und wie Sie sehen, sind Sie der letzte Gast."

Ich wünsche den Besitzer Herrn Dettmiller zu sprechen."

Ich bedauere, er ist nicht im Hause anwesend. 2ch bin fein Vertreter und übernehme für meine Handlungsweise die volle Verantwortung."

Sie werden von mir hören."

Am nächsten Morgen bat Herr Dettmiller feinen Direktor zu sich.

Ich habe eine Beschwerde über Sie erhalten," fagte er.Sie ist mir deshalb recht unangenehm. tt>ell sie von einem angesehenen und in der gan- 3en Stadt bekannten Manne, Herrn Rechtsanwalt Doktor Hamann kommt, der noch dazu einer meiner besten Gäste ist."

(Fortsetzung folgt.)