Nr. 192 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 17. August 1929
Offene Eommerschwimmbäder.
Von Hans Bergen, Frankfurt am Main.
Veranlaßt durch die Bauvorhaben einiger ober- hessischer Städte und durch die Tatsache, daß vielerorts sehr berechtigte Wünsche nach Errichtung von Dadean st alten bestehen, sollen diese Zeilen Anregungen und praktische Hinweise für derartige Bauten bieten. Erfreulicherweise seht sich diese Hebungsstätte auch in Deutschland mehr und mehr durch, die in Amerika in gewissen Kreisen bereits so heimisch geworden ist, daß man sagen kann, sie gehört zum Komfort wie die Autogarage. Bildet das Sommerschwimmbecken in der neuen Welt also häufig Privateigentum, so schreiten in Deutschland die kommunalen Verwaltungen zuitt Bau solcher Einrichtungen. Die Erstellung einer derartigen Anlage bildete schon für manche Gemeinde eine fruchtbringende Tätigkeit und eine praktische Schöpfung auf dem Gebiete der produktiven Erwerbslosenfürsorge, und es ist sehr bemerkenswert. dah gerade kleine Städte auf diese Weise zu einer schönen und zweckmäßigen Badeanlage gekommen sind.
-Zur finanziellen Lösung des Problems ist auf die Mittel der produktiven Erwerbslosenfürsorge bereits hingewiesen worden. Die Gesamtkosten für ein Bad nach folgender Beschreibung sind mit 60 000 Mk. richtig gegriffen, wobei allerdings der Geländeerwerb unberücksichtigt blieb.
Bei der Auswahl des Geländes muh weitsichtig und unter Mitwirkung einer beratenden Fachfirma zu Werke gegangen werden, die anhand schon ausgeführter Anlagen Hinweise auf Frequenz und Rentabilität, sowie in technischer Hinsicht geben kann. Es ist nicht richtig, ein offenes Sommerschwimmbecken soweit vor die Tore der Stadt zu legen, dah erst ein weiter, zeitraubender Marsch notwendig wird, der sich durch den gleichen Rückweg so gestaltet, dah jedwede Erfrischung und Erholung durch das Bad zunichte gemacht wird. Auf der anderen Seite dürfte innerhalb der Siedlung nur- in den wenigsten Fällen das erforderliche Gelände zur Verfügung stehen. Eine parkartige Wiesenlandschaft oder der Wald ist zwar das Ideal, dürfte jedoch in den meisten Fällen den Mangel rascher Erreichbarkeit haben, auf die es hier sehr ankommt.
Die Wasserversorgung bildet das Hauptmoment, und es scheint angebracht, darüber besondere Ausführungen zu machen, da Anlagen existieren, die in dieser Hinsicht manches zu wünschen übrig lassen, woran aber die Tatsache schuld sein dürfte, dah man glaubte, ohne Beratung auskommen zu können oder man bediente sich Leuten, die im Badefache nicht tätig gewesen sind.
Ein Dach- oder Fluhlauf, ein See oder eine Quelle wird immer zur Verfügung stehen. Oberflächenwasser, also solches aus Bächen, Flüssen, Teichen oder Seen hat den Vorzug, dah es eine gewisse Temperatur hat, die es ohne weiteren Wärmezusatz oder wenigstens ohne einen wesentlichen, zum Baden geeignet macht, wohingegen Grundwasser, also solches aus einer Quelle oder einer unterirdischen Ader nicht ohne weiteres verwendet werden kann. Heberdies hat das Oberflächenwasser noch Öen Vorteil, dah es das gebrauchte Badewasser leicht wegführt, ohne dah eine große Entwässerungsanlage mit teuerer Rohrführung verlegt zu werden braucht.
Cs muh nur darauf geachtet werden, dah dem Decken das Wasser mit genügendem Gefälle zuströmt und dah es mit natürlichem Gefälle ab- fliehen kann. Eine nicht genügende Beachtung namentlich dieses letzteren Erfordernisses hat schon zu umständlichsten, verwickeltsten und sehr
teueren Lösungen geführt, die einfach genommen werden muhten, um eine Anlage überhaupt zum Arbeiten zu bringen.
Reben der eigentlichen Bauausführung bildet die Wasserförderung und Wassererwärmung den wichtigsten Punkt der Kostenfrage. Cs sind nicht allein die Anschaffungskosten sondern auch die Betriebskosten, die auf einer solchen Anlage ruhen. Deshalb muß ihnen die größte Beachtung beigemessen werden. Im Rahmen dieser Ausführungen soll hauptsächlich die technische Seite eines Badeprojektes behandelt werden. Als billige Wärmequelle steht uns die Sonnenbestrahlung zur Verfügung, und auf dieser Grundlage muß man arbeiten, da eine Kesselanlage die Anlage zu sehr verteuert und auch dauernd belastet. Oberflächenwasser aus stehenden Gewässern hat an sich schon die notwendige Temperatur. Fließendes Wasser, sowie Grundwasser bedarf der Rachwärmung. Man leitet diese Wässer in flache, große Teiche, in denen 1ie sich lau erwärmen und auch gleichzeitig belüften können. Auf eine gute Belüftung des Wassers muß sehr großer Wert gelegt werden, was leider noch viel zu wenig beachtet wird. Deswegen führe man es aus den flachen Teichen mit großer Oberfläche über stufenförmige, kaskadenartige Aufbauten dem Decken zu. Es muß dies wenigstens mit dem Wasser der Fall sein, das dem dauernden Zufluß als Ausgleich des Heberlaufes dient. Eine regelrechte Füllung geht auf diese Weise etwas sehr langsam. Diese muß vermittelst einiger Derteilerrohre erfolgen, Röhren von recht großen Weiten, die auf der Deckensohle montiert werden, damit das ausfallende Wasser mit seinem Druck den Schmutz auf dem Beckenboden vor sich her drückt. Ferner erreicht man dadurch, daß das warme Wasser vermöge seines leichteren spezifischen Gewichtes nach oben steigt, die Wasserk^cke gewissermaßen aufbricht und die oberste, schmutzige Schicht nach den Seiten zu in die Hc&erlaufrinne abdrückt. Die Wasseroberfläche wird auf diese Weise ständig in Bewegung gehalten und dauernd erneuert. Rings um das Becken ist eine sogenannte Spei- unö He&erlaufrinnc anzuordnen, die das überschüssige Wasser aufnimmt und wcgführt. Ein Handlauf sollte aus hygienischen Gründen lediglich an den tiefen Seiten in der Beckenwand angebracht werden. Aus diesen Gründen sind die Heberlauflöcher gänzlich zu verwerfen.
Der gesamte Abfluß soll unbedingt auf natürlichem Wege erfolgen, denn eine Pumpenanlage, zu der auch noch die Reserve mit dem Antrieb kommt, verteuert eine derartige Anlage zu sehr. Die Abflußleitung führe man dem nächstgelegenen Bache zu.
Das Becken selbst ist'in Gröhe 50X20 Meter anzulegen. Es wird am zweckmäßigsten aus Beton gemacht und zwar von einer Firma, die etwas derartiges bereits ausgeführt hat, denn es ist bei einer solchen Anlage sehr vieles zu beachten, was bei anderen Bauten nicht vorkommt. Der Kies für den Beton kann mitunter am Ort gewonnen werden, vielleicht besitzt die Gemeinde auch eine eigene Kiesgrube, von der sie das Material billig bekommen kann. Das Decken muh geteilt fein in eine Abteilung für Schwimmer und in eine solche für Richtschwimmer. Die Tiefe soll in der Richtschwimmerabteilung mit 80 Zentimeter niedrigst beginnen und in ihr auf 1 Meter bis 1,20 Meier ansteigen. Don da an soll die Deckensohle mit stärkerem Gefälle zu verlegt werden. Innerhalb der Sohle der Schwimmer
abteilung muß eine sogenannte Sprunggrube betoniert werden, die eine Tiefe von etwa sechs Meter vom Wasserspiegel ab hat, damit so die nottocnöige Tiefe für eine Sprunghöhe bis zu 10 Meter erreicht wird. Die Wände der Beckensohlen nach der Grube sind etwas abgeschrägt herzustellen. Im übrigen grenzt man die Richtschwimmerabteilung von der für Schwimmer durch ein Trennseil oder eine Kette ab, an der entsprechend beschriftete Schilder befestigt sind.
Die Zugangstreppen sind außerhalb des eigentlichen Beckenrechtects zu verlegen, damit bei Festen und Sportveranstaltungen die Schwimmer beim Wenden in der Bahn unbehindert sind. Aus dem gleichen Grunde lege man die Einsteigeleitern in Wandnischen. Das Gelände um das Becken herum ist bis auf Höhe des llmgangö mit Erde anzufüllen und mit Rasen anzusäen. Es soll sich eine dichte und feste Grasnarbe bilden, welche verhindert, dah die Badenden Erde mit in das Wasser nehmen, oder daß der Wind Erde in das Decken weht. Die Rasenfläche dient überdies ideal als Spielwiese.
Ein kurzes Wort noch den Einrichtungs- gegen ständen. An den Zugangstreppen sind Regenbrausen inzubringen, die den in das Wasser Steigenden den nötigen Temperaturausgleich vermitteln sdllen. Heberdies wirkt eine Brause auch nach Verlassen des Deckens äußerst erfrischend. Richt zu verwechseln mit diesen Uranien sind die Reinigungsbäder, Drausen, die ganz getrennt vom Decken angebracht werden müssen. Sprungbretter sind in verschiedenen Höhen über dem Wasserspiegel anzuordnen. Der Sprungturm aus Deton ober Rohr, wegen Windanfall usw. jedenfalls nicht aus Profileisen, dient zur Aufnahme der Dretter auf verschieden hohen Plattformen. Man hat gewöhnlich Sprungbretter in 1, 3, 5 und 10 Meter Höhe. Die Einsteigeleitern sind in genügender Zahl an den Langseiten des Deckens anzubringen, und zwar auf jeder Seite drei Leitern für verschiedene Beckentiefen. Mancherorts wird hier an der falschen Stelle gespart, indem man Holme und Stufen einfach aus Rohr zusammenschweißt. Das rächt sich oft, denn man steht mit nackten Füßen auf einer runden Fläche sehr schlecht. Zum anderen wird diese Fläche glatt durch den Einfluß der Algenbildung, und die Badenden rutschen aus, was zu den schlimmsten Stürzen und Knochenbrüchen führen kann. Man verwende deshalb Spezialleitern mit geriffeltem Gußeisen.
Schw.mmlehrgalgen, Sprungbarrieren und Vorrichtungen für den Massenschwimmunterricht, Wasserballspieleinrichtungen usw. vervollständigen die Ausrüstung neben den Sicherheitseinrichtungen für ein offenes Sommerschwimmbecken.
Hubertus, Verein weidgerechter Jäger, Sih Gießen.
Der Augustversammlung des Hubertus, die am 14. August stattfand, kam diesmal eine besondere Bedeutung zu. Wurden doch an diesem Tage die neuen Iagdschießstände des Vereins zum erstenmal in praktischen Gebrauch genommen. Auf Grund eines Hebereinfommen3 mit bem Schühenverein Gießen sind diese Stände aus dessen Schiehgelände, wo der Verein früher schon auf z. T. stark behelfsmäßigen Ständen schoß, entstanden. Sowohl jagdliches Kugel- wie Schrotschiehen sollen hier eine Pflegstätte finden, und zwar nicht als sportliches Schießen, sondern als Vorbereitung für die Ausübung der Jagd. Es ist eine besondere Eigenart des Weidmannes der jetzigen Zeit, daß er seinem Wild, bem Gegenstanb seiner Liebe und Hege, beim Abschuß nach Möglichkeit Leiden zu ersparen sucht. Voraussetzung dafür aber ist Vertrautheit
mit der Handhabung der Waffe und Hebung im Beschuß jagdlicher Ziele. Cs ist unverantwortlich, wenn junge Jäger ohne diese Grundlage die Waffe führen und das Wild als Hebungsziel benutzen. Aber auch dem alten Jäger schadet die Hebung nichts, in der auch die Voraussetzung des jagdlichen Erfolges liegt. So fühlte sich der Verein verpflichtet, diese Anlagen zu schaffen, wenn er seinen Ausgaben gerecht werden wollte. Rach- dcm in den vorhergehenden Jahren die finanzielle Grundlage geschaffen war, tonnte nach Beendigung des großen Dcrbandsschiehcns der Ausbau beginnen. Aus den Kugelständcn kann stehendes wie flüchtiges Wild beschossen werden. Die Schrotstände bestehen in einer einfachen, aber soliden Wurftauvenschießanlage, während daneben ein Hase über die schmale Schneise flitzt und dem Schützen seine Verbeugung macht, wenn er vorschriftsmäßig getroffen wurde. Auch eine Fa- sanenscheibe steht zur Verfügung. Für Zuschauer und ungünstige Witterung wurde eine freundliche Hnterkunstshalle geschaffen, wo die „Kritik" ihren Sih hat. Alles in allem mit einfachen Mitteln eine Anlage, die eifrige Benutzung verdient im Interesse einer weidgerechten IagdauSübung.
An das Schießen schloß sich die Mitgliederversammlung an. Dor Eintritt in die eigentliche Tagesordnung gedachte der erste Vorsitzende, Pascoe, Dutenhofen, des Ablebens zweier treuer Mitglieder, des Buch- druckereibesihers Beck, Herborn und des Apothekers Köhler, Braunfels, deren Andenken die Versammlung ehrte. Sein besonderer Gruß galt einem der bekanntesten deutschen 3äflcr, dem Mitglied Eberhard Graf von D ernst or ff, Angenrod, der den Weg hierher nicht gescheut hatte. Besonderen Gruß auch und Glückwunsch verband et mit dem Dank des Vereins für treue Mitarbeit im Vorstand an Kaufmann Louis Benner, Gießen anläßlich seines 70. Geburtstages. Ein Bild des greifen Reichspräsidenten vor dem gestreckten Hirsch brachte den Dank des Vereins äußerlich zum Ausdruck. Schließlich fand Herr Pascoe noch warme Worte des Dankes an den Schöpfer unserer Schleßstände, August K i l b i n g e r, der feine Mühe gescheut hat, um eine zweckmäßige und schöne Anlage ohne Luxus zu schassen.
Aus den geschäftlichen Verhandlungen sei noch folgendes hervorgehoben: Ein Mitglied wurde neu ausgenommen, drei Reuanmeldungen wurden bekanntgegeben. — Seitens verschiedener Gemeinden wurden die Iagdpächter aufgeforöert, sich damit einverstanden zu erklären, daß die Flurschühen mit Jagdgewehr Krähen „und anderes Raubzeug" abschießen. Es wurde von dem Schriftführer, Studienrat H ö l z e l, dringend davor gewarnt, eine derartige Erklärung zu unterschreiben, da der Begriff „Raubzeug" durchaus unklar sei und u. H. auch FuchL. Dachs, Marder, seltene Raubvögel darunter verstanden würden. Die Versammlung stimmte dem zu und stellte fest, daß nur ein Abschuß von Krähen und Krähenartigen in Frage kommen könne. — Ein guter Gebrauchshund stellt heute einen Gegenstand von hohem materiellen und ideellem Wert dar, während die Verlustgefahr durch den zunehmenden Krastfahrverkehr dauernd wächst. Die Mitglieder wurden daher auf eine Iagdhunde-Hnfallver- sicherung aufmerksam gemacht.
Bezüglich der Ausnutzung der Schießstände wurde beschlossen: Dis zum 'Beginn der Hühnerjagd finden jeden Mittwoch Hebungsschieben statt. An diesen Tagen ist auch der Stammtisch auf dem Schühenhaus. Ein Preisschießen findet nicht statt. Rur wird an einem besonderen Schieß tag die Hubertusjagdmeisterschaft wie alljährlich ausgeschossen werden. — Die diesjährige Hubertusfeier wird am Samstag, 2. Rovember, stattfinden.
Dämonen der Zeit.
Vornan von Arthur Brausewetter.
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Was für ein Gedächtnis Sie haben! Aber Sie haben recht, es war mein erster Ball, und ich war sehr stolz, daß der umschwärmte Leutnant Körber säst alle Tänze mit mir tanzte."
Ein mattes Lächeln glitt über die zarten, ein wewg bleichen Lippen, huschte mit wehmütigem Widerschein über ihr Antlitz. Er sah sie eine Zeitlang wieder versunken an. Alles Kindliche an ihr schien einem klar durchschauenden Ernste gewichen, und in ihren Zügen war ein Hauch ton Traurigkeit, der ihn fremd anmutete und doch anzog.
Die Hnterhaltung, die ihr Eintritt unterbrochen hatte, stockte eine Weile und wandte sich dann allgemeinen Bahnen zu. Schließlich erhob er sich.
„Sie werden müde nach der langen Reise sein und nach all dem Mißgeschick, das Sie auf ihr erduldet haben," sagte Frau Reichenbach. „Ja, es ist heute nicht so einfach, nach Danzig zu reisen. Ihr Zimmer ist bereit Marieke wird Eie hinausbegleiten."
Er sah sie verwundert an. Er hatte mit Absicht kein Wort davon lautwerden lassen, daß er in den verschiedenen Gasthäusern kein Unter» kommen gefunden hatte.
„Aber es ist selbstverständlich, dah Sie bei uns wohnen, bis Sie sich in aller Ruhe eine Ihnen zusagende Wohnung besorgt haben. In unserem Hause ist Platz genug, wie Sie sich vielleicht schon überzeugt haben. Mein Mann hat es mir auf die Seele gebunden, Sie unter keinen Umständen fortzulassen."
„Ihre Güte befreit mich von einer großen Sorge," bekannte er jetzt offen — „ich hätte in der Tat nicht gewußt, wo ich diese Rächt mein Haupt hätte hinlegen sollen. Aber der Herr Oberst selber — werde ich keine Gelegenheit haben, ihn zu begrüßen?"
Ein Zucken glitt über die feinen Mädchenlippen ihm gegenüber und entging ihm nicht, so leise und beherrscht es war.
„Mein Mann ist leider verhindert, Sie zu begrüßen," erwiderte Frau Reichenbach, „er hat des Abends oft Sitzungen und muh auch mit Geschäftsfreunden, die von außerhalb kommen, Zusammensein."
In dem niedrigen, aber geräumigen und behaglich eingerichteten Zimmer, auf das ihn die alte Marieke geleitet, standen die Fenster weit geöffnet und liehen die weiche Maienluft tief in die Stube strömen. Ein erfrischender Zug Ivar in ihr, der von dem nahen Wasser zu
kommen schien, vielleicht war es auch ein Hauch vom ferneren Meere her. Die Mondessichel hatte jetzt ihren vollen leuchtenden Glanz erhalten, schwamm wie eine leichte Barke über das Himmelsblau; einige Sterne funkelten bereits. Aus einem hohen Giebel drüben grüßte ein einsames, spätes Licht zu ihm hinüber, und von dem Glockenspiel des Rathauses, das gerade den ehernen Mund öffnete, klang es in die abendliche Stille: „So nimm denn meine Hände und führe mich." Der Pulsschlag des Lebens schwieg. Das alte Danzig, wie er es einmal gekannt und geliebt hatte, schlich auf nachtwandelnden Füßen durch die menschenleere Straße.
Eine lange Zeit stand er, ohne sich zu regen, an dem weitgeöffneten Fenster, lehnte sich dann hinaus, sog den Atem der märchendurchwirkten Maiennacht tief in sich hinein.
Run war er wieder daheim und doch —was alles lag zwischen dem Einst und Jetzt!
So müde er auch war, so weich und wohlig das frische Bett ihn auch umfing, er vernahm noch mehreremal die mit der Stunde wechselnde, dann sich wiederholende Melodie des Glockenspiels und fand erst nach Mitternacht den Schlaf.
Plötzlich aber fuhr er aus ihm empor. Ein seltsames Geräusch hatte ihn geweckt. Ohne sich besinnen zu können, wo er war, richtete er sich zwischen Schlaf und Wachen in feinem Bett auf. Er glaubte, es müßte noch tiefe Rächt sein, und sah seine Stube tageshell erleuchtet, ja, durch die Vorhänge der Fenster zwängte sich bereits ein Eingang suchender Strahl der ausgehenden Sonne.
Hatte er geträumt?
Aber nein — da hörte er es wieder: ein dumpfhallendes, manchmal unterbrochenes, dann wieder neu anhebendes Stampfen die Treppe hinauf, ein kurzes Aechzen, ein hartes Zuschlägen einer Tür — dann war wieder alles tiefes Schweigen.
*
Am Frühstücks tische erwartete ihn Frau Reichenbach, dann erschien auch Edith, die bereits von einem Ausgange zurückkehrte.
Die Unterhaltung spielte sich fast ausschließlich zwischen ihm und der Hausfrau ab. Edith saß still und in sich gekehrt, und noch mehr als gestern fiel ihm der leidende Zug in ihrem Gesichte auf.
Während er wahllos von diesem und jenem sprach, wartete er immer, daß der Hausherr eintreten sollte. Aber der kam nicht, und ein unbestimmtes Gefühl hielt ihn ab, nach ihm zu fragen.
»Wir elfen um zwei Uhr," sagte Frau Reichenbach, als er sich verabschiedete. „Sie werden dann auch Ediths Bräutigam feimenlernen.“
-Das gnädige Fräulein ist verlobt?"
Ein großes Erstaunen war in seinen Worten, und es verdroß ihn, dah er es nicht zu unterdrücken vermochte.
„Ja, haben Sie es gar nicht gewußt?" fragte jetzt Edith, die bisher kaum gesprochen hatte, „und auch gar nicht den Goldreif an meinem Finger bemerkt?"
»Ich habe nichts gewußt... und nichts gemerkt."
Gr wollte ihr Glück wünschen. Aber die Worte kamen ihm nicht von der Zunge, und ihre Augen gingen an ihm und seinem Blick vorbei.
„Hub... teer?“
»Herr Faßbender, der Prokurist unseres Hauses," antwortete statt ihrer Tochter Frau Reichenbach. „Es ist eine ältere Liebe. Sie lernten sich kennen, als mein Schwager noch lebte. Aber die Hnsicherheit der Verhältnisse und unsere eigene Lage, die damals — Ihnen darf ich es ja sagen — recht traurig war, schoben die Hochzeit noch hinaus. Run aber steht sie vor der Tür."
Weich und warm lag die Sonne wie ein Riesenfächer über die Mottlau und die Lange Drücke gebreitet. Müde und träge blickte der Fluh mit Augen, in denen etwas Totes war, zu dem alten Krantor empor, was sich schwer und schwarz über die Wasser neigte. Es waren andere Zeiten gekommen und andere Menschen.
Eine Weile wanderte er, vorbei an den beiseite geschobenen großen Derkaufstischen und den alten Holzgestühlen, aus denen ein beizender Fischgeruch herüberdrang, vorbei auch an den dickbauchigen Weichselkähnen, in denen man Obst feilhielt, heute aber nur leer aufgestapelte Körbe sichtbar waren, über die zum Teil schon recht rissigen Holzbohlen und sah gedarckenlos den Möven nach, die in schläfrigem Silberflug über die teeren, müßigen Wasser dahinschwebten und hier und da mit lautem Gekreische nach einem Bissen Drotes schnappten, das ihnen eine mitleidige Hand zuwarf.
Dann Hub das Glockenspiel vom Rathausturm an, schwamm dumpf und schleppend über Hf er und Fluh, als paßte es sich der bleiernen Stimmung an, die über diesem einsamen Sonntags- Vormittag lag. Run war es höchste Zeit, durch das Drotbänkentor nach Hause zu gehen.
Mit eigenartiger Erwartung betrat er das Haus, schritt durch die eichene Pforte, die die treue Türhüterin auf fein Schellen ihm öffnete, die gewundene Treppe hinauf. Sollte er doch Ediths Bräutigam kennenlernen und endlich seinen Oberst begrüßen dürfen, den er eine lange Reiye von Jahren nicht gesehen hatte.
Aber als er in den Empfangssaal trat, fand er die beiden Damen allein vor, und in dem Eßzimmer blieben zwei Gedecke an dem schweren runden Tisch frei.
„Mein Bräutigam bedauert sehr, heute nicht mit Ihnen speisen zu können," sagte Edith, als sie sich auf den hochlehnigen, ledergepolsterten Stühlen niedergelassen hatten, „er muhte auf die Holzfelder fahren, einen größeren Posten Holz abzunehmen, der eben avertiert wurde und keinen Aufschub duldete."
„Am Sonntag sogar?"
„Für ihn gibt es keinen Sonntag. Das bringt das Geschäft nun einmal mit sich. Besonders in dieser Zeit. Hnö er ist Kaufmann mit Leib und Seele."
„Leider viel zu sehr," warf Frau Reichenbach ein. „Zuerst kommt die Firma. Hnd dann erst alles andere. Sie werden es ja bald selber kennenlernen. Da unten steht fein Rädchen stille... vom frühen Morgen bis zum späten Abend."
„Meinen Sonntag werde ich mir trotzdem nie nehmen lassen."
Cs llang weder hart noch scharf. Aber Edith sah ihn mit erschreckten Augen an. Er ließ sich nicht beirren. Arbeiten wollte und mußte er... sollte es sein, bis in die Rächt hinein... Er hatte es sich fest vorgenommen. Aber seine Seele wollte er nicht verkaufen. Das war ihm ebenso ausgemachte Sache.
„Hnd Ihr Herr Gemahl?" fragte er nach einer längeren Pause, in der man schweigend die Suppe löffelte. Er hatte eigentlich tticht nach ihm fragen wollen. Aber es lag doch zu nahe, und es fühlte sich ein wenig verletzt, daß der Oberst nicht einmal heute Gelegenheit nachm, ihn in seinem Hause zu begrüßen.
»Er hatte ebenfalls eine geschäftliche Sache mit den auswärtigen Herren zu ordnen, die ihn schon gestern abend in Anspruch nahmen und heute nacht nach Berlin zurückmüssen."
Frau Reichenbach sagte es, über ihren Teller gebeugt, und er merkte sofort, daß sie nicht die Wahrheit sprach. Ein tiefes Mitleid mit dieser Frau erfaßte ihn, über deren reine Lippen, solange er sie kannte, nie ein unwahres Wort gekommen. Zugleich aber wurde eine unbeschreibliche Empfindung in ihm wach, ließ ihn nicht mehr, schnürte ihm Herz und Kehle zu. Was ging in diesem Hause vor, in dem früher ein so unbefangener Frohsinn lebte, das von so viel Reichtum erfüllt, mit so wohligem Behagen durchwärmt war — durch das unsichtbar düstere Gestalten geisterten und ihre Schatten auf den Gesichtern der beiden Frauen spiegelten, die ihm, eine jede wohl von ihren eigenen Gedanken bewegt, in deren matten Beleuchtung des nach Alt-Danziger Bauart auf einen engen Hof hinunterblickenden Zimmers gegenübersaßen?!
(Fortsetzung folgt.)


