Aus der Provinzialhauptstadl.
Gießen, den 17. 3uli 1929.
Zwischen wogendem Korn.
Welch eigenartiges Gefühl überfommt einen doch, wenn man zwischen wogendem Korn hinschreitet, wie drängen sich die Gedanken heran, wenn der Blick über die schaukelnden 2lehren fortgleitet, wie fühlt man sich heimatverbunden, wenn die lachende Sonne über der bewegten Fläche spielt, daß man meint, inmitten einer Gvldflut zu stehen, umschlossen von immer beweglichen Wellen eines blinkenden Seeö. Welcher Frieden senkt sich auf einen selbst heriüeder, wenn der Wachtelruf von irgendwo her ertlmgt, wenn die Abendglocke aus dem fernen Dörfchen herüberfchwingt und der Tag ans Scheiden geht.
Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen hat der Landmann vor Monaten den Samen der Erde anvertraut! Wie hat er gebangt darum, daß sein Werk gedeihen möchte. Fröste sind ge- kommen, dunkle Tage, dann aber auch wieder die Hellen, warmen, strahlenden Sonnentage, die die zarten Pflänzchen ans Licht lockten. Wie hat man das erste Grün begrüßt, das sich schüchtern aus der Erde drängte. Wie hat man sich gefreut, als neben der grünen Saat am Rain di« ersten Blümchen kamen.
Und dann sah man das alles wachsen, immer höher sich recken. Man sah es und sah es nicht. Vieles andere gab es ja zu schauen, und der Tag gehörte einem, daß es nicht nötig war, dem nachzusinnen, was im Grunde selbstverständlich erschien.
Hun aber schreitet man durch das wogende Korn und hört von ferne schon den blanken Stahl, der alles niederlegen wird, und fühlt plötzlich auch, wie weit man schon wieder ins Fahr hineingeschritten ist. Der Ernte entgegen, heißt ja, daß der Wind bald wieder über kahle Stoppelfelder wehen wird, daß feuchte Hebel auf die Erde sinken, die Tage trüb und un* freundlich werden.
Doch nein! Wir wollen noch nicht daran denken. Wir wollen noch dankbar hinnehmen, was der üppige Sommertag gibt, seine Wärme, seine Strahlenfülle, seinen köstlichen Reichtum. Die kargen Tage werden sich schon an uns heran- drängen. Wir werden uns ihnen nicht entziehen können. Eben darum vielleicht werden wir mit verdoppelter Freude an dem wogenden Korn hinschreiten, und es wird uns sein, als ob wir die Hände zärtlich über die goldenen Aehren hingleiten lassen mühten. Wie eine Liebkosung wird das sein, zu der es uns drängt aus Dankbarkeit für das alles, was uns Mutter Natur freigebig spendet, aus Freude an all dem, was sie uns an reinen Freuden an den Weg ftelti.
Bornotizen
— Tageskalender für Mi ttwock. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ledige Mütter'.
Daten für Donnerstag, 18. Juli.
Sonnenaufgang 4.03 Uhr, Sonnenuntergang 20.08 Uhr. — Mondaufgang 18.09 Uhr, Monduntergang 0.46 Uhr.
1100: Gottfried von Bouillon in Jerusalem gestorben (erster Kreuzzug),' — 1374: der Dichter Francesco Petrarca in Arqua gestorben; — 1721: der französische Maler A. Watteau, Hauptvertreter der
Rokokozeit in Nogent gestorben- — 1864: die Dichterin Ricarda Huch in Braunschweig geboren: — 1870: Verkündigung des päpstlichen Unsehlbarkeitsdogmas.
•* Oberst a. D. Naumann. 3n Ergänzung unserer Notiz über Herrn Oberst a. D. Naumann, wird uns noch mitgeteilt, daß derselbe im 3ahre 1869 in das Groß Herzog!. 2. Infanterie» Regiment übergetreten ist und in diesem den Feldzug 1870/71 mitaemacht hat. Dieses Regiment erhielt nach dem Krieg die Bezeichnung 2. Orohher- zogl. 3nfanterie-Regiment (Großherzog) 116.
* (Ein Dorado f ü r Stare und Spatzen. Im Borgarten der Synagoge an der Südanlage steht ein großer Kirschenbaum. Er ist aber so hoch und weitverzweigt, daß die in Menge daran hängenden Früchte nicht mal den kirsckenlüsternsten Buben erreichbar sind, und selbst mittels einer freistehenden Feuerwehrleiter dürfte es schwierig sein, die Kirschen zu pflücken. Diese Hindernisse kommen den Staren und Spatzen zugute. Dank ihrer Sachkenntnis suchen sich die Vögel die süßesten Früchte heraus; was ihnen nicht mundet, lassen sie auf den Kies fallen, zum Leidwesen aller jungen und alten Kirschenfreunde.
** Entfernte Bäume. Von den am Zeugbausgarten an der Senckenbergstraße stehenden Kugelakazien wurden in voriger Woche sechs Stück entfernt. Sie sind wahrscheinlich der Kälte des letzten Winters oder anderen Ursachen zum Opfer gefallen, zum Leidwesen aller Naturfreunde.
•* Abonnementskonzert. Am Donnerstag, 18. d. M., 20.16 Uhr, findet auf der „Liebigs- höhe" das 6. Abonnementskonzert der Kapelle des hiesigen Bataillons unter Leitung von Obermusik- meifter Löber statt. (Siehe heutige Anzeige.)
L. H. E. Ein beliebtes Wanderziel des V. H. C. Gießen ist stets der Taunus. Und gerade die am Sonntag veranstaltete Vereinswanderung, die auch noch vom herrlichsten Sommerwetter begünstigt war, war von besonders hohem Reiz. Der Frühzug brachte die nahezu 50 Teilnehmer nach Butzbach. Die schöne Taunusstraße aufwärts führte der Weg durch den Wald über Haufen zum Hausberg, wo inan die prächtige Aussicht bewunderte und hierauf durch das idyllische Jsseltal zu kurzer Rast nach Münster wanderte. Der Weitermarsch führte über einen Höhenrücken mit herrlichen Fernblicken und durch ein liebliches, buchtartiges Tal über das hochragende Schloß nach Ziegenberg, um hier im schattigen Wirtsgarten einige Zeit der Ruhe zu pflegen. Inzwischen hatte Frau Sonne ihren höchsten Stand erreicht und brannte auf der nun folgenden Strecke, die in stetem Anstieg zur Höhe nach dem Forsthaus Winterstein führte, den Wandern gehörig auf den Pelz. Nachdem im Garten des Forfthaufes der Kaffee eingenommen war, ging es zunächst auf der Landstraße weiter. Bei selten klarer Lust genoß man eine weite Fernsicht bis zu den Marburger und Hinterländer Bergen. Des lebhaften Autoverkehrs wegen wurde später ein Waldweg eingeschlagen, auf dem man unter fröhlichem Gesang durch den prächtigen Nauheimer Hochwald nach Bad-Nauheim zog, von wo die Heimfahrt erfolgte.
•• HeffischeKriegsblinbenlotterie. Zum Ausbau des Krtegsblinden-Erholungshei» mes in Bad Salzhausen, das füd> früher schon tätiger Fürsorge zu erfreuen hatte, ist eine Kriegsblindenlotterie mit über 5000 Gewinnen im Werte von 20 000 Mark ins Leben gerufen worden. 3n Anbetracht des guten Zweckes sei eine Beteiligung an der Lotterie nachdrücklich empfohlen. Näheres ist aus der heutigen Anzeige zu ersehen.
Gngesandk.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem
Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Flucht in die Oesfentlichkeit.
Gießen, 15. 3uli.
Die Ecke der Gnauth- und der Stephanstraße ist ein beliebter Schauplatz nächtlicher Ruhestörungen. Es vergeht wohl kaum eine Nacht, in der die Anwohner nicht durch wüstes Gebrüll, Schlägereien oder auch nur durch stunden- lange Gespräche männlicher und weiblicher Waschweiber, die sich nicht trennen können, im Schlaf gestört oder am Einschlafen gehindert werden. Heute früh von 3,30 bis 4 Uhr tobten junge Leute an dieser Stelle ihre überschüssige Kraft in ausgiebigster Weise aus. 3ch stellte fest, daß etwa sechs junge Leute, davon drei weiblichen Geschlechts, vor dem Hause Gnauthstraße 4 ein kleines Auto umstanden und unter lautem Geschrei die Hupe in Bewegung setzten. 2lls sich später der Lärm mehr nach der Bleichstraße hinzog, konnte ist im Morgenlicht drei Studenten mit hellroten Mützen erkennen. Meine Aufforderung, sich endlich wegzubegeben, wurde mit höhnenden Zurufen beantwortet, erst auf meine Bemerkung, daß ich ihre Farben erkannt hätte, zogen sie ab, nicht ohne mir mit ihren Mützen einen höhnischen Abschied zuzuwinken. Ich habe gewiß Verständnis für harmlosen Studentenulk, aber nicht für ein solches Benehmen junger Leute, die sich so gern „die Hoffnung des Vaterlandes" und die „künftigen Fichrer des Volkes" nennen lassen. Von einer öffentlichen Nennung der Korporation, der die Ruhestörer angehören, will ich absehen, erwarte aber von dem betreffenden Bund, daß er mit aller Strenge vorgeht gegen Ausschreitungen, die seiner und seiner Mitglieder Würde nicht entsprechen und sein Ansehen, sowie das der ganzen farbentragenden Studentenschaft zu untergraben geeignet sind.
Es sind nicht, nur Studenten, die an dieser Straßenkreuzung ihr Unwesen treiben, dies festzustellen, erfordert die Gerechtigkeit. Der abgelegene, aber mit starkem Verkehr belastete Stadtteil, scheint zu Ruhestörungen der geschilderten Art geradezu herauszufordern. Es wäre wirklich an der Zett, daß die Polizei, die ich bereits früher auf diese unhaltbaren Zu stände schriftlich aufmerksam gemacht habe, hier einmal nach dem Rechten schaute. Sie kann natürlich nicht überall zugleich sein, aber öftere Streifen durch die bezeichnete Gegend in den vorgerückten Nachtstunden, etwa von 11 llljr an, würden gewiß heilsam wirken und den armen Kranken und den abgearbeiteten Gesunden zu einer besseren Nachtruhe verhelfen. Prof. Dr. K. Ebel.
Berliner Börse.
Berlin, 17. Juli. (WTB. Funkfpruch.) Auch im heutigen Frühverkehr war wieder kein Geschäft zu beobachten. Dörsentechnisch kann man vielleicht für heute eine kleine Reaktion erwarten, die Bewegung nach oben scheint aber auch am Montanmarkt zum Stillstand gekommen zu fein. Man taxierte an Kursen: Farben 231,5; Stahlverein 117,5; Mannesmann 127,5 und Gelsenkirchen 142,5. Am Devisenmarkt nannte man: London gegen Paris 123,88, London gegen Mailand 92,74, London gegen Spanien 33,46, London gegen Kabel 4,8505 zu 4,8510, London gegen Berlin 20,3550, Kabel gegen Berlin 4,1970 etwa.
Aus dem Amtsverkündigungsblatt.
• DasAmtsverkündigungsblatt Nr. 49 vom 16. Juli enthält: Die Hegezeit für Enten. — Der Voranschlag des Kreises Gießen für das Rj. 1929. — Bereifung von Zugmaschinen ohne Güterladeraum. — Reichssteuerllberweisungen. — Schlachthausanlage des Valentin Schäfer zu Reiskirchen.— Berichtigung. — Dienstnachrichten.
Oie Wetterlage.
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Wettervoraussage
Da die Erwärmung immer mehr zunimmt, so geht der hohe Druck langsam zurück. Sein Kern hat sich etwas südöstlich verlagert. Das britische Tief scheint sich mehr nordöstlich zu entwickeln, so daß zunächst noch die Schönwetterlage bei uns anhält. Später jedoch werden Randstörungen stellenweise Gewitter- neigung aufkommen lassen.
Wettervoraussage für Donnerstag: Heiß, heiter, trocken.
Wettervoraussage für Freitag: Auf- kommende Gewitterneigung.
Lufttemperaturen am 16. Juli: mittags 25,9 Grad Celsius, abends 20 Grad; am 17. Juli: morgens 16,4 Grad. Maximum 28.1 Grad, Minimum 12,2 Grad.
Verantwortlich für Politik: i. V. Ernst Plumschein.
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wie man über „Kufele" dachte, als sie eine junge Frau war. Genau wie damals wirb heute von größten Kinderärzten und erfahrenen Müttern und frische SAUA als Säuglingsnahrung bevorzugt.
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Lich, den 15. Juli 1929.
Der Vorsteher Hessischen Ortsgerichts Lich. Geil.


