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Montag, 17. Juni 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 159 Zweiter Blatt
neun
Per^
Geschichten aus aller Welt
nicht auch
damit zu spielen, aber sie lassen sich nicht aufheben. Dann zieht sie die Decke an die Nase und starrt vor sich hin. Es ist nicht zum Aushalten langweilig. Der Vater schnarcht wieder. Gräßlich ist das. — Ganz vorsichtig und leise beginnt sie vor sich hin zu
einige Schwierigkeiten im Lande gibt. Diese sind aber vorläufig so gering, daß sie neben den erzielten Fortschritten nicht ins Gewicht fallen.
kämpfe an der afghanisch-persischen Grenze keine Rolle spielen.
Als drittes der bedeutsamen außenpolitischen Ereignisse Persiens ist schließlich der Abschluß der deutsch-persischen Verträge zu nennen, die über die deutsch-persischen Beziehungen hinaus grundsätzliche Bedeutung haben, da hiernach bald die Kapitulationen für alle Rationen fallen dürften. Denn mit der Lin-
Chinesisches Porzellan.
Von Margot Englisch.
Beinahe 2000 Jahre früher als in Europa haben ostafiatische Völker Porzellan gefertigt, unb fast 200 Jahre hindurch vor der Erfindung des Meißener Porzellans gelangten chinesische Geschirre und Figuren als kaum bezahlbare Raritäten in die Kunstkabinette und Sammlungen europäischer Fürsten.
Die chinesischen Schriftsteller verlegen einstimmig die Erfindung des Porzellans in das Jahr 185 v. Ehr. und erzählen, daß man vor dieser Zeit im heiligen Reich der Mitte nur Gefäße aus Erde und Bronze gekannt habe. Don diesen ältesten Stücken wissen uns nur die Dichter zu singen. Erhalten blieb kein einziges Stuck. Erst eine einige hundert Jahre später einsetzende Entwicklung kann man genauer verfolgen. So wurde unter der Dynastie Wei (221—264) kost, bares grünes Porzellan, unter der Dynastie Tsin (265—419) himmelblaues hergestellt, die schönsten Stücke nur für kaiserlichen Gebrauch. LIngefähr 200 Jahre später stand die chinesische Porzellanindustrie schon in schönster Blute, und die wenigen Stücke, die sich in chinesischen Sammlungen erhalten haben, gehören zum Kostbarsten, was es auf Erden gibt. Oft muhten die Städte einen Teil ihres Tributs dem Kaiser in Form von Porzellan entrichten und die Fabriken waren verpflichtet, ihre schönsten Stücke dem Kaiserhaus unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Dom Jahre 600 an sind die chinesischen Annalen voll von Verichtcn über die chinesische Porzellanfabrikation. In dem klassischen Buche über den Tee, im „Tscha-ling", verlangt man vom Porzellan, daß es leicht und doch solid sei. Es muß tief klingen wie der Jadestein und von einer Weiße sein, die den Bcrgschnee noch hinter sich läßt, dabei auch papierdünn. Auch die Musiker bedienten sich des Porzellans, stellten aus Tassen Glockenspiele zusammen, die mit Elfenbein und E-benholzstäbchen geschlagen wurden.
Das beste und wertvollste chinesische Porzellan wurde unter dem Kaiser Sche-Tsong (954 bis 959) genau nach kaiserlicher Dorschrift hergestellt. Es war „blau wie der Himmel, klar wie der Spiegel, dünn wie Papier und klingend wie Jadestein". Cs übertraf an Feinheit alle früheren Fabrikate und wurde bald so selten, daß man von ihm in den Chroniken nur noch
Schuldner: „Lim Himmels willen, ich habe doch nie im Leben von einem derartigen Schwur gc» ^Richter: „Wenn Sie die Formel nicht im vollen Wortlaut nachsprechen, muß ich Eie txrüttelten.“ ,
Schuldner: „Sollen meine Schafe ... Haven Sie doch Erbarmen. Herr Gerichtsrat, ich besitze ja drechundert Schafe!"
Richter: „Schwören Sie oder schwören Sie nicht?"
Schuldner: „Sollen ... meine ... Schafe ... alle die Dreh ... die Drehkrankheit bekommen. Die armen, unschuldigen Tiere!"
Richter: ..... und meine Rinder an Waul
und Klauenseuche zugrunde gehen ..."
Schuldner: „Herr Iustizpräsident, ich habe jo bloß drei Stück!"
Richter: „Llm so besser für Sie? Schwören Sie also." ,
Schuldner: „... und ... meine Rinder. Wenns nun einmal sein muß. sollen an Maul- und Klauenseuche zugrunde gehen."
Richter: ..... des weiteren ..."
Schuldner: „Du meine heilige Güte, geht's denn noch weiter? Ich bin ja schon ein ruinierter Mann!"
Richter: ..... des weiteren soll meine dies
jährige Ernte verfaulen ..."
Schuldner: „Waas?"
Richter: „Sprechen Sie die Formel!
Schuldner: „Ich denke ja nicht daran? Wenn meine Ernte auch noch verfault, kann ich ja getrost betteln gehen. Wo doch mein Dieh schon restlos krevierte! Hoher Gerichtshof, ich erkenne meine Schuld an und bezahle sie binnen vierundzwanzig Stunden."
Dcr Mann mit den 200Bräuten.
(s) Prag.
Die Tschechen scheinen Amerika übertrumpfen zu wollen und stellen einen epochalen Rekord nach dem andern auf. So heißt auch der neueste Weltrckordler Frantisek Rovotnh. Ein Vollblut- tschcchc. Rebenberuflich Schuhmachermeister. Steht im siebenundvierzigsten Lebensjahre. Ist weder ein Adonis noch ein Apoll. Sondern ein kleines, unscheinbares Männlein. Mit O-Deinen und einem, na sagen wir. Embontpoint, das tatkräftig für die Güte des echten Pilsners wirbt. Lind so etwas kann den Ruhm für sich in Anspruch nehmen. Weltmeister auf dem Gebiete des Heiratsschwindels zu sein. Das heißt soweit ließ er's nicht erst kommen. Er begnügte sich mit der Verlobung. Also mit einem kleinen Vorschuß auf die Seligkeit. In doppeltem Sinne; der brave Frantisek holte sich dabei nämlich gleich einen großen Vorschuß auf die Mitgift. In rund 200 Fällen. Die vorbildliche Polizei von Prohnih hat ihn aber „schon" bei dem Fall Rr.201 erwischt, und so mußte der Mann mit den 200~ Dräuten seine frauenfreundliche Tätigkeit zunächst ein* stellen.
Wenn ein Neger einen Wechsel fälscht.
— Paris.
In dem eheinaligen Regerstaat Dahome, der seit 1892 eine französische Kolonie an der sog. Sklavenküste Obcrguineas darstellt, stand vor kurzem ein Schwarzer vor Gericht, angeklagt, dreißig Wechsel „gefälscht", genauer, mit dreißig verschiedenen Llnterschriften versehen zu haben. Zur lebhaften Verwunderung der Richter erklärte der Reger klipp und klar, unschuldig zu sein, und all die dreißig angewandten Ramen mit Recht zu führen. Den einen erhielt er bei der Taufe, den anderen brummte ihm der englische „Massa" auf, bei dem er über zehn Jahre diente, den dritten benutzt seine Familie als Miterbe der „Stimme der Könige", mit dem vierten wurde er bei seinem Stamme angeredet, der fünfte gebühre ihm für seine Heldentaten im Kampf mit den Leoparden. So ging das weiter, und der Mann mit den dreißig Ramen fand für die dreißig Ramenszüge vollzählig eine zumindest für Regerbegriffe moralisch einwandfreie Begründung. Da war nichts zu machen, der Mann konnte nicht rechtskräftig verurteilt werden. Das
terzeichnung dieser persischen Abkommen mit Deutschland sind zugleich die Musterverträge für die Reuregelung der Beziehungen zu Frankreich, Amerika, Italien und den anderen europäischen Ländern geschaffen, denen fich über kurz oder lang keine der Großmächte wird verschließen können. Das ist für die Stellung Deutschlands in Persien um so erfreulicher, als bekanntlich neuerdings eine große Reihe von Deutschen nicht nur beim Bahnbau, sondern auch in der persischen Finanzverwaltung tätig ist. So ist zum Rachfolger des amerikanischen Finanzberaters Millspaugh ein Deutscher, Dr. Schnie- wind, aus dem preußischen Finanzministerium, berufen worden, die Leitung der persischen Rationalbank wurde dem früheren Direktor der Dis- conto-Gescllschaft, Dr. Lindenblatt, übertragen, und ein deutscher Finanzinspektor, Dr. S ch e e r. ist angestellt worden, deren Arbeit trotz der Kürze der Zeit bereits die Anerkennung der persischen Regierung gesunden hat. Das ist, obwohl es selbstverständlich keine politische Bedeutung hat, doch recht erfreulich, da man naturgemäß im gesamten Orient die Tätigkeit der deutschen Spezialisten stark beachtet. Daß gerade Deutschland die rechtliche Reuordnung der internationalen Beziehungen im Orient maßgebend beeinsluht hat, darf somit als Verdienst, besonders des deutschen Gesandten in Teheran, des Grafen von der Schulenburg, gelten, der das Deutsche Reich nun bald seit -------
Jahren ununterbrochen in Persien vertritt. Man erhält somit insgesamt von den Dingen in w sien ein recht erfreuliches Bild, obgleich verkannt werden kann, daß es naturgemäß
war, ist im Dezember 1928 ein Llbkommcn über das Lieber fliegen persischen Gebie- t c s zustandegekommen, das diese schwierige Streitfrage endgültig regelt und der englischen Imperial Airways Co. die Möglichkeit gibt, den Flugdienst zwischen Indien und England zu eröffnen. Sodann ist in der Frage der Anerkennung des Irak eine Annäherung erzielt worden, da England im Irak auf die Kapitulationen für Europäer verzichtet hat, so daß nunmehr die 300 000 im Irak lebenden Perser nicht mehr wie bisher unter einem sie sehr verletzenden Ausnahmerecht stehen. Damit ist die Frage der Anerkennung der Abschaffung der Kapitulationen in Persien durch England praktisch soweit gefördert worden, daß England kaum mehr umhinkönnen wird, auch endgültig auf diese Sonderrechte in Persien selbst zu verzichten. Wenn man bedenkt, wie hartnäckig englischerseits der Kampf um die Vorrechte der Europäer geführt worden ist, so erkennt man dies als einen recht erfreulichen Crsolg der persischen Regierung, besonders da trotzdem die Beziehungen zu Rußland verhältnismäßig gut geblieben sind.
Denn auch mit R u ß l a n d hat Persien dauerhafte freundnachbarliche Beziehungen anzuknüpfen «verstanden. Im März dieses Jahres ist es endlich geglückt, zwischen Persien und Rußland ein endgültiges Abkommen über einen Z o l l - vertrag zu schließen, der einen recht gefährlichen Konfliktsstoff zwischen den beiden Staaten auf die Dauer von sieben Jahren aus dem Wege räumt. Der provisorische Handelsvertrag, der im Handelsverkehr zwischen den Ländern ein bestimmtes Einfuhrkontingent festsetzt, ist zwar noch nicht durch einen endgültigen Vertrag erseht worden, aber die Handhabung der vertraglichen Bestimmungen — die Sowjetbehörden sind bekanntlich enteilter der Schikane — zeigt, daß man russischerseits vorläufig zufrieden ist und den Handel mit Persien zu pflegen wünscht, um auf diese Weise den politischen Einfluß in Rordper- sien zu heben. Bei dem stets wachsamen russischen Mißtrauen ist das für Persien ein Vorteil, der nicht unterschätzt werden darf, und demgegenüber kleinere Reibereien wegen der Danden-
Schornsteinen schlagen die Flammen der Brennöfen gen Himmel, phantastisch mit ihrem Gluthauch die Stadt beleuchtend. Ununterbrochen herrscht die gleiche emsige Tätigkeit. Der weite Distrikt kennt keine Müßiggänger, keine Bettler. Zahlreich strömen die Armen der Provinz nach Kingtsching. Dort ist jederzeit Beschäftigung zu finden. Musterhafte Ordnung herrscht in dem Riesenbetrieb. Ein einziger hoher Mandarin leitet das Ganze, und alles gehorcht unweigerlich seinen Befehlen, denen er durch ausgiebig verabreichte Prügel den nötigen Rachdruck zu verleihen weiß.
Der gesteigerte Absatz ihrer Erzeugnisse auf dem Weltmarkt war schuld, daß die Qualität einen erheblichen Rückschlag erlitt. Die Kunst wurde durch Fabrikware verdrängt. Auch so behielt das chinesische Porzellan einen gewissen Wert. Aber den Dichtern sagte die Dutzendware nichts mehr, und auch • die Sammler besonders schöner Porzellane stellten sich nicht mehr ein, da Einzelstücke nicht mehr zu haben sind. Dort wie bei uns litt das Kunstgewerbe unter der Massenproduktion. Eine neue Blütezeit der alten, schönen Handwerkskunst, die jedes Stück anders gestaltete wie das vorhergehende, wird kaum wiederkommen.
von der Rührung übermannt worden — —
Hoffentlich bemächtigt sich nicht der Welttourismus der berühmten Grotte, um daraus eine Kallhpso-Bar mit Odysseus-ckancinxs zu machen —--
Neue Eidesformel.
(f) London.
Diese köstliche Gerichtsszene — Ort der Handlung Irland — ist ein Beweis dafür, daß ein schlauer Richter selbst den geriebensten Gauner zum Geständnis bringen kann, wenn er nur die „richtige Sprache" anwendet. Ein Bauer lieh dem anderen einen größeren Betrag und war dabei unvorsichtig genug, sich mit einem Ehrenwort zu begnügen. Er konnte daher keinen Schuldschein aufweisen. Der Schuldner wollte von nichts wissen und beteuerte vor Gericht, nie einen Pfennig erhalten zu haben. Rach längerem, völlig ergebnislosen Hin und Her kam der Richter auf den originellen Gedanken, dem hartnäckig leugnenden, aber sehr verdächtigen Schuldner einen Probe-Eid abzunehmen. Mit der ernstesten Miene der Welt begann der irdische Vertceter der Frau Justitia einen improvisierten „Text" aufzusagen.
Richter: „Rehmen Sie jetzt die Bibel in die rechte Hand und sprechen Sie mir die Eidesformel laut und verständlich nach."
„Wenn ich in dieser Angelegenheit nicht die reine Wahrheit sage ..."
Schuldner: „Wenn ich in dieser Angelegenheit nicht die reine Wahrheit aussage."
Richter: „Sollen meine Schafe die Drehkrankheit bekommen ..." ___________
Das kleinste Wörtchen.
Von Dorothea Hoser-Oernburg.
Jeden Morgen um halb fünf Uhr wacht Schnuck auf und besieht, in Ermangelung anderer Beschäftigungsmöglichkeiten, ihre Beine. Sie sind etwas rosig gelegen und haben kleine, runde Druckstellen an den Knien. Dann niest sie, und dann überlegt sie, wie lange sie wohl schon still war. — Grauenhaft lange.
Sie soll sich ganz ruhig verhalten und niemand stören. Also ist sie schrecklich brav. Sie kann sich gar nicht vorstellen, wie lange sie schon so liegt und kein Wörtchen spricht. Es ist langweilig.
Durch die geschlossene Gardine kommt schont so gelbe Sonne und spaziert in Schlangenlinien und wunderhübschen Kringeln über die Bettdecke. — Schnuck seht sich leise auf die Knie und versucht.
Persiens Aufstieg.
Von unserem bl-Berichterstatter.
' Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Teheran, Mai 1929.
Als vor einigen Wochen die Rachrichten von einem Aufst and in Afghanistan und dem Scheitern der Resormpläne Aman Llllahs durch die europäische Presse gingen, hat sich gewiß der eine oder der andere gefragt, ob diese Er- eignisse nicht auch aus Persien — das ja ebenfalls mitten in einer Periode allergrößter Reformen steht — zurückwirken würde. Das ist aber trotz aller Anteilnahme der persischen öffentlichen Meinung an den Vorgängen in Afghanistan nicht der Fall gewesen. Im Gegenteil, Persien hat trotz des Scheiterns bestimmter Re- formen in Afghanistan, wie z. B. bezüglich der Kleidung, die gleichen Reformen durch ein Gesetz gerade in der kritischsten Zeit einführen können, ohne daß sich hieraus größere Schwierigkeiten für die Regierung ergeben hätten. Ia, der „Erneuerer Persiens", Resa Schah Pah- lavi, hat es sogar wagen können, weitere Reformen anzukündigen, die für das Land zunächst einmal neue Steuern und weitgehende ilm Organisationen mit sich bringen, ehe sie wirtschaftliche Früchte bringen können.
Daß derartige Maßnahmen möglich sind, liegt in Persien vor allen Dingen daran, daß der Schah von vornherein von anderen Voraussetzungen her zu den Reformen im Lande gekommen ist, als dies in Afghanistan der Fall war. Denn Resa Schah hat vom ersten Tage seiner Regierung an stets und ständig mit dem fortschrittlich gesinnten Parlament zusammengearbeitet. Er hat sich vor allem mit der Geistlichkeit des Landes zu verständigen versucht, wenn es Schwierigkeiten gab, und hat stets Llnruhen schon im Entstehen entdecken und ihre Llrsachen beseitigen können. Darüber hinaus aber hat er sich in seiner Armee ein Instrument geschaffen, das ihm treu ergeben ist und auf diese Weise eine gewisse Stetigkeit der Entwicklung gewährleistet, da es erklärlicherweise unter diesen Llmständen einen dauernden Widerstand gegen die Zentralgewalt in Teheran cin- sach nicht gibt. Hat doch auch in diesen Tagen Doscht Mohamed, der berüchtigte Bandenführer in Beludschistan. im Osten des persischen Reiches sich nach sechsjährigem Widerstande ergeben und dem Schah auf Gnade und Llngnade ausliesern müssen.
Ein Rückblick auf die Ereignisse der letzten Monate in Persien bestätigt aber durchaus das Gefühl, daß die persische Staatsleitung geschickt und vorsichtig auf dem Wege der Reformen fortschreitet und zugleich das ihrige dazu beiträgt, um die Verhältnisse im Lande weiter zu konsolidieren. Die Wiederaufnahmeder Parlamentsarbeiten, die Verabschiedung des Haushaltes für das Iahr 1929/30 (also im voraus! Ein Ereignis, das zum ersten Male in der persischen Geschichte zu verzeichnen ist), das Fortschreiten der Bahnbauten, die Reorganisation des Iustizwesens, des Sanitätswesens, der Schulen, die weitere Förderung des Bahnbaues — die ersten Schienen wurden Mitte Ianuar gelegt —, sowie nicht zuletzt der Bau von rund 600 Kilometer neuen Straßen zeugen dasür, daß es nicht, wie früher so oft im Orient, bei leeren Worten bleibt, sondern, daß die Dinge, die im Parlament beschlossen werden, auch in Taten ihren Ausdruck sinden.
Cs ist daher nur zu erklärlich, daß auch auf dem Gebiete der auswärtigen Politik der persischen Regierung einige Erfolge beschie- den gewesen sind, die der neuen Lage entsprechen und als Ausdruck der wiedergewonnenen außenpolitischen Freiheit des Landes gewertet werden müssen. So ist vor allen Dingen das Verhältnis Persiens zu England, das lange Zeit unklar und schwierig genug gewesen ist, endlich bereinigt worden. Rachdem im Mai vorigen Iahres durch den Zolltarifvertrag die große Frage der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten geregelt worden
Zunge und den Lippen. Es klingt sehr komisch zu dem Schnarchen.
„Muttu!" ruft sie plötzlich leise, denn sie hört, daß die Mutter sich umdreht.
„Pst! — Leg dich ganz still hin und schlaf wieder, hörst du?"
Schnuck kennt diese allmorgendliche Ermahnung wörtlich. Sie kann nicht mehr schlafen, aber gutwillig klemmt sie die Augen zusammen und versucht es. Es geht wirklich nicht. Wenn sie leise aufstünde? Ob man ihr das erlaubt?
„Muttu!" schreit sie wieder stimmlos.
„Willst du still sein! Wart!" Schnuck befürchtet einen Ueberfall und duckt sich ganz und gar unter ihr Federbett.
Ach Gott, ach Gott! Wenn sie doch bloß schon groß wäre! Leise beginnt sie vor sich hin zu fingen.
„Ein Zweigchen", singt sie, „stand auf den Garten und lacht sich über den Blumen und über den Vögeln tot."
Jetzt hört der Vater auf zu schnarchen, dagegen beginnt er wie eine riesengroße Katze zu schnurren und zu fauchen. Es klingt gräßlich, und Schnuck liegt da, schweigt und fürchtet sich.
Draußen vor dem Fenster halten die Vögel Mo» genparabe, und klipp, klipp, klapp kommt ein Pferdegetrappel durch die Straße. Es ist der Milchmann; Schnuck kennt ihn. Ach, wenn man doch zu ihm könnte! Wieder muß sie ihrer Sehnsucht Luft machen, und diesmal singt sie ganz laut, daß jeder es hören kann, der mag, sogar der Vati, der doch nur so tut, wie eine Katze, damit sie sich fürchtet und still ist — sogar der Milchmann. Und sie trompetet: „Es war einmal ein Mäuschen, das saß in sein Häuschen. Immer kam es in den Himmel, niemals war es ungezogen, da streichelt es den lieben Gott mit 'n Schwänzchen."
„Allmächtiger! Kann denn dies Kind nicht Ruhe geben! Wirst du jetzt den Schnabel halten — du!?"
„Muttu, darf ich aufstehn?"
„Es ist noch nicht fünf Uhr! Leg pich hin und lasse uns schlafen, der arme Vati muß soviel arbeiten — schäm dich!"
„Darf ich gar nicht fingen, Muttu?"
„Nein." .
„Darf ich auch keine Geschichte erzählen?" „Nein."
„Darf ich auch kein einziges Wörtchen sagen, Muttu?"
„Nicht das kleinste — zum Kuckuck!"
„Auch nicht ein ganz winziges? ... Darf ich denn 1 nid) mal ,Däumerlings sagen, Muttu?"
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Die Grotte der Kallypso.
— Paris.
Wieviel Lesern der Odyssee sind nicht schon angenehme Schauer bei der Schilderung der Grotte der Rymphe Kallypso über den Rücken gelaufen, die den Odysseus sieben 3ab re lang durch den Zauber ihrer Schönheit an sich gefesselt hat?
Victor Berard, der beste zeitgenössische fran- zösische Homerkenner, der jahrelang alle Küsten des Mittelmeeres bereist hat, um die Schauplätze des griechischen Heldenliedes festzulegen, hat seit Iahren vergebens versucht, auch diese Grotte der Rymphe Kallypso wiederzusinden.
Erst bezeichnete er die sogenannte „Petersilien- Insel", Gibraltar gegenüber an einem Ausläufer des Atlasgebirges, als das „Zaubereiland bei den Säulen des Himmels". An und für sich entsprach die homerische Schilderung dieser Insel, aber es fehlten die vier „klaren Quellen", von denen in der Odyssee unzweideutig die Rede ist. Dann entdeckte Berard, daß das Eiland „mit den zwei Küsten" nichts anderes als eine Halbinsel sein müsse, und so fand er jetzt an der afrikanischen Rordküste eine wildbewachsene größere Landzunge, von Felsengrotten übersät, die vortrefflich mit der homerischen Schilderung übereinstimmte.
Alles ist da, die mit wilden Veilchen überwucherte große Grotte, die einladenden Frucht- und Zierbäume, die Vögel die nach Fischen jagen, und auch die vier klaren Quellen, die durch ein Dickicht von Lorbeerbäumen, wilden Rosen und Pappeln riefeln. Berard ist, wie er sagt, beim Betreten dieses „geweihten Bodens" wie von einem Märchen berichtet. Wo sind diese seltenen Stücke hingekommen? Sie wurden meist den Toten mit ins Grab gegeben, und da der Chinese außerordentlich pietätvoll ist, durften bis jetzt in den alten Gräbern keine Rachfor- schungen angestellt werden.
Rach und nach versucht man auch, die Oberfläche der Gefäße zu verzieren. Besonders hoch schätzte man Porzellan, welches Spuren von Tränen in Form von Goldpünktchen zeigte. Die Produkte des Bezirks Tschin waren stets schneeweiß. Feine Adem belebten die glatte Fläche, die so der gekräuselten Oberfläche des Wassers glich. Andere derartige Verschönerungen erinnerten an Bänder oder Tierpfoten; eine Fabrik fertigte Tassen, mit einem Grund, der den Federn des Perlhuhns nachgezeichnet war. Eine andere wieder wußte ihren Waren das Ansehen einer Gänsehaut zu geben. Keine Sonderbarkeit der Ratur gab es, die nicht in Porzellan nachgeahmt wurde. Man scheute weder Kosten noch Mühe bei neuen Versuchen, um noch prächtigere Schattierungen zu erhalten, und als Europa fernen Handel bis nach China ausdehnte, bezahlte man das dort noch unbekannte Kobaltblau mit dem doppelten Gewicht an reinem Gold.
Der Chinese kennt unendliche Abstufungen zartester Schattierungen. Wer das Weiß des abnehmenden Mondes besitzt, muß auch das Rot der Sonne vor dem Mittag haben. Mit gelben Perlen bestreutes Tiefschwarz ist Vorrecht der Fabrik Kien, die von Kium stellt dunkelgelbliches Emaille her. Für all' diese Ruancen hat der Chinese ein weit schärferes Auge als der Europäer. Der chinesische Porzellanliebhaber weiß sehr wohl das Blau des zweiten Blattes der Zwiebel von dem der Pflaume, und das Gelb des Hasen- von dem des Marderhaares zu unterscheiden. Ein Violett gibt es, das der Haut des jungen Wacholder, ein Grün, das der Schlange, ein anderes, das der der Eidechse
gleicht.
Herstellen und Bemalen des hauchdünnen Porzellans rechnet zu den bedeutendsten Industriezweigen Chinas. Die berühmteste Manufaktur ist die von King-Tsching, zwischen Kanton und Ranking gelegen. Hier werden mehr als eine Million Menschen beschäftigt. Enge, dumpfe Straßen, dicht aneinandergedrängte Häuser, hastige lärmende Geschäftigkeit sind das Kennzeichen der Stadt, die keinen Llnterschied zwischen Tag „ , , „ . „ . . . ,
unb Rächt kennt. Aus Tausenden von Essen und 1 plappern, zwischen zwei Fingern hindurch mit der
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