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Nr. 2Z0 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)

Samstag, 16. November 1929

Mlelstandöpolitik im Gießener Siadirat.

Die Mittelstand-Vereinigung Orts­gruppe (Siesten der Deutschen Wirt­schaft-Partei, trat am Donnerstagabend im (Safe Leib mit einer sehr stark besuchten Ver­sammlung Saal und Galerie waren säst bis zum letzten Platz besetzt unter dem Vorsitz des Sladtratsmitgliedcs Oberingenieur Kurtz vor die Ocssentlichkeit, um zu der bevorstehenden Stadtratswahl Stellung zu nehmen und dabei Bericht zu erstatten über die Arbeit der Mittel­stand ssraktion im Stadthaus im Verlaufe der letzten vier Oahre. Aach den Degrüstungsworten des Versammlungsleiters sprach der Vorsitzende der MittclstandSsraktion

Eladtraismitglicd Architekt NicolauS

in zweistündiger Aede über die kommunalpoli­tische Tätigkeit seiner Fraktion. Er betonte zu­nächst, dast gerade für den Mittelstand die Kom­munalpolitik von besonderem Interesse sei, weil alle Ausgaben der Stadt ihn besonders be­rührten. Der Mittelstand in Giesten bringe zur Bestreitung der städtischen Aus­gaben allein jährlich rund 1,9 Millionen Mark auf, während die Stadt aus der Einkommen- und der Umsatzsteuer einen jährlichen Anteil von 650 000 bis ZOO 000 Mark beziehe. Dieses Steuer­verhältnis beweise besser als alle Worte, dast der Mittelstand berechtigt sei, gebührende Be­rücksichtigung in der Kommunalpolitik zu ver­langen. Der Redner wandte sich hierauf einer eingehenden Besprechung von Angriffen der stie­gen sozialdemokratischen Presse gegen die Mittel­standsvereinigung zu. Er wies diese Angriffe mit Entschiedenheit zuruck und bezeichnete die in jener Presse aufgestelltrn Behauptungen unter Wider­legung im einzelnen samt und sonders als un­wahr. Dabei hob er hervor, dast die Würdigung der Stadtratsarbeit durch denGießener An­zeiger" vom vorigen Samstag gerecht und ob­jektiv sei und der Bürgerschaft den wahren Sachverhalt zur Kenntnis bringe. 3n diesem Zu­sammenhang betonte der Redner, die Sozial­demokratie hab«, wie sie ja auch von sich selbst behaupte, im Stadtrat an Einfluß gewonnen, auch auf unsere Stadtverwaltung, »die eben (so sagte der Redner wörtlich) direkt auf sozial­demokratischen Boden steht" (Oho-Rufe), und er hob weiter hervor, dast die Sozialdemo­kratie das Ziel verfolge, auch im Magistrat mit einem unbesoldeten Beigeordne­ten vertreten zu sein, und dast sie den An­spruch auf den nächsten fre werdenden Ma.'ist'atS- posten schon jetzt anmelde. Wenn der Mittel­stand sehe, wie er von der Sozialdemokratie be­kämpft werde, dann müsse er sich auch sagen können, was cs bedeute, wenn die Sozialdemo­kratie ihren Einzug in den Gießener Magistrat halte. Darum müsse der Mittelstand endlich auf­wachen und am Wahltag ohne Ausnahme für die bürgerlichen Parteien stimmen.

Bel der Schaffung neuer Wohnungen habe der ganze Stadtrat einstimmig für diese dringliche Äu'gabe gestimmt, niemand könne also das Verdienst allein für sich in Anspruch neh­men. Die Mittelstandssraltion habe für den Kampf gegen das Wohnung5elend stets Ver­ständnis gehabt, und sie hab: auch mit für die Vorlagen der Verwaltung zur Linderung der Wohnungsnot gestimmt. Wenn üb.r die Woh­nungsbauprogramme selbst in den leh'en vier Zähren immer Einstimmigkeit im Stadtrat be­standen habe, so sei nur hinsichtlich der Art der Durchführung geteilte Meinung zwischen den bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie gewesen. Der Redner billigte, daß die Stadt auch den privaten Bau'ustigen verbilligte Bau­darlehen zur Errichtung von Wohnhäusern ge­geben hat. er betont: aber auch seine Zustimmung zu der Samsfung von Kleinwohnungen durch die Stadt und die Baugenossenschaften: Kleinwoh­nungen seien bisher notwendig gewesen und wären es auch heute noch. Die Mitt.lstands- fraktion habe sich aber dagegen gewandt, daß diese Wohnungsbauten mit städt cher Gelduntcr- stühung durch auswärtig: Baugenossenschaften er­richtet würden. Sodann b'.ll'gt: brr Redner die Erstellung der Darackenwohnbautcn an der Mar- aarcthenhülte. Hins ch lich der WohnungLbauten in der Schwarzlach habe seine Fraktion, in Ueber- einstimmung mit der Mehrheit des Dauaus- schusscs, nur hinsich lich der Plahbestimmung und der Art der Prcj.ktierung ander: Vorschläge ver­treten als die Mehrheit des Stadtrates, über den Wohnungsbau selbst in der Schwarzlach sei man sich mit der Stal.t)ausmehrheit aber einig gewesen. Seine Fraktion habe nie eine Vernach- läs igung des Avrdostviert^ls herb'i ührcn, sie habe dieses Bauprojekt auch nicht etwa abbicgen und einem andern Staditeil zuführen wollen: seine Fraktion wolle das Aorbostviertel auch nicht etwa abschlichen. im Gegcntr.l sei sie bereit, die Wünsche des Aordostens soweit wie möglich zu erfüllen. Bei dem Wohnungsbauprvjckt in Sachsenhausen (Krosdorser Straße) sei zuerst von Aotwohnungrn die R:d: g w s n. Seine Fraktion habe cs bedauert, daß nicht vor drr Vorlage dicses Projekts mit der Dewohnerfcha.t von Sachsenhausen Fühlung genommen worben sei. Mit einem Aotwohnungsprojelt in dics.r Geg.nd habe sich seine Fraktion nicht einverstanden er­klären können, ebenso auch nicht mit der Finan­zierung. Dann sei die Sache durch Mehrheits­beschluß im ©ta^lr. t vrrabsch.edct word.n. jetzt aber habe man das Projekt schon anders gesta t t, nachdem man sich mit Sachsenhausen in Ver­bindung gesetzt habe und nun anscheinend bereit sei. den dortigen Wünschen Rechnung zu tragen.

Hinsichtlich der Mietpreisgestaltung könne seiner Fraktion kein Vorwurf gemacht werden, sie habe in dieser Hinsicht ein ruhiges Gewissen. Die Höhe der Mieten sei abhängig von den Baukosten, der Tilgung und Verzinsung dec Kapitalien. Die Sozialdemokratie habe keinen Grund, zu sagen, Hausbesitz und Mittelstands- Partei wollten die Mieten in die Höhe treiben. Auch bei der Aufhebung der Zwangswirtschaft wollten die Mittelständler nicht etwa die Mieten in den alten Häusern hochtreiben, ihnen sei vor allem daran gelegen, Erleichterung der Lasten und die wirtschaftliche Freiheit wieder zu gewinnen.

Die E i n st e l l u n g d e r st ä d t i s ch e n D a u - t e n könne nicht von langer Dauer sein. Da es sich beim Baugewerbe um ein Schlüsselgewerbe handle, würden auch andere Wirtschaftszweige von der Stillegung empfindlich mitberührt. Die Stadtverwaltung müsse die jetzigen Schwierig­keiten so rasch wie möglich beseitigen, ebenso

müßten der Geschäftswelt die Beträge für aus- gcführte Arbeiten alsbald ausgezahlt werden.

Der Redner sprach sich dann mit Rachdruck für die weitere Erschließung von Bau­gelände aus, damit den Baulustigen eine reiche Auswahl von Bauland an die Hand gegeben wer­den könne. Dadurch würden auch außergewöhn­lich hohe Geiändepreise verhindert. Rur große Komplexe sollten erschlossen werden. Weiter müsse der preistreibenden Spekulation entgegengcwirlt werden. 3n allen Stadtteilen sei Bauland gleich­zeitig zu erschließen, bei der Anlage, der neuen Straßen könnte die Arbeitslosenunterstützung in produktiver Weise verwertet werden. Weiter er­klärte sich der Redner grundsätzlich gegen die Gewährung des Erbbaurechtes. Der Bauende müsse das Gelände als Eigentum er­werben, das wirke sich auch für ihn selbst zum Vorteil aus bei der Kapitalaufnahme. Sodann verteidigte der Redner die Zustimmung feiner Fraktion zu den Schulhausbauten mit dem Hinweis darauf, daß feit etwa 30 3ahrcn nichts geschehen sei, um den unbedingten Rotwendig­reiten auf diesem Gebiete gerecht zu werden. Den Pflichten gegenüber den Kindern mußte ent­sprochen werden, die Verantwortung für eine Ablehnung wäre nicht zu tragen gewesen. An­gesichts der gegenwärtigen Finanzlage könne aber vorerst mit weiteren Schulhausbauten noch nicht gerechnet werden.

3m weiteren Verlause feiner Rede verteidigte Architekt 2d i c o l a u s die Errichtung dec Volks- Halle, weil sie ein ver.ehrs- und gesamtwirt­schaftlich förderndes Werl fei, ferner die Zu- ftimmung zur Schaffung des Flughafens, der unserer Stadt große Zukunfts-Eittwicklungs- möglichkeitcn biete, sodann die Zustimmung zu dem Projekt der Stratzenbahnerweite- rung nach Wieseck zu bis zur Stadtgrenze. Dagegen lejnte er die Schaffung einer Auto- omnibuslinie vom Ludwigsplah durch daS Südviertel bis nach Klein-Linden ab, da dieser Betrieb große Zuschüsse erfordern werde: er ver­wies dabei auf die ablehnend« Haltung seiner Fraktion bei der Beratung dieser Vorlage im St ad trat. Für die 3nstandsehung der städtischen Straßen sei sein« Fraktion ein­getreten, die von der Stadtverwaltung dafür angeforderten Mittel habe sie nicht bewilligt. Don städtischen Leistungen sür di« Universität sei von der Mittelstandsfraktion stets zugestimmt Word en, weil man sich der hohen Bedeutung ter UniDerfität für unsere Stadt be­wußt sei: das gleiche gelte für di« Heil- ftätten&auten. Mit tec äleberlaffuiig des städtischen Grundstücks zum Bau des Stuben» tenhauses fei seine Fraktion einverstanden gewesen, da sie nichts gewußt habe von den ge­werblichen Betrieben in tem Studentenhause. Nachdem sie das aber erfahren und daraus er­sehen habe, daß dem heimischen Handwerk hier Konkurrenz gemacht werde, komm« für sie eine weitere Unterstützung der Stutentenhilfe nicht in Betracht. Daß das Gießener Stadt­theater so gut wie keinen Zuschuß vom hessi­schen Staate erhält, sei ein himmelschreiendes Unrecht. Bei ter Besprechung der Mitarbeit seiner Fraktion im Wohlfahrtsamt be.onte der Redner, es sei zu fordern, daß keine sche­matische, sondern eine individuelle Fürsorge zu treiben sei. Die Fürsorge dürse nur den wirk­lich Bedürftigen, den wirklich unverschuldet in Not geratene i Leuten zuteil werden. Diesen Mit­bürgern habe seine Fraktion nie die Hilf« ver­sagt, und sie werde sie ihnen auch In Zukunft nicht verweigern.

Die von der Sozialdemokratischen Partei auf gestern abend in das (Safe Leib einberufene Wählerversammlung hatte einen über­aus starken Besuch aufzuweisen. Rach kurzen ein­leitenden Worten des Versammlungsleiters, Ge­werkschaftsbeamten Ottilie, sprach zunächst

Minister Lenschner.

Er wies darauf hin, daß die diesmaligen Wah­len über das lokale 3ntereffe hinaus von all­gemeinem 3nterefie seien, weil am Sonntag fast drei Dirrtel der deutschen Wähler an die Wahl­urne gingen. De.fach sei die Auffassung ver­treten, daß die Kommunalwahlen nicht politisch aufgezogen werden dürften. Er sei der Ansicht, daß man auch bei der Cemcindepolitik den partei­politischen Rock nicht ausziehen dürfe, zumal die Kommune die Ur'ekle des Staates und des Rei­ches sei. S e sei di« Trägerin der von Staat und Reich erlas e.ien ge etzlick)«n Bestimmungen. Die von dem Reich für Wohlfahrtszwecke zur Verfügung stelenden Mit ei würden von den Ge­meinden re.ausgabt und daduvch den Gemeinten eine wichtige soziale Ausgabe zugewiestn. Der Redner kam dann auf d e Bestrebungen einzelner Kreise hinsichtlich des Abbaues der Sozialgesetz­gebung zu sprechen und vereidigte eingehend die Haltung der Sozialdemokrat e bei der Aenderung des Arbeitslo'enversicherungsgefehes. Er sprach dann von den Verhandlungen im H a a g , bei fce-en unsere Delegierten ihre volle Schuldig­keit getan hätten. Der V o u n g p l a n b ete durch­aus leine be riedigende Lösung, es sei aber zu be­tonten. daß er auf dem Vertrag von Versa.lies aufgebaut sei und feine Ablehnung katastro­phal: Wirkungen erzeuge. Der Redner kam dann auf das Volksbegehren zu sprechen und erwähnte d'e Stellungnahme der Dcutschnatlona- l«n in dieser Frage, um sich dann bei ftar.en Zwischenrufen i e: anwe enden Kommunisten mit den Nationalsozialisten zu be'chäftigen. 3m wei­teren Be.lauf seiner Ausführungen setzte er sich dann mit den Kommunisten aufeinander, die zum Teil durch immer ftär'er werdende Zwischenrufe die Versammlung erheblich störten. Nachdem al.e Versuche ter Dersammlungsieitung, d.« Ruhe im Saale wie eeherzustellen. scheiterten, die Situa­tion auch, besonders auf der Galerie, immer ge­fährlicher zu teerten schien, tour" en dieHaupt - ruhestörer durch die inzwischen e.f1 ienene P olizei gewaltsam aus dem Saale gebracht. Nachdem d e Ruhe wieberhergcstellt war, besprach der Redner die augenblicklichen politischen Verhältnisse in Oesterreich, aus denen wir lernen könnten. Unter Hinweis auf die Stellung seiner Partei zum Staat bemerkte

Hierauf kam der Redner auf die Vorgänge bei der Voranschlagsberatung für 1929 zu sprechen. Er legte den schon bekannten Stand­punkt seiner Fraktion in eingehender Schilderung dar und betonte, sie habe den Voranschlag ab­gelebt wegen der Erhöhung der Steuersätze, ob­wohl der Haushalt durch andere Etatmahnahme auch ohne Steuererhöhung hätte ausgeglichen werden können. Rach wie vor vertrete seine Fraktion auch heute noch die Aus» sasfung, daß die Möglichkeit der Ausgleichung des Voranschlags ohne Steuererhöhung bestanden habe, wenn ü.erall der ernste Wille dazu vor­handen gewesen sei. Die Behandlung der An­träge der Mittelstands raktion zum Etat durch andere Parteien habe aber erkennen lassen, daß dieser Wille nicht überall bestanden habe. Er wolle aber ausdrücklich anerkennen, daß die Fraktion der Deutschen Vollspartei gemeinsam mit der Mittelstands, raktion kräftig für Erspar­nisse im Haushalt eingetreten sei.

Die EtaotratSfraktion der Mittelstandspartei habe sich bei ihrer kommunalpolitischen Arbeit leiten lassen von der Erwägung, daß die Ver­tretung der gerechten 3ntereffen des Mittelstan­des bedeute, daß dabei auch die 3nt«ressen der Stadt Gi-rßen und der Allgemeinheit gut gewahrt seien. Wie in der Vergangenheit, so werde sich die Mittelstandsfraktion auch in Zukunft bestim­men lassen von der Rücksichtnahme auf die be­rechtigten Belange des Mittelstandes und von der Hebergeugung, daß nur dadurch dem Wohle der Stadt und der Allgemeinheit gedient sei. Die Mittelstandsfraktion im Stadthaus habe bisher ihre Pflicht getan, nun müsse der Mittel­stand am Sonntag seine Pflicht tun. (Lang­anhaltender stürmischer Beifall.)

Stadtratökandidat Kaufmann Tchmidt behandelte hierauf in einem kurzen Vortrag einige allgemeine Steuer- und Finai.zsragen. Die heutig« Steuerpolittk geh« dahin, dem Qliittel* stand alles wegzusteuern. Die Höh: der Real­steuern habe ein Ausmaß erreicht, das untrag­bar sei. Weiter beschäftigte sich der Redner kurz mit dem Verhältnis zutschen der Beamtenschaft und dem Mittelstand, wobei er betonte, dev Mittelstand fei nicht etwa der Feind des Be­amtentums, er sei nur Gegner einer aufgeblähten Verwaltung, di« auch zum Schaden des Berufs- beamtentums sich ausgewirkt habe. Der Derufs- beamfe könne in dem Staate einer aufgeblähten Verwaltung nicht das erhalten, was ihm gebühre, und der Mittelstand könne nicht die Mittel aufbringen, die für eine aufgeblähte Verwal­tung gefordert würden. Sodann forderte der Redner di« schleunige Durchführung einer wirk­samen F'.nanzreform, wobei er sich auch kurz mit der Sozialpolitik beschäftigte. Mit der Aufforde­rung an den Mittelstand zur Erfüllung seiner Wahlpflicht zum Schutze seiner 3nteressen, be­schloß der Redner seine beifällig auf genommenen Darlegungen.

Die Ansprache

brachte zunächst das sozialdemokratische Stadt­ratsmitglied Mann, dann das demokratisch« Stadtralsmitglied Schulrat Fischer, hierauf sprachen der Versammlungsleiter Stadtratsmit­glied Kurtz und Kandidat Schmidt, sodann oas volksparteiliche Stadtratsmitglied Bäcker- Obermeister L o e b e r, und nach einigen per­sönlichen Bemerkungen zwischen den Herren Mann und Schmidt sprach Stadtratsmitglied Nicolau gegen 1 Uhr das Schlußwort. Die Versammlung nahm teilweise einen bewegten Verlauf. Auf einen in der Versammlung be­rührten Vorfall, durch den die Stadt um über 40 000 Mark geschädigt sein soll, werden toir nach dem Wahltage noch zurückkommen.

der Redner, daß die Partei sich in ihrer Staats- auffaffubg nicht irre machen taffe. 3n to ei ter en Ausführungen sprach er von cer Stellung der Partei zu den e nzelnen Berufsständen und ihren De a len. CBcjKampf sei W.rtfchaftskampf, die politische Macht sei ettschei'.end für den Wirt­schaft-lampf. Die diesmaligen Wahlen seien Vorbereitung zum Wirtschafts­kampf. Es müsse versucht werden, das Volk, das sich in viele Parteien zerklüftet habe, zu einigen. Große Parte'en müßten so gestärkt wer­den, daß man sie re.antwortlich machen könne.

Sladtratsmitglicd Mann

sprach hieraus übet die Tätigkeit der so- zialdemvkratischenPartei im Stadt­rat in der letzten Wahlperiode. Die Sozial­demokratie sei nicht in der Verwaltung vertreten, man wolle nicht, daß die Sozialdemokratie an der Verantwortung teilnehme. Seine Par ei habe zweifellos im Stadtrat manches erreicht. Sie Hobe mit den übrigen Parteien versucht, die günstig« Finanz'ag« der S adt beizubehalten, doch seien die Verhältnisse inzwischen ungünstiger ge­worden. Der Redner besprach dann die Stel­lungnahme seiner Fraktion auf tem Gebiet der Wohnungsfürsorge und te3 Wohlfahrtswesens. Er erwähnte die Schwierigkeiten bei der Beschaf­fung ber erforderlichen Mittel, wies auf die Ucberschüsse aus den städ.ischen Werken und die damit terbunbere Preispolitik hin. Er zeigte die schwierigen Verhandlun-.en bei der Bera­tung des letzten Voranschlags und kritisierte die in dieser Frage von der Mittel­st andsvc einigung eingenommene Stellung. Der Redner kam dann auf eine Reihe von Anträgen zu sprechen, die seine Fraktion in der Stadtrats­versammlung gestellt habe. Er wies darauf hin, daß in Gießen eine gesunde Bodenpo­litik betrieben werde, was a»uch von anderen Städten anerkannt würde. Er müsse zugeben, daß auch die übrigen Parteien (mit Ausnahme von einer Fraktion) im Stadtrat sachliche Poli­tik getrieben hätten. Auf die schwierige finan­zielle Lag: der Kommunen hinweisend vertrat der Redner die Auffassung, daß die Dersor- gungsbetriebe in Händen der Gemeinden blei­ben müßten. Weiter beschäftigte sich der Redner mit den einzelnen im Stadtrat vertretenen Par­teien und ihrer Haltung in kommunalpolitischen Fragen. Er wünschte mehr 3ntereffe der Wähler­schaft an den Verhandlungen im Stadtrat.

3n der anschließenden Aussprache setzte sich der Kommunist Neubäcker unter Bezug­nahme auf die Ausführungen der beiden Refe­renten mit der sozialdemokratischen Partei aus»

Sozialdemolraüe und KoumunalNahlen.

einander, während ein zweiter Redner gegen einzelne Aus übrungen von Minister Leusch - n e r Einwendungen erhob. Ein Schlußwort von Minister L e u f ch n e r nahm zu den Ausfüh­rungen ter Diskussion.rcdner entsprechend S el- lung, worauf die Verfammluirg gegen 11.30 Uhr geschloßen wurde.

Sängertag

desChitt^- igerbundeö.

Ettingshausen, 15. Nov. Der Sän­ge r t a g de s .Chattia-Sängerbun- des" unter Leitung des Vorsitzenden Opper (Ettingshausen) fand hier statt. Die Anwesen­heitsliste ergab, daß sämtliche Vereine vertreten waren. Die geschäftsmäßigen Punkte der Tages­ordnung fan.cn glatte Erleb g mg. Die Aufnahme des Gesangvereins .Liederkranz' Ettingshausen wurde durch den Eängertag bestätigt. Eine län­gere Debatte entspann sich wegen d«S Verhält­nisses zum Hessischen und damit zum Deutschen Sängerbund. Einige Vertreter wünschten, der .Ehattia-Sängerbund" möge sich von der Organi- fation des Hessischen Sängerbundes wieder lösen und für sich bleiben. Rach einer sehr gründlichen Aussprack)«, wobei auch der anwesende Vertreter des Hessischen Sängerbundes und Gaues Lahn, Decker (Kesselbach), eingehend über die Ein­richtungen, Zwecke und Ziele, sowie Vorteile deS Zusammenschlusses im 3nteress: des deutschen Männergesanges berichtete, wurde mit großer Mehrheit beschlossen, daß die Zugehörigkeit zum Hessischen Sängerbund, die durch rechtmäßigen Beschluß des Sängertages in Queckborn erfolgt ist, aufrechterhalten bleibt. Ebenso wurde die Neucinteilung des Gaues Lahn, wonach der »Chattia-Sängerbund" einen selbständigen Gau bilden soll, in dem sich alle Vereine der um­liegenden Orte zusammenschliehen, gutgebeifcen. Bei der Vorstandstoahl legte der seitherige Vor­sitzende Opper fein Amt infolge seines hohen Alters nieder. Es wurde der seitherige zweite Vorsitzende Rinker (Ronnenroth) an dessen Stelle zum Vorsitzenden gewählt, und auf Vor­schlag der seitherige erste Vorsitzende Opper zum Ehrenvorsitzenden ernannt Als zweiter Vor­sitzender wurde Wagner neifter Görnert (Queck- born) gewählt. Der seitherige Rechner, Bürger­meister R « e b und SchriftfiHrer Wagner wur­den wiedergewählt, außerdem noch zwei Bei­sitzer. Das nächstjährig« Dundesfest wird am 6.3uli 1930 in Queckborn stattfinden. Cs wurden bann noch weitere Fragen geschäft­licher, hauptsächlich musikalischer Art, besprochen, wobei betont wurde, daß alljährlich ein Pslicht- lied von jedem Verein einzuuben ist, welches bei der Zusammenkunft des Bundes als Massenchor gesungen werden soll. An zwei verdiente Sanges­brüder, Bürgermeister Reeb (Hattenrod) und Konrad Sann I. (Ettingshausen), wurde für 40jährige aktive Sängertätigkeit die Ehren­nadel des Hessischen Sängerbundes durch den anwesenden Vertreter überreicht. Die Tagung, die durch die Ortsvereine mit Liebervorträgen verschönt wurde, fand gegen 6Uhr ihren Ab­schluß.

Kirche und Gchule.

Martini-Konferenz in Grünbcrg.

Grünberg, 15.Nov. Die Martini- Konferenz des Dekanates Grünberg fand hier statt. Nach Eröffnung durch Pfarrer M ä 11 h ä u s, Ehringshausen, behandelte die Konferenz zunächst geschäftliche Dinge. Dekan Schmidt hieß zwei neue Dekanatspfarrer, Geiß, Ober-Ofleiden, und Strack, Münster, willkommen. Der Senior der Dekanatspfarrer, Schick, Queckborn, der 39 3ahre im Dekanat gewirkt hat, und nun am 1. Dezember in den Ruhestand tritt, weilte zum letztenmal als aktiver Pfarrer auf der Konferenz. Sein Scheiden gab dem Dekan Veranlassung, herzliche Abschieds- Worte an ihn zu richten und ihm noch viele gesegnete Nuhejahre zu wünschen. Pfarrer Schick verabschiedete sich mit einem kurzen Rück­blick auf seine Tätigkeit im Dekanat, wobei er auch besonders des Pfarrvereins gedachte, zu dessen Gründern er gehörte. Den Vortrag hielt der Direktor des Landesvereins für 3nnere Mis­sion, Pfarrer Röhricht, Darmstadt, übet die Krüppelfürsorge der 3nneren Mission in Hessen im Rahmen der Gesamtarbeit der 3nneren Mis­sion. Der Redner verstand es, wie die folgend« Aussprache bewies, die Pfarrer für die großen Aufgaben der Krüppelfürsorge der 3nneren Mis­sion zur Mitarbeit zu erwärmen. Mit Dankes- worten schloß der Vorsitzende, Dekan Schmidt, die Konferenz.

Tckanatskonsercnz in Nidda.

J Nidda, 14. Nov. Die letzte diesjährig« Konferenz der Geistlichen des Deka­nats Nidda sand hier statt. Pfarrer Korn­mann (Rodheim) eröffnete mit Gebet und Schristlesunq die Tagung. Sodann begrüßt: De­kan S c r i b a die fast vollzählig erschienenen Amtsbrüder und machte eine Reihe geschäftlicher Mitteilungen. Zunächst beglückwünschte er noch einmal die beiden Amtsbrüder Naumann (Schwickartshausen) und R h e i n f u r t h (Leid­hecken), di« am 6. Oktober ihr 40. Dienstjubi- läum begehen konnten. (Auch Oberho'prediger Ehrhardt (Hirzenhain) konnte im April d. 3. das gleich« 3ubiläum feiern.) Heber die Grün­dung des Hessischen Melanchthonver- eins, der sich di: Gründung und Unterhaltung evangelischer Heim« für Schüler höherer Lehr­anstalten zum Ziel gesetzt hat, entspann sich eine längere Aussprache. Begrüßt wurde bi« Mittei­lung des Dorjitzenden, daß eine neue Dekan ats- fchwester bereits toiefer gewonnen werden tonn e, die schon in Kürze ihre Arbeit ausnehmen wird. Nachdem bie Konferenz noch Kenntnis genommen hatte von einer Mitteilung der Dolksmission, daß im Winter vornehmlich in den Pfarreien, die. zur Zeit unbesetzt sind, eine Dolksmis - sivnswoche geplant sei. hielt P arrer Korn­mann einen Vortrag über »Die junge Gene­ration in Frankreich". Der sehr lehrreich« Vor­trag, der insbesondere zeigte, daß die französische 3ug:ndarbeit in der Hauptsache mit der Kirche Hand in Hand geht, bot sehr viel 3nteressantes und Wertvolles.

Sprechstunden der Redaktion.

11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bl» 17 Uhr Samstag nachmittag geschloßen.

An; eigenaufträge find lediglich an die Geschäfts st elle zu richten.