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Anschluß Oesterreichs an das Deutsche Reich bei der Gründung PaneuropaS eintritt. Aber Graf Coudenhove verkennt hier wie in anderen Fragen die realpolitischen Schwierig­keiten, die einer Revision der Karte Europas entgegenstehen. Glaubt er wirklich, daß Frank­reich den Anschluß Oesterreichs an das Deutsche Reich bei der Schaffung Paneuropas zuliehe? 3ft nicht vielmehr anzunehmen, daß die Anregung Driands zu einem wirtschaftlichen Zusammen­schluß Europas gerade aus dem Gedanken ge­boren ist, den Anschluß Oesterreichs zu ver­hindern?

Die Sachlage ist doch die: auch unsere früheren Gegner haben längst erkannt, daß die in der Zerstückelung Oesterreich-Llngarns sich äußernde Balkanisierung Osteuropas mit den Anforderun­gen moderner Volkswirtschaft unvereinbar ist, und daß zum mindesten wirtschaftliche Zu­sammenfassungen erfolgen müssen, um die zer­störenden Wirkungen dieser staatlichen Zersplit­terung einigermaßen auszugleichen. Frankreich und seine Trabanten sind jedoch ängstlich darauf bedacht, solche Reubildungen zu verhindern, die die politische Bedeutung Deutschlands heben könn­ten. Darum treten sie dem Anschluß Oester­reichs an das deutsche Reich und dem wirtschaft­lichen Zusammenschluß Mitteleuropas, die das wirtschaftliche und politische Gewicht Deutschlands vermehren würden, in den Weg und suchen die notwendigen wirtschaftlichen Zusammenschlüsse in Lösungen, die Deutschland entweder ausschalten oder lahmlegen: nämlich in einer Donaufödera­tion, d. h. der Vereinigung der Rachfolgestaaten Oesterreich-Llngarns zu einem Zollverein unter tschechischer Führung, oder in einem Paneuropa unter französischer Leitung. Denn darüber darf man sich keiner Täuschung hingeben: ein Pan­europa ohne England und Rußland wäre, na­mentlich, wenn ihm keine Grenzbereinigung vor­anginge, gleichbedeutend mit einer Festigung und Verewigung der französischen Vorherrschaft im kontinentalen West-und Mitteleuropa. Auch aus die­sem Grunde ist kaum anzunehmen, daß eine Großmacht wie Italien, die anders als das ohnmächtige Deutschland noch eigene macht­politische Ziele verfolgt, sich in den paneuropäi­schen Bund einfügen wird.

Alle diese Momente zwingen dazu, über die Möglichkeit der Gründung eines paneuropäischen Bundes recht skeptisch zu denken. Die gleichen Zweifel sind berechtigt gegenüber den von Graf Coudenhove (in einem Artikel im Gießener An­zeiger) geschilderten Vorteilen des europäischen Bundes, nämlich, daß die Kriegsgefahr und die Gefahr einer kommunistischen Revolution ver­schwände. Allerdings mag die Kriegsgefahr innerhalb des Bundes beseitigt oder wenig­stens vermindert werden, aber dafür würden die Reibungsmöglichkeiten nach außen hin (Ruß­land, England, Vereinigte Staaten) eine Ver­mehrung erfahren. Aber die Bannung der Kriegs­gefahr erscheint heute nickt als die Hauptsache, denn Kriege sind unwahrscheinlich geworden, die Kämpfe unter den Völkern werden jetzt eher mit wirtschaftlichen als mit militärischen Machtmitteln ausgetragen. Daher wäre es wichtiger, wenn der Europabund Schutz gewährte gegen schwere Wirtschaftskrisen und ihre mögliche po­litische Folge, die von Coudenhove besonders hervorgehobene kommunistische Revolu­tion. Allein, gerade in diesem Punkt ver­sagt der Europabund. Da dieser Staatenbund eine unverkennbare Spitze gegen die Sowjet­union enthielte, würde die Sowjetregierung diesen Bund durch eine verstärkte kommunistische Agita­tion zu unterhöhlen suchen, Lind eine solche Wühlarbeit könnte auf fruchtbaren Boden fallen, da die von Graf Coudenhove verheißene wirt­schaftliche Blüte kaum zu erwarten wäre. Man stelle sich die Folgen eines Abbaus der Zollgrenzen zwischen den verschiedenen Staaten vor. Die schon jetzt schwer um ihr Da­sein rinHrnde deutsche Landwirtschaft ginge völug unter, da Deutschland wie andere Länder durch die landwirtschaftlichen Erzeug­nisse Frankreichs und der französischen Llebersee- länder überschwemmt werden würde: ebensowenig könnte sich der deutsche Weinbau, außer den eigentlichen Qualitätssorten, gegenüber dem ge­waltigen Lieberschuh billiger französischer, al­gerischer und spanischer Weine halten. Llmge» kehrt würde in manchen Ländern die Industrie erdrückt werden und nur noch dort bestehen, wo besonders günstige Bedingungen zusammenwirken, wie in RordfrsnFreich, Belgien, in den deutschen Industriebezirken usw. Kurzum, überall wären schwere Wirtschaftskrisen mit Arbeitslosigkeit als ihrer notwendigen Begleiterscheinung zu gewärti­gen. Dazu kämen wahrscheinlich noch Absatz- s ch w i e t i g i t c n, da die außenstehenden Wirtschaftsgebiete sich gegen den paneuropäischen Wirtschaftsblock zur Wehr sehen würden. Es ist sehr die Frage, ob die dadurch zu erwartenden Ausfälle der Ausfuhr durch die Steigerung des inneren Marktes ausgeglichen würden, von der Graf Coudenhove so viel erwartet. Zu Linrecht sucht er seine Ansicht durch einen Vergleich Pan­europas mit den Vereinigten Staaten zu stützen. Die Vereinigten Staaten, noch nicht zu dicht besiedelt, reich an Kapital und an Roh­stoffen aller Art, die ihm eine gleich günstige Pflege der Landwirtschaft wie der Industrie ge­statten, genießt wirklich eine gewisse Autarkie, Selbstgenügsamkeit, soweit dies bei der heutigen Verflachung der Weltwirtschaft überhaupt mög­lich ist. Aber das großenteils arm gewordene, vielfach zu dicht bevölkerte Paneuropa weist keine so glückliche Wohlausgeglichenheit seiner Wirt­schaftszweige auf, daß es sich selbst genügen könnte. Europa bedarf wohl noch lange der Ein­fuhr von Getreide zur Ernährung seiner Be­völkerung und von Rohstoffen zur Erhaltung seiner Industrie, es ist daher auch auf Waren­ausfuhr angewiesen.

Aber auch der Hinweis des Grasen Coudenhove auf die S ch w e i z paßt kaum. Die Schweiz ist in ganz anderem Sinne als Paneuropa eine geogra­phische Einheit, und doch hat es auch in derSchweiz Jahrhunderte gedauert, bis sie in die heutigen Grenzen eines mehrsprachigen Staatswesens hineingcwachsen ist. Denn noch End« des 18. Jahr­hunderts umfaßte die Eidgenossenschaft nur deutschsprachige Kantone, anderssprachige Landes- teile waren entweder bloße Verbündete oder völ- lich rechtlose Llnlectanenlande, wie die jenseits des Gotthard gelegenenwälschen Vogteien" und die der strengen Herrschaft des deutschen Bern unterworfenen, französisch sprechenden Waadt­länder. Es waren Rapoleon I. (1798) und später die Verbündeten (1815), die die Schweiz zwan- aen, den Wälschen die Stellung gleichberechtigter Staatsbürger, bzw. den wälschen Kantonen die Gleichberechtigung mit den übrigen BundeSglte-

dern zuzugestehen. Jedenfalls hat die Schweiz ihr Gepräge erhalten durch die deutschen Kantone, an die sich die nichtdeutschen erst im Beginn des 19. Jahrhunderts angliederten.

Anders steht es mit Paneuropa. Da fehlt es an dem nationalen Kern, ein buntes Gemisch von Rationalstaaten soll zu einer Einheit zusam­mengefaßt werden. Die Haltbarkeit eines solchen Gebildes hinge natürlich wesentlich davon ab. daß es von der Rechtsüberzeugung der Europäer ge­tragen würde. Cs wird aber nicht leicht sein, den von Graf Coudenhove ersehnten europäi­schen Patriotismus, das erforderliche Ter- bundenheitsge'ühl unter den europäischen Völkern zu erzeugen. Ein gewisses Zusammengehörigkeits- bewuhtsein besteht zwar, wurzelnd im Christen­tum und in der gemeinsamen Kulturentwicklung, aber diesem Gefühl gegenüber erweist sich doch das Eigenbewußtse.n der Rationen als wesent­lich stärker. Ihm entspricht das heute noch herr­schende Bedürfnis des Polltischen unabhängigen Sonderlebens jedes Dolles, und aus ihm erklären sich auch die bedauerlichen Lieberspannungen des Rationalismus, die Bedrückung der völkischen Minderheiten und die unwürdigen Haßausbrüche, mit denen z. D. die Polen noch alltäglich ihr deutsches Rachbarvolk bedenken.

Gänzlich verfehlt ist es endlich, wenn Graf Coudenhove glaubt, durch Paneuropa würden die Vereinigten Staaten den Weg nach Genf finden. Eine Verbindung der europäischen Staaten wird den Vereinigten Staaten insofern nicht unwillkommen sein, als dadurch der Friede

gefördert und der Anlage des amerikanischen Ka­pitals in Europa eine gewisse Sicherheit geboten würde. Dagegen mühte sich sofort ein Gegen- s a h zwischen den Vereinigten Staaten und Pan­europa entwickeln, wenn dieses sich anschickte, zu wirtschaftlicher Selbständigkeit emporzustei- gen und damit der amerikanischen Ausbeutung Europas ein Ende zu bereiten. Es ist bekannt, daß die Vereinigten Staaten sich dem Völlerbund ferngehnlten haben, um, dem Grundsatz der Monroedoktrin folgend, eine Einmengung des Völlerbundes in amerikanische Angelegenhei­ten zu vermeiden. Wenn sich die Vereinigten Staaten schon gegenüber dem gewiß schwachen Völkerbund so zurückhaltend zeigen, so erscheint es ganz ausgeschlossen, daß sie gegenüber einem festergesügten Europa, das notgedrungen in einen Interessengegensatz zu Amerika geraten wird, ihre abweisende Haltung ändern werden.

Aus allen diesen Gründen ist gegenüber den Paneuropaplünen ein gesundes Mißtrauen am Platze. Richt aui ob das Deutsche Reich sich ge­genüber einer Anregung, wie sie Driand stellte, von vornherein ablehnend verhalten sollte: denn es ist immerhin denkbar, daß aus ihr, trotz aller in ihr vielleicht enthaltenen und gegen Deutsch­land gerichteten Hintergedanken, etwas Ersprieß­liches für die Zusammenarbeit der europäischen Staaten erwächst. Aber man hüte sich vor Liebertreibungen und vor Lltopien, wie sie in dem Schlagwort der Vereinigten Staaten von Europa enthalten sind.

Allgemeine Ortskrankenkasse Gießen (Stadt).

Der Geschäftsbericht derAllgemeinenOrts- k r a n k e n k a s s e Gießen (S ta d t) für 1928 lag der letzten Ausschußsitzung als Verhandlungsgegen­stand vor. Er wurde einstimmig gutgeheißen. Dem Bericht ist folgendes zu entnehmen:

Außer der AOK. Gießen (Stadt) mit durchschnitt­lich 10 394 Mitgliedern (5708 männlich, 4686 weib­lich) waren hier noch fünf Betriebs- und zwei Jn- nungskrankenkassen mit zusammen 2632 Mitgliedern vorhanden.

Die finanzielle Eni vicklung der Kasse war normal. Der Gesamteinnahme von 946863,27 Mark stand eine Gesamtausgabe von 931 057,72 Mark gegenüber, so daß ein Ueberschuß von 15754,26 Mark verbleibt. Das Vermögen stieg von 343 500,35 Mark auf 366 611,38 Mark, so daß ein Mehr von 23111,03 Mark vorhanden ist.

Die Einnahme setzt sich wie folgt zusammen: Erträge aus Kapitalanlagen 13 480,88 Mark, Bei­träge der Arbeitgeber und versicherungspflichtigen Mitglieder 869 543,81 Mark, Beiträge der versiche­rungsberechtigten Mitglieder 63787,59 Mark, sonstige (Hypotheken) 50,99 Mark. Die Ausgabe gliedert sich in K r a n k e n h i1 f e : Krankenbehandlung durch Aerzte 174 945,54 Mark, Sachleistungen der Aerzte 8672,35 Mark, Wegegebühren der Aerzte 9351,30 Mark, Zahnbehandlung 35 287,15 Mark, Kranken­behandlung durch sonstige Heilpersonen 398,20 Mark, Arznei usw. 99 345,64 Mark, bare Leistungen an Stelle von Arznei usw. 133 Mark, Krankenhaus­pflege 99 770,67 Mark, Fürsorge für Genesende 30 830,09 Mark, Krankengeld, Haus- und Taschen- geld für Mitglieder 315 659,04 Mark; Wochen- Hilfe: Hebammenhilfe 9965,20 Mark, Wochengeld 22 166,31 Mark, Stillgeld 11565,96 Mark, sonstige Leistungen 2661,55 Mark: Fürsorge (einschließ­lich Kinderfürsorge) 2551 Mark; Sterbegeld 5065,25 Mark; Verwaltungskosten: persön­liche 84 971,12 Mark (Gehälter der Angestellten 68 466,24 Mark, Beiträge an die hessische Fürsorge- und Ruhegehaltskasse 11 756,48 Mark, Sonstiges 4748,40 Mark), sächliche 14 794,73 Mark, sonstige 2923,62 Mark.

Im Berichtsjahre waren 6643 Krankheitsfälle (im Vorjahre 6669) mit Arbeitsunfähigkeit zu verzeich­nen (4124 männliche, 2519 weibliche Mitglieder). Zahl der Krankheitstage 129 747 (im Vorjahre 140 122), davon entfallen auf männliche Versicherte 69 901 (im Vorjahre 74 757), auf weibliche Versicherte 59 846 (im Varjahre 65 365). An Pllcgekosten mür­ben für 232 Mitglieder mit 6413 Tagen im Er­holungsheim Waldkatzenbach 30 830,09 Mark ver­ausgabt. Die Ersatzleistungen do.l anderen Kassen betrugen 12 436,18 Mark (im Vorjahre 10 964,75 Mark). Die Selbstabgabe von Heilmitteln usw. brachte einen Ueberschuß von 12 073,55 Mark (Ein­kaufspreis 11844,27 Mark, Apothekerpreis 23 917,82 Mark).

Die übertragenen Aufgaben:

Arbeitslosenversicherung, Versorgungsheilbehandlung Kriegsbeschädigter und die Invalidenversicherung füllen einen recht breiten Rahmen in dem Tätig­keitsbereich der Krankenkasse aus. Für das Landes­arbeitsamt wurden 368 323,59 Mark vereinnahmt und weitergeleitet. Die Versorgungsheilbehandlung Kriegsbeschädigter ergab 339 Anträge; für die Kassenmitglieder wurden 2239,92 Mark und für die Zugeteilten (Nichtkassenmitglieder) 16 371,46 Mark vom Reich zurückerstattet. Für die Invalidenver­sicherung wurden für 412 429,80 Mark Invaliden­marken verwendet. Ferner vermittelte die Kasse im Jahre 1928 95 Anträge auf Bewilligung von Bade- und Heilstättenkuren durch die Versicherungsanstalt und 193 Anträge auf Uebernahme von Zahnersatz­kosten.

Die Kaste gehört dem Hauptverband deutscher Krankenkassen und dem Landesverband Hessen und Hessen-Nassau an.

Die Aussichten für das laufende Geschäftsjahr sind keine rosigen. Die langanhaltende, große Kälte­periode im verflossenen Winter mit ihrem hohen Krankenstand (zeitweise an zweithöchster Stelle im Hauptverband) hat dem neuen Geschäftsjahr ihren gravierenden Stempel aufgedrückt, so daß wohl am Ende des Jahres ein kleines Defizit vorhanden fein dürfte. Wenn die Kaste trotzdem ihre alten Beitrags­und Leiftungssätze aufrechterhielt, so ist dies im In­teresse der Versicherten nur zu begrüßen.

Einweihung des neueupostgebändes inllch

5 Lich, 12. Nov. Am Montagvormittag fand (wie schon kurz berichtet. D. Red.), die Ueb er­gäbe des neuen Poftgebäudes an die Reichspo st Verwaltung mit einer Feier statt. Auf Einladung der Stadtverwaltung hatten sich die Vertreter der am Bau beteiligten Behörden, der Stadtvorstand und verschiedene Gäste zu dem Weihe­akt eingefunden. Der Vertreter des Hessischen Hoch­bauamtes Gießen, Baurat Wagner, übergab nach eingehender Schilderung der einzelnen Bau­abschnitte den Schlüssel des Gebäudes dem Bürger­meister der Stadt. Hierauf begrüßte

Bürgermeiffer Geil

zunächst die erschienenen Herren und führte u. a. aus, daß mit der Einweihung des neuen Poftgebäu- des die Stadt Lich auf dem Wege ihrer Entwick­lung, und insbesondere ihrer wirtschaftlichen Ent­wicklung, einen Meilenstein vorwärts gekommen sei. Jahrelanges Planen und Ver­handeln sei notwendig gewesen, um diesen st ält­lichen Bau erstehen zu lassen. Nachdem anfäng­lich verschiedene Bauplätze in Erwägung gezogen worden seien, habe sich der Stadtoorstand im Jahre 1927 entgültig auf das städtische Grundstück zwischen Wetter und Weidgraben in der Bahnhofstraße fest­gelegt und auch trotz anfänglicher Bedenken des Reichspostbauamtes beibehalten. Die endgültige Be­schlußfassung des Stadtvorstandes über die Errich­tung des Postgebäudes und die Zustimmung zu dem Vertragsentwurf sei am 13. Dezember 1928 erfolgt und am 27. Januar 1929 der Vertrag zwischen der Stadt Lich und der Oberpoftdirektion Darmstadt zu Protokoll des Amtsgerichts abgeschlossen worden.

Die Durcharbeitung der Baupläne und die Aus- führung des Neubaues sei von der Stadt Lich dem Hessischen Hochbauamt Gießen übertragen worden. Die Bauzeit, die ursprünglich auf li Jahre vor­gesehen gewesen sei, hätte infolge der noch schwe­benden Verhandlungen und des lange andauernden Winters wesentlich abgekürzt werden müssen, um die in dem Vertrag vorgesehene Uebergabefrift an die Reichsvostverwaltung einhalten zu können. Die Bauleitung habe sich in glänzender Weise ihrer Aufgabe entledigt. In etwas mehr als sieben Monaten, vom ersten Spatenstich an, sei der Bau bezugsfertig hergestellt worden, eine Leistung, die bei den Schwierigkeiten der Bebauung dieses Platzes nicht hoch genug eingeschätzt werden könne. Der Redner zollte Dank und Anerkennung hierfür dem Hochbauamt und besonders den mit der Bau­leitung speziell betrauten Herren 93aurat Wagner und Bauinspektor Drücket. Der Bau sei aber auch gleichzeitig ein hohes Lied von der Tüch­tigkeit und Leistungsfähigkeit des Licher Handwerkes. Bis auf wenige Aus

nahmen feien die gesamten Arbeiten von hiesigen Handwerkern ausgeführt worden, und aus berufe­nem Munde fei ihm versichert worden, daß die gelei­steten Arbeiten erstklassig seien und nicht besser hätten ausgeführt werden können. Dis hie­sige Handwerk habe damit erneut bewiesen, daß es auf der Höhe sei und keine auswärtige Konkurrenz zu fürchten habe. Es fei ihm ehre be­sondere Freude, dies hier öffentlich festzustellen und allen beteiligten Handwerkern im Namen der Stadt zu danken.

Die Stadt habe mit dem neuen Gebäude einen modernen, allen neuzeitlichen Anforderungen entsprechenden Postbetrieb erhalten.

Gainz besonders wies er auf das neue Selb st- anschlußamt hin, das in seiner vervoll­kommneten Art das erste in Deutschland sei. Die­ses Amt, das bereits einige Tage in Betrieb sei, habe nun endlich dem unhaltbaren Zustand ein Ende gemacht, von 8 Llhr abends an und an allen Sonntagen vom telephonischen Verkehr ab­geschnitten zu sein. Mit dem Wunsche, daß die Opfer, die die Stadt Lich mit der Errichtung dieses Gebäudes gebracht habe, reiche Früchte tragen möchten, daß sich der Postverkehr in den neuen Räumen reibungsloser abwickeln und sich immer mehr vergrößern möchten zum (Segen der Stadt und ihrer Bevölkerung, übergab der Bürgermeister den Schlüssel zu dem Gebäude dem Vorsteher des hiesigen Postamts.

Oberpostsekretär Franz

vom Postamt Lich nahm den Schlüssel des Hauses in Empfang mit der Versicherung, den Reubau zu hüten und zu pflegen, und dankte auch seiner­seits allen am Bau Beteiligten. 3m Anschluß hieran erfolgte eine

Besichtigung der Bäume.

Das sehr geräumige Gebäude ist als durchaus massiv zu bezeichnen Die aus Hohlsteinen mit Eiseneinlagen ausgeführten Geschoßdecken, die le­diglich in der Mitte des Gebäudes auf zwei Eisenbetonpseilern mit zwei Betonunterzügen ruhen, Überspannen die ganze Grundfläche, so daß bei etwa notwendig werdenden Deränderun» gen oder Vergrößerungen von Räumen die Scheidewände leicht herausgenornmen werden kön­nen. Eine massive Treppe mit Eichenholzbelag verbindet de Geschosse. Im Keller sind außer drei Wirtschaftskellern, einem großen Heizkeller und einer Waschküche noch die Räume für den Telegraphenbetr'.eb, wie Kabelaufteilungsraum für Telegraphenarbeiter mit Wasch- und Koch­gelegenheit und ein Raum für Telegraphenbau- ftoffe eingebaut. Das Erdgesch oh , das in sich i

nur durch Glaswände unterteilt ist, enthält einen großen Schaltervorraum, ein geräumiges all­gemeines Dienstzimmer mit anschließendem Paket- raum, sowie das Dienstzimmer für den Amts­vorsteher. Im Obergeschoß liegt die Dienst­wohnung des Vorstehers, bestehend aus fünf schönen Zimmern, Küche und Balkon, Bad und Zubehör. Sämtliche Zimmer sind mit Linoleum belegt. Im Dachgeschoß befinden sich die Räume des Selbstanschlußamtes, dessen Betrieb mit den forderlichen Erläuterungen vor- gesührt wurde. Es besteht die Möglichkeit, im Dachgeschoß noch eine Dreizimmerwohnung für einen Postbeamten die nicht im Dauprogramm vorgesehen war einzubauen, worüber zur Zeit noch Verhandlungen im Gange sind. Das Hoch- bauamt hat hierfür schon rechtzeitig Vorkehrungen getroffen, um spätere größere Aufbrüche und dadurch entstehende Mehrkosten zu vermeiden. Alle Räume sind mit Warmwasserheizung ver­sehen.

Bei dem zur Bahnhofstraße tiefgelegenen, un­mittelbar an die Wetter und den Weidgraben an­stoßenden Bauplatz waren außergewöhnliche Fundierungsarbeiten notwendig. Die Be­tonfundamente mußten noch über 1,50 Meter tiefer als die Kellersohle angelegt werden. Im Aeußeren ist das Gebäude einschließlich der Fensterumrahmun- gen des Erdgeschosses in Muschelkalk steinmetzmäßig behandelt. Der anschließ' 'be Marmoritputz mit seinem massiven Dachgesims, bogenförmigen Schiefer­dach und gelieferten Giebeln geben dem Gebäude eine vortreffliche Architektur, wobei die über den Eingängen frei herausragenden Eisenbeton-Dor- dächer ihre imposante Wirkung nicht verfehlen. Die Stadtverwaltung hat aus eigenen Mitteln die beiden den Bauplatz berührenden Wasserläufe durch Ufermauern abgeschlossen und hierdurch ein Gesamt- bild geschaffen, das der Stadt und der Bauleitung, an deren Spitze Oberbaurat Berth und sein Ver­treter, Baurat Wagner, wirkte, alle Ehre macht. Die örtliche Bauleitung übte Bauinspektor Brückel aus.

Die Gefarniherstellungskosten

des Postneubaues betragen 83 800 RM. Diese wer­den gedeckt durch ein Hypothekendarlehn der Deut­schen Reichspost mit 59 200 RM., und der Rest durch eine Kapitalaufnahme der Stadt. Der Deut- scheu Reichspost wirb bas Gebäude mietweise gegen Zahlung einer Miete in der Höhe überlassen, baß bie von ber Stabt zu leiftenbe Verzinsung gebeckt ist unb gleichzeitig eine jährliche Abschreibung von 1,33 o. H. erfolgen kann. Der Bauplatz mit ber er- forberlichen Auffüllung besselben unb Befestigung durch Ufermauern mit einem ungefähren Kostenauf- wand von 15 000 RM. wirb von ber Stabt unent­geltlich zur Verfügung gestellt.

Konzert in Lollar.

1 Lollar, 13. Nov. Arn Sonntagabend Derart» stattete ber hiesige Arbeitergesangoerein Vorwärt s" (Chorleiter Hch. Meyer, Wieseck) im SaalbauZur ßinbe" ein K o n z e r t, bas einen überaus starken B luch aufwies. Als Mitwirkenbe waren gewonnen: Konzertsänger Otto Fluck aus Frankfurt a. M. (Bariton), Kapellmeister Otto K r e n g e l aus Gießen (Klavier) unb ein mit ersten Kräften besetztes Künstlerorchester. An Stelle bes plötzlich erkrankten Herrn Loh konnte in letzter <5tunbe Herr Schneider vom Hochschen Konser­vatorium in Frankfurt a. M. (Cellist) verpflichtet werden.

Die Vortragsfolge wies neben 9nftrumentalbar- bietungen unb Solls in wechselnber Folge Frauen-, gemischte unb Männerchöre, mit unb ohne Beglei­tung bes Orchesters auf. Eröffnet würbe bas Konzert in roürbiger Weise mit ber Ouvertüre zu Goethes TrauerspielEgmont" von Beethoven. Das herrliche Werk bes unsterblichen Meisters ber Töne fanb eine gute Sßiebergabe burch bas Orchester, bas im wei­teren Verlauf bes Abenbs noch mehrfach feine gute Schulung zeigen konnte in ben StückenJmmor- tellenkranz auf bas Grab ßortzings", in bem bie schönsten Melobien biefes Komponisten verflochten finb, in ber Ouvertüre zur OperDie Zigeunerin" mn Ba'fe mO in d->r . Slaw'lchi'n Rhapsob'e" von Friebemann, bie befonbers gefiel unb mit starkem Beifall ausgenommen wurde. Der Solist des Or­chesters, Herr Schwarzlose, konnte in bem Solo ..Die Perlen" von Kling sein virtuoses Können auf seinem Instrument (Trompete) zeigen.

Vorzügliches boten auch die Frankfurter Künst­ler. Herr Fluck fang mit geschultem Bariton das Händelsche AriosoDank sei Dir Herr!", das Gebet der Valentia aus Gounods Oper Margarethe" und das Trinklied aus der Oper Hamlet" von Thomas. Herr Krengel war ihm ein dezenter, schmiegsamer Begleiter auf dem Klavier.

Besonders hervorgehoben zu werden verdienen die Cellovorträge des Herrn Schneider. Sein seelenvolles Spiel wurde wirkungsvoll unter­stützt durch feine Begleiterin, der man nur ein besseres Instrument gewünscht hätte.

Das Hauptgewicht muß bei dem Konzert eine- Gesangvereins natürlich auf die Chöre gelegt werden. Was hier von demVorwärts" ge­boten wurde, verdient volle Anerkennung. Die Chöre waren fein ausgearbeitet und wurden gut vorgetragen, ganz besonders gilt dies von den Männerchören. Gleich zu AnfangEine Wiese voll weißer Margueriten" fand eine schöne Wiedergabe: der Sttmmungsgehalt dieses schönen lyrischen Kunstchores von Heuser wurde voll ausgeschöpft, und es war erfreulich, zu sehen, mit welchem Eifer die Sänger bei der Sache waren. Allerdings verfügt der Verein auch über ein vorzügliches Stimmenmaterial, und ins­besondere wären jedem Männerchor solch leichte, modulationsfähige Tenöre zu wünschen, wie sie hier vorhanden sind. Diese konnten sich besonders zeigen in demSpielmann" von Kraemer, der auf stürmisches Verlangen der Zuhörer wieder­holt werden mußte. Daneben hatte auch das Volkslied eine Statt. Es wurde u. a. vorgetragen Die zwei Hasen" von Othegraven, ein Liedchen, das nie feine Wirkung verfehlt. Auch die übrigen Chöre, Frauen- und gemischte Chöre, gelangen recht gut. Besonders beifällig ausgenommen wurde der Männerchor mit Orchesterbegleitung Die Mühle im Schwarzwald" von Cilenberg: das gefällige Stück mutzte ebenfalls wiederholt werden. Der Abend kann von dem Gesangverein Vorwärts" als ein schöner Erfolg gebucht werden.

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