Einzelbild herunterladen

Mittwoch. 16. Oktober 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für OberMen)

Nr. 245 Zweites Blatt

Hausfrauen und Sozialpolttik.

Arbeitstagung des Ncichsverbandcs Deutscher Haussraucnvereine e. B.

3n den Mittelpunkt feiner Arbeitstagung, die der Deichsverband vom 7. bis 10. Oktober in Berlin abhielb, stellte er die Erörterung wichtiger sozialpolitischer Probleme in ihrer Wirkung aus die Hauswirfchast. Der Direktor des Landes­berufsamts Berlin, Dr. Liebenberg, behan­delte die Fragen der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung für die Hauswirtschaft. Er betonte, daß auch heute noch die Berufsncigung der schulentlassenen jun­gen Mädchen sich nur in geringem Mähe der Hauswirtschaft zuwende. 'Beispielsweise meldeten sich im Fahre 1928/29 nur 84 Mädchen für hauswirtschastliche Arbeit, gegen 562 für die Schneiderei und 1133 für kaufmännische Berufe beim Landesberufsamt 'Berlin. Der sachlichen Ausbildung zur Hausgehilfin im Privathaushalt, wie sie von verschiedenen Hausfrauenverbänden organisiert worden sei, ziehen die Mütter im allgemeinen die Ausbildung in Hauswirtfchafts- schulen vor. Dr. Liebenberg befürwortete drin­gend eine sogenannteBor lehre", wie sie in Frankreich und in Basel sich mit .Erfolg einzu- bürgcrn beginne; d. h. ein Fahr, in dem der Fugendliche die Möglichkeit haben soll, sich erst für einen Beruf zu entscheiden. Die praktische Auswirkung dieserVorlehre" geht folgender- mahen vor sich: im ersten Halbjahr hat der I Jugendliche, der in dem von ihm zuerst ge­wählten Berufe sich nicht heimisch fühlt, nach sechs Wochen Gelegenheit, sich für eine andere Lehre z,i melden, ja auch ein drittes und viertes Mal. Erst für das zweite Halbjahr muh er sich endgültig entscheiden, und wird nun für die eigentliche Berufsarbeit vorgebildet. Für die Mädchen sieht er in einem Vorlehrjahr, das wenigstens zu einem Teil der hauswirtschaftlichen Ausbildung gewidmet werden soll, einen wich­tigen Faltor. Die Finanzierung dieses Dorlehr­jahres sei in Frankreich durch eine gestaffelte Lehrlingssteuer ermöglicht.

Fräulein Clara Mleinek, Dorstandsmitglted der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung gab über den Aufbau der Reichsan st alt und ihre Aufgaben einen Heberblicf. Sie bezeich­nete das Verbleiben der Hausgehilfen in der Arbeitslosenversicherung als notwendig. Waren die Teilnehmerinnen der Arbeitstagung in dieser Frage auch anderer Meinung, so stimmten sie der Vortragenden doch gerne zu, als sie auf die Rotwendigkeit hinwies, in allen Gremien des verzweigten Aufbaues der Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung Fraueneinfluh gel­tend zu machen. Das Gesetz selbst gibt nur eine Sollvorschrist für die Besetzung der Ausschüsse mit Frauen, der durchaus ungenügend Rechnung getragen werde. Die einzelnen weiblichen Abtei­lungen, die die Arbeitsvermittlung hie und da haben, zeigen ein durchaus erfreuliches Bild und arbeiteten vielfach sehr viel genauer gegen den Mißbrauch der Arbeitslosenunterstützung. In der Diskussion wurde besonders auf diese Mißbräuche verwiesen, die die Schulden der Reichsanstalt, unter denen die Steuerzahler zu leiden haben, verschuldeten. Es wurde eine schärfere Kontrolle und Herausnahme aller berufsüblichen Arbeits­losigkeit aus der Versicherung verlangt.

Hatte der Vormittag die Beratung dieser sehr umstrittenen und schwierigen sozialpolitischen Fragen gebracht, so war die Versammlung um so dankbarer, am Rachmittag Frau Hildegard M a r g i s über ihre Eindrücke von einer Ame- rikareise sprechen zu hören, die sie alsAme­rikanismus und wir" formulierte. Sie hat drüben mit freundlichen, aber doch auch kritischen Augen die Lebensverhältnisse studiert, hat die amerika­nische Hausfrau bei ihrer häuslichen Berufsarbeit aufgesucht, hat die technische und ästhetische Aus­gestaltung der amerikanischen Wohnung auf sich wirken lassen und kam zu dem Schluß: wir haben keinen Grund, uns Amerika gegenüber als unterlegen zu empfinden. Auch unser Haushalt ist ja nicht mehr die unermüdlich rasselnde und knar­

rende Maschine, in deren Bedienung sich die Hausfrau verzehrt, auch wir haben gelernt, Kräfte zu sparen und rationeller zu wirtschaften. Aber selbst wenn wir im Vergleich zur Ameri­kanerin auch heute noch der Hauswirtschaft mehr Zeit und Kraft geben, so haben wir dafür auch ein Heim, eine Wohnstätte, die uns nicht nur eine Schlafgelegenheit ist, sondern ein Rahmen unserer Persönlichkeit, ilnö was drüben so oft blendet der große Umsatz, die hohen Löhne,

ist nicht einfach auf unsere Wirtschafts- und Kulturstruktur zu übernehmen. Wir stehen geistig, seelisch und wirtschaftlich unter anderen Bedin­gungen. Von ihnen aus gesehen, dürfen wir uns getrost an die Seite der amerikanischen Hausfrau stellen. Daß wir gerne lernen und vom Aus­tausch unserer Erfahrungen Brauchbares über­nehmen wollen, ist gewiß. Aber nicht kritiklos gepriesene Reuerungen übernehmen, die uns gut dünken, nur weil sie von drüben kommen.

Gememdefinanzen und Finanzausgleich.

Don Dr. Paul Momberi, 0. ö. Professor der Staatswissenschasten an der Universität Gießen.

ii*).

3. DerkommunaleKredit.

Cs sind zwei Fälle, in denen unsere öffentlichen Körperschaften auf dem Wege der Kreditauf­nahme die Mittel von Geld- und Kapitalmarkt in Anspruch nehmen. Wenn sich ein sog. Kassendesizit ergibt, also to:nn Ausgaben und Einnahmen nicht zusammenfallen und vor­übergehend zur Bestreitung gewisser Ausgaben die Mittel fehlen, bann wird in der Regel ein kurzfristiger Kredit ausgenommen. Das RKch be- giebt zu diesem Zwecke Schahanweisungen, die Gemeinden nehmen in der Regel kurzfristige Mittel bei Banken ober Sparkassen auf. Das sind Rotwendigkeiten, vor welche sich öffentliche Kör­perschaften immer wieder gestellt sehen. Etwas ganz anderes ist es, wenn es sich um ein sog. budgetmäßiges Defizit handelt, d. h. wenn nach dem Voranschlag die Einnahmen zur Bestreitung der Ausgaben nicht ausreichen. Wo das der Fall ist, da kann man den Kreditmarkt in Anspruch nehmen, wenn es sich um außer­ordentliche Ausgaben oder um Ausgaben für werbende Zwecke handelt. Liegen solche Ausgaben jedoch nicht vor, dann muß man ent­weder in den Ausgaben zurückhalten oder zu ihrer Deckung für ordentliche regelmäßige Ein­nahmen Sorge tragen. Aber auch bei außer­ordentlichen Ausgaben ist immer zu beachten, daß bei der Ausnahme einer Anleihe die folgenden Fahre mit den Zinsen und Tilgungsquoten dafür belastet werden. Das ist vor allem in der Gegen­wart zu beachten, in der die Gemeinden im allgemeinen 9 und mehr Prozent Zins für ihre Anleihen bewilligen müssen. Man hat deshalb gerade neuerdings von kompetenter Seite immer wieder daraus hingewiesen, daß sich die Stadt­gemeinden bei der Aufnahme von Anleihen d i e allergrößte Zurückhaltung auferlegen müffen.

Wenn man die Aufstellungen betrachtet, die das Statistifche Reichsamt über die Kummunalkre- dite in den letzten Fahren vorgenommen hat, dann erkennt man, daß diefe Zurückhaltung doch nicht überall in dem wünfchenswerten Maße stattge­funden hat. Betrachten wir zunächst einmal die Entwicklung des Kommunalkredits in neuerer

Zwecke:

Zeit.

Von 1000 Mark der aufgenommenen Kredite in den Jahren 192427 entfielen bei den Gemeinden mit über 10 000 Einwohnern auf nebenstehende Mk.

1. Ausgaben für werbende und wirtschaft­liche Zwecke 625

Darunter: Mk.

Wohnung und Siedelung 213

Straßen, Wege und Wasserstraßen 125

Verkehrsunternehmungen 78

Versorgungsbetriebe 144

Sonstige Unternehmungen und Be­triebe 65

2. Ausgaben f/r Vermögensverwaltung und Grundbesitz 106

3. Sonstige Aus. iben für Verwaltungszwecke und dergleichen 269

Dis zum 1. März dieses Jahres hatte die Reu- verschuldnug der Gemeinden mit über 25 000 Ein-

* Vgl. Artikel in Nr. 240 vom 12. Oktober 1929.

wohnern nahezu wieder 4 Milliarden Mark er­reicht. Aber in der Zunahme dieser langfristi­gen Schulden liegt nicht das einzige Problem der kommunalen Anleihepolitik. Für die Auf­nahmen von Anleihen lagen in den letzten Jahren in Deutschland aus bekannten Gründen die Ver­hältnisse äußerst ungünstig. Demgegenüber war bei dem Mangel an ordentlichen Einnahmen der Bedarf der Gemeinden nach der Aufnahme von Anleihen ziemlich groß. Man hatte vielfach damit gerechnet, daß nach der Einigung in der Repara- tionssrage die Kapitalbeschaffung wieder leichter würde, und hatte, in der Hoffnung, in nicht allzu langer Zeit mit langfristigen Anleihen die Mittel zu ihrer Rückzahlung zu erhalten, bei Banken, Sparkaffen und dergleichen kurz­fristige Kredite aufgenommen. Am 31. März dieses Jahres betrug diese kurzfristige Verschuldung der deutschen Städte mit über* 25 000 Einwohnern 824 Millionen Mark. Die Hoffnung dagegen, durch Ausgabe langfristiger Anleihen diefe kurzfristigen Schulden zurück­zahlen zu können, hat fich für die meisten Städte nicht erfüllt. Damit ergeben sich für eine ganze Reihe von Städten beträchtliche Schwierigkeiten. Man hat fchon von der Gefahr einer Entkommu- nalisierung der deutschen Städte gesprochen und in einer Reihe von Städten zeigen sich deutliche Ansätze dazu. Andere Städte wie neuerdings sogar Berlin haben aus Mangel an Mit­teln ihr Dauprogramm erheblich einschrärcken müssen.

Aus diesen Gründen ist bei der Aufnahme von Anleihen, vor allem von kurzfristigen Schulden, vonseiten der Gemeinden die allerfchärsste Selbstdisziplin nötig. Man hat eine gemein­same kommunel:SelbstkonlroUe vorgeschlagen, ohne daß aber auf diesem Geb.ele k is'er etwas P si.iv s erreicht worden wäre. Wo diese Selbstdisziplin fehlt, dort wird man mit staatlichen Eingriffen und einer weiteren Einbuße der gemeindlichen Selbstverwaltung zu rechnen haben. Es ist auch durchaus mit der Gefahr zu rechnen, daß eine un­vorsichtige Finanzpolitik zur Aufgabe von Eigen­betrieben zwingt und daß damit vieles verloren gebt, das in den letzten Jahrzehnten auf diesen Gebieten erreicht wurde. Freilich, wenn unsere Gemeinden heute in so ausgedehntem Maße kurz­fristige Mittel aufnehmen, so hängt dies eben­falls wieder zum Teil damit zusammen, daß die laufenden Einnahmen zur Deckung der gestellten Ausgaben nicht genügen. Auch unter diefem Ge­sichtspunkt stößt man demnach wieder auf das Problem der Ausgaben und Einnahmen. So führt uns diese Betrachtung vor allem zu der Frage hinüber, auf welchen Wegen die ordent­lichen Einnahmen der Städte erhöht werden können. Es handelt fich hier um das Problem des fog. Finanzausgleichs.

4. Der Finanzausgleich.

Bei dem Finanzausgleich handelt es fich um die gegenfeitige Abgrenzung der Steuerhoheit, vor allem zwischen Reich, Ländern und Ge­meinden. Vom Standpunkt der Städte aus han­delt es sich hier in erster Linie um die Ein­kommens- und Körperschafts st euer.

I Das Verlangen der Städte geht dahin, das Recht zu erhalten, zu der Einkommensteuer in

I selbständiger Weise einen Zuschlag zu erheben.

Es besteht kein Zweifel darüber, daß sich bei der endgültigen Regelung dieser Frage in sten Monaten um diese Forderung ein lebhafter Kampf entspinnen wird. Dieser Wunsch der Städte nach einem solchen Zuschlagsrecht wird vornehmlich mit der starken Anspannung ihrer Finanzen und ferner damit begründet, daß allein auf Grund eines solchen Zufchlagsrechtes em Abbau der s 0 hochangespan nie n Real steuern möglich sei. Man hat auch schon darauf hingewiesen, daß damit die finanzielle Selb st Verantwortung dor Gemeinden einen Zuwachs erfahre und daß gerade mit dem Maß dieser Selbstverantwortung in den Gemein­den ein Antrieb zu größerer Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit entstehen müsse.

Demgegenüber werden vor allem gegen diese Forderung der Gemeinden zwei Lieberlegungen ins Feld geführt. Man weist einmal darauf hin. daß die Einkommenssteuer, besonders auch in Len mittleren und höheren Einkommensstufen, so stark angespannt sei, daß Zuschläge daraus sich nicht mehr durchführen liehen. Hören wir doch auch gerade, daß die Reichsregierung sogar einen Abbau der Einkommenssteuer in den höheren Stufen beabsichtigt. Das zweite Argument, das gegen diese Forderung vorgebracht wird, beruht darauf, daß man glaubt, infolge der politischen Zusammensetzung der meisten Gemeindeparlamente sei mit der Gefahr eines gewissen «Steuer* radi kalismus zu rechnen. Denn es sei un­vermeidlich, daß diejenigen Gruppen der Be­völkerung, die nur toeng Einkommenssteuer zahlen, über die Zuschläge zu den höheren Einkommen beschließen würden. Das sind in der Hauptsache die Gründe, die man für oder gegen diese «Sor­tierung anführt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf ihre Berechtigung genauer ein­zugehen. Cs sei nur darauf hingewiesen, daß es immerhin gewisse Möglichkeiten gibt, zu einem Ausgleich dieser gegensätzlichen Standpunkte zu gelangen und daß es auch den Anschein hat. als ob die kommende Reichssteuerreform diesen Weg einschlagen werde. ,

Es handelt sich dabei darum, daß derartige Zuschläge der Gemeinden zur Einkommenssteuer nicht in progressiver Form erfolgen, sondern ent­weder proportional alle Einkommen in gleicher Weise treffen oder daß sogar ein sog. kopfsteuerartiger Derwaltungszu- schlag auf alle Schichten der Bevölkerung m gleicher Weise, wie er bereits in Bayern besteht, allen Stadtgemeinden zugestanden wird. Dann würden auch die Schichten der Bevölkerung, die über die Steuern mitbeschliehen, an diesen Steuern mitzuzahlen haben.

Das sind jedenfalls Möglichkeiten und Vor­schläge, über die es noch zu lebhaften Ausein­andersetzungen kommen wird. Denn es ist nicht zu bezweifeln, daß solch kopfsteuerartige Zu­schläge sozial ihre recht bedenklichen Seiten haben. Allerdings ist mit der Lösung dieser Probleme die Frage des kommenden Finanzausgleichs noch nicht erschöpft. Es handelt sich hierbei auch um Fragen, deren Bedeutung im allgemeinen in der größeren Öffentlichkeit nicht immer genügend gewürdigt wird. Gemeint ist hier die Frage eines interkommunalen Lastenausgleichs. Der Schlüssel, nach dem heute bestimmte Steuern an die Länder und Gemeinden verteilt werden, bemißt sich auch in hohem Maße nach den Be­trägen, die aus den Einzelgemeinden selbst für die betreffenden Steuern geleistet worden sind. Run gibt es besonders leistungsschwache Gemeinden, deren Bewohner nur relativ wenig an diesen Steuern zahlen können, Gemeinden, die also auch einen relativ geringen Anteil an den Steuern wiedererhalten. Es sind das vielleicht die gleichen Gemeinden, die als Folge der besonderen Zusammensetzung ihrer Be­völkerung, wie wir oben sahen, sehr große Aus­gaben haben. Bereits das geltende Finanzaus- gleichsgeseh hat vorgesehen, daß die Länder auf bestimmten Gebieten der Ausgaben einen inter- kommunalen Lastenausgleich herbeiführen sollen. Das ist bis heute für wichtige Gebiete noch nicht in ausreichendem Maße geschehen und in der

Eine bayerische Geschichte.

Don Franz Carl Endres.

(Nachdruck verboten.)

Irgendwo in den bayerischen Bergen, wo sich dunkle Tannenwälder in blauer Seeflut spiegeln, steht auf halber r -rgeshöhe das Haus, vor dem sich in meiner Jugend ein sehr merkwürdiger Vorfall abspielte.

Das Haus lag zwischen der Villa, in der meine Eltern wohnten, und dem Bauerngehöft, in dem ich meine Ferien zubrachte. Ganz einsam zwischen Weideland und Wald liegt dieses Haus, in dem vor Zeiten drei sehr schöne Mädchen mit ihrer alten Mutter wohnten.

Ich kam oft an dem Hause vorüber, scherzte wohl auch gern mit den Drei und lieber noch mit einer, aber es geschah alles in Ehren, und mein Herz war damals in München viel zu stark gefesselt und ver­pfändet, als daß ich regelrecht verliebt gewesen wäre in eine der Drei. Das muß ich vorausschicken, sonst glauben mir meine Leser diese wahre Geschichte nicht.

Ich kam jede Nacht, so um die zwölfte Stunde, wenn ich von der Villa nac Hause ging, dort vorbei. Aber ich habe niegefenfterlt". Beim Barte des Propheten I

Das Haus der drei Mäderln lag jedesmal schwarz und stumm und still zu meiner'Linken, wenn ich heimwanderte. Es war ein einsamer und nachts vielleicht für nervöse Gemüter etwas unheimlicher Weg.

Einmal, es war ein gewittriger Abend gewesen, und die Nacht war nur ab und zu vom Mond, den immer wieder Wolken verhüllten, etwas erhellt, und ging ich in tiefen Gedanken diesen Weg. Da war es mir, als ob ein Mensch in meiner Nähe sei. Ich siihle das meist, bevor mich meine schlechten Augen vergewissern. Ich blickte auf und sah an der kleinen Brücke, die einen Bergbach überquert, etwas Schwär- zes kauern. Gehe darauf zu, und im selben Augen­blick springt mir ein Mensch mit erhobenem und gezogenem Messe, an die Kehle.

Du mußt hin werden", rief er freundlich und vielversprechend aus.

In solchen Augenblicken fragt man den anderen nicht, warum man denn nun eigentlichhin werden" soll. Auch ich tat das nicht, sondern schwang meinen schweren Stock und wirbelte ihn dem Kerl mit solcher Gewalt auf den Kopf, daß ich nur einen Schrei und ein Unstollen ber G-stolt feltltcllen konnte.

Ein Raubanfall also, dachte ich mir, und da ich nicht wußte, wieviel an der Sache beteiligt waren, so kümmerte ich mich nicht um den Niedergeschlage­nen, sondern ging durch den großen, gerade an dieser Stelle beginnenden Wald meiner Behausung zu. Sehr gemütlich war mir nicht zu Mute.

Ich weckte meinen Bauern, und wir nahmen seinen Hund mit, gingen zurück und suchten die Stelle ab. Es war nichts mehr zu finden. Die Spur ging in den Bach, wo sie der Hund verlor.

Ja, ja," sagte der Bauer,dös Fensterln hat seine Mucken, wenn der andere dazukimmt."

Ich versicherte ebenso lebhaft wie vollkommen ver­geblich, daß ich nicht gefenfterlt hätte.

Kannst es ruhig sagen," war des Bauern Ant­wort,mir gefallt dös Madl auch."

Er war nicht zu bekehren.

Am anderen Tage traf ich die Resel, die hübscheste von den Dreien. Die sah mich etwas scheu, aber mit sichtlicher Bewunderung an. Und nach acht Tagen waren wir so weit, daß ich hätte fensterln können. Mein zu Ende gegangener Urlaub rettete unsere gemeinsame Tugend.

Es war das letzte Jahr, in dem ich den. Sommer in meiner Bergheimat zubrachte. Als ich wieder tarn, waren zwanzig Jahre vergangen. Ich besuchte mit einem wehmütigen Empfinden alle Stätten meiner Jugenderinnerungen. Meine Eltern waren tot, fremde Leute in der Villa, überall fremde Gesichter. Es war die alte Heimat nicht mehr.

Ich saß beim Bootsbauer am Strand und sah auf den blauen See hinaus.

Ein Bauer saß neben mir, mit sonnenverbranntem Gesicht und Runzeln um den schmallippigen Mund.

Wir tarnen ins Gespräch. Ich fragte nach den Drei Mädchen. Sie sind alle drei verheiratet, sind behäbige Bäuerinnen und haben eine Unzahl von Kindern.

Da fällt mir auch die Geschichte von dem Ueberfall ein, und ich erzähle sie dem Bauern.

Der schaut mich von unten ganz schief an und schmunzelt.

Hast du nit gefenfterlt damals?" fragte er.

Aber gewiß nicht," sage ich,ich bin nur jede Nacht an der Resel ihrem Haus vorbeigekommen, weil es zwischen der Villa und meinem Bauern log.

Ganz dösselbe sagt die Resel auch," sängt der Bauer nach einer Zeit der Uebcrlegung wieder an. Und ich hab's ihr geglaubt. Na wird's fcho stimmen."

Die Resel?" frage ich.

Ich habe doch gheiratet die Resel", sagt der Bauer.

Ja und" Mir schwant etwas.

Ich bin berfelbige gewesn, den du so damisch verschlagen hast, du Sakradi," lacht der Bauer. Aber es is hübsch lang her, und du hast ganz recht qhabt, i hätt di derstochen, weil i a so schandbare Wut auf dich ghabt hab."

Der Bauer reckt mir seine Hand hin.

Drei Wochen bin i mitn Kopfoerband rumglaufen und hab nix sagen dürfen, denn sonst hätt mich die Polizei auch noch verwischt. Du, sag, hast du heut noch die Kraft von damals?"

Probieren mir's!" rufe ich und werfe die Joppe ab zum Ringen.

Damischer Teufi," lacht der Bauer,mir sand doch alte Leut gewordn. Trink mer liaber a Maß zsamm."

Und so geschah es, und alles ist vergessen, und wir sind gute Freunde.

Studium der Laudwrrtschast.

Zu dem ArtikelWas kann man studieren?", in der HochschiUbeilage vom 12. d. M., wird uns ergänzend aus hiesigen Hochschulkreisen geschrie­ben:

Hinsichtlich der Möglichkeit, das Studium der Landwirtschaft zu betreiben, wäre einiges hinzuzufügen: Landwirtschaft wird nicht nur an den mit Jmmatrikulativns- und Promo­tionsrecht ausgestatteten und daher selbständigen vier landwirtschaftlichen Hochschulen Berlin, Bonn-Poppelsdorf, Hohenheim und Weihen- stephan studiert, sondern außerdem an neun Llniversitäten Königsberg. Breslau, Kiel, Halle, Leipzig, Jena, Göttingen, München, und nicht zuletzt Gießen. Diese Universitäten sind also mit landwirtschaftlichen Instituten aus­gestattet, die in derselben Weise zur Alma matcr gehören, wie jedes andere Llniversitäts-Jnstitut. Beide Einrichtungen, die selbständigen Landwirt­schaftlichen Hochschulen sowohl, als auch die Land­wirtschaftlichen Universitäts-Institute haben ihre Vorzüge. Bei der ersteren sind die Hilfs­oder Grundwissenschaften (Chemie, Physik, Bo­tanik, Zoologie, Geologie, Mineralogie) durch eigne Lehrkräfte vertreten, und es werden diefe Fächer, besonders auf die Landwirtschaft zu­geschnitten, vorgetragen. An den Universitäten mit landwirtschaftlichen Instituten besuchen die der Landwirtschaft Beflissenen zunächst die auch von anderen Studierenden benötigten, genannten

Vorlesungen der Grundwissenschaften, welche an jeder Universität gelehrt werden, um dann nach dem Dorexamen die Hauptwissenschaften, für die Vertreter eben an jedem Landwirtschaftlichen In­stitut vorhanden sind, zu hören. Die an einer Universität Landwirtschaft Studierenden haben daher Gelegenheit, die Möglichkeiten einer Uni­versitas litcrarum zu genießen und andere sie interessierende und für die Allgemeinbildung be­deutsame Vorlesungen zu belegen. Ganz beson­ders günstig ist man ja auch in Gießen daran, insofern als die den Landwirt angehende Tier­medizin und Forstwissenschaft, welche hier so hervorragend vertreten sind, geboten wird.

Auskunft.

Wenn man in Berlin W noch einer Straße fragt, kratzt sich der Gefragte gewöhnlich erst am Kopfe, besinnt sich, wie er uns die schwierige Sache expli­zieren könne. In Württemberg stieg ein dicker Herr, um mir einen richtigen Weg zu beschreiben, sogar über einen Gartenzaun... und in Neapel unter­brach ein Mann, der auf einem Briefkasten Toi­lette machte, sogar seine Rasierarbeit und wies mir mit dem Stamm die Richtung, die sich später zwar als falsch erwies. Soviel Zeit hat ein Berliner nicht. Er hat es immer eilig, aber ist immer bereit, Aus­kunft zu geben. Es tann ja nicht jeder in Berlin geboren sein... Nicht wahr? Es darf nur keine Minute Zeit kosten... Ich bin leider selbst nicht von hier! Diese höfliche Ausrede hört man hier nicht... Der Berliner belehrt gern; es ist eine Lei­denschaft von ihm, andere zu unterweisen. Er gibt die Auskunft knapp, wie aus der Pistole geschossen, und wenn man sie nicht sofort begreift, hält er Sie für einen Schwachsinnigen... und läßt Sie stehen. Aber er hält auf Ordnung, auch beim Auskunft­geben.Dafor is der Jriene da", sagte mir ein Straßenkehrer und wies mit seinem Besen über die Straße, wo ein Schutzmann stand... Und das Te­lephonfräulein ist höchst indigniert, wenn man etwas nicht versteht... Wann fährt der erste Zug nach Oberhof, Fräulein? ... Um halb sieben Uhr ... Ach, so früh?... Ist das vielleicht früh?, kommt es in verweisendem Ton zurück... Oder man meldet: Fräulein, das Postamt antwortet nicht!"Da kann i ch doch nicht dafür!" tönt es zurück. Im all­gemeinen geben die Berliner gern Bescheid, und wenn er falsch ist, lieber, als daß sie sich nachsagen lassen, sie kennen Berlin nicht wie ihre Westen- wjche... Liesbet DiU.