Ausgabe 
16.4.1929
 
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Churchills Wchlbudgel vor dmAtechaus.

Ein selbstzufriedener Schahkanzler. - Die Hebung des Wohlstandes unter der Konservativen Aera.

Oie Ehescheidungsreform.

Der Wechsel im Justizministerium.

Berlin, 16. April. (Priv.-Tel.) Die Tat­sache, daß der Aechtsausschuh des Reichstags die ursprünglich auf den 15. angefetzte Beratung der Ehescheidungsreform vertagt hat und am 17. zunächst das Auslieferungsgesetz berat, ljat im Zusammenhang mit dem M i n i st e r w e ch - sel im Aeichsjustizministerium Anlaß zu Kombinationen über die Ehescheidungsreform überhaupt und über die Gefahren, die ihr drohen, gegeben. Bei der Vertagung handelt es sich aber jetzt nur um rein technische Fragen, denn die Beratung des Auslieferungsgesetzes war schon vor langer Zeit auf kommenden Mittwoch an- gefetzt. Aber davon abgesehen, hat sich im Aechtsausschuh, der bei der Ehescheidungsreform eng mit dem eigentlichen Strafrechtsausschuh zu- fammenarbeitet, eine seltsame und äuherst schwie­rige Situation ergeben. Das Justizministerium hat eineninoffiziellen Gesetzentwurf" vorgelegt, und die von mehreren Parteien eingebrachten Anträge sehen parallel mit diesem Entwurf die Neueinführung desobjektiven 3 er» rüttung-Prinzivs vor. Das Zentrum aber hat erklären lassen, daß es sich gegen eine solche Umgestaltung des Eherechts aus grundsätzlichen Erwägungen wenden müsse, so daß nunmehr der neue, dem Zentrum angehö­rende I u st i z m i n i st e r im Aechtsausschuh einen inoffiziellen Gesetzentwurf seines Ministe­riums vorsindet, den seine Partei mit aller Ener­gie bekämpft. Wie man sich aus diesem Wirrwarr herausfinden will, ist noch nicht ersichtlich. Zu­nächst hat das Zentrum die Regierung gebeten, dem Ausschuß gewisse neue Erhebungen, wie über die Zunahme der Ehescheidungen seit 1913 und über die Auswirkungen der schweizeri­schen Gesetzgebung, nach der das Gericht in Fäl­len tiefer Zerrüttung . auf Trennung auf drei Jahre erkennen könne, zuzuleiten. Da­mit ist Zeit gewonnen, aber die Frage, ob nicht die Ehescheidungsreform anläßlich des Minister­wechsels ganz vertagt werden soll, was na­türlich zu heftigen Kämpfen führen würde, noch' keineswegs entschieden.

ausgestellte gute Zeugnis stellte das Gericht Be­währungsfrist in 2krLsicht und hob den HasWefebl auf. Der StaatScmwalt hatte ein Jahr Gefängnis wegen versuchten Totschlages bran­

den Einmächte-Standard sinken würden, und dieses würde meines Erachtens ein verhängnis­voller Schritt fein, durch den wir unsere Levens- mittelzufuhr- und Handelswege gefährden wür­den. Die Entwicklung unserer Luftflotte kön­nen wir nicht hemmen, ohne uns in erheblichem Maße unserem Nachbar ausgeliefert zu sehen, dem gegenüber wir wiederholt der Untertänigkeit beschuldigt werden und den Lloyd George dauernd beleidigt.

Churchill verteidigte dann nachdrücklich die I n- dustrieschuhpolitik der Regierung, indem er ausführte, daß die Einfuhr ausländischer Kunstseidengarne sich auf ein Viertel vermindert habe, während die britische Ausfuhr um 50 Pro­zent zugenommen habe. Die Wett st euer habe sich nicht bewährt und werde deshalb sofort ab» geschafft. Rur eine einzige neue, aber sehr ge­ringe Steuer fei geplant, nämlich eine Erhö - hungderLizenzgebühren für Brauer, DestillateureundTabakfabrikanten. Hierdurch soll ihnen der Vorteil von 480 000 Pfund, den ihnen das Gesetz zur Erleichterung der Gemeindesteuer gewährte, wieder entzogen werden.

Unserer Ueberzeugung nach kann der Ar­beitslosigkeit nur durch Wiederbelebung der ganzen Industrie, besonders der Großindu­strien, abgeholfen werden. Ls wird klar, daß eine endgültige Belebung der Wohlfahrt der Groß­industrien begonnen hat.

Die Maßnahmen zur Erleichterung der Gemeindesteuern sollen zugunsten der Landwirtschaft sofort mit Gültigkeit vom 1. April in Kraft treten, anstatt erst im Oktober. Die Industrie aber muh sich noch bis zum Ok­tober gedulden, bevor ihr der versprochene Er­laß von drei Vierteln der Steuern zugute kommt. Es besteht begründete Aussicht auf Wiederbele­bung des Handels, Abnahme der Arbeitslosigkeit, Erhöhung der Einnahmen, billigeres Geld und günstigere Bedingungen für die Schuldenregulie­rung.

Als Thurchill, der nicht ganz 2Va Stunden ge­sprochen hatte, seinen Sitz wieder einnahm, bra­chen die Konservativen in stürmischen, lang an­haltenden Beifall aus. Wie üblich, beschränkten sich die Redner der Opposition in der Hallptsache darauf, den Schahkanzler zu beglück­wünschen. Snowden (Arbeiterpartei) bemerkte, man habe eigentlich keine Budgetrede, sondern ein Wahlmanifest angehürt, unb das Bud­get verdiene eineBestechungs-Budget" genannt zu werden. Von den angekündigten Zugeständ­nissen würden nur wenige oder gar keine gemacht worden sein, wenn nicht die Wahlen vor der Türe ständen. Lloyd George faate: Ich nehme keinen Anstoß daran, daß der Schatzkanzler eine Wahlrede gehalten hat. Einer solchen Ver­suchung zu widerstehen, würde über Menschen- fräfte gegangen sein. Was aber die Behandlung der schweren Notlage in England durch das Bud­get angeht, so bedeutet es eine große Ent­täuschung.

Sochschulnachnchien.

Ernarmt wurde der v. Professor D. Dr. Gustav Hölscher in Marburg zum ordentuchen Professor für Altes Testament in der evangellsch- theologischen Fakullät der Universität Bonn ajA Nachfolger des Geheimen Konsistorialrats Joh. Meinhold. Zur Wiederbesehung des durch die Emeritierung von Professor R. Lorenz an der Frankfurter Universität erledigtenLehrstuhls der physikalischen Chemie ist ein Ruf an den o. Professor und Direktor des Instituts für phyfi- kalische Chemie an der Hamburgischen Uni­versität Dr. Otto Stern, ergangen. Die Er­nennung des a. o. Professors Dr. Max Wert­heimer von der Universität Berlin zum ordentlichen Professor der Psychologie in F r a n f- furt a. M. als Nachfolger von Prof. Friedrich Schumann ist erfolgt. Der Lehrstuhl der ge­richtlichen Medizin an der Universität Berlin (an Stelle von Professor Fritz Straßmann) ist dem ordentlichen Professor Dr. Viktor Müller- Heß in Bonn angeboten worden. Amtlich werden folgende Ernennungen bestätigt: zu plan­mäßigen ordentlichen Professoren in der rechts» und staatswisfenschaftlichen Fakultät der Ham­burgischen Universität sind ernannt worden die Strafrechtslehrer o. Professor Dr. Eberhard Schmidt in Kiel auf den 1. Oktober 1929 und der Abteilungschef am Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement in Bern und Honorarpro­fessor an der dortigen Universität Dr. Ernst D e l a q u i s auf den 1. Juli 1929. Professor Dr. jur. Hans Albrecht Fischer, Ordinarius für römisches Recht, bürgerliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität Jena, hat den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Breslau als Nachfolger von Professor E. Druck angenommen.

es einmal ausgedrückt hat, nichtseine", sondern die" Natur malen wollte. Es ist ergreifend, wie sich LeiblS Verhältnis zur Wirklichkeit immer mehr wandelt, je länger er sich da er nun in den großen Städten nichts mehr lernen kann auf dem Lande aushält und in den kleine^ baye­rischen Orten mit den Bauern bäuerisch lebt und jagt. Die lockere Sinnlichkeit deS TonS und der weiche Reiz der Farbengebung hört auf und er gerät in jenes plastisch-holzschnittartige Verhält­nis au seinen Modellen, das für sein großes MeisterwerkDrei Bäuerinnen in der Kirche (18781880) bezeichnend ist. Dagegen wir­ken andere Meisterwerke wie die nicht weniger be­rühmtenDachauerinnen'" (1874/75) oder die bekannten.Dorfpolitiker" (1876/77) saft tote Staffagen, denn die drei Bäuerinnen in der Kirche, an denen Leib! zwei Jahre lang vor den Modellen in der Kirche gemalt hat, haben daS bis auf den Millimeter AuSgepinselte und Aus­geführte, das für Leibl charakteristisch ist, die Treue zum allergeringsten Fältchen der Kleidung, den Staubflocken im geschnitzten Gestühl, den Papierfasern der Gebetbücher. Mer Jahre, von 1882 bis 1886, hat er an denWildschützen" gearbeitet, weil er mit aller Gewalt an die Natur herankommen wollte, um das Bild endlich, da es im ersten Wurf mißlungen war, pu zerschneiden. Aber auch diese zerstückelten Telle es find einige Köpfe und die berühmte Miederstudie haben noch das volle Leben organischer Gestal­tungen, sie sind in sich vollendete Werfe, so aus- geführt sind ihre Einzelheiten, so voller Fülle zeigen sie sich auch heute noch. Es ist, besonders in dieser Zell, fast ein Wunder, wie die Bilder LeiblS daS Anschauen auch auS der allernächsten Nähe ertragen, ja, dabei erst ihre eigentlichen intimsten Reize offenbaren.

Neben dem Werk des Malers ist das deS Graphikers Leibl an Umfang weit geringer, an Wert nicht kleiner. Aber Leibl hat mir in seinen malerisch unglücklichen Zellen zum vor­bereitenden Stift gegriffen, gewöhnlich wurden auch seine Vorstudien zu großen Werken sofort Gemälde. Er zeichnete mit dem Pinsel. Aber auch seine kleinen Stücke, die Notizen zu den großen Werken, sind vorhanden. Darunter auch die bei­den wundervollen Hände deS Rembrandtdeutschen Langbehn.

Diese Ausstellung ist ein wahrhaftiger Gewinn und eine überaus dankenswerte und rühmens-

Die Leibl-Ausstellung in Berlin.

Berlin. Mitte April.

Die Ausstellung des Gesamtwerks von Wilhelm Leibl in der Berliner Akademie der Künste, über deren Eröffnung wir gestern be­reits berichtet haben, bedarf keiner besonderen Rechtfertigung; sie ist nach deS Künstlers ziemlich klanglosem Tode im Jahre 1900 schon längst fällig gewesen, sie ist auch wiederholt geplant und teil­weise ausgeführt worden, aber daS Gesamt- toert LeiblS wird hier zum erstenmal vereinigt. Dank für diese Ausstellung gebührt nächst der Berliner Akademie der Berliner Galerie Ma­thies en, die dem Berliner Kunstleben schon öfter wertvolle Anregungen gegeben hat, und dem Kölner W a l l r a s -Ri ch a r h - Muse um, das den Kölner Meister auf diese Art ehrt. An dieser Schau haben deutsche und ausländische Ga­lerien einträchtig mitgetoirft, auch der Privat- besih hat kostbarste Stücke hergeliehen. Diese Schau also, die längst fällig war, rechtfertigt sich durch sich selbst.

Rechtfertigt sich besonders in dieser Zeit, da die gesamte Kunst sich in einem kritischen Stadium befindet und da auch die Malerei, tote Lieber- n: a n n im Vorwort zu dem schönen Kataloge sagt, im Streit der Meinungen und der Parteiungen unterzugehen droht". Wirklich, um fein Werk, bas man heute schon mit den Augen des Historikers anficht, schwebt bereits jetzt ein Hauch klassischer U Vergänglichkeit.

Auch das Bild der Frau Lorenz Gedon (1869) hängt da, mit dem Leibl einst in Mün­chen debütierte: damals wirkte es tote ein scharfer Protest gegen die Pathetik der Makart und Piloth heute, da wir Leibls Weg überschauen können, ist auch dieses Bildnis nichts weiter als eine Vorbereitung auf Späteres. Aber tote lange hat Leibl unter der Romantik DöcklinS gelitten, wie ist er über der historischen Genremalerei der Makart-Schule einst vernachlässigt worden. Was uns heute Leibl zu der großen einmaligen Persön­lichkeit stempelt, der unbeirrbare Blick für die Natur, fein Sinn für die Wahrheit, die nie da- gewesene Reizbarkeit des Auges, das Verhaltene alles Affekts, das machte ihn einst zum .krassen Naturalisten", und das bedeutete damals fast eine Beschimpfung. Heute nehmen wir Leibl auch nicht einmal mehr als einen typischen Naturalisten, sondern als einen in sich beruhenden, in sich strebenden programmlosen Künstler, der, tote er

Die Kriminalpolizei wurde nach dem Pots­damer Babnhof gerufen, wo in einem Abteil zweiter Klasse ein junges Mädchen tot am Fußboden liegend auf gefunden wurde. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, daß es sich um eine 22jährige Hausangestellte handelt. Nach Ansicht des Arztes ist die Todesursache in einer Vergiftung zu suchen. Die Eltern deS Mädchens stehen vor einem Rätsel und erklärten, daß ihre Tochter keinen Grund ge­habt hätte, freiwillig aus dem Leben zu scheiden.

London, 15. April. (WTB.) Im Unterhaus brachte Schatzkanzler Churchill fein fünftes Bud­get ein. Haus und Tribünen waren dicht besetzt, u. a. befand sich der Prinz von Wales unter den Zuhörern. Churchill, der mit lebhaftem Beifall emp­fangen wurde, führte u. a. aus: Die ungeheure in­dustrielle Katastrophe von 1926 (Generalstreik und Streik der Grubenarbeiter) hat dem Schatzamt einen Verlust von mindestens 18 Millionen Pfund Ster­ling zuaefügt. Dennoch haben sich die Verhältnisse beträchtlich besser entwickelt, als ich gehofft ober er­wartet hatte. Trotz des Schadens, der durch die Tor­heiten von 1926 verursacht wurde, haben wir einen erheblichen und soliden lieber« schuß erzielt. Die materielle Wohlfahrt Englands ist weiterhin stetig fortgeschritten. Während der Ses­sion des jetzigen Parlamentes haben die Erspar­nisse der kleinsten Klasse von Kapitalanlegern um 170 Millionen Pfund Sterling zugenommen. Die Zahl der in versicherten Handelszweigen beschäf­tigten Personen hat sich um 591 000 vermehrt. Die Kosten der Lebensführung haben sich ^mindestens um 18 Punkte vermindert, und die Löhne stehen beinahe auf dem gleichen Niveau, wie 1924. Im A l k o h o l k o n s u m ist eine merk- liche Abnahme zu verzeichnen. Der Verbrauch von Tee und Zucker hat sich pro Kopf Gegenüber der Vorkriegszeit von 6,55 Pfund bzw. 81 Pfund auf 9,15 bzw. 90 Pfund erhöht. Die Fähigkeit des Landes, K a p i t a l n a ch d e m A u s l a n d e zu ex­portieren, was unseren Ausfuhrhandel fördert, hat sich von 86 Millionen Pfund Sterling im Jahre 1924 auf 104 Millionen Pfund Sterling im Jahre 1928 erhöht. Das im vergangenen Jahre für I n landanlagen neu ausgegebene Kapital zeigt eine Zunahme von 100 Mill, gegenüber 1924. Die Kapitalaufnahmen von Gemeinden und in­dustriellen Unternehmungen sind von 70 Millionen im Jahre 1924 auf 180 Millionen gestiegen. Die Gewinne betrugen 140 Millionen, verglichen mit 80 Millionen im Jahre 1924. Es wurden 500 Millionen mehr Briefe geschrieben und 700 000 Mo­torräder mehr verwendet, als im Jahre 1924.

Wie auch die Lage bestimmter Industrien oder bestimmter Gebiete ist, ohne Zweifel herrscht im allgemeinen mehr Wohlstand als vor fünf Iahren. Allerdings find unsere Fortschritte wäh­rend dieser Zeit von den vereinigten Staaten verhältnismäßig überholt wor­den, die im Kriege große vorteile gewonnen und seither immer weitere Fortschritte gemacht haben.

Die größten Ersparnisse sind in diesem Parla­ment durch Rüstungseinschränkung er­zielt worden. Für bte drei Waffengattungen wurden gegenüber dem Budget der Arbeiter» tegierung 7,5 Millionen Ersparnisse erzielt. Eine beträchtliche Verminderung der Ausgaben für Rüstungen ist von einer internationalen Vereinbarung abhängig, und diese wird, fürchte ich, nicht so leicht erzielbar sein, wie zu wünschen wäre. Bei der Flotte läßt sich keine erhebliche Ersparnis erzielen, ohne daß wir unter

(was nahegelegen hätte), weiß immer neues zu sagen über Farbe, Form und Flugbild der zierlichsten Hauchgeschöpfe, und überdies darf er die Behauptung wagen, .bah alles Natur­kundliche in diesem Buch auch wissenschaftlich zuverlässig ist". ,

Wundervoll ist: daß ein so exaktes und stich­haltiges Werk wie auf jeder Seite zu spüren ist ganz und gar aus den Händen eines Künst­lers kommt. Ein reiches, von lebendiger Natur und heimlicher Schönheit erfülltes Buch, dem der Verlag eine sehr würdige Ausstattung hat zuhttl werden lassen. -y-

Aus aller Welt.

Lin Famillendrama vor Gericht.

Dor dem Breslauer Schwurgericht hatte sich ein Kaufmann wegen Mordversuches an seinem elfjährigen Kinde zu verant­worten. Der Angeklagte hatte den Versuch ge­macht, sein Kind zu erdrosseln und sich durch Leuchtgas zu vergiften. Der Grund der Tat war in der Verzweiflung zu suchen, in die der Qln- geklagte über die Treulosigkeit seiner Ehefrau geraten war. DaS Gericht hielt d i e E hefrau für moralisch schuldig an der Tat und verurteilte den Angeklagten zu acht Monaten Gefängnis, wovon fünf Monate Unter­suchungshaft voll angerechnet werden sollen. Mit Rücksicht auf daS dem Angeklagten allgemein

Lieber das Leben der Schmetterlinge.

Don Friedrich Schnack ist vor einiger Zeit bei Hegner in Hellerau ein eigenartiges unb ganz vortreffliches Buch erschienen:Das Le­ben der Schmetterlinge" (274 Seiten 8°.

10.80 Mk. 40.Dieses Buch ist eine ungewöhnliche, jedoch auf jeder Seite voll­en geglückte Derschwisterung von Künstler- schaft und Wissenschaft. Wer geglaubt hatte, das eine müsse das andere ausschließen. wird sich hier eines Besseren belehrt sehen. Systematik und Intuition haben sich hier in einer über­raschenden Weise zur schöpferischen Einheit ver­bunden. Es gibt wohl nur zwei Werke, die man nach Art und Wert dem Schmetterlingsbuche von Schnack benachbarn oder vergleichen könnte: MaeterlincksLeben der Dienen" und daS Rosen­buch von Albert H. Rausch.

In drei große Abschnitte gliedert sich das Werk; das erste Buch ist den Tagfaltern, das dritte den Nachtfaltern gewidmet. Dazwischen eingesprengt und die beiden großen Darstellun­gen verbindend und krönend: daS zweite Buch, die .Falterlegenden"; hier liest man die schönen und vergeistigter» Schilderungen vom Falter des Homer, vom Falter des heiligen Antonius und vom namenlosen Falter.

In der Zueignung heißt es:Allen Schmetter­lingen der Erde ist diese« Buch zugedacht, toenn- glelch sie nicht alle darin Vorkommen. Den Tag- und Nachtfaltern widme ich es und den Schwär­mern in der Dämmerung: da duftet herzerregend der Honig in den Gärten, der Nektar in den Wiesen, und die Büsche regnen Narben der Ge­würze. Den Spinnern und Spannern sei es zu­geeignet, den Eulen und den Bären, auch ihnen. Qllle sind sie liebenswert..."

Und mit einer unendlichen Liebe sind hier die Gewohnheiten, die Lebensläufe, die Verwand­lungen und Verpuppungen, das vielfältige Far­ben- und Linien- und Flügel- und Liebesspiel der Schmetterlinge, der großen und der kleinen, der kostbaren und seltenen, wie der gemeinen Gar­tengäste und Wiesenstreifer auf gezeichnet; Schnack kennt einen jeden nach Namen und Art, hat stundenlang auf der Lauer gelegen, ist sommer- lang durch Gehölze, Gärten, Felder und Wälder gestreift, um das alles zu finden und zu sam­meln, was in diesem reichen und schönen Buche vereinigt ist; dabei ist das Erstaunliche: er gibt hunderte von kleinen Schilderungen, Deobach' Jungen, Aufzeichnungen und wiederholt sich nie

Frem-enfeindliche Ausschreitungen in China.

Mohammedaneraufstand in Kansu.

Schanghai, 15. April. (WTB.) Nach einem Telegramm aus Tschangtoe im nordwestlichen Teil der Provinz Hunan wurde dort sechs Tage lang auf die Fremden geschossen. Ein Inspektor der englischenAsiattc Petroleum Company" wurde von chinesischen Soldaten ge­fangen, erhielt einen Lanzenstich in den Ober­schenkel und blieb 18 Stunden lang nackt ohne Nahrung und Getränke an einen Pfahl gebunden. Er konnte sich später^ be­freien und die Mission erreichen. Das Geschäfts­haus der Petroleumgesellschaft wurde g e p l ü n- dertund zerstört, ebenso die katholische Mission. Nach den letzten Nachrichten sind die Soldaten jetzt abgezogen und die Fremden außer Gefahr. Nach einem Telegramm aus Jtschang (Provinz Hupei) tour&en dort drei Mann der Besatzung eines brittschen Kanonen­bootes durch Schüsse verwundet, die vom Ufer des Jangtse abgegeben wurden. Der Mohammedaneraufstanb in der Pro­vinz Kansu, der im Oktober 1928 unterdrückt wurde, ist mit neuer Kraft ausgebro­chen. Die Aufständischen besetzten die Stadt Kungtschang und metzelten die christliche Bevölkerung nieder. Die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht. Zwei katholische Klöster wurden ebenfalls von den Aufständi­schen bis auf die Grundmauern zertrüm­mert. Der Führer der Aufständischen ist der 19jährigeGeneral" Li, der sehr unbarmherzig gegen die christliche Bevölkerung vorgeht, lieber 300 Dörfer sind bereits seinen Leuten zum Opfer gefallen. Die Nanking-Regierung hat Truppen zur Unterdrückung des Aufstandes ausgesandt.

Jahre alte Knabe Henri Meins aus Hamburg, während die Begleiterin den Abort aufgesucht hatte, am Türverschluß gespielt hatte und zwischen Petersdorf und Mecklenburg aus dem Zuge gefallen war. Das Kind wurde später als Leiche an der Strecke auf gesunden.

Verwerfung der Revision gegen ein Todesurteil.

Der 3. Strafsenat des Reichsgerichts verwarf die Revision dcÄ Bergmanns Johann Ä'Äholt der am 19. Dezember 1928 vom Schwurgericht Essen wegen Mordes an seiner frühe- ren Verlobten, der 28jährigen Hausange- stellten Grete Bergmann, zum Tode ver­urteilt worden war. Das Revisionsbegehrea hatte sich darauf berufen, daß der Angeklagte die Tat entgegen der Annahme des Schwur gerichtes nicht mit ilcberlegung, sondern au_> übergroßer Liebe im EisersuchtSwahn ausgeführt habe, der seine freie Willensbestimmung ausge­schlossen hätte. Die VcJcfahrensrüge wurde als nicht durchgreifend angesehen, so daß das Todes­urteil rechtskräftig geworden ist.

12 Jahre Zuchthaus für einen Raubmörder.

In dem Prozeß gegen den 25jährigen Kuhmelker Aloisius Becker, der in der Nacht zum 24. Okto­ber o. I. bei Lübars den Maler Michalzik nach erbittertem Kampfe getötet und beraubt hatte, wurde das Urteil gefällt. Das Gericht nahm zu Gunsten des Angeklagten nicht Mord, sondern Totschlag in Verbindung mit schwe­rem Raub mit Todeserfolg als erwiesen an und verurteilte den Angeklagten zu zwölf Jahren Zuchthaus. Daneben wurde nach verbüßter Strafe die Zuläsfigkeit der Stellung unter Poli­zeiaufsicht ausgesprochen. Becker wurde außer- dem zu zehn Jahren Ehrverlust verurteilt

Aerzteboykott im Lichterfelder Krankenhaus.

Mit der Angelegenheit des Stubenrauch-Kranken- Hauses in Lichterfeld hat sich auch die Freie ärzt­liche Organisation befaßt. Sie wird in ihrer Fachpresse die Aerzte auffordern, fid) so lange nicht um die Rautenbergschc Stelle im Lichterfelder Kran- kenhaus zu bewerben, bis die Bemühungen um eine friedliche Beilegung des Konfliktes er. folgt ist.

Zur Spanienreife ausgelaufen.

Zum Antritt der Frübiahrsreise nach Spanien sind die beiden LinienschiffeSchleswig-Hok- stein" undSchlesien" sowie die neuen Boote der Zweiten Torpedoboots-Halbflottille,W o l f", Albatros",Grei f",M ö o e" undKon­dor" von Wilhelmshaven ausgelaufen. Die Schiffe werden voraussichtlich Dienstag früh beim Weser- feuerschiff, dos sich bekanntlich in der Jade- und Wesermünduna befindet, mit den von Kiel kommen- den Linienschiffen Hessen" undElsa ß" sowie der Vierten Toroedoboots-Halbflottille vereinigen und bann die Reise gemeinsam fortsetzen.

Die KotonoerÄonfa zur Ruhe gegangen.

Am Montag hat die Kownoer Pferde­bahn, die Wohl einer der letzten in einer euro­päischen Hauptstadt sein dürfte, ihren Be­trieb eingestellt. Die Außerbetriebsetzung erfolgte in feierlicher Weise. Sämtliche Wagen wurden in einer langen Reihe durch die Stadt gefahren, umringt von einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge, die in Hochrufe auf dieKonka" ausbrach. Auf dem vor­dersten Wagen hatte eine Musikkapelle Aufstellung genommen, die Trauerweisen ertönen lieh. Der Wagen, den die Kownoer Studenten kürzlich als Protest umgestürzt hatten, wgr von diesen besetzt. An den Wagen befanden sich Aufschriften des Inhalts:36 Jahre, zehn Mo­nate und 21 Tage haben wir der Oesfentlich- keit treu gedient, matt und müde gehen wir jetzt zur Ruhe."

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