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Ur. 64 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)

Samstag, 16. März 1929

Genfer Puppenstube.

Don unserem H. kv-Sonderberichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Genf, Mitte Mär- 1929.

Herr Titu.

Herr T i t u l e s c u, Delegierter Rumäniens, ist ein kluger Wann. Daß er schön ist, hat noch nie jemand zu behaupten gewagt, der Kuh der Grazie hat ihn nicht berührt. Es hat ihn auch noch niemand mit Procope, den» schönen Mann auS Finnland, einem seiner Rachbarn im Rate, verwechselt. Aber, wie gesagt, er ist klug und er war eS z. D.. der auch ohne ilcbcrsehung StresemannS Goethe-Zitat von dem ewigen Wan­del aller Dinge verstand, und der sofort äugen- blinzelnd tonstattertc, der Reichsauhenminister zi­tiere Goethe, aber meine die Revision der Frie- dcnsverträge. Titu ist beliebt, und wenn er, ein lebendiger Gegensatz zu Sir Rusten, sämtlichen Dienerin seines Hotels oder des Dölkerbund- palostes herzlich die Hand schüttelt, so darf er sich alS Liebling aller fühlen. Man hat Verständnis lür das eigentlich asiatische AuL- sehen dieses Rumänen und man hat Rachsicht sogar mit seinen Schwächen.

Wie war es benn am Tage der großen Aus­sprache über die Strcsemannrede? Es herrschte Erregung in der Ratsveranda, das Rauchverbot war längst gefallen, die Luft war zum Schneiden dick und die Hitze unerträglich. Da erhebt sich, in einem der dramatischsten Momente, plötzlich Herr Titu, man glaubt mitfühlend, er als einer der Akteure des Dramas wolle frische Luft schöpfen und verläßt den Saal. Wenige Augen­blicke später kommt er wieder, in seinen dicken Pelz gehüllt, den er fröstelnd hoch- schlägt, um sich nun erst befriedigt in seinen Sorgenstuhl" zu verkriechen.

Anderen mag es heiß vor Aufregung werden, Herr Titu friert unentwegt. Unter dem Frack trägt er deutlich sichtbar eine Pelzweste. Selbst damals, als im ungarisch-rumänischen Optanten­streit der treue Freund Driand nicht mehr mit dem Rumänen halten konnte, und als Aristides Phrasen über den rumänischen Vertreter nieder- regneten, wurde Herr Titulescu nicht heiß. Er fror nur und weinte. Armer Titu und doch leuchtet dir und deinem Lande die Sonne des Diegerglücks, während wir anderen im Schatten sitzen! Du leidest an der Leber, wir an der Politik.

Oer Ringkämpfer.

Ich weiß nicht, ob Herr Vreitensträter fran­zösisch spricht. 2lber selbst wenn er eS fließend beherrschte, genügte dies vielleicht doch nicht zu seiner Qualifikation für den Völkerbund. Dazu gehört eben mehr. Es gibt zwar auch einen Meisterbvxer und unbesiegten Ringer hier im Völkerbund, aber der wendet diese Fähigkeiten nur noch geistig an. Es ist der Japaner S u g i m u r a . politischer Llnterstaatssekretär der Liga der Rationen, also wichtigster Mann neben Sir Cric Drummond, dem Generalsekretär. Man Neht ihm seine frühere Liebhaberei dem: er war natürlich Amateur! nicht mehr an. Man sieht eigentlich nur eine Figur von Vuddhas reicher Körperlichkeit bei diesem christlichen Ver­treter des fernen Ostens. Liebrigens ein selt­samer Gegensatz zu seinem Landsmann A d a t - s ch i, der in gelblich-hagerer Winzigkeit als De- richterstatter des RateS Herr über die Religion, Svrache und Kultur sämtlicher europäischen Min­derheiten ist. Sugimura muh etwas von seinen geschickten Griffen in die Politik hinübergerettet

haben, benn er hat ja eigentlich nichts zu be­stimmen, er ist in Wahrheit nur der Manager sämtlicher Kompromisse. Aber wie er diese Kom­promisse zustandebringt, daS zeugt schon von artistischer Schule. Zwei, drei Stunden Finten, eine Zigarre und mehrere GlaS Sekt bis, ja bis der andere plötzlich auf dem Rücken liegt und sich nicht etwa bis neun auSzählen läßt, son­dern mit zwei weinenden Augenja" sagt. Es soll auch Deutsche geben, die achtungsvoll von dem politischen Preisringer Sugimura sprechen. ...

(Lin vergessener ^Kriegsverbrecher^.

Wer eS in Deutschland bereit- vergessen hatte, daß eS eine Liste vonKriegsverbrechern" gab, die immer noch der gerechten Strafe harrten, dem wurde diese Tatsache auf liebenswürdige Weise ins Gedächtnis gerufen, als ein Pariser Dlatt Anfang dieses Jahres vom ReujahrSernp- fang bei Kriegsverbrecher Rr. soundso" sprach. Mit der betreffenden Rümmer war der Reichs- Präsident von Hindenburg gemeint. Also bitte: die Liste ist bekannt, aus chr stehen zwar die Ramen von einigen Personen, die anerkannter­maßen niemals existiert haben, aber zur Ent­schädigung hierfür sind denn auch einige Leute nicht aufgesührt, die nach der Ententepsycho­logie von vor zehn Jahren (und von heute) als solche eigentlich anzusprechen wären. Da fehlt der (Harne deS dritten Mannes aus jenem österreichischen Mini st er rat, der die serbische Antwort auf daS österreichische Ultimatum von 1914 als unbefriedigend und da­mit alS Anlaß zum Kriege mit dem ©erbten ansah, das Königsmörder schützte. Der eine von den drei Mitgliedern war Verch- t h o l d. Er ist alsVerbrecher" aufgeführt. Ebenso der zweite, der Kriegs Minister, ein General. Cs fehlt der dritte, der gemeinsame österreichische und ungarische Finanzmini­ster, der Regierungsdelegat für (Bosnien und Herzegowina. Warum? Tia, er war inzwischen polnischer Finanzminister geworden. Und da war es natürlich etwas ganz anderes. Oder etwa nicht? V i l i n s k i heißt er übrigens.

Oie Brillen der Lady Chamberlain.

Sir A u st e n ist ein alter Mann. Richt ehr­würdig o Pardon, aber es ist so also nicht ehrwürdig wie sein Rachbar im Rate, der schloh­weiße Jüngling Dandurand aus Kanada. Sir Austen trägt sein Haar blond. Er will auch sonst nicht alt fein, nur vornehm. Die Falten und Ruitzein seines Gesichts sollen nicht, wie es bei Scialoja der Fall ist, von dem Sinn erzäh­len, den ein Mensch aus seinem langen Leben heraussaird. Ach nein, sie werden einem anderen Zweck dienstbar gemacht: sie geben dem jugendli­chen und zugleich vornehmen Einglas Halt. Dem Einglas, das mit der einzigen Bewegung, deren diese Falten fähig sind, herausgeschleudert wird, um einer zitternd herangeführten Brille Platz zu machen, die über dieses erstarrte Gesicht einen leisen Schein von Klugheit legt. Ein Schimmer von Freundlichkeit verschönt es nur, wenn Herr Zaleski aus Warschau dem Herrn des Foreign Office ein Scherzwort zuruft. 3a, Sir Austen weiß, was er sich als englischem Außenminister schuldig ist.

Sollte er dies aber doch einmal vergessen, so sitzt da L a d v Ehamberlain bei jeder Ratssitzung auf einem selbstverständlich bevorzugten Platz im iiii iimmii mim' iiiwbiib ..............

Nachdruck verboten.

8 Fortsetzung.

Oie Liebe -erBrigitta Hollermann Vornan von Elisabeth Ney. Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).

Halten Sie ein, Herr SanitätSrat!" rief daS junge Mädchen erbleichend. »Dieser Mann ist nicht mein Verlobter; nie, niemals hat er meinem Herzen nahegestanden! Er hat kein Recht auf mich! Ein maßloser, empörender, niederträchtiger Schurkenstreich war diese Verlobung, abgekartet zwischen ihm und meiner Mutter, und eine Er­pressung gegen meinen armen, in den Tod ge­triebenen Vater. Ich kann, ich darf Ihnen nicht mehr darüber sagen, Herr Sanitätsrat: aber eins sollen Sie willen, daß ich Doktor Deilinger hasse, wie ich nie zuvor einen Menschen haßte oder je noch hassen werde." .

Wild, in loderndem Zorn war Brigitta Holler» mann aufgesprungen und stand erregt vor dem ganz entsetzten, alten Arzt, der ihre Worte nicht so schnell begreifen konnte. Aber der Zorn, der in den großen, schönen Mädchenaugen brannte, der Abscheu, der sich in ihrem ganzen Gesicht widerspiegelte, sagte ihm, daß hier allerdings eine furchtbare Schurkerei vorliegen müsse oder em entsetzliches Mißverständnis.

Letzteres hielt er für wahrscheinlicher, denn, ob­wohl Sanitätsrat Lührmann dem ersten Assisten­ten seines verstorbenen Freundes nicht besonders zugetan war, so hatte er sich doch von der Aus- opserungsfreudigkeit und der großen Sorge um die kranke Braut persönlich genügsam überzeugen f°Sanft drückte er deshalb die allzu Erregte in den bequemen Fenstersessel zurück und berichtete chr in kurzen Worten von allem, was Doktor Bellinger während ihrer langen Krankheit für die Familie getan hatte.

Mit fest zusammengepreßten Lippen horte 'hm Brigitta zu, und schon glaubte der Samtäksrat gewonnenes Spiel zu haben, und er sagte zum Schluß seiner Lobesrede für Bellinger:

An Ihnen liegt es nun allein, liebes <yraulem Brigitta Ihre arme Mutter und Ihre Schwe­ster wieder ganz sicherzustellen. Ich glaube, daß cs das beste auch für Sie ist, wenn Sie den vermin der Hochzeit mit dem Rachfolger Ihres Vaters nicht weiter hinausschieben. Wie mir Ichre Mutter sagte, will Ihr Verlobter Sie bit­ten, die Hochzeit schon zu Weihnachten stattfinden zu lassen."

Brigitta schwieg noch immer, so daß eS dem eben noch siegessicheren Arzt eigentümlich ängst­lich zumute wurde.

Weihnachten ist in fünf Wochen", sagte Bri­gitta Hollermann, plötzlich grübelnd.In zwei Wochen habe ich meinen einundzwanzigsten Ge­burtstag, damit bin ich majorenn und kann tun und lassen, was ich will. Wenn Sie mich in drei Wochen für kräftig genug zu einer Heirat halten, Herr Sanitätsrat, so werde ich wohl auch kräftig genug sein, auf eigenen Füßen zu stehen."

Was wollen Sie, mein Kind? Rur feine Un­überlegtheiten!" bat der Arzt ängstlich.

Ich spreche nicht aus einem plötzlich gefaßten Gedanken heraus, sondern alle- dies, was ich sage, ist seit Tagen wohl durchdacht. Ich wußte, daß man mich drängen würde, diesen Deilinger zu heiraten, und daß man mir sozusagen die Pi­stole auf die Brust sehen würde, indem man mir dadurch das Wohlleben für Mutter und Schwe­ster in Aussicht stellte. Wie Sie mir vorhin unter anderem mitteilten, zahlt Deilinger eine Pachtsumme an Mama, Isa und mich. Damit sind beide vor Rot geschützt und können sogar ohne große Einschränkungen leben, da ich niemals den auf mich fallenden Teil dieser Pachtsumme annehmen werde. Es besteht also kein Grund, mich zur Opferbank schleppen zu lassen, und dar­über bin ich von Herzen froh. Ich bin frei, voll­kommen frei, und werde mit mein Drot von nun an selbst verdienen!"

Kind, das ist ja alle- Unsinn. Diese Sachen Hingen in einem Roman sehr schön aber in der Praxis? (Kein, meine liebe Drigitta, schlagen Sie sich das ein für allemal aus dem Sinn, denn zur Arbeit sind Sie viel zu zart und fein.

Eie unterschätzen meinen Willen, Herr Sani­tätsrat", antwortete Brigitta Hollermann ab­weisend.

Da entgegnete der Arzt nichts mehr, denn er hatte einen festen, unabänderlichen Entschluß in ihren Augen gelesen.

Heimlich nahm er sich aber vor, mit der De- bclmrätin ein ernstes Wort zu sprechen: denn schließlich hatte die Mutter doch einen größeren Einfluß als er.

Als er sich jetzt erhob, um sich zu verabschieden, sah Brigitta Hollermann noch immer in stummer Ablehnung vor ihm, aber in ihrem Gesicht glaubte er jetzt ein verängstigtes Aufflackern zu lesen.

Da nahm er fest ihre kleine, falte Hand in die seine, und sagte:

Liebes, liebes Kind, wenn Sie schon auf Ihrem mir unverständlichen Entschluß beharren wollen, so versprechen Sie dem alten Freund Ihres DaterS, der sich um Sie sorgt, wenigstens das eine, daß Sie, wenn Sie nicht mehr auS noch ein wissen sollten, zuerst zu ihm kommen. Wollen Sie das, liebe Brigitta?"

Das junge Mädchen hob langsam den Blick zu ihm auf und nickte bann kurz.

Ich will", sagte sie dabei leise.Vielleicht mache ich sogar schon sehr bald von Ihrem An-

Zuschauerraum und wirst einen mahnenden Blick. Ebenfalls au8 unbewegtem Gesicht, aber au« buntbebrillten Augen. Heber das Alter der Lady weiß Ich nichts zu sagen, ich kann nur feststellen, daß sie sehr stattlich aussieht und sich mit Geschmack zu kleiden weih. Immer anders. Mal trägt sie einen malerisch roten Lieberwurf mit ebensolchem Hut, mal erscheint sie in Blau mit blauem Hut, mal in einer grünen Mantille

mit schillerndem, fest anliegenden Federhütchen. Lind da eine Drille nicht zu entbehren ist, so wird auch dieses Opfer an die Rotwendigkeit mit in den Bereich des bei der Toilette zu Beachtenden einbezogen. Je nach der Wahl des Kostüms trägt Lady Ehamberlain eine schwarz-grün-gelb oder blau geränderte Brille. 3a, man muß wissen, was man sich schuldig ist.

Das Buch als Freund.

Zum,,Tag-esBuches".

SS liegt einige gute Jahre zurück, da begegnete mir ein junger Mensch, mit dem ich nach Ver­lauf einiger Zeit zu immer regerem Gedanken­austausch über die und jene Bucher der Welt­literatur kam. An einem stillen Abend, _ wie wir beieinander sahen und plauderten, erzählte er mir, wie er zu seinem erstenBuch" ge­kommen fei. Ratürlich hatte er auch vor diesem erstenBuch" schon viele gelesen, zu viel sogar, wie manche behauptet hatten, aber was er ge­lesen hatte, das war Inhalt, Spannung, kurzum, das waren von jenen allzuvielen Büchern ge­wesen, die man einmal liest, die einem aber kaum etwas zu sagen hätten, was man zweimal lesen möchte ober auch lesen könnte, und nie war ihm dabei der Wunsch gekommen, oder auch nur der Gedanke, daß er eines dieser Bücher auch besitzen möchte. Da empfahl ihm eines Tages ein Freund die Lektüre eines Buches, von dem er noch nichts gehört hatte. Er witterte Besonderes und holte es sich aus einer Leih­bücherei. Rach den ersten zehn Seiten war seine Enttäuschung groß, nach den nächsten zehn Seiten noch größer, und er trug daS Buch wieder weg, weil er nicht weiter kam und jeder Tag seine bestimmte Leihgebühr kostete. Der Freund aber frug, wie ihm das Buch denn gefalle. Da wich er aus und antwortete, er könne noch nichts sagen, er müsse es erst zu Ende lesen. Lind als ihm der Freund gar keine Ruhe ließ, da blieb ihm nichts anderes übrig, als sich daL Buch noch einmal zu leihen. Er zwang sich über die ersten zwanzig Seiten hinaus, er las dreißig, vierzig, hundert Seiten, er las das Buch etwa zur Hälfte, da rannte er wieder auf die Leih­bücherei, gab das Buch zurück, lief weiter zum Buchhändler und kaufte es sich dort von seinem knappen Taschengeld, weil er wie er sagte durch dieses Buch erst gelernt habe, was Lesen sei, ja, was überhaupt ein lesenswertes Buch sei, und daß man ein solches Buch besitzen müsse, um es ganz für sich zu haben, und daß es ihm gewesen sei, als begehe er irgendeinen Verrat, wenn er es sich nicht gleich nach Hause hole.

Das Buch war HessesPeter Camenzind". Es hätte natürlich gerade so gut irgendein anderes gereiftes Buch sein können, denn das ist ja wicht so wichtig, wie es hieß, sondern das es wirklich des Besitzes wett war, und daß dieser junge Mensch plötzlich das Bedürfnis danach empfand, sich ins Haus zu holen und als Eigentum zu ha­ben, was ihm so viel mehr zu sagen hatte als alles vorher Gelesene. Es war das erste Buch, mit dem er sich immer und immer wieder wie mit einem Freunde unterhalten konnte, das Buch, das ihm Anlaß und Maßstab wurde, sich feine Freunde aus den Duchläden aufmerksam und ktttisch auszuwählen und sie zu Hause um sich zu versammeln. Als ich ihn kennenlernte, war die Zahl feiner Freunde schon außerordentlich ansehnlich, und mit jedem von ihnen war er

vertraut, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig geworden wären.

Für wieviele Menschen mag diese Geschichte geradezu ihre eigene Geschichte sein? Die alle werden die Gefühle dieses jungen Menschen ja auch nur zu gut verstehen. Aber gibt eS nicht doch auch eine erschreckend große Zcchl von Men­schen, die nicht ein einziges Buch besitzen, die

nicht das stolze und herrliche Desühl kennen, hier

habe ich einen Freund, der mich nicht verlassen wird, der nicht launisch ist, der immer für mich bereit ist. Oh, noch viel mehr! Der mir ja auch

viel mehr zu sagen hat, als alle die Hinz unb

Kunz, mit denen ich sonst doch nur über Richtig­keiten und platte Alltäglichkeiten reden tanü. Wie mancher hat vielleicht schon gedacht: Ja, wenn ich solch einen Freund gehabt hätte wie beispielsweise Goethe, oder Augustinus oder Lu­ther ober Fichte ober Görres ober auch Thomas Mann, Hesse, Dostojewsky, (Remarque ober Renn --wo soll man da anfangen und wo soll man da aufhören? Das sind ja nur ein paar wahl­los herausgegriffene unb bunt durcheinander ge­wirbelte (Kamen. Vielleicht sind es ganz andere, von denen wir schon einmal gewünscht haben: die möchte ich als Freunde gehabt haben! Das waren doch Menschen, die was zu sagen wußten, Menschen, die einem aus Zweifeln vielleicht ober Sehnsüchten heraushelfen tonnten, Menschen, die aussprechen tonnten, was ich, waS du, waS wir alle schon zehn- unb hundertmal erlebt unb ge­fühlt unb gedacht haben. Lind die eS auSzu- sprechen wußten, wie so leicht kein anderer. Solche Menschen müßte man zu Freunden haben?

Ja, aber warum hast du sie nicht zu Freun­den, die dir mehr zu sagen haben als alle um dich her? Betrachte dir doch die Kataloge der Volks-, der Arbeiter-, der BorromäuSbüchereien, schaue doch in die Auslagen guter Duchläden, da wirst du wohl kaum einen missen, den du suchst, da wirst du doch sicher den einen oder den anderen dieser Menschen in ihren Schöpfungen und Werken finden, die du dir als Freund ge­wünscht hast. Eine ganze Welt wird sich dir da öffnen, eine Welt, die du dir nach und nach nach Hause tragen, die du mit in deine Welt hineinnehmen kannst, wenn dir wirklich an diesen Freundschaften etwas liegt. Lind wenn du dir diese Menschen In ihren Dächern zu Freunden machst, wenn sie, in wieviel Häuser sie auch schon eingezogen sind und noch einziehen werden, nun auch in deinem Hause eine Heimat haben, wenn du dir diese Freundschaften je und je für einige Groschen ober Mark gekauft hast, bann wirst du nicht mehr über Leere unb Langweile in deinem Heime zu klagen haben, bann wirb immer einer um dich sein, zu dem du sprechen kannst und der zu dir reden wird.

Gewiß, es hat etwas Erschreckendes, wenn man den guten Willen hat, sich eine Eigenbücherei anzulegen, aber bei der Fülle des Angebotes nicht weih, wo man und womit man nun beginnen soll. Aber auch da gibt eS Helfer und (Berater, die sich freuen, dir einen Weg zu zeigen. Jeder gute Bibliothekar, jeder gute Buchhändler wird eS

erbieten Gebrauch: denn es steht bei mir uner­schütterlich fest, daß ich keine Minute länger als nötig das Gnadenbrot desjenigen esse, der mir bis ins tiefste verhaßt ist."

Wer spricht von Gnadenbrot, liebe Brigitta? Ist nicht die Klinik das Eigentum Ihres Vaters gewesen unb nun zum Teil mit das Ihre. Ist es demnach nicht nur recht und billig, wenn der Pächter, der in diesem Falle Doktor Deilinger ist, eine Pachtsumme zahlt?"

Drigitta Hollermann antwortete nicht, und machte nur eine unendlich müde, abwehrende De- toegung.

Da wandte sich Sanitätsrat Lührmann mit stummem Gruß zur Tür.

Schon stand er im (Begriff, sie zu öffnen, als er plötzlich zusammenzuckend stehenblieb, denn zwei weiche, zarte Mädchenhände hatten sich fest auf feine Schultern gelegt.

Langsam wandte er sich um und sah Brigitta Hollermann geradewegs in die großen, in flehent­licher Frage auf ihn gerichteten Augen.

Was ist Ihnen, Kind?" fragte er Herkommen.

Herr SanitätSrat," klang es fast tonlos von (Brigitta Hollermanns Lippen.Bitte beant­worten Sie mir noch eine Frage. Was halten Sie von einem Arzt, der mit einem todkranken Patienten, der sich monatelang mit den entsetz­lichsten Schmerzen einer unheilbaren Krankheit quälte und Tag und Rächt um Erlösung schrie, endlich Erbarmen hatte und chm das Sterben erleichterte?"

Sanitätsrat Lührmann war bei dieser selt­samen Frage unwillkürlich einige Schritte ins Zimmer zurückgewichen. Er antwortete nicht so­gleich.

(Brigitta aber starrte auf fein Gesicht in fie­bernder Erwartung seiner Antwort.

Wie wie kommen Sie zu solch einer Frage?" entfuhr es dem Arzt.

Fragen Sie mich nicht, sondern antworten Sie mir; haben Sie Erbarmen," flehte (Brigitta in zitterndem Zone.

Das Herz gebietet uns oft, ein armes Geschöpf durch ein schnelles Gift von feiner Qual zu er­lösen: aber dagegen steht die Pllicht, Fräulein (Brigitta, ober sagen wir das Gesetz, das uns lehrt: Du darfst nicht töten. Es ist hart, ja oft grausam, doch man kann an bestehenden Tat­sachen nun einmal nichts ändern. Wer tötet, ist ein Mörder und verfällt mithin noch immer der strafenden Gerechtigkeit. Freillch, das Motiv zur Tat kann die Sache milbern."

Lind würden Sie, Herr Sanitätsrat, einem Menschen, der dem Tode unweigerlich verfallen ist, Gift geben, wenn er Sie Tag unb Rächt, in qualvollsten Schmerzen liegenb, darum anflehte?"

..Rein," kam es zögernd, aber fest von bes alten Arztes Lippen.

(Brigitta Hollermann sank, schwer stöhnenb. auf ihren Stuhl zurück. Doch bann schnellte sie wie gehetzt empor, unb fest bie Hand beS Arztes umkrampfenb, stieß sie hastig hervor:

Was was würben Sie tun, Herr SanitätS­rat, wenn Sie einen Ihrer Kollegen ertappten, der ungeachtet des bestehenden Gesetzes doch mit einem schnellen Gift einen gepeinigten Menschen auf dessen ausdrücklichen Wunsch von seinen Schmerzen erlöste?"

Sanitätsrat Lührmann blieb ihr zunächst bla Antwort schuldig. (Brigitta HollermannS Fragen wurden ihm unverständlich, unheimlich.

Sie aber forderte ungestüm, beinah zornig seine Antwort.

Sprechen Sie, um Himmels willen sprechen Die," rief sie außer sich.Was würden Sie tun?"

Meine Pflicht," entgegnete der Bedrängte ernst.

Ihre Pflicht'." Brigitta Hollermann lachte bitter auf.Sie wollen damit sagen, Herr Sa- nitätsrat, daß Sie Ihren Kollegen, den das Mitleid einen armen Menschen toten hieß, un­barmherzig den Gerichten ausliefern würben? Wie aber, gestrenger Herr Richter, wenn biefer Kollege nun ihr bester Freund wäre! WaS wür­ben Sie wohl bann tun?

Meine Pflicht, Fräulein Drigitta," antwortete der Arzt, der jetzt langsam den Zusammenhang dieser eigentümlichen Auseinandersetzung zu ah­nen begann, erschüttert.

Wie aber, wenn ein solcher Ankläger nun seine Pflicht in anderer Form erledigte, wenn er dadurch fein Erpresser würde unb fein Opfer zum Selbstmord triebe? Was ist dieser dann?"

Ein Schurke, ein elender Schurke, unb tau- fenbmal schlimmer als der Mörder aus Rächsten- liebe."

Gott sei Dank, Herr SanitätSrat, daS war das rechte Wort. Er ist ein Schurke, ein Elender, unb tausendmal schlimmer als der, den man ob seiner Tat einen Mörder nannte."

(Brigitta, Kind, um des Himmels willen. Ihr Vater, Ihr lieber, alter (Batet ist biefer!

Olein, nein, schweigen Sie, sprechen Sie cd nicht aus." unterbrach chn Drigitta Hollermann erregt.Mein Gott, ich habe Ihnen zu viel ver­raten! Vielleicht aber ist es gut so, benn nun werden Sie mich nicht mehr fragen, warum ich Doktor Fritz Deilinger nicht heiraten kann. Lind nun gehen Sie. Herr Sanitatsrat, lassen Sie mich jetzt allein. Wenn ich in Rot bin werbe ich zu Ihnen kommen."

Komoren Sie, liebes Kind, kommen Sie bald. Wein Haus steht Ihnen Tag unb Rächt offen."

Roch einmal brückte Sanitätsrat Lührmann fest die Hand (Brigitta Hollermanns, bann ver­ließ er schnell das Zimmer.

Drigitta blieb allein.

(Fortsetzung folgt.)