Ausgabe 
16.3.1929
 
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Samstag, t6. Mär; 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 64 Drittes Blatt

Der pwvinzhaushali 1929.

I.

Dor einigen Tagen hat die Provinzialverwal- hing den Mitgliedern des oberhessischen Pro- vinzialtages und der Presse den Voran­schlag der Provinz Oberhessen für das Rechnungsjahr 1 929 zugehen lassen. Wir haben in unierec Ausgabe vom Donnerstag die wichtigsten Zah'en aus dem neuen Haushairs, cnttourf bereits milgeteilt. ör schließt in Gm- imhme und Ausgabe der Betriebs- und der Der- P1r>n»n#i'ir>'<'ilnn3 insgesamt mit 5 844 609 Mk. ab, geaen 5 775 021 ML. im Rechnungsjahre 1928. Mithin ist der Voranschlag in der Endsumme um 69 585 Wk. höher, als im Vorjahre. Für di« bei­den Abteilungen um das hier noch einmal kurz zu wiederholen sind vorgesehen: Betriebs- rcchnung für 1929 insgesamt 5 597 473 Wk.. gegen 5 567 270 OHL im Vorjahre: Dermögensrechnung 247 136 Mk., gegen 207 754 01U. im Rechmmgs- fahre 1928. Der Abschluß des Voranschlags für 1929 läßt erkennen, bah die Provinzialverwaltung den schwierigen Zeitverhältnissen in anerkennens- werter Weise Rechnung getragen hat. Aus dem Haushaltsentwurf ist ernstes Streben nach Spar­samkeit zu erkennen, das seinen sichtbaren Rieder­schlag nach außen hin darin gesunden hat, daß der Entwurf für 1929 nur in mäßigen Grenzen über seinen Vorgänger von 1928 hinausgewachsen ist Die Steigerung um 69 585 Mk. bei einem Vi rj ihrigen Haushalt von rund ö3/« Millionen Mark ist nicht übermäßig; sie findet zum Teil allein schon in den zwangsläufigen Erhöhungen aus dem Gebiete ter allgemeinen Verwaltungs- kosten und in verschiedenen Teuerungsfaktoren

fachen und Feststellungen der histo­rischen Rachforschung über die älmstände, die zu dem Ausbruch der Kriegskatastrophe im August 1914 geführt haben. Er erinnerte xu- nächst an die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Ge­mahlin in Serajewo durch serbische Mordbubcn und an die Zusammenhänge amtlicher serbischer Stellen mit dieser Vluttat, deren Zweck war, in dem ermordeten Thronfolger das stärkste Hinder­nis gegen die Zertrümmerung der Dcnaumonar- chic zu beseitigen. Der Redner schilderte dann die bekannten Vorgänge bei dem österreichischen Ultimatum an Serbien und die daran anschlie­ßende politische Entwicklung zwischen diesen bei­den Staaten. Er zog weiter die damaligen Handlungen der Staatsmänner von Paris, Lon­don, Petersburg und Verlin in den Kreis seiner umfassenden, geschichtlichen Betrachtung und konnte, gestützt aus die einwandfreien historischen Feststellungen klarlegen, daß von den damaligen Machthabern in Rußland und Frankreich unter Führung von Sasanow, Poincare, Is­wolsky usw. planmäßig auf den Krieg hin- gcarbeitet worden ist, daß England unter Füh­rung seines damaligen Außenministers Grey zwar nach außen hin den Friedliebenden spielte, in Wirklichkeit aber mit den Kriegstreibern in Paris und Petersburg unter einer Decke steckte, und daß endlich die deutsche Re­gierung unter Kaiser Wilhelm II. mit aller Tatkraft sowohl in Wien bei dem öster­reichischen Bundesgenossen, wie auch in Peters­burg und in London, um die Verhütung der furchtbaren Weltkatastrophe bemüht war. 3n seiner großen Friedensliebe ging Deutschland dabei sogar soweit, daß es die elementarsten Sicherungsmohnahmen für das Reich allzuweit hinausschob und schließlich erst dann zur Mo­bilisierung der Armee schritt, als in Rußland die Gesamtmobilmachung sich schon längst im Gange befand und auch in Frankreich bereits die Entscheidung für den Krieg gefallen und das Heer mobilisiert worden war. Lediglich die Tatsache, daß Deutschland zur Abwehr des ganz unmittelbar bevorstehenden feindlichen Ueberfalls zuerst zum Angriff schritt, läßt Deutschland rein formell, aber auch nur s o, als Angreifer erscheinen. 3n Wirklichkeit sind die Angreifenden auf Grund der ganzen damaligen Vorgänge die Staaten der Entente gewesen, und zwar sowohl Ruß­land, wie Frantreich und England samt ihren Trabanten. Der Redner konnte die zum bewasf-

Kamps gegen die Kriegsschuldlüge

August Abel.

Wenn auch August Abel, der, wie man uns mit- teilt, am Mittwoch, dem 20. März 1929, im Auf­trage der hiesigen Bruderschaft des Jungdeutschen Ordens sprechen wird, kein Unbekannter mehr ist, so erscheint es doch angebracht, seine bisherig« jour­nalistisch-politische Tätigkeit etwas genauer zu be- leucyten. Den Weltkrieg machte Abel als Front­soldat mit, später, jedoch noch während des Krieges, fand er im Auftrage der O. H. L. Verwendung im besonderen Dienste. 1918 bis 1919 war Mel als Vertreter rechtsorientierter deutscher Zeitungen in Versailles und dort Zeuge jener brutalen Verge­waltigungen unseres Vaterlandes. 3n rechtsgerich­teten Kreisen hat sich August Abel gleich nach dem Kriege infolge seiner außerordentlichen Fähigkeiten als Journalist und Politiker einen guten Ruf ver­schafft. In weiteren Kreisen hörte man von Abel aber erst, als er in seiner Eigenschaft als Vertreter des Iungdeutschen Ordens am 5. November 1927 einen öffentlichen Vortrag in Paris hielt und dort gegen die Friedcnsdiktate sprach.

Unter Preisgabe seiner bisherigen Stellungen trat Abel dann später dem Jungdeutschen Orden bei und ging als Reichspressewarl biejes Verbandes, nachdem er in London gesprochen hatte, nochmals am 9. Februar 1928 und am 12. Januar 1929 nach Paris. Dort nahm er in öffenllichen Versammlun­gen mit aller Energie Stellung gegen die Kriegs- schuldlüge, die Rheinlandbesetzung, den Weichsel­korridor und das Friedensdiktat. Namentlich fein letzter Vortrag, in welchem er vor namhaften fran­zösischen Politikern die Anschlußfrage eingehend er­örterte, fand größten Widerhall in der Presse. Alle Freunde und Gegner begegnen August Abel mit der Hochachtung, die ihm selbst als Grundlage seiner

ihre hinreichende Erklärung.

Mit besonderem 3nteresse wird von den ver­schiedenen Kapiteln Dc3 Voranschlages vor allem das Kapitel Straßenbauwesen anzusehen sein. Hierfür sind auf der Au5gabenseite für das neue Rechnungsjahr 4936500 Mk. (im Vor­jahre 4 940 000 Mk.), auf der Einnahmeseite 3 663 800 Mk. (im Vorjahrse 3 616 500 Mk.) vor­gesehen. Aus allgemeinen Mitteln sind 1 329 700 Mark, gegen 1 323 500 Mk. im Vorjahre, auf­zubringen. Don den Ausgaben entfallen (die entsprechenden Zahlen des Vorjahres sind in Klammern beigriügt) auf: Verwaltung ^kosten 252 000 Mk. (241000 Mk.); allgemeine Unter- Haltung-kosten für B- und O-Straßen 611 500 Mk. (667 000 Mk.); B-Straßen 831000 Mk. (612 500 Mk.); O-Straßen 211 500 Mk. (243 500 Mk.): be­tautere Herstellungen auf O-Straßen 3000020 Mk. (3 007 000 Mk.); Daumvflanzungen 40 000 (40 000 Mark); Reubau und Umbau von Provinzstraßen und Drücken 47 500 Mk. (125 000 Mk ); Rücklagen für die bei Uebernahme der Straßen entstehen­den ersten Kosten, Kapitalausleihung. 3000 Mk. (4000 Mk.). An Einnahmen sind veran­schlagt: Allgemeine Unterhaltungskosten für B- und O-Straßen 378 000 Mk. (377 000 Mk), darun­ter der Staatsbeitrag in Höhe von 370 000 Mk. wie im 3ahre vorher: für die B-Straßen 150 000 Mk. als außerordentlicher Zuschuß aus dem Wasserwerks! onds zur besseren Unterhaltung der B-Straßen: besondere Herstellungen auf O- Straßen aus Anleihemitteln für Die Durchfüh­rung des Dauprogramms eine Kapitalaufnahme von 2 000 000 Mk. (2 100 000 Mk), aus Mitteln der Krastfahrzeugsteuer 1 003 000 Mk. (890 000 Mk.); Darunpslanzungen (Erlös aus Obst und i aus Baumfällungen 63 000 Mk. wie im Vor­jahre; Reu- und Umbau von Provinzstraßen und Drücken 42 503 Mk. (115 530 Mk.); Rücklagen für die bei Uebernahme der Straßen entstehen- d-n ersten Ko''en, V'rmögm zinsen und Kapital- rückemp'ang 33 030 Mk. \51C0J Wk).

tu etircuiiQ, day die Provinztalverwaltung auch für bas neue Rechnungsjahr wieder um­fangreiche Mittel für den Straßenbau bereit­stellen will und zu diesem Zwecke einen außer­ordentlichen Zuschuß aus dem Wasserwerks- fonds heranzieht. Daß dabei nicht nur an dte O-Straßen, sondern auch an die B - S t r a - ß e n in weitgehendem Maße gedacht ist, dürfte sicherlich allgemeine Anerkennung finden, vor allem bei der Landwirtschaft und bei dem am Fährverkehr im engeren Heimatgebiete inter­essierten Kreisen.

Für die O-St raßen wird dte Herstellung von 25,4 Kilometer Kleinpflaster unter Aus-

neten Konflikt mit Deutschland führend« Politik Englands, Frankreichs und Rußlands weiterhin sehr wirlsam kennzeichnen durch eine Schilderung des weltpolitischen Han­delns dieser Staaten schon lange vor dem Kriege. Er erinnerte an die Poltttk jener Mächte in Afrika, im nahen und im fernen Osten, wo überall deullich das Bestreben nach Schädigung und Zurückdrängung Deutschlands erkennbar wurde, an die Einkrcisungspolitik Eduards VII. und Poincarös, die nur den Zweck ver­folgte. Deutschland politisch, wirtschaftlich und militärisch lahmzulegen. Auf Grund aller dieser Tatsachen konnte der Redner mit Recht die Schlußfolgerung verlünden, daß nieytDeutsch- land der Schuldige an der großen Kriegskatastrophe ist. sondern daß die Schuld auf feiten unserer Kriegs­gegner gesucht werden muh und daher das im Artikel 231 des Versailler Diktats und in dem dazu gehörigen Ultimatum enthaltene erpreßt« Bekenntnis Deutschlands zur Kriegsschuld ein Verbrechen am deutschen Volke ist. das der Sühn« bedarf. Unter Hinweis darauf, daß auch im Ausland« diese Erkenntnis der Tatsachen und Wahrheiten sich immer mehr ausbreitet, auch im ehemals feindlichen Ausland« und in Amerika, forderte der Redner zum nachdrücklichen Kampfe gegen Die Kriegsschuldlüge auf und verlangte von der ReichSrcgierung, daß sie diesen Kampf zur Wahrung der deutschen Ehre unver­züglich durchführe unter der Losung: LoS von Versailles!

3m Anschluß an den mit langanhaltendem, lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag und an den Dank des Vorsitzenden an den Redner wurde einstimmig die nachstehende

6nffd)tiefhrg

angenommen: 3eder Deutsch« muß wissen, daß das ganze Diktat von Versailles nur auf Grund der K r i e g s s ch u l d l ü g e zustande gekommen ist. Ehrenpflicht jedes Deut­schen ist, gegen diese Lüge mit allen Mitteln anzukämpfen! Faulheit und Gleichgültigkeit werden zum Verbrechen am ganzen deutschen Voll und am Andenken an unsere teueren, auf dem Felde dec Ehre gebliebenen Kameraden. Mit der Kriegsschuld luge muß auch das Diktat von Versailles fallen. Diene daher jeder Deutsche seinem ge­liebten Vaterland« mit allen Kräften'

wand von 1 360 000 Wk. vorgeschlagen. Die Er­wägungen über das Strahenbauprograinm un­ter Verwendung mitlelschwerer Decken sind noch nicht endgültig abgeschlossen, es kommen etwa 15 Kilometer in Betracht unter Aufwand von 540000 Mt. Diese Strahenbauten sollen aus den obengenannten Anleihemitteln in Hohe von 2 Mill. Mk. finanziert werden. Don der einen Million aus Mitteln der Kraftfahrzeugsteuer sind 859 000 Mk. für den Kapitaldienst an An- leihen aus 1927 und 1923, sowie für eine 1929er Anleihe vorgesehen. Für besondere Herstellungen und Oberflächenbehandlungen der Sirayen sotten 126 000 Mk. ausgegeben werden, sednch b-dält sich der Provinzialausschuh eine Aenderung, so- wie eine Ausdehnung des Programms über den jetzigen Stand hinaus für den Fall vor, daß die Kraftfahrzeugsteuer mehr als 1 Million Mk. einbringt. Für di« Aufstellung von Warnungs- tafeln auf Durchgangsstrahen und auf O-Stra­ßen sind als zweit« Rate vorläufig 15 003 Mk. vorgesehen, die ebenfalls aus Mitteln der Kraft­fahrzeugsteuern gedeckt werden sollen, ilntcr dem TitelBesondere Herstellungen auf O-Straßen" wird in Dem Voranschlag Darauf hingewiesen, daß der Provinzialtag in seiner Tagung vom 23. Mai 1927 bereits den Provinzialausschuh ermächtigte, zu Zwecken der Kleinpslasterung oder einer gleichartigen Befestigungsweise auf O-Stra­ßen ein Kapital bis zu 3 Millionen Mk. zu den bestmöglichen Bedingungen aufzunehmen. 3n 1923 sind 2 Millionen Mk. ausgenommen worden. Runmehr wird von der Provinzialverwaltung beim Provinzialtag beantragt, den Provinzial-

auSschuß zu ermächtigen, noch ein weiteres Dar­lehen von 1 Million Mk. auszunehmen. Ferner wird um die Ermächtigung nachgesucht, wenn es die Verhältnisse auf dem Geldmarkt erlauben, eine langfristige Anleihe von etwa 6 Millionen Mark netto aufzunehmen und aus ihrem Rein­erlös die Tllgung der bis jetzt aufgenommenen kurzfristigen Anleihen ganz oder zum Teil vor­zunehmen.

Auf den B-Straßen sollen für Walzungen im Umfange von insgesamt 21 Kilometer 171000 Mk. ausgegeben werden, während für besondere Her- fteUungen und Oberflächenbehandlung auf Bezirks- ft raßen im Umfange von 35,2 Kilometer 176 000 Mark vorgesehen sind. Cc*.'~:f?b?r b-rn Vorjahre 1928 mit 150 000 bzw. 89 000 Mk. Auswenoui.gen sind also diesmal erfreuliche Erweiterungen in die­sem Telle des Straßenbauprogramms der Provinz zu verzeichnen. An Walzmaterial sind für die B-Straßen und die O-Straßen Im Gegensatz zum Jahre 1928 mit 40 000 Kubikmeter, jetzt 50 000 Kubik­meter vorgesehen.

Neben diesen erheblichen Aufwendungen für Die Erneuerung unseres Prooinzstraßennetzcs stehen natürlich noch die ebenfalls recht beträchllichen Aus­gaben für die laufende Unterhaltung der Straßen. Wenn es auch erhebliche Opfer sind, die im neuen Rechnungsjahre wiederum von der Bevölkerung ge­fordert werden, so wird man sich doch der Erkennt­nis nicht verschließen können, daß diese Opfer not- wendig sind zur Befriedigung unabweisbarer Be­dürfnisse des Verkehrs und zur weiteren wirtschaft­lichen Aufwärtsentwickelung unserer Provinz.

Anschließend an die seit einiger Zeit im ganzen Reiche erneut auftretende Bewegung zu m Kampfe gegen Die Kriegsschuldlüge sand, wie gestern schon kurz berichtet, am Donners­tagabend auch in unserer Stadt eine Kundgebung gegen Die schmachvolle Anschuldigung von Der Deut­schen AlleinschulD am Weltkriege statt. Zu Dieser KunDgebung hatte Die Arbeitsgemeinschaft Der Militär- unD Regiments vereine von Gießen in Den Saal Des Cafe Leib aufge­rufen. Der Einladung war ein sehr zahlreiches Pu­blikum aus allen Kreisen Der Bürgerschaft gefolgt.

Landgerichtsrat Trümpert

hieß als Vorsitzender Der Arbeitsgen- injdjaft Die Versammelten willkommen unD bcg..chnete als Zweck Dieser KunDgebung unD Der gleichartigen Ver­anstaltungen im ganzen Reiche Die Absicht, Dadurch auf die R e i ch s r e g i e r u n g dahin einzuwirken, daß sie erneut gegen Die KriegsschulD- lügc v o r ae h e unD dabei Die Ueberzeugung habe, bei Diesem Schritt Das ganze Deutsche Volk hinter sich zu wißen. Hier hanDele cs sich für unser Volk um eine lebenswichtige Ange­legenheit unD um eine Ehrenfrage. Mit Recht hätten P o i n c a r e unD LloyD George schon vor Jahren erklärt, Daß mit Dem Bekennt- n i 9 Der Deutschen Schuld am Weltkriege Das ganze Versailler Diktat st ehe oDer falle. Durch Das Deutsche Vorgehen müsse Dieses e r preßte SchulDbekenntnis aus Der Welt geschossen werDen. Das sei nicht nur eine Ehren- psl.cht für Die IcbenDen Deutschen der kommenden Generation gegenüber, sondern auch für Die Ehre unserer auf Den SchlachtfelDern gefallenen SolDaten DringenD notwenDig. Der Redner wies weiter auf Die bekannte Zurückweisung Der Luge von der Deut­schen Kriegsschuld Durch Den ReichspräsiDenten, Generalfelömarschall o. i n D e n b u r g bei Der lannenbergfeier hin, ebenso auf Die Erklärung Des ersten Deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert, daß das Deutsche Volk nur zur VerteiDi- gung seiner Grenzen in Den Krieg gezogen sei. Auch Die französische Forderung in Dem Versailler Dik­tat auf Auslieferung Der DeutschenKriegsoerbre- chcr" sei für jeden Deutschen ein Schlag ins Gesicht. Gegen diese Ungeheuerlichkeiten müsse mit allem Nachdruck vorgegangen werden, und hierin Die Deutsche Reichsregierung zu stützen, liege im Interesse Des gesamten Deutschen Volkes.

Oberst a. O. K ein- ans

behandelte hierauf in etwa einstündiaem, über­sichtlichen Vortrage Die geschichtlichen Tat»

Gießener Stadttheater.

Vernarb Shaw:Cäsar und Kleopatra".

Das ist Der Sinn Des Stückes: Entschleierung Des Heroischen ... Rückführung Des übermenschlichen, batbgJtlidjen Umrisses Der welthistorischen Gestal­ten auf ein Mensch.rches Maß. Weil es aber Dabei nicht oDer wenigstens nicht ausschließlich und endgültig auf Verkleinerung, Verzerrung unD Vcrulkuug abgesehen war, ... weil Das Menschliche, Das unter Der Heroenmaske zum Vorschein kommt, in entscheidenDen Augenblicken seine WürDe be- wahrt: Darum ist Dieses Stück eine K o m ö D i c. Man sieht Den Helm, aber auch Das Antlitz Darunter man sicht Das Staatskleid, aber man hört auch Das Herz Dahinter schlagen. Wenn Cäsar Den Lor­beer vom Haupte nimmt, erblickt man seine Glatze und lächelt Darüber mit Der Aegypterin; Dennoch verliert auch Dieser kahchäuptige Caesar nur in un­wichtigen Momenten Format unD Umriß Des gro­ßen Menschen, Der er war.

Man sicht freilich auch Den Helm und Die Rüstungen, man hort Den festen ruhigen Tritt Der roelterobernDen Legionen Des Imperiums, Die Na­men Rom. Pharsalus, AlcxanDria find mehr als Kulisse, sie haben hier ihr spezifisches Gewicht, sie spielen mit. Darum Darf Das Stück mit tfug eine historische Komödie genannt werden.

Wenn in dieser historischen Komödie, von deren ernsterem Urbild und Anlaß uns fast zwei Jahr­tausende trennen, ein Mensch namens Britannus in Cäsars Gefolge erscheint, Der nur Dazu Da ist, Den EnglänDern von heute einige Liebenswürdigkeiten zu sagen so ist Das ein harmloser Ulk, Der Shaw sehr ähnlich sah. (Man möchte glauben, er fei m Diese Figur verliebt, unD sie sei ihm wichtiger als Das ungleiche Paar DerHeroen".)

UnD wenn zu Beginn Der Prologsprecher erscheint in Gestalt des fperbertopfigtn Aegyptcrgottes Ra, io lacht man, wenn cc Den Männern im Parkett ge­bietet, nicht zu husten, und Die Frauen beschwört, nicht mit Dem Butterbrotspapier zu rascheln. Wer man wird nachdenklich bei seiner wunderlichen Ver­kündigung- daß Die Menschen vor zwanzig Zahr- bunDerten genau so waren,wie chr heute |eiD, so sprachen und lebten, wie ihr sprecht und lebt, nicht

schlechter unD nicht besser, nicht klüger und nicht Dümmer". Dies ist nickt nur Der auf Den ersten Blick verblüffende Kunstgriff, Den fernen Stoff mit einer leichten Geste an uns heranzubringen, ihn uns ver­traut zu machen, fonDern auch hierin offenbart sich Der tiefere Sinn Des Hiftorienfpiels, jener Ver­menschlichung, ohne welche Die echte Komödie nicht zu leben vermag.

Die Handlung? Eine Episode zwischen zwei welt­historischen Augenblicken: Pharsalus und jener denk­würdigen Senatssitzung im Jahre 44

Cäsar bleibt auch hier, was er war: Staatsmann, Feldherr, Schriftsteller, Philosoph. Gut, so kennen ihn alle. Aber nicht alle waren Darauf gefaßt, ihn sich als einen gutmütigen DrigaDegeneral oorzu- srcllen, Der auch einmal ein paar Stunden mit einem kleinen Mädel vertändelt, seinen Spaß mil ihm hat und im Augenblick, da der Spaß blutiger Ernst zu werden droht, bas Spielzeug beiseite wirst und geht und heimkehrt nach Rom . der selbe, der er war: Staatsmann, Feldherr, Schriftsteller, Philo­soph. Ein bedeutender Mensch, dem es nicht ge­schadet hat, daß er seine Glatze sehen und sich für eine kleine Frist einen Onkel nennen ließ.

Kleopatra wird erst Die, als Die Die Geschichte sie kennt. Sie ist roeDer eine große Königin, noch eine große Kokotte, unD man braucht sie sich auch nicht DauernD mit einer giftigen Solange in Der HanD vorzustellen. Ehe sie nämlich Die große Königin und Kokotte rourDe und zur Schlange griff seht her! war sie ein kleines Mädchen, ein äthiopisch ge­färbter Backfisch, der sich fürchtet und schmollt und vor Der Kinderfrau noch fast ebenso zittert wie vor den Römern, die in ihrer kindlichen Phantasie als Menschenfresser leben.

Rachdem dies gesagt ist, braucht die Hand­lung im einzelnen was ohnehin zu weit führen würde nicht mehr erzählt zu werden. Rur einige Motive seien herausgepsluckt: die erste Begegnung zwischen dem alternden Mann und dem jungen Weib, das fast noch ein Kind ist. zu Füßen der Lphin? bei Dacht: vielleicht die feinste Szene im Drama, von ernsthaftem Humor überspielt, menschlich empfunden, dichte­risch gesehen.

Schon derber der Spaß, wenn die Afrikanerin im alten Onkel nicht nur den Römer, sondern auch zugleich den Allerobersten der Römer er­kennt. Wenn der Dann nicht nur die Herrscherin, sondern auch daS Weib in ihr weckt und selbst das Tier ein wenig aus ihrem menschlichen Wesen hervorlockt.

Grotesker Ulf: wenn sich das erweckte Weib in einen Teppich gewickelt zum Caesar _ auf den Leuchtturm schmuggeln läßt, wenn Cäsar, von Den aufsässigen Aegyptem bedrängt, ins Meer hüpfen muh, sich schwimmend zu retten, wenn das Weib ihm nachgeworfen wird und zuletzt Der unvermeidliche Britannus die nahende Ret­tung mit dreifachem .hipp hipp hurraI" tropen- helmschwenk«nd begrüßt.

Eine stille, gütige Heiterkeit der Komödie aber ist über die Szene gebreitet. Da Caesar Abschied nimmt pon der jungen Königin, mit Zartheit und leisem Verzicht und dem lächelnden Ver­sprechen. einen 3üngem zu schicken an seiner statt: Mare Anton soll er heißen, den Kleopatra wahrhaft lieben wird.

Wofern wir recht berichtet sind, hat die Gene­ralprobe gestern bis morgens um 3 gedauert; man muß anerkennen, daß sich die Mühe ge­lohnt hat. Die Ausführung, die man unter Tannerts Regie zu sehen bekann war in einem großen Rahmen gemacht, weiträumig, ja von einer gewissen Monumentalität; das Ganze hatte (Stil und Haltung, und man ver­zichtete dankenswerterweise Darauf, Die heitere, manchmal ausgelassene Tonart, das Scherzo in Der Historie etwa mit billigen Vorzeichen äußerer Art zu verzieren. Don Den großzügigen Dekora­tionen Löfflers seien Die Bilder mit Der Sphinx, am Kai und am Leuchtturm als beson­ders gelungen hervorg:hoben.

Was die Darstellung angeht, so war sie be­weglich. belebt und vor allem auf die Heraus» arbeitung und Schattierung der ipedjirfnben Stimmung und Tonlage des Dialogs, auf be­wußte Ruancicrung Deä Shawschen Komödien- stils und feiner umspringenden Humor« mit Er­folg bedacht.

Gareis war Caesar. An ihm ist zu rühmen eine verblüffende Maske und Die gütig-heiter«, gelassene lieber! egenljeit seines Wesens. ES war die Mischung getroffen, auf Die es ankommt und von Der Die Rede war. Für unser Emp­finden wurde Die Rolle vielleicht ein wenig zu bewußt und betont im Sinne Shaws ge­spielt: zu lehr auss Einfache, Unpathetisch«. Rurmenschliche hin; dieser Cäser darf gele­gentlich, nicht nur ganz zuerst und zuletzt, durch­aus auch, Spatz beiseite, als der empfunden werden, Der er war und als Den man ihn au« Der ilebcrlieferung kennt.

Sehr hübsch, sehr amüsant, sehr geeignet für Die Aufgabe: 3nge Scherer als Kleopatra. Auch hier eine Mischung; sie wurde dargestellt, aus ganz menschlichen Zügen und ganz bar­barischen, fast tierhaften Instinkten. Auch hier eine Wandlung: vom verängstigten Mädchen zum Weib, säst bis zum Weibsteufel; vom kichernden Backfisch zur bewußten, halb spielerischen. halb grausam-verschlagenen Herrscherin. Wan spürt im Laufe Der Ereignisse das spätere, bekanntere Bild sich formen und ankündigen: Die große Königin, Marc Anton und die Schlange. Eine tüchtige Leistung.

«

Vortrefflich war ferner Gbert-Grassow als Der römische Befehlshaber Ruf io; eine ganz gerade gezeichnete Gestalt: echter Frontsoldat, kernig, trocken, zuverlässig, brummig und nicht ohne Mutterwitz. Zwei Drollige Chargen: Luise 3 ü n g l i n g, die Reichsamme mit dem unaussprechlichen Ramen Ftatateeta und einer beängstigenden Formenfülle: Ricardo de Ca­stro als der Sekretär Britannus, der die gif­tigen Rebenbemerkungen Shaws mit steifer Ge­mütsruhe und einem pomadigen Wasserkanten­dialekt unter Die Leute bringt

Auch Haeser (Prolog), Gannett (Apollo- dvrus) und V o 1 ck (Pothinus) stellten abge­rundete Chargenpartien heraus.

Der Beifall klang - vor lauter Verblüffung? nicht so kräftig, wie er verdient war; ein amüsanter und zugleich besinnlicher Abend.

Qg. TU