Nr. 40 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, f6 Abruar (929
Für den Büchertisch.
„Lm Westen nichts Neues."
Ein Kriegsbuch von Erich Maria Remarque.
Wir haben schon deS öfteren darauf hin. gewiesen, wie merkwürdig und auffallend eS fei, bah daS Erlebnis des großen Krieges etwa ein 3ayrzeyn1 nach seinem Ende zum vielfach aus- gegriffenen literarischen Stofs herangereist ist: in der jüngsten Zeil haben sich — wenn man von einzelnen, minder bedeutsamen Vorläufern absehen will — die mannigfachen, mehr oder weniger künstlerisch ausgereiften Dokumente dieses Erlebnisses gehäuft. Heben den Filmen, neben den Dramen — wir erinnern an .Loboggan" und »Karl und Anna" — sind vor allem die großen Romane ..Sokdat Duhren" von Georg von der Dring, „Der Streit um den Sergeanten Grischa" von Arnold Zweig. „Krieg" von Ludwig Renn. „Ginster" (..von ihm selbst geschrieben"). „Jahrgang 1902" von Ernst Glaeser, „Fahnenjunker Vollenborn" von Georg Grabenhorst zu nennen: diese Auszählung sott um so weniger einen Anspruch aus Vollständigkeit erheben, als wir glauben. daß seither — auch angesichts dieser neuen Werke — noch immer „Le feu" von Henri Darbusse auch für unS als d a S Buch vom großen Kriege haben gelten müssen.
Erst in der allerletzten Zeit ist ein Werk ausgetaucht. daS weit stärker und wesentlicher erscheint, als die eben genannten . . ., ein deutsches KriegSbuch endlich vom Range des „Feuers" von Darbusse: eS heißt „3m Westen nichts ReueS" von Erich Maria Remarque. (284 Seiten 8°. 3m Propyläen-Verlag, Derlin 1929.) — 50. —)
Stärker noch und mit tieferer Dedeutung als jene frühere und schnell berühmt gewordene Schilderung deS Franzosen wirkt dieses Buch aus uns ein und geht uns an — uns 3unge und 3üngere zumal, die wir im eigentlichen Sinne alS die Generation des Krieges zu gelten haben. Stärker und tiefer: weil eS ganz von unS aus gesehen, erlebt und geschrieben ist. Und weil es jegliche Tendenz vermeidet — obwohl jedes ehrliche Duch über den Krieg zugleich ein Buch gegen den Krieg sein muh. Dies galt auch von Darbusse, dessen Schilderung vielleicht ausdrücklicher und gettissentlicher „tendenziös" wirkte, als viele ähnliche Darstellungen: aber Darbusse blieb trotzdem in jedem Kapitel, ja In jedem Satze seine- „Tagebuches einer Korporalschaft" bewußt und leidenschafllich der nationale Franzose.
Hier, bei Remarque, hat die sachliche Gesinnung unserer Zeit einmal eine würdige und bleibende Tat geschaffen. Hier ist das Werk eines (jungen) Dichters, der mit einer erstaunlichen Reife und einem unanfechtbaren Ernst aus dem Dunkel der Ramenlosigkeit tritt: ein Duch vom Kriege, das etwas vom Sill großer Welthistorie in sich trägt, das die Rankesche Forderung in einem neuen Sinne sich zu eigen macht: man muß schreiben, wie eS wirklich gewesen ist.
So ist es gewesen — wie es hier ausgesagt wird. So und nicht anders. So müßte jeder von uns, jeder der wirklich „draußen" war, „sein" Buch über den Krieg schreiben, wenn er ein Dichter wä-e wie dieser hier, dessen Hamen man vor wenigen Wochen noch nicht kannte. ES ist einem, wenn man dies Duch liest — man liest rs atemlos, ohne aufzusehen, bis ans Ende —. alS ob die vielen Tausende, Lebende und Tote, hier noch einmal gemeinsam ihre Stimme erhöben zu einem riesigen Chor, zu einem einzigen Schrei: seht her, das sind wir gewesen, und so war der Krieg. Heben die Kriegsbriefe der gefallenen deutschen Studenten (von denen jetzt ein zweiter Band vorbereitet wird) stellt sich das Werk von Remarque als ein menschliches Dokument, als eine zeitlose Chronik: hier — und bis aus weiteres: hier allein — ist unser Denkmal des unbelannien Soldaten. So hat der gemeine Mann all die 3ahre hindurch gelebt und gelitten, so hat er gesprochen und so hat er gedacht, so hat er gekämpft und gehungert. so ist er marschiert und so ist er gefallen.
DieS eben erscheint uns bedeutsam und wichtig an der Schilderung von Remarque: daß sie sich nicht an irgendeine Besonderheit, eine Begebenheit. einen Ginzelfatt klammert, sondern daß sie ein großes. gemeinschaftliches Erleben, das Kam^adschastsschicttal unzähliger Menschen in einfachen, gültigen Sätzen zu gestalten wagt.
Remarque schreibt einen klaren, schlichten, schmucklosen €♦.[; eindringlich, unmißverständlich, wahrhaftig: ohne Schminke, ohne „Richtung", ohne Tendenz — aber scharf, zupackend. unbcft^hlich und zuweilen mit dem grimmigen Humor des Frontsoldaten, der sich nicht gewählt ausdrückt, aber ins Schwarze trifft. Kein Wort der Anklage, des Aufruhrs, der Hetze. Dies Duch ist lein Leitartikel, sondern ein Bericht. Der Schreiber weih, worauf eS anlommt und vergreift sich niemals im Ton.
Der Inhalt? Gibt es denn hier einen „3t> hall"? Es ist ja kein Roman. Es ist — ähnlich wie bei Barbusse — etwa das Tagebuch einer Korporalschaft. „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur der Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde auch wenn sie seinen Granaten entkam"
Wir wollen hier nicht mit herausgerissenen Zitaten den schweren Eindruck deS Ganzen zerstören. Wir möchten, daß dieses Buch gelesen werde — von vielen, von allen, die den Krieg noch nicht vergessen haben, denen das deutsche Schicksal am Herzen liegt, und die wissen oder sich daran erinnern wollen, was ein Geschlecht vier lange 3ahre hindurch Tag für Tag und Rächt für Rächt hat auf sich nehmen müssen.
Wan mutz das alles selber lesen und in seiner ganzen grausamen Wirklichkeit inS Helle Bewußt- fein bringen lassen — waS da etwa über die militärische Ausbildung und die seelische Bereitschaft und Vorbereitung der jungen Menschen im Kriege geschrieben steht, was über die Kameradschaft zu lesen ist, über Gefühl. Gesinnung und Witterung des Frontsoldaten, und
über den Zufall: über den Angriff und den Rückzug. über die verwundeten Pferde und über das GaS. Wan muh das lesen, wie sie auf dem zerwühllen Friedhof mit Granaten eingedeckt werden, und wie sie einen. zwei Tage lang zwischen den Linien sterben hören und ihn nicht holen können .... auch wie sie die Läuse töten und eine GanS stehlen. . . . was chnen im Urlaub begegnet, in der Etappe, im Gefangenenlager, im Lazarett. Das ist nur einiges; alles muh man lesen.
Vollkommen beurteilen kann dieses Buch nur. wer auch (und wirklich) draußen gewesen ist. Tausende und aber Tausende werden daS Urteil sprechen. Die Stimmen, die man bisher gehört hat. haben alle einhellig für Erich Maria Remarque und sein Buch gebeugt
Wahrscheinlich ist es ja überhaupt für einen Einzelnen unmöglich, „den Krieg" in der schrecklichen Totalität seiner Erscheinungen künstlerisch
und menschlich ganz zu erfassen und zu gestallen: das Werk wird — ähnlich wie fast jedes, vor allem jedes lyrische Kunstwerk — immer sozusagen ein Ungefähr und ein Annäherungswert bleiben: aber soweit einem Einzelnen die Gestaltung deS Wesentlichen gelingen kann und sein Erlebnis als beispielhaft und innerlich Der- wandt mit vielen, vielen anderen Schicksalen empfunden wird: so ist es Remarque vollkom- mener und gültiger gelungen, als denen, die vor ihm vom Kriege geschrieben haben. —
Wan muh nicht dauernd mit den großen Worten um sich werfen. Es wird bei uns gemeinhin noch immer zu wichtig und großspurig und überschwänglich von Erlebnissen, Menschen und Dingen geredet. Aber für dieses Buch finde ich — in voller Erkenntnis des verpflichtenden Gewichtes und Wertes der Begriffe — mir die beiden Worte: erschütternd und unvergeßlich.
Dr. Hans Tny riot.
Schriften zur Literaturgeschichte.
— Dr. Ella Mensch: Er lebt noch immer! Sin Spielhagen-Brevier. 83 Sellen 8" mit einem Porträt. L. Staackmann Verlag, Leipzig 1929. (53) — Die vorliegende Zusammen- tellung von Auszügen aus Spielhagens Romanen und Erzählungen wird als lebendes Zeugnis für das Weltbild des Dichters besonders im Hinblick auf die bevorstehende 100. Wiederkehr von SpiethagenS Geburtstag (am 24. Februar) Literaturfreunden und Laienlesern gleichermaßen willkommen fein.
— D i e Familie im Puritanismus. Studien über Familie und Literatur in England im 16.. 17. und 18. 3ahrhundert. Don Prof. Dr. Levin L. Schücking. Geh. 8 Mk.. geb. 10 ML Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. (57) — Mit Freude begrüßt die Kulturkunde jedes Werk, daS ihr bisher unbebautes Reuland zugänglich macht, mit Freude um so mehr das vorliegende Werk des berühmten Forschers, als es eines der wichtigsten kulturellen Probleme zum Gegenstand hat. die Familie. ^Insbesondere für die Eigenart des Angelsachsentums ist keine Lebensgemeinschaft wichtiger geworden als die religiös-ethische Gemeinschaft der Familie; kaum eine Geistesrichtung hat das moderne England tiefer beeinflußt als der Puritanismus. Eine reiche, bisher fast ungenützte Literatur ermöglicht es dem Verfasser mit den Ursprüngen des englischen Familienlebens zug'eich auch Quellen des Purita- ri:m s a fz decken, der ja feinem innersten Wesen nach (Samilienreligion ist. Die oft überraschenden Ergebnisse über die Herausbildung der charakteristischen Formen des häuslichen Lebens, Ehe. Verhältnis von Eltern und Kindern, Herrschaft und Dienstboten fesseln um so tiefer, als sie durch Beispiele aus dem Leben wie der geradezu idealen Ehe Cromwells beleuchtet werden. Der Literarhistoriker verwertet sodann die gewonnenen Ausschlüsse zur Erklärung einiger klassi'cher Dichtungen, die der puritanischen Bewegung nahe stehen.
— Das englische Renaissancedrama. Von Pros. Dr. H. Aronstein. X u. 336 Seiten 8°. Geh. 12 ML, geb. 14 ML Ver- lag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1929. (58) — Das vorliegende Werk, dessen Autor feit 3ahrzehnten seine Studien der eng- |
lischen Renaissance widmet, saht die bisherigen Forschungsergebnisse zusammen. Die Darstellung behandelt nicht nur Dichter und Werke, sondern alle, die mit dem Drama zu tun_ haben, die herrschenden Gewalten, die es begünstigen oder bekämpfen, die Unternehmer und Kapitalisten, die daL Theater aufbauen und finanzieren, die Schauspielergesellschaften und nicht zuletzt das vielgestaltige Publikum selbst, dessen Geschmack und geistige Bedürfnisse die Stücke bestimmen, in einer großen Einheit. Ramentlich dem Lehrer wird das Werk ein gutes Hilfsmittel werden zur Erkenntnis nicht nur des englischen Dramas, sondern der ganzen Epoche von 1570—1642, die Kern und Angelpunkt jedes Wissens um die englische Kultur bleiben muh.
— Sic moderne französische Lyrik von 1870 biö zur Gegenwart. Studie. Erläuterte Texte. Don Pros. Dr. V. Klempe- rer. VIII u. 261 Seiten 8". Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1929. (60) — Klemperers neues Werk ist die willkommene Ergänzung zu seiner „Modernen französischen Prosa". Die einleitende Studie keuchtet zunächst hinein in die Entwicklung des französischen Verses, in die Bedeutung namentlich, die der Musikalität in der modernen französischen Dichtung zukommt. Der 2. Teil der Studie weist die einander ablösenden Strömungen der modernen fran- zöfischen Lyrik auf. vom übernommenen zum reinen und aus steigenden Symbolismus zu Akti- vismus, Auflösung und neuer Festigung. Dann kommen die französischen Dichter selbst zu Wort in einer Auswahl, die um so willkommener sein muh, als sie dem Deutschen die schwer erreichbaren Schätze der neuen französischen Lyrik zugänglich macht. Dom dichterischen Hachempfin- den des Herausgebers bestimmt, bestätigt sie dessen Urteil. Auch das neue Werk Klemperers zeigt die bekannten Vorzüge des Verfassers. Mit glänzender Beherrschung des Stoffes verbindet er die Kraft, überall die große Linie der Entwicklung klarzulegen. Er durchdringt ein Kunstwerk in schärfster Gedankenarbeit und weih doch dabei in der eigenen Darstellung den ganzen Zauber, Ton und Rhythmus des Werkes nachklingen zu lassen.
Politik und
— Paul Wiegler: Der Antichrist, eine! Chronik des 13. Jahrhunderts. Mit 32 Bildtafeln, Leinen, Mk. 15, Avalun-Verlag Hellerau bei Dres» den. (647) Nach dem Eindruck der ersten zweihundert Seiten mochte man das neue dickleibige Werk Paul Wieglers enttäuscht und verärgert aus der Hand legen, entmutigt und erschöpft von dieser verwirrenden Anhäufung von belanglosen Namen, kaum interessierender Einzeltatsachen, die von dem im Titel versprochenen Großen, dem Bllde des Hohenstaufenkaifers Friedrichs II. im Milieu seines Jahrhunderts ablenken. Erst sehr peu ä peu und mit einem großen Aufgebot guten Willens und Pflichtgefühls lieft man sich fest, blättert weiter Seite um Seite, um dann endlich doch belohnt zu werden durch fein gezeichnete und in byzantinisch prächtigen Farben wunderbar leuchtende Einzelbilder, die sich, schiebt man erst einmal das überflüssige und den Blick verdunkelnde Rankenwerk entschlossen beiseite, zu einem grandiosen Mosaik dieses seltsamen Jahrhunderts zusammenfügen, in dessen Mitte das Bild des Kaisers als kostbarster Stein funkelt und leuch- tet Eine „Chronik" geben zu wollen, ohne nun tatsächlich auch zeitgenössische Quellen selber sprechen zu laßen und statt dessen nur in der verwirrenden Vielheit zusammenhanglos aneinandergereihte Tatsachen den alten Chronikstil kopieren zu wollen, war eine absurde Idee, die in der Durchführung fehlschlagen mußte. Aber trotz dieser ossenfichtlichen Mängel in der Anlage des Werks hat es feinen großen Reiz. Dem Bering fei Dank für die vielen Bildbeilagen, die das geschriebene Wort illustrieren.
— Bismarck, Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Hermann Granier. Dritte (Schluß-) Abteilung: Briese. Zwei Bände. Ganzleinen 12 Mk. 3. G. Cottasche Buchhandlung Rachfolger. Stuttgart. (52) — Wit dieser Abteilung Bismarck-Briefe wird eine Auswahl abgeschlossen, die alles Wesentliche und Wichtige aus Bismarcks gesamten literarischen Werken enthält und so ein fest umrittenes Bild des Wollens und Wirkens unseres größten Deutschen ter letzten hundert 3ahre bietet Während die früher erschienenen Abteilungen den großen Staatsmann in feiner weltgeschichtlichen Stellung zeigen, bringen uns diese beiden Briefbände den Menschen Bismarck nahe, wie er sich int persönlichen Verkehr mit den nächsten Angehörigen und Freunden offenbarte. Kerne andere Feder könnte ihn uns von dem neunzehnjährigen, ins Leben hinausstürmenden 3üngling an bis zu dem, seiner eigentlichen Sphäre als Staatsmann entrissenen Achtzigjährigen eindringlicher und anschaulicher schlldern.
Geschichte.
— Parlaments-Album des Kladderadatsch von 1 848 bis zur Gegenwart, mit 300 Illustrationen, herausgegeben und mit erläuterndem Text versehen von Dr. Wolffang Hofmann. Preis in Halbleinen 12 M., in Ganzleinen 14 Mark. Verlag A. Hofmann & Co. G. m. b. H., Berlin SW 48. (777) Im Spiegel des Humors und der Satire, den der Kladderadatsch seit nun mehr als achtzig Jahren dem deutschen Volke treu und unbeirrt vor Augen hält, das Werden des preußisch-deutschen Parlamentarismus aus der Bewegung der 48er Jahre, sein Wachsen und Kämpfen in der Bismarcksck)en und Wilhelminischen Aera bis zum Geburtstage der parlamentarischen Republik und dann die ersten schweren Kinderkrankheiten in unseren Tagen zu schauen, wie es feinen Niederschlag in dem Empfinden des Volkes gesunden hat, dies einmal geschlossen vor Augen zu führen, ist das Programm des vorliegenden Bandes, in den sich zu vertiefen nicht bloß Aufgabe des Politikers von Beruf fein sollte. Es wird uns allen etwas geben, Belehrung und Erheiterung, je nach Laune und Neigung.
— csbmund von G la i f e - H 0 r st e n a u: Die Katastrophe. Die Zertrümmerung Oesterreich-Ungarns uhb das Werden der Rachfolgestaaten. Mit 96 Bildtafeln. Geb. 15 ML Amalthea-Verlag, Wien (783). — Dies reichillustrierte Werk des bekannten Direktors des österreichischen Kriegsarchivs enthüllt das Gewirr von 3mpulfen und Geschehnissen, deren Ergebnis dec Riederbruch Altösterreichs und die in Schmerzen geborene Reuordnung Mitteleuropas geworden ist. Oesterreich-Ungarns Schick'al er üllte sich nicht nur innerhalb der schwarzgelben und tote weißgrünen Grenzpsähle, nicht nur in Wien, Budapest und P-ag, sondern ebenso am Quai d'Orsay, in d:r Downi.igstreet, auf dem römischen Kapitol, im Weißen Hause zu Washmg- ton. Liegt das Schwergewicht der Darstellung wohl auf den Geschehnissen von 1918. so ist auch den Zusammenhängen aus der näheren und weiteren Vergangenheit und vor allem den folgeschweren Auswirkungen in der jüngsten Zeit der entsprechende Raum eingeräumt- Dies rüd- schauende, historische Duch ist nichtsdestoweniger auch hochaktuell für jeden, der mit offenen Augen durch unfere Gegenwart schreitet und übet die weltgeschichtlichen Folgen der gewattigen Umwälzung nachtenkt.
— Das werdende VolL Gegen ßibera- lismus und Reaktion. Von Hermann Ullstein. Kartoniert 4 ML 3n Ganzleinen geb. 5.50 ML Hanseatische Vetlagsanstalt, Hamburg 36. (812)
Neue deutsche Romane.
— Das Ende des Grafen Krall. Roman von Herrn. Stegemann. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart. Gebd. 7,50 ML (730). — Dieser Roman ist eine geschichtliche Erzählung von hinreißender Kraft und vollendeter Kunst der Gestaltung, die durch den Schwung des dichterischen Genies blutechte Menschlichkeit aus der bilderreichen Handlung vor dem Leset erstehen läßt. Durch einen Ehestreit geht das Glück von Krall zugrunde, die Burg Krall fällt dem Der- wüstungsfeldzug der Truppen Ludwigs XIV. in der Pfalz zum Opfer. Hermann Stegemann ist es gelungen. Dichtung und Wahrheit zu verschmelzen. indem er seine genaue Kenntnis der geschichtlichen Wirklichkeit (aus dem Leben des Heidelberger Hofes» in eine neue Form- und Menschengebung einbettete und den historischen Roman in solcher Weise neu faßte. Der letzte Gras Krall, die Gräfin Blandine. die Hofdame Obernau und der Hofjunker von Lauterecken, die vier von dem Zwist der Liebe unb der Leidenschaft Verschlungenen, fmb _ treue Menschenkinder des Tarock, doch erhöht zu Sinnbildern der Menschheit als Träger eines geschichtlich bedeutenden, wahrhaft tragischen Schicksals. Der Leser sühlt sein Herz Mitschwingen bei dieser packenden Erzählung, die ihm köstliche Feierstunden bereitet. Diesem geschichtlichen Roman wird der wohlverdiente starke Widerhall bei allen Freunden einer guten Unterhaltungs- literatur sicher sein.
— Vicki Baum: „stud. ehern. Helena Willf üer". Verlag Ullstein. Berlin. Broschiert 3 ML. Ganzleinen 4,53 OHL (6) — Bicki Baums Liebe, ihr Interesse gehören den jungen Menschen von heute, die sie im Kern ihres Wesens und ihrer Probleme erfaßt. 3n diesem neuen Buch stellt sie den Typ des geifti 1 arbeitenden, jungen Mädchens, der Chcnniestudrntin, hinten in das Univcrsitätsmilieu des schönen, allen Heldeiberg, und verknüpft sie und ihr Schicksal mit dem Problem des unehelichen Kindes. Ernst und verantwortungsbewußt greift Vicki Baum au dem Thema, ernst und verantwor.ungsaewußt durch- kämpft Helene Willsüer ihr drohendes Schicksal und ringt sich durch zum Erfolg ihrer Hroeit. zur Erfüllung ihres kraftvollen, gesunden Frauen^ tunte.
— Der Mann im feurigen Ofen. Ro- n an von Fedor v. Z 0 b e l t i tz. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, gebd. 7.50 ML (689). — Dieser Roman ist eine freudig begrüßte Gabe des bekannten Dichters an feüte große Lesergemeinde. Packend und mit feinster Gestaltungskunst geschaffen, belebt von wunderbaren Schilderungen der südamerikanischen Landschaft und der dortigen Lebensformen, läßt der Autor die Fahrt des Lebensschiffleins zweier deutscher Familien in zwei Generationen und in beiden Erdteilen, Europa und Südamerika, vor dem gei-j fügen Auge des Lesers vorüberziehen. Fein- gezeichnet in der Schilderung der Menschen dieser Handlung, bilderreich in der Milieumalerei, formvollendet in der Sprache und gewürzt mit ständig steigender Spannung bis zum Endpunkt, so stellt dieser Roman ein neues Zobeltitzsches Meisterwerk dar, dem ein bevorzugter Platz tut gut ausgestatteten Bücherschrank gebührt.
— Melchior. Ein Hanseatenroman von Käst ein. (Friesen-Verlag, Bremen) (114). — Ein Duch, das den Leser vom Anfang bis zum Ende mit starkec Spannung erfüllt. Die alte Hansestadt Bremen mit ihren auf ehrwürdiger Kaufmannstradition fußenden, weltumspannenden Hande.shäusern, die königlichen Kaufleute selbst mit ihren Vorzügen und ihren Schattenseilen, mit ihrer geschält.ichen Groß ügigkeit und ihrem starken Fami. ensinn. der .ei den Personen dieser Erzählung allerdings mehrfach e.r.e unheimliche Starrheit ze gt, das Getriebe in den gewa.tigeu Hasenanlagen, der Zauber oes üherseeischen Landes, all das wird hier von dem Autor in aulzeo- orbent.id) reizvoller Weise in die Erzählung de^ Lebensschicksais des Kaufmannssohnes Melchior eingespannt. Der Roman, in feingesch.ttfener Sp.ache geschrieben, ist so mitreißend gestaltet, daß man ihn trotz seines starken Umfanges in einem Zuge durch.escn möchte. Er gehört in die Rcihe der besten Erzählungen von der Wasserkante, und er verdient in jeden guten Bücherschrank ausgenommen zu werden.
— Das heilige. Donnerwetter. Ein Blücher-Roman r>6n Adolf Paul. (Verlag Deutsche Buch-Gemeinschaft, Berten.) (742] — „Der hohe Grad von Adolf Pauls Fähigkeit historischen Ein.ü^lens verblüfft nicht me ;r wir kennen ihn genugsam aus früheren Werken Ss ist ausgeschlossen, mit ein paar Zitaten ein auch nur annähernd richtiges Bild von der glitzernden Vielgestaltigkeit des Werkes zu geben, von dieser geistreichen sprühenden Fülle, die ein einheitliches Wollen mit leichter Eleganz zu- fammengefügt hat." Dieses Leben des großen Felbmarschatts Blücher, das abenteuerlich, abwechslungsreich und dennoch in einer einzigen graben Linie verläuft, im ganzen gestaltet zu haben, ist das hohe Verdienst Adolf Pauls, des Meisters des Geschichtsromans. Da) ganze ist meisterhaft geformt, zusammengelaßt und aufgebaut, daß es eine Freude und ein Genuß ist. sich in das Werk zu versenken. Mit außerordentlicher Spannung, die zu tiefster und reinster Freude über die lebendige Schilderung eines kostbaren Stückes vaterlänöischer Geschichte führt, liest man bi s:n prächtigen Blücher, den man hier von feiner 3ugrnd an bis zum Abend seines Lebens kennenlernt und mit dem man im Geiste die Zeit der tiefsten preußisch-deutschen Erniedrigung und der begcisterungsvollen Befreiungskriege erlebt. Ein Buch, bad jung und alt zu erheben vermag, das vor allem in die Hand e nte je er j ng n De.:Ischen körn ren sol U. Diesem Buche soll.en alle u.n die Wiederaufrichtung unserer nationalen Willensstärke und um die Stärkung unseres Dollsbewußtseins bemühten Männer und Frauen den Weg zu den breitesten Dolksmassen ebnen!
- „Onkel Ferdinand". Eire absonber- ttche Geschichte von Wilhelm Wie 1 ebach, („Rosenstock". Band 18.) 1927. 8°. 120 Seiten. 1,50 Mk. Verlag: Franz Borgmeyer, Hildesheim. (764)


