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Nr. 40 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Samstag, {6. Zebruar (929
Außenpolitische Umschau.
Don Or.OttoHoehsch, o. ö. prof.^erGeschichte an der Univetfitdf Berlin, M. b. X
Drei wichtige Ereignisse, olle am selben Tag, dem g. Februar: die Versöhnung zwischen dem Papst und dem italienischen Staat , die Zeichnung des L'twmow- Paktes; der Beginn der Reparat.onstonferenz. Die Versöhnung zwischen Staat und Kirche in Italien, d.e einen beinahe 60 Fahre langen Konflikt beendet, ist eine außerordentliche geschichtliche Tatsache. Welche von beiden Seiten energischer vorwärts gdrängl hat, können wir nicht sagen. In jedem Falle ist der Abschluß eingroßcrstaatsman. n i s ch e r Erfolg Mussolinis. Er macht Italien frei von den Vorwürfen, kirchcn-, weil papst- feindlich zu sein, und nimmt Frankreich einen von diesem oft gern benutzten Trumps aus der Hand. Er hat fert.g gebracht, was eine Generation von liberalen Staatsmännern nicht zustande brachte. Er hat, was uns das wichtigste scheint, damit Hindernisse im Kampf um die Fugend beseitigt, die ihm doch unbequem waren. Für die Sicherung des Faszismus ist es entscheidend, ob er die Heranwachsende Fugend gewinnt. Stand der Papst feindlich. und hielt er die von der Kirche geführten Fugendorqanisationen dem Faszismus fern, so war das für Mussolini aufs höchste erschwerend.
Hat er dafür besonders große Opfer gebracht? In den Fragen der Souveränität und Unabhängigkeit des Vatikans und in geldlicher Beziehung zweifellos nicht: auch ein souveränes Papsttum und ein neuer Kirchenstaat liegen so, daß sie Italien etwa ge Un- bequemlichkeiten kaum bringen können. Dagegen scheint doch das Konkordat, das zugleich ge- schlossen wurde, erhebliche Zugeständnisse des Staates an die Kirche zu enthalten. Und man fragt, ob nicht vielleicht dieses Entgegenkommen dem Papst den Entschluß zu der Endlösung gab. Denn die Frage, was der Vatikan mit der Versöhnung gewinnt, ist n'cht so leicht beantwortet. Gewinnt er etwas durch die Souveränität und das winzig kleine Territorium, das als solches zweifellos nicht ausrcicht, wenn die Frage eines Beitritts zum Völkerbünde erörtert werden sollte? Gewinnt er viel durch diese Anerken- nung seiner Souveränität, die eigentl'ch bisher schon überall anerkannt war? Welche Position hat doch überall im diplomatischen Korps der Vertreter des Papstes, der Nuntius! Unzweifelhaft gewinnt er durch die Geldzahlungen und noch mehr eben durch das Konkordat: Eherecht, Rückgabe des kirchlichen Eigentums, Einführung des Religwnsuaterrichts usw.
Der erste Eindruck ist natürlich auch für den Va- tikan großartig: ein gewaltiger Erfolg, der das Gefängnis des Vatikans öffnet, gerade im Jubeljahr des gegenwärtigen Panstes. Sogleich aber erheben sich von draußen die Fragen: der Pa oft ist Italiener, er versöhnt sich mit Italien und löscht in der kirchlichen Welt alles Unanaenehme an der Einiaung Italiens aus. Gesichert ist im Konfliktsfall seine Souveränität im neuen Kirchenstaate indes nicht. 1915 haben doch die bei dem Vorgänger des setziaen Vavstes bralaubiafcn Botschafter der Zentralmächie Rom verlassen müsien. In Frankreich fraat man. wie eg jetzt im Falle eines französisch-italienischen Konflikts sein würde? Würde dann Italien diese neue So"verönitöt reformieren? Dann, fn acht die fron- zöfilche P-esse weiter, müßte die Unabhängigkeit auch insofern sich^rgestellt sein, daß nicht .das Starbtna(s- kolleaium Ht ganz italienisch wäre, wie heute, und daß schließlich einmal auch ein französischer oder deutscher Kardinal zum Varste gewählt werden könnte. Dad'"-ch würde die Unahhängia'eit der ober- sten Kirchenführung von dem italienischen Staat ja ar* >«>,,»Ochsten bekundet
Man sis-dt, w-lch weittroaende Gedanken sich so- fv'-t an diese ßöfura her römischen Frage knüvsen. Für Italien und M"Nolin1 ist sie ein oemafHaer und ganz aroßer Erlola. der erste Erlolg großen Stils, der nb^hauot Mussolini in der Außenpolitik oeluram ist. Für den Vatikan scheint uns das nicht so unbedingt sicher aber wir stellen das letzte Ur
teil darüber der Weiterentwicklung anheim. In jedem Falle aber scheint es uns übertrieben, nun anzunehmen, daß der Erfolg Mussolinis eine ungeheure Wirkung in die Welt hinein, bei den Ka- tholiken der Erde Haden würde, oder gar, daß etwa unmittelbare Rückwirkungen auf die Mittelmeerfrage die Balkanverhältnisie und dergleichen eintreten könnten. Wir unterschätzen wahrhaftig nicht die ungeheure Bedeutung, die auch für die Außenpolitik dem Vatikan und der so gewaltig organisierten ka- tholischen Kirche zukommt. Aber wer heute alle, mit dieser Lösung zusammenhängenden Fragen sorgsam abwägt, der wird bei aller Würdigung dieses großen geschichtlichen Vorgangs vielleicht zu dem Urteil kommen, daß er mehr der Vergangenheit zu- gewendet ist, als der Zukunft.
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Die zähe und geschickte Politik Litwinows hat es dazu gebracht, daß in Moskau wirklich Polen, Rumänien, Estland und Lettland mit Rußland das Protokoll unterzeichneten, das den Kellogg-Pakt unter diesen Staaten in Kraft setzt, noch bevor er sonst in Kraft getreten ist. Freilich fehlten Finnland und namentlich L i - tauen, so daß also dieser Akt eine Wirkung gerade auf den gefährlichsten Konflikt im Osten, den litauischpolnischen, nicht ausübt. Dafür hat R u m ä n i e n unterzeichnet, womit Rußland ausdrücklich darauf verzichtet, die von ihm nicht anerkannten Grenz- Verhältnisse mit Rumänien kriegerisch ändern zu wollen: somit ist vielleicht die Bahn zu einem Friedensschluß und einer Verständigung über Bessara- bien eröffnet. Man hat diese Politik Litwinows als Überslüssig bezeichnet. Aber sie ist doch ohne Zweifel der Ausfluß einer Friedenspolitik, die der amerikanischen bewußt parallel gehen will und mit der Sowjet-Rußland sich bindet. Mit ihr sagt es auch zugleich, daß es fick an der Weiterbildung dieser Pakte beteiligen will, wie es auf anderem (Bebtet, im Schlichtungsabkommen mit Deutschland, das kürzlich auch getan hat. Und fragt man. ob Rußland bei dieser Politik „ehrlich" sei, so ist die Antwort darauf, daß sie es macht in dem Gefühl der eigenen inneren Schwäche. Man kann einfach in Rußland einen Krieg nicht führen, man braucht den Frieden auf das äußerste, um die bekannten großen wirtfck-aftlichen Schwierigkeiten und politischen Gärungen zu über- winden und einen Ausweg aus den Parteikämpfen zu finden, die ja nur äußerer Ausdruck tiefer innerer Schwierigkeiten sind.
In diesem Sinn und s o ist allerdings die Politik Litwinows und dieser Ostpakt ehrlich. Er ist ein Beitrag zur Beruhigung in Osteuropa und ein Erfolg der Sowjetpolitik. Denn mit geschickter Benutzung des Kellogg-Pakt-Gedankens hat sie es fertiggebracht, worum jahrelang vergeblich verhandelt wurde, und roogeaen sich Polen und die anderen Randstaaten immer sträubten: nämlich, daß ein solcher Nichtangriffspakt in Moskau mit den Randstaaten einzeln geschlossen werde. Polens Absicht war immer, wenn überhaupt, dann an der Spitze eines Randstaatenblocks zu unterzeichnen, und Polen hat sich mit der von Litwinow sehr ge- schickt herbeigeführten Lage, die Zaleski offenbar nicht voll übersehen hat, gefangen. Der Eindruck in der Welt ist bei diesem Abschluß, daß Rußland den Frieden will, daß aber Polen doch allerlei Hintergedanken gegen eine Friedensordnung in Europa habe.
Wie lange die Reparationskonferenz in Paris jetzt dauert, weiß niemand. Sicher aber wird die Geduld Europas ziemlich auf die Probe gestellt. Namentlich, wenn, wie zu erwarten ist, die Teilnehmer der Konferenz, wie damals beim Dawes-Komitee, während der Verhandlungen absolut verschwiegen sind. Die langatmigen Berichte aus Paris sagen daher auch dem aufmerksamen Leser nicht viel. Die Standpunkte der Nächstbeteiligten, Frankreichs, Englands, Deutschlands, sind begannt. Am meisten interessiert daran, daß die Konferenz gelingt, ist Frankreich. Auch wir wünschen eine Endlösung, aber sie muß erträglich
sein, darf unsere Währung nicht gefährden und muß uns von den Fesseln, die unsere Souveränität binden, frei machen. Wir haben keine Veranlassung, irgendwie zu drängen oder uns drängen zu lasten!
Wir halten auch die Derhandlunasgegenstände auseinander. Die deutschen Sachverständigen werden in Paris die Frage der Rheinlandräumung höchstens gelegentlich heranziehen. Eine Verbindung mit ihr im Sinne deutscher Mehr• leistung für die Räumung lehnen wir ab. Was Frankreich dazu meint, wissen wir auch: es wünscht schnell und viel bar Geld lind stellt dafür die Räumung des Rheinlandes in Aussicht, die es dann abermals hinauszuschieben, schon wieder Aus- flüchte finden würde. England hat durch Cham- berlains Mund im Parlament deutlich gesagt, daß eine Erlösung der Rheinlandfrage ohne Endlösung der Reparation keine Aussichten habe. Da kann man fragen, ob auch, wenn wider alles Erwarten jetzt eine Endlosung der Reparationsfrage gelänge, damit nach Englands Meinung nun wirklich die Rheinlandfrage spruchreif würde. Das ist ziemlich akademisch.
Nicht aber ist es das, daß auf a m e ri(an i• scher Seite immerhin Vorstellungen und Absichten — vielleicht auch schon schärfer betont — dahin vorhanden sind, es müsse die Räumung des Rheinlandes in dem Augenblick erfolgen, in dem ein erster Teil der großen Reparationsanleihe begebert würde. Es werde eine Endlösung der ^Reparation«- frage, die ja letzten Endes auch die Lösung der Frags der interalliierten Schulden berührt, erft denkbar [ein, wenn die Rheinlandräumung bestimmt sei. Das sind nur allgemeine Andeutungen und Linien; wir wissen nicht, ob sie eine Rolle spielen. Und wie gesagt: Deutschland hat weder in diesem besonderen Punkte, noch allgemein Grund, zu drängen ober sich drängen zu lassen! Was Deutschland verlangt, ist eine gründliche Prüfung der Erfahrungen aus den vier ersten Jahren, bei der der Schleier von den Derhältnisten weggezvgen werden muß, der durch die Anleihen aus dem Auslande vor sie gezogen ist. Darauf hat es zu bestehen! Darum haben seine Sachverständigen zu kämpfen! Dafür muß man in der Regierung, in den Parteien und in der öffentlichen Meinung die Nerven behalten!
Krauenpartei oder Krauenlisten?
Don Katharina von Kardorff'Oheimb.
Der Vorschlag, eine Frauenpartei inS Leben zu rufen, eine Sonderpartei neben bm bestehenden Parteien, wird immer wieder von Frauen gemacht und auf Frauentagungen lebhaft diskutiert. Wenn der Gedanke, der seit 1918 in den Kopsen herumspukt, noch immer nicht beiseitegelegt worden ist, so lohnt eS sich, den Gründen nachzugehen, die für ihn sprechen. Vorübergehend war auch von einem „Frauenparlament" die Rede, aber dieser Plan wurde batd fallen gelassen. 6a die Erkenntnis nahe lag, daß eine Isoüerung der Frauen für sie selbst nur schädlich sein könnt«. Die Frage der Frauenpartei ist jedoch insofern akut, als der Ausfall der letzten Reichstagswahlen bewiesen hat, daß die Interessen der Frauen bei dem jetzigen System nicht genügend gewahrt werden und man sie bei den nächsten Konimunalwahlen besser vertreten sehen möchte. Es herrscht bei den Wählerinnen ztreife.loS eine starke Derdro.senheit, ja Unzusriecenhet und Verbitterung: sie sind sich des Uebergewichts durch ihre numerische Stärke bewußt und mü.fen von Tag zu Tag klarer erkennen. daß sich ihr Einfluß immer stärker abschwächt. Dem jetzigen Reichstag gehören 33 Frauen an oder 6 Prozent der Abgeordneten. In der Nationalversammlung gab es unter 423 Abgeordneten 41 Frauen, das sind 9,6 Prozent. Demnach f)at sich d.e Zahl der weiblichen Abgeordneten absolut und relativ vermindert. Alle Parteien sind, wenn auch nicht gleichmäßig, daran beteiligt. Für die Frauen ist dies niederschmetternd, weil in den zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, die Entwicklung nicht vorwärts, sondern rückwärts gegangen ist. Warum ist die Willfährigkeit der Parteien, Frauen aufzustellen, jetzt geringer als vor einem Jahrzehnt? Weil ter erste Impuls, die erste (Begeiferung, mitzuschaffen an dem "Heuen, das durch bie Gleichberechtigung der Frauen entstand, verflog, weil Männeregoismus sich wieder breit machte, der Wunsch, an den Errungenschaften sestzu- halten, größer war als jede Opferwilligkeit. Die heutige Frauenwelt, soweit sie wahlfähig ist, wählt zu 94 Prozent Männer, welche den Frauen- int:re;f«n ablehnend oder gleichgültig gegenüber- stehen: wenn Wohlwollen bei den männlichen Volksvertretern überhaupt vorhanden ist, so ist cs nie so stark, daß eS befruchtend wirkt, Anlaß zu Reformen gibt
Für die Frauen liegt die Hauptschwierigkeit darin, sich mit der männlichen Rechts- und1 Wirtschaftsordnung abzufinden, sich in ihr durchzusetzen. Die Geschichte der weiblichen Parla-
mentSarbeit beweist, daß noch immer in Frauen- ange egen heiter» männliche Vorurteile. GelchlechtS- egolsmus oder auch nur Gedankenlosigkeit herrschen. Selbstverständliche Forderungen wie bla Verleihung deS passiven Wahlrechts an dia Frauen bet den Kaufmanns- und Gewerbegerichten. die Veseitigung des Verbots des Dörsen- befuchS für Frauen mußten wiederholt gestellt werden, ehe sie erfüllt wurden. We cher Äämfjfe bedurfte es. das Grrichtsvers<flfungsgs,etz_ dahm- gc'cib zu verändern, daß dadurch dreSchöffen- f ä h i g k e i t der Frauen ermöglicht wurde. Diese Schössenunfähigleit war formaler Anlaß, bie Frauen von der Vertretung ihrer Interessen vie> fach auSzuschließen: für dre selbständigen Handwerkerinnen war es ein unhaltbarer Zustand« daß sie zum Beitritt zu einer Zwangsinnung und damit zu DeltragSleistungen gezwungen waren, ohne baß ihnen gestattet war. an der Dcv- walrung teilzur.ehmen. Erst durch die Verleihung der Schöslenfähigleit im Iah re 1922 besitzen die Frauen das volle aktive und passive Wahlrecht bei Innungen, Handwerks- und Handelskammern.
Die Frauen, die in daS politische Leben eintraten, wußten von vornheretn, daß Kampf bie Losung sein würbe, aber sie mußten erst hinzu- lernen, bah auch gegen die eigenen Fraktions- geno.sen der Kampf ging, wenn es sich^unr Fraueninteressen handelte. Die weiblichen Abgeordneten waren so in der Minorität, daß fio nur bann nicht unterdrückt wurden, wenn sie starke und widerstandsfähige Raturen waren. Gerade innerhalb der Parte». Abweichende Meinungen werden gern als Verstoß gegen die Parteidisziplin bezeichnet. Wenn gerade das Götzenbild der Partei, die Parteidisziplin, beit Frauen das Leben erschwert, so liegt es sicherlich nicht in einem Mangel an Sachlichkeit, denn die männliche Objektivität zu erreichen, war in den letzten Iahrzehnten ein weibliches Ibeal. nach dem nur a.lzubrav gestrebt wurde. Auch liegt es uns Frauen noch immer in Fleisch und Blut« wahre Autorität gern anzuerkennen. Aber bie Parteitiflip.in wirkt, wenn übertrieben, lähmend und erstickt die persönliche Bote, ist ein Feind der individualistischen Frauennatur.
Stellt men Enttäuschung auf beiden Seiten fest, bei den weiblichen Wählern und bei den weiblichen Abgeordneten, hinsichtlich deS Verhaltens der bestehenden Parteien, so nimmt es nicht Wunder, bah als Ausweg bie Bildung einer eigenen Frauenpartei auf tauchte. Tatsächlich hat bie Iber etwas Bestechendes und Verlockendes, aber gerade wir Frauen müssen unS hüten, uns
Der Dichter Hermann Stehr.
Don Hans Martin Elster.
Während die Mode der Heimatkunst, wie bei allen Moden üblich, den leichteren Erzählwerken die große Popularität brachte, wuchs aus Heimatboden und geistiger Weltweite, aus dem engsten Zu- fammenhang von Erde und Golt das Werk Hermann Stehrs. Richt als vorüberfliehende .Heimat- fünft", sondern als deutsche, ostdeutsche Menschhens- Offenbarung für die Dauer. Wie Wilhelm Raabes, des protestantischen Braunschweigers, Epik stets den Ruch niedersächsischer Erde trägt und geistig, menschlich, ethisch, religiös doch Weltwerk, Menschhelts- werk ist, so auch Hermann Stehrs, des katholischen Schlesiers, Dichtung. Sie atmet das Wesen eines deutschen Dolk^teils aus, der mit der Mystik seines Innenlebens und der Realistik seines Bauerntums von Angelus Sclisius bis Jakob Böhme, von Eichen- bo.-ff bis Earl Hauptmann stets der Uebergang zum erhabenen Reiche Osteuropas gewesen ist. Man hat darum n cht mit Unrecht Hermann Stehr neben Dostojewski gestellt, nur daß, nach einem guten Worte Arnold Zweigs, Stehr „den Goldglanz über dem Irdischen" „herrlich'' eingefangen hat und nicht im Dunkeln hängen geblieben ist. Dies ist gegenüber dem Slawischen Dostojewskis das besondere Germanische Stehrs: er bringt durch die Nachte und Abgründe des menschlichen Seins hindurch zum Lichte, zur Sonne der Liebe, zum Strahlenglanze Gottes und ist fo in unferm tiefsten Leiden unser seeleerhebender Tröster. ,
Hermann Stehr wurde am 16. Februar 1864 als der dritte von sechs Kindern des Sattlermeisters Robert Stehr geboren: mit dem Totenkranzlein gezeichnet, rang er sich durch die Liebe der Mutter zum fiebern als Säugling schon unbeirrbare Willenskraft des Vaters, die ihm treu geblieben, beweisend-, von der Mutter empfing er die Gemütsfülle, die den dreizehnjährigen Knaben zu den ersten Geschichten brachte. Zu Habelschwerdt, dem fiand- städtchen der Grafschaft Glatz, mitten unter katholischem Volk, stand die Wiege: hier vergingen auch die zwei ersten Lebensjahrzchnte, die über Volksschule und Seminar zum Dolkrschullchreramt führ- len. Es war ein hartes Brot, das sich der geistig schwer Ringende in den einsamen Dörfern feiner ersten Stellungen erwarb, feit 1889 im weltverlorenen Pohldors (Kreis Habelsckwerdt) mit 120, später 95 Schulkindern, in steten Kämpfen mit den Aufsichtsbehörden, mit engherzigem Spießertum. Eine düstere Welt schuf den Dichter, der jung eine gütige Frau heiratete und Jein Heim mit eigenen Kindern verschönt«. 1896 trat er erstmalig mit zwei
Novellen „Auf Leben und Tod" vor bie Oeffent- lichtest, sofort von Berufenen anerkannt. Die Unberufenen freilich nahmen wieder Anstoß, doch diesmal zu seinem Heile: er ward 1900 nach dem größeren Dittersbach versetzt, wo er bis 1911, als ein Gehörleiden ihn zum Verzicht aufs Lehramt zwang, wirkte. Er zog nun nach Warmbrunn ins „Mandelhaus", das er erst 1927 mit seinem jetzigen „Faberhaus" in Oderschreiberhau vertausclfle. Die West hatte ihm endlich ihr Sonnenantlitz zugekehrt: um seiner Werke willen. In langsamer Folge, aus innerer Notwendigkeit waren sie ihm zugewachfen. Heute gehören sie zum bleibenden Besitz großer deutscher Epik. Hermann Stehr ward auch als einer der ersten zum Mitglied der Dichtersektion in der preußischen Akademie der Künste berufen. Die Zukunft wird ihm gewiß auch endlich, spät genug, die Ehren der Heimat bringen.
Stehr ist Schlesier in seinem fieflten Wesen. Ein Bruder des Angelus Silesius, Jakob Böhmes. Ein Grübler, Gottsucher, Gottliebender. Sein Weltbild gründet sich auf der unbedingten Wahrhaftigkeit vor dem Unendlichen und Ewigen, Elementaren und Wesentlichen. Dieser Dichter weiß, daß der Mensch aus dem gätllichen Urschoß kommt und in ihm ein- geht, daß er der Gestalter seines Schicksales ist, wenn er nur ganz dem Göttlichen in seinem Innern sich hingibt. Der Mensch gehört zutiefst seiner In- nenwelt, seiner Seele, und lebt um des Seelischen, das ist des Göttlichen willen. Das wahre Leben bo- steht nicht im bewußten Leben der Außenwelt, sondern in der Verbundenheit mit dem Göttlichen. Es spielt sich ab als ein „Gottes-, Welt- und Menschen- gewicht", als eine Seelewerden der Welt, als ein ständiges Innewerden Gottes in dir und um dich. Der Weise und das Kind, „die bewußte sind die unbewußte Göttlichkeit halten Gericht über unser Dasein". Dies ist Stehrs reinste Schau, gewonnen in einem durch alle Himmel und Höllen des Geistes stürmenden Leben, in dem er sich von Eckhart und Laotsche, Buddha und Spinoza, Kant und Jakob Böhme führen, stets und immer aber von Christus erfüllen ließ. Stehr ist zuletzt ein katholischer Mensch: um Gott und sein Geheimnis wissend, die Liebe Christi in Tat und Denken, Sinnen und Sagen als letzte Lebensaufgabe anerkennend.
Der Dichter schaute diese geistige Well in festen Gestatten. Heute, da wir sein Gesamtwert von mehr als dreizehn Bänden überblicken, sehen wir dies epische Werk (sämtliche Werke im Horen-Berlag, Berlin-Grunewald), nur durch ein Drama „Meta Äon egen" mit dem Motto eine- Eheirrung und einen . Pers- und Aphorismenband, das „Lebensbuch" neben manchen Essais erweitert um den großen zweibändigen Roman „Der Heiligenhof" gruppiert
Die erste Gruppe mit den Novellen „Auf Leben und Tod" (1898), „Dem Schindelmacher" (1899), den Romanen „Leonore Griebel" (1900), „Das letzte Kind" (1900), „Der begrabene Gott" (1905) und „Drei Nächte" (1909) bringt die klare Erkenntnis der Wirklichkeit: sie macht den geistig Gestörten halb gegen, halb mit seinem W.llen zum Mörder, treibt den Trunkenbold in Verzweiflung, befreit den Sch n- delmacher vom Joch falscher Liebe, löst die Frauensehnsucht, die Tragik der Ehe und rechnet allen Erdenjammer auf, gegen den keine Vernunft, kein freier Wille helfen, sondern nur die Liebe. Mit diesem Durchdringen zur Kraft der Liebe ist Stehrs Weg frei zum „Heillgenhof" (1917): das Schicksal eines blinden Kindes, das nach inn-n sehend ist und seinen Vater „sehend" im Sinne Gottes macht, ist der Inhatt dieser wunderbaren Prosadichtung: sie klingt aus im Abschlußroman von „Peter Drind- eisener" (1924): hier führt die himmlische und irdische Liebe ihr teuflich-englisches Spiel zu seliger Erlösung vor. „Menschen binden uns und Menschen lösen uns. Wir werden von einigen gerichtet, von anderen erhoben", sagt der Lehrer Faber im Roman „Drei Nächte", aber, enthüllt der „Heiligenhof", Gottes
Licht leutet über die Glücklichen und Unglücklichen. Ucber die Kinderwett der „Gesch'chten aus dem Man- delhause" (1913), wie die Märchen-, Mythen- und Gegenwartsschicksale der Novellenbände „Abendrot" (1915), „Die Krähen" (1922), „Wendelin Heinelt" (1923), „Geigenmacher" (1926): „Don Grund aus ist die Seele aut. Alle Sünde ist Krankheit. Krankheit bedarf der Liebe". — „Es gibt keine Sünder, es gib* nur Unglückliche, das heißt Menschen, die im Innern in die Irre gestoßen sind" und „Steig' auf und kämpfe! Ganz zerschellt wird keinem Mensch und Gott unh Well". So erhebt sich Stehrs Leben und Wesen, Werk und Dichten, Weltanschauung und Wir- funa in die herrlichste Verklärung göttlicher L'ebe. Dafür bringen ihm alle Wißenden Dank und Verehrung dar.
Heute erkennen auch weitere Kreise, daß die Stunde der größeren Wirkung Hermann Stehrs gekommen ist. Im innerlichen Entwicklungsgang des deutschen Volkes auf seinem Leidensweg ist es heute dahin- gekommen, wo der junge Stehr vor dreißig Jahren begann: in der Seele des Volkes ist der Wille zur lauteren Wah-haftigkeit im Angesichte des Ewigen wieder Lebenskraft geworden. Hermar n Stehrs D?rk entspricht diesem W llen mit seelenaufbauendem Dichten. Darum wird sich jetzt, wie vor einem Menschen- aller bei Wilhelm Raabe, nun auch bei Stehr das deutsche Schicksal gegenüber feinen schöpferischen Geistern erfüllen: die Liebe der Ration wird ihm von Jahr zu Jahr stärker Zuströmen, bis er in absehbarer Zeit im Herzen des Kolkes neben Gottfried Keller,
Storm, Raabe wohnen wird. D'r Deutschen erhallen bei der Entwicklung den besten Teil: die Vermensche lichung, Verinnerlichung, Beseelung unseres Lebens in einer seelenfeindlichen Zell.
Literarische Kunde in Amerika.
Verschiedene Aufsehen erregende literarische Funde sind jetzt in Amerika gemacht worden. Der Historiker Prof. Albert Vushnell Hart entdeckte in einem alten Koffer, der mit Familienpapieren angefullt war, mehr als 2030 Dokumente. die der Schwester von George Washington, Frau Betty Washington Lewis, gehörten. Der Fund wurde zu Scalston in Virginia gemacht: die Papiere stammen von einer Frau Sadler, die zu Öen Nachkommen von Detty Washington zählt. Nach dem Urteil von Prof. Hart ist es oer größte Fund von Washington-Papieren, dec lemals gemacht wurde, und man wird darin nicht nur neue Aufschlüsse über daS Leben des ersten Präsidenten, sondern auch über die Geschichte des späteren 13. Jahrhunderts in Amerika ftnben. Sodann wurden 150 Gedichte der amerikanischen bedeutenden Dichterin Emily D i ck i n s o n aufgefunden, die von ihrer Schwester nach ihrem Tode unterdrückt worden waren. Man hielt diese Gedichte bisher für verloren, nun sind sie von ihrer Nichte in Doston entdeckt worden und werden von Kritikern für ihre besten Schöpfungen gehalten. Was für Kostbarkeiten man in Amerika noch finden kann, zeigt ter Fall eines Neuhorkcr Händlers mit alten Büchern, der einen Haufen von Büchern für ein Butterbrot erstand. Er sand darunter eine der größten Seltenheiten des amerikanischen Büchermarktes. nämlich die Erstausgabe von E. QL Poes Novelle »Der Mord in der Nue Morgue", von der bisher nur zwei Exemplare bekannt waren. Er hat das Buch für 25 000 Dollar an den jetzt wieder durch die Neparationsver- handlungen allgemein genannten Finanzmann Owen D. Voung verkauft.
Lochschnlnachrichien.
Der a. o. Professor Dr. Otto Maull in Frankfurt a. Q2L hat den an ihn ergangenen Auf auf das Ordinariat der Wirtschaftsgeographie an der Handelshochschule in Königsberg abgelehnt. Dagegen hat er den Ivetten Ruf auf die ordentliche Professur der Geographie an der Universität Graz als Nachfolger Nobert Siegers angenommen und wird dem Nufr zum kommenden Sommersemester Folge leiste«. ,


