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Nr. ?3 Erstes Blatt

1T9. Jahrgang

Mittwoch, [6. Januar [929

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Chefredakteur

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantworilich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Eietzen.

Der Umschwung in Afghanistan.

Oer abgeschnittene Bart.

Amanullahs übereilte Reformen.

Ls ist eine seltsame Erfahrung, daß die weitest- tragenden politischen 5tonsequenzen oft nicht von grundlegenden Maßnahmen, sondern von irgend­einem zunächst kaum beachteten Beiwerk ausgelöst werden. Bei dem Sturz der Stuarts und der eng­lischen Staatsumwälzung durch Oliver Cromwell war die Haartracht der sog. Rundköpfe ein mindestens so starker Faktor des Hasses und Blut­vergießens, wie der Umsturz der bestehenden poli­tischen Ordnung; in der französischen Revolution hat die Tracht und die Bezeichnung der Sans­culotten (Ohnchoscn) entscheidend mitgewirkt, und bei der 48er Revolution unterschieden sich die Weltanschauungen durch Zylinder und Hecker- Hut.

Wenn König Amanullah bei feinem fleißigen Studium europäischer Einrichtungen auf diesen Sachverhalt aufmerksam geworden wäre, so würde er es vielleicht vermieden haben, seinem abgeschlos­senen, rückständigen und mit den Begriffen des Westens noch gar nicht vertrauten Volkes rein äußerliche Veränderungen zuzumuten, die mit der inneren Aufgabe der Reorganisation und der technischen Erneuerung wenig oder gar nichts zu tun hatten. Er hätte vielleicht die Einehe durch­setzen können, zu der er selbst mit seiner eleganten und auch für westliche Begriffe schönen Frau das Beispiel gegeben hat; ober er hätte den Frauen nicht von vornherein nach dem türkischen Beispiel, das doch auch erst nach jahrelangen anderweitigen Vorbereitungen auf einen völligen Gesinnungs­wandel zu diesem Schritt gekommen war, den frommen Muselmaninnen ihren Gesichtsschleier abgenommen; und er hätte vor allen Dingen nicht feinen Afghanen, deren klassischer Typus durch einen in der Mitte geteilten mächtiaen Bart mit einem langen, bis hinter die Ohren gezogenen Schnurrbart ausgezeichnet ist, das A b s ch e r e n der Bärte befohlen.

Vielleicht hätten sie die europäischen Hüte noch auf sich genommen und dann von selbst herausgefunden, daß zu dieser, im Vergleich zum malerischen Turban sehr nüchternen Kopf­bedeckung der gepflegte Vollbart nicht patzt. Aber jeder, der die Mentalität d s Orients kennt, wird es als eine Torheit empfunden haben, daß Amanullah rasierte Gesichter anbefahl, einem Volke gegenüber, das aus der ganzen persischen und arabischen Literatur das Scheren des Bartes als ein Zeichen des Schimpfs anzusehen gewohnt war. Lind so ist vielleicht letzten Endes der reformfreudige und fortschritt­liche König Amanullah an einer Barbier­frage gescheitert. Denn sie ist das sicht­barste Symbol für die Ueber cilung seiner . Deformen gewesen und von jedem einzelnen, der mangels geeigneter Vorbildung noch nicht das nötige Verständnis für die Vorteile westlicher Kultur und Technik aufbringen konnte sind es überhaupt Vorteile für ein abgeschlossenes innerasiatisches Volk? an der eigenen Person empfunden werden.

Kleine Ursachen haben oft die größten Wir­kungen. Die Afghanen werden sich, soweit sie sie schon abgeschnitten hatten, ihre Bärte unter der Herrschaft Inajatullahs wieder wachsen lassen und ifm dafür als den treuen Wächter der Tradition feiner Väter und der Religion preisen. Aber die forschrittlichen Gedanken und die technischen Errungen,chaf.en Amanullahs wer­den nicht ganz wieder verschwinden, und vielleicht werden sie in einer Reihe von Jahren als letzte Konsequenz auch dazu führen, datz dann freiwillig die Bärte aus der Zeit Akbar des Großen und Schah Zeh ans dem Schermesser zum Opfer fallen. Dann aber wird das Volk schon reif dafür sein, dessen Entwicklungsfähig­keit Amanullah überschätzt hatte.

Oer Sieg der Aufständischen.

Die letzte Phase der Nevolniion.

R e w Delhi, 15. 3an. (WTB.) Heber die Ereignisse, die der Abdankung Amanullahs vor­ausgingen, werden folgende Einzelheiten be­richtet: Die Truppen Amanullahs wurden am Sonntag von den Rebellen hart be­drängt und gezwungen, das Tal von Kohe- human zu räumen. 3m Laufe der Rächt drang der Befehlshaber der Rebellen Baschasakao in das Tal von Kabul ein und umzingelte die ungefähr fünf Kilometer westlich von Kabul gelegene wichtige Ortschaft Dehkopek. Diese Ortschaft, in der sich das Hauptquartier der Truppen des Königs, eine starke Besatzung und einige Geschütze befanden, wurde von den Aufständischen genommen. Die Auf­ständischen setzten gestern ihren Vormarsch auf Kabul fort und besetzten nach vorhergehender Beschießung die die Hauptstadt beherrschenden Hügel. Runmehr faßte Amanullah den Beschluß, -u b z u d a n k e n, und sein Bruder wurde- in ber üblichen feierlichen Weise zum König ge­krönt. 5>ie Parteigänger Amanullahs und die religiösen Führer in Kabul begaben sich zu den Aufständischen, mit denen sie einen Waffen- stillstand abschlossen. Amanullah befand sich gestern noch in Kabul. Der afghanische General­konsul in Delhi teilt mit, daß zwischen Amanullah und feinem zum König gekrönten Bruder Inayat Allah ein freundschaftliches Verhält- I i s herrsche. Der neue König habe während der

Regierung Amanullahs das Leben eines Privat­mannes geführt und sich mit den Regierungs­angelegenheiten nicht beschäftigt. Er bZihe das Vertrauen der mohammedanischen Geistlichkeit. Lieber die persönliche Sicherheit der in Kabul weilenden Auslän der hegt man dort nach den letzten hier eingegangenen Rachrichten keine Besorgnis. Wie der Amtliche Englische Funkdienst meldet, hat sich Amanullah gestern nachmittag im Flugzeug nach Kandahar be­geben, wo et von seiner Gattin Surat) a er­wartet wird.

Oer Thronwechsel.

Der afghanische Gesandte beim Außenminister Stresemann.

Berlin, 15. Jan. (TU.) Amtlich wird ge­meldet: Der königlich Afghanische Ge­sandte stattete Montag mittag dem Reichsauhen- minifter Dr. Stresemann einen Besuch ab, um ihm im Auftrage seiner Regierung von der Ab­dankung des Königs Amanullah zu­gunsten Seiner Majestät S ä rbar Enajatu l- lah in Kenntnis zu sehen. Der Königlich Afgha­nische Gesandte gab dem Reichsauhenminister Kenntnis von einem Telegramm des afghanischen Außenministeriums, das folgenden Wortlaut hat: Um dem Bürgerkrieg in Afghanistan, der durch bedauerliche Unklarheit entstanden war, ein Ende zu bereiten, hat seine Majestät König Amanullah freiwillig und auf eigenen Wunsch

sein Amt als König von Afghanistan niedergelegt, und seinen älteren Bruder, SärbarEnaja- tullah, als Herrscher Afghanistans in Vorschlag gebracht. Das afghanische Volk und die maßgebenden Regierunsstellen sowie die hohe Geist­lichkeit und der afghanische Adel haben diesen Vor­schlag angenommen und Seine Majestät Ena- jatullah als König von Afghanistan anerkannt. Sehen Sie die deutsche Regierung davon in Kennt­nis und versichern Sie, daß die Beziehungen Afgha­nistans mit den befreundeten Mächten die glei­chen bleiben werden."

Die in politischen Kreisen verlautet, hak König Enajatullah aus seiner deutschfreundlichen Gesin­nung nie ein hehl gemacht. Die Versicherung, die der afghanische Gesandte im Auswärtigen Amt ab­gegeben hat, erhält dadurch besondere Bedeutung. Unter diesen Umständen besteht für die Deut­schen in Kabul unter dem neuen Re­gime keine Gefahr, und es ist auch anzu­nehmen, daß die deutsche Schule weiter­geführt wird. König Enajatullah hak dieser Schule viel Interesse entgegengebrachk, und der älteste seiner Söhne hat die Schule auch besucht. Der König erfreut sich übrigens der Sympathie der Geistlichkeit und der Bergbevölke- rung, obgleich auch er fortschrittlich ge­sonnen ist. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß Deutschland in König Amanullah einen aufrichtigen Freund gehabt hat.

England stürzt Amanullah!

Oer Pufferstaat zwischen Sowjetunion und englischer Kronkolonie.

Von Or. Kranz Herbach.

Großbritannien hat^ eine Schlächl gewonnen. Es ist ihm gelungen, wenigstens vorläufig die indische Rordwestgrenze stärker als bisher zu scheren und Rußlands strategische Lage in einem Krieg der Zukunft zu verschlechtern. Die Sowjet-Union hat vor einem 3afjr den jetzt flüchtigen Amanullah in Moskau ge­feiert, wie man sonst in dieser Stadt nur Re­volutionshelden zu huldigen pflegt, und es wurde vier darüber gespöttelt, datz die Bolschewisten mit einem absoluten Monarchen, einem Auto­kraten von nicht einmal einwandfreiem Ruf, in­nige Freundschaft schlossen. Aber die Russen waren ebenso gern bereit, mit dem reform­freundlichen, englandfeindlichen König der af­ghanischen Hirten ein Bündnis abzuschließen, wie sich Großbritannien nicht gescheut hat, gegen die Modernisierung und Europäisierung des dunkel­sten Orientstaates orthodoxe Mohammedaner auf­zuwiegeln und einen Glaubenskrieg des Islam gegen westliche Kultur zu entfachen. Denn seit dem Auftreten des Oberst Lawrence ist klar, was in Afghanistan gespielt wird: die Leiden­schaften eines exotischen Romadenvolkes, der re­ligiöse Fanatismus kriegerischer Bergstämme wer­den geweckt, um die Geschäfte einer Macht zu besorgen, die sich im Hintergrund hält und deren Ziel es ist, Afghanistan als Staatswesen zu schwächen, um dann als Vermittler einzugreifen und dieses Land unter fremde Souveränität zu bringen.

Vorläufig geht es noch nicht um d i e Boden­schätze des Landes, das mit seinen 731 000 Quadratkilometern Oberfläche ungefähr so grotz ist wie Deutschland mit feinen Rachbarstaaten Holland. Oesterreich und der Tschechoslowakei. Die natürlichen Reichtümer des Landes sind beträchtlich, aber nicht leicht nutzbar zu machen. Bei Dschebel-us°Seradfch besteht ein ganzer Berg aus Roteisenstein; es gibt Mangan, im Hindu­kusch haben deutsche Geologen Eisen, Blei und Küpser festgestellt, sogar Gold ist in vielen Teilen des Landes und besonders an der Grenze zw.sehen Afghanistan und Rusftsch-Turkestan sest- aestellt worden, wo übrigens auch Petro­leumlager und Kohlenschätze vorhanden sind. Aber das gebirgige, unwegsame Land ist noch zu unerschlossen und die Bevölkerung ist zu dünn gesät, zu sehr an das Romadenleoen ge­wöhnt, um die Bodenschätze in absehbarer Zeit zur Grundlage einer modernen Industrie im europäischen Sinn werden zu lassen. In dem großen Gebiet wohnen acht Millionen Menschen, die den verschiedensten Rationali­täten angehören. Rur die Hälfte gehört zu den fünf großen afghanischen Stämmen, während im Rorden und Rordosten des Landes Kirgisen und Usbeken, also Mongolen, ihre Weideplätze haben. Daß dieses Bevölkerung'gcmisch schwer zu regieren und jedenfalls nicht leicht für die Mo­dernisierung des Landes zu gewinnen ist, haben die Ereignisse bewiesen. Die Europäer, die mittelbar an dem Staatsstreich in Afghanistan be­teiligt sind, müssen also andere als wirtschaft­liche Pläne verfolgen.

Würde es sich nur um die Unabhängig­keit von acht Millionen Menschen in einer ver­schlossenen Gegend Asiens handeln, so wäre die Spannung unerklärlich, mit der die Welt die Ereignisse in Afghanistan beobachtet. Zu oft haben europäische Eroberer einen orientalischen Staat zur Kolonie gemacht, zu ost setzen britische Gouverneure indische Fürsten ab oder greifen

japanische Machthaber in chinesische Hoheitsrechte ein. Afghanistan spielt nicht wegen seiner eigenen politischen oder wirtschaftlichen Bedeutung eine so große Rolle in der Weltpolitik, sondern weil es seit mehr als einem halben Jahrhundert e i n wichtiger Pufferstaat zwischen rus­sischen und britischen Interessen­sphären ist. Die Feindschaft der Afghanen gegen England ist längst zur Tradition geworden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unterwarf ein Afghanenfürst Rordindien und herrschte in Delhi. Das Reich zerfiel, nicht zu­letzt durch die Eroberungskriege, die die Eng­länder in Indien führten; aber noch heute träumt auch der letzte afghanische Bauer oder Hirt von dem mächtigen Staatswesen, das damals furcht­gebietend bestanden hat. Als in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Thronstreitigkeiten in Afghanistan entstanden, tief ein Kronprätendent englische Hilfe ins Land, die nicht leicht wieder zu entfernen war. In einem großen Auf­stand des Jahres 1841 wurde der englische Ge­sandte ermordet, und ebenso erging es einem englischen Gesandten im Jahre 1879. Rach bei­den Zwischenfällen rückten anglo-indische Heere in Afghanistan ein und zerstörten zweimal Kabul. Im Abstand von wenigen Jahren brach seitdem der Krieg zwischen dem britischen Indien und dem abwechselnd unabhängigen oder um seine ihm geraubte Freiheit kämpfenden Afghanistan von neuem aus. Amanullahs Vater Habi- b u l l a h , der im Jahre 1901 Emir wurde, war den Engländern gefügiger als feine Vorgänger und schloß mit ihnen einen Vertrag, durch den er außenpolitisch völlig von der indischen Regierung abhängig wurde. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß diese Politik die eigentliche Ursache für den Mordanschlag geworden ist. dem Habibullah am 20. Februar 1919 zum Opfer fiel. Amanullah begann seine Laufbahn mit einem Krieg gegen England, der ihn sofort bei feinen Untertanen volkstümlich machte. Unter ihm ist Afghanistan wieder unabhängig geworden. Es war bekannt, daß Amanullah mit Öen indischen Revolutionären sympa­thisierte, und man behauptet sogar, daß er ver­kleidet im letzten Jahr bei den Feinden Englands in Indien geweilt haben soll. Mit der Sow­jetunion, deren Freundschaft ihm der sicherste Schutz gegen die gefährlichen Engländer im Sü­den zu sein schien, schloß Amanullah im Herbst 1926 eine Art Bündnis und dieses Abkommen wurde Anfang August 1928 durch einen russisch­afghanischen Handelsvertrag ergänzt. Fast un­mittelbar darauf berichtete man überbeunruhi­gende militärische Operationen Englands an der afghanischen Grenze".

Amanullahs Reformen waren den Engländern in doppelter Hinsicht unangenehm: sie konnten das antibritische Afghanistan zu einem gefährlichen Rachbar machen, und sie milderten den religiösen Fanatismus der Mohammedaner. Englands Herrschaft über Indien beruht aber zum großen Teil auf der Uneinigkeit des indischen Volkes und auf der Möglichkeit, Indiens Mohammedaner gegen die Hindus auszuspi'len. Englands strategische Sicherung seiner Kronkolonie kann im Osten, Süden und Westen durch die Flotte erfolgen; im Rorden müssen die britischen Politiker versuchen, die gebirgige Grenze mög­lichste unzugänglich zu machen, schon um zu ver­hindern, daß der für die Kolonialvolitik vernich­tende Kommunismus über die Pässe des

Himalaya und des Hindukusch in das unterdrückte Indien einzieht. Man wende nicht ein, daß die Völker des Orients und besonders die Stämme, die sich zum Islam bekennen, ihre religiöse Welt­anschauung unmöglich nut einem kommunistischen Wirtschaftssystem in Einklang zu bringen ver­möchten. Zum Staatensystem der Sowjetunion ge­hört das große mohammedanische Reich der Ta­taren mit der Hauptstadt Kasan, und im Süden des mächtigen Sowjetreiches wohnen mohamme- danische Kirgisen, Kalmülen, Turkmenen. Völker, die mit der Hälfte der afghanischen Bevölkerung blutsverwandt sind. Ein Anschluß Afghanistans an Rußland liegt also nicht außerhalb aller politischen Möglichkeiten, und der Gedanke an eine solche Entwickelung hat den Engländern zweifellos schlaflose Rächte bereitet. Denn Af­ghanistan ist ein Hochland, das sich über den Riederungen Indiens wie eine natürliche Burg erhebt und bei richtiger Verteidigung fast nidyt zu erstürmen ist. Andererseits hat die Geschichte gelehrt, daß es ziemlich leicht ist, von dieser Burg überraschend in die indischen Ebenen vor- zustvßen.

Der Sieg der Reaktion in Afghanistan ist eine wichtige Etappe in dem zähen Ringen zwischen Großbritannien und der Sowjet-Union, einem Wettstreit, der in allen Teilen der Welt erbittert geführt wird. Die Sowjet-Union be­findet sich dabei zurzeit sicherlich in der Defen­sive. Sie hat Polen und Rumänien Friedens­pakte vorgeschlagen und versucht, auch im Orient eine Sperrkette unabhängiger Staaten zwischen sich und den agressiven britischen Gegner zu legen. Freilich darf man nicht verkennen, daß auch Englands Angriffslust einem Derteidi- gungstrieb entspringt. Man will von London aus die Sotoiet-Unton niederzwingen bevor die Kolonialvöller einen Aufstand versuchen. Keiner der mohammedanischen Mullahs, die jetzt einen Kreuzzug gegen Amanullah geführt haben, ist sich wohl bewußt geworden, datz er nur eine Schachfigur in dem großen Turnier zwischen Rußland und England ist, ein Bauer, der er­barmungslos geopfert werden wird, sobald man in London der Ansicht ist, daß mit der Be­kämpfung des Islams bessere politische Ge­schäfte zu machen sind.

Was steht zwischen polen und Oeutschland?

W a rschau, 15. Ian. (WB.) Minister des Aus­wärtigen, 3 a I e f t i, gab heute vor dem Auswär­tigen Ausschuß des Sejm über die auswärige Poli­tik Polens einen Ueberblirf. Er ging im Laufe fei­ner Rede auch auf die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland ein und erklärte, daß diese in eine Phase derNormalisierung" eingetreten feien. Die Annäherung ginge trotzdem schwer vorwärts, denn bedeutende Hindernisse stünden im Wege. Wenn diese Hindernisse auf polnischer Seite vorhanden seien, so seien sie durch die Erinnerung an die Beteiligung Preußens an den Teilungen Polens und durch die Haltung Deutschlands nach der Wiederauferstehung Polens zu erklären, was zu Mißtrauen gegenüber Deutschland, aber zu keinem Haß geführt habe. Auch die deutsche Propaganda für die Revision der Ost grenzen des Reiches bilde ein Hinder­nis für die deutsch-polnifche Annäherung. Diese Propaganda erwecke bei Der deutschen öffentlichen Meinung die Illusion, daß eine friedliche Aende- rung der Grenze möglich fei, eine Illusion, die un­ter gewissen Umständen ernste internationale Kom­plikationen verursachen könne.

Weitere Schwierigkeiten feien dadurch verursacht worden, daß die öffentliche Meinung In Deutsch­land ungenügend oder falsch über die wirk­liche Lage der deutschen Minder- beit in polen unterrichtet sei und zu ver­gessen scheine, daß eine polnische Minderheit in Deutschland lebe, die mindestens ebenso zahlreich wie die deutsche Minderheit in polen sei, deren Schicksal weit besser als das Los der polen in Deutschland sei.Ich bin der Meinung," so er­klärte der Minister,daß die sachliche Be­sprechung der Minderheitenfrage vor dem Völkerbund dazu beitragen wird, die Miß­verständnisse zwischen polen und Deutschland auf diesem Gebiete zu beseitigen. Darum freue ich mich, daß Herr Stresemann in Lugano versprochen hat, das Minderheilenpro­blem im allgemeinen einer Prüfung zu unter­ziehen. Ich hoffe, daß Herr Stresemann sein versprechen halten wird."

Der Haß gewisser deutscher Kreise gegen Polen! ist eine psychologische Wirkung des verlorenen Krieges und wird mit der Festigung des deutschen politsichen und wirtschaftlichen Lebens an Heftig­keit verlieren. Augenblicklich kommen die Aus­brüche des Uebclwollcns gegen Polen in Deutsch­land sehr ost vor, wie z. D. bei den zahlreichen Mißverständnissen, die die Handelsvertragsver- handlungen zwischen Polen und Derckschland be­gleiten. Polen wünscht einen Vertrag abzuschlie­ßen, der die gegenseitigen Interessen sichert. Trotz der Wichtigkeit des Vertrages für Deutschland, die durch die Tatsache erwiesen wird, daß die deutsche Ausfuhr nach polnischen Märkten unge­fähr 3/r> der deutschen Vorkriegsausfuhr nach dem ehemaligen Zarenreich ausmacht, hort Deutschland nicht auf, unbegründete Forderungen auUu&eUen.