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greif ag, ’5. November 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 269 Drittes Blatt
Turnen, Sport und Spiel.
Spieweremigung 1900 Gießen.
0. Die Dorrunde bet Meisterfchastssaifon 1929/30 wurde am vorigen Sonntag beendet. 2m Lager der Blauweißen ist man mit dem Abschnciden der ersten Els nicht gana zufrieden, da vier Siegen drei Niederlagen (letztere alle auf eigenem Platz) gegenüberstehen. Besonders schwer füllt dabei das Derlustspiel vom 10. November gegen den Wetzlarer Sportverein in die Waagschale.
Nm kommenden Sonntag beginnt die Rückrunde. 1900 muh in den weiteren Spielen allen Ernstes bei der Sache sein, wenn es sich in der Spitzengruppe halten will, denn die konkurieren- den Mannschasten sind heute in der Spielstärke ausgeglichener denn je. Die Bereinigten hossen jetzt eublid) die Kalamität in der Mannschaftsausstellung beheben zu können, da andere spielerische Kräfte wieder zur Verfügung stehen, womit man Schwächen in der Elf auszugleichen hofft. Gegner am kommenden Sonntag ist die Ligamannschaft vom Sportverein 1920 Herborn. 3m Vorspiel in Herborn blieb 1900 mit 4:1 Sieger. Herborn gleicht in der Spielweise dem Wetzlarer Sportverein, ist schnell und wuchtig: die besten Leute stehen im Sturm, wozu sich ein ausgezeichneter Mittelläufer gesellt. 1900 hat einige Umstellungen vorgenommen. Der Verteidiger G o st m a n n besitzt ab Sonntag wieder Spielberechtigung. Der Spielausgang ist vollständig offen. Wenn die Vlauweisten aur eigenem Platze jetzt nicht besser durchhalten als seither, so dürste es nicht überraschen, wenn auch Herborn den Siegespalm entführt. Die Spielleitung ist dem Schiedsrichter Dusch (Dutzbach) übertragen. ,
Vorher geben sich die Alten Herren beider Vereine ein Stelldichein. 3m Vorspiel in Herborn unterlag eine schwache Giehener Vertretung 3:0. Diesmal erwartet man dafür die Einheimischen desto sicherer als Sieger.
1900s Reserven beginnen auch die Rück- runde. Das erste Treffen führt sie nach Duh- b a ch. Eine Wiederholung des Dorspielsieges (2:0) wird den Gießenern recht schwer fallen, da die Mannschaft nicht in stärkster Besetzung reist und Butzbach den Vorteil des eigenen Platzes sicher zu schätzen weih. Zudem stellte Butzbachs Hintermannschaft in allen Spielen ihren Mann.
Die Dritte Elf der Spielvereinigung geht zum Derbandsspiel nach Steinberg und wird wohl gegen die recht spielstarke Vertretung des Gastgebers nichts ausrichten können.
Alle 3ugend- und Schülermannschaften find pflichtspielfrei. , ,
Die Dritte 3 ugend wird voraussichtlich Grohen-Bufrcks erste 3ugend in einem Gesellschaftsspiel empfangen.
D. f. B.
Nachdem die Ligamannschaft erst am vergangenen Sonntag in Breidenbach war, muh sie am kommenden Sonntag die weiteste Reise der diesjährigen Derbandsspielserie nach dem noch eine gute Wegstrecke hinter Breidenbach liegenden W a l l a u antreten, um mit dem dortigen Fußballverein das erste Spiel der Nach- runde auszutragen. Wallau hat von seinen sieben Spielen fünf verloren, eines unentschieden beendet und nur eines gewonnen. Aber gerade dieser eine Sieg, den es am letzten Sonntag über die spielstarken Herborner errang, hat allgemein überrascht und brachte es vom Tabellen
ende weg, so dah es jetzt vor Breidenbach an I zweiter Stelle steht. Die dortigen Platzverhält- | nisse sind ebenfalls recht schlecht, die jede fremde Mannschaft vor eine schwere Aufgabe stellen und denen wohl auch Herborn zum Opfer siel. Wallau hat gezeigt, dah es diesen Dorteil gut auszunuhen versteht, wobei ihm sein Kampfgeist und seine Ausdauer sehr zu statten kommen. Zweifellos verfügt die D. f. D.-Elf über die bessere Technik und größere Erfahrung, die aus normalem Platz hinreichen sollten, den Gegner glatt zu schlagen: unter den gegebenen Derhäl^ nissen wird sie jedoch alle Mühe haben, sich durch einen knappen Sieg die beiden wertvollen Punkte zu sichern. Sie muh mit aller zu Gebote stehenden Kraft und Energie kämpfen, wenn sie ihre Tabellenstellung behaupten und sich vor einer Liebe rrafchung, die im Bereich der Möglichkeit liegt, schützen will.
Die 2. Mannschast ist immer noch ver- bandsspielsrei.
Nach langer Pause greift die 3. M a n n s ch a f t am kommenden Sonntag wieder in die Ber- bandsspiele ein. Sie steht in Garbenteich der dortigen 1. Mannschaft gegenüber und sollte einen Sieg mit nach Hause bringen können. 3m Dorspiel mußte Garbenteich eine 0: 5-Niederlage hinnehmen. LInterschätzen darf D. f. B. seinen Gegner nicht, da dieser den Dorteil des eigenen Platzes hat.
Auf eigenem Platz trägt die 4. M a n n s ch a f t ein Gesellschaftsspiel gegen die 2. Mannschaft von Daubringen aus. Wenn sie sich zusammennimmt, kann sie gewinnen.
Die 1. Iugendmannschaft fährt nach Friedberg, um der gleichen des dortigen Namensvetters ein Freundschaftsspiel zu liefern. Sie muß schon in stärkster Aufstellung antreten und sehr gute Leistungen zeigen, wenn sie einigermaßen günstig abfchneiden will. — Die 2. 3 u - gendmannschaft ist in Aßlar Pflichtspielgegner der dortigen 2.3ugendmannschaft. Der Ausgang des Treffens ist offen.
Auf eigenem Platz hat die erste S ch ü l e r e l im Pflichtspiel die Schüler von Burgsolms zum Gegner. Hier kann man D. f. B. einen Sieg Voraussagen, da er seinem Gegner an Wettspielerfahrung überlegen ist. Wenn die Stürmer jedoch nicht schußsicherer sind, als in den letzten Spielen, wird das Resultat nicht allzuhoch ausfallen. Auch die 2. Schülerelf hat den Vorteil des eigenen Platzes, wird aber gegen Stein- bergs 1. Schüler, die ihr körperlich überlegen sind, um eine knappe Niederlage kaum herumkommen.
Sportverein 1920 Heuchelheim.
Die erste Mannschaft des Sportvereins fährt am kommenden Sonntag nach Niedergirmes zu dem dortigen Sportklub. Bei der Gleichwertigkeit der Gegner in der zweiten Dezirksklasse ist es schwer, eine Boraussage zu machen. Auf eigenem Platz wird Niedergirmes sich wohl kaum schlagen lassen, besonders wenn man berücksichtigt, dah Heuchelheim durch Berlehungen usw. in seiner Spielstärke sehr zurückgegangen ist.
A. f. R. Lich.
Nach ihrem 3:1-Sieg über B. f. D.s 3. 3ugend tritt die 1. 3ugendmannschaft der Rasenspieler am nächsten Sonntag auf eigenem Platz der gleichen von Herrnannstein entgegen. Nach den bisher gezeigten Leistungen sollte die Platzmannschaft den Gästen eine gleichwerte Elf entgegen*
I stellen.
Sportverein 1928 Garbenteich.
Kommenden Sonntag hat die 1. Mannschaft des Sportvereins die ■' Mannschaft des D. f. B. zum fälligen Derbandsspiel als Gast. Garbenteich wird sich sehr anstrengen müssen, um den Gästen eine gleichwertige Partie zu liefern.
Die 1. Schülermannschaft empfängt auf heimischem Platz die gleiche des Sportklubs Wetzlar-Niedergirmes zum fälligen Pflichtspiel. Das Spiel ist offen- zulasten.
Handball-Lolattreffen.
Am kommenden Sonntag kommen verschiedene Handball-Derbandsspiele zum Austrag, die für die Feststellung des Meisters von großer Wichtigkeit sind. Es treffen sich in der Gau-Mei ster- klasse die ersten Mannschaften der Turnvereine Großen-Duseck und Wetzlar, sowie des Tv. 1860 Bad-Nauheim und der Tum- gemeinde Friedberg. Außer bleien beiden Spielen kommen auf dem Mtv.-Plahe das schon seit langer Zeit mit Spannung erwartete Goli al treff en zwischen dem Tv. 1 8 46 und dem M t v. zum Austrag. Das Dorfp el konnten die Mtv.er, obwohl sie damals mit Ersaß antreten mußten, g'att mit 3:2 gewinnen: doch haben die gehlen Spiele bewiesen, daß der Tv. 1846 in letzter Zeit sehr an Spielstarke zugenommen hat, so daß man über den Ausgang dieses Spieles noch nichts vorau 5sagen kann.
Dor dem Spiel der ersten Mannschaften treten sich die er st en 3ugendmannschaften der beiden Lokalvcreine ebenfalls im Derbandsspiel gegenüber. Da die Mtv.-Jugend — außer dem Spiel gegen Butzbach — noch kein Spiel verloren hat, dürste sie auch aus diesem Spiel, komplette Aufstellung vorausgesetzt, als Sieger hervor gehen.
Handball im Turnverein 1846 Gießen.
Während die 1. Mannschaft und die Jugendmann- schäft im Derbandsspiel dem Männerturnverein gegenüberstehen, trägt die 2. Mannschaft ein Freund- schaftsspiel gegen die l.Manschaft des Turnvereins Heuchelheim aus. Das Dorspiel konnten die Gäste knapp für sich entscheiden. Der jetzigen Spiel- stärke der 1846er nach zu urteilen, werden sie das Spiel gewinnen.
Handball der Sp.-Dg. 1900.
ö. Nach mehrwöchiger Pause tritt am Sonntag 1900’5 erste Mannschaft w eber auf den Plan. Sie steht zum Pflichtspiel auf hiesigem Platz der zweiten Garnitur des B. f. L. W e h - l a r gegenüber. Die Spielvereimgungsleute wer- den den Segnet sehr ernst nehmen müssen.
Die erste3ugendman nschaft fährt aller Voraussicht nach zu dem Tv. Londorf, dessen erste 3ugendmannschaft den Gegner abgeben wird. Die A. D.T.-Leute werien auf heimischem Gelände den Gießenern den Sieg schwer machen.
V. f. B.-Handball.
Trotz seiner hohen Niederlage gegen die verstärkte Zweite des V.f.L. Wetzlar hat V.s.V. sich für nächsten Sonntag dessen erst« Mannschaft zu einem Cefellschaftsspiel n-ach hier verpflichtet. Daß die Platzmannschaft auch diesmal weder keine Siegesa-lssichlen hat, ist bei der Spielstärke Wetzlars als selbstverständlich vorauszu'etzen, zumal bei diesem Paulus als Mittelstürmer Mitwirken wird. 3mmerhin hofft sie, da sie in stärkster Aufstellung steht, ein ehrenvolles Resultat 1 herauszuholen.
Handball d?S Turnvereins Großen-Linden
In Großen-Linden stehen sich am kommenden Sonntag die 1. Mannschaften der Turnvereine Nieder-Ohmen und Großen-Linden im Rückspiel gegenüber. Bei dem r r einigen Wochen in Nieder-Ohmen stattgehabten Dorspiel siegten die Großen Lindener 5:1. Auch diesmal kann man den Gästen keine allzu große Siegesaussichten einräumen.
Handball im Lahn-Oünsberg-Gau.
Der vorletzte Sp elsonntag läßt alle Mann» chasten bis auf Kinzenbach und Dorlar ihre letzten Spiele austragen. 3n Kinzenbach ist Staufenberg zu Gast und wird dort um eine Niederlage nicht h.'rumkomrnen. Zwei weitere Spiele finden in Londorf und Dorlar statt. Cs treffen hier Londorf — Beuern bzw. Dor'.ar — Allcndorf aufeinander. Sichere Sieger für Londorf und Wiendorf werden beim Schlußpfiff festftehen.
Handball in Zronhausen (Lahn).
Zum fälligen Punktspiel tritt am nächsten Sonntag die erste Handballmannschaft des Turnvereins D.T. Fronhausen der gleichen Mannschaft des Turnvereins Niederweimar gegenüber. Der Sieger ist im voraus schwer zu sagen, da zwei gleichstarke Mannschaften sich gegenüberstehen.
Daten für Samstag, 16. November
1632: Tod Gustav Adolfs von Schweden bei Lützen: — 1717: der französische Philosoph Jean Lerond d'Alembert in Paris geboren.
Wirtschaft.
Preisbewegung und Geldbedarf.
Das Institut für Konjunkturforschung hat in seinem neuesten Wochenbericht e ne Lin rfuchung darüb.r ang«,teilte. in welchem i m ange in bet nun schon seit Längerer Zeil als Folge verringerten Aufnahmefähigkeit des 3nlandmarktes sinkenden Preis endenz konjunkturelleEnt- spannungsMomente liegen. Sowohl die Rohstoffpreise, als auch die ^ertigwa.enpreise sind von dieser sinkenden Tendenz ersaßt. Die Rohstofspreise liegen um etwa 2,3 v. H. niedriger als vor einem 3ahre. besonders sind Textilien, Häute und Leder stark im Preise gefunken, so dah die gleichen, mengenmäßigen Llmfähe in Rohstossen in Zukunft mit erheblich geringeren Geldmitteln bewältigt werfen können. Die Senkung der Indexziffer für industrielle Fertigwaren ist vor allem auf den Rückgang der Konsumgüterpreise zurückzuführen, den das 3nftitut für das vierte Vierteljahr 1929 dem Werte nach auf 200 bis 300 Millionen Reichsmark schätzt. Durch diese Entwicklung tritt folgerichtig für den Einzelhandel eine Entlastung ein, da die Wieder- beschaffungslofien für verlauste Waren sich verringert haben. Entsprechend wird auch die ver- schlechter.e Liquidllät des Einzelhandels sich bes- fem. Die Minderung der gesamten Llmfahwerie bei gleichbleibenden Llmsahmengen beträgt nach den Berechnungen des 3nstituts für das letzte Vierteljahr 1929 schätzungsweise rund eine Milliarde Reichsmark. Sie trägt natürlich erheblich I zur Entlastung der Wirtschaft von der Geld- | bzw. Kreditseite her bei und damit zur weiteren
Förderung der konjunkturellen Entspannung.
Das Erbe des Herrn v on Anftetten.
Vornan von 3- Schneider-Foerftl.
älrheber-Rechtsschutz durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
2. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Lust, welche zu den geöffneten Fenstern hereinstrich, war wohltuend kühl. 3e höher sich ber Schienenstrang emporschraubte, desto mehr veränderte sich das Gesamtbild. Die Fruchtbarkeit war noch Ummer außerordentlich groß. Wogende Getreidefelder mit Mais, Gerste und Weizen bebaut, glitten vorüber.
Dann ein Heller Ruf Günthers: „Schau doch!" Durch die Fenster sah ein Gebirgspanorama von so überwältigender Pracht, daß der Kranke die halbgeschlossenen Lider zu weitem Schauen öffnete, um gleichzeitig die frische, schneeig- kalte Luft in die Lungen zu saugen.
Lind dann bot sich der Höhenkurort Dard- schiling dem Blick der Reisenden. Wie ein lustiges Dersteckspiel waren hundert und aberhundert Häuser und Häuschen in das Grün der Bäume geduckt: Die Bungalows der Europäer, wie sie die Einheimischen zu nennen pflegten.
Akab stand als Erster auf dem Perron. Ws die Maschine kaum zu stehen gekommen war, hatte er bereits die Türe des Abteils geöffnet. Weiter hinten aus einem Wagen dritter Klasse kletterte der Paria über das Trittbrett, während Stephan Würz, der im Abteil nebenan gesessen hatte, dem fieberkranken Anftetten seinen Arm als Stühe lieh, da Günther mit Akab in ein Gespräch vertieft stand. Der Hindu verschwand sofort.
Wenige Minuten später lehnten die beiden Europäer in den Polstern eines Wagens, der sie nach Baron Günthers Bungalow brachte.
• •
..Wie zu Hauke!" s n .
Hans Peter ruhte bequem ausgestreckt auf einem Liegestuhl und blickte in die Sonnenprachl der Schneefelder, die in erhabener Ruhe zu den hohen Fenstern der Veranda herernglänzten. Die beiden Säulen in den Ecken trugen kostbare Vasen, in denen Eichenbuschen und Sannen- grün steckten, während die Vegetation des großen Gartens, der sich rings um den Bungalow zog, tropischen Charakter auswies.
„Muh man hier nicht gesund werden, Mter7" Günther neigte sich über den Liegenden und suchte in dessen Blick.
Dieser war fiebrig und voll quälender Unrajt. Die schmalen Hände hoben sich von der gold«
gefaserten Gobelindecke, die fransenbefchwert über den Liegestuhl herabhing.
.Gibt es hier so etwas wie einen Arzt, lieber Günther?"
„Natürlich, mein Mteri Soll ich nach einem schicken?"
„Es wäre sehr lieb von dir. Würdest du mir auch sonst noch einen Gefallen erweisen?"
„3eden, das weißt du doch."
„Sind die Aerzie hier — ich meine — gibt es auch deutsche Mediziner in Dardschiling?"
„3ch glaube, obwohl die Sanatorien Hier meist Engländer in ihre Dienste gestellt haben. Du brauchst natürlich nur den Wunsch betreffs der Nationalität zu äußern."
„Dann laß mir einen Engländer rufen, bitte.
Günther staunte. 3m Hinausgehen wanitr er noch einmal das Gesicht nach dem Kranken zurück: „Also einen Engländer, Hans Peter?"
„3a! — Die Deutschen sind mir zu gewissenhaft." t .
Der Baron verhielt den Schritt und kam wieder ein Stück ins Zimmer herein. „Darf ich fragen, wie das gemeint war?"
.Wie ich es gesagt habe! — Sie sind zu gewissenhaft. Das ist zuweilen sehr beruhigend — zuweilen kann es aber auch sehr lästig sein. 3ch bitte alfo um einen Engländer."
Günther nickte und verließ die Deranda, um nach Mab zu rufen, der gleich darauf die Straße hinauffchritt, welche nach einem Sanatorium führte. .
Würz stand in der Küche und unterwies den Paria in den Geheimnissen der Kochkunst Als Günther über den mattenbelegten Fliesenboden kam, reichte ihm Stefan einen kleinen Zettel entgegen.
„Speisekarte", las der Baron und hatte das sonst so strenggezeichnete Gesicht zu einem Lächeln erhellt: „Pfanncnkuchensuppe mit Bratwürsten — Mensch, woher nimmst du Bratwürste?"
Stefan hielt die Handflächen gegen den Mund und drückte einen saugenden Kuß darauf: „Da ist da oben um die Ecke ein Landsmann .Ochsenschweif" heißt er, das ist doch ein gut öfter- reichischer Name, Herr Baron, nicht wahr? — Der hat alles, wie es auch zu Hause die Metzger nicht anders haben können: Qblut- und Leber- Würste, Zunge, gebeizt und geräuchert! Drat- und Wienerwürste. Herrgott, Mensch, hast du denn keine Augen!" Er stieß den Paria zur Seite und riß den Deckel des Topfes herunter, der die kostbarste Fleischbrühe barg, die Baron Günther je geschlürft halle. „Dcks beste läuft über, hat meine Mutter immer gesagt! Lind die Dummen fressen das Magere. Lesen der Herr Baron weiter, bitte.“
Während Stefan den Kochlöffel in feinen Mehl- teig fcywang, überflog Günther die nachfolgenden Speisen.
„Cs ist gut, Stefan! — Nein, es ist vorzüglich. Lind zum Wein etwas Wasser. Baron Hans Peter kann ihn sonst nicht vertragen."
Würz sah ihm nach, wie er aus der Küche schritt und den Körper etwas nach vorne geneigt hielt. Gott ja. Man trug eine gemeinsame Not und jeder ging um dieselbe herum, wie um einen großen Holzstoß, der eine auf der, der andere auf der gegenüberliegenden Seit«. Wenn man sich sah, machte man schleunigst Kehrt.
„Verdirb dir den Magen nicht," warnte er den Paria, als dieser ein Stück rohen Fleisches verschlang, das Würz weggeworfen hatte, weil es ihm nicht mehr einwandfrei genug erschien.
Draußen hörte er jetzt die ruhige, gleichmäßige Stimme des Hindu. Da der Baron mit ihm in seiner Muttersprache unterhandelte, konnte er nichts verstehen. Nur der Schwarze horchte auf und hielt für eine Sekunde im Kauen inne: „Hast du den Sahib hier eingeschlossen?" Er zeigte auf das Herz und verdrehte die Augen etwas.
Stefan nickte zustimmend.
Der Paria streckte sich etwas, als wollte er die Größe des Gefühls, mit welchem Würz an dem Gebieter hing, angedeutet wisfen.
Stefan nickte und klopfte dabei Eier in die Teigmenge, daß es ein ganz safrangelbes Gebräu wurde.
Der Schwarze seufzte. Dann kaute er weiter und begann nicht ohne eine gewisse Geschicklichkeit Gemüse einzupuyen.
Baron Günther sand den Kranken, als er wieder ins Zimmer trat, nicht mehr auf dem Stuhle liegen, sondern in sitzender Stellung in einem der Korbsessel, welche unter der Deranda- tür standen.
„Du fühlst dich Wohler?" Erfreut legte er ihm die Speisekarte in den Schoß. „Stefan ist ein Genie! — Mab ist zurückgekommen und hat bestellt, daß Dr. Edward Alsworth in einer Viertelstunde kommen wird, nach dir zu sehen. Wünschest du, daß ich zugegen bin?“
„Nein!“
Günther horchte auf: „3ch dachte nur! — Du wärst dann nicht gezwungen gewesen, auf alles Rede und Antwort zu stehen, das Sprechen ermüdet dich ohne Zweifel wieder.“
Hans Peter sah geradeaus, wo eben ein Riesenschaiten über die Schneefelder lief, der den Bergen ein trotzig-finsteres Aussehen gab.
„Dieser Alsworth ist demnach ein Engländer." „3a, doch! — 3ch habe wenigstens um einen englischen Arzt ersuchen las en," erwiderte Günther, ein neues Staunen im Blick. .Mir wäre ein Deutscher sympathischer gewesen."
Hans Peter sah nicht nach ihm hin. Llnver- wandt verfolgte er den Schatten, der jetzt die kantigen Hänge hinaufklrillrte und wie ein Totenkopf übet der Spitze hing. „Wenn die Koffer
schon ausgepackt sind, würde ich dich bitt'n, das kleine Bündel Briefe und mein Tagebuch heraus- zufuchen und es auf dein Zimmer zu legen."
„Auf mein Zimmer, Hans Peter?"
„3a!“ Der Kranke spielte mit dem breiten Goldreif, der den Ringfinger der linken Hand umschloß. „Liebrigens wäre es mir lieb —“
3m selben Augenblick drehte sich die Gartentür in den Angeln und auf dem mit rotem Sand bestreuten Wege, der nach dem Hause lief, kam ein Herr in hellem Sommeranzug, das weiße Seidenhemd über der Brust etwas blusig gehalten, und von einet diskret farbigen Kravatt« überschattet.
Baron Günther kam ihm einige Schritte entgegen. „Anftetten." Er neigte sich leicht gegen den Arzt und horchte auf dessen tadelloses Englisch, das die Worte der Dorstellung begleitete.
An seiner Linken ging er den Weg zurück, die fünf Stufen zur Veranda hinauf und machte ihn mit Hans Peter bekannt. „3ch lasse dich jetzt mit Mister Alsworth allein, mein Lieber," sagte er gütig. „Sollt: dir meine Gegenwart erwünscht fein, so drücke auf die Klingel hier. Akab bleibt in der Nähe und wird es mit melden, falls ich es überhören sollte! — Aus Wiedersehen!"
Er legte Peter die Hand leicht auf die Schulter und zwang dessen Blick für eine Sekund« in den seinen. Sich nach Msworth verneigend, ging er die Verandastufen hinab und verschwand zwischen dem Rhododendrongebüsch, welches sich an der Umfriebung des Besitzes hinzog.
Der Arzt hatte sich den Stuhl, auf welchen Baron Peter gedeutet hatte, herbeigrzogen und stellte einige gleichgültige Fragen. Er mochte Anfang der Fünfziger sein und machte mit seinem offenen Gesicht und den Flügen grauen Augen, die das Gemisch von Energie und Sehnsucht erkennen ließen, einen überaus sympathi- fchen Eindruck.
„Sie sind Deutscher, Herr Baron?" „Oesterreicher!"
„Das ist so ziemlich dasselbe."
„3a, so ziemlich."
„Zwischen 3hnen und 3hrem Herrn Bruder besteht die verblüffendste Ähnlichkeit, die ich je bei zwei Menschen an getroffen habe."
„Wir find nicht Brüder."
„Möglich?" entfuhr es Wsworth.
Anftetten nickte. „Aber Vettern ersten Grades. An einem Tag — fast zur gleichen Stunde geboren, haben wir auch die Kindheit zusammen verlebt. Er hat beide Eltern durch den Tod verloren. Die Mutter bei der Geburt, den Vater drei 3ahre später."
„Wie bemitleidenswert," warf Alsworth dazwischen.
(Fortsetzung folgt)


