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Aus der provinzialhaupistadt.

Gießen, den 15. November 1929.

Kunde und Verkäufer.

Der Verein de r Einzelhändler hielt am Mittwochabend im vollbesetzten Saale des Kath. Dereinshauses seinen zweiten Vortrags­abend ab. Vach einer kurzen Einleitung des zweiten Vorsitzenden, O. W i n t e r h o f f, sprach Kaufmann T h ö m e n a (Berlin) über das Thema Äunbe und Verkäufer". Der Redner behandelte zunächst die Frage:Was versteht man unter Kundendienst?" Er zeigte weiter, welche Eigenschaften und Fähigkeiten der Ver­käufer besitzen muh, um den Kunden zufrieden- stellend zu bedienen. Vor allem müsse der Ver­käufer Vertrauen $ u t Ware und zum Kunden haben, er müsse aber auch b e r u fs- freudig sein. Der Verkäufer müsse dem Kun­den in erster Linie zeigen, daß er ihm helfen wolle, das Verkaufen komme erst in zweiter Linie. Der Verkäufer müsse auch über das nötige Takt­gefühl dem Kunden gegenüber verfügen, er müsse alles tun, um die Stimmung des Kunden nicht zu verderben und den Geschmack des Kun­den gelten lassen. Höflichk eit dem Kunden gegenüber sei eine selbstverständliche Pflicht, sie müsse aber auch dem unangenehmen Kunden gegenüber nim Aufdruck kommen. Vor allem müsse der Verkäufer in guter Laune fein. Hier gelte das chinesische Sprichwort:Ein Mann, der nicht lächeln kann, soll keinen Laden aufmachen". Die Kundenbehandlung müsse ver­schieden sein, sie müsse Rücksicht auf die Kauf­stimmung des Kunden nehmen und auf die be­sondere Eigenart desselben. Der Verkäufer müsse bei Abschluß des Derkaufsgeschaftes bestrebt sein, entstehende schwierige Situationen zu überwinden. Er müsse dem Kunden aber auch zeigen, daß er ein gern gesehener Gast ist. Die dem ame­rikanischen Berufskollegen nachgerühmte Dienst- bereits chaft (Was kann ich für Sie tun") müsse sich auch in den deutschen Verkaufsläden immer mehr bemerkbar machen.

Die interessanten Ausführungen, die von weit­gehender Sachkenntnis zeugten, wurden durch zahlreiche Beispiele aus der Praxis, sowie durch entsprechende Lichtbilder ausgiebig erläutert. Sie zeigten auf der einen Seite, wie man den Kunden nicht bedienen soll, auf der anderen Seite, in welcher Weise man dem Kunden dienen und dadurch zur Belebung des Umsatzes beitragen kann. An den Vortrag schloß sich eine anregende Aussprache.

** Kaufmännischer Berufswett­kampf. Am Sonntag fand in Gießen der vom Gau Main-Weser des Deutschnationalen Handlungs- gehilfen-Verbandes veranstaltete kaufmännische Be­rufswettkampf statt. Alle Kaufmannslehrlinge und jungen Kaufmannsgehilfen bis zum vollendeten 21. Lebensjahre konnten, unbeschadet einer Ver­bandszugehörigkeit, an den ausgeschriebenen Wett­kämpfen in kaufmännischem Rechnen, Situations­aufgaben und Kurzschrift, teilnehmen. Die große Zahl der Teilnehmer lieferte den Beweis, daß die Jung­kaufleute das Streben haben, ihre Berufskenntnisse und Fähigkeiten dauernd zu vervollkommnen. Im Mittelpunkt des Wettkampfes standen auch in diesem Jahre Situationsaufgaben. Sie behandeln Geschäfts­vorfälle, zu denen die Prüflinge Stellung zu nehmen haben. Die nach L:r Lage des Falles erforderlichen Maßnahmen sind zu schilde der notwendige Brief oder der Wortlaut eines Ick. .amms oder Telephon­gesprächs niederzuschreiben. Rach Beendigung des Wettkampfes wurde unter dem Vorsitz des Leiters der kaufmännischen Berufsschule, Direktor Dr. Wendel, die Prüfung der zahlreich abgelieferten Arbeiten vorgenommen. Die Ermittlung der Preis­träger erfolgt nach einheitlichen Richtlinien für das gesamte Gaugebiet durch den Landesprüfungsaus- fchuß in Frankfurt a. M., für den der Leiter des Berufsamtes in Frankfurt a. M., Oberregierungsrat Menne, den Vorsitz übernommen hat. Die Sieger im Wettkampf erhalten Ehrenurkunden und Bücher auf einem Eltern- und Freundesabend überreicht.

" Allgem. Deutscher Frauenverern, Ortsgruppe Gießen. Man schreibt uns: Die diesjährige Hauptversammlung des Allge­meinen Deutschen Frauenvereins, Staatsbürgerin - nen-Derband, Ortsgruppe Gießen, wurde von bet Vorsitzenden eröffnet. Vach Vorlage des gün­stigen Kassenberichtes durch Frl. Zimmer­mann und Genehmigung durch die Versammlung ergriff Frau M o m b e r t das Wort zum Jahres­

bericht. 3n außerordentlich geschickter Weise hob die Rednerin noch einmal das Wesentliche der vielen Vorträge des vergangenen Jahres hervor. Die Anregungen aus den verschiedensten Gebieten wurden wieder lebendig. Man hörte durch den Stoff einer Vorelle von Rußland, vom Jugend­herbergswesen, von den Gerichten, der Berufs­beratung, der Wohnungsfrage, der hauswirt­schaftlichen Lehre, vom Stand der Frauensache durch den Bericht der Berliner Tagung des Weltbundes für staatsbürgerliche Frauenarbeit, der Kunst und Archäologie, und von der Vot- Wendigkeit einer Hausfrauen-Deratungsftelle. Vach dem Bericht ging Frau Mombert auf die aufgeworfene Frage ein, ob der Verein noch eine Existenzberechtigung habe, oder nach Er­reichung der Kampfziele überflüssig geworden sei. Cs wird dem Verein vor allem von den jüngeren Frauen der Vorwurf gemacht, daß seine Bestrebungen gegen die Männer gerichtet seien. Aber gerade jetzt mehren sich die Stimmen, die auf ein Zusammenwirlen beider Geschlechter Hin­weisen, find doch alle Fragen, die uns bewegen, in erster Linie Menschheitsfragen, in zweiter Li­nie Fragen der staatlichen Gemeinschaft, und in dritter Linie erst Frauenfragen. Zugleich besteht weiter die notwendig« Arbeit der Hebung des Interesses und Verständnisses der Frau für ihre staatsbürgerlichen Aufgaben. In der Angliede­rung der geplanten Hausfrauen-Beratungsstelle soll auch wieder die praktische Arbeit, die der Verein früher in so reichem Maße geleistet hat, in Angriff genommen werden. Welche Summe von Arbeit von dem Verein besonders in den schweren Kr'egsjahren mit Erfolg durchgeführt worden ist, kam so recht in einem Bericht des Vorstandes, der durch Frl. Birnbaum ver- lesen wurde, zum Ausdruck. Dieser Bericht gab zugleich kund, was wir Frauen ter jetzt ihr Amt niederiegenden ersten Vorsitzenden schulden. Frau Vaumann hat 17 Jahre ihr Amt un­ermüdlich in steter Bereitschaft und Arbeit für alle Fragen und Vöte der Frau geführt. Unter ihrer Leitung erhielt der Verein die heutige Be­deutung und Mitgliederzahl. Frau Vaumann hat ausdrücklich gebeten, nicht viel von ihr mit­zuteilen, von all dem, was sie getan und er­reicht hat: gar zu gern wälzt sie alle Verdienste auf ihre Mitarbeiterinnen ab. Aber wie alle mit ihr verwachsen sind, welche Liebe und Dankbar­keit alle beseelt, das kam nicht nur durch Worte vom Vorstand und Vereinsmitgliedern zum Aus­druck, sondern vor allem durch die wundervolle, warme, herzliche Stimmung, di« alle Herzen durchzog. Das war keine zufällige Vereins­sitzung mehr, sondern eine Gemeinschaft dank­barer Menschen, die ihrer bewährten Führerin nicht anders und besser danken konnte als durch tiefste Verehrung und Zuneigung. Es war beson­ders schön, daß es keinen Abschied galt, son­dern Frau Vaumann weiter zweite Vor­sitzende bleiben will. Als erste Vorsitzende wurde Frau Seid begrüßt. So hoffen alle, daß der Verein weiter Gutes wirken will und wird.

E. K.

Der Reichsbahn-Turn- und Sportverein Gießen konnte vor einigen Tagen auf sein einjähriges Bestehen zurück­blicken. Hebung der Körperkultur, Erziehung zur Kameradschaft durch Pflege aller Leibes» Übungen und Sportarten, Kräftigung von Kör­per und Geist, bildeten den Gründungszweck des Vereins. In der ehemaligen Vebenwerkstätte Gießen ist eine schöne, geräumige Turn- und Sporthalle geschaffen worden. In dieser finden die regelmäßigen Uebungsstunden statt. Erfah­rene, eifrige Turn- und Sportwarte haben es verstanden, die Leistungen der Turn- und Sport­riegen auf eine beachtenswerte Höhe zu bringen. Die Beteiligung an dem in den Sommermonaten abgehaltenen Kleinkaliberschießen war ebenfalls eine sehr rege. Die Ergebnisse im Turnen sowohl, als auch in der Schützenabteilung können als durchaus günstig bezeichnet werden. Bei dem ersten Abturnen in der Dereinsturnhalle wett­eiferten die einzelnen Abteilungen um den Sieg. Am Vachmittag hatte der Vorstand zu einem Turn- und Familienausflug nach dem idyllisch gelegenen Dörfchen Annerod eingeladen. Bei die­ser Gelegenheit sollte die Preisverteilung für die Turner und Schützen vorgenommen werden. Die Beteiligung war so groß, dah der Saal des Gastwirts Wallbott bis auf den lebten Platz besetzt war. In Verhinderung des ersten Vor­sitzenden gab der stellvertretende Vorsitzende, Oberbahnhofsvorsteher H e i n z e l m a n n, nc sei- '

ner Begrüßungsansprache seiner Freude Aus­druck über die stattlichen Riegen und die glän­zenden Leistungen, die der Verein, nach nvch nicht einjährigem Bestehen, aufzuweisen habe. In den Turn- und Uebungsstunden herrsche ein echt kameradschaftlicher Geist und großer Eifer, der zu der Hoffnung zu einem weiteren Auf­blühen des jungen Vereins voll berechtige. Mit herzlichen Dankesworien an alle, die an dem Aufbau des edlen, die Gesundheit in reichem Maße fördernden Werkes mitgeholfen haben, und einem warmen Mahnruf an die wenigen, dem Verein noch fernstehenden Eisenbahner, sich im Reichsbahn-Turn- und Sportverein zusam­menzufinden, schloß die mit reichem Beifall auf­genommene Ansprache. Turn- und Sportleiter, Obergütervorsteher Scholl und Schriftführer, Reichsbahnassistent Weber nahmen alsdann die Preisverteilung vvr. Das GesangsquartettFlü­gelrad" unter seinem eifrigen Dirigenten Etzel- müller verschönerte die Tagung der Sportler mit einigen kunstvoll vorgetragenen Chören. Bei deren Dortrag kamen sowohl die einschmei­chelnden Laute im Piano, wie auch die mächti­gen Forte- und Fortissimo-Stellen in formvoll­endet schöner Weise zu Gehör, wie überhaupt sehr gute Tenöre und Bässe sowie gute und sichere Mittelstimmen für einen warmen und ausgeglichenen Klang sorg'.en. Eine flotte Eisen­bahner-Musikkapelle umrahmte ebenfalls mit reichhaltigen Darbietungen die in allen Teilen schön verlaufene Tagung.

Räifehaster Leichenfund bei Bernsfeld.

* Bernsfeld (kreis Alsfeld). 14. Jloo. heule fanden Bergarbeiter in einem Kanal zwischen Bernsfeld und A h c n h a i n die lieberreffe einer schon stark in verwe'ung überge­gangenen männlichen Leiche. Die Unter- suchung nach der Herkunft des Toten wurde sofort eingeleitet. Ls wird vermutet, dah es sich um die sterbliche hülle eines etwa 16 Jafjte alten Jungen handelt, der aus Bernsfeld gebürtig und in Hainbach in einem landwirtschaftlichen Betriebe tätig war, aber schon seitDezemberv. I. ver­mißt wurde. Die behördlichen Ermittelungen sind zur Zeit in vollem Gange.

VeMschöffengericht Gießen.

* Gießen, 13. Vov. Ein Handlungsgehilfe von hier hatte sich wegen schwerer Urkun­denfälschung und wegen Konkursver­gehens zu verantworten. Als Prokurist einer angesehenen, aber dem Untergang entgegentrei­benden Firma hatte er in den Jahren 1927, 1928 und 1929 fortgesetzt 104 Wechsel mit den Vamen von Kunden gefälscht und sie. um Kredit zu erlangen, oder wenigstens den ein­geräumten Kredit zu erhalten, an zwei Banken von hier begeben. Vach der Konkurseröffnung hatte es sich herausgestellt, dah die Buchführung, für die er die Verantwortung trug, überaus mangelhaft gewesen war. Trotz der Darlegungen eines Duchsachverständigen, nach denen anzuneh­men war, daß der Angeklagte einen Teil der kreditierten Summen in die eigene Tasche ge­steckt hatte, nahm das Gericht dies nicht als festgestellt an, da immerhin ein gewisser Zweifel in dieser Richtung möglich war: schwere Ur­kundenfälschung in einheitlichem Zusammentreffen mit Betrug lag aber trotzdem vor. da der Be­schuldigte in der Absicht gehandelt hatte, wenn auch nicht sich, so doch einem anderen, seiner Firma, an deren Erhaltung er großes Interesse hatte, einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen. Unter Annahme mildernder Umstände wurde auf eine Gesamtgefängnisstrafe von einem Jahr und drei Tagen er­kannt.

Eine Woche Gefängnis wegen schwe­rer Urkundenfälschung und Betrugs erhielt ein Handlungsgehilfe von Lauterbach, der. um Provisionsvorschüsse zu erlangen, als Dezirksvertreter einer Versicherungsgesellschaft Anträge auf Versicherung angefertigt und mit den erdichteten Vamen von Antragstellern unter­zeichnet hatte.

Sprechstunden der Redaktion.

11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem

Publikum gegenüber keinerlei Berantwortung.)

Liebe Provinzial-Straßen-Bauverwallung.

Oesters werden Dir in der Zeitung Klagen mit­geteilt über Deine schlechten Straßenverhältniss« mancherorts. Dieser Lage schrieb man Dir von Grüningen. Die gleichen Zustände kann man auch auf der Straße Gieße nS teinber g feststellen. Auch diese Straße ist viel zu schmal für den jetzigen Verkehr. Der Bahnübergang, der über diese Straße führt, wurde von der Bahn-ß Verwaltung über drei Meter verbreitert. Diese! Maßnahme wäre für die gesamte Straße von Gießen nach Steinberg unbedingt erforderlich., Voch eins muß ich Dir ans Herz legen: frühe« war rechts und links von der Straße ein schöne« Fußpfad, der nur von den Fußgängern benutz« werden durfte. Heute ist das anders, auf ihnü liegen Stein- und Sandhaufen und alles ist übeq und über mit Gras bewachsen. Die Fußgängeq müssen daher ihren Weg mitten auf der Strahl nehmen. Wenn dann ein Auto kwnmt, wissen fiel nicht, wo sie hinflüchten sollen. Hoffentlich siehst Du Dir die Sache einmal an, damit auch hier Qlb»' Hilfe geschaffen wird. Einer für alle.

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