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Ilr. 269 Zweites Blatt

greitag, 15. Novemberl929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

dieser Begegnung war, daß sofort an Paderewski der Befehl erging, daß er Petersburg zu ver­lassen habe. Und die Beamten des Zaren taten noch ein übriges: sie verboten die Aufführung aller Werke Paderewskis in Rußland.

Rundfunkprogramm.

Samstag, 16. November.

11.15 bis 11.45: Schulfunk Auslandsdeutfch- tum:Bon deutscher Jugend in den Sudeten­ländern". Bortrag von Dr. R. Lochner, Reichen­berg. 13.30 bis 14.30: Schallplatten-Kon-ert: Scherzo-Menuett. 15.15 bis 15.45: Stunde der Jugend: Aus dem deutschen Liederlranze Liedervorträge Frankfurter Schulen. 16 bis 17.45: Don Stuttgart: Oper ttte.i-Rachrnit lag. 18.20: Espe- ranto-älnterricht. 18.40: Don Kassel:Schüler und Staat". Zwiegespräch mit einem Jugend­lichen und Dezirksjugendpfleger Dölger. Kassel. 19: Stunde des Frankfurter Bundes für Dolks- bildung:Die Verwertung von Abfallstoffen". Dortrag von Dr. Robert Kahn. 19.30: Don Stutt­gart: Roda Roda. Schwänle und Schnurren, Satiren und Gleichnisse aus eigenen Werken. 20.15: Konzert: Hermann Reutter. Uraufführungen. 21 bis 22: Musikalisch-Literarische Veranstaltung. 22 bis 23.30: Volkstümliches Konzert. Anschlie­ßend: Tan-musik. ___

Hochschulnachrichten.

Dr. Hans Busch, a.o. Professor für Physik au der Universität Jena und Leiter der Fernmelde­kabelfabrik der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in Berlin hat den an ihn vor einiger Zeit er­gangenen Ruf auf das Ordinariat der Elektrotechnik (Lehrstuhl II) an der Technischen Hochschule In D a r m st a d t angenommen und die Ernennung zum ordentlichen Professor an der dortigen Hochschule mit Wirkung vom 1. Januar 1930 an erhalten. Prof. Busch ist Verfasser einer langen Reihe von Arbeiten über Meßmethoden. Meßinstrumente, elektrische Schwingungen, drahtlose Telegraphie. Magnetismus, Wärmeleitung, Kathodenstrahlen.

Professor Dr. med. et phil. Paul Diepgen in Freiburg i. Br. hat den an ihn ergangenen Ruf auf den in der Berliner Medizinischen Fakultät neuerrichteten Lehrstuhl für Geschichte der Medizin angenommen. Der Berliner Privatdvzent Dr. Harald Fuchs hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der klas­sischen Philologie an der Universität Kö­nigsberg als Rachsolger von Professor W. Schadewaldt angenommen und seine Er­nennung zum ordentlichen Professor an der Al- bertus-älniversität erhalten. Der durch die Emeritierung von Professor M. Apffelstaedt an der Llnirersität M ü n st e r erledigte Lehrstuhl der Zahnheilkunde ist soeben beseht worden: er ist dem dortigen Privatdozenten und Vor­steher der konservierenden Abteilung am Zahn­ärztlichen Institut Dr. med. dent. 2t Müller unter Ernennung zum ordentlichen Prosessor übertragen worden. Ter Berliner Privat- dvzent Dr. Leo Santifaller, dem vor eini­gen Tagen der durch das Aoleben des Ge­heimrats Franz Kämpers in Breslau er­ledigte Lehrstuhl der mittleren und neueren Ge­schichte angeboten wurde, hat den Ruf ange­nommen und bereits seine Ernennung zum Ordinarius in der Breslauer Philosophi­schen Fakultät erhalten. Der emeritierte or­dentliche Prosessor des Finanzrechtes der Uni­versität Moskau Dr. Paul H a e n s e l iftr zum ordentlichen Prosessor an der chlniversität: Graz berufen toorten.

wiederholt auf die ungünstige Lage des Bau­gewerbes, bedingt durch die Geldknappheit, dar- gelegt, jedvch gibt ein Ansteigen der Arbeits- losenziffec um 194 v. H., mit hervorgerufen durch die Drosselung der Bauvorhaben durch die Kom­munen, bei der jetzt noch herrschenden milden Temperatur zu Bedenken Anlaß.

Im East - und Schankwirtfchaftsge- werbe hat sich die Arbeitsmark.läge nach Be­endigung der Kursaison wie alljährlich verschlech­tert. Zwar ist die Zahl der Arbeitsuchenden von 20 auf 61 gestiegen, trotzdem sind tüchtige Fach­kräfte gesucht.

Die Deschäftigungsverhältnisse im Der- kehrsgewerbe haben sich im Lause des Monats durch Entlassungen der Reichsbahn um 190 v. H. verschlechtert. Wir können heute schon berichten, daß mit dem 1. Rovember d. I. die Entlassungen bei der Reichsbahn so groß waren, daß die Arbeitslosenziffer um 476 v. H. höher liegt, als zur gleichen Zeit des Dorjahres. Wir werden daher schon in dieser Drrufsgruppe aller Doraussicht nach die vorjährige winterliche Ar­beitslosigkeit überschreiten.

In der Lohnarbeit wechselnder Art hat sich der Rückgang des Beschäftigungsgrades gegenüber dem Dormonat in erheblich stärkerem Maße fortgesetzt. Diese rüdläufige Bewegung ist hauptsächlich auf Beendigung der Bau-, Straßen- und Ernte arbeiten, sowie Lösung kurzfristiger Arbeitsverhältnisse zurückzuführen.

Der Beschäftigungsgrad der Ange stellte n- berufe hat sich im Derichtsmonat bedeutend verschlechtert. Die Arbeitslosenziffer lag um 50 v'. H. höher als die des Dormonots.

Im Monat Oktober 1929 zählten wir 2 2 8 5 Arbei tslosen- und 108 Krisenhaupt­unter st ühungsempfünger. 152 Arbeit­suchende wurden mit Rotstandsarbeiten beschäf­tigt. 51 Personen wurde wegen Arbeitsver­weigerung die äänterstühung gesperrt.

Oie Berufsberatung

hat für den Monat Oktober 96 Beratungen zu verzeichnen. Immer noch handelt es sich in der Hauptsache um Ratsuchende, die schon länger aus der Schule entlassen sind: aber auch solche, die noch in die Schule gehen, kommen schon zur Be­ratung. 9 Ratsuchende kamen aus höheren Lehr­anstalten.

In allen größeren Entlaßklassen wurden von den Berufsberatern (beraterinnen) Schüfe beleh- rungen über die Wichtigkeit der Berufswahl und die Berufsmöglichkeiten abgehalten. In Derbin- dung mit dem "Institut für experimentelle Psycho­logie an der Universität Gießen haben in den Räumen des Instituts selbst die pshchotechnischen Eignungsprüfungen begonnen.

werden. Petroleum-, Baumwolle- und Salpeterfra- gen, Verdichtung und Verbesserung der Seeveroin- düngen werden dort mit dem gleichgroßen Inter­esse behandelt wie das Problem der Zusammen­fassung der über die sämtlichen Republiken ver­streuten, spanischen Kapitalgruppen, der Organisa- tion der spanischen Handelskammern in Uebersse, der Oelpolitik, Zollfragen und Handelsverträge.

Ein prachtvoller Herbsthimmel, erstrahlend in duftigem Blau, spannt sich über Spanien und lädt das Ausland zum Besuch feiner Schönheiten ein. Tausende von Fremden besuchen die Ausstel­lungen in Sevilla und Barcelona, von denen besonders die letztere allgemeine Anerkennung aller Besucher findet. Wer seinen Urlaub noch vor sich hat und es sich leisten kann, der sollte sich ge­rate in diesen Wochen eine Spanienreise nicht ver­sagen. Also kommt, ihr werdet es sicher nicht be­reuen! Die spanische Regierung hat alles Mögliche

getan, um auf dem Gebiete des Fremdenverkehrs Versäumtes nachzuholen und dem Besucher des Landes mehr Bequemlichkeiten zu verschaffen als bisher. Aber trotzdem darf man nicht vergessen, daß Spanien kein Touri st enland im Sinne Ita­liens oder der Schweiz ist. In Spanien fehlt auf diesem Gebiete immer noch die Erfahrung, die man sich eben nicht von heute auf morgen zu eigen ma­chen kann, ebensowenig, wie großzügiger Hotel' betrieb mit menschlichen Preisen und allen Bequem­lichkeiten, uns selbstverständlich erscheinende Vec- kehrserleichterungen, billigere und praktischere Be- förderungsmöglichkeiten, rasche und sichere Aus­kunftserteilung und hundert andere, für den Frem- tenverkehr wichtige Dinge einfach aus dem Boden gestampft werden können. Trotzdem kann man auch hier, wenn man nicht allzu sehr von den Haupt­routen abweicht, mit aller Bequemlichkeit und ohne jede Schwierigkeit reisen. Besondere Erleichterung

StarlesSteisenderMMtoßgkeitmSberheiien

Oie Arbeitsmarltlage ungünstiger als im Vorjahre.

paderewski und der Zar.

Eine französische Zeitschrift erzählt die hübsche Geschichte, wie der russische Zar und der be­rühmte polnische Dirtuose Paderewski zum erstenmal zusammentrafen es sollte auch das letztemal fein. Auf einer feiner russischen Kon­zertreisen kam der polnische Künstler natürlich auch nach St. Petersburg, das damals noch nicht Leningrad hieß. Bei seinem ersten Konzert wurde Paderewski mit einer solchen Begeisterung be­grüßt, dah et nach dem Ende des 2lbends erst mit einer sehr großen Verspätung nach dem Winterpalast kam, wo ihn Rikolaus II. in einem Hofkonzert hören konnte. Run war der Zar zwar nicht ungehalten, weil Paderewski ihn warten lieh, im Gegenteil, er war entzückt von dem Spiel des Polen, und kaum war der letzte Ton seines Spiels verklungen, ging er lebhaft auf ihn zu, und überreichte ihm einen sehr hohen Orden. Dabei beging er leider eine Llnbedacht- famkeit, denn er sagte:Ich bin ganz außer­ordentlich erfreut, einen großen russischen Künst­ler, wie Sie es find, auf diese Weise auszeichnen zu können." Das war dem Erzpolen Paderewski denn doch zu viel, er vergaß alle Etikette uni) unterbrach den Zaren lebhaft:Euer Majestät befinden sich in einem Irrtum. Ich bin kein Russe. Ich bin Pole." Diese Entgegnung er­bitterte aber auch den Zaren auf das höchste. Er nahm den Orden, den er eben dem Künstler überreichen wollte, zurück, verharrte einige Augen­blicke in sprachloser Ablehnung, kehrte sich um und ging wieder auf seinen Platz. Die Folge

bieten d i e prachtvollen Automobil« st r a ße n , die Spanien strahlenförmig durchziehen.

Habt also, wenn nicht alles so klappt wie ihr denkt, etwas Geduld und regt euch nicht über jede Kleinigkeit auf. Böser Wille ist hier nie die Ursache von Schwierigke.ten. Wenn es solche gibt, handelt es fid) um Mißverständnisse oder Richtkönnen, und dann helfen ein paar liebenwürdige Worte wesent­lich mehr als die ernstesten und entrüstetsten Ge­sichter. Bon Natur aus ist der Spanier verträglich, dienstbereit ohne servil zu werten, stolz ohne über­heblich zu sein. Die Entwicklungsgeschichte des Lan­des und sein Klima haben einen selbständigen, freien Charakter geschaffen, wie er sonstwo in Europa nur schwer zu finden ist. Klassenhaß und Dün- k c l sind hier immer noch unbekannte Be­griffe. Man geht nicht fehl, wenn man Spanien das Land ter empfundenen, der eingewurzelten Demokratie nennt, einer Demokratie, die allerdings mit unserer politischen Demokratie nicht das Ge- ringftc zu tun hat. Der Kutscher, ter Hirte, der Arbeiter fühlen sich menschlid) durchaus gleich mit dem Minister, dem Herzog und dem Grafen. Man steht hier als Mensch dem Menschen gegenüber. Unwürdige Kriecherei ist dem einfachen Manne ebenso unbekannt, wie dem Hochgestellten herrisches Benehmen gegen seine Untergebenen. Angeborener, natürlicher Takt verbunden mit dem Empfinden für persönliche Würde und Tradition, eine schöne Gabe, die ter großen Mehrheit aller Spanier mit in die Wiege gelegt worden ist, ermöglicht diesen, in un­teren Ländern nicht leicht zu findenden Zustand. Ein ausgeprägtes Gefühl für Gastfreundschaft und die humorvolle Veranlagung des Volkes, das fid) über lästige und unangenehme Situationen lieber mit einem Witz hinweghilft als Krach zu schlagen, lassen das Leben sich hier in leichterer und liebens­würdigerer Form abspielen als in anderen ftta- tionen. .

Verkehrt wäre cs, aus der Art des Großstadt­lebens einen Schluß auf das ganze Land zu ziehen; wenn man hier ausartende Erscheinungen feststelken sollte, so möge man daran denken, daß Madrid und Barcelona nicht Spanien sind, ebenso wie Berlin das typische Deutschland ist. Darum lasse man sich ten Besuch kleinerer Provinzstädte nicht entgehen: fahrt auf das Land hinaus und ihr wer­tet sehen, daß der echte Spanier mit den Aus­wüchsen der Großstadt nichts zu tun hat. Aber auch bei der Beurteilung des Großstadtpublikums, dessen schlechte Manieren, insbesondere, was das Verhal­ten der Männlichkeit alleingehenten Damen gegen­über anlangt, einem nicht selten auf die Nerven gehen, sollte man nicht vergessen, daß der Spanier eben ein großes Kind ist, und man mit einem lusti­gen und begütigenden Wort stets weiter kommt als mit Kommandoton, mit dem man immer nur das Gegenteil erreichen wird. Zusammenfassend kann man sagen, daß es an dem einzelnen Reisenden selbst liegt, sich die Reise zu einem wirklichen Ge- nuh zu gestalten.

mit halbem Wort Handelseins geworden, in glei­cher Nacht dem einsamen Passagier das Lebenslicht auszüblasen und seinen Koffer zu sprengen. Eine Stunde später hatte der letzte Gast fein Glas Ale ausgetrunken und sich verzogen, und eine Stunde später krochs zu dritt aus ter Wirtskammer drun­ten mit Knüppel und Beil und wollte die Treppe hoch.Leise", flüsterte der Wirt, der als letzter ging. Zum Teufel, ich sehe nichts", knurrte ter Fahr- knecht, ter vorne war. Und die Frau glitt in die Küche zurück und kam einen Atemzug später mit einem brennenden Span. Den nahm ter Kutscher ihr aus der Hand und tappte die Treppe hoch.

Er war aber kaum an deren Wendestelle gelangt, als der Fuß ihm stockte, als der Blick ihm erstarrte. Der brennende Span entfiel ter schwankenden Hand und verlosch, der Mann wandte sich, sprang die Treppe nieder zu den zwei andern und zerrte sie in die Kammer. Dort erst beruhigte er sich ein wenig und konnte mit schlagenden Kiefern berichten, hinter ter Trep­penwendung sei eine Gestalt auf ter Stufe gewesen, schattenhaft schmal, einen nordisch schwarzen Man- tel um die Schulter geschlagen, den blanken Degen spielerisch in der Faust, einen goldenen Corfenretf, wie ihn Prinzen tragen, über einem tätlich blassen Gesicht, und ter habe aus so furchtbar geweiteten und flammenden Augen ihn angeblickt, daß er es nicht gewagt habe, auch nur ein Zoll hoher und chm in die Nähe zu rücken.

Das sind Hirngespinste", sagte der Wirt.Du hast dir Mut gesoffen und jetzt siehst du Gespenster Da aber der Fahrknecht bei seinem Wort bheb und sich verschwor, nicht für hundert Dukaten noch ein­mal über jene Treppe zu steigen, sagte der Wirt. Dir wäre besser, Kerl, du wärest hinter deiner Mutter Schürze geblieben. Diesmal will ich voran. Und damit du nicht über die Treppe und an dem Gespenst deines Rausches vorübermußt, steigen wir hier über die Leiter: die führt stracks auf den oberen Flur: dort liegt gleich links um die Ecke die Ture der Fremdenkammer. Die Treppe ist so vermieten. Gesagt, getan. Der Wirt voran mit dem Beil, dann das 'Weib mit dem Lichtspan und dann der Kut­scher so klommen die drei die Leiter hoch und erreichten den Flur.Da, Ofenhocker, zischte der Wirt dem andern zu,jetzt noch rechts um die Ecke zur Kammertür und hinein."

Aber Wirt, Weib und Fahrknecht haben niemals Shakespeares Kammer betreten. Denn da sie vor deren Tür anlangten, stand dort im fahlen Licht ein riesiger Mann, ein Mann in ter Tracht vcne- tianischer Feldherrn. ein Neger, auf ten blank- breiten Zweihänder beide Arme gestutzt, und schaiite

ihnen furchtbar und regungslos ins Gesicht. Wie die Mordbuben und das Weib davon und aus dem Hause gekommen sind, ist nicht bekannt.

Bekannt ist, daß ter Dichter von all dem nichts merkte. Beschützt von Hamlet, dem Prinzen von Dänemark, und Othello, dem Mohren von Venedig, saß er dort drinnen bei einem Lichtstumpf und schrieb ihr Schicksal. Als ter Morgen heraufkroch und er wahrnahm, daß er wieder einmal eine Nacht über seinen Papieren vertan hatte, machte er sich zur Reise fertig und ging hinunter. Da er zu seiner Verwunderung keinen Menschen im Hause fand und auch sein Fahrknecht verschollen blieb, legte er ein Stück Geld auf ten Tisch und trat auf die Straße. Dort kam bald ein Reisewagen vor­über: der nahm ihn auf und brachte ihn nach Bri­stol, wo sich noch gleichen Tages eine Gelegenheit nach London ermitteln Uefj.

Anekdote.

Von Robert Reumann.

Der berühmte Shakespeare ist einmal unter fast wunderbaren Umständen dem Tote entgangen; und ba in all den Büchern über den Dichter kein toter- tensmort von diesem Vorfall sich fintet, sei er hier vufgezeichnet. Es war in den Jahren, als die auf km europäischen Festland in Verfolg des langen Krieges überhand nehmende Zügellosigkeit auch aus sie englische Insel übersprang und die Landstraßen unsicher wurden. Shakespeare, wenn noch nicht de- kühmt als Schauspielschreiber, so doch beliebt und xeachtet als Mime, halte in Cardiff (eine neuen SpielePrinz Hamlet von Dänemark' undOthello, ter Mohr von Venedig" einer begeisterten und ihn jeiernben Gemeinschaft zum besten gegeben, war ober inmitten allgemeinen Beifalls als einziger mit kr Form der und jener Wendung und Wirkungs- fclle unzufrieden geblieben und hatte beschloßen, kn halben Monat, der ihm noch bis zu der schon iislgefetzten Äussührung dieser Schaustücke bei Hofe in London an freier Zeit blieb, in aller Abgeschie- knheit zu einer Behebung der erkannten Mängel zu nützen. So schickte er von Cardiff aus die ge- chwätzigen Männlein und Weiblein seiner Truppe ceraben Weges nach der Hauptstadt, . packte die Handschrift der beiten Spiele in seinen Koffer und fuhr allein zu Schiff über den flachen Sund nach Loanmouth, um von dort auf beschaulichem Wege h aller Gemächlichkeit und bei kleinen Zagesreifen euch seinerseits nach London zu fahren. In Avon- nouth hatte er einen Gönner, einen ^sschh^albr, ter ihm seinen Reisewagen bis Bristol lieh, aber der £erl auf dem Kutschbock, ter einen einsamen, von km reichen Kaufmann in Ehren aufgenommenen Kenn und einen einzelnen, von diesem Manne nut großer Sorgfalt gehüteten Koffer sah und dann veiß Gott welche Kostbarkeiten vermutete wußte cs st einzurichten, daß gerate, als sie ten 6luß Avon kiitlangfuhren und gerate in sinkendem Abend unl> cerabe angesichts eines üblen Wirtshauses, mit de(- j?a Eigner er sich verständigt hatte, seinem Wagen <itt Rad brach. Eine Stunde später saß Shakespeare schlecht bewirtet in der einzigen Fremtenkammer ks Hauses unter dem Dach und hatte den --idn1 slumpf vor sich auf die Platte des wackelnden Dsches geklebt und hatte aus (einem Koster die SchauspieleHamlet" undOthello geholt, und sinn, ganz in sich versunken schon, bei trüber (flamme dem krausen Schicksalsweg seiner Helten rnd), und eine Stunde später waren teunixm am Echanktisch der Wirt, die Wirtin und jener Kustcher

Dem Oktober-Monatsbericht des Ar­beitsamts Gießen entnehmen wir fol­gende Angaben:

Die Kurve der Arbeitslosigkei stieg im Berichtsrnvnat von 2294 auf 4019 Arbeit uchente, das bedeutet einen reinen Zugang von 7 5 v. H. Jedoch sind im Lause des Monats Oktober 4279 Arbeitsuchende zu- und 2524 Arbeitsuchende abgegangen. Die Fluktuation des Arbeitsamts Gießen im Monat Oktober beträgt mithin 247 v. H. Wenn man auch die jahreszeit­lichen Einflüsse berücksichtigt, so ist doch die diesjährige Verschlechterung der Arbcits- marktlage der vorjährigen um fünf Wochen voraus. Man kann heute schon sagen, daß sich die Marktlage ungünstiger gestalten wird, als im Vorjahre. Aus den einzelnen Derussgrup- pen ist folgendes zu berichten:

In der Landwirtschaft hat sich, wie all­jährlich nach Beendigung der Ernten, die Markt­lage verschlechtert. Immerhin konnten im Laufe des Monats 411 Arbeitskräfte zu Aushilfsarbei­ten bei der Kartossel-, Obst- und Rübenernte Verwendung finden.

Die Betriebseinschränkungen im Bergbau brachten auch im Derichtsmonat einen weiteren Zugang von 28 Bergarbeitern, so daß sich die Zahl der Arbeitsuchenden auf 85 erhöht hat.

Die trostlose Lage in der Industrie der Steine und Erden hat auch in dem Be­rich lsmonat feine Besserung er ahren. Tie Zahl der Arbeitsuchenden ist von -392 auf 591 gestie­gen, das bedeutet eine Steigung von rund 50 o. S). innerhalb eines Mona s,

Der Beschäftigungsgrad in der Metallin­dustrie hat sich auch im Berichtsmonat um ein Erhebliches (nämlich 86 v. H.) verschlechtert. Die wenig angesorderlen qualifizierten Kräfte konnten die während des ganzen Sommers vor­herrschende schlechte Markt.age nicht bef.ern. Die Arbeitsuchendenzahl stieg von 223 auf 415.

Im Holz- und Schnitz st offgewerbe ist eine weitere Verschlechterung zu verz'-ichnen. Wenn schon durch das ungünstige Baujahr eine wesentliche Besserung der Marktlage dieser Be­rufsgruppe nicht zu erhosfen war, so haben nun­mehr die zahlreichen Cnt.assungen der Sägewerke mit d azu beigetragen, die Belastung des Arbeits­marktes in dieser Derufsgruppe zu erhöhen. Die Arbeitslosenzisser ist im letzten Monat um 82 v. H. gestiegen.

Die unbefriedigende Lage im Beklei­dungsgewerbe hat sich trotz vorgeschrittener Saison nicht gebessert. 11. E. spielt hier Geld­knappheit eine große Rolle.

Das Baugewerbe dürfte wohl mit einer Zahl von 760 Arbeitsuchenden an der Spitze ter gelernten Arbeiter der einzelnen Derufsgrupten stehen. Wir haben schon in früheren Monaten

Spanischer Herbst.

Don unserem v. Qss.-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Madrid, November 1929.

Gottlob, wir sind wieder alle da", so rufen jetzt ^-Madrider, die nun allmählich aus ihren Verschiebe­rn Sommerfericn zurückgekehrt sinb, braun, etwas 111 Viert, mit weniger Geld und doch so froh, wie- 111 in ihren vier Wänden zu sein. Ein eigentüm- ! I.Hes Volk, diese Madrilenos! Mit ter Hitze fangen f an, vor sich selbst zu fliehen, um sich doch Lynbroo im Norben ober an ter französischen At- i tntiffüfte wiederzutreffen. Genau so wie sie in ijnippen und Grüppchen verkehrten, so finden sie ||c) wieder an der See zusammen, genau so ver° ^innmcln sie sich wieder in ter Residenz. Sic können t- id)t ohne einander leben, sie müssen beisammen L Mi.Y a estamos aqui todos (schon sind I toir alle wieder da) ist zum Losungswort in Madrid

(tnorten. Begeistert fallen sie sich auf ter Straße t ter wo es gerade ist um ten Hals und klatschen T lf) auf die Rücken, die Frauen küssen sich vor | ?reute rechts und links auf die Wangen jetzt ! fr[t sind sie wieder restlos zufrieden. Soweit wäre iso alles in schönster Ordnung, wenn Primos ütechtwort auch jenseits der rotgelben Grenzpfähle Geltung hätte. Da dem aber nicht so ist, hat man in >cm der spanischen Grenze nächstgelegenen franzö- Ischen Seebädern dem hier verbotenen Glücks- p i e l gehuldigt und nicht unerhebliche Summen Mt gelassen. Schate um das Kapital, das auf diese Leise aus Spanien auswandert! Auch jetzt wieder - alle Jahre wiederholt sich dieses Schauspiel ibe ich bittere Tränen weinen sehen von Müttern, lie mit ihren Kindern fast mittellos dastehen, weil ec Spielteufel ten ehrenwerten Herrn Gemahl und Bitter am Kragen gefaßt und ins Unglück gestoßen tat. Ja, Primo kennt wahrlich seine Leute, das I" in ihm niemand abstreiten, nur zu gut wußte er, irum er das Spiel in Spanien verboten hat. ieviel namenloses Unglück hat dieser einzige Er- } dock) verhindert!

Die Pforten ter Luxuslokale haben sich wieder ge- net. Schlanke, weiße Frauenbünde mit dunkel­ten Fingernägeln, wie die Araberinnen sie haben, ginnen wieder ihr reizvolles Spiel, feurige Blicke s kohlschwarzen Augen fliegen über die Tische, rlockend und rufend. Bindungen knüpfen sich an, e Ban.be zerreißen Liebe und Leben schäumen f und verhaltene Nervosität durchzittert die nun eigen Räume. Die große Gesellschaft gibt sich re Rendezvous, das diplomatische Korps richtet > totster häuslich hier ein und fie farbenfrohen sllichkeiten beginnen ihren alten Kreislauf. Mär­chenhafter Luxus neben bitter ft er A r - mut, schärfste Kontraste auf Schritt und Tritt, bas ijt Madrid! Pompöse Kirchen mit Heiligenstatuen, dmen unschätzbare Kostbarkeiten umgehängt wer- »en, und am Kirchentor verstümmelte, schmutzstar- reibe Bettler, halbnackte Kinder wahrlich ein Dickliches Volk, das dabei froh und zufrieden bleibt.

Der Herbst scheint dem Frühjahr auch auf inter­nationalem Gebiet nicht nachstehen zu wollen. Ein mehrer Segen von Kongressen ergießt sich wie-

. her über Spanien. In Barcelona, in Sevilla und in Madrid bevölkern Kongreßteilnehmer aller 21 rt die Straßen. Französisch, englisch, italienisch und deutsch schwirren die Worte luftig durcheinander, |unb die merkwürdigsten Typen wandeln durch die (Bange ter vornehmen Hotels. Am wichtigsten ist olltte Zweifel der in Sevilla tagende Kongreß des spanischen Ueberseehandels, Die Vertreter von zwciundzwanzig mittel- und südame- teilanischen Republiken haben sich in ter andalusi­schen Hauptstadt versammelt, um die Möglichkeit 'teiltet Verstärkung der Handelsbeziehungen zwischen i bem spanischen Mutterland und ten Tochterrepu- bitten zu beraten. Während man im Anfang glaubte, daß das heitere und lebensfrohe Sevilla diesen Ser­be fern nicht viel Zeit zur Arbeit lassen würde, steht man nun ganz überrascht vor der Tatsache, daß doch recht ernste Probleme dort positiv bearbeitet