Nr. 138 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
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Sie neue Keilstäüe für Tuberkulose her oberen Lustwege in Gießen.
Für Patienten mit Kehlkopftuberkulose ist in Deutschland bis jetzt noch schlecht gesorgt. Sn den Lungercheilstätten ist die Behandlung des Kehlkopfes, falls eine solche überhaupt stattfindet, oft unzulänglich. Die Patienten werden nicht selten aus der Heilstättenbchandlung entlassen, sobald der Kehlkopf durch die Tuberkulose in Mitleidenschaft gezogen ist, oder sie werden bei bestehender Kehlkopftuberkulose von vornherein nicht in die Heilstätte ausgenommen. Die Kranken, die für ihre Umgebung besonders infektiös sind, verbleiben dann in ihrer Familie, oder sie kehren dahin aus der Heilstätte zurück, um sich auf Anordnung ihres Heilstättenarztes zunächst den Kehlkopf in einer Halsklinik oder von einem Facharzt „ausheilen" zu lassen. Sn der Regel sind die Hals- klinik und der Facharzt nicht in der Lage, diese Patienten entsprechend zu behandeln, da es sehr ost an der nötigen stationären Unterbringung und auch an den erforderlichen Dehandlungsmog- lichkeiten fehlt.
Die fachärztliche Behandlung des Kehlkopfes in einer Lungenheilstätte oder in der Tuberkulosestation einer inneren Klinik leidet in der Regel auch daran, daß der ganze Betrieb und die Einrichtung wohl auf die Lungenbehandlung, aber nicht genügend auf die Behandlung des erkrankten Kehlkopfes eingestellt sind. Die Fachärzte für Kehlkopfleiden haben die Unzulänglichkeit ihrer Behandlung, die zu einem großen Teile durch die äußeren Umstände bedingt ist, oft bitter empfunden, da sie der Ueberzeugung sind, daß bei richtiger fachärztlicher stationärer Behandlung manchem dieser Kranken besser geholfen werden könnte, als es heute möglich ist.
Die neue Heilstä11e zur Bekämpfung berluberfulofe der oberenßuftmege, die unter dem Namen „Heilstätte Selters- berg" in Anlehnung an die Gießener Universitätskliniken im Gießener Klinikviertel von dem Heilstättenverein für Hessen (Hessischer Landesverband aur Bekämpfung der Tuberkulose) gegenwärtig errichtet wird und deren ärztliche Leitung dem Direktor der Universitätsklinik für Ohren-, Nasen- und Hals- kranke, Professor Dr. Brüggemann, übertragen ist, soll nun den Patienten mit Kehlkopf- und Lungentuberkulose, aber auch mit Tuberkulose der oberen Luftwege bei Lupus Aufnahme gewähren. Ein Teil der Lungen- und Kehlkopfkranken wird zweifellos unheilbar erkrankt fein, diese Leute werden aber durch die Aufnahme in die neue Heilstätte aus ihrer Familie entfernt, so daß diese vor Ansteckung geschützt bleibt. In der Heilstätte ist man ober auch in der Lage, die Leiden dieser schwerkranken Kehlkopftuberkulosen zu lindern und ihnen dadurch das Leben erträglicher zu machen. Bei einem großen Teile der Patienten mit Tuberkulose der oberen Luftwege ist die Tuberkulose jedoch bei entsprechender Behandlung wesentlich zu bessern, ja auch zu heilen, und gerade für diese Kranken ist die Behandlung in der neuen Heilstätte $on besonderer Bedeutung.
In dem neuen Institut soll die Tuberkulose der oberen Lustwege in therapeutischer Beziehung besondere Berücksichtigung finden. Es ist selbstverständlich, daß in dieser Heilstätte neben der fachärztlichen Behandlung des Kehlkopfes bzw. der oberen Luftwege auch eine solche der Lunge durchgeführt wird. Zu dieser fachärztlichen Behandlung der Lunge ist neben dem vbengenannten Direktor noch ein erfahrener Lungen- speaialist als Oberarzt bereits angestellt, der für die entsprechende Lungenbehandlung mit Sorge tragen soll.
Aber nicht nur der Behandlung der Patienten, sondern auch der F o r s ch u n g und dem Unterricht der Studierenden soll die Heilstätte dienen; aus diesem Grunde ist ihre enge Verbindung mit der Medizinischen Fakultät der hessischen Landesuniversität Gießen sehr zu begrüßen.
Die Heilstätte besteht aus einem Hauptgebäude für die Kranken, einem Wirtschaftsgebäude und einem kleinen Rebenbau mit den Einrichtungen für Desinfektion, Müllvcrbrennung und Stallung für Tiere zu wissenschaftlichen Zwecken. Der 36 Meter lange und vom Fundament bis zürn Flachdach 21 Meter hohe
Sie Tragödie Kaiser Friedrichs.
3u seinem Todestage 15. Juni 1888.
Don Geheimrat Or. Schwarze, «hem. Assistenzarzt b. Leibarzt Kaiser Friedrichs, Generalarzt Or. Wegner.
Die von dem bekannten englischen Staatsmann €ir Frederick Ponsonbn herausgegebenen, kürzlich auch in deutscher Uebersetzung erschienenen Briefe der Kaiserin Friedrich haben in Deutschland berechtigtes Aussehen erregt. Das Interesse konzentrierte sich hierbei natürlich vorwie- $enb auf die wachsende Entfremdung, die zwischen ier damaligen Kronprinzessin und spateren Kaiserin Friedrich und ihrem Sohne, dem späteren Kaiser Wilhelm, eintrat. Daneben bringt man aber auch ter Stellung der hohen Frau zur Bismarckschen Politik und rein menschlich dem tragischen Verlauf ter Krankheit Kaiser Friedrichs großes Sntereffe entgegen.
Man ist in Deutschland geneigt, der damaligen Kronprinzessin die Schuld an dem katastrophalen Krankheitsausgang ihres Gemahls insofern zuzu- khreiben, als sie den bekannten englischen Hals- fpezialisten Dr. Morell Mackenzie nach Berlin berief, der mit ihrem Einverständnis eine nach Ansicht der deutschen Aerzte dringend notwendige rechtzeitige Operation des Kranken unterließ und so Den schnellen lethalen Ausgang des Leidens Kaiser Friedrichs verschuldet haben soll. Diese Beschuldigung sucht Sir Frederick Ponsonby an Hand der Korrespondenz der Kronprinzessin und späteren Kaiserin Friedrich zu entkräften. Meiner Auffassung nach bringt er aber mehr Wahrscheinlichkeitsbeweise vor, die auf Briefäußerungen nicht zeitgenössischer Persönlichkeiten beruhen, als daß es ihm gelingt, durch Stellen aus dem Wortlaut der Briefe selbst eine überzeugende Beweisführung zu geben.
Ich selbst bin wahrscheinlich eine der wenigen, heute noch lebenden Persönlichkeiten, die in der Lage sind, autoritativ zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Mein Beitrag zu dieser Schicksal bestimmenden Frage gründet sich auf ein rein persönliches Erlebnis, das auch heute noch sehr ftarE vor meinem geistigen Auge steht. Der tatsäch-
Hauptbau
besteht aus zwei Flügeln, die einen nach Süden offenen rechten Winkel bilden. Die Kranken-
"iner liegen alle zu diesem Winkel hin. Die kelstellung des Baues hat den Borteil, daß c....Lieitd in den Krankenzimmern die Sonnenwärme festgehalten und andererseits ihnen ein genügender Windschutz gewährleistet wird.
3m Kellergeschoß des Hauptbaues sind untergebracht: große Laboratoriumsräume, therapeutische Bäder, eine Warmwasserpumpenheizung zur Beheizung des Hauptgebäudes und der Rebenbauten, Die untere Station eines durch den ganzen Hauptbau nach oben führenden Personen- aufzuges, eine Hausmeisterwohnung, Wohnräume mit eigener Badeeinrichtung für das männliche Personal der Anstalt und andere Wirtschaftseinrichtungen.
Sm Erdgeschoß tritt man durch den Haupteingang in eine große Empfangshalle ein, in der sich der Pförtnerraum, die Zimmer für die Snstitutsverwaltung und der Aufgang zu der großen Treppenhalle befinden. 3m südlichen Flügel des Erdgeschosses sind die Zimmer für ärztliche Behandlung' (ilntersuchungszimmer, Operationssaal, Sterilisationsraum. Röntgenabtei-
Ratürlich ist der Dalkonraum vor jedem Zimmer durch seitliche Wände aus undurchsichtigem Glas von der Rachbarschaft abgeteilt. Der Zugang zu dem Balkon erfolgt durch breite Flügeltüren, die den glatten Transport der Better ermöglichen. Don dem Balkon hat man einen wundervollen Ausblick zum Taunus.
Das zweite Obergeschoß ist in der gleichen Weise eingerichtet wie das erste. Der südliche Flügel ist für die weiblichen Kranken bestimmt, der östliche Flügel enthält die Privat- station des Direktors. Der durchlaufende Balkon in diesem Geschoß ist gegenüber dem im ersten Obergeschoß um 50 Zentimeter zurückgerückt, um dadurch besseres Licht im ersten Obergeschoß zu haben. 3n diesem Geschoß sind außerdem noch eine Bibliothek, ein Sammlungszimmer, ein Raum für die Schwestern und das Dienstzimmer des Oberarztes vorgesehen.
3m dritten Obergeschoß wird fein Tuberkulosekranker untergebracht. Hier wird im östlichen Flügel eine Station für infektiöse, nicht tuberkulöse Kranke der Ohrenklinik eingerichtet. Sm südlichen Flügel werden sich die Wohnungen für Aerzte, Schwestern und Laborantinnen befinden, ferner je ein Speisezimmer für Aerzte und Schwestern, außerdem zwei Anrichteräume, deren
Oie neue Heilstätte.
hing, Raum für Lichtbehandlung, Snhalations- täume, drei Reinluftkammern [allergenfreie Kammern nach System Storm van Leeuwen-Cint- hvvenj) untergebracht. Sm östlichen Flügel ist eine Abteilung für kehlkopftuberkulöse Schwangere, die hier ihrer Entbindung entgegensehen können, vorgesehen, ferner ist dazu ein Kreissaal mit den erforderlichen Rebenräumen vorhanden.
Das erste Obergeschoß enthält in der Halle am Schenkelpunkt 6er beiden Flügel einen Glaspavillon zum Aufenthalt der diensthabenden Stationsschwestern, denen von hier aus ein freier Ausblick auf die Korridore beider Flügel möglich ist. Ferner find hier die Räume für den Direktor der Anstalt untergebracht. Sm südlichen und im östlichen Flügel befinden sich die Zimmer für die männlichen Patienten, weiter ist in den beiden Flügeln je ein Tagesraum zum Aufenthalt der nicht bettlägerigen Kranken vorgesehen. Sn jedem Flügel ist auch ein Badezimmer, außerdem auf der Station ein Untersuchungsraum für den Stationsarzt, ein kleines Stationslaboratorium für den laufenden Betrieb und ein besonderer Sputumraum zur Untersuchung und Desinfektion des Sputums geplant. Dor sämtlichen Krankenzimmern befindet sich ein windgeschützter, der Sonne ungehindert zugänglicher durchlaufender Balkon, der so breit ist, daß die Betten der Patienten hier bequem aufgestellt werden können.
einer für die Patienten bestimmt ist, während der andere für die Aerzte und Schwestern sein soll.
Das Dachgeschoß enthält in einem besonderen Aufbau auf dem Schenkelpunkt der beiden Flügel die Wohnräume für die in der Heilstätte bediensteten Mädchen. Weiter befinden sich hier die Zugänge zu den auf dem Flachdach eingerichteten Licht-, Luft- und Sonnenbädern, die nach außen zur Stadt hin abgeschlossen sind, ferner ist auf beiden Dachteilen neben Auskleide- täumen eine Brausebadeeinrichtung geschaffen. Auf dem Dache des Südflügels befindet sich das Licht-, Luft- und Sonnenbad für männliche Patienten, während auf dem Dache des Ost- flügels die gleiche Einrichtung für weibliche Kranke vorgesehen ist.
Sm östlichen Flügel befinden sich 21, im südlichen Flügel 14 Krankenzimmer. Sn diesen 35 Zimmern ist Raum für insgesamt 80 bis 100 Patienten. 25 Räume der Heilstätte dienen ausschließlich Untersuch ungs-, Be- handlungs- und Laboratoriumszwecken.
Das Wirtschaftsgebäude,
das entsprechend den neuzeitlichen Anforderungen von dem Hauptbau abgerückt ist, enthält die Kochküche, Waschküche, Rähstube, Plätträume und Aufenthaltsräume für das Personal. Sn der Küche wird ein großer, moderner Desinfektions-
liche Hergang mar folgender: Die Königin von England hatte ihrer Tochter vorgeschlagen, den englischen Laryngologen Dr. Morell Mackenzie zu konsultieren. Da die Frau Kronprinzessin (wie Ponsonby selbst schreibt) den englischen Arzt nicht kannte und er ihrem Leibarzt Dr. Wegner ebenfalls unbekannt war, so befragte letzterer mich, der ich damals sein Assistenzarzt mar, über den englischen Mediziner. Ich kannte Mackenzie als einen her- oorragenden Kehlkopffpezialisten und mußte ihm natürlich das beste Zeugnis ausstellen. Daraufhin teilte Leibarzt Dr. Wegner diesen Wunsch der Kronprinzessin den beiden anderen den hohen Kranken behandelnden Aerzten, nämlich Professor Gerhardt und Pro essor v. Bergmann, mit. Diese konnten selbstverständlich den hohen Kranken der gemünschten Kon ultation nicht entziehen. Es ist ja ein in der ganzen ärztlichen Welt fast täglich vorkommendes Ereignis, daß ein Kranker oder feine Angehörigen die Hinzuziehung anderer Aerzte wünschen. Es märe ein ganz unaewöhnliches, ja direkt unkluges Verhalten der deutschen Aerzte gewesen, wenn sie sich gegen eine Hinzuziehung eines ausländischen Kollegen gemehrt hätten. So kam es, daß Mackenzie unter dem Eindruck stand, die Aufforderung sei durch die deutschen Aerzte an ihn ergangen, eine Auffassung, die sich auch Sir Frederick Ponsonby zu eigen macht. In Wahrheit geschah diese Aufforderung nicht aus eigener Initiative der Aerzte, sondern auf Drängen der Kronprinzessin, hinter der miedet ihre Mutter stand.
Ueber den ganzen Hergang der Berufung Dr. Morell Mackenzies kann ich mich noch auf andere zeitgenössische und recht rnichtige Angaben stützen und zwar auf Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" und auf ein kürzlich erschiene- nes Buch des Freiherrn Lucius von Ballhaus e n, der in ber Zeit von 1879 bis 1890 preußischer Landrnirtschaftsminister mar. Er gehörte zu den Intimen des Bismarckschen Hauses. Er hat seine Erlebnisse stets sofort aufgezeichnet; diese haben also hohen historischen Wert. Seine in Deutschland leider rnenig bekannten, aber für die Zeitgeschichte äußerst interessanten Memoiren enthalten unter dem Datum 7. Juni 1887, d. h. also siebzehn Tage nach Ankunft Mackenzies, folgende Aeußerungen Bismarcks: er enthalte sich entschieden, zu einer Kur unter dem
englischen Arzt zu raten, um nicht auf sich eine Der- antmortung zu übernehmen, rnelche jetzt die Ko- nigin von England trage. Diese habe Dr. Morell Mackenzie empfohlen und geschickt. Es märe ein besonders tragisches Schicksal, menn der Kronprinz unter der Behandlung des englischen Arztes im Auslande sterben mürbe.
Diese Ablehnung Bismarcks bezüglich weiterer Einrnirkung auf ben Verlauf geht auch aus einer aleichzeitigen Bemerkung bei Lucius hervor. Er (Bismarck) habe es längere Zeit vermieben, ben Kronprinzen zu sehen, um bei bem Kranken ben Anschein zu oermeiben, als rnolle er sich von seinem Befinben überzeugen. Unb menn man bann weiter bas Kapitel 33 von Bismarcks „Gebanken und Erinnerungen" aufschlägt, so finbet man über diese Erkrankung des Kronprinzen weiter nichts, als daß er Einspruch erhoben habe, den Patienten ohne seine persönliche Einwilligung einer großen Kehlkopfoperation zu unterziehen. Es sei hier auch gleich erwähnt, daß Bismarck keinesfalls in diesem ersten wichtigen Monat mit Mackenzie oder anderen Aerzten des Kronprinzen konferiert ober gar Konsultationen ber Aerzte mit Mackenzie veranlaßt hat. Auch in bem offiziellen, nach bem Tobe bes Kaisers veröffentlichten Bericht über besten Krankheit steht nichts von einer solchen, doch als gewiß wichtig anzusehenden Einwirkung. Bismarck konnte feinen Stanbpunkt um so eher vertreten, weil er sowohl in seinen Erinnerungen mie auch Lucius gegenüber es als eine irrige Auffassung bezeichnet, baß ein Thronerbe, ber an einer unheilbaren Krankheit leibet, successionsunfähig sei.
Der offizielle, 1888 veröffentlichte Bericht über bie Krankheit bes Kaisers enthält bie Feststellung, baß ber Name Mackenzies zuerst von Leibarzt Dr. Wegner ausgesprochen unb bann von Gerhardt und v. Bergmann ausgenommen worden sei. Unter Würdigung der oben angegebenen Zusammenhänge ist es sehr wohl möglich, daß dieser Eindruck enfftehen konnte, wenngleich er nicht dem tatsächlichen historischen Hergang entsprach. Dieser wird vielmehr durch Bismarcks eigene Angabe, bie Königin von Englanb habe Dr. Mackenzie empfohlen unb geschickt, am treffenbften gekennzeichnet.
Für bie Würbigung ber historischen Vorgänge spielt aber nicht nur die Berufung des englischen
und Spülapparat für bas Geschirr auf gestellt, ebenso wirb eine moderne Kühlanlage mit Apparaten zur Eisbereitung hier geschaffen; Kühlapparate dieser Art befinden sich übrigens auch auf den einzelnen Stationen. Die gesamte Beheizung der Küchenanlage erfolgt durch Elektrizität. Für die Speisenabgabe ist ein Schalterraum vorgesehen, so daß in die Küche selbst nur bas dort beschäftigte Personal Zugang hat. Zu der Heilstätte gehört ein
Gelände von ca. 15000 Quadratmetern, das von der Stabt Gießen schenkungsweise xur Verfügung gestellt würbe und, soweit es für die Gebäude nicht beansprucht ist, gärtnerisch her- gerichtet werden soll. Um unseren Lesern ein Bild von der Arbeitsleistung bei öie- sem groben Dau zu geben, sei folgendes erwähnt: Insgesamt wurden etwa 5000 Kubik- veter Erde bewegt, 1 300 000 Ringofensteine vermauert und für bie Mörtelbereitung etwa 4000 Zentner Kalk unb 1200 Kubikmeter Sand verbraucht. Für bie Detonarbeiten waren etwa 2600 Kubikmeter Basaltkleinschlag und Dorsahmaterial, 10 000 Sack Zement und 90 000 Kilo Eisenteile erforderlich. Sn bie Gebäude werden Röhren für Heizung, Warmwasserversorgung usw. in einer Länge von etwa 40 Kilometern eingebaut; hiervon find allein über 15 000 Meter Röhren nur zur Aufnahme der Drähte für die elektrische Leitung, die Lichtsignaleinrichtung und die Uhrenanlage ra>ttoen6ig. Weiter find 3500 Quadratmeter Linoleum und etwa 40 000 Stück Platten für Wandbekleidung erforderlich.
Der Rohbau wurde in etwa sieben Monaten fertiggeflellt. Der Snnenauäbau erfordert durch die umfangreichen unb schwierigen Einrichtungen etwa zwölf Monate Arbeitszeit. Die Fertigstellung des Baues wird gegen Ende dieses Sahres zu erwarten sein. Die Belegung der Heilstätte mit Patienten dürfte voraussichtlich vom nächsten Frühjahr ab erfolgen.
Die ©efamtfoften der Heilstätte belaufen sich auf rynb 1 Million Mark. Davon entfallen etwa 350 000 Mark auf den Rohbau, 500 000 Mark auf den Snnenausbau, 150 000 Mark auf Mobiliar, Wäsche und Snftrumente. Der Entwurf zu 6em monumentalen Bauwerk wurde von bem Architekten, Daurat Hans Meyer (Gießen), angefertigt, dem auch bie Bauausführung obliegt.
Die neue Heilstätte, bie in ihrer Art b i s jetzt bie einzige in ganz Deutsch- lanb ist, wirb allen Qlnforberungen in wissenschaftlicher unb therapeutischer Beziehung genügen zum Wohle ber leibenden Menschen mit Tuberkulose ber oberen Luftwege. Der Heilstätten- verein für Hessen vollbringt hier eine segensreiche kulturelle Tat, bie weit über bie Grenzen Deutschlands hinaus ihren Widerhall finben wirb.
Aus dem Gesetzgebungsausschuß des Hessischen Landtages.
D armstabt, 10.Juni. Der Gesetzgedungsaus- schuß des Hessischen Lanbtages befaßte sich heute erneut mit dem Anträge über bie Aenberung des Notariats in Hessen. Nach längerer Aussprache wurde ber neue Antrag bes Abg. Dr. Best ^RP.) ber Regierung als Material überwiesen. Ein Antrag Dr. Werner (fraktionslos) wurde durch bie bisherige Beschlußfassung bes Ausschusses für erledigt erklärt. Ebenso wurde ein volks- parteilicher Antrag zu dieser Frage ber Regierung als Material überwiesen.
Mit 8 zu 4 Stimmen, b. h. mit ben Stimmen ber Regierungsparteien, wurde bie Regierungsvorlage über bie Erhebung bes Verfassungstages (11. August) zum staatlichenFeier- tag in Hessen beschlossen.
Sprechstunden der stiedaktion
11.30 bis 12.30 Ahr, 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen
Anzeigenaufträge sind lediglich an die Geschäftsstelle zu richten.
Arztes eine wichtige Rolle, sondern auch der weitere Verlauf des Dramas. Wäre Mackenzie nicht gekommen, so hätten die zur baldigen Operation drängenden deutschen Aerzte wohl ihren Willen durchgesetzt. So waren ihnen die Hände gebunden. Für die ersten Wochen seiner Behandlung kann man Mackenzie keine Vorwürfe machen. Von dann aber gibt es vom ärztlichen Standpunkte aus keine Rechtfertigung für einen Mann seiner Autorität und Erfahrung. Bei der rapiden Verschlimmerung des Leidens mußte er entweder sein Amt nie« berlegen oder für die Operation sprechen, deren Gefayr und Größe von Woche zu Woche wuchs. Seine eigene Rechtfertigung ist auch als gänzlich mißlungen anzusehen.
Man muß als objektiver Beurteiler Sir Frederick Ponsonby beipflichten, wenn er schreibt: der Patient selbst, seine Gemahliü, bas alte Kaiserpaar unb Bismarck wußten um bie Unstimmigkeit ber Aerzte. Ieber von ihnen hätte Gerharbts unb d. Bergmanns Ansichten unterstützen unb auf eine Operation bestehen können. Keiner tat es. Alle überließen es ben Aerzten, zu entscheiben, was bas Beste sei. Es ist baher gewiß entfchulbbar, baß ber Gemahlin bes Kranken bie Energie versagte, einen immerhin nicht gleichgültig operativen Eingriff zu verlangen, ber nicht einmal von bem Patienten ge« forbert wurde. Man vermißt in ben Briefen ber Kaiserin jeboch eine psychologisch einleuchtenbe B e« gründung ihres unbegreiflichen felsenfesten Vertrauens zu bem englischen Arzt. Es mehren sich da- gegen im weiteren Verlauf ber Korresponbenz bie gehässigen Ausfälle gegen bie beutschen Aerzte und gegen ben Prinzen Wilhelm, ber auf Seiten ber deutschen A?rzte unb mit ihrer Unterstützung Ein- fluß auf bie Ereignisse in San Remo zu gewinnen suchte.
Als sicher barf man annehmen, baß roeber burch ehrgeizige Wünsche ber Kronprinzessin selbst, noch burch politische Erwägungen unb Einflüsse bas tra- gische Enbe bes hohen Dulbers herbeigeführt würbe. Nach Ausschaltung der deutschen Aerzte ist der weitere Verlauf ber Katastrophe bis zum Tobe rein medizinisch genau so vor sich gegangen, wie er in jeher Prioatfamilie in einem ähnlichen Falle vor sich gegangen wäre.


