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Nr. 138 Zweites Blatt« Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag. 15, Juni 1929
Außenpolitische Ämschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. ZR.
An Stelle des Dawesplanes soll nun der von den Sachverständigen am 7.3uni unterzeichnete Voung-Plan treten. Ist er die „Generalliquidation des Krieges", von der in Genf im letzten September gesprochen wurde? Wie man auch zu diesem Plan stehe, ob man ihn wegen der zu hohen Lasten für Deutschland ablehnt oder glaubt ihn annehmen zu müssen, auch von den Anhängern der letzteren Meinung glaubt niemand, daß das schon eine endgültige Regelung sei. Man braucht gar nicht die Frage aufzuwerfen, ob cs überhaupt möglich ist, auf 58 Jahre Jahres- zahlungcn dieser Art festzulegen. Denn darüber besteht kein Streit, dah die deutsche Wirtschaft diese Summen ganz positiv nicht wird auf- bringen können. Auch wer den Plan jetzt annimmt, tut das in der Lieberzeugung, dah ja bald eine Revision nötig, und in der Hoffnung, dah eine solche möglich sein wird.
Das Gefährliche ist nur, das) trotz aller Vorbehalte in dieser Beziehung ein wirkliches Re- ^isionsrecht Deutschland nicht eingeräumt ist und dav andererseits formell jedenfalls die Bindung auf 58 Jahre freiwillig von Deutschland übernommen wird, und zwar, worauf aufmerksam zu machen ist, unter Verzicht auf die beiden Sähe des Dawcsplanes, dah Deutschlands Fahlungen nur aus seinen Handelsüberschüssen entrichtet werden sollen und dah die Lebenshaltung seiner Bevölkerung nicht unter ein bestimmtes Mah heruntcrgedrückt werden dürfe.
Der Plan legt zugrunde die Verbindung von deutscher Reparationszahlung und interalliierten Schulden. Diese Verbindung ist bekanntlich bisher von Deutschen und Amerikanern unbedingt abgelehnt worden, während die Engländer und Franzosen sie forderten und zu ihrem Programm gemacht hatten. Die letzteren haben den ersteren ihren Willen aufzwingen können. Deutschland hat eine „Totalsumme", die es selbst und auch Herr Gilbert forderten, erhalten, aber nicht bemessen nach seiner wirtfchastlichen Leistungsfähigkeit, sondern nach den feststehenden Sätzen der Schulden, die die europäischen Sieger an die Vereinigten Staaten haben. Auch da kann niemand bestreiten, dah das zum Rach teil Deutschlands ist. Auch da ist nur eine Hoffnung, nämlich, dah in irgendeiner Zeit die Vereinigten Staaten an einen Rachlah oder gar die Streichung dieser ihrer Forderungen gehen werden. 3n einer Anlage zu dem Plan ist nun gewih von dem Falle des Schuldennachlasses die Rede und von der Art, wie ein solcher dann verteilt werden solle. Eine Aussicht, auch nur unbestimmt, ist daraus nicht, während unbestreitbar Deutschland seine Verpflichtungen im ganzen auf 58 Jahre übernommen hat und diese 3ahreszahlungen ihm nach der Gesamtsumme der Verpflichtungen der anderen an Amerika berechnet sind.
So ist das Ergebnis ganz gewiß noch keineswegs jene „Generalliquidation des Krieges", von der man spricht. Lind höchst unsicher sind heute noch die Aussichten auf die politischen Schluh- folgerungen. Manche sehen schon in diesem 3ahre das Rheinland geräumt. Wir würden uns herzlich freuen, wenn das der Fall wäre. Aber wir vermögen nicht daran zu glauben! Denn nun schlicht sich ja erst an die Fertigstellung des Plans der innere Kampf in Deutschland um seine Ratifizierung. Dah Frankreich ihn schnell ratifizieren wird, glauben wir gern. Denn dieser
Roman von Edgar Wallace.
2. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Das sieht verdächtig aus," sagte er., „Es besteht kein Zweifel, dah er ertrunken ist?"
„Richt der geringste," erwiderte der Kommissar, zog ein Schubfach auf und nahm eine kleine Schale heraus, in der verschiedene Gegenstände lagen „Das haben wir in seinen Taschen gesunden. Llhr und Kette, ein Zigarrenetui und dies Stückchen zusammcngerolltes, braunes Pa- ^Carrt) nahm den letzten Gegenstand auf. Er war vielleicht drei Zentimeter lang und noch feucht.
Es ist nichts darauf geschrieben," sagte Sir 3ohn. „Als man mir die Sachen gebracht hat, habe ich das Papier aufgcwickelt, habe es aber für besser gehalten, es gleich wieder zusammen- zurollcn, um es für eine genauere LInterfuchung trocknen zu lassen."
Larry betrachtete die Llhr, eine einfache, goldene Llhr mit Sprungdeckel.
„Richts." sagte er und schnappte den Deckel zu, „ausgenommen, dah sie zwanzig Minuten nach zwölf stehengchlieben ist — höchstwahrscheinlich die Stunde des Todes."
Sir 3ohn nickte. „ ,
„Die Kette ist Gold und Platin, brummte Larry nachdenklich, „und am Ende ist na, was ist das?" _ .....
Am Ende der Kette hing em kleines ungefayr vier Zentimeter langes, goldenes Röhrchen
„Aha, die Hülse von einem goldenen BlelstlN . sagte Larry. „Hat man den dazugehörigen Bleistift nicht gefunden?" Sir 3ohn schüttelte den -Kopf. .
„Rein, das ist alles, was gefunden wurde. Anscheinend hatte Stuart auch nicht die Gewohnheit, Ringe zu tragen. 3ch lasse alles in dein Bureau schicken. Du wirst doch den Fall übernehmen?"
„Was ist denn aber an diesem Fall so besonders?" fragte Larry langsam. „Hältst du die Sache für verdächtig?"
Einen Augenblick war der Kommissar schweig- ^„3a und nein", sagte er. „3ch habe die Empfindung, dah hier Anzeichen für ein Verbrechen vorlicgen. Rur allein die Tatsache, dah cr bei steigender Flut auf gefunden wurde, während er doch zweifellos zur Zeit der Ebbe feinen Tod fand, veranlaht mich, die Sache nicht als einen gewöhnlichen Todesfall durch Ertrinken zu betrachten und ich würde dann auch nicht bei der amtlichen Totenschau widersprochen haben, wenn der Fall als Tod durch Unfall abgetan Ware.
Abschluß ist ein Sieg Poincarös, dessen bekannte Forderung (in der Rede von Chambery) ja durchgeseht ist. Aber in Deutschland wird ein Plan, der derartige Belastungen und Bindungen bringt, selbstverständlich schwere Kämpfe her- vorrufsn.
Der Weg soll auf einer politischen Konferenz der Regierungen festgelegt werden, deren Ort noch nicht bestimmt ist. Möglich, dah da auch von Räumung und dergleichen gesprochen wird. Aber man vergesse nicht, dah diese Frage letztes 3ahr in Genf verknüpft wurde sowohl mit der Reparation, für die also jetzt der neue Plan vorliegt, wie mit jenem neubegründeten „Komitee zur Feststellung und Versöhnung". 3n diesem schönen, wenn auch nicht sehr klaren Titel lauert die Gefahr, mit einem Wort der „st än» digen Kontrollorgane" im Rheinland. Glaubt man, dah die bekanntlich sehr kluge und zähe französische Diplomatie das einfach aus der Hand geben wird? Glaubt man, daß die neue englische Regierung, so sehr sie unzweifelhaft die Räumung wünscht, sofort einen derartigen Druck auf Frankreich ausüben wird, daß die Räumung schnell vor sich geht?
Dazu noch ein anderes: der neue Plan sieht in seinen Summen nicht die Desahungs- kosten vor. Darüber soll eine Vereinbarung zwischen den Regierungen getroffen werden. Hier lauert eine andere Gefahr! Es ist nicht gesagt, dah diese Vereinbarung von den Besatzungs- Mächten zu treffen fei, und in manchen Zeitungen wird schon tatsächlich mit der Möglichkeit gerechnet. dah die Vereinbarung darüber a.uch einschließlich Deutschlands getroffen werde und Deutschland zu der schon feststehenden Durchschnittsannuität von 2050 Millionen Mark und den belgischen Markforderungen noch einen Beitrag an den Desahungskosten auf sich nehmen müßte. Auch hier kennt man die französische Diplomatie. Sie wird auch das mit aller Energie benutzen, um die Räumunqsfrage so sehr wie möglich in die Länge zu ziehen.
So ist das, was jetzt fertig geworden und von neuem begonnen wird, durchaus nicht eine Lösung, die wirklich den Wiederaufbau Europas zum Ziele gehabt hätte. Das Kompromiß ift nicht erfreulich, es ist hart und faul. Es bringt im ersten Jahrzehnt gewih Erleichterungen, jene Rechte wie Transfer- und Aufbringungsaufschub und vor allem die Freiheit von Kontrollen und Pfändern. Das erkennen wir an! Aber es stützt sich auf Zahlen, die nach unserer ehrlichen Ueber- zeugung z u h o ch sind. Es legt Deutschland statt der 30 3ahre des Versailler Vertrages Verpflichtungen auf 57 3ahre auf. Der Plan, mit dem Deutschland endlich erfahren hat, was es im ganzen zu zahlen habe, ändert an den Ge- famtzahlungen kaum etwas. Er enthält eine förmliche. absolute und freiwillige Vervflichtung und die schwere Verbindung mit den Schulden.
So viel ist im Augenblick erst zu sagen. Die politischen Forderungen, namentlich auch von feiten Amerikas, werden erst allmählich hervortreten. Denn das ist allerdings auch richtig: mit dem Dawesplan hatte Amerika lediglich einen Rat, ein Gutachten gegeben. 3m Poung- plan schaltet es sich ganz anders ein, wird es seinerseits durch die Verkoppelung mit den interalliierten Schulden und durch seine Beteiligung an der Reparationsbank mit Europa und seinen finanziellen Fraqen sehr viel stärker verknüpft als bisher.
Damit über dieses, allerdings wichtige Ereignis die übrige Welt, die doch auch da ist, nicht ganz vergessen werde, registrieren wir die sonstigen wichtigsten Vorgänge. Wir blicken auf den Abschluh des Versöhnungswerkes zwischen Vatikan und dem Königreich
3 t a l i e n, der am 7. 3uni vollzogen wurde. Seitdem besteht also ein selbständiger Staat der vatikanischen Stadt. Freilich ist für das Papsttum in diese Freude etwas Wermut gegossen worden, weil Mussolini die Rechte des Staates in diesen ganzen Fragen erneut betont hat, und erst die weitere Zukunft wird zeigen, ob der Vatikan nicht nur ein gutes Geschäft gemacht, sondern auch einen in die Ferne wirkenden moralischen und kirchenpolitischen Erfolg davongetragen hat.
Am 4. 3uni ist der Vertrag zwischen Chile und Peru unterzeichnet worden, mit dem ein vierzigjähriger Streit zwischen beiden Ländern um die Provinz Takna-Arika beigelegt wurde. Die Lösung entspannt das Verhältnis beider Länder und sichert Frieden und Ruhe im südlichen Amerika. Roch mehr als das: sie hat gezeigt, dah eine unendlich lange hin- gezerrte und für unlösbar gehaltene Frage tatsächlich doch in freundschaftlicher Verständigung und im Sinne des Schiedsgedankens gelöst werden kann. 3n dieser Beziehung also könnte und sollte Südamerika ein Vorbild für Europa sein!
Wenn wir den Besuch des Königs von Aegypten in Berlin auch in diese Um» schau hereinziehen, so tun wir das nicht, weil wir an sich die Bedeutung eines solchen höfischen Vorgangs überschätzen möchten. An Aegypten nehmen wir ein großes, in diesen Tagen oft anerkanntes wissenschaftliches 3ntereffe. Wir haben auch in Aegypten erhebliche und
vorwärtsgehende wirtschaftliche 3ntere[fen. Aegypten wird für seine Weiterarbeit im Sinne einer europäischen Entwicklung manches aus Deutschland mitnehmen können. Aber uns ist das Wesentliche, daß Aegypten, dessen innenpolitische Zustände ebensowenig völlig gesichert, wie seine sozialen und wirtschaftlichen Zustände nicht völlig gesund sind, um seine nationale Freiheit und Llnabhängigkeit kämpft. Der König, der eben Berlin besucht hat, ist der erste Herrscher Aegyptens, der seit den Tagen der Kleopatra wieder den königlichen Titel trägt und der über ein völkerrechtlich als unabhängig anerkanntes Aegypten herrscht. Aegypten ist noch nicht völlig frei. Englands Hand liegt auf ihm, und noch ist keine Lösung gefunden, die Aegyptens Unabhängigleit sicherstellt und Englands große Reichsinteressen an dieser Stelle des Suezkanals, des oberen Rils und Sudans miteinander versöhnte. Eine mächtige Strömung im Lande selbst ist für volle Llnabhängigkeit und Freiheit. So wie im letzten 3ahre der König von Afghanistan als Herrscher eines freien und unabhängigen Landes, das bisher als Kolonialgebiet behandelt wurde, zu uns kam, so besucht jetzt der König von Aegypten Deutschland. Mit Recht wurde er in Berlin und Deutschland herzlich begrüßt mit dem Wunsche, daß sein Staat recht bald die innere Gesundung und Konsolidation, sowie die Llnabhängigkeit erreichen möge, auf die es nach seiner großen kulturellen Vergangenheit einen Anspruch hat!
Aol der Landwirtschaft - Ao! des Volkes.
Von Martin Schiele, ehem. Reichsminister, Präsidenten des Reichslandbundes.
I. Oie Lage der deutschen Landwirtschaft und die Ursachen der Agrarnot.
Die deutsche Landwirtschaft verliert seit 1924 durchschnittlich über hundert Millionen Mark in jedem Monat. Die Neuverschuldung ist seither auf nahezu neun Milliarden Mark gestiegen. Die Tragfähigkeit für weitere Kredite ist teilweise bereits erschöpft. An Stelle des weiteren Anwachsens der Schulden treten dann Verfall der Gebäude, quantitative und qualitative Minderung des lebenden und toten Inventars, allgemeiner Kulturrückgang der Aecker, Wiesen und Weiden. Selbst die Einschränkung der Lebenshaltung in den bäuerlichen Betrieben bis an die Grenze der sozialen Verelendung können den Vermögensverfall in der Landwirtschaft vielfach nicht mehr aufhalten. Das völlige Stagnieren des Gütermarktes ist der Grund, weshalb Zwangsversteigerungen nicht viel zahlreicher oorge- nommen werden. Die Ursachen dieser Notlage liegen:
1. in der Konkurrenz des Auslandes, das teilweise bewußtes Dumping zur Entlastung der eigenen Märkte treibt (z. B. die Vereinigten Staaten, Kanada), z. T. infolge des geringeren Lebensstandards seiner Bevölkerung (z. B. Polen, Litauen) und wegen seiner klimatischen Bevorzugung (z. B. Holland, Dänemark, Italien, Neuseeland) wesentlich billiger erzeugen kann als Deutschland.
2. Ein weiterer Grund für die gegenwärtige Notlage der Landwirtschaft liegt in den Kredit- und Zinsverhältnissen. Die Inflation hat das Betriebskapital der Landwirtschaft vernichtet. Aus naitonalpolitischen Gründen folgte sie nach Stabilisierung der Intensivierungsparole. Die Intensivierung erforderte jedoch erhöhte Betriebsmittel, die nur auf Kredit zu unerträglich hohem Zinssatz be- schafft werden konnten. Bei den langen Umschlagsperioden in der Landwirtschaft wirken diese hohen
Zinssätze ganz besonders verteuernd auf die Produktion.
3. Eine weitere Ursache der gegenwärtigen Agrar- krise liegt in den mangelnden Absatzverhält n i s s e n für Agrarprodukte in Deutschland. Vor dem Kriege war eine Absatzkrisis in Deutschland noch völlig unbekannt. Im Kriege und in der Inflationszeit wurden bei der schlechten Dersor- gungslage in Deutschland den Landwirten die höchsten Preise auch für qualitativ nicht erstklassige, mangelhaft sortierte und verpackte Ware bezahlt. Erst seit dem Einströmen der Auslandkredite tritt b ie ausländische Qualitätsstandard- roare auf den deutschen Märkten in unmittelbare Konkurrenz zu unserer heimischen Produktion und verdrängt die deutsche Landwirtschaft von ihren Märkten.
4. Endlich ist noch ein letzter Grund für die gegenwärtige Krisenlage der deutschen Landwirtschaft zu nennen, ich meine damit die in der Politik fast aller in der Weltwirtschaft maßgebenden Staaten zu beobachtende Im Parität zwischen In- dustrie und Landwirtschaft, die in Deutschland durch den Zwang zu hohen Reparationsleistungen noch gefördert worden ist. Unter dem Drucke der Reparationsverpflichtungen war die deutsche Wirtschaftspolitik mit Ausnahme kurzer Epochen bisher bewußt auf die einfeitigeFör- derung der Industrie, des Exportes und des städtischen Lebens schlechthin unter Vernachlässigung der berechtigten Interessen des Binnenmarktes und der Landwirtschaft eingestellt.
II. Oie Auswirkung der Agrarkrisis auf die allgemeine Wirtschaftslage.
Vor dem Kriege konnte Deutschland seinen Bedarf an Rohstoffen und ausländischen Nahrungs- Mitteln aus den Ueberschüssen seines Industrie- Exportes und den Erträgnissen seiner ausländischen
Larry betrachtete von neuem die Uhr.
„Merkwürdig", sagte er halb zu sich selbst und fuhr dann fort: „Ich kann doch die Sachen gleich mit in mein Bureau nehmen?"
„Selbstverständlich", erwiderte der Kommissar. «„Willst du dir nicht erst den Toten ansehen?"
Larry zögerte.
„Rein, ich danke. 3ch will erst mal Doktor 3udd aufsuchen. Kannst du mir seine Adressen geben?"
Sir 3ohn blickte nach der Uhr auf dem Kaminsims.
J$r wird noch in seinem Bureau sein. Er gehört zu den unermüdlichen Personen, die bis spät in die Rächt hinein arbeiten. Rümmer 17, Bloomsbury Pavement: du kannst das Haus nicht verfehlen."
Larry nahm die Schale und ging nach der Tür.
„Und jetzt wollen wir uns mal den so anziehenden Sekretär ansehen", sagte er, und Sir John lächelte.
3.
Zimmer Rr. 47 lag eine Etage höher wie das Bureau von Sir 3ohn am Ende des langen Ganges. Larry trug die Schale in einer Hand, öffnete mit der anderen die Tür und stand auf der Schwelle eines behaglichen kleinen Bureaus.
„Hallo!" sagte er überrascht. „Din ich denn falsch gegangen?"
Das junge Mädchen, das sich vorn Schreibtisch erhoben hatte, war jung und außerordentlich hübsch. Dichtes dunkelblondes Haar, das über ihre Stirn herabfiel, stand in überraschendem Kontrast mit ihren klaren, grauen Augen, die ihn verwundert betrachteten. Sie war von schlanker, gefälliger Figur, und als sie lächelte, hatte Larry die Empfindung, noch niemals in feinem Leben ein so graziöses und liebenswürdiges weibliches Wesen gesehen zu haben.
„Das ist das Bureau von 3nspektor Holt, sagte sie.
„Allmächtiger!" sagte Larry, kam langsam in das Bureau und schloß die Tür hinter sich. Er ging zu dem anderen Schreibtisch und setzte die Schale nieder.
„Das ist Inspektor Holts Bureau", wiederholte das junge Mädchen erstaunt. „Sind die Sachen für ihn?"
Larry nickte und sah das junge Mädchen nachdenklich an.
„Was ist das?" fragte cr plötzlich und zeigte auf ein Glas und eine Kanne, die auf einem weißgedeckten Seitentischchen standen.
„Das? — Das ist für Inspektor Holt", antwortete sie.
Larry blickte in die Kanne.
„Milch?" fragte er erstaunt.
„Ja," entgegnete sie. „Wissen Sie, Inspektor Holt ist ein ziemlich alter Herr, und als ich den
Kommissar fragte, ob Mr. Holt nach feiner langen Reife vielleicht eine Erfrischung nötig hätte, hat er etwas Krankenkost und Milch vorgeschlagen. Krankenkost kann ich ja leider hier nicht machen und —“
Sie hielt inne und starrte Larry verwundert an, der in schallendes Gelächter ausbrach.
„Ich bin Inspektor Holt," sagte cr und trocknete seine Augen.
„Sie?" stammelte sie.
„Ja, ich bin der alte, kranke Mensch," sagte er vergnügt. „John, der Kommissar, hat Ihnen einen Streich gespielt, Miß — ich kenne Ihren Ramcn nicht. Würden Sie vielleicht jetzt so freundlich fein und die bejahrte Miß Ward bitten, zu mir zu kommen?"
Ein Lächeln zitterte um ihre Lippen.
„Ich bin Miß Ward," sagte sie, und jetzt starrte Larry sie entgeistert an. Dann streckte er lächelnd seine Hand aus.
„Miß Ward, wir sind beide Leidensgefährten. Jeder von uns ist das Opfer eines niederträchtigen Polizeitommissars geworden. Ich bin außerordentlich erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen — und erleichtert."
„Ich bin auch e^oas erleichtert," lächelte das junge Mädchen, als sie nach ihrem Tisch zurückging. Larry, der jeder ihrer Bewegungen mit den Augen folgte, war von ihrem schwebenden Gang entzückt.
„Sir John hat mir gesagt, Sie wären ungefähr sechzig Jahre alt und asthmatisch, und bat mich, darauf zu achten, daß es im Bureau nicht zieht. Ich habe diesen Rachmittag extra Fensterschoner anbringen lassen."
Larry dachte einige Augenblicke nach.
„Es ist vielleicht ganz gut, daß ich nicht nach Monte Carlo gefahren bin," sagte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. „Run wollen wir uns mal an die Arbeit machen. Meinen Sie nicht auch?"
Sie öffnete ihr Stenogrammbuch und nahm einen Bleistift zur Hand, während Larry die Schmuckgegenstände untersuchte, die in der Schale lagen.
„Schreiben Sie, bitte," begann er. „Uhr von Gildman, Toronto, goldene Kapseluhr, auf Steinen laufend, Rr. X. 778 432. Keine Kratzer auf dem Innendeckel." Er öffnete die Uhr, schnappte sie wieder zu und zog sie dann auf. „War nicht länger als sechs Stunden aufgezogen worden, bevor sie stehenblieb."
Sie blickte aus.
„Handelt es sich um den Fall Stuart?" fragte sie.
„Ja," entgegnete Larry, „ist Ihnen irgend etwas darüber bekannt?"
„Rur, was mir der Kommissar erzählt hat," entgegnete sie. „Der Aermstc! Aber ich habe mich schon so an die Schrecken hier gewöhnt.
dah ich beinahe abgehärtet bin. Ich glaube, als Student der Medizin wird man auch so. Ich bin zwei Jahre lang Krankenschwester in einer Blindenanstalt gewesen," fügte sie hinzu, „und das hilft auch, einen hart zu machen. Glauben Sie nicht auch?" Sie lächelte.
„Sehr leicht möglich," sagte Larry nachdenklich und überlegte, wie jung sie wohl gewesen sein muhte, als sie anfing, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Er schätzte ihr Alter auf einundzwanzig Jahre, glaubte aber, damit reichlich hoch gegangen zu sein. „Gefällt Ihnen die Arbeit hier?"
Sie nickte.
„Sehr gut,“ antwortete sie. „Sir John hat gesagt, daß er aus mir noch einen —" Sie zögerte und suchte nach einem Wort.
„Einen Spürhund? Sagen Sie bloß nicht, daß Sie ein Spürhund werden wollen," bat Larry. „Ich dachte, das wäre allein unsere Arbeit. Die weibliche Konkurrenz heutzutage —“
„Eie vernachlässigen Ihre Arbeit. Mr. Holt." sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ich bin gerade bis zu der Uhr gekommen."
Er kicherte und nahm seine LInterfuchung wieder auf.
„Kette aus Platin und Gold, achtundzwanzig Zentimeter lang, Spcrring an einem Ende mit goldener Bleistifthülse — ich nehme wenigstens an, cs ist Gold." diktierte cr weiter. „Der Bleistift ist nicht gefunden worden?"
„Rein," sagte sie. „Ich habe den Sergeanten, der die Sachen gebracht hat. noch ganz besonders gefragt, ob man keinen Bleistift gefunden hätte."
Larry sah sie überrascht an.
„Haben Sie denn das bemerkt?"
Ratürlich ist mir das aufgefallen." sagte sie ruhig. „Das Messer ist ja auch verschwunden.'
Er sah sie über den Tisch hinweg in ungeheucheltem Erstaunen an.
„Was für ein Messer?"
„Ich nahm an, es war ein Messer." sagte sie. „Der Spcrring war zu groß, um nur allein einen Bleistift zu halten. Wenn Sie genau Hinsehen, finden Sie noch einen kleinen Ring — wahrscheinlich ist cr mit dem anderen Ring zusammengehakt, der den Bleistift gehalten hat. Cr war offen, als die Sachen hierhergebracht wurden, aber ich habe die Enden zusammengebogen. Es sah aus, als ob jemand das Messer mit Gewalt abgerissen hätte. Ich nehme an. es war ein Messer, weil Herren doch sehr oft ein kleines, goldenes Taschenmesserchen an der Uhrkette tragen."
„Oder einen Zi g arrenabschneider?" schlug
Larry vor.
(Fortsetzung folgt.)


