Ausgabe 
15.3.1929
 
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Nr. 65 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, ?5. März 1929

Hoovers Vorgänger.

Zehn Minuten amerikanische Geschichte.

Don unterem

Nachdruck auch mit Quellenangabe, verboten. Reuyork, März 1929.

Die Geschichte der Kaiser und Könige, öle mitgeholscn, das Schicksal der Menschheit zu formen, kennen wir von der Schulbank her. Weniger jedoch jene Männer, die bis in die Gegenwart hinein mit schier unumschränkter Macht an der Saitze des reichsten und wenn man will auch glücklichsten Dolles der Welt marschieren die Präsidenten der nord- amerikanischen Union. Herbert Hoo­ver, der siegreiche Kandidat der Republikaner im Präfidcntscha tskampf, hat soeben denThron" bestiegen, nicht den seiner Dät:r, sondernnur" den seiner Amtsvorgänger, von denen jedoch dieser und jener (Haine sich tief ins Gedächtnis nicht zuletzt des deutschen Dolles eingeprägt. George Washington, der als erster den Mythos von der Änbcs'.egbarleit Großbritanniens zerstörte, Monroe, der einem Politischen Glau­bensbekenntnis den Rawen gab, Roosevelt, der die Gastsreundschast des Deutschen Kaisers genossen, um diesen dann später mit Schmutz zu bewerfen, Wilson, dem ein Mill'.onenvolk in der Stunde seines tiefsten nationalen Un­glücks vertraute... Oh ja, es verlohnt sich schon, Die Rainen von Washington bis Coolidge an sich vorüberziehen zu lassen, während das amerika­nische Volk im Kapitol jubelnd seinen neuen König" grüßt.

Die lange Reihe jener 29 Männer, die bisher die höchste Würde in den Dereinigten Staaten bekleideten, beginnt mit dem glänzenden Ramen des Föderalisten George Washington, des Oberbefehlshabers der llnionäarmee im Be- freiungskriege gegen England, jenes Washington, der die Vertreter der dreizehn Reuenglandstaa­ten gegen Ende des a chtzehnten Jahrhunderts zur konstituierenden Rat'.onalvcr'ammlung zusammen- rief, die dann die Gründung der später so mächtigen Union beschloß. Rach dem Födera­listen John Adams, der 1797 bis 1801re­gierte", kam der demokratische Republikaner Thomas Jefferson ans Ruder, der die unteren Volksschichten der II. S. A. vertrat und die demokratisch-republikanische Partei gründete, aus der dann die beiden traditionellen, noch heute bestehenden politischen Gruppen hervor­gegangen sind. Er erwarb die letzten französi­schen Hoheitsrechte, die noch im amerikanischen Küstengebiet bestanden und erließ ein Gesetz, das die Einfuhr von gewissen britischen Waren verbot. Jefferson wird abgelöst durch James Madison, einen Republikaner, der gegen seine eigene Ueberzeugung in einen Krieg mit Eng­land getrieben wurde, zur See geringe Teil­erfolge erzielte, zu Lande aber entscheidend ge­schlagen wurde, indem die Hauptstadt Washington den Engländern in die Hände fiel. Trotzdem erkannte London im Frieden von ältrecht 1815 die vollständige älnabhängigkcit der 11. S. A. an und gab eS von diesem Zeitpunkt an auf, sich in die inneren Angelegenheiten der Vereinigten Staaten zu mischen. Die spanischen Rechte an der amerikanischen Küste, vor allem Lusiana und Florida, erwarb im Jahre 1819 James Monroe, der dann die nach ihm benannte Doktrin proklamierte, über die Sloane in einem seiner Werke schrieb:Obwohl die Monroe- Doktrin niemals in eine genaue Formel ge­preßt worden ist, so ist sie doch ein unantast­barer, feststehender Bestandteil unserer auswär­tigen Politik." Gelegentlich des Versuches Spa­niens, seine aufrührerischen Kolonien zum Ge­horsam zurückzubringen, erklärte Monroe ganz ruhig, er würde sich niemals in die europäische Politik einmischen, doch dürfe auch niemand zur Sicherung seines Einflusses und feiner Macht in Amerika eingreifen. Monroe war sicherlich im besten Falle nur ein Mann von mittlerer De- gabung, dieser Ausspruch hat ihn jedoch un­sterblich gemacht.

Die sogenannte Virginia-Dynastie, die mit Jefferson begann, wurde von John Quincy Adams, einem demokratischen Republikaner, im Jahre 1829 beschlossen. Ihm folgte der Demokrat

^-Berichterstatter.

AndrewJackson, der erste Führer der demo­kratischen Partei, ein Volksmann aus dem Westen, der die Macht des Kongresses zu brechen ver­suchte, die Antisklaverei-Gelellscha t gründete, und unter dessen Aegide der erste amerikanische Wäh­rungsverfall erfolgte, den auch der Demokrat Martin van Duren nicht auf halten konnte. Infolgedessen wurde die Gegenpartei Whig ge­gründet, die den nächsten Präsidenten William H. Harrison stellte. Auch John Tyler gehörte dieser Partei an, der als erster Vize­präsident durch den Tod des Präsidenten zum Amt gelangte, weswegen von diesem Zeitpunkt ab dem Dizepräsidentenamt größere Dedeutung beigemessen wurde. Der großzügige Ausbau der amerikanischen Verkehrswege, Kanäle und Eisen­bahnen begann unter James K. Polk, der Texas annektierte und den Krieg gegen Mexiko gewann sowie die kanadische Grenze neu fest- sehte. Der Whigpartei gehörten die folgenden Präsidenten, Zachary Taylor (1819 bis 1850) und Millard Fillm ore (1850 bis 1853), an. Ihnen folgte Franklin Pierce, der Demokrat, der durch ein Gesetz die Teilung des kalifornischen Territoriums erwirkte und die Sklavenhalter des Südens bevorzugte. Damals schloffen sich die Whigs und die Demokraten des (Nordens gegen die beiden Richtungen im Süden zusammen und gründeten mit den Forderungen: Schutzzoll, Hebung des Verkehrs, Abschaffung der Sklaverei und Festigung der Währung, die republikanische Partei.

Aber der Zerfall der 11. D. A. war unter dem Demokraten James Duchanan (1857 bis 1861) nicht mehr auszuhalten. 1860 erfolgte der Abfall der Südstaaten, die Bildung desFli- bustierrings", die Gründung des Bundes der Südstaaten, das Verbot des Schutzzolles und die Anerkennung der Sklaverei. Unter dem Repu­blikaner Abraham Lincoln brach dann der Sezessionskrieg gegen die Südstaaten aus. Die Monroe-Doktrin wurden zum erstenmal kraftvoll gegen Rapoleon III. sowie gegen England, das den Südstaaten beistand, angewandt. Auch der Rachfolger Lincolns, Andrew Johnson, war ein Republikaner, der die Dill über die Rieder- lasfung der befreiten Reger veröffentlichte und so den Grundstein für den Rassenhaß in 11. S. A. legte. Johnson trat für die scharfe Anwendung dec Gewalt des Präsidenten ein, wurde ange­klagt und freigesprochen. Die Herrschaft des Finanzkapitals, die erste Anwendung des Schieds­gerichtsgedankens begann unter dem Republi­kaner 12lysses S. Grant. Seine Rachfolger und Parteigenossen Rutherford D. Hayes, James A. Garfield und Chester QL Arthur traten nicht besonders hervor. Garfield wurde ermordet. Die Demokraten stellten dann zweimal 1885 bis 1889 und 1893 bis 1897) in ©rotier Cleveland einen kraftvollen Präsidenten, der sich gegen die Einwanderung der Chinesen und Japaner wandte, den panamerikanischen Kongreß cinberief und vergeblich die Ricaragua-Dill betrieb.

Von den folgenden Republikanern Benja­min Harrison und William Mac Kin­ley tat sich der letztere politisch im Krieg gegen Spanien hervor und begann so die amerikanische Kolonialpolitik. Unter ihm wurde das Projekt des Panamakanals unter Ausschaltung Englands begonnen. Auch Mac Kinley starb (1901) eines gewaltsamen Todes. Die Besetzung der Kanal­zunge in 11. S. QL, der Ankauf der französi­schen Panamaaktien sowie der Abschluß eines Vertrages mit England, der der Union das alleinige Recht auf den Kanalbau verlieh, ge­schah unter Theodor Roosevelt, der wäh­rend eines Jahrzehnts, besonders auch in Deutsch­land, einer der meistgenannten Politiker der Welt war. Rach dem Republikaner William Taft (1909 bis 1913) zog Woodrow Wilson, der Demokrat, ins Weiße HauS zu Washington ein. Er war eS, der auf feiten der Alliierten in das Ringen der Völker eingriff und dadurch den Weltkrieg entschied. Er war eine Zeitlang der mächtigste Politiker der Welt, der sich jedoch auf

der . Friedenskonferenz" dies« Position rauben ließ und mit derOluSlegung" seiner berühmten vierzehn Punkte über das SelbstbestimmungS- recht der Völker sowie deS Gedankens eines alle Rationen umfaßenden Völkerbundes einen großen Teil seines politischen Ansehens und Ruhmes einbüßte. Mit Wilson schien auch die demokra­tische Partei in ihrem Ansehen und ihrer Werbe- krast geschädigt. Die Republikaner kamen unter Harding (1921 bis 1923) und Coolidge ans Ruder, über dessen Wirksamkeit wir heute ein Urteil noch nicht fällen können. In dem Augen­blick, da diese Zeilen veröffentlicht werden, ist bereits Herbert Hoover, dieS hinx", Herr des Weißen Hauses. Mögen seine Olbsichten jedoch noch so geheimnisvoll fein, so bürgt fein Rame doch für die strikte Aufrechterha'tung amerikani­scher Tradition und die praktische Ausweitung des Begriffes prosperity.

Landwirischast und presse.

Die Landwirtschaft führt in Deutschland einen schweren Existenzkampf: sie braucht Zwischenglie­der, ehe sie ihre Produkte beim Konsumenten ab- seht. Man wird nicht behaupten wollen, daß dieser Zwischenglieder wenige seien: der (Vergleich zwischen Erzeugerpreisen und Markt-, d. h. Klein­handelspreisen erspart uns Beweisführung und Beispiele. Angesichts dieser Uebersetzung im Zwi­schenhandel muß sich der wirtschaftlich Denkende immer wieder fragen: Warum ignoriert die Land­wirtschaft in wahrhaft ausfallender Weise die wirksamste Vermittler-Tätigkeit, die von allen andern Wirtschaftsfaktoren anerkannt und benutzt wird: die durch den Anzeigenteil der Zeitungen gebotene Regelung von Angebot und Rachfrage? Richt nach den Ursachen dieses eigenartigen Fak­tums sei hier geforscht, es führt zu weit ab; be­gnügen wir uns damit, in aller Deutlichkeit dar­auf hinzuweifen, daß es besteht und daß es ebenso unzweifelhaft höchst aktuell ift

Ist es zu viel behauptet, wenn wir Me moderne Tagespreise ein Regulativ des Marktes nennen, des nationalen und des internationalen? (Darum bedient sich die Landwirtschaft seiner nicht, oder doch nur in unzulänglichem Maße? Sind doch heute mehr Vorbedingungen gegeben, schafft doch jeder Tag deren neue, die ein zweckvolles Inan- fpruchnehmen der Dienste, die zu leisten die Presse im Stande ist, gutheißen und beinahe erzwingen müßten. Immer klarer zeigen sich im modernen (Betrieb der Landwirtschaft Entwicklungslinien, die jene Schwierigkeiten, die für den einzelnen Landwirt Geltung haben mögen, für die Organi­sationen der Landwirtschaft mehr und mehr aus dem Wege räumen. Rur andeutend sei hier auf das Genossenschaftswesen und andere Zusammen­schlüsse, seien diese nun lokaler oder regionaler oder noch umfassenderer Art, hingewiesen, vor allem auch auf die Standardifierungstendenzen, denen auch die deutsche Landwirtschaft mehr und mehr sich öffnen muß. Hier bietet sich ein weites Feld für Gemeinfchastswerbung großen Stils, für deren Zweckmäßigkeit und Wirkfamkeit keine Be­lege beigebracht werden brauchen. Es ist nicht nötig, Amerika und feine großzügigen Propa­gandafeldzüge gerade auch auf diesem Gebiete hier als Zeugen zu zitieren, auch bei uns hierzulande kennen wir ähnlich geartete Versuche und nicht viel geringere Erfolge.

Wir wollen nicht allbekannte und oft gesagte Einzelheiten hier erneut wiederholen; auch der Standpunkt und die Bereitwilligkeit der Presse ist eindeutig gegeben, sie kann ihre Bereitschaft nur immer wieder betonen. Heute wirbt sie noch um die Landwirtschaft, sie will mit ihr und für Jle werben mit der einzigartigen Werbekraft, die ihr eigen ist: sie weiß, daß in nicht zu ferner Zukunft diese Werbegemeinschaft vollendete Tat­sache sein wird, zu beider Ruhen, der ein Ruhen von eminent nationalwir.schasilicher Bedeutung fein wird.

In dieser Gewißheit wird sie bestärkt durch Stimmen, die, aus dem Lager der Landwirt­schaft kommend, in gleichem Sinne sich äußernd, von Tag zu Tag an Zahl und Gewicht zunehmen. Hier fet auf einige der wesentlichsten kurz hin- gewiesen. In derIllustrierten Landwirischaft- lichen Zeitung" vom 2. (November vorigen Jah­res, stand ein AussahWehr Reklame!" von Dr. W. Dickerich. An Hand von Beispielen, die sowohl gemeinschaftliche wie Cinzelpropaganöa- aktionen der jüngsten Zeit in Deutschland betref­

fen, wird die Rotwendigkeit der Rellame, vor allem der Zeitung.'Werbung schlagend bewiesen. Besonders wird die älnerläßllch'eit der Propa­ganda für Markenwaren, zu deren Herstellung und Vertrieb die deutsche Landwirtschaft ja zwang-läufig geführt wird, Har betont Einen weiteren bemerkenswerten Beitrag zu diesem- Thema brachte dieDeutsche Tageszeitung", Ber­lin, also das Zentralorgan der deutschen Land­wirtschaft, in ihrer Handelsbeilage vorn 25. De­zember 1928. Der Auf sah ist überschriebenDie Zeitung als Markt" und führt den bezeichnenden Untertitel:Dirck er (Verkehr zwischen Erzeuger und Verbraucher." Von Gedankengängen aus­gehend, die wir im Eingang nur streiften, kommt das bedeutende Blatt im Verlauf der sehr inter­essanten Ausführungen zu einer unbedingten Be­la hung der Zeitung^retlame, und zwar, was das Bemerkenswerte ist, zur Unterstreichung ihrer Rotwendigkeit für den speziellen Fall des einzel­nen absahsuchenden Landwirtes. Dabei kommt der Verfasser freilich nicht an der Feststellung vorbei, daß der (Deg für die Zusammenführung von Verbraucher und Erzeuger durch den An­zeigenteil der Zeitung merkwürdigerweise gerade in der Landwirtschaft nur selten begangen werde. Die seltsam anmutenden Umwege, die Inserat- scheu großer Teile unserer Landwirtschaft werden dann durch treffende Beispiele, die der grotesken Züge nicht entbehren, gekennzeichnet. Zuletzt er­folgt an die Landwirte dieser gute Rat:

Es kann der Landwirtschaft nur empfohlen werden, sich in dieser Hinsicht mehr dem kauf­männischen Denken anzupassen und den Vorteil wahrzunehmen, wo er ihr aus den verschieden­sten Einrichtungen der Wirtschaft geboten wird. Dazu gehört auch der Jnferatenteil der Zeitungen als Markt."

Den erfrischend klaren Worten derDeutschen Tageszeitung" möchten wir nichts weiter hinzu- fügen. Es war ja auch nicht Absicht dieser Zei­len, den ganzen weiten Bereich dieser Fragen noch einmal abzuleuchten. Doch scheint es nicht müßiges Tun, von Zeit zu Zeit immer wieder daraus hinzuweifen, daß hier noch manches nicht so ist, wie es sein könnte und sein sollte.

Marburger Festspiele 1929.

WSR. Marburg, 14. März. Die Stadtver­waltung Marburg- hat sich entschlossen, die für die künstlerische Ausgestaltung der diesjährigen F e st s p i e 1 e angeforderten Mittel zu bewilligen. Obwohl die Ausgaben eine nicht unerhebliche Steigerung gegenüber dem Vorjahre erfahren, hält die Stadtverwaltung ihren Beschluß für ge-. rechtfertigt durch die Tatsache, daß die vorjährige Veranstaltung hohes Ansehen in der öffentlichen Beurteilung errungen und einen bedeutenden Zu­strom nach Marburg gebracht haL Mit der Leitung der Festspiele ist wieder Dr. Fritz Dudde beauftragt worden. Im Mittelpunkt der diesjährigen Spielzeit soll eine künstlerisch eigenartig ausgestattete Aufführung deSSeit stehen. Die schauspielerische Besetzung wird aus ersten Kräften der deutschen Bühnen gewählt.

Frankfurts Laushaltssorgen.

WSR. Frankfurt a. M., 14. März. Der Hauptausschuh der Fraicksurter Stadtverord- netentierfammlung hat gestern die G t a t s be­rat u n g zu Ende geführt. Es sind insgesamt bei den einzelnen Kapiteln 2 1 1 4 970 Mark gestrichen worden. Da der Fehlbetrag rund 4,1 Mill. Mark beträgt, sind also rund 2 Mill. Mark ungedeckt. Zur Deckung dieses Fehlbetrags schlug der Kämmerer vor, eine Hausangestellten st euer in etwas abgeänderter Form, wie vorgeschlagen, zu er­heben, den Beschluß der abgelehnten Kanal­gebühren zu revidieren und die Gewerbe­steuer für Betriebe mit einem JahreSertrag über 10 000 Mark von 400 auf 460 Proz. zu erhöhen.

ßin Auto verbrannt.

co Lützellinden, 15. März. Gestern nachmit­tag geriet auf der Rhein-Pfälzer Straße zwischen hier und Groß-Rechtenbach ein Personenauto in Brand. Das Auto brannte bis a u f die Eifenteile nieder. Wie wir hören, soll es einem Kaufmann aus Klein-Linden gehören. Eine größere Menge Schokolade, welche in dem Auto transportiert wurde, soll mit verbrannt fein.

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