Nr. 295 Sechstes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 14. Dezember 1929
Neues über ultrakurze Wellen.
Don Wilhelm Buchmann.
Die ultrakurzen Wellen, das heißt solche von etwa sieben bis herab zu einem halben Meter Länge, sind nicht etwa ein Kind unserer Tage. Mit ihnen hat vor über drei Jahrzehnten Heinr. Hertz seine aufsehenerregenden Versuche gemacht und damit die Wellentelegraphie begründet und den Rundfunk vorbereitet. Dis vor kurzem hatten sie jedoch mehr wissenschaftliche und geschichtliche Bedeutung, da ihnen zunächst die langen, dann die mittleren und zuletzt die kurzen Wellen den Rang abgelaufen hatten. Die zunehmende Besetzung der $ur Verfügung stehenden Wellenbänder zwang zedoch dazu, die etwas stiefmütterlich behandelten ultrakurzen Wellen näher auf ihre Verwendbarkeit zu untersuchen, lieber die neueren Ergebnisse dieser Untersuchungen sprach vor kurzem Direktor Hahnemann im Elektrotechnischen Verein in Berlin.
Vier Eigenschaften sind es, die die ultrakurzen Wellen vor ihren längeren Brüdern auszeichnen: Ihre Reichweite entspricht nur der Sichtweite, sie sind fast vollkommen störungsfrei, sie eignen sich besonders zur llebermitt- lung sehr schneller ihnen aufaedrückter Modelungen, und endlich lassen sie sich richten wie ge- wohnliches Licht.
Weg»n der Krümmung der Erdoberfläche können größere Entfernungen nur dann überbrückt werden, wenn der Sender oder der Empfänger, oder beide erhöht aufgestellt sind. So ergaben Versuche vom Brocken aus, daß man mit der 3-Meter-Welle bei der geringen Leistung von nur einigen Watt — eine gewöhnliche Glühlampe braucht etwa 50 Watt! — mit Sicherheit weit über 100 Kilometer telegraphieren konnte. Bei geringen Erhöhungen, etwa von einem Haus- doch aus. kam man auf 20 bis 30 Kilometer. Rebel und Luft hindern die Ausbreitung dieser Wellen wenig; eine starke Dämpfung tritt erst bei Wellen unter 50 Zentimeter Länge auf; dagegen werfen größere Gegenstände wie Häuser, Berge und Wälder Schatten jedoch nur dann, wenn sie mindestens zwanzigmal so groß sind wie die Wellenlänge. An solchen Gegenständen tritt eine merkbare Spiegelung auf, wie der um die Erforschung der ultrakurzen Wellen sehr verdiente Professor E s a u in Jena festgestellt hat.
Die Tatsache, daß diese Wellen kaum unter Störungen zu leiden haben, erklärt sich daraus, daß die Luftstorungen, insbesondere die Gewitterstörungen und die örtlichen Störer, wie die Straßenbahn, Heilgeräte usw. keine so schnellen Schwingungen erzeugen, wie es zur Hervorbringung so kurzer Wellen nötig ist. Daß keine Schwunderscheinungen beobachtet wurden, mag seinen Grund darin haben, daß sich die Wellen nach den bisherigen Beobachtungen nur am Boden geradlinig verbreiten und die Daumwelle anscheinend fehlt; die Feststellungen hierüber sind jedoch noch lange nicht abgeschlossen. Die Erscheinung der Spiegelung läßt vermuten, daß bei gerichteten Wellen und bei Anwendung größerer Energie Rückstrahlungen von der sogenannten Heavisideschicht auftreten, womit wahrscheinlich auch Schwunderscheinungen verbunden sein werden, wie man sie besonders bei den kurzen und den mittleren Wellen findet.
Eine bestechende Eigenschaft der ultrakurzen Wellen ist ihre hohe Schwingungszahl; die 3° Meter-Welle vollführt in der Sekunde 100 Millionen Schwingungen! Benutzt man solche Wellen als Träger wellen, so kann man ihnen außerordentlich schnelle Schwingungen ausdrücken, bis hinauf zu etwa einer Million, ohne daß diese Schwingungen verzerrt würden. Dies weist diese Wellen dem Gebiet des Fernsehens zu, wo man ja mit so vielen Dildpunkten in der Sekunde zu rechnen hat. Das Ausdrücken der zu über-
Geschwindigkeiten.
„Bom Wildpfad zur Mowrstratze."
Es ist der Stolz des modernen Menschen, durch eine entwickelte Technik Raum und Zeit beinahe überwunden zu haben, aber man pflegt kaum daran zu denken, daß es Jahrtausende gedauert hat, bis diese immensen Geschwindigkeiten ermöglicht wurden. Das soeben im Dolks- verband der Bücherfreunde erschienene, sehr interessant geschriebene und aufschlußreiche kulturgeschichtliche Buch Alfred Weises „Vom Wildpfad zur Motor st raß e", das sich mit der überaus anschaulichen Schilderung der internationalen Derkehrsgeschichte beschäftigt,- bringt auch hier und da Zahlen, welche die stetig fortschreitende Steigerung der Geschwindigkeiten vergegenwärtigen.
Wir wissen sogar, in welcher Weise ein Wikingerboot seine primitiven Fahrten unternahm, denn aus Anlaß der Chikagoer Weltausstellung von 1893 lieh man ein nachgebautes Gokstadtboot über den Ozean gehen und erreichte damit Geschwindigkeiten bis z^ 10 und 11 Seemeilen. Wenn wir uns auch versagen müssen, die Schnc^gleit, mit der auf den alten chinesischen Seidenstraßen gereist wurde, nackzuprüfen, so wissen wir doch, daß schon im sechsten vorchristlichen Jahrhundert die R e i t p o st e n des persischen Grohkönigs Tagesstrecken von etwa 120 Kilometer bewältigten, während die übliche Maultierreise nicht mehr als 33 bis 36 Kilometer hinter sich brachte. Als Tiberius aus Padua nach Rom eilen mußte, legte er die Strecke von 300 Kilometer in 24 Stunden zurück, eine Leistung, von der die römischen Historiker mit berechtigtem Stolz sprechen können und die nur dadurch möglich wurde, daß Tiberius seine Person rücksichtslos einsetzte, einen erfahrenen Kurier zur Verfügung und sehr viele Pferde zum Wechseln hatte. Der vierrädrige offene Reisekarren aber brachte rS damals nur auf zvanzig deutsche Meilen täglich. Als Eortez mit seinen „weißen Göttern" 1519 in das aztekische Hochtal von Tenuchtitlün vormarschierte, hatte der Az eken- fonig einer wohlorganisierten Stasettenlauf, dessen Posten sich alle acht bis neun Kilometer ablösten; auf diese Weise erreichten die Rachrichten eine Geschwindigkeit von 330 Kilometer, während ein durchschnittlicher Tagesmarsch nur 12 bis 15 Meilen betrug.
Aus Natur und Technik.
tragenden Schwingungen auf die Txäaerwelle, die sog. Modelung, erfordert einstweilen noch verw.ckeltere Schaltungen als beispielsweise bei den Rundfunksendern, und wird bei Wellen unter einem Meter ziemlich schwierig. Die verzerrungsfreie Modelung, die eine saubere lieber- tragung gewährleistet, wird vielleicht später einmal dazu führen, an Stelle der Pupinkabel für Rundfunkübertragungen die kurzen Wellen zu verwenden. Hierzu wird man auch die Richtfähigkeit dieser Wellen ausnuhen müssen.
Bei früheren Versuchen über die Richtfähigkeit wandte man die naheliegenden Gesetze des Lichtes an. Die dabei verwendeten Parabelspiegel, in deren Brennpunkt die Strahlantenne lag. streuten jedoch beträchtlich. Reuerdings hat man entdeckt, daß man die Spiegel ganz erheblich größer machen muh als bisher, wenn man die Streuung und damit die Verluste kleinhalten will; für die 1-Meter-Welle muh der Spiegel beispielsweise mindestens 10 Meter Durchmesser haben. Man hofft auf Streuungen von etwa nur einem Grad zu kommen.
Die geschilderten Eigenschaften der ultrakurzen Wellen stempeln sie in erster Linie zu Nah» signalmitteln. So denkt man z. B. daran, an Küsten und Hafeneinfahrten Funkleuchttürme aufzustellen, die die bisherigen Peilfeuer bei Rebel ersehen sollen. Es würden dann drei Strahlspiegel nebeneinander aufgestellt, die drei dicht nebeneinander liegende Strahlenkegel aussenden. Jeder Strahl sendet ständig ein bestimmtes Morse
zeichen. Ein Schiff, das den Hasen aufsucht oder verläht, weih dann aus den ausgenommenen Zeichen, ob es sich in der Mitte der Fahrbahn oder rechts oder links davon befindet, genau so, wie es heute den Kurs nach den Licht- und Sichtzeichen peilt. Eine weitere Anwendungsmöglichkeit für die Strahlwerfer ist die Kennzeichnung der Backbord- und Steuerbordseite der Schiffe. Auch hier würden bestimmte Morse- zeichen dem entgegenkommenden Schiff sagen, nach welcher Seite es im Rebel auszuweichen hat. Für die bereits erwähnte Rundfunkübertragung oder das Fernsehen würde man hohe Türme mit Strahlwerfern aufstellen. Bei einer Turmhohe von etwa 45 Meter reicht man mit Sicherheit rund 50 Kilometer weit. Sind die zu verbindenden Orte beispielsweise 100 Kilometer voneinander entfernt, so muß man in der Mitte dazwischen noch einen Lmbrcchturm aufstellen. Wenn es gelingt, die Streuung auf etwa ein Grad zu begrenzen, so braucht man an dem Zwischenturm jedoch keinen Verstärker, sondern die von einem Spiegel aufgenommenen Wellen können unmittelbar von einem zweiten Spiegel am gleichen Turm weitergestrahlt werden.
Heute sind wir allerdings noch nicht ganz so weit. Aber wir können es morgen oder übermorgen sein. Wie groß ist der Fortschritt der Funktechnik seit Heinrich Hertz in drei Jahrzehnten, und wie klein ist diese Zeitspanne gegenüber der Entwicklungsgeschichte der Menschheit!
Dampfspeicherung.
Don Max Fischer.
Kürzlich sprach im Haus der Technik in Berlin Diplom-Ingenieur Stein im D rtra^sfaal der Allgemeinen Elektri.iläts-Gesell'chaft über „Die Bedeutung des Ru hsfpci ^-r für die Clektrizi- tä.swir scha.i'. Cs handelt .ich hier um 'o gendes:
Delastungsgebirge.
Ein De'astungsgebirge kommt dadurch zustande, daß man die täglichen Stromverbrauchsiurven aus Pappe ausschneidet und mit den Flächen aneinanderreiht. Das Bild zeigt ein Belastungsgebirge über zwei Jahre, auf dem die hohen Dezemberabendspihen lautlich zu sehen sind. Der Ruthsspei.her toir.tfo. daß die höchsten Svitzen für die Damp erzeugung ab^efchnitten und in die Täler gestürzt werden, |o daß also der Damp,verorauch wesentlich gleichmäßiger wird.
Die Elektrizitätswerke arbeiten dadurch unwirtschaftlich, daß sie für den Spiyenbedarf im Winter ausreichen müssen, der nur an wenigen Tagen des Jahres an wenigen Stunden eintritt; im Sommer, wenn der Industriebedarf und der
Lichtbedars in den Wohnungen nicht mehr zusammenfallen, weil die Industrie beim Eintreten des Lichtbedarfs schon geschlossen hat, sind die Spitzen lange nicht mehr so hoch. Diese Spitzen steigen außerdem ziemlich rasch an, und zwar sowohl jeden Abend und auch zu anderen Tageszeiten, und treten auch unvermutet dann auf, wenn es am Tage plötzlich dunkel wird, z. B. Infolge eines Gewitters. Run ist e3 sehr unangenehm, wenn sich die Dampfer eugung diesen Schwankungen fortwährend anpassen muß, ja es ist in vielen Fällen sogar unmöglich, dem steigenden Strombedarf mit der Dampferzeugung schnell genug zu folgen, wenn der Dampfbedarf, wie es vorkommt, binnen 20 Minuten auf nahezu das Zwanzigsache steigt.
Hierin schafft nun der Ruthsspeicher Wandel. Ein Ruthspeicher ist weiter nichts als ein sehr großer seuerloser Dampfkessel mit großem Wasserinhalt, der sehr gut gegen Wärmeverluste geschützt ist und deshalb im Freien aufgestellt werben kann. 2n diesen Kessel wird nun Dampf hineingeleitet, und zwar in den Zeiten, wo zur Stromerzeugung wenig Dampf gebraucht wird. Dieser in den Speichern gespeicherte Dampf wird dann in den Spitzenzeiten, also in den Zeiten mit grossem Strcmbedars, wieder heraus genommen und entweder zur Verstärkung der Leistung durch dieselben Turbinen geleitet, die vom Frischdampf aus den beheizten Kesseln angetrieben werden, oder in besonderen Turbinen zum Antrieb von Zusahstromerzeugern verwendet, die eben dann den über ein gewisses Maß hinausgehenden Strombedarf decken.
Anlaß zu dem Vortrag bot die Inbetriebsetzung von 16 aufrecht stehenden Ruthsspeichern von je 312 Raummeter Inhalt im Kraftwerk Eharlottenburg der Berliner Städtischen Elektrizitätswerke. Das Kraftwerk Eharlottenburg hat eine Leistung von 52 000 Kilowatt, ist also nach heutigen Begriffen nicht sehr groß, denn 52 000 Kilowatt sind weniger, als eine der 70 000 Kilowatt leistenden Turbinen im Großkraftwerk Klin-
Auch in Deutschland hat man schon recht früh mit dem Pserdewechsel und der Relais- l e g u n g begonnen. Um 1500 erzielte man so, daß die vielbesuchte Strecke Augsburg—Venedig in einer Woche statt in elf Tagen zurückgelegt werden konnte; ein Reiter des Herzogs Albrecht von Sachsen bewältigte die 510 Kilometer von Nürnberg nach Venedig in nur vier Tagen und 103 \ Stunden und stellte damit einen Rekord auf, von dem die Chronisten rühmend berichten. Erst allmählich bildete sich unter dem Protektorat der Taxis eine Art Postwesen aus, das freilich noch immer alle Merkmale des Zufälligen trug. Ein Bote löste den anderen ab, so daß keine Verzögerung zu entstehen brauchte; aus allen Linien hob sich die von Brüssel über Tirol nach Italien bald als eine besonders geschwinde und direkte heraus, denn diese 103-Meilen-Strecke wurde vertragsgemäß im Sommer in fünfeinhalb und im Winter in sechseinhalb Tagen überwunden. In jener Zeit pries der Franzose Pierre de Frossard die Deutschen: „Es ist wahrhaft zum Verwundern, wie kühn und Unternehmern) ihre Kaufleute sind." Diese Geschwindigkeiten konnten sich auch durch die Einführung der „Kutsche", die später an Stelle des ungefederten Wagens trat, nicht erheblich ändern. Sie blieb auü) noch so, als R a p o l e o n den Erfinder Sutton als einen Rarren abwies, weil er seine Schisse „mit kochendem Wasser nach England treiben" wollte. Dagegen entwickelte sich die optische Telegraphie sehr rasch. Auf der Strecke von Berlin nach Trier wurde ein mäßiger Satz über 50 Stationen von etwa 15 Kilometer Entfernung in nur einer Viertelstunde übermittelt, eine Schnelligkeit, an der gemessen die Postkutsche schon recht überaltert erscheinen muß. Im Jahre 1828 sagte Goethe das weitblickende Wort: „Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde: unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das ihrige tun...“ Aber die erste Dampf- eisenbahn, die seit 1825 in England fuhr, hatte doch nur eine Stundengeschwindigkeit von zehn Kilometer. 1829 aber wurde von der Ste- p h e n s o n maschine „Die Ralele" die stürmische Schnelligkeit von 53 Kilometer in der Stunde erreicht. Ein originelles Datum aus der Geschichte der jungen Erfindung: am 11. Juli 1836 erhielt die Nürnberger Brauerei Lederer die Erlaubnis, auf der neuen Eisenbahn zwei Fäßchen
Bier an den Wirt „Zur Eisenbahn" in Fürth zu senden — hier haben wir den ersten schüchternen Ansatz zum Frachtverkehr. Die Taxe betrug sechs Kre. zer.
Ein Blick auf die Motorstraße der Gegenwart. Der Lastkraftwagen entzog im Jahre 1925 der Eisenbahn bereits über hundert Millionen Mark an Fracht, und der Postbus befuhr 1927 auf 1600 Linien die Strecke von 30 000 Kilometer, d.h. die halbe Länge des gesamten deutschen Eisenbahnnetzes. Das Zeitalter der motorisierten Straßen bricht an...
Weihnachten am Sternhimmel.
Don Professor Dr. Küstermann.
Don jeher hat das Weihnachtsfest den Ka- lendermacyern und den mit ihu<v verbündeten Sternkundigen viel weniger Kopfzerbrechen gemacht als das Osterfest; denn es springt nicht wie dieses über fast fünf Wochen hin und her, sondern verharrt ruhig und unbeweglich auf dem 25. Dezember. Für einen so alten und ehrwürdigen Herrn wie den Weihnachtsmann, zudem wenn er noch einen schweren Sack mit Geschenken zu schleppen hat, würde es sich auch nicht schicken, solche Sprünge zu machen wie der leichtfüßige Osterhase. So ist denn das Weihnachtsfest mit dem 25. Dezember fest verbunden, und man braucht kein Seher zu sein, um vorauszusagen, daß noch manche Stürme über die Erde dahin- brausen, und daß leichter Staaten entstehen und vergehen werden, ehe der Thron des Weih- nachtsfestes als des herrlichsten aller Feste und sein Sih auf dem 25. Dezember angetastet werden wird.
Dabei ist es eigentlich ganz willkürlich, daß gerade dieser Tag zum Träger des Festes aüs- ersehen ist, denn der 25. Dezember liegt zwar zwischen zwei nahe benachbarten Tagen, von denen jeder eine Bedeutung für die Himmelskunde hat, ihm selber aber kann man vom Standpunkt der Himmelskunde aus keine Besonderheit nachrühmen.
Der eine der beiden Nachbarn des Weihnachtsfestes ist, wie allgemein bekannt, der kürzeste Tag, der Beginn des Winters. Wir fangen den Winter mit dem Augenblick an, wo das obere Ende der Linie, um die sich die Erde dreht, der sogenannten Erdachse, von der Sonne weggeneigt
genbetg erzeugt. Dieses Kraftwerk Charlotten» bürg kann nun durch die Aufstellung der Ruthsspeicher ohne Vergrößerung einer Dampferzeu- gungsanlage mit zwei neuen Turbinen von je 20 000 Kilowatt 40 000 Kilowatt Strom mehr erzeugen als bisher, allerdings nicht dauernd, sondern eben nur für Stunden in den Spitzenzeiten, also in den Zeiten, in denen tatsächlich Absatz für diese Mehrerzeugung vorhanden ist. Die mit 35 Atmosphären arbeitende Hochdruck- dampsanlage erzeugt also eine gewisse Grundlast! und gibt in der Nacht nicht iKtioenDbaren 5>ampf an die Ruthsspeicher mit 13 Atmosphären ab. Dieser Dampf wird dann In den beiden neuen Turbinen mit 13 Atmosphären beginnend, aus- genuht und entspannt sich allmählich gegen Ende der Spitze auf 0,5 Atmosphären, worauf bann die Speicher wieder neu geladen werden müssen.
Die Einrichtung dieser Anlage wirkt sich in vielen Beziehungen günstig aus. Sie ist immerhin so groß, daß sie mehr als den Spitzenbedarf des Kraftwerks Eharlottenburg decken kann, so daß sie auch zur Entlastung der am Rande der Stadt liegenden Großkraftwerke beiträgt. Sollte sie allerdings den ganzen Spitzenbedarf Berlins decken, so mühte sie ungefähr viermal so groß fein, das heißt, man müßte statt 16 Ruthsspeicher aufzustellen, 64 solche Speicher in Gruppen über die Stadt verteilen.
Man rechnet zur Zeit, daß die Anlagekosten zur Erzeugung einer Kilowattstunde in einem Kraftwerk ungefähr 300 Mark betragen. 2rn Westkraftwerk wird man allerdings diesen Betrag etwas unterschreiten. Bei der Rulks Peicheranlage kostet aber bie/ Einrichtung zur Erzeugung einer Kilowattstunde nur 135 Mark, so daß sich der Kapitaldienst für die Kilowattstunde Spihenstrom auf weniger als die Hälfte beläuft. Das sind aber nicht die einzigen Ersparnisse. Da die Ruthsspeicher keinerlei kewegliche Teile enthalten, sind sie fast unbegrenzt haltbar und bedürfen daher fast keiner Unterhaltungskosten. Es kommen a er noch viele andere Punkte in Betracht, die diese Anlage besonders vorteilhaft erscheinen lassen: Würde man z. B. den Spihenstrom durch Fernleitungen ober von den außen liegenden Großkraftwerken beziehen, so müßten auch die Kabel für die Spitzenlast bemessen werden. Wird aber der Spihenstrom in der Stadt selbst erzeugt, wie dies beim Kraftwerk Eharlottenburg der Fall ist, so werden ganz erhebliche Beträge für Kabel erspart, die ja doch nur in wenigen Abendstunden im Winter voll ausgenuht werden könnten. Außerdem bilden diese Speicher eine Bereitschaft, die sofort eingesetzt werden kann, wenn beispielsweise ein Stromerzeuger in einem Kraftwerk ausfällt oder etwa der Femstrom ausbleibt.
Die großen Vorteile des Dampfspeichers liegen also auf der Hand, und es sind deshalb in den letzten Jahren Ruthsspeicheranlage.r in der ganzen Welt errichtet worden. Weitere sind im Bau und viele sind geplant. Die Ruthsspeicheranlage in Eharlottenburg ist zur Zeit die größte solche Anlage der Welt, und es trifft sich sehr gut, daß die Weltkrafttagung im Jahre 1930 in Berlin stattfindet. Diele ihrer Teilnehmer werden diese Anlage studieren.
Es darf frellich nicht verschwiegen werden, daß man zuerst gegen die Aufstellung der Ruthsspeicher in der Stadt schwere Bedenken hatte, weil in ihnen Energien aufgespeichert sind, gegen die ein Dynamitlager fast ein Kinderfpiel ist. Wenn z. B. irgendein Eiferer die plötzliche Entladung dieser Energien durch eine verhältnismäßig geringfügige (Sprengung an einem der Kessel einleite.e, so wären die Folgen für ganze Stadtteile verheerend. Da man sich aber tatsächlich bann doch zur Aufstellung dieser Speicher entschlossen hat, muh man wohl diese Bedenken überwunden haben.
ist. Der Nordpol der Erde liegt bann im tiefsten Schatten, und ihre ganze Rordhälfte muß sich mit kurzen Tagen begnügen. Roch nicht 12 Grad erhebt sich in den nördlichsten Teilen Deutschlands die Sonne über den Horizont, im Südostcn geht sie auf, im Südwesten unter, und nicht ganz 71/2 Stunden sendet sie uns ihre Strahlen zu. Würden wir von außen in die Erdbahn hinein- sehen können, so würden wir sehen, wie der Beginn des Winters langsam auf der Erdbahn wandert; aber im Jahr steht er fest, denn er ist stets % Johx nach Frühlingsanfang, und dieser ist ja künstlich durch die Einrichtung des Kalenders auf dem 21. März festgehalten. Rur ganz kleine Aenderungen im Winterb^ginn sind deshalb möglich; in diesem Jahr fällt er auf den 22. Dezember 8 älhr 53 Minuten.
Der andere Nachbar des Weihnachtsfestes ist der Augenblick, wo die Erde der Sonne am nächsten kommt, sich im „Perihel" befindet, wie der Fachausdruck lautet. 2m laufenden Jahre war dies am 1. Januar um 9 älhr der Fall; wir sind dann der Sonne um etwa 1,7 vom Hundert näher und ebenso am 1. Juli und 1,7 vom Hundert weiter von ihr entfernt als im Durchschnitt. Dieser Punkt nun, das Perihel, ist nicht künstlich durch Kalenderfestsetzungen festgehalten, und darum wandert er, und zwar sowohl auf der Erdbahn als auch im Jahr; er wird also nicht immer der Nachbar des Weihnachtsfestes bleiben. Nach etwa zehntausend Jahren wird die größte Sonnennähe der Erde in den Sommer und ihre (Sonnenferne in den Winter fallen.
Für die Bestrahlung der Erde machen die 1,7 vom Hundert sehr wenig aus, die sie der Sonne näher oder weiter von ihr entfernt sein kann als im Durchschnitt. Aber wenn wir ganz genau sein wollen, müssen wir natürlich sagen, daß augenblicklich für uns wegen der geringen Entfernung der Sonne im Winter und ihrer großen im Sommer eine gewisse Milderung der Jahreszeiten eintritt, während dies für die Südhalbkugel der Erde, deren Winter in die (Sonnenferne und deren Sommer in die Sonnennähe fällt, gerade umgekehrt ist. Aber Gerechtigkeit muß natürlich fein, und deshalb erfolgt im Laufe der nächsten zehntausend Jahre der erwähnte Wechsel. Wem es daher im Sommer zu heiß oder im Winter zu kalt ist, der mag sich freuen, daß er nicht zehntausend Jahre später auf die Welt gekommen ist.


