daß er nicht wünsche, daß die Braut feines Kapitäns im geringsten belästigt werde, und die Photographien, die noch nicht enwickelt waren, blieben in der Kassette, denn Annemarie hatte den Unteroffizier darauf aufmerksam gemacht, daß das besonders wichtig sei, damit sein Kapitän auch seine Bilder erhielte. Annemarie Lesser löste eine Fahrkarte nach der Schweiz. Man muß mit allen Zufälligkeiten rechnen, aber unterwegs fteigt sie um in einen Expreß- zua nach Berlin.
3m Schlafwagen lag sie lange wach, und als sie schließlich einschlief, lächelte sie, und glaubte zu wissen, daß Wynanky mit ihr zufrieden gewesen wäre.
Am nächsten Tag geriet 3- Matthesius in seinem Bureau völlig aus der Fassung.
„Die französische Artillerie fährt nicht mehr offen auf? Sie verschanzt sich bis an die Mündungen der Rohre und das für den Ernstfall in einer offenen Feldschlacht? Wer hat Ihnen den Bären aufgebunden? Das sind doch Skizzen von Festungsgräben, die Sie da angefertigt haben, und das sollen die Leute jetzt für den Kampf im unbefestigten Gelände stets Herrichten?"
„Geben Sie mir einmal eine Zigarette. Ich fange an, mir das Rauchen anzugewöhnen; feien Sie unbesorgt, nur wenn ich allein bin. Es paßt ja nicht zu meinem paßmäßig festgelegten Alter. Also Sie meinen, man hat mir einen Bären aufgebunden? Was sagen Sie dann aber zu diesen Photographien?"
3. Matthesius wurde ganz still. Er pfiff schließlich wieder durch die Zähne. „Das ist eine Sensation", sagte er leise. „Ich will Ihnen gegenüber ehrlich sein. Das ist die wichtigste Entdeckung, die man seit Jahren gemacht hat. Wir wehren uns in Deutschland noch gegen die Schutzschilde an den Geschützen und die da drüben graben sich bis an die Rase ein. Das ist eine ungeheure Sache!"
Nach vier Tagen rief Annemarie Lesser den Herrn I. Matthesius an. „Ich halte es nicht aus, ich kann nicht mehr leben ohne das. Wohin fahre ich jetzt?"
„Beverloo!" sagte I. Matthesius.
Noch ihrem Riesenerfolg in den Dogesen wird Annemarie Lesser eine Agentin, die im festen Solde des Herrn I. Matthesius steht. Sie erhält eine Nummer als Erkennungszeichen anderen Agenten gegenüber und damit sie sich im Notfälle unter diesem Kennzeichen mit ihrem Auftraggeber in Verbindung setzen kann. Eins und 4, G und W, das ist ihre Chiffre. In diesem Winter bleibt sie in Berlin. Sie arbeitet mit Herrn Matthesius das gesamte geheime Nachrichtenmaterial über die militärischen Rüstungen des Auslandes durch, sie ist eine gelehrige Schülerin imb wirft sich Hals über Kopf in ihre Aufgaben, sie lernt einzelne große Agenten persönlich kennen, damit sie später mit ihnen auf gefährlicherem Boden als in Berlin Zusammenarbeiten kann. Im Frühjahr 1914 erst tritt sie ihre immer wieder ausgeschobene Reise nach Belgien an. Es ist das Terrain um das kleine belgische Städtchen St. Sebastian, das Interesse gilt t^m riesigen Truppenübungsplatz Beverloo dicht an der holländischen Grenze. Das Interesse geht aber weiter, es gilt den Zahlen über die Armierung der großen belgischen Festungen und Forts. Wieviel Geschütze stehen ständig in den Armierungswerken der Festung Lüttich? Welches Kaliber haben sie? Wie erfolgt die Wasserregulierung der belgischen Flüsse und Kanäle, was kann man damit im Ernstfälle beginnen? Wie sind die Bahnlinien?
(Fortsetzung folgt.)
berliner Dorfe.
Berlin, 14. Dez. (WTB.-Funkspruch.) Der heutige Frühverkehr lag geschäftslos, aber nicht unfreundlich. Man hofft, daß es nach der Nachtsitzung der Parteiführer, die eine Verhandlungsbasis gefunden haben, nun doch noch zu einem Kompromiß
kommen wird. Man tariert etwas höhere Kurse und hört Siemens zirka 280, I.-G.-Farben 177 bis zirka 177,5. Am Devisenmarkt nannte man London gegen Paris 123,93, London gegen Mailand 93,21, London gegen Spanien 35,29, London gegen Amsterdam 12,0940, London gegen Schweiz 25,11, London liegen Kabel 4,8803, London gegen Berlin 20,3825, Kabel gegen Berlin 4,1760 zu 4,1765, Tokio gegen Kabel 49.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 14. Dezember 1929.
Gießener Wochcrrmar.Lpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Käse 10 Stuck 60 bis 1,40; Butter Pfund 2,10 bis 2,20; Matte 30 bis 35; Wirsing 15 bis 20; Weißkraut 10 bis 15; Rotkraut 15 bis 20; gelbe Rüben 12 bis 15; rote Rüben 12 bis 15; Spinat 25 bis 35; Llnter-Kohlrabi 8 bis 10; Grünkohl 20 bis 25; Rosenkohl 40 bis 45; Feldsalat 1,00 bis 1,20; Tomaten 50 bis 80; Zwiebeln 10 bis 15; Meerrettich 50 bis 80; Schwarzwurzeln 40 bis 60; Kartoffeln 4'/- bis 5; Aepfel 10 bis 15; Dirnen 10 bis 15; Dörrobst 30 bis 35; Honig 40 bis 50; junge Hähne 1,20 bis 1,30; Suppenhühner 1,00 bis 1,20; Gänse 1,00 bis 1,30; Tauben Stück 70 bis 90; Kisteneier 17 bis 18; frische Landeier 19 bis 20; Blumenkohl 50 bis 1,00; Endivien 10 bis 40; Ober-Kohlrabi 10 bis 15; Lauch 5 bis 15; Rettich 10 bis 2.: Sellerie 10 bis 40; Kartoffeln Zentner 3,80 bis 4,00; Wirsing 10,— bis 12,— ; Weißkraut 5,— bis 6,— ; Rotkraut 10,— bis 12,—; Aepfel 10,— bis 12,—; Birnen 8,— bis 10,—.
Bornotizen.
— Lageskalender für Samstag. Christliche Versammlung Gießen: Dortrag von Paul Schwefel (Berlin): „Die Wiederkunft Christi", 20,15 Tlhr, Lindenplatz 1. — Eisenbahn- Verein Gießen: 30. Stiftungsfest mit Weihnachtsfeier, 20 llljr, Kath. Dereinshaus. — Kavallerieverein Gießen: Monatsversammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Faschingsprinz" und „Das Geheimnis der Carlton-Bank". — Rstoria-Lichtspiele: „Besondere Kennzeichen" und „Das rote Brandmal".
— Lageskalender für Sonntag. Stadttheater: 11,30 bis 13 Ll.hr (Morgenfeier): „Ein Spiel vom Schmetterlingstraum"; 15,30 bis 18 Llhr: „Das tapfere Schneiderlein"; 19 bis 21 ilfjr: „Die Troerinnen". — Christliche Versammlung Gießen: Vortrag von Paul Schwefel (Berlin): „Der jüngste Lag", 15 ilfjr; „Der etoine Zustand", 20,15 Llhr, Lindenplah 1. — Volkshochschule: Einführung in das Weihnachtskonzert des Konzert-Vereins, 20 Uhr, Singsaal des Realgymnasiums. — Schützenverein Gießen: Weihnachtsfeier, 20 Llhr, im Schützenhaus. — Ausstellung „Die neue Kleinwohnung", Kugelberg 4, 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr. — Sp.-Vg. 1900: Handballspiel gegen „Hessen-Preußen" (Kassel), 15 Llhr. — Deutsche Demokratische Partei: Versammlung, im Aquarium, 10 ilfjr. — Kanarienzucht- und Vogelschutz-Verein Gießen und ilmg.: Kanarienvogel- und Exotenschau, Kath. Vereinshaus. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Faschingsprinz" und „Das Geheimnis der Carlton-Dank". — Astoria-Lichtspiele: „Besondere Kennzeichen" und „Das rote Brand- mal".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Nachdem das Stadttheater nun drei erfolgreiche Premieren von Stücken gehabt hat, die nebeneinander einstudiert worden 1 waren („Ein Spiel vom Schmetterlingstraum".
„Das tapfere Schneiderlein", „Der Veilchenfresser"), werden für dieses Jahr nochmals zwei Premieren vorbereitet: für Mittwoch, 25. Dezember, „Tobias Wunderlich" von Ortner, und zu Silvester-Abend die Posse mit Gesang und Musik „Kyritz-Phrih" von H. Wilken und O. Iusti- nus. Der Sprelplan der kommenden Woche seht sich folgendermaßen zusammen: Morgen, Sonntag, 15. Dezember, vormittags 11.30 Llhr: 2. Tag des Kammerspielzyklus „Ein Spiel vom Schmetterlingstraum" nach dem Chinesischen von Richard Wilhelm, einführender Vortrag Wen QJüan Ting; nachmittags 15 Llhr: Märchenvorstellung „Das tapfere Schneioerlein" von Alois Prasch; abends 19 Llhr: „Die Troerinnen", nach Euripides von Franz Werfel. Dienstag, 17. Dez., abends 20 Llhr, erste Wiederholung „Der Veilchenfresser". Mittwoch, 18. Dez., Gastspiel des „Operetten- gastspiels Frankfurt a. M.» „Die lustige Witwe", Beginn 19.30 Llhr. Freitag, 20. Dez., „Die Troerinnen" des Euripides von Werfel — zum letzten Mal —; Spielleitung Intendant Dr. Prasch. Sonntag, 22. Dez., nachmittags 15 Uhr: „Das tapfere Schneiderlein", abends zum letzten Mal „Scribbys Suppen find die besten"; Beginn 19 Llhr.
♦* Rindermarkt in Gießen. Der nächste Rindvieh- (Nutzvieh-) Markt in Gießen findet am Dienstag, 17. Dezember, statt.
** Die Aliceschule veranstallet wieder einen Koch- und Bügelkurfus, der am 13. Januar beginnen soll. Näheres in der heutigen Anzeige.
*• Ein guter Fang. Der Polizeibericht meldet: Gestern vormittag wurde in der Oberrealschule ein nicht gerade Vertrauen erweckender Mann von dem Hausmeister der Schule beobachtet und nach seinem Begehr gefragt. Der Unbekannte gab an, den Direktor sprechen zu wollen. Als er diesem zugeführt werden sollte, verlieh er unter einigen Ausflüchten die Schule und verschwand. Auf Grund der sofort an die Kriminalpolizei telephonisch gegebenen Beschreibung konnte der Llnbekannte in der Schulstrahe festgenommen werden. Als der Festgenommene über den Grund des Ghmnasiumbcsuches befragt wurde, gab er an, er habe den Direktor um ein Oberhemd bitten wollen. Es stellte sich heraus, daß der Verhaftete, der sich als der Kaufmann Johann Hillebrandt aus Essen entpuppte, vom Polizeiamt Worms wegen schweren Diebstahls und Betrugs gesucht wurde. Hillebrandt hatte sicher die Absicht, in der Schule einen Manteldiebstahl auszuführen, wurde aber durch das Erscheinen des Hausmeisters in seinem Vorhaben gestört.
•• Vorsicht, Betrüger! Der Polizeibericht meldet: Bei der Inhaberin eines Zigarren- und Zigarettengeschäftes wurden am Donnerstagnachmittag durch einen bekannten Kunden aus Rödgen telephonisch Zigaretten bestellt, die durch einen Boten abgeholt werden sollten. Kurz nach der Bestellung erschien auch ein junger Mann und holte die bestellten Zigaretten im Wert von 72 Mk. ab. Durch spätere Anfrage bei dem Kunden stellte sich die Bestellung als fingiert heraus. Der Täter, der bereits vor einiger Zeit hier, in Friedberg und Schotten aufgetreten war, wird wie folgt beschrieben: Etwa 20—25 Jahre alt, 1,60 Meter groß, schlank, schmales Gesicht. Bekleidet war er mit dunklem Wintermantel und Hut.
** Fe st genommen wurden hier der Gärtner Emil Müller zwecks Strafverbüßung, Arbeiter Paul Stiller wegen Betrugs im Rückfall, Dienst- mädchen Dora Hempel wegen Diebstahls, Reifen- der August Diefing wegen Betrugs.
Besucht den
- Milttärkonzert in der Heilstätte. Am Donnerstag wurde den Patienten der Hess. Hellstätte für Nervenkranke in Gießen, Licher Straße 106, eine besondere Freude zuteil. Die Gießener Militärkapelle gab um die Mittagszeit ein Konzert. Schneidige Märsche wechselten mit ernsteren und heiteren Musikstücken ab. Den Gesichtern der Kranken konnte man die Freude anmerken, die das schone Konzert ihnen bereitete. Reicher Beifall war der Dank der Zuhörer für das uneigennützige Entgegenkommen der Kapelle.
•• Eine Rekordfahrt dreier Kinderluftballons. Wie man uns mitteilt, liehen mehrere Gießener Einwohner am 26. November, morgens gegen 9 Uhr, drei Kinderluftballons, die zufammengebunden waren, mit der angehängten Adresse eines der Absender hier auf« steigen. Die drei kleinen Ballons landeten am nächsten Tage, 27. November, nachmittags 2.30 Llhr, auf dem Lande eines Gutshofes etwa eine Stunde südlich von Stralsund. Die Ballons haben die fast 500 Kilometer lange Strecke in etwa 30 Stunden zurückgelegt. Der Finder, Diplom- landwirt Meyer, in Verchen (Kreis Demin. Vorpommern) hat dem Gießener Absender der Ballons die Ankunft der drei „Luftikusse" durch Postkarte mitgeteilt.
Auf der (Spur des Düsseldorfer Mörders?
Eger, 13. Dez. (IBB.) 3n einer kleinen Gast, wirtschaft wurde gestern ein Mann unter dem verdacht verhaftet, im Zusammenhang mit den Düsseldorfer Morden zu stehen. Der Der- hastete ist der 31jährige Lhausseur Josef Mayer aus Lehenstein bei Eger, der seit dem Jahre 1927 wegen Desertion gesucht wird und wieder- holt wegen schwerer verbrechen vorbestraft ist. Ausfällig Ist eine bei ihm vorgefundene Aufzeich. n u n g , deren Schriftzüge größte Aehnllchkeit mit einem Schreiben des vielgesuchten Düsseldorfer Mörders aufweisen. Weiter wurde von der Egerer Polizei festgestellt, daß die Beschreibung des mutmaßlichen Düsseldorfer Mörders auf den Mayer außerordentlich gut paßt und er sich zur Zell der Morde in Düfseldorf aufgehalteu hat. Bei Schriftproben ergab sich eine unverkennbare Aehnllchkeit zwischen den Schriftzügen Mayer» und den Briefen des mutmaßlichen Düsseldorfer Massenmörders. Besonders merkwürdig ist der Umstand, daß er den weiblichen Namen Gertrud als „G e r d r u d" schreibt. Der Düsseldorfer Mörder beging den gleichen Fehler. Das schwerste Verdachtsmoment bildet der Umstand, daß bei ihm auch eine Skizze gefunden wurde, die mit der Mordskizze des letzten Düsseldorfer Falles übereinfiimmt.
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Am nächsten Montag, 16. Dez., findet in Lich wie alljährlich der Weihnachtsmarkt statt. Es ist zu hoffen, daß er, wie in den vergangenenZahren, auch dieses Jahr wieder seine bekannte Anziehungskraft ausübt und die Be- völkerung der umliegenden Orte, deren wirtschaftlicher Mittelpunkt die Stadt Lich von alters- her ist, zu recht zahlreichem Besuch veranlaßt. Bietet sich doch auch gleichzeitig günstige Gele- genheit,in denLicherGeschästen den Bedarf an Weihnachtsein, taufen zu decken. Wenn auch die Zeit wirtschaftlich schwer ist und dazu zwingt, alle Ausgaben, die nicht unbedingt notwendig find, zu vermeiden, an Weih- nachten hat doch jeder das Be- dürfnis, etwas zu schenken und seinen Deden eine Freude zu machen.
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