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GietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 2(6 Drittes Blatt

Oer Freiheit entgegen!

Don Or. Paul Moldenhauer, o. ö. Professor der Dersicherungswissenfchast an der Universität Köln, M. d. X

Ser bekannte Reichstagsabgeordnete g3tof. Dr. Molüenhauer, den toir als Vertreter des DHeinlandes um eine Meinungsäußerung zur Haager Kon- fe'renz gebeten hatten, stellt uns die nachstehende Betrachtung zur Verfügung. Dio Haager Konferenz hat die Räumung des besetzten Gebietes festgelegt. Spätestens am 15. De­zember wird die zweite, spätestens am 30. Juni nächsten Jahres die dritte Zone frei. Heute er­scheint manchem dieser Erfolg fast selbstverständ­lich. Nachdem im Dawes-Plan die finanziellen Verpflichtungen Deutschlands geregelt, nachdem im Vertrag von Locarno das französische Sicher­heitsbedürfnis befriedigt war, hatte Deutschland nicht nur einen moralischen Anspruch, sondern ein Recht auf die Räumung. Aber zäh widersetzte sich Frankreich allen diesen Wünschen. Zu sehr war man noch befangen in den Vor­stellungen, daß Frankreichs traditionelle Rhein­landpolitik die Loslösung des linken Rheinufers von Deutschland verlange. Seit dem 17. Jahr­hundert hat dieser Gedanke der französischen Politik vorgeschwebt. Er war in den Zeiten der französischen Revolution vorübergehend verwirk­licht worden. Er tauchte in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wieder auf, um im Weltkrieg fast zum Glaubensbekenntnis Frank­reichs zu werden. Zäh hat Elemenceau bei den Verhandlungen der Friedenskonferenz um diese Forderung Frankreichs gerungen und, als er damit unterlag, wenigstens eine langfristige Be­setzung durchgeseht und sich damals wohl in der Hoffnung gewiegt, daß Deutschland die Bedin­gungen für die Räumung niemals erfüllen werde. Gleichzeitig versuchte man, durch schärfsten Druck auf die Rheinländer und gedungene Elemente die Loslösung vom Rheinland selbst aus zu er­reichen. Alle diese Versuche scheiterten an der Entschlossenheit des rheinischen Volkes.

Dieser Politik Frankreichs gegenüber ver­suchte seit 1923 der deutsche Außenminister Dr. Stresemann die Freiheit des besetzten Ge­bietes zu erringen. Als er ans Ruder kam, stan­den die Franzosen bei Dortmund. Keinerlei Waf­fen, keinerlei Macht standen Stresemann zur Verfügung. Er muhte die öffentliche Meinung der Welt geschickt ausnuhen, er muhte sie davon überzeugen, daß ein verständiges Zusammen­arbeiten der Völker Europas für sie wertvoller ist als eine Hegemonie Frankreichs und eine Ver­gewaltigung Deutschlands, die nur die Ursache neuer kriegerischer Verwicklungen sein konnte. So gelang es ihm, denRückzug der Fran­zosen von der Ruhr durchzusehen, so ge­lang ihm die Befreiung der nörd­lichen Zone. Bereits damals hofften viele, hoffte er auch wohl selbst, dah die Räumung des ganzen besetzten Gebietes bald folgen werde. Aber die Stimmung schlug um. Auf das Kabinett H e r r i o t folgte nach einigen Zwischenspielen das Kabinett P o i n c a r e. Eisiger Wind wehte aus Frankreich allen Derständigungsversuchen entgegen. Wieder bedurfte es jahrelanger zäher Arbeit, um den Boden für neue Verhandlungen vorzubereiten. Wir trafen im Haag auf keine uns günstige Atmosphäre. Driand hatte sich schon in Genf zu gehässigen Aeuherungen gegenüber Deutschland hinreihen lassen. Er propagierte seit langem die Idee, dah, selbst wenn Frankreich räume, ein Lleberwachungsausschuh zu­rückbleiben müsse, d. h. dah Frankreichs Macht sichtbar am Rhein weiter die Wacht halten

Dämonen der Zeit.

Vornan von Arthur Drausewetter.

30 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Aber, Väterchen," unterbrach ihn das junge Mädchen, das voll ungeduldiger Verlegenheit bis dahin zugehört hatte,du wirst dem fremden Herrn doch nicht unsere ganze Lebensgeschichte er­zählen. Dazu hat er wirklich keine Zeit, und das interessiert ihn auch sehr wenig."

Lah nur, mein Kind, er muh doch wissen, wem er seine Freundlichkeit erweist, und weshalb wir sie von ihm erbitten."

Lind unbeirrt durch den Unmut seiner Tochter, setzte er seine Rede fort:Das Mädchen ist noch nie in Berlin gewesen. Deshalb lieh ich sie nicht allein reisen, sondern begleitete sie. Ich hatte mir von unserem Superintendenten, der oft in Berlin ist, ein ganzes Verzeichnis von Fremden­heimen und christlichen Hospizen geben lassen. Aber überall wies man uns ab. Run versuchten wir es hier, und wieder war es vergeblich."

Ist denn kein einziges Zimmer verfügbar? Oder wenigstens zwei Badestuben?" wandte sich Klaus, nachdem der Abte mit einem tiefen Seuf­zer geschlossen hatte, an den Portier.Die Herr­schaften würden ja gern für eine Dacht vorlieb- nehmen."

Cs ist alles besetzt: auch die Badestuben find belegt," erwiderte Herr Georgi mit kurzer Be­stimmtheit und begrüßte andere Gäste, die eben mit einem Berg von Gepäck vorgefahren waren und vor acht Tagen bestellt hatten.

Du siehst, Väterchen, dah es nicht geht. Wir wollen nun nicht länger zur Last fallen."

Aber Klaus, dessen Mitleid mit den beiden immer mehr gestiegen war, nahm dem jungen Mädchen den Koffer, den es bereits ergriffen hatte, aus der Hand.

Ich möchte Ihnen empfehlen, noch ein wenig zu verweilen, es gießt augenblicklich, als hätte der Himmel seine sämtlichen Schleusen geöffnet. Sie können Ihre Sachen erst trocken werden lassen, auch eine Tasse Tee zu sich nehmen. Vielleicht findet sich doch noch auf irgendeine Weise Rat. Ich werde mein möglichstes tun.

Er war ihr. die widerstrebend und nur auf das Zureden ihres Vaters folgte, beim Ablegen des Mantels behilflich. Tannenschlank, ein wenig zu schlank vielleicht, doch mit entzückender An­mut gebaut, stand sie vor ihm. Etwas fast noch Kindliches war in ihr, aber aus den Augen, die jetzt schon freundlicher und freier blickten, leuchtete eine reife Weiblichkeit.

»2lch darf Ihnen den Tee wohl in dem Emp­fangsraum reichen lassen. Lind dann bitte ich,

müsse. Er muhte fürchten, daß der wieder­genesene Poincare ihm Verrat an der franzö­sischen Sache vorwerfen und ihn, wie damals nach Cannes, stürzen würde. Er stieß in den finan­ziellen Frage auf den Widerstand Snowdens, und der Kampf um die Verteilung der deutschen Zahlungen unter die Verbündeten nahm so sehr den Raum der Erörterungen ein, dah für die Lebensfrage des deutschen Volkes kaum noch Platz blueb.

Um so mehr wird das rheinische und mit ihm das ganze deutsche Volk es unseren Llnterhänd- lern, an ihrer Spitze dem Auhenminister, danken, dah sie trotz aller Versuche Briands, einer Ent­scheidung auszuweichen, trotz allen Drucks der an­dern darauf bestanden haben, nicht eher ihre Llnberschrift zu geben, als bis die Räumung gesichert war. Gewiß, auch dieses Ziel ist nur unter Opfern erkauft worden. Wir haben uns verpflichten müssen, über den 1. Sep­tember hinaus 30 Millionen Mark für De - satzungskosten zu zahlen. Hätten wir daran die Freiheit scheitern lassen sollen? Wohl gelang es uns, den Lleberwachungsausschutz zu besei­tigen, aber wir mußten darin einwilligen, daß die im Vertrage von Locarno vorgesehenen Schieds- ausschüsse auch für die Frage der entmili- tavisierten Zone zuständig wurden. Damit ist kein ständiger Lleberwachungsausschuh eingerichtet. Aber Wenn Frankreich wenigstens auf dieser Form bestand, so wollte es sich die Möglichkeit

Vorbehalten, seine Beschwerden in einem anderen Gremium als dem Dölkerbundsrat vorzubrin­gen. Wir hätten in Deutschland lieber gesehen, daß auch diese Bestimmungen gefallen wären. Aber nachdem die Ge ahr des Lleberwachungs- ausschusses beseitigt war, werden wir uns mit der Schiedsinstanz ab inden müssen. Cs bleibt für alle schweren Fälle der Appell an den Rat des Völkerbundes, der an sich nach dem Vertrag von Versailles zuständig ist. Wir haben ver­nichten müssen, die Frage des Saargebiets jetzt zu klären. Die Frage Eupen-Mal medy konnten wir nicht einmal anschneiden. Aber es wäre falsch, das Erreichte nicht anzuerkennen, weil nicht alle Dlütenträume auf einmal reif­ten. Durch das rheinische Volk geht ein Auf­atmen. Die schwere Last der Besatzung wird ihm genommen, genommen auch, was noch wichtiger ist, die Sorge, daß Frankreichs Politik, dieses kerndeutsche Land von Deutschland zu trennen, zum Erfolg führen könnte. Wer sich in die Zeiten von 1919 und 1923 zurückversetzt, wer jene schwe­ren Jahre am Rhein miterlebt hat, der weiß zu toürbigen, weih auch zu danken, was in zähem, unablässigem Ringen, nicht mit großem Geschrei und Worten, aber mit festentschlossenem Willen an Positionen erreicht wurde. Wir gehen der Freiheit entgegen. Rur Monate noch trennen uns von dem Tag, an dem auch wir am Rhein wie im übrigen Deutschland die Luft der Freiheit atmen können.

Tagung der deuischen Geschichts- und MerLumsvererne.

In der Llniversitätsaula zu Marburg fand in den letzten Tagen die 7 7. Hauptversamm­lung des Gesamtverbandes der deut­schen Geschichts- und Altertums­vereine statt, die durch den Vorsitzenden, L^niversitätsprofessor Dr. h. c. Dr. Wolfram, Frankfurt a. M., eröffnet wurde. Dem Verband, der 100 000 Mitglieder zählt, wurden durch Ver­treter die herzlichsten Grüße der preußischen Staatsregierung, des Oberpräsidenten der Pro­vinz Hessen-Rassau, des Regierungspräsidenten, der Stadt, der Llniversität, der Archivvereine, des österreichischen Bundeskanzlers, der Hessi­schen Landeskirche und des Hessischen Geschichts­vereins übermittelt. Der Vorsitzende gab bann bekannt, daß die nächste Tagung in Wien statt­finden werde.

In einem großzügigen Referat sprach Diblio- thekdirektor Dr. Hopf, Kassel, über

Hessen und Reich".

Der Redner ging in seinen Darlegungen vom frühen Mittelaller aus, legte besonderen Rach­druck auf die Zeit der Reformation und setzte sich ausführlich mit der Stellungnahme der ein­zelnen Landgrafen auseinander, deren Politik späterhin durch das Streben nach der Kurwürde gekennzeichnet war. Dr. Hopf schloß mit einem kurzen Hinweis auf die Ereignisse des 19. Jahr­hunderts, die dem jungen Kurhessen ein Ende bereiteten.

Am Nachmittag des ersten Tages fanden u. a. sehr interessante Vorträge von Museumskustos Dr. Wölke, Frankfurt a. M. und Professor Dr. Gundel, Frankfurt a. M. über die

Forschungen und Befestigungen in Heddernheim statt, die Anlaß zu ganz neuen Deutungen und Datierungen geben.

Professor Dr. v. Künzberg, Heidelberg, und Studiendirektor S ch o o f, Hersfeld, gaben Liebersichten über die

Flurnamenforschung, die noch sehr im argen liege. Eine Sammlung der Flurnamen in Buchform sei leider durch den Krieg verzögert worden. Besonders lehrreich waren Lichtbildvortrüge von Prof. Dr. Behn über die Ausgrabungen in Alzey und die karo­lingische Klosterkirche in Lorsch. Ein trefflich klares Bild der Sprachräume und Sprach­schranken im Hessischen zeichnete Privatdozent Prof. Dr. F. Maurer, Gießen. Am Abend fand ein großer Empfang durch die Stadt Mar­burg statt.

In der Abteilung VI der Hauptversammlung sprach Geheimrat Prof. Dr. Sommer, Gießen, über das Thema:

klinische Studien über hereditäre Belastung.

Der Vortragende zeigte im Anschluß an sein Buch über Familienforschung, Vererbungs- und Rassenlehre eine Reihe von Tafeln, auf denen in bestimmten, genau untersuchten Fällen die Tat­sachen der Heredität bei der gleichzeitigen Dar­stellung der Ahnen und der Sippschaft hervor­treten. Dabei ist besonders ersichtlich 1. die Häu­fung von Fällen psychischer und nervöser Er­krankung gleicher Art in einzelnen Familien, z. B. von Epilepsie: 2. die Abschwächung bestimm­ter hereditärer Krankheiten in Formen, die im Grad geringer, aber der Art nach verwandt sind, z. B. epileptoider Fälle bei im übrigen hervortretender ausgeprägter Epilepsie: 3. der verhängnisvolle Einfluß, den die Kreuzung von Familien mit verschiedenartigen, oder teilweise ^nlichen Krankheitsformen, z. B. Epilepsie und Alkoholismus, auf die Nachkommen hat: 4. die eigenartige Transformation, die sich bei den here­ditären Psychosen in bezug auf die Art der Krankheit, z. D. Epilepsie und Paranoia, zeigt: 5. die engen Beziehungen zwischen psychiatri­scher Heredität und Kriminalität. Die Grund­tatsachen der Vererbung gelten bei aller An-

mich zu entschuldigen. Die Mäntel werde ich zum Trocknen in die Küche geben.

Er begab sich in sein Geschäftszimmer zurück, um seine Arbeit fortzusetzen, indes die beiden es sich in dem warm und vornehm eingerichteten Saale behaglich machten, die Tochter mit selbst­verständlicher Gelassenheit, der alte Herr nicht ohne Bedenken, die schmutzigen Stiefel auf einen so üppigen Teppich zu sehen.

Herr Georgi hatte inzwischen seinen Fremden, die er, nach seinem mit feinster Sorgsamkeit für die verschiedensten Grade abgetönten Ver­halten zu schließen, hoch einschätzen mußte, die Wohnung gewiesen und stand jetzt wieder hinter seinem Tische, um den Haufen der vor ihm liegenden Briefe in die Nummernfächer zu reihen, als Klaus zu ihm trat:

Ich sehe eben, daß Zimmer 104 und 105 frei sind."

Bankdirektor Reißner aus Gera hat sie für sich und seine Frau Schwester bestellt," erwiderte Herr Georgi in seiner kurz abweisenden Art.

Er schreibt, man möchte ihm die bestellten beiden Zimmer nur bis 7 Llhr abends Vorbehal­ten, wenn er dann nicht eingetroffen wäre, ständen sie zu unserer Verfügung. Da es bereits gegen 8 Llhr ist, können sie also dem Herrn Pfarrer und seiner Tochter überlassen werden."

Herr Georgi erhob zwar keinen Widerspruch, aber er zuckte die Achseln und kniff die Mund­winkel. Jedes für sich war ein Zeichen seines LInwillens, beides zusammen aber deutete auf die höchste Mißstimmung.

Klaus beachtete es nicht.

Ich bin in der glücklichen Lage, Ihnen nun doch noch zwei Zimmer geben zu können," wandte er sich an die beiden,und zwar zwei fehr gute, die wir durch einen vorher übersehenen Zusatz bei einer Bestellung freibekommen haben. Wenn es den Herrschaften beliebt, so können Sie sich gleich mit dem Fahrstuhl in Ihre Räume be­geben.

Ein heller Fredenschimmer glitt über das breite Gesicht des alten Pfarrers, mit ausgestreckten Händen ging er auf Klaus zu:Oh, wie gut und freundlich ist das von Ihnen I Lind welch eine ungeahnte Fügung. Siehst du, Lotte, ich habe es dir so oft gesagt: Der da oben verläßt einen nicht so leicht ... und gerade, wenn es einem am schlechtesten geht

Auch ich danke Ihnen vielmals, mein Herr," sagte das junge Mädchen mit kindlicher Freund­lichkeit. Lind doch war etwas Gemessenes in ihren Worten.

Am nächsten Morgen trat Herr Eltermann an das Pult seines Direktors:Der Portier hat sich über Sie beklagt. Sie hätten, ohne ihn zu fragen, über zwei Zimmer Verfügung getroffen.

Klaus, der auf eine solche Beschwerde gefaßt war, erzählte kurz und sachlich den Hergang.

Sie haben in der Sache vollständig richtig ge­handelt," entschied Herr Eltermann.Was die Form betrifft, so hatten Sie diesem Manne gegenüber noch nicht die richtige Erfahrung. Er ist es gewohnt, bei der Verteilung der Zimmer ausschlaggebend zu sein, und betrachtet dies als sein verbrieftes Vorrecht. Sie hätten die An­gelegenheit nicht über seinen Kopf hinweg ordnen sollen. Im übrigen werde ich mich auf Ihre Seite stellen."

Von diesem Tage an war Herr Georgi Klaus Körbers erbitterter und unversöhnlicher Feind. Alles kann man Menschen seiner Art antun, und sie werden es schließlich vergessen und ver­geben. Wer ihnen aber an ihren Geldbeutel rührt, der hat die untiergebbare Sünde wider sie begangen. Das sichere Geschäft, das er mit den beiden Zimmern hätte machen können, hatte ihm der menschenduselige Direktor verdorben, um eines Pastors und feiner Tochter halber. Natür­lich hatte es ihm das hübsche, schlanke Mädchen mit den blitzenden Augen angetan.

Aber er wollte es dem Herrn Direktor schon anstreichen, dah ihm die Lust vergehen sollte, sich noch einmal in seine geschäftlichen Angelegen- he'.ten zu mischen. -

Lind Herr Georgi eröffnete seinen wohldurch­dachten und rücksichtslos ausgeführten Feldzugs­plan. Er horte alle Anordnungen, die Klaus ihm gab, mit halbem Ohr und behauptete, wenn die Ausführung unterblieb, mit der freiesten Stirn: etwas Derartiges hätte ihm der Herr Direktor niemals gesagt: er schloß ein Schutz- und Truh- bündnis mit dem zweiten und dritten Portier, mit denen er bis dahin auf gespanntem Fuße gelebt, die er jetzt aber durch eine plötzliche Großzügigkeit in der Trinkgelderangelegenheit ge­wann. Er besorgte dem Sekretär, der ein Theater­narr war, Eintrittskarten zu Kammerspielen und zum Großen Schauspielhaus, die er durch seinen schwunghaften Kartenverkauf und feine guten Be­ziehungen umsonst bekam: er legte dem Schreib­fräulein, das ein unersättliches Leckermaul war, die schönsten Schokoladentafeln auf den Maschi­nentisch, kurz, er suchte alle Angestellten, die mit dem Direktor mehr oder minder zu tun hatten, zu sich herüberzuziehen.

Klaus hielt alt diesem widrigen Geplänkel gegenüber mannhaft stand und war, obwohl er ganz allein stand, fest entschlossen, einem so klein­lichen Gegner nicht das Feld zu überlassen. Aber seine fein organisierte Natur litt unter diesen Ränken und Anfeindungen. Niemals in seinem Leben hatte er eine so schwere Zeit durchgemacht, war er durch soviel Häßlichkeit und Dunkel gr- gangen.

Samstag, U. September 1929

ertennung der exogenen und sozialen Momente auch im Gebiet der Kriminalpsychologie. Im übrigen erörterte der Vortragende die großen Schwierigkeiten, die bei der Prüfung auf here­ditäre Belastung im einzelnen Falle sich dem medizinisch-psychologischen Diagnostiker entgegen­stellen. Er warnte besonders vor der rein sta­tistischen Zählung von psychopathischen Krank­heitsfällen in einzelnen Familien und verlangte kritische Llnterscheidung der endogenen und exo­genen Momente bei der Beurteilung von Fällen von Geisteskrankheit innerhalb der Blutsver­wandtschaft. Grundsätzlich vertritt der Vor­tragende eine methodische Verbindung der Fa­milienforschung mit der Psychiatrie, Psychologie und Naturwissenschaft.

Am zweiten Tag sprach zunächst Prof. Dr. Huy- skens (Aachen) über das Thema

Die heilige Landgräfin Elisabeth von Thüringen."

Nachdem er die Versammlung mit einer Reihe von Biographien der heiligen Elisabeth älteren und jüngeren Datums bekannt gemacht hatte, gab er Einzelheiten über ihren Lebenslauf bekannt und ging dann auf ihre christliche Bedeutung ein, die vor allem in ihrer Heiligsprechung begründet liege.

lieber

»Notwendigkeit

und Form eines deutschen Attas"

referierte Prof. Dr. Wagner (Marburg). Er be­tonte die außerordenttict-e Wichtigkeit eines Reichs- Atlasses, in den Oesterreich und die Schweiz aus­genommen werden müßten. Dabei solle nicht nur der heutige Zustand festgestellt, sondern weitgehend auch die allgemeine Entwicklung berücksichtigt wer­den. Bon der Verwirklichung dieses Planes seien wir noch weit entfernt, doch könnte man wertvolle Vorarbeit leisten.

Professor Dr. G o e ß l e r (Stuttgart) griff in sei­nem Vortrag über den

NamenWürttemberg"

eine alte Streitfrage auf. Er führte den Namen auf das alte keltische WortVirodunum" zurück. Er schloß aus vielen Anzeichen, daß Württemberg vor 400 bis 200 Jahren v. Ehr. von Kelten besiedelt gewesen sei. Der Name habe sich als Flurname für das heutige Württemberg bis ins Mittelalter gehal­ten, sei allmählich überVirodum" zuVirtun" gelangt und dann im 11. Jahrhundert von Konrad zur Bezeichnung seiner Burg auf Wirtenberc als Geschlechtsname neu ausgenommen worden.

Hieran schlossen sich weitere Vorträge, die sich mit Kunst und Geschichte befaßten. Direktor i. R. Mül­ler (Darmstadt) berichtete eingehend über die mühe­volle

Erkundung und Erforschung der vor- und früh- geschichtlichen Straßen Oberhessens.

An Hand von Lichtbildern und Kartenmaterial be­grenzte der Redner die zu besprechenden Gebiete auf Hessen-Darmstadt, die Wetterau und Kurhessen bis in die Gegend von Hersfeld. Schon in früh- alterlicher Zeit bestand hier ein wohlausgebautes Straßennetz, das von Mainz aus sich nach Nordosten ausbreitete und zum Teil von den Römern aus­gebaut wurde.

Anschließend sprach Dr. Erich Schmitt (Mainz) über die baugeschichtlichen Probleme am Aachener Münster. Nach weiteren Vorträgen, in denen Stadt­archivrat Dr. Schultze (Berlin), Professor Dr. W r e d e, Professor Dr. Erben und Professor Dr. Wagner zu Wort kamen, war diese Versamm­lung beendet.

Am dritten und letzten Tage sprach zuerst Prälat D. Dr. Diehl, Darmstadt über

die Bedeutung des Marburger Religionsgesprächs für die hessische Evangelische Landeskirche.

Er legte dar, daß ein Brief, den Zwingli an den Landgrafen Philipp sandte, nicht ohne Cin-

Oftmals mußte er an den alten Pastor denken, der jetzt, gewiß von der Welt und ihrer Tücke abgefchlossen, im schönsten Gottesfrieden auf seiner stillen Pfarre im Hannoverschen sah, und an seine Tochter, die auf irgendeiner kleinen Bude im Norden Berlins Nationalökonomie im letzten Se­mester studierte. Wenn die beiden ahnten, welch einen Sturm und welches Leid sie ohye ihren Willen auf fein Leben herabbeschworen hatten!

Dann aber kam der Tag, wo feine Wider­standskraft erschöpft und fein anständiger Sinn bei aller Tapferkeit einer Taktik, die zu immer niedrigeren Mitteln griff, nicht mehr gewachsen war.

So trat er eines Mittags nach der gemeinsamen Mahlzeit an Herrn Eltermann mit der Bitte heran, in feine Entlassung zu willigen.

Noch einmal versuchte dieser, ihn umzustimmen. Als Klaus aber bei seinem Entschluß beharrte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Zustim­mung zu geben. Er dürfte jedoch sein Haus nicht eher verlassen, als es ihm gelungen wäre, ihm eine neue Stellung zu verschaffen.

Ich glaube, etwas Passendes für Sie gefunden zu haben," sagte eines Morgens Herr Cltermann beim Lesen der Post zu seinem Direktor.

Ich hatte mich an einen Bekannten, Herrn Dettmiller, den Inhaber großer und feiner Wein­stuben Linier den Linden gewandt, aber keine Antwort von ihm erhalten. Eben schreibt er mir, daß er von seiner Geschäftsreise vom Rhein zu­rückgekehrt sei und Ihre sofortige Vorstellung er­bitte, da er einen guten Direktor gerade such«. Es wird das beste sein, Sie machen sich gleich auf den Weg."

Obwohl es erst im Anfang des November war, so hatte eine starke Kälte eingesetzt und Klaus atmete voller Entzücken die würzige, glashelle Luft, indes er die Friedrichstraße hinunter zu den Linden schritt.

Es war die Hauptgeschäftsstunde, und auf dem Fahrdamm wie auf den Bürgersteigen war ein so starkes Getriebe von Menschen aller Art und Nationalität, von elektrischen Bahnen, Kraft­wagen und Autobussen, daß es selbst für einen in diesem Straßenbetrieb Geübten nicht leicht war, ungehemmt vorwärtszukommen.

Wohl drang in dem Gewirr und Geschwirr des unaufhaltsamen Vorbeihastens noch mancher fremde Laut an fein Ohr, wohl geisterte unsicht­bar und doch fühlbar durch die fast maschinen­mäßig fortwirbelnde Masse der Dämon der Zeit, hetzte, peitschte. Aber doch war ihm, als ginge ein neues Morgenwehen über dieses ©ehrieoe und Gewoge, als erwachte langsam aus Schlaf und Banden das Berlin, das ihm stets das verkörperte Sinnbild deutscher Kraft und deut­schen Fleißes erschienen.

(Fortsetzung folgt.)