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Vereine

Mittwoch, [Z. November 1929

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 267 Zweites Blatt

Windhuk von heute.

Don unserem Südwester Berichterstatter.

Windhuk. August 1929.

Ende vorigen Jahres betrug die Bevölke­rung des Mandatlandes Südwestafrika schähunü^yeise 28 OOO Weihe und 250 000 Ein­geborene: von diesen wohnen allerdings mehr als 100 000 außerhalb des besiedelten und von der Polizei durchrittenenweihen" Gebiets. An Weihen dürfte die Beö^-erung damit im vorigen Jahre um 2000 Kopse zugenommen haben. Bon diesen 2000 waren ziemlich genau e i n D r i t t e l Deutsche, die übrigen Südafrikaner oder an­dere britische Untertanen, wobei wir der Ein­fachheit halber auch die 960 Angolaleute mit- gerechnet haben, die man im vorigen Jahre über den Kunene mit Frachtautos ins Land geholt hat. Sie werden in der Statistik als Portugiesen" geführt; es handelt sich um die sehr rückständigen und teilweise auch körper­lich zurückgelommenen Rachkommen von trans- valschen Auswanderern der 70er Jahre. Die genannte Statistik für 1928 erweist auch, dah der 3m- und Abfluh von Reisenden recht leb­haft gewesen ist und dah wenn man von jenen Angolatreckern absieht, die mit reichlichen Regierungsmitteln hier im Lande hochgepäppelt werden sollen von denen jeweils alsEin­wanderer" gebuchten nur die Hälfte im Lande bleibt.

Solch lebhafter Hin- und Her-Reiseverkehr zwi­schen Südwest auf der einen und Deutschland, sowie dSr Union auf der anderen Seite, wird natürlich in der Hauptstadt Windhuk am deutlichsten spürbar. Erfreulicherweise ist es gar nichts seltenes mehr, dah aus der Heimat Familien- oder Studienbesuchmal eben" her­überkommt; die Seereise ist sc angenehm und glatt und das trockene Hochgebirgsklima des Landes in den meisten Monaten so zuträglich, dah neuerdings nicht selten auch wirklich alte Leute die Reise hierher unternommen haben, um mit eigenen Augen zu sehen, wie es den Kindern ergeht oder wie das Land sich weiter entwickelt. Die Gelandeten bringt ein ziem­lich bequemer Zug binnen 18 Stunden nach Windhuk hinauf und während über den Eros- bergen im Listen die Sonne ihre ersten An­stalten macht, sich zu erheben, rollt das Gast­hausauto den Ankömmling bequem seiner ersten Unterkunft entgegen. Will er nach einiger Um­schau in der Stadt, die sich zwischen Hügel­ketten eine gute halbe Wanderstunde weithin dehnt, tiefer ins noch unberührtere Südwester Land hinein, so findet er auch dafür reichlich Fahrgelegenheiten mit Kraftwagen. Ich glaube, es trifft zu, was behauptet wird: dah Windhuk im Vergleich zu seiner Devölkerungszahl eine der autoreich st enStädte der Erdeist.

Ci i ebenso erfreuliches Schaubild wie der starke Autoverkehr bietet die lebhafte Bautätig­keit. Seit zwei bis drei Jahren werden mit einem Eifer uiO oft such mit einer Schnelligkeit neue Ei»- bis Zweifamilienhäuser, Läden, Gast­höfe usw. gebaut, dah man dem Wirtschaft ichen Aufschwung des Mandatsgebiets, und feiner Hauptstadt im besonderen, nur das günstigste Zeugnis ousstcllen möchte. Aber auch hier klingt für den Rachforschenden der Boden hohl, auf dem solch scheinbarer Wohlstand ruht. Die meisten dieser Häuser sind mit audtoärttgrem Leihgeld gebaut. Wenige große Kapstadter Geldgeber hoben die Mittel hrrgeliehen. Ihre ersten Hypotheken werden in 12 bis 18 Monaten fällig sein, und wer Weitz, ob dann nicht manches Haus weit billiger zu haben sein wird, als man nach seinem Mietsahe heute annehmen sollte.

Die Mieten sind fast durchweg teuer; wo es nicht ganz sn Kindern fehlt, da reicht ein Fünftel des Einkommens kaum je zur Begleichung der Miete aus. Einkommensteuern gelten als rück­ständig, sonst müßten ja auch die gutbezah t:n kapländischen Beamten bluten, und dafür find sie doch wirklich nicht in das trockene Südwest ge­

kommen! So werden die Steuern in erster Linie den Grund- und Hausbesitzern auferlegt, die sie natürlich an die Mieter weitergeben. Ganz neuerdings hat übrigens ein deutscher Bau­unternehmer mit dem Versuch begonnen, in die Miete für kleinere Wohnungseinheiten auch Ab­zahlungen einzubeziehen, die einen langjährigen Mieter in absehbarer Zeit zum Besitzer machen.

Da hier in Windhuk Deutsche, Südafrikaner, Engländer ihre besonderen Kreise haben, ist das gesellschaftliche Leben dem von 1914 nicht mehr vergleichbar. Die oberen und obersten südafrikanischen Beamten sparen und haben auch sonst wohl kaum das Zeug und die Frauen dazu, um nette Geselligkeit zu schaffen. Der gediegene Vorkriegswohlftand in deutschen Häusern ist, wenn man von einem vereinzelten Grohkaufmann oder Arzt usw. absieht, meist verschwunden, und damit bis aufschöne Reste" die feinere Ge­selligkeit in geschmackvollen Wohnungen, die sich vor 1914 so glücklich angebahnt hatte. Bei den neuen Reichen ist man, was die Hauseinrichtung betrifft, ebenso wie bei der Masse mittlerer Verdiener immer ein wenig auf Wanderschaft: einzelne gute Schränke, Tische oder Stühle, wie sie Hausrat-Versteigerungen von versetzten Be­amten oder anderen Abbauenden ins Haus ge­bracht haben, stehen zwischen selbstgefertigten Kommoden oder gar Schreibtischen, an deren Seitenwänden die braune Beize nur oberfläch­lich verhüllt, daß sie aus Benzin- oder Petro- leumtijten mehr oder weniger geschickt zusammen­gehauen sind. Wer einen der unverwüstlichen Tische oder Schränke sein eigen nennt, die vor dem Kriege in den Dienstwohnungen der deutschen Beamten standen, ist solchen Besitzes froh; viel davon ist schon nach Südafrika abgcwandert (die prachtvolle eichene Anrichte aus dem alten hie­sigen Gouverneurshause schmückt jetzt das Kap- städter Heim des vorigen Administrators Hof- meyr), und was dagegen an Möbeln aus der Union geliefert wird, ist vielfach ebenso windig wie geschmacklos.

Sich aber von den tüchtigen deutschen Hand­werkern, die es hier noch gibt, Hausrat bauen zu lassen, dazu reicht bei den meisten das Gehalt nicht, denn diese gediegenen Sachen sind teuer. Findige Zwischenhändler haben sich das aller­dings längst zunuhegemacht, indem sie von farbigen Handwerkern solche Möbel nach guten Vorbildern Herstellen lassen. Sie werden unter irgendeiner Deckmarke verkauft, denn na­türlich wehrt sich das weiße Handwerkertum gegen solchen Wettbewerb. Man kann kaum sa­gen: mit Erfolg. Vielmehr dringen die dunklen und helleren Kapfarbigen hier in allerhand Be­rufen und Unternehmungen immer mehr vor: ihre Weiber bemühen sich, die gleichen Kleider und kunstseidenen Strümpfe zu tragen, wie die weißen Frauen, und stehen als Gleichbehandelte zwischen diesen, wenn der Marktmeister dreimal wöchentlich frisches Gemüse und Obst aus dem Lande und aus der Union versteigert. Sv sind seit Jahren Kräfte am Werke, die schöne deutsche Kolonialstadt Windhuk von innen her zu ver­wandeln.

Verband evangelisch-kirchlicher Zrauenvereine in Hessen.

h. Darmstadt, 9. Rov. Dieser Tage fand im großen Saal des Rummelbräu die besonders von ländlichen Vereinen gut besuchte Herbft- versammlung des Verbandes evang.- kirchlicher F r a u e n v e r e i n e in Hessen statt. Rach kurzer Begrüßung durch die Vor­sitzende, die Fürstin Elisabeth zu Erbach- Schönberg, hielt Pfarrer L a n g e , Frankfurt (Main), einen Vortrag überGemeinschaft und Verantwortung". Davon ausgehend, dah in un­serem Volke leider keine Gemeinschaft, sondern

Zerrissenheit auf allen Gebieten besteht, gaben ausführliche Antwort auf die Frage, wie man zu einer rechten Gemeinschaft in Familie, Ge­meinde, Kirche und Volk kommen kann, und wie man dieser Verantwortung sich bewußt werden muh. Der mit vielen Beispielen aus bet, seel­sorgerischen Praxis belegte, sehr volkstümlich gehaltene und besonders auf die Pflichten der Frau eingehende Vortrag hinterließ bei allen Anwesenden einen tiefen Eindruck. Während der Kafseepause machte die Vorsitzende noch wichtige Mitteilungen über das erscheinende neue Lie - derbuch des Verbandes, sowie über die staatlich genehmigte ösfentliche Wohlfahrts­verlosung des Verbandes zum Besten des

Frauenerholungsheimes in Rieder- Ramstadt. Da der Verband heute 85 000 Mit­glieder zählt, muh diese Verlosung eine öffent­lich« fein und unterliegt der staatlichen Besteue­rung. Gerade wegen dieser beträchtlichen Unkosten toi.L» cs gelten, die Lose, die zu 50 Pf. pro Stuck ausgegcben werden, restlos a zu setzen. Sie wer­den in diesen Tagen in die Hände der Vereine: und der öffentlichen Verlaufsstellen gelangen. Die Verlosung selbst wird im Dezember so recht­zeitig erfolgen, dah die Gewinngegenstände (nütz­liche Haushaltungsgcgenstände) noch vor dem Weihnachlsfcste in die Hände der glücklichen Ge­winner gelangen werden.

Volksparteiliche Kommunalpolitik.

Eine gut besuchte öffentliche Wählerversamm- lung unter der Leitung des Gießener Partei­vorsitzenden der Deutschen Vollspartei, Oberreal­lehrers Appel, sand gestern abend im Cafe Leib statt. Gegenstand der Aussprache waren die Grundsätze der Deutschen Volks­partei in der Kommunalpolitik. Als erster Redner sprach in etwa einstündigen Aus­führungen der

Landtagsabgeordnete Bürgermeister Lr. Niepoth-Lchlitz.

Er zog zunächst eine kurze Parallele zwischen der heutigen Zeit und der Zeit des Freiherrm vom Stein. Dieser große preußische Staatsmann gab dem Volke für die Durchführung seiner schwe­ren Wiederaufbauarbeit nach dem damaligen fürchterlichen Zusammenbruch die Selbstverwal­tung, durch deren Segnungen der Aufstieg der Gemeinden im vorigen Jahrhundert erfolgte. Die Deutsche Volkspartei als liberale Partei sei nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis Freund der Selbstverwaltung. Die Deutsche Volkspartei wolle das Einspruchs­recht des Staates gegen die Selbstverwaltung grundsätzlich beschränkt wissen auf Gesetzesver­letzungen und Vermögensverschwendung durch die Selbstverwaltungskörper, sowie auf eine Anwen­dung der Steuergesehe, die einer Enteignung gleichkomme. 3m übrigen aber müsse die Selbst­verwaltung uneingeschränkt sein.

Hinsichtlich» der Finanzpolitik stehe die Deutsche Dolkspartei auf dem Standpunkt, daß auch in der Kommunalwirtschaft strengste Sparsamkeit im öffentlichen Haus­halt walten müsse. Die Deutsche Volkspartei sei für einen gesunden Fortschritt, aber sie über­sehe auch nicht, daß wir einen Krieg verloren und Hunderttausende von Volksgenossen durch Krieg und Inflation ihren Besitz eingebüßt haben. 3n vielen Städten, Kreisen usw. aber herrsche heute eine Bewilligungsfreudigkeit, die nicht im Ein­klang stehe mit den finanziellen Leistungsmöglich­keiten. Die öffentliche Belastung sei heute zu hoch, sie könne in Zukunft in diesem Umfange nicht mehr getragen werden. Deshalb fordere die Deutsche Vollspartei, dah die Verringerung der Reporationsausgaben durch den Boung-Plan nicht anderweitig verpulvert, sondern der Wirt­schaft durch Steuersenkung vollständig zugute komme. Die Deutsche Volkspartei fordere weiter eine Reform der Steuerverteilung, deshalb habe sie auch im Hessischen Landtag schon immer An­träge eingebracht, die verlangen, dah die Objekt­steuern (Grund- und Gewerbesteuer) vom Staate auf die Gemeinden übertragen werden. Diese Steuern seien keine Steuern für den Staat, son­dern nur die Gemeinden dürften sie erheben, aber auch nicht in dem Ausmaß wie heute. Vom Reiche verlange die Volkspartei endlich die Vor­lage cs Steuervcreinheitlichungsgesetzes. Schließ­lich habe in Zukunft überall der Grundsatz zu gelten: Keine Ausgabe ohne vorherige Deckung!

Auf dem Geb.ete er Wirtschaftspolitik wolle die Deutsche Dolkspartei den Gemeinden die Versorgungsbetriebe (Gas, Elektrizität, Was­ser) und die Verkehrsbetriebe (Straßenbahn) in

eigener Regie überlassen. Darüber hinaus aber fordere sie entschiedene Abkehr von dem gegen­wärtig vielfach gebräuchlichen System, die Finger in allen möglichen Wirtschaftsbetrieben zu haben. Durch eine derartige Ausdehnung der städtischen Detriebswirtschast mache die Stadt doch nur den eigenen Steuerzahlern, die ohnehin schon sehr schwer zu ringen haben, Konkurrenz. Die Deutsche Volkspartei spreche den Gemeinden das Recht ab, Betriebe übet den obenbezeichneten Rahmen der öffentlichen Dersorgungswirtschaft hinaus zu füh­ren, zumal auch die Beamten den kaufmännischen Anforderungen an solche Betriebe nicht gewachsen seien. Die Deutsche Dolkspartei erhebe Einspruch gegen die uferlose wirtschaftliche Ausdehnung, die man heute in vielen Städten sehe. Weiter fordere die Deutsche Volkspartei steuerliche Gleichstellung der ortsansässigen Geschäftswelt mit den Filial­betrieben und Konsumvereinen, denn Gerechtigkeit müffe auch hier für alle bestehen.

3n der Sozialpolitik wolle die Deutsche Dolkspartei überall da Hilfe bringen, wo wirk­lich Rot vorhanden sei. Sie wolle aber keine schematische, sondern eine individuelle Fürsorge. Sie wende sich gegen alle Auswüchse in deo Sozialpolitik, auch gegen die Auswüchse in der Arbeitslosenversicherung.

Hinsichtlich der K r e i s t a g s - und P r o v i n- zialtagswahlen erklärte der Redner u. a., die Deutsche Dolkspartei wende sich gegen alle Bestrebungen, die den Kreisen in ihrer heutigen staatlichen und verwaltungsmäßigen Fun'.tion Abbruch tun wollten. Die Kreise dürsten als Selbstverwattungskörper nicht ausgeschalt.t wer­den. Bei den Wahlen zum Provinzialtag solle sich die Wählerschaft der großen wirtschaftlichen Auf­gaben bewußt fein, die der nächste Provinzialtag zu lösen haben werde: die Elektrizität If rage und die Gasfernversorgung. Der Betrieb des Heber» landwärts Oberhessen müsse gemeinnützig nach wirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden; es fei für größere Beweglichkeit und kaufmännische Anpassung in der Verwaltung zu sorgen. Bei der künftigen Reuregelung der Elektrizit tswirt- fchaft, die durch das Eindringen der Preuß. Elek- trizitäts-A.-G. in Frankfurt und durch die Um« fchnürung Oberhessens durch die großen Elek- trizitätsgesell'chasten unabweisbar sein wer.e, müsse nach rein wirtschaftlichen Erwägungen ert- schieden werden. Auch bei der Frage der Gas­fernversorgung müßten rein wirtschaft iche Ge­sichtspunkte maßgebend fein, nicht aber poli­tische Betrachtungen.

Die Deutsche Volksbartei habe für die Wah­len zu den Selbstverwaltungskörpem in 6tat t, Kreis und Provinz Rdänner vorgeschlagen, die mit Sachkenntnis und bestem Willen an die Arbeit zum Wohle der Gesamtheit gehen wollen. Diesen Männern möge die Wählerschaft ihr Vertrauen schenken.

Stadtratsmitglied

Kaufmann Will). Horn-Gietzcn

sprach hierauf als Vorsitzender der deutsch-volks­parteilichen Fraktion im Gießener Stadtrat über die Gießener Kommunalpolitik der letzten Jahre. Er wies zunächst auf die große finanzielle Be-

Gießener Gtavtthsater.

|9lobert Guiskard".Demetrius".

Ein Kaiser findet stets fein Kaisertum." Hebbel.

Schillers 170. Geburtstag war der äußere An­laß, denDemetriu>" aufzuführen. Neben diesem Fragment erschien der Kleists che Torso von. Herzog GuisLard. Das geschah hier nicht aus Siner bei jeder Fragment-Inszenierung naheliegenden Verlegenheit, wie der Abend zu füllen sei. Sondern aus der Er- kcnmnis einer Gemeinsamkeit beider Werke, die tiefer liegt als eben darin, daß sie unvollendet auf uns gekommen sind, und dah sie jeweils einen welt­historischen Stoss abzuwandeln unternommen haben. Das heißt also: aus der Einsicht, wie das Bruch­stückhafte hier und dort, bei Schiller und bei Kleist, eine tragische Unvollkommenheit bedeutet; wie beide Werke für alle Zeiten Nachahmern und kraftlosen Vollendern trotzend vom Schatten des Todes dunkel gezeichnet sind.

Der Himmel weiß, meine theuerste Ulrike, (und ich will umtonunen, wenn es nicht wörtlich wahr ist) wie gern ich einen Blutstropfen aus meinem Herzen für jeden Buchstaben eines Briefes gäbe, der so anfangen könnte:mein Gedicht ist fertig." Aber, du weißt, wer, nach dem Sprüchwort, mehr thut, als er kann. Ich habe nun ein Halbtausend hinterein- anba folgender Tage, die Nächte der meisten mit eingerechnet, an den Versuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere Familie herabzu- ringen: jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgöttin zu, daß es genug sei. Sie küßt mir gerührt den Schweiß von der Stirne und tröstet michwenn Jeder ihrer lieben Söhne nur eben so viel thäte, so würde un- ferm Namen ein Platz in den Sternen nicht fehlen" ...

... Was ich dir schreiben werde, kann dir viel­leicht das Leben kosten; aber ich muß, ich muß, ich m u ß cs vollbringen. Ich habe in Paris mein Werk, so weit es fertig war, durchlesen, verworfen, und ver­brannt: und nun ist es aus Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde; ich werfe ihm, wie ein eigensinniges Kind, alle übrigen hin. Ich kann mich deiner' Freundschaft nicht würdig zeigen, ich kann ohne diese Freundschaft doch nicht leben: ich stürze mich in den Tod" ...

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Die beiden auf denGuiskard" bezüglichen Briefe Kleists an feine Schwester vom Oktober 1803

atmen die Untergangsftimmung und Todesnähe, die uns aus dem vernichteten, später aufs neue begon­nenen und abermals unvollendeten Drama entgegen weht. Wohl keines der Kleiftfchen Dramen ist so sehr symbolischer Ausdruck, so sehr Spiegelung seines dämonisch besessenen Schöpfers geworden. Keines ist so kennzeichnend für die gigantische Spannung seines gestaltenden Willens und die unerbittliche Maß­losigkeit seiner Kritik wider sich selbst.

*

Auf zwanzig Buchseiten zusammengepreßt zehn knappe Auftritte, welche aber wie die mächtig an» schwellende Akkordfolge einer dichterischen Eroika da- stchcn. Wie Kleist amGuiskard" so scheitert Guis­kard der Herzog, gleichsam im Hafen noch, das mit aller Leidenschaft ersehnte Ziel, die Krönung seines Herrschertums dicht vor Augen, fast greifbar als winkende Erfüllung.

Und statt einen siegreichen Kampf als Eroberer führen zu können, muß er gegen die schleichend ver­heerende Gewalt der in sein Feldheer einbrechenden, ihn selbst niederwerfenden Pestseuche unterliegen muß er, schon tödlich ins Mark getroffen, mit über­menschlicher Beherrschung zusammengerafft, aufrecht und lächelnd wie ein Gesunder, seinem Heere ent­gegentreten, das stürittisch die Heimkehr verlangt. Führ' uns zurück, zurück, ins Vaterland!" mit diesem Sehnsuchtsruf der Abgesandten bricht die Tragödie jählings ab. Niemand vermag zu sagen, wie sie hätte enden sollen.

*

Die Ausführung des Intendanten Dr. P r a s ch verwirklichte jene klassische Stilisierung, die herbe und strenge Linienführung großer dramatischer Kunst, die allein dem Torso angemessen ist. Das Motiv der Todesfurcht und drohenden Todesnähe wurde zum Leitgedanken seiner Bühnengestaltung, die zwei große Aufgaben glücklich bemeiftert: die chorische Gliederung der Volksmasse, von der sich die Reden der Führer gleichsam als Oberstimmen antiphonisch abheben; und die dynamische Steigerung der szeni­schen Symphonie zum mächtig aufbrandenden Sehn­suchtsschrei der Krieger im Finale.

*

Peter Fassott ist der Herzog; er betont in seiner Gestattung anfangs mehr die patriar­chalische Güte des Volksfürsten als die un­beugsame Willenskraft des Heerführers- seine Stimme ist manchmal zu weich und ohne den heldischen Klang, den sie haben muß. Aber stark ist er im erschütternden Zusammenbruch

und der verzweifelt erzwungenen Abwehr der beschwörenden Stimmen zuletzt.

Zingel als ehrwürdiger, greiser Sprecher des Heeres, Tannert (Abälard), Fuhr­mann (Helena), Heitzig (als Prinz Robert dem schweren Kleistvers nicht immer gewachsen) sind ferner zu nennen.

II.

Als Schiller starb, lag derDemetrius", abbrechend mit dem Monolog der Marfa im zweiten Alt, auf dem Tisch. Aus dem Fragment ist ebenso wie aus dem unverarbeitet hinter­lassenen Material, aus dem slizzierten Szena­rium des Ganzen schmerzlich zu erkennen, in welcher Kraft und Reise des Schaffens der 45jährige vom Tode abberufen worden ist, wie dieses Schauspiel, vollendet, ein Meister- S:ück großer historischer Dramatik geworden wäre, Goethe hat die Fortführung geplant und wieder auf gegeben; die nach ihm, nicht wenige, sich an das Werk toaglen, sind an der Riefenaufgabe gescheitert, (älnd auch Hebbel, der einen eige­nenDemetrius" schrieb, ist über dem Werk, kurz vor der Vollendung, gestorben.)

Don den mancherlei Fragmenten und Entwür­fen in Schillers Rachlab ist derDemetrius" das reifste und mächtigste. Er hatte ihn sehr entschieden einem ganz ähnlichen Stoff zuletzt vorgezogen: der merkwürdigen Geschichte des be­trügerischen englischen Kronprätendenten War- beck. Darin eben, dah Demetrius nicht als bewußter Fälscher gedacht war, vielmehr im guten Glauben handelte, von der Recht­mäßigkeit seiner Ansprüche auf die Zarenkrone innerlich st überzeugt, darin liegt die ent­scheidende Begründung dafür, daß Schiller im letzten Lebensjahre vom Warbeck zum Deme­trius sich wandte, in dem er einen echten und würdigen, klassischer Ausfassung entsprechenden Helden gefunden hatte und in dessen Schick­sal den innern Konflikt, den sein Drama brauchte: Demetrius i<t ein tragischer Held in dem Augenblick, da er erkennt, daß er nicht der ist, für den er sich hielt, ... sondern nur die Kreatur eines Derbrechers, wie der englische Warbeck einer war.

Sehr wirksam hebt sich die Bühnengestaltung von derGuiskard"-Ausführung ab: die Regie des 3ntenbantcn stellt der strengen und düsteren Monumentalität der Kleistischen Szenen hier im

ersten Qltt eine lebendige, färben- und figuren­reiche Realistik gegenüber. Die von Schiller großartig angelegte Versammlung des Krakauer Reichstages entwickelt regiemäßig ein immer stürmischer, zuletzt tumultuös gesteigertes Durch­einanderfluten der dort straff gebändigten und aufgeteilten Massen, gegen welche sich die Einzelsprecher am Ende nur noch mühsam behaup­ten können. Erst im zweiten Akt (sehr fein das Bild des griechischen Klosters, von L ö f f - I e r entworfen, der sich überhaupt wieder mit anerkennenswerten Leistungen um den Abend verdient machte) erst hier gewinnt die Szene wieder jene hochklassische Haltung und zugleich eine schöne Gipselung und Krönung in jenem Monolog der Marsa, mit dem das Fragment abbricht.

Marfa ist Liselotte Fuhrmann; sie sei hier zuerst genannt, weil sie schauspielerisch sich lösend aus anfänglicher Starre zum vollen und eben schillerisch klingenden Ausbrechen lang ver­schütteter Ce,ühlsströme den stärksten Eindruck hinterlieh.

W e f e n e r, hier einmal vor eine große Auf­gabe gestellt, gibt den Demetrius; er hat wenn man die Leistung im ganzen ansieht die Probe nicht schlecht bestanden; er wirkte zunächst ein wenig beengt und verhalten, spielte sich aber zusehends frei; er bringt in Figur und frischem Stimmklang, was der jugendliche Prätendent verlangt. Me volle sprachliche Freiheit, die ganz über dem Text steht, und die warme Unmittel­barkeit jeder Gefühlsäußerung, die Schiller ent­schieden fordert, werden ihm im Laufe der Zeit noch zuwachsen.

Aus dem umfangreichen Personal kann man nur die wichtigsten Rainen herausheben. Zin­gel sprach ruhig, klar und gelassen den König Sigismund; Arzdorfs fanatischer Sapieha be­hauptete sich verbissen gegen den toi enden Reichs­tag; Beatrice Doering spielte sich für ein Paar Augenblicke nach vorn; hier scheint eine gute Begabung zu stecken; vielleicht gibt man ihr nächstens eine größere Chance. Heß, Link- mann und Hais: drei tüchtige Chargen.

Durch ein Derschen kam der zoeite Vorhang viel zu spät. Der 3ntendant erschien zuletzt mit den Hauptdarstellern; ihm seien, als greifbarste Würdigung seiner schönen Leistung, für die Wie­derholungen recht volle Häuser gewünscht.

Dr. Th.