Nr. 215 Zweites Blatt
Oer Kampf gegen die Amerika-Zölle.
3m amerikanischen Parlament steht in diesen Tagen eine wichtige Entscheidung bevor. Denn mit der Debatte und der Abstimmung über die Zolltarifnovelle wird zugleich über die grundsätzliche Haltung entschieden, die die Vereinigten Staaten künftighin gegenüber der europäischen Wirtschaft einnehmen. Gehen die Erhöhungen auch in der durch die Hoover- Aegierung gemilderten Form durch, so bedeutet das eine Kampfansage an den alten Kontinent, die durch die Begründung mit den niedrigeren Arbeitslöhnen Europas nur unzulänglich verdeckt und motiviert wird. Deutschland und andere Länder des hochentwickelten Westens befinden sich in bezug auf die Arbeitslöhne genau in der gleichen Lage gegenüber den Ländern des Ostens und Südostens mit ihren geringeren Löhnen und ihrem niedrigeren Lebensstandard, und trotzdem sind die Bestrebungen nach einer Vereinheitlichung des innereuropäischen Wirtschaftsgebiets, nach einer Riederlegung der Zollschranken, wie Genf zeigt, in raschem Erstarken: es ist deshalb durchaus unlogisch, nur die eine Seite der Frage, die reinen Lohnsätze in Betracht zu ziehen, und die andere Seite, die gesteigerte Kaufkraft, den vermehrten Konsum, die Rationalisierungsmöglichkeiten der Groh-und Serienproduktion außer Acht zu lassen, die dafür meist einen vollwertigen Ausgleich, wenn nicht mehr als das erbringen.
Vicht weniger als 38 Staaten haben deshalb bereits im voraus gegen den Gesetzentwurf P r o - t e st erhoben, mit dem die ohnehin meistens fast prohibitioen Zölle der Vereinigten Staaten noch gesteigert werden sollen. Deutschland hat nur mündliche Vorstellungen erhoben, ist aber m i t am schwersten betroffen: denn sein Export nach den Vereinigten Staaten betrug 1928 etwa 930 Millionen Mark, darunter für über 550 Millionen Fertigfabrikate. Diese Ziffern, so hoch sie erscheinen, stehen schon jetzt in keinem Verhältnis mehr zur Bedeutung des amerikanischen Marktes: denn Großbritannien und die kleinen Aicderlande haben uns je fast 1,2 Milliarden deutscher Güter abgenommen: und auch bei Frankreich, wohin die Fertigwarenausfuhr in einem 3ahre von 477 auf 569 Mill, gesteigert werden konnte, ist bereits wieder ein Kunde der gleichen Größenordnung, wie die Vereinigten Staaten. Dabei hat Deutschland von Amerika für etwa 2 Milliarden Mark Güter bezogen, d. h. also, seine Handelsbilanz mit Amerika ist um 1 bis 1,2 Milliarden Passiv, je nachdem, ob man die deutschen oder amerikanischen Zahlen für die deutsche Ausfuhr nach Amerika gelten läßt. Amerika kämpft also nicht nur um einen vermeintlich notwendigen Schuh seiner heimischen 3ndustrie, sondern zugleich um die Erhaltung seiner gewaltigen Ausfuhr, deren Wert von etwa 20 Milliarden Mark (doppelt soviel als die deutsche) ungefähr zur Hälfte auf Fertigfabrikate entfällt. Die Gefahr besteht also für Amerika, daß sein protektionistischer Tarif die sämtlichen davon betroffenen Länder, insbesondere Europas, zu einer Einheitsfront zusammenschlieht, die am wirksamsten in Form einer europäischen Zoll-Union mit tarifarischer Abgrenzung gegen die andern Kontinente, in erster Linie Amerika, in Erscheinung treten würde. Besonders in Frankreich hat man denn auch bereits versucht, der ursprünglich ganz anders orientierten Bewegung für diese wirtschaftliche Vereinheitlichung eine solche antiamerikanische Tendenz zu geben. Die Staatsmänner, die sich in Genf nunmehr dieser
Dämonen der Zeit.
Vornan von Arthur Brausewetter.
29 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Hier erst wurde ihm klar, woran er bis jetzt noch nicht eine Sekunde gedacht hatte: daß er nicht so viel besaß, um gegen die Not beschützt zu sein. Er mußte sich sein Brot verdienen, wollte er nicht verhungern.
Aber wie sollte er in dem großen, fremden Berlin, wo er kaum einen Menschen kannte, so schnell eine Stellung finden? An wen sollte er sich wenden?
Da fiel ihm Herr Eltermann ein, der ihm freundlich entgegengekommen war. Er begab sich zu ihm und legte ihm mit voller Offenherzigkeit seine ganze Lage iTar.
Herr ©Hermann, der sehr beschäftigt war, da er seinen Direktor vor einigen Tagen wegen ein- getretener Mißhelligkeiten mit dem Personal hatte entlassen müssen, zeigte gleichwohl ein warmes Interesse für die Angelegenheit und erwiderte, daß er im Augenblick nichts in ihr tun könnte, sie sich aber durch den Kopf gehen lassen wollte. Herr Körber möchte so freundlich sein, gegen Abend noch einmal bei ihm vorzusprechen.
Und als Klaus, nachdem er den Tag über noch eine Reihe anderer Versuche unternommen, die aber alle fruchtlos ausgefallen waren, zur festgesetzten Stunde wieder erschien: „Ich habe alles wohl überlegt und auch etwas gesunden. Ich weih aber nicht, ob es das sein wird, was Ihnen vorschwebt, und ob Sie Reigung dafür haben werden."
„Wenn ich die Fähigkeit besitze, soll es an der Neigung nicht fehlen. Mir bleibt kaum noch eine Wahl."
Herr Eltermann fertigte den Oberkellner ab, der in einer dringlichen Angelegenheit zu ihm kam, und fuhr fort: „Ich habe Gelegenheit ge° hat, Sie während der kurzen Zeit, da Sie hier ein und aus gehen, zu beobachten. Run haben Sie vielleicht gehört, daß ich meinen Direktor entlassen muhte. Er war nicht untüchtig, aber er hatte sich aus einer untergeordneten Stellung emporgearbeitet und hatte nicht die rechte Autorität über die Leute. Als Sie heute morgen zu mir kamen, dachte ich sofort an Sie. Aber ich verhandelte bereits mit einem andern Herrn und war gebunden. Vor einer Stunde war dieser bei mir und bat mich, ihn von seiner Zusage zu entbinden. Ich möchte Sie deshalb fragen, ob Sie diese Stellung übernehmen wollen? Sie könnten sie sosort antreten, und damit wäre uns beiden wohl geholfen."
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zreitag, 15. September 1929
Nie Arbeitsmarktlage in Oberhessen.
Aus dem August-Bericht des Arbeitsamts Gießen.
Die Arbeitsmarktlage hat während des Berichtsmonats eine geringe Verschlechterung erfahren. Der diesjährige Tiefftand der Arbeitslosigkeit dürfte somit überschritten sein, zumal in den kommenden Wochen weitere Entlassungen in der Industrie der Steine und Erden, im Baugewerbe und in der Lohnarbeit wechselnder Art in Aussicht stehen. Die Zahl der Arbeitsuchenden am 31. August betrug 1805 Personen, davon befinden sich 1149 Personen in der Arbeitslosenversicherung und 110 Personen in der Krisenunterstützung. 222 Arbeitsuchende wurden als Notstandsarbeiter beschäftigt.
In der Landwirtschaft hat die beständige Witterung die Einbringung der Ernte sehr begünstigt. Die Forderungen an Arbeitskräften konnten befriedigt werden.
JnderIndustriederSteineundErden machte sich ein weiterer Gesckäftsrückgang bemerkbar. Die Verschlechterung der Arbeitsmarktlage ist zum großen Teil auf Absatzmangel und Betriebsstillegung zurückzuführen. Es wi'rden im August 304 gegen 141 Arbeitsuchende des Vormonats gezählt.
In der Metallindustrie war die Arbeitsmarktlage im Berichtszeitraum sowohl örtlich als auch innerhalb der einzelnen Industriezweige stark uneinheitlich, im ganzen aber durch weiteren Zugang von Arbeitsuchenden wieder etwas verschlechtert.' Die Zahl der Arbeitsuchenden stieg von 144 auf 196.
Die vorherrschende Tendenz der Gesamtlage im Holz - und Schnitz st offgewerbe ist im allgemeinen weiterhin unbefriedigend. Es wurden 77 arbeitsuchende Personen gegen 65 des Vormonats gezählt.
Im Nahrungs- und Genußmittel- g e w e r b e ist eine kleine Besserung der Marktlage eingetreten.
Die Arbeitsmarktlage im Bekleidungs- gewerbe ist unbefriedigend: hauptsächlich im
Schneidergewerbe ist ein starker Rückgang des Beschäftigungsgrades zu verzeichnen. Die Zahl der Arbeitsuchenden stieg von 77 auf 110.
Die Entwicklung der Arbeitsmarktlage im Baugewerbe ist eine rückläufige. Die Bautätigkeit hat in diesem Jahre bereits i hren Höhepunkt überschritten. Die Nachfrage nach Arbeitskräften ging zurück. Man zählte 185 arbeitsuchende Personen gegenüber 159 des Vormonats.
Im Vervielfältigungsgewerbe ist der Arbeitsmarkt infolge der ruhigen Geschäftslage des Druckereigewerbes weiterhin als ungünstig und wenig aufnahmefähig zu verzeichnen.
Trotz des nahe bevorstehenden Saisonschlusses im Gastwirtgewerbe (Kurorte) ist infolge der warmen Witterung die Marktlage günstig.
In der ruhigen Lage des Verkehrsgewerbes ist keine wesentliche Veränderung eingetreten. Bei der Reichsbahn "glichen sich Personaleinstellung und -entlassungen ziemlich aus.
In der Lohnarbeit wechselnder Art war die Arbeitsmarktlage sehr uneinheitlich. Einerseits ist ein Zugang von Arbeitsuchenden infolge Beendigung der kurzfristigen Arbeitsverhältnisse zu verzeichnen, anderseits wurden Arbeitskräfte für Straßen-, Erd- und Tiefbauarbeiten angefordert. Die Zahl der Arbeitsuchenden fiel von 531 auf 478.
Oie Berussberaiungsabteilung
steht zur Zeit in der Vorbereitung der Herbst- und Winterarbeit. Schülerbelehrungen, berufskundliche Vortragsreihen, Eignungsprüfungen, Hinausgabe von Merkblättern und Mitteilungen an die 400 Schulgemeinden des Arbeitsamtsbezirkes ufw., das alles erfordert rechtzeitige Vorarbeiten'. Es melden sich jetzt schon Schüler, die nächstes Jahr die Schule verlassen, um für einen bestimmten Beruf vvrgemerkt zu werden.
Aufgabe angenommen haben, haben es zwar sorgfältig vermieden, auf eine solche Tendenz auch nur hinzudeuten. Aber es liegt ganz in der Hand Amerikas, ob diese Bewegung sich in der Verbesserung der innereuropäischen Wirtschaftsbeziehungen erschöpfen oder zugleich ein wirksames Kampfmittel gegen einen von Amerika aufgezwungenen Protekttonismus der stärksten Wirtschaftsmacht der Erde werden wird.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 13. September 1929.
Oie hessische Landwirtschaft appelliert an den Staat.
Der Vorstand des Hessischen Landbundes hat in einer in Frankfurt a. M. abgehaltenen Sitzung sich mit der außerordentlich gespannten Lage der Landwirtschaft und den dadurch hervorgerufenen Rot- und Zwangsverkäufen beschäftigt. Es wurde beschlossen, den hessischen Staatspräsidenten um eine Unterredung zusammen mit dem Minister für Arbeit und Wirtschaft und dem Finanzmini st er zu bitten, wobei die Verhältnisse in den einzelnen Landesteilen eingehend dargelegt werden sollen.
Klaus Körber zauderte. Es war etwas so völlig Reues, das ihm hier geboten wurde. Er hatte Bedenken, ob er es zur Befriedigung dieses umsichtigen und hilfsbereiten Mannes leisten würde, dessen Vertrauen er nicht täuschen dürfte.
Herr Eltermann verstand ihn sofort.
„Gewiß... Es ist kein leichtes Amt, solch ein Hoteldirektor. Er soll mit einem großen Dienstpersonal und zugleich mit einem nervösen Publikum auskommen. Aber ich habe nun einmal die Zuversicht, daß Sie beides können toerben.“
Da schlug Klaus ein.
Run war Klaus Körber Direktor des Hotel Eltermann.
Geradeso wie sein Vorgänger sah er in tadellosem schwarzen Anzug mit blendend weißem Vorhemd auf einem Sessel im Geschäftszimmer, ließ Bücher und Papiere durch seine Hände gehen, prüfte hier und da, mußte zwischendurch alle Augenblicke in die Vorhalle sich begeben, nahm mit freundlich würdiger Miene und Lammesgeduld alle Beschwerden über zu große oder zu kleine, zu dunkle oder zu helle, zu warme oder zu kalte Zimmer, über laute Rachbarn, zu unmittelbare Rähe des Fahrstuhls oder anderer Gelegenheiten über unfreundliches Verhalten der Dienstboten oder nicht glänzend genug geputzte Schuhe und tausend andere, manchmal kaum glaubliche Dinge entgegen, die man unter allen Tlmständen zu seiner persönlichen Entscheidung bringen wollte, lernte es, seine Miene einzu- stellen und umzustellen, wie es die jedesmalige Gelegenheit erforderte, und empfand mit jedem Tage deutlicher, daß dreierlei zu einem guten Hoteldirektor gehörte: immer da zu sein, alles zu wissen, und stets freundliche Mienen zu zeigen.---
Der Sommer war vergangen und der Herbst gekommen ... Ein früher, naßkalter Herbst.
Die Leute zogen sich in die Städte zurück, und Berlin wies eine Fülle, wie sie noch kein anderes Jahr gesehen hatte.
Die Gasthäuser und Fremdenheime mußten Tag für Tag fast die Hälfte der aus allen Gegenden und Völkern zuströmenden Gäste abweisen, und in dem vielbesuchten Hotel Eltermann waren die Zimmer wochenlang vorausbestellt.
Klaus Körbers Arbeit wurde immer umfangreicher und anstrengender.
Aber es gelang ihm, selbst mit dem schwierigsten der Gäste und, was noch schwieriger war, mit dem anspruchsvollen und oft wechselnden Personal gut auszukommen.
Rur einer machte ihm seine Stellung nicht leicht: Herr Georgi, der erste Portier des Hotels.
Zwischen diesem und dem Direktor bestund, wie es in den Hotels des öfteren vorkommt, ein von Anbeginn an gespanntes Verhältnis.
Denn Herr Georgi, der sich von seinen Einkünften bereits zwei Häuser, eines in Friedenau,
Daten für Samstag, 14. September.
Sonnenaufgang 5.32 Uhr, Sonnenuntergang 18.18 Uhr. — Mondaufgang 17.10 Uhr, Monduntergang 0 Uhr.
1760: der Komponist Luigi Cherubini in Florenz geboren (gestorben 1842); — 1769: der Naturforscher Alexander von Humboldt in Berlin geboren (gestorben 1859); — 1817: der Dichter Theodor Storm in Husum geboren (gestorben 1888).
** Personalien. Ernannt wurden: der Iustizinspektor bei dem Amtsgericht Osthofen Philipp S p a a r zum Iustizinspektor bei dem Amtsgericht Gießen mit Wirkung vom 16. September an; der überplanmäßige Obervermessungssekretär des Feldbereinigungsamts zu Lauterbach, Abteilung Tag, Karl Schäfer zu Schlitz zum planmäßigen Obervermessungssekre- tär mit Wirkung vom 1. September an.
•• Grüße aus dem „Zeppelin". Unser oberhessischer Landsmann, der als Dordmonteur auf dem Luftschiff „Graf Zeppelin" tätige Philipp Lenz aus Klein-Linden, hat uns von Bord des Luftschiffes am gestrigen Tage einen Kartengruh übermittelt, den wir heute früh empfingen und hiermit gerne weitergeben. Die Karte mit dem Stempel „An Bord des Luftschiffes ,Graf Zeppelin', 12. September 1929" trägt folgenden Wortlaut: „2m „Graf Zeppelin über heimatlicher Erde senden Ihnen, sowie allen meinen Freunden in Gießen und Klein-Linden ein
das andere im Grünewald gekauft hatte, be- ttachtete den Direktor als eine Art von Staffage, der ein Angestellter war wie er, nur mit dem Unterschied, daß er alles und dieser nichts zu tun hatte.
So sah er auf Klaus Körbers Tätigkeit mit Geringschätzung herab, ärgerte sich, wenn die Gäste von ihm eine Auskunft haben wollten, die er so sehr viel besser erteilen konnte, und achtete streng daraus, daß der Herr Direktor möglichst wenig in der Vorhalle war. kürz, ihm nicht irgendwie ins Handwerk pfuschte. Am wenigsten aber da, wo eine Geldfrage ins Spiel kam. Denn je mehr Herr Georgi an Trinkgeldern einnahm, um fo geldgieriger wurde er und machte insbesondere in dieser Zeit der lleberflutung mit der Vergebung der Zimmer, die er als sein Vorrecht betrachtete, ein glänzendes Geschäft.
Klaus Körber hatte einen freien Rachmittag gehabt und war von einem Ausflug zeitiger, als er beabsichtigt hatte, nach Hause gekommen.
Es war auch gut; denn er sand zahlreiche Post- eingänge, zum großen Teil Anfragen wegen Unterkunft und andere dringende Angelegenheiten vor, die er nun noch erledigen konnte.
Es war ein unfreundlicher Abend. Immer schwerer und undurchdringlicher schoben sich schwarze Wolkenmassen über die Stadt, als wollten sie sie erdrücken; in immer dichteren Strähnen klatschte der Regen, der gleich nach seiner Rückkehr eingesetzt hatte, auf den Asphalt, hämmerte an die Fensterscheiben, gurgelte in eintönig glucksendem Geräusch durch die Dachrinnen.
Klaus war mit Herrn ©Hermann und dessen Gattin, mit denen er alle Mahlzeiten gemeinsam genoß, vom Abendbrot aufgestanden und saß nun wieder allein im Geschäftszimmer, als er draußen in der Vorhalle ein lebhaftes Gespräch vernahm; eine volltönende männliche Stimme, die immer dringlicher wurde, redete mit fast flehenden Tönen auf den Portier ein. Dazwischen hörte er eine andere, eine helle weibliche, die jedoch viel kecker und energischer klang. Kurz und abweisend antwortete Herr Georgi.
„So laß den Herrn doch in Frieden, Vater, wenn er nicht kann," vernahm er wieder die helle weibliche Sttmme, „wir werden auch ohne ihn nicht verderben."
„Gewiß, mein Kind, wir stehen überall in Gottes Hand. Aber bei diesem Wetter! Und in der großen fremden Stadt! Und dies ist schon die sechste Stelle!"
„So wird es uns bei der siebenten und achten glücken. Wir sind doch schließlich nicht auf die Barmherzigkeit eines Portiers angewiesen."
„Behalten Sie Ihr Geld, mein Herr! Damit richten Sie bei mir nichts aus," unterbrach mit einemmal die laute und entrüstete Stimme Herrn Georgis die für kurze Zeit eingetretene Stille.
KlauS, der bald gemerkt hatte, daß es sich um
! herzliches Grüß Gott. Ihr Philipp Lenz." Auf I der Karte sieht man das Luftschiff „Graf Zeppelin" in Fahrt hoch in den Lüften schwebend abgebildet. Den Kartengruß unseres Landsmannes erwidern wir mit gleicher Herzlichkeit«
"ZumSchutzedes Waldes. Die Stadtverwaltung macht im Anzeigenteil unseres heutigen Blattes erneut darauf aufmerffam, daß jegliches Feueranzünden im Walde und in dessen Nähe, sowie das Wegwerfen von glimmenden Streichhölzern, Zigarren- und Zigarettenresten für den Wald gefährlich und daher streng verboten ist.
** Zeugengesucht. Der Polizeibericht meldet; Diejenigen Personen, welche am Sonntag, 8. d. M., bei dem Waldbrand in der 4. Schneise des Gießener Stadtwaldes, in der Nähe des Bahnwärterhauses an der Reiskirchener Chaussee, irgendwelche Beobachtungen über die Entstehungsursache des Brandes gemacht haben, werden gebeten, diese der Kriminalabteilung, Zimmer 24, mitzuteilen.
** Diebstähle. Der Polizeibericht teilt mit: Gestohlen wurden ein Herrenfahrrad Marke „Göricke" Fabriknummer 1 068 381, mit schwarzem Rahmenbau, gelben Felgen und gewöhnlicher Lenkstange, sowie ein Damenrad, Marke „Panther", Fabriknummer 497 574, mit schwarzem Rahmen, dunkelgrünen Felgen und grauer Bereifung.
** Fe st genommen wurden drei junge Burschen, die in der Rächt vom 8. zum 9. d. M. in eine hiesige Gastwirtschaft emörangen und Rauchwaren stahlen, drei weitere Burschen, die in der letzten Zeit von Fahrrädern die eleftrid schen Boschlampen entwendeten, und ein jugendlicher Hausbursche, der sich bei feinem Arbeitgeber eine silberne Da men- Armb anduhr und einen kleineren Geldbetrag aneignete. Die Festgenommenen wurden nach Aufklärung entlassen. Auf Grund eines Ausschreibens des Amtsgerichts Oldenburg wurde der Schlosser Walter R a t h m a n n aus Oldenburg wegen Diebstahls festgenommen. Der jugendliche Arbeiter Johann Lahme aus Hoppecke wurde auf Ersuchen der Polizeiverwaltung Brilon in Schutzhaft genommen.
** Eigentümer gesucht. Herrenlos auf- gefunden wurden zwei Herrenfahrräder, Marke „To- rado" (Weilwerke) und Marke „Bismarck".
** Der Geflügel- und Vogelzuchtoer« e i n Gießen und Umgegend 1 897 veranstaltete am vorigen Sonntag feine diesjährige Autofahrt, an der sich — wie man uns berichtet — auch eine Anzahl von Mitgliedern des neugegründeten Wiesecker Geflügelzuchtvereins beteiligte. Die Fahrt ging zunächst über L i ch nach der Hochburg der hessischen Geflügelzucht, Echzell, wo man fast auf jedem Gehöft einen oder mehrere Stämme feinsten Rassegeflügels in allen möglichen Rassen findet. Das alte, abfällige Sprichwort über ländliche Geflügelhaltung: „Wer fein Geld los werden will und weiß nicht wie, der halte nur recht viel Federvieh", wird von den dortigen Züchtern, die ihren Betrieb nach neuzeitlichen Grundsätzen führen, als absurd be- zeichnet. Es hat sich sogar ein größerer landwirt- schaftlicher Betrieb vollständig nur auf Geflügelzucht umgefteUt, und zwar mit nachweislich bestem Erfolg. Nach gemeinsamem Mittagessen ging die Fahrt durch die Wetterau nach Reichelsheim, wo durch den Landesoerbandsvorsitzenden V e i t h an Hand seiner verschiedenen Zuchten wertvolle Belehrungen über Fütterung und sonstige züchterische Fragen gegeben wurden. Von dort ging dann die Fahrt über Bad- Nauheim zurück. Auch diese Fahrt bot den Mitgliedern wieder viel Interessantes und Lehrreiches.
** Der Frauenverein der Petrus- Gemeinde veranstaltete am Mittwoch einen Ausflug nach dem Iagdschlößchen Dutenhofen. 123 Frauen fanden sich dort ein, um bei Kaffee und Kuchen einen schönen Rachmittag zu verleben. Die Veranstaltung stand unter der 2ei-
einen sich jetzt täglich, ja, stündlich wiederholenden Vorgang handelte, indem Fremde, die nirgends unterkommen konnten, von Hotel zu Hotel wanderten, kümmerte sich um die draußen sich ab- spielende Szene nicht weiter.
Inzwischen schienen die beiden das Vergebliche ihrer Versuche einzusehen; denn sie wandten sich mit kurzem Gruße zum Ausgang.
Aber als der dort postierte Junge dienstfertig die Tür öffnete und der vom Wind geputschte Regen in dichtem Schwall in das Haus drang, hörte er die weibliche Sttmme mit großer Entschiedenheit sagen:
„Ich möchte den Herrn Besitzer dieses Hotels sprechen."
„Der ist nicht anwesend," erwiderte Herr Georgi.
„So wird er doch einen Vertreter haben."
„Der Herr Direktor ist augenblicklich 6c- schäfttgt"
„Ich bitte Sie, mich ihm trotzdem zu melden." Da trat Klaus in die Vorhalle.
©in älterer, schon ein wenig gebeugter Herr von gedrungener Gestalt, die in einem völlig durchnäßten Mantel steckte, kam ihm entgegen: „Sie sind der Herr Direktor? Und nicht wahr. Sie werden uns helfen?" sagte er, den erweichten schwarzen Filzhut tief ziehend, mit aufgelebter, hoffnungsfroher Stimme, „werde uns gestatten, uns wenigstens hier eine halbe Stunde auszuruhen, bevor wir uns in dieses fürchterliche Wetter zurückbegeben?"
„Daß sich die Herrschaften hier aufhalten, dagegen wird niemand etwas einzuwenden haben," meinte Herr Georgi herablassend und bereits merkbar verstimmt.
„Mit einem kurzen Aufenthalt ist uns nicht gedient. Wir müssen eine Unterkunft für die Rächt haben."
Ein junges Mädchen, wohl kaum über die Zwanzig, stand vor Klaus. Unter der Kapuze des wassertriesenden Lodenmantels quoll dichtes dunkelblondes Haar auf eine elfenbeinerne, kluge Stirn. Er sah ein Paar graugrüne Augen, die klar und fest auf ihm ruhten, eine feingeschwun- gene Rase mit dünnen Flügeln, die in verhaltener Erregung zitterten, und unter kirschroten Lippen den zarten Abriß eines kurzen, energischen Kinns.
„Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle.'« fuhr der alte Herr mit einer gewissen Feierlichkeit fort, zugleich mit einer Alnbefjolfenfjeit, die etwas Rührendes hatte, „ich heiße Rathanael Bernhard und bin Pfarrer in Altfelde, einem Kirchdorf im Hannoverschen, nicht weit von Helzen. Dies hier ist meine Tochter Lotte. Si« kommt nach Berlin, um hier ihr Studium in der Rattonalökonomie zu vollenden. Dis jetzt hat sie in Halle studiert —"
(Fortsetzung folgt.)


